Der Weltkrieg, I. Band Die Vorgeschichte des Weltkrieges
Part 5
Wenn die allgemein-politische Vereinbarung von russischer Seite ehrlich gemeint und im weiteren Verlauf der Dinge ehrlich durchgeführt worden wäre, so wäre sie eine für die weitere Entwicklung der Völkergeschichte hochbedeutsame Entschärfung der gegen den Zweibund Deutschland-Österreich-Ungarn gerichteten Tendenzen des Dreiverbandes gewesen.
Das Sonderabkommen stellte für Rußland eine Ergänzung zu dem Abkommen mit England vom Jahre 1907 dar. Die deutsche Politik verfolgte mit dem Abkommen das Ziel, durch Zugeständnisse an Rußland in Persien die Streitfragen der Bagdadbahn zwischen Rußland und Deutschland zu begleichen und in der in Aussicht genommenen Verbindung zwischen dem russisch-persischen und dem deutsch-türkischen Eisenbahnnetz in ähnlicher Weise eine Grundlage für solidarische Interessen zu schaffen, wie es gegenüber Frankreich in dem Marokko-Abkommen vom Februar 1909 versucht worden war.
In England und namentlich in Frankreich war die Erregung über die deutsch-russische Aussprache groß. Es setzte sofort der stärkste diplomatische und publizistische Druck auf Rußland ein, um die Potsdamer Verständigung abzuschwächen oder unwirksam zu machen. Die Haltung der russischen Regierung zeigte bald, daß dieser Druck nicht ohne Einfluß blieb. Die Mitteilungen des deutschen Reichskanzlers über den allgemein-politischen Teil der Potsdamer Verständigung wurden von russischer Seite niemals klar und präzis bestätigt, freilich auch nicht abgestritten. Die von Deutschland gewünschte schriftliche Fixierung des allgemein-politischen Ergebnisses der Potsdamer Aussprache wurde von der russischen Regierung nicht beliebt. Auch die schriftliche Festlegung des Sonderabkommens verzögerte sich, nicht zum wenigsten unter der Einwirkung französischer Quertreibereien, um eine Anzahl von Monaten; es wurde erst am 19. August 1911 in Petersburg unterzeichnet.
Die Marokkokrisis von 1911
Die von Deutschland versuchte Entspannung der politischen Lage stellte sich nicht ein.
Die deutsch-französischen Beziehungen blieben auch nach dem Abkommen vom Februar 1909 unter dem Einfluß der Marokko-Angelegenheit. Es zeigte sich bald, daß das genannte Abkommen die Marokkofrage nicht zur Liquidation gebracht hatte. Die Franzosen zeigten sich schwierig in der Zulassung deutscher Unternehmungen zur Beteiligung an den großen wirtschaftlichen Aufgaben, die in Marokko zu lösen waren, insbesondere auf dem Gebiet des Bergbaus, der Eisenbahnen und des Hafenbaus. Auf der andern Seite beobachtete man in Deutschland mit steigendem Mißtrauen, wie Frankreich die Anerkennung seiner politischen Sonderstellung in Marokko dazu benutzte, um durch allerlei an sich kleine und unscheinbare Expeditionen die von ihm gleichfalls anerkannte Souveränität und Integrität des Sultanats Marokko mehr und mehr zu unterhöhlen. Jeder Teil warf dem andern vor, daß er mehr verlange, als ihm zustehe, während er ihm das vorenthalte, was ihm das Abkommen zugesprochen habe. Nur daß Deutschlands Ansprüche auf Beteiligung an den wirtschaftlichen Unternehmungen des Landes dauernd platonisch blieben, während Frankreichs fortschreitende militärische Durchdringung des Sultanats und die im Frühjahr 1910 mit der Gewährung einer großen Anleihe herbeigeführte französische Kontrolle über die sämtlichen marokkanischen Einnahmen durchaus reale Tatsachen darstellten.
Die Lage wurde unerträglich, als Frankreich im Frühjahr 1911, eine angebliche Bedrohung der Europäer zum Vorwand nehmend, den Vormarsch auf die Landeshauptstadt Fez aufnahm und diese am 21. Mai 1911 besetzte.
Die deutsche Regierung erhob zwar gegen diese Unternehmung, die den letzten Rest von Unabhängigkeit des Sultanats vor aller Welt klar zerstörte, keinen offiziellen Einspruch, ließ jedoch durch halbamtliche Kundgebungen und auch in Unterhaltungen mit dem französischen Botschafter in Berlin keinen Zweifel daran, daß durch das Vorgehen Frankreichs die Algeciras-Akte tatsächlich beseitigt und dadurch der deutschen Regierung freie Hand gegeben sei. Die deutsche Politik hatte nicht die Absicht, die von ihr als wiedergewonnen festgestellte Handlungsfreiheit zu benutzen, um nun ihrerseits in Marokko zu intervenieren; ihre Absicht war vielmehr, mit Frankreich über Marokko nunmehr zu einem direkten Abkommen zu gelangen, wie es Frankreich vor Algeciras mit England, Spanien und Italien abgeschlossen hatte. Allerdings war Kiderlen nicht gewillt, die Franzosen Marokko entgegen der Algeciras-Akte und entgegen dem deutsch-französischen Abkommen vom Februar 1909 einfach in die Tasche stecken zu lassen, ohne daß mit Deutschland darüber auch nur ein Wort gesprochen würde. Eine solche Verwirklichung der alten Delcasséschen Politik der Ignorierung Deutschlands, über die Algeciras-Akte und das Februar-Abkommen hinaus, war Kiderlen entschlossen, unter allen Umständen zu verhindern.
Das Gelbbuch, das die französische Regierung später veröffentlicht hat, gibt Zeugnis davon, mit welcher Eindringlichkeit Kiderlen dem französischen Botschafter in Berlin, Jules Cambon, schon vor der Besetzung von Fez Vorschläge wegen einer Verständigung nahelegte. Schon am 14. März 1911 sagte -- nach Ausweis des Gelbbuchs -- Sir Edward Grey zu dem französischen Botschafter in London, Paul Cambon: »Les conversations de M. de Kiderlen avec M. Jules Cambon semblaient indiquer chez le Gouvernement Allemand un désir d'entente«; und am 7. April, zehn Tage vor der Entscheidung über die Entsendung des Expeditionskorps nach Fez, teilte Kiderlen dem französischen Botschafter in Berlin schriftlich mit, daß er, falls die Verhältnisse in Marokko sich zuspitzen sollten, durchaus bereit sei, mit der französischen Regierung in einen Meinungsaustausch über die Maßnahmen einzutreten, die diese dann glaube ergreifen zu sollen.
Die französische Regierung zog es vor, den Marsch auf Fez zu befehlen, ohne in den von der deutschen Regierung für diesen Fall nahegelegten Meinungsaustausch einzutreten.
Nach der Besetzung von Fez wurden die Hinweise des Kanzlers und Kiderlens auf die Unhaltbarkeit der dadurch geschaffenen Lage häufiger und dringlicher. Am 21. und 22. Juni hatte Kiderlen in Kissingen eine Aussprache mit Jules Cambon, der daraufhin nach Paris reiste. »Rapportez-nous quelque chose de Paris« -- mit diesen Worten verabschiedete sich Kiderlen von seinem Gast. Aber auch dieser letzte Versuch, Frankreich zu einer gütlichen Auseinandersetzung mit Deutschland über Marokko zu bewegen, blieb in Paris ohne jeden Widerhall.
Wenn Deutschland sich nicht gänzlich auf die Seite drücken und sich die hartnäckige Mißachtung seiner durch die Algeciras-Akte verbrieften Stellung in Marokko ohne Gegenwehr gefallen lassen wollte, mußte jetzt mit einer nicht mehr zu verkennenden und nicht mehr zu ignorierenden Handlung eingegriffen werden. Die deutsche Regierung entschloß sich zur Entsendung des »Panther« nach Agadir.
Der Zweck dieses Schrittes, der alsbald in Frankreich und England die größte Aufregung hervorrief, ist nach dem oben Ausgeführten klar: Frankreich sollte gezwungen werden, endlich mit Deutschland über Marokko ernsthaft zu sprechen und für das von ihm angestrebte Protektorat die deutsche Zustimmung ebenso durch das Angebot von Kompensationen zu sichern, wie es sich die Zustimmung Englands, Spaniens und Italiens früher erworben hatte. An territoriale Kompensationen in Marokko selbst dachte die deutsche Regierung nicht; sie wollte im Gegenteil die Marokkofrage endgültig ausräumen, Frankreich politisch ganz freie Hand lassen und sich nur einen ausreichenden vertragsmäßigen Schutz für die deutschen Unternehmungen und die Freiheit des deutschen Handels sichern. Die eigentliche Kompensation für Marokko suchte die deutsche Politik auf kolonialem Gebiet. Aber da es sich darum handelte, für die Aufgabe des deutschen Mitbestimmungsrechtes über Marokko andere Kompensationen einzuhandeln, konnte das deutsche Mitbestimmungsrecht, solange ausreichende Kompensationen nicht gesichert waren, nicht aufgegeben, es mußte vielmehr nach Möglichkeit unterstrichen werden.
Im Ausland wie in Deutschland selbst entstand zunächst der Eindruck, als ob mit dem Erscheinen des »Panther« auf der Reede von Agadir eine deutsche Festsetzung in Marokko beabsichtigt sei. Als dann später die Grundzüge des mit Frankreich verhandelten Abkommens bekannt wurden, bildete sich die Meinung heraus, daß die deutsche Regierung, gezwungen durch das von ihr nicht vorausgesehene Eingreifen Englands, gegen ihre ursprüngliche Absicht auf einen Anteil an Marokko verzichtet habe.
Diese Auffassung ist falsch. Die deutsche Regierung hat von Anfang an bekanntgegeben, daß mit der Entsendung des »Panther« eine Besitzergreifung nicht beabsichtigt sei. Sie hat mit dem französischen Botschafter über die Anerkennung des französischen Protektorats über Marokko gegen territoriale Kompensationen in Mittelafrika schon verhandelt, ehe Lloyd George am 21. Juli seine berühmt gewordene Rede im Mansion-House hielt. Wie wenig aber den sich für Marokko interessierenden deutschen Kreisen der Gedanke, aus Marokko ganz herauszugehen, in den Kopf wollte, zeigt folgender kleine Vorfall:
Nachdem Kiderlen, der am 1. Juli, dem Tag des Erscheinens des »Panther« vor Agadir, von Berlin abwesend war, zurückgekehrt war, besuchte ich ihn im Auswärtigen Amt. Ich traf im Vorzimmer einen bekannten alldeutschen Schriftsteller, der mir erzählte, er habe sich bei Kiderlen anmelden lassen, um ihm zu der Sicherung des deutschen Anteils an Marokko zu gratulieren. Als mich Kiderlen nach dem kurzen Besuch dieses Herrn empfing, fragte ich ihn nach dem Verlauf der Unterhaltung. Kiderlen schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn und sagte lachend: »Ich habe ihm ganz deutlich gesagt, daß wir in Marokko gar nichts wollen; aber ich hatte gut reden: der dumme Kerl (in Wirklichkeit war der Ausdruck noch etwas derber) hat es mir einfach nicht geglaubt.«
Der Verlauf der Angelegenheit ist bekannt. Nachdem die französische Regierung begriffen hatte, daß Deutschland nicht gewillt sei, sich ausschalten zu lassen, begann sie durch ihren Berliner Botschafter Verhandlungen auf der von der deutschen Regierung gewünschten Grundlage einer Kompensation in Mittelafrika. Die ohnedies nicht leichten Verhandlungen wurden durch die Einmischung Englands noch wesentlich erschwert. Obwohl England sich in dem Abkommen von 1904 Frankreich gegenüber in Marokko völlig desinteressiert hatte, erklärte Sir Edward Grey bereits drei Tage nach dem Erscheinen des »Panther« vor Agadir, daß England keine neue Abmachung anerkennen werde, die ohne seine Mitwirkung zustandegekommen sei. Die englische Presse tat alles, um die durch den »coup d'Agadir« gereizte französische Empfindlichkeit noch weiter aufzustacheln. Die Absicht, es nicht zu einem friedlichen Ausgleich zwischen Frankreich und Deutschland kommen zu lassen, war unverkennbar. Den Höhepunkt erreichte dieses Treiben mit der Rede, die Lloyd George, nach Feststellung ihres Wortlautes im Ministerrat, am 21. Juli 1911 im Mansion-Haus gehalten hat; deren Hauptstelle lautete:
»Wenn uns eine Situation aufgezwungen würde, in welcher der Friede nur durch das Aufgeben der großen und wohltätigen Stellung erhalten werden könnte, die England sich in Jahrhunderten des Heldentums und des Erfolges errungen hat, und nur dadurch, daß Großbritannien in Fragen, die seine Lebensinteressen berühren, in einer Weise behandelt würde, als ob es im Rat der Nationen gar nicht mehr mitzähle, dann würde ein Friede um jeden Preis eine Erniedrigung sein, die ein großes Land, wie das unsrige, nicht ertragen könnte.«
Während also Frankreich unter Führung des einer Verständigung geneigten Ministerpräsidenten Caillaux verhandelte, hielt es die britische Regierung für angemessen, eine weithinschallende Kriegsdrohung in die Welt zu schleudern. Warum? -- Die von Lloyd George gegebenen Gründe waren Scheingründe. Niemand in Deutschland dachte daran, Englands Weltstellung in einer Frage zu beeinträchtigen, an der sich England sieben Jahre zuvor selbst desinteressiert hatte. Britische Lebensinteressen kamen um so weniger in Frage, als die britische Regierung darüber, daß Deutschland keine Festsetzung an der atlantischen Küste Marokkos beabsichtigte -- wäre das überhaupt eine Bedrohung britischer »Lebensinteressen« gewesen? --, vielmehr Kompensationen in andern Gebieten suchte, genau unterrichtet war und als noch am 21. Juli selbst, vor der Rede Lloyd Georges, der deutsche Botschafter in einer von Sir Edward Grey herbeigeführten Unterhaltung die Deutschland von diesem zugeschriebenen Absichten mit Entschiedenheit in Abrede gestellt hatte. Für das Verhalten der britischen Regierung blieb also nur das eine Motiv, das der deutsche Botschafter nach der Rede Lloyd Georges gegenüber Sir Edward Grey klipp und klar mit folgenden Worten bezeichnete:
»Sollte die englische Regierung die Absicht haben, die politische Lage zu verwickeln und zu verwirren und einer gewaltsamen Entladung zuzuführen, so hätte sie allerdings kein besseres Mittel wählen können als die Rede des Schatzkanzlers.«
Aber die britische Regierung begnügte sich damals nicht nur mit Worten. Ebenso wie sie im Jahre 1905 Herrn Delcassé die Unterstützung durch ein britisches Expeditionskorps angeboten hatte, setzte sie jetzt ihre Flotte in Bereitschaft und traf alle Vorkehrungen für die Überführung eines Landheeres nach -- Flandern. Aus den Enthüllungen des britischen Hauptmanns Faber und aus den Brüsseler Akten wissen wir heute, daß die britische Regierung damals entschlossen war, »en tout état de cause«, und zwar auch ohne Zustimmung der belgischen Regierung, in Flandern zu landen oder einzumarschieren.
Die ebenso ruhige wie feste Haltung der deutschen Regierung hat damals die Kriegsgefahr abgewendet.
Nach langen und schwierigen Verhandlungen kam der deutsch-französische Vertrag vom 4. November 1911 zustande, der uns gegen die Anerkennung des französischen Protektorats über Marokko Teile des französischen Kongo brachte. Eine großzügigere Abrundung unsres afrikanischen Kolonialbesitzes, wie sie ursprünglich Kiderlen vorgeschwebt hatte, scheiterte teils an dem durch England aufgemunterten französischen Widerstand, teils aber auch an der vom Kolonialamt unterstützten Auflehnung der deutschen Kolonialkreise gegen einen Austausch bisher deutscher Kolonialgebiete.
Die Marokkofrage war nun zwar »liquidiert«; aber statt daß durch diese Beseitigung eines alten und gefährlichen Reibungspunktes zwischen den beiden Ländern eine Entspannung herbeigeführt worden wäre, trat -- von England aus eifrig gefördert -- das Gegenteil ein. In Deutschland wurde der diplomatische Erfolg, daß Frankreich gegen seinen Willen gezwungen worden war, sich mit uns über Marokko zu verständigen und uns aus seinem Eigenen Kompensationen zu gewähren, durch den Eindruck beeinträchtigt, ja aufgehoben, daß England durch eine brutale Kriegsdrohung uns zu einem Rückzug gezwungen habe. In Frankreich empfand man es als eine bittere Demütigung, daß man durch einen deutschen Gewaltstreich gezwungen worden sei, um des lieben Friedens willen französische Gebiete herauszugeben. Gedeckt und angestachelt durch britische Ermunterung und in der Hoffnung auf die fortschreitende Verstärkung und Reorganisation des russischen Heeres erhob der französische Chauvinismus in neuer Kraft und in neuen Hoffnungen sein Haupt.
Auch dieser Versuch der deutschen Politik, die europäische Lage durch Beseitigung von Reibungspunkten zu erleichtern, hat also sein Ziel nicht erreicht. Die Spannung zwischen Deutschland und Frankreich bestand vielmehr in unverminderter Schärfe fort.
Lord Haldanes Mission
Dagegen schien es, als ob die Krisis des Jahres 1911 und die endgültige Erledigung der Marokkofrage eine entspannende Wirkung auf das deutsch-englische Verhältnis ausüben sollte.
Die Verpflichtung Englands auf Grund des Vertrages von 1904, der französischen Regierung in der Marokkofrage Hilfe zu leisten, hatte die Möglichkeit eines deutsch-englischen Konflikts enthalten, der jederzeit akut werden konnte und in den Jahren 1905 und 1911 tatsächlich akut geworden war. Diese Verpflichtung und damit die in ihr enthaltene Kriegsmöglichkeit war durch die Liquidation der Marokkofrage gegenstandslos geworden, und damit war das deutsch-britische Verhältnis in der Tat erheblich entlastet. Dazu hatten die Vorgänge des Jahres 1911 in England selbst eine gewisse Reaktion gegen die Politik ausgelöst, die infolge von dem Parlament und einem großen Teil des Kabinetts selbst vorenthaltenen Verpflichtungen unmittelbar an den Rand des Krieges geführt hatte.
Wie weit diese Verhältnisse auf die Haltung der britischen Regierung einwirkten, wie weit andere Gesichtspunkte maßgebend waren -- jedenfalls zeigte sich das britische Kabinett bereit, auf einen vom deutschen Reichskanzler angeregten Versuch zu einer Verständigung einzugehen. Lord Haldane, der britische Kriegsminister und Organisator des britischen Heeres, wurde in besonderer Mission nach Berlin entsandt (Februar 1912), um die Möglichkeiten einer Verständigung mit der deutschen Regierung durchzusprechen.
Lord Haldane stellte bei diesen Verhandlungen eine Verständigung über eine Einschränkung der weiteren Verstärkung der beiderseitigen Kriegsflotten in den Vordergrund. Das von deutscher Seite damals vorbereitete neue Flottengesetz, das eine Verstärkung unsrer Kriegsflotte und eine organisatorische Erhöhung ihrer Schlagfertigkeit bringen sollte, hatte in England die Besorgnisse vor einem allzu starken Anwachsen der deutschen Flotte aufs neue geweckt. Man griff auf den schon im Jahre 1904 eingeleiteten Versuch zurück, das unbedingte Übergewicht der britischen Flotte auf dem billigeren Wege einer Verständigung über das Ausmaß neuer Kriegsschiffbauten zu erhalten. Auf deutscher Seite lehnte man eine solche Verständigung nicht a limine ab, stellte jedoch eine allgemein-politische Verständigung in den Vordergrund. »Ich fragte den englischen Minister,« so sagte Herr von Bethmann Hollweg später im Reichstag, »ob ihm nicht eine offene Verständigung mit uns, eine Verständigung, die nicht nur einen deutsch-englischen Krieg, sondern überhaupt jeden Weltkrieg ausschließen würde, mehr wert sei als ein paar deutsche Dreadnoughts mehr oder weniger.« Es entspann sich dann der Meinungsaustausch über eine Formel, die das Verhältnis zwischen Deutschland und England für den Fall eines Krieges einer dieser Mächte mit einer dritten Macht regeln sollte. Es ist bekannt, daß dieser Meinungsaustausch, der nach der Rückreise Lord Haldanes in London fortgesetzt wurde, schließlich ergebnislos abgebrochen werden mußte. Der Vorschlag, den Lord Haldane nach London mitnahm und dem er persönlich zugestimmt hatte, enthielt eine bedingte Neutralitätsverpflichtung: falls eines der beiden Länder in einen Krieg verwickelt werde, in dem es nicht der Angreifer sei, so werde das andere Land wohlwollende Neutralität beobachten und das Äußerste tun, um den Kampf räumlich einzuschränken. Wie mir der Großadmiral von Tirpitz später mitgeteilt hat, sei er bereit gewesen, auf Grundlage einer solchen Abmachung genau das zu tun, was Haldane für eine Flottenverständigung vorgeschlagen habe. Trotzdem wurde Haldane von seiner Regierung desavouiert. Sir Edward Grey erklärte nach Berichten des deutschen Botschafters, ein unbedingtes Neutralitätsabkommen -- was die deutsche Formel nicht war -- würde die französische Empfindlichkeit reizen, und er wolle das freundschaftliche Verhältnis zu Frankreich und Rußland nicht in Frage stellen. Sein Gegenvorschlag war lediglich eine Erklärung, daß England keinen unprovozierten Angriff auf Deutschland machen und keiner Abmachung angehören oder beitreten werde, die einen solchen Angriff bezwecke. Den vom Reichskanzler gewünschten Zusatz, der aus dieser Erklärung die Folgerung zog, auf die es ankam: »England wird daher selbstverständlich wohlwollende Neutralität bewahren, sollte Deutschland ein Krieg aufgezwungen werden«, lehnte die britische Regierung ab, da jede über ihren Vorschlag hinausgehende Verständigungsformel die Beziehungen zu Rußland und Frankreich gefährden würde.
England wollte sich also für den Fall eines Krieges, in den Deutschland verwickelt werden würde, auch wenn dieser Krieg nicht von Deutschland herbeigeführt, sondern ihm aufgezwungen werden würde, freie Hand vorbehalten -- genau die Haltung, die es Ende Juli 1914, als der Weltkrieg in Sicht kam, tatsächlich eingenommen hat.
Eine Formel, die England lediglich darauf festlegte, daß es keinen unprovozierten Angriff auf Deutschland machen werde, England aber freie Hand im Falle eines Deutschland aufgezwungenen Kriegs vorbehielt, erschien der deutschen Regierung nicht als genügend. Es hatte sich im Verlauf der Verhandlungen klar gezeigt, daß der von der deutschen Regierung erstrebte Zweck, durch ein Neutralitätsabkommen mit England eine ähnliche Versicherung gegen einen Weltkrieg zu erreichen, wie sie seinerzeit im Rückversicherungsvertrag mit Rußland bestanden hatte, bei der britischen Regierung nicht durchzusetzen war. Das lag offenkundig an dem bei den Verhandlungen deutlich gezeigten britischen Mißtrauen in die deutschen Absichten und an dem zielbewußten Willen der britischen Politik, gegen Deutschland als die stärkste Kontinentalmacht und den gefährlichsten Rivalen zur See und in der Weltwirtschaft unter allen Umständen eine starke Koalition zusammenzuhalten, um sich dieser Koalition bei günstiger Gelegenheit zur Niederkämpfung Deutschlands zu bedienen.
Die deutsche Politik suchte in der Folgezeit das englische Mißtrauen in ihre Absichten zu überwinden, einmal dadurch, daß sie den Ausbau der Flotte ohne formelle Abmachung dem von Lord Haldane vorgeschlagenen Verhältnis zwischen der britischen und deutschen Flottenstärke anpaßte, dann indem sie auf wichtigen Sondergebieten -- Kolonialfragen, Bagdadbahn, Mesopotamien und Persischer Golf -- mit England zu einer Verständigung zu gelangen suchte.
Der Tripoliskrieg
Inzwischen hatten die deutsch-französischen Verhandlungen über Marokko eine neue Komplikation ausgelöst:
Italien, das schon seit Jahren durch französische und englische Zusagen über Tripolis abgefunden worden war, glaubte jetzt, wo sich das französische Protektorat über Marokko verwirklichte, nicht länger zuwarten zu können. Noch ehe die deutsch-französischen Verhandlungen über Marokko formell zum Abschluß gekommen waren, Ende September 1911, kündigte der italienische Botschafter der Pforte an, Italien werde angesichts der fortdauernden Nichtachtung seiner Interessen in Tripolis und der Cyrenaika die Wahrung seiner Interessen in die eigne Hand nehmen und zu diesem Zweck diese beiden afrikanischen Provinzen der Türkei besetzen; die türkische Regierung möge Vorkehrung treffen, daß dieser Besetzung kein Widerstand geleistet werde. Auf die Ablehnung dieser Zumutung durch die Türkei folgte die italienische Kriegserklärung.
Noch mehr als Österreich-Ungarns Vorgehen bei der Annexion von Bosnien und der Herzegowina war dieser Gewaltstreich des italienischen Bundesgenossen eine Belastung des deutschen Verhältnisses zur Türkei und darüber hinaus eine Belastung des Dreibundes. Die deutsche Diplomatie hat diese Belastungsprobe bestanden. Das Verhältnis zur neuen Türkei war inzwischen -- nicht zum wenigsten durch die finanzielle Hilfe, die Deutschland im Jahre zuvor in einer kritischen Lage der Türkei gewährt hatte -- so weit gekräftigt, daß es sich der neuen Belastung gewachsen zeigte, zumal da Deutschland und Österreich-Ungarn bei Italien die Abstandnahme von Angriffen auf die Küsten der europäischen Türkei durchzusetzen vermochten. In Italien erkannte die Regierung die loyale Haltung, die ihre Verbündeten in einer heiklen Lage betätigten, dankbar an.