Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman

Part 9

Chapter 93,398 wordsPublic domain

Ein ungewöhnlich schöner und trockener Frühling begünstigte den Vormarsch der russischen Armee durch die Gebirgsländer. Im Norden Indiens hielt sich die Temperatur auf durchschnittlich 20° C., und Tag für Tag strahlte die Sonne von einem wolkenlos blauen Himmel auf die weiten Ebenen des Pendschab herab, durch deren helles Grün sich wie lange Silberstreifen die russischen Truppen in ihren weißen Sommeruniformen vorwärts schoben.

Es schien, als sollte das Kriegsglück ihnen günstig sein; denn sie hatten den schwierigen und gefürchteten Uebergangspunkt Attock mit unerwarteter Leichtigkeit überwunden.

Der Kommandant dieser hochgelegenen Festung hatte Befehl, die Brücke über den Indus erst dann abzubrechen, wenn General Bloods Armee, die Peschawar und den Kaiberpaß hatte halten sollen, völlig zurückgegangen wäre und bis auf den letzten Mann den Uebergang passiert hätte.

Die Brücke bei Attock, die sehr hoch über den hier in schmalem Bette mit reißender Schnelligkeit dahinbrausenden Indus erbaut ist, gilt als ein Wunderwerk der Ingenieurkunst. Sie ist in zwei Etagen erbaut, deren obere die Eisenbahn, und deren untere eine Straße für Wagen, Lasttiere und Fußgänger bildet. Auf jedem Ufer liegt ein befestigtes Tor. Der englische Kommandant von Attock vertraute auf die Stärke der 800 Fuß hoch über dem Flusse liegenden Forts und wähnte die Russen noch weit entfernt. Die russische Vorhut war oberhalb Attocks über den Fluß Kabul, der sich bei Attock mit dem Indus vereinigt, gegangen und kam zugleich mit den Truppen des Generals Blood in die Nähe der Festung.

Die Truppen Bloods passierten in endlos langen Marschkolonnen die Brücke. Diese Bewegungen wurden oftmals infolge von Stockungen, die durch fehlerhaftes Ansetzen der einzelnen Truppenkörper entstanden, unterbrochen, und so kam es, daß in den ersten Morgenstunden eine größere russische Truppenabteilung, von den Engländern unbemerkt, in einer solchen Lücke der englischen Marschkolonne den nördlichen Brückenkopf erreichte: der morgendliche dichte Nebel hatte der englischen Aufklärung das Herannahen der Russen verborgen. Die Russen besetzten sofort die Brücke und schnitten so den Rest der noch auf dem nördlichen Ufer befindlichen Engländer von dem Gros ihres Korps, das in der Hauptsache die Brücke schon passiert hatte, vollständig ab. Der Kommandeur der russischen Avantgarde war selbst über den ihm vom Kriegsglück in den Schoß gelegten Erfolg am meisten erstaunt: hätte der Nebel nicht die beiderseitige Aufklärung illusorisch gemacht und der Zufall ihn nicht gerade auf eine Lücke der englischen Marschordnung stoßen lassen, so hätten die Chancen bei der Enge seiner Marschstraße für die Engländer wesentlich günstiger gestanden, als für ihn, und der Kampf würde wahrscheinlich mit einer Niederlage seiner Truppe geendet haben. So stieß General Iwanow, der über den Kaiberpaß kam, auf die englische Nachhut, und die fünftausend Mann angloindischer Truppen derselben mußten sich nach kurzem Kampfe gefangen geben. Zweitausend Engländer und dreitausend Mohammedaner fielen den Russen hier in die Hände. Als die Sieger den mohammedanischen Indern versicherten, daß sie gegen die Ungläubigen für den wahren Glauben kämpften, traten diese ohne weiteres zur russischen Armee über.

Der Kommandant von Attock verweigerte die Uebergabe der Festung und ließ seine Geschütze auf die russischen Marschkolonnen spielen, aber die Batterien fügten infolge des Nebels den Russen nicht viel Schaden zu, und diese setzten, da sie im Besitz der Brücke waren, den Vormarsch nach Süden fort.

Ehe dann jedoch der so erfolgreich begonnene Einmarsch fortgesetzt wurde, sammelte der Kommandierende unweit Attocks alle die in kleinen Abteilungen den Hindukusch übersteigenden russischen Truppen und vereinigte sie mit dem aus Afghanistan kommenden Korps, so daß er über eine Armee von siebzigtausend Mann verfügte.

Eine blutgetränkte Bahn war es, auf der dieses Heer hinter der weichenden englischen Armee dahinzog. Auf dieser Straße war auch Alexander der Große einst in Indien eingezogen. Hier hatte zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts der Afghanenherrscher Ibrahim Lodi mit dem Großmogul Babar gekämpft; hier wurde wenige Jahrzehnte später Himu, der Feldherr des Afghanensultans Mohammed Schah Adil an der Spitze von fünfzigtausend Reitern, fünfhundert Elefanten und unzähligem Fußvolk von dem jugendlichen Großmogul Akbar besiegt. Blutiger noch war die Schlacht gewesen, die um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts der Afghanensultan Ahmed Schah Durani den großen Mahrattenfürsten Holkar Sindia, Gaekwar und den Peschwas lieferte; und noch einmal hatten hier alle Schrecknisse des Krieges gewütet, als im Jahre 1857 die englischen Generale Havelock, Sir James Outram, Sir Colin Campbell, Sir Hugh Rose, Sir John Lawrence und Sir Robert Napier mit erbarmungsloser Härte den gefährlichen Aufstand der Sepoys erstickten. Abendland und Morgenland hatten in gewaltigem Ringen hier an dieser von Sagen umwobenen Stätte, der Wiege der Menschheit, schon gestritten. Hunderttausende von Menschenleben waren auf diesem blutdurchtränkten Boden schon geopfert worden, und abermals stand hier eine Entscheidungsschlacht bevor, die mit eisernem Griffel in die Tafeln der Weltgeschichte geschrieben werden sollte.

* * * * *

Die Bewegungen der russischen Armee hatten den Plan der englischen Heerführer umgestoßen. Die in Mooltan vereinigten englischen Korps wurden schleunigst nach Lahore in Bewegung gesetzt, als die Absicht der Russen, nach Südosten zu gehen, klar zu Tage trat. Die Zeit, die General Iwanow brauchte, bei Attock seine Truppen zu vereinigen, ermöglichte den Engländern, Lahore zu erreichen. Hier wurden ihre Streitkräfte durch die starke Garnison erheblich vermehrt, und täglich kamen neue Regimenter von Delhi und Lucknow an, die den Bestand der von Sir Bindon Blood befehligten Armee auf die Zahl von hunderttausend Kombattanten brachte.

Die Engländer bereiteten sich zu einer entscheidenden Schlacht vor, denn schon erschien die Spitze der russischen Kolonnen zehn englische Meilen nördlich vom Grabe des Kaisers Jehangir bei Schah Dara, einer kaum acht englische Meilen nordwestlich von Lahore liegenden Bahnstation.

Die englischen Truppen waren in Versammlungsformation in einer Linie aufmarschiert, deren linker Flügel an dem dicht bei Lahore vorbeifließenden Ravifluß die Schah Dara-Pflanzungen und die daneben befindliche Schiffsbrücke besetzt hielt. Sie dehnte sich von dort fünf englische Meilen weit östlich bis zu einem Kanal aus, der sich am Shalimar-Park hin nach Süden zieht. Dieser Park und der an demselben liegende Ort Bhogiwal bildeten den rechten Flügel. Vor der Front hin zog sich ein Nebenarm des vielgewundenen Ravi mit größtenteils sumpfigen Ufern. Im Rücken der Stellung lag das befestigte Lahore mit seiner fünfzehn Fuß hohen, von dreizehn Toren durchbrochenen Backsteinmauer.

Der Ravi, ein Nebenfluß des Indus, führte zur Zeit nur wenig Wasser. Das Flußbett lag zum großen Teil trocken und war nur von lebhaft fließenden, unregelmäßigen Rinnsalen durchzogen, die hier und da größere und kleinere, zumeist sumpfige Inseln zwischen sich frei ließen. Dieses Flußbett bildete das wesentlichste Hindernis für den russischen Angriff, denn es mußte passiert werden, ehe die englische Front und die Stadt Lahore erreicht werden konnte.

Heideck wohnte in einem kleinen Zelte, das er von Chanidigot mitgebracht hatte. Morar Gopals Pferd hatte es während des Marsches von Mooltan nach Lahore auf dem Rücken getragen, denn die Lancers, zu denen Heideck sich hielt, da er ja mit ihren Offizieren befreundet war, hatten den Weg nicht auf der Eisenbahn gemacht. Sie kampierten jetzt im Shalimar-Park, einer großen, von einer Mauer umgebenen Anlage voll der prächtigsten Mangobäume, mit vielen kleinen Springbrunnen und zierlichen Pavillons. Da Heideck einen Khaki-Anzug und einen Korkhelm trug, glich er trotz des Fehlens der militärischen Abzeichen ganz einem englischen Offizier, umsomehr, als seine Haltung und seine Gestalt durchaus soldatisch waren.

Er hatte während des Marsches und in der Lagerzeit Gelegenheit gehabt, allerlei Betrachtungen über die britische Kriegsführung anzustellen. Aber er hütete sich wohl, darüber mit den englischen Offizieren zu sprechen, denn es waren nicht eben günstige Schlüsse, zu denen er gelangt war. Er hatte den Eindruck, daß die Truppen weder kriegsmäßig geführt wurden, noch eine besondere Feldtüchtigkeit an den Tag legten. Die Leute wußten sich im Biwak und im Lager oft nicht zu helfen und litten häufig empfindliche Entbehrungen, weil das nötige Material nicht immer rechtzeitig zur Stelle war und die Lebensmittel nicht regelmäßig geliefert wurden: auf den Proviantämtern herrschte die größte Verwirrung.

Und nicht dort allein, sondern auch in den taktischen Verbänden machte sich infolge der unpraktischen Zusammenstellung der Truppenkörper überall eine bedenkliche Unordnung fühlbar. Zunächst waren die Regimenter zur Bildung der Korps in Peschawar und Quetta durcheinander gewürfelt worden, weil sie, je nachdem sie marschbereit zu sein schienen, einzeln aus ihren Garnisonen weggeführt und auf die Eisenbahn gesetzt worden waren. Die Konzentrierung in Mooltan und der überstürzte Abmarsch nach Lahore aber hatten vollends ein schier unentwirrbares Durcheinander geschaffen.

Heideck sah sich inmitten einer Armee, die den großen Krieg und wohl überhaupt den Krieg gegen reguläre Truppen nicht kannte. Des Kämpfens zwar waren die Engländer gewohnt, denn sie hatten sich ja beständig mit wilden und halbwilden Völkern herumschlagen müssen. Sie hatten kostspielige Expeditionen gemacht und teuer erkaufte Siege davongetragen. Aber immer waren es regellose braune und schwarze Haufen gewesen, mit denen sie es zu tun gehabt hatten. Die Erfahrungen des Burenkrieges waren noch nicht in Fleisch und Blut der Truppe übergegangen. Die persönliche Tapferkeit jedes einzelnen war beinahe immer das allein entscheidende Moment gewesen, und so mochte sich's auch erklären, daß alle Offiziere von einem gewaltigen Selbstgefühl erfüllt waren. Mit Geringschätzung sahen sie auf jeden Fremden herab, weil sie in ihren Siegen ja tatsächlich fast immer über eine numerische Uebermacht gesiegt hatten.

Mit Erstaunen bemerkte Heideck, daß die Durchführung der taktischen Regeln und Instruktionen in der britischen Armee häufig noch im Widerspruch mit der modernen Bewaffnung stand. Namentlich wurde bei der Infanterie immer noch das Salvenfeuer gewohnheitsmäßig als die Hauptfeuerart angewandt. Die Mannschaften waren einmal darauf gedrillt, daß sie auf Kommando ein ruhiges, gleichmäßiges Feuer abzugeben und dann fest zusammengeschlossen mit dem Bajonett auf den Feind loszustürmen hätten. Dies mächtige Volk war eben zu bequem gewesen, die neuesten Erfahrungen der Gefechtstechnik sofort zur Durchführung zu bringen; das hochmütige Albion hatte kritiklos alles für gut beibehalten, was englisch war und alles Neue und Fremde von vornherein verachtet. Oder vermieden die Engländer die aufgelöste Gefechtsordnung etwa deshalb, weil sie fürchteten ihre indischen Soldaten alsdann nicht mehr lenken zu können?

Die Breitengliederung der taktischen Verbände im Verhältnis zur Stärke der Armee erschien Heideck zu gering, um eine Aussetzung des Gefechts kraft derselben zu sichern.

Die Umgebung Lahores, besonders im Norden der Stadt, zwischen der Mauer und dem Feldlager, machte einen sehr bunten und bewegten Eindruck. Eine ganz eigenartige Staffage bildeten die unzähligen Kamele, die als Transportmittel gedient hatten und den Hauptteil des Trains ausmachten. Sie lagen in dicht gedrängten Haufen am Boden oder schritten gravitätisch ihres Wegs, während das laute Geschrei der Treiber grell die Luft erfüllte. Außerdem gab es noch eine ungeheure Menge von Menschen, die auf die eine oder andere Art zum Heere gehörten, ohne Kombattanten zu sein. Ein für malerische Eindrücke empfängliches Auge konnte also wohl seine Freude haben an den stetig wechselnden, farbigen Bildern der weiten Ebene. War doch schon die landschaftliche Szenerie interessant. Zwischen den weit verstreuten Dörfern und Vororten der etwa 180000 Einwohner zählenden Stadt schimmerten in frischem Grün prächtige Park- und Gartenanlagen, zumeist als Umgebung der Grabstätte eines Sultans oder eines berühmten mohammedanischen Heiligen. Nach Südosten hin erstreckten sich die großen Kantonnements der Kavallerie und der Artillerie, zu der auch mehrere Elefanten-Batterien gehörten.

Die Stadt selbst war gedrängt voll von Militär und den Familien der Offiziere. Fast alle Frauen und Kinder der nordwestlich von Lahore liegenden Garnisonen hatten sich beim Anmarsch der Truppen hierher geflüchtet. Auch Mrs. Baird mit ihren beiden kleinen Töchtern und Mrs. Irwin befanden sich in der Stadt, wo sie im Charing-Croß-Hotel Unterkunft gesucht hatten. Obwohl die Stadt in fast beängstigender Weise überfüllt und die Kriegslage keineswegs unbedenklich war, nahm Heideck doch nirgends eine besondere Aufregung wahr. Die Engländer bewahrten die ihnen eigentümliche ruhige Haltung, und die Eingeborenen schwiegen aus Furcht. Auf sie mochte das völlig Unerwartete und Unfaßliche der veränderten Situation wohl auch eine gewisse lähmende Wirkung ausüben.

Als Heideck kurz vor Sonnenuntergang vom Lager nach der Stadt ging, um die Damen aufzusuchen, kam es ihm, während er das bunte Gewühl außerhalb der Ringmauer durchschritt, immer mehr zum Bewußtsein, daß die Stellung der Armee sehr schlecht gewählt war. Eine viel zu große Anzahl von Menschen und Tieren war in dem verhältnismäßig engen Raum zusammengedrängt. Wenn etwa russische Schrapnells in diese Menge fielen, mußte ein schrecklicher Wirrwarr entstehen. Die Nähe der befestigten Stadt mußte die Kämpfenden zur Flucht hinter die Mauern verlocken. Heideck hatte bisher nicht den Eindruck empfangen, daß man auf ausdauernden Mut bei den eingeborenen Soldaten rechnen könnte.

Auf der Straße, die vom Shalimar-Park zur Eisenbahnstation in der Vorstadt Naulakha führte, mußte Heideck beständig den Batterien, den langen Zügen hochbepackter Kamele und beladener Ochsenwagen ausweichen, die ihm entgegen kamen, und er brauchte darum beinahe zwei Stunden, bis er sein Ziel erreichte. Das Charing-Croß-Hotel war bis unter das Dach hinauf gefüllt, und die beiden Damen mußten sich mit den Kindern in einem einzigen Zimmer des dritten Stockwerks behelfen, das man ihnen für einen enormen Preis überlassen hatte.

Mrs. Baird, eine Dame von kleiner, zierlicher Gestalt, aber von energischem Geist und echt englischem Stolz, erschien vollkommen ruhig und zuversichtlich. Sie sprach mit keinem Wort von ihrer eigenen, sicherlich höchst unbequemen Lage und von den Entbehrungen, die unter den obwaltenden Umständen ihren Kindern auferlegt waren, sondern einzig von dem nach ihrer Ueberzeugung unmittelbar bevorstehenden Siege der britischen Armee. Der Marsch von Mooltan nach Lahore war ja ein Vorrücken, und es unterlag für sie nicht dem mindesten Zweifel, daß der Uebermut der Russen binnen kürzester Zeit furchtbar bestraft werden würde.

„Es ist schrecklich, zu denken,“ sagte sie zu Heideck, „daß eine Nation, die sich eine christliche nennt, uns in Indien anzugreifen wagt. Was war dies unglückliche Land, ehe wir uns seiner annahmen! England hat es von der Tyrannei barbarischer Despoten befreit und ihm Wohlstand und Glück gegeben! Die indischen Städte sind aufgeblüht, weil unsere Gesetze die freie Entwicklung von Handel und Verkehr ermöglichten. Es war im höchsten Sinne des Wortes eine Kulturmission, die unsere Nation hier erfüllt hat. Gäbe der Himmel den Russen den Sieg, so würde dieses jetzt so glückliche Land wieder in die finsterste Barbarei zurückgeschleudert werden.“

Sie schien ein Wort der Zustimmung von Mrs. Irwin zu erwarten; diese aber saß ernst und schweigend da.

„Sie sollten nicht so still sein, liebste Edith, und nicht ein so schwermütiges Gesicht machen,“ wandte sich die Gattin des Obersten mit sanftem Vorwurf an sie. „Ich begreife vollkommen, daß die traurigen Ereignisse in Ihrem Privatleben Sie bedrücken. Aber jedes persönliche Leid sollte jetzt in der allgemeinen Sorge aufgehen. Was ist das Schicksal des Einzelnen in dieser Gefahr des Vaterlandes? Ich weiß, daß Sie eine so gute Patriotin sind, wie nur irgend eine Engländerin, aber mir scheint, daß es notwendig ist, das auch in diesen ernsten Stunden zu zeigen. Sorge und Niedergeschlagenheit wirken in solchen Zeiten auf unsere Umgebung wie eine ansteckende Krankheit.“

„Vielleicht bin ich in Wahrheit gar nicht die gute Patriotin, für die Sie mich halten.“

„Ah! -- Wie soll ich das verstehen?“

„Ich kann die Kriege nicht von Ihrem Standpunkt ansehen, meine liebe Mrs. Baird! Es will mir vorkommen, als unterschieden wir Menschen uns gar nicht so sehr von den Tieren, die aus Hunger oder aus Eifersucht oder aus allerlei anderen niederen Instinkten miteinander kämpfen!“

„O, welch ein Vergleich!“

„Nun, wir verstehen uns ja allerdings besser auf die Kriegführung; denn wir erfinden komplizierte Instrumente, um unsere Mitmenschen haufenweis zu töten, während die Tiere auf ihre natürlichen Waffen beschränkt bleiben. Aber wissen wir darum besser als die Tiere, was wir tun? Wenn die Heere der Ameisen, der Bienen, der Wiesel oder der Fische im Meer ausziehen, um andere Geschöpfe ihrer Art zu vernichten, werden sie da nicht vielleicht von denselben Instinkten geleitet, die auch uns beherrschen?“

„Ich kann Ihnen da nicht folgen, Mrs. Irwin,“ sagte die kleine Dame etwas gereizt. „Wir Menschen sind doch vernunftbegabte Wesen, die nach bewußten Zielen streben!“

„Ist es wirklich so vernünftig, wenn die Bauern und Arbeiter als Soldaten in den Krieg ziehen? Streben sie da wirklich nach einem klar bewußten Ziel? Keiner von ihnen hat etwas zu gewinnen. Man zwingt sie, sich verstümmeln und totschießen zu lassen und ihre Mitmenschen zu töten. Die Ueberlebenden aber haben es nach erfochtenem Siege um nichts besser als vorher. Und die Führer selbst? Ehren und Orden und Dotationen sind doch nur Tand im Sinne des Christentums. Seien wir ehrlich, Mrs. Baird! Hat England etwa des Christentums wegen Indien erobert? Nein! Wir haben Ströme von Blut vergossen, nur um unsern Handel zu erweitern und das Vermögen einiger Weniger, die noch dazu dem Kampfe ferngeblieben sind, ins Ungemessene zu steigern.“

„Es ist traurig, das aus dem Munde einer Engländerin zu hören.“

Die Unterhaltung drohte eine bedenkliche Wendung zu nehmen, da die Gattin des Obersten sich durch Ediths Aeußerungen in ihren Empfindungen ernstlich verletzt fühlte. Aber Heideck wußte sofort dem Gespräch einen weniger verfänglichen Charakter zu geben. Bald darauf erschien der Oberst, der ein Zelt draußen im Lager bewohnte und nur selten Gelegenheit fand, nach seinen Angehörigen zu sehen.

Er bemühte sich, heiter und gelassen zu erscheinen, aber er war doch ein zu schlechter Schauspieler, um seine wahre Stimmung, die nichts weniger als fröhlich war, zu verbergen.

„Ich kann leider nur kurze Zeit bleiben,“ sagte er, nachdem er die kleinen Mädchen, an denen er mit großer Zärtlichkeit hing, noch herzlicher als sonst geliebkost hatte. „Ich bin hauptsächlich deshalb gekommen, um dich, liebe Ellen, über das zu verständigen, was du im Falle eines Rückzuges zu tun hast.“

„Eines Rückzuges? -- Um Gottes willen -- davon kann doch keine Rede sein!“

Der Oberst lächelte etwas gezwungen.

„Natürlich rechnen wir mit Sicherheit auf den Sieg. Aber das wäre ein schlechter Feldherr, der nicht auch an die Möglichkeit eines Rückzugs dächte. Während der letzten Stunden sind alle Dispositionen geändert worden. Wir brechen auf, um die Russen anzugreifen.“

„So ist es recht!“ rief Mrs. Baird mit leuchtenden Augen. „Eine britische Armee darf den Feind nicht erwarten, sondern sie muß ihm entgegen gehen!“

„Wir werden in der ersten Morgenfrühe aufbrechen, um den Russen den Uebergang über den Ravi zu verwehren. Die Pioniere gehen schon in der Nacht voraus, um die Brücken zu zerstören, -- sofern es nicht bereits zu spät dazu ist. Um die richtige Front zu bekommen, muß die Armee beim Aufmarsch eine große Linksschwenkung machen. Hierbei soll auch die Front nach rechts verlängert werden. Der linke Flügel bleibt bei Schah-Dara und der Schiffsbrücke stehen.“

„Wäre es nicht möglich, mit hinauszugehen und der Schlacht zuzusehen?“ fragte Mrs. Baird. Aber ihr Gatte schüttelte in entschiedener Ablehnung den Kopf.

„Für euch, liebe Ellen, hält unser zuverlässiger Smith einen Wagen mit zwei tüchtigen Ochsen hier im Hotel bereit. Es ist für alle Fälle. Erhaltet ihr, was Gott verhüten möge, die Nachricht, daß die Armee sich auf Lahore zurückzieht, so dürft ihr keine Minute mehr verlieren, sondern müßt so schnell als möglich, bevor das Gedränge an den Toren und in den Straßen beginnt, zum Akbaritore hinaus über die Kanalbrücke fahren, die zum Sadar-Bazar führt und dann nach Amritsar, wo ihr vielleicht die Eisenbahn nach Goordas benutzen könnt. Alle übrigen Bahnen sind für andere als militärische Zwecke gesperrt. Dorthin aber wird der Strom nicht gehen, und dort werdet ihr in irgend einer Ortschaft des Gebirges vorläufig sichere Zuflucht finden. -- Darf ich Sie mit einer großen Bitte behelligen, Mr. Heideck?“

„Ich bin ganz zu Ihrer Verfügung, Herr Oberst!“

„Bleiben Sie hier im Hotel -- suchen Sie sich über die Vorgänge auf dem Laufenden zu erhalten und seien Sie den Damen und Kindern ein Beschützer, bis sie sich in Sicherheit befinden. Wenn ich mir erlauben darf, Ihnen für die Bestreitung der Kosten diesen Check -- -- --“

„Lassen Sie das einstweilen, Herr Oberst!“ wehrte Heideck ab. „Ich bin mit Geld ausreichend versehen, und ich werde später Rechnung ablegen. Ich verspreche Ihnen, Ihre Angehörigen und Mrs. Irwin zu schützen, so gut ich kann. Aber ich glaube, daß es besser sein wird, wenn ich nicht in der Stadt bleibe, sondern die Truppe begleite. Sollte eine ungünstige Wendung eintreten, so kehre ich eben eiligst zurück. Die Aufregung der Damen würde sich unnötig vermehren, und ich selbst würde in Verlegenheit wegen unserer Maßregeln geraten, wenn wir hier im Hotel unzuverlässige Nachrichten vom Stand der Dinge erhielten.“

„Das ist richtig,“ sagte der Oberst nach kurzem Bedenken. „Schon jetzt schwirren die abenteuerlichsten Gerüchte umher. Unter unseren mohammedanischen Truppen sind Flugblätter verbreitet worden, die sie unter den tollsten Vorspiegelungen zum Abfall von der englischen Armee auffordern. Einige Leute, die sich mit der Verteilung solcher Flugblätter befaßten, sind schon kurzerhand erschossen worden. -- Ich überlasse alles Ihrer Umsicht und Entschlossenheit. Jedenfalls tun Sie am besten, sich möglichst in der Nähe des Höchstkommandierenden zu halten. Mein Passierschein wird Ihnen überall den Weg frei machen. Von meiner Dankbarkeit werde ich später reden.“

Er drückte Heideck kräftig die Hand, umarmte noch einmal seine Frau und seine Kinder, und die beiden Männer wandten sich zum Gehen. Schwer und beklemmend lag auf allen die dumpfe Vorahnung, daß es ein Abschied für immer gewesen sein könne.

XIII.