Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman
Part 8
„Sie haben keinen Platz, Herr Heideck -- bitte -- hier ist noch ein Stuhl frei.“
Und mit einer graziösen Bewegung raffte sie die Falten ihres Foulardkleides zusammen, um ihn vorüber zu lassen. Wieder begegneten sich, von den anderen unbemerkt, für einen Moment ihre Augen. Und wenn er es nicht gewußt hätte, daß er sich rettungslos im Banne dieses schönen jungen Weibes befand, so würde der stürmische Schlag seines Herzens ihn darüber belehrt haben.
Der Abend war ziemlich hell, und als jetzt plötzlich unter dem üblichen Lärmen und Schreien der indischen Kutscher zwischen den Zelten des Lagers ein sonderbarer Wagenzug auftauchte, verstummte die kaum in Fluß gekommene Unterhaltung auf der Veranda, weil alle Blicke sich dem unerwarteten Schauspiel zuwandten, für das -- den Obersten vielleicht ausgenommen -- zunächst wohl noch niemand eine Erklärung hatte.
Man sah, daß es fünf, von reich geschmückten weißen Buckelochsen gezogene Wagen waren, die ein Reitertrupp in der Kleidung der Leibgarde des Maharadjah eskortierte.
Ihr Anführer ritt bis hart an die Stufen der beleuchteten Veranda, schwang sich hier aus dem Sattel und stieg in vornehmer, würdevoller Haltung zu der in begreiflicher Spannung harrenden Gesellschaft des Obersten empor.
Er war ein schöner junger Mann mit griechisch geschnittenem Gesicht und großen, schwermütigen Augen. Sein Anzug bestand aus einer gelbseidenen Bluse, die mit einem Schal aus violetter Seide umgürtet war, englischen Reithosen und hohen gelben Stiefeln. Sein violett gestreifter seidener Turban war mit einer Perlenschnur durchflochten, und an seiner Brust sandten haselnußgroße Brillanten im Licht der Lampe ihre buntfarbigen Strahlen aus.
„Es ist Tasatat Radjah, der Vetter und der besondere Liebling des Fürsten,“ flüsterte Edith Heideck zu, in dessen Gesicht sie etwas wie eine Frage gelesen haben mochte. „Ohne Zweifel schickt ihn der Maharadjah in einer besonderen Mission.“
Der Oberst hatte sich erhoben und war dem Besucher um einige Schritte entgegengegangen. Aber er reichte ihm nicht die Hand und lud ihn auch nicht zum Niedersitzen ein.
„Ich grüße dich, Sahib, im Namen Seiner Hoheit,“ sagte der Prinz mit jenem edlen Anstand, der dem vornehmen Inder angeboren ist, „und ich wünsche dir Glück und langes Leben. Seine Hoheit übersendet dir als Zeichen seines Wohlwollens wie seiner hohen Achtung vor deinem Amte und deinen Verdiensten ein geringes Geschenk. Er bittet dich, es anzunehmen, zum Beweise, daß auch du vergessen hast, was gestern infolge eines beklagenswerten Mißverständnisses zwischen dir und Seiner Hoheit gesprochen wurde.“
„Seine Hoheit ist sehr gütig,“ sagte der Oberst kühl und gemessen. „Darf ich fragen, worin das mir zugedachte Geschenk besteht?“
Mit einer lässigen Handbewegung wies der Prinz auf die unten haltenden Gefährte.
„Jeder dieser fünf Wagen, Sahib, enthält hunderttausend Rupien.“
„Das wären also fünf Lakh?“
„So ist es. Und ich bitte dich noch einmal, Seine Hoheit durch eine günstige Antwort zu erfreuen.“
Der Oberst überlegte ruhig und kühl seine Antwort, dann sagte er in derselben ruhigen Haltung und mit demselben undurchdringlichen Gesicht, wie zuvor:
„Ich danke dir, Prinz! Laß den Inhalt dieser Wagen in die Vorhalle meines Hauses schaffen. Ueber das, was weiter damit geschehen soll, werde ich die Entscheidung des Vizekönigs abwarten.“
Auf dem Gesicht des Prinzen zeigte sich deutlich ein Ausdruck der Enttäuschung. Eine Weile verharrte er wie in unentschlossenem Nachdenken. Dann, da er aus der Haltung des Obersten erkennen mußte, daß der Engländer die Unterhaltung als beendet ansah, berührte er mit der Rechten leicht die Mitte der Stirn, verbeugte sich und stieg die Stufen der Veranda wieder hinab. Viele kleine Tonnen wurden auf sein Geheiß von den niedrigen Karren herabgehoben und unter dem Beistande englischer Soldaten in den Flur des Hauses geschafft. Dann setzte sich der Zug unter demselben Lärm und Geschrei, wie er gekommen war, wieder in Bewegung und verschwand in der Ferne.
Ein Lächeln lag auf dem eben noch so kalten Gesicht des Obersten, als er sich jetzt seinen Gästen zuwandte; wohl von der Empfindung geleitet, daß er ihnen gewissermaßen eine Erklärung für sein Benehmen schuldig sei.
„Ich betrachte diese halbe Million als einen sehr erwünschten Beitrag zu den Kriegskosten meines Detachements. Diese Orientalen können sich eben niemals in unsere Denkweise hineinversetzen, und unsere Ehrbegriffe werden ihnen immer ein unlösliches Rätsel bleiben. Mit einem Geschenk, das er natürlich mir persönlich zugedacht hat, glaubt dieser Despot alles aus der Welt geschafft zu haben, was ihm möglicherweise Ungelegenheiten bereiten könnte -- sowohl den Anschlag gegen Mrs. Irwin, wie die Geschichte mit dem Diamantpulver. Denn er ist durch den verschwundenen Tafeldecker natürlich bereits über den Mißerfolg unterrichtet, und er weiß recht gut, was für ihn auf dem Spiele stehen würde, wenn ich diese skandalöse Geschichte nach Kalkutta berichtete.“
Zum ersten Male sprach der Oberst hier vor andern offen aus, daß er den Maharadjah für den Urheber der beiden Anschläge hielt. Er mußte einen besonderen Grund hierzu haben, und Heideck glaubte ihn zu erraten, als der Oberst auf die Frage des Regimentsarztes, ob er denn nicht gesonnen sei, einen solchen Bericht an den Vizekönig abgehen zu lassen, erwiderte:
„Ich weiß es nicht -- ich weiß es wirklich noch nicht. Nach dem Grundsatze: „~fiat justitia, pereat mundus~“ müßte ich es ja unzweifelhaft tun. Aber mit dem „~pereat mundus~“ ist es doch so ein eigen Ding. Wir stehen wahrscheinlich unmittelbar vor dem Kriege, und der Vizekönig würde mir, wie ich vermute, wenig Dank wissen, wenn ich ihm zu seinen mancherlei anderen Sorgen noch neue aufbürden wollte. Wir brauchen diese indischen Fürsten jetzt sehr notwendig. Sie müssen uns ihre Truppen zur Verfügung stellen, und wir dürfen keine Feinde im Rücken haben, wenn unsere Armee in Afghanistan engagiert ist. Ein schroffes Vorgehen gegen einen von ihnen aber könnte uns alle diese Fürsten rebellisch machen. Und es wäre ganz unabsehbar, welche Folgen eine einzige Niederlage oder auch nur das falsche Gerücht von einer solchen haben würde.“
Doktor Hopkins stimmte ihm ohne weiteres zu, und auch die anwesenden Offiziere waren der Meinung ihres Vorgesetzten. Wie immer in diesen letzten Tagen, entspann sich ein lebhaftes Gespräch über die Kriegsgefahr und über den wahrscheinlichen Verlauf der bevorstehenden Ereignisse. Heideck aber, der sicher war, aus dem Munde dieser siegesgewissen Herren nichts neues mehr zu vernehmen, benutzte das laute Durcheinander, um Edith leise zu fragen:
„Es geschieht nicht bloß aus politischen Rücksichten, sondern auch auf Ihren Wunsch, wenn der Oberst nichts von dem nächtlichen Ueberfall nach Kalkutta berichtet -- nicht wahr?“
„Ich habe ihn allerdings darum gebeten,“ gab sie in demselben vorsichtigen Flüsterton zurück. „Heute aber, nach dem mißlungenen Anschlag auf sein Leben, habe ich ihm gesagt, daß ich für meine Person und für -- für die Person meines Gatten keinerlei Rücksicht mehr verlange.“
„Sie halten es also im Ernst für möglich, daß Kapitän Irwin bei jenem Ueberfall -- --“
„Lassen Sie uns nicht jetzt davon sprechen, Mr. Heideck -- nicht jetzt und nicht hier,“ bat sie, indem sich ihre Augen mit einem flehenden Blick zu ihm erhoben. „Sie können nicht ahnen, wie furchtbar ich unter diesen schrecklichen Dingen leide. Es ist mir, als wäre vor mir nur finstere, undurchdringliche Nacht. Und wenn ich daran denke, daß ich eines Tages wieder gezwungen sein könnte -- --“
Sie beendete den angefangenen Satz nicht, aber Heideck wußte gut genug, wie sein Schluß hatte lauten sollen. Und ein unwiderstehlicher Impuls trieb ihn, ihr zu antworten:
„Sie dürfen sich zu nichts zwingen lassen, Mrs. Irwin, gegen das Ihr Herz sich auflehnt. Wer könnte denn auch versuchen, solchen Zwang auf Sie zu üben?“
„O, Sie wissen nicht, Mr. Heideck, was für uns Engländer die Rücksicht auf die sogenannte gute Sitte bedeutet. Nur keinen Skandal -- nur um des Himmels willen keinen Skandal! Das ist das erste und vornehmste Gesetz in unserer Gesellschaft. So liebenswürdig der Oberst und seine Gattin bis jetzt gegen mich gewesen sind -- ich fürchte sehr, daß sie mich ohne Rücksicht auf meine Schuld oder Unschuld sofort fallen lassen würden, wenn ich es zu dem kommen ließe, was ihnen als ein Skandal erscheint.“
„Und doch sollen Sie nur Ihrem eigenen Empfinden -- nur Ihrem Herzen und Ihrem Gewissen folgen, Mrs. Irwin -- nicht den engherzigen Ansichten des Obersten oder irgend eines anderen Menschen. Sie dürfen nicht die Märtyrerin eines Vorurteils werden -- ich kann diese Vorstellung einfach nicht ertragen. Und Sie müssen mir versprechen -- --“
Er kam nicht weiter. Eine plötzlich eingetretene Pause im Gespräch der anderen zwang auch ihn, zu verstummen. Und es war ihm, als sähe er die klugen, durchdringenden Augen der Mrs. Baird mit einem Ausdruck des Mißtrauens auf sich gerichtet. Er war unzufrieden mit sich selbst, daß die berauschende Nähe des geliebten Weibes und seine fast schon bis zu leidenschaftlichem Haß gesteigerte Abneigung gegen ihren unwürdigen Gatten ihn in die Gefahr gebracht hatten, sie zu kompromittieren. Aber als er sich bald nachher gleichzeitig mit den anderen Gästen empfahl, bewies ihm ein warmer, beglückender Druck von Ediths Hand, daß sie weit davon entfernt war, ihm zu zürnen.
XI.
Jeder neue Tag brachte jetzt weitere Nachrichten, die das drohende Gespenst des Krieges in immer größere Nähe rückten. Die Mobilmachung wurde befohlen. Die Feldtruppen wurden von dem Depot gesondert, das in Chanidigot zurückbleiben sollte. Die Infanterie wurde mit Munition ausgerüstet und täglich mit Schieß- und Gefechtsübungen beschäftigt. Pferde wurden eingekauft und ein Train gebildet, zu dem namentlich eine ungeheure Menge von Kamelen gehörte. Die Vorräte an Lebensmitteln wurden vervollständigt, und die Offiziere studierten eifrigst die Karten von Afghanistan.
Für Heidecks Begriffe von einer Mobilmachung ging das alles freilich sehr langsam von statten, und der Maharadjah schien es mit der Ausrüstung seiner Hilfstruppen noch viel weniger eilig zu haben.
Von Süden her kamen beständig Militärzüge durch Chanidigot, um Truppen und Pferde weiter nach dem Norden zu befördern. Ihr Ziel war zunächst Peschawar, wo Generalleutnant Sir Bindon Blood, der Oberkommandierende des Korps von Pendschab, eine große Feldarmee zusammenzog. Mit einiger Verwunderung nahm Heideck wahr, daß die durchziehenden Regimenter den verschiedensten Korps entnommen waren, so daß der taktische Verband dieser Korps und ihre Organisation zerrissen worden waren. Es unterlag keinem Zweifel, daß die Regierung um jeden Preis so schnell als möglich starke Truppenkörper an der Grenze aufstellen wollte und darüber die Rücksicht auf spätere Ereignisse gänzlich außer Acht ließ. Sowohl Viscount Kitchener, der Oberbefehlshaber in Indien, wie der Vizekönig und die Minister in London schienen es für ausgemacht zu halten, daß die englische Armee von vornherein siegreich sein würde und nicht genötigt werden könnte, sich auf die Festungen der Nordwestprovinzen zurückzuziehen. Die Geringschätzung, mit der die Offiziere in Chanidigot von der russischen Armee und von den Afghanen sprachen, bestätigte diese allgemeine Auffassung zur Genüge.
Endlich wurde es klar, daß der Krieg zur Tatsache geworden war. Am zehnten Tage nach der Meldung vom Einmarsch der Russen in Afghanistan fiel die Entscheidung.
Das Londoner Kabinett hatte in St. Petersburg angefragt, was jener Einmarsch zu bedeuten habe. Und es hatte die Antwort erhalten, daß Rußland sich genötigt sähe, dem Emir auf seine Bitte zu Hilfe zu kommen; denn der Afghanenherrscher wäre den Maßnahmen Englands gegenüber um seine Selbständigkeit besorgt. Nichts läge der russischen Regierung ferner, als eine Herausforderung Englands, aber sie könne die Bedrängnis des Emirs nicht gleichgiltig ansehen und sei entschlossen, für die Unabhängigkeit Afghanistans einzutreten.
Daraufhin erklärte England den Krieg, und Generalleutnant Blood erhielt den Befehl, unverzüglich durch den Kaiberpaß in Afghanistan einzurücken. Weiter sollte Generalleutnant Hunter, der Oberkommandierende des Korps von Bombay, mit einer Armee von Quetta aus gegen Kandahar marschieren.
Gleichzeitig, -- so hieß es, -- sollte von Portsmouth aus eine englische Flotte abgehen.
Obwohl die in Indien erscheinenden englischen Zeitungen offenbar dahin instruiert waren, alles zu verschweigen, was die Lage Englands in einem ungünstigen Lichte erscheinen lassen könnte, brachten sie doch mancherlei Meldungen, die dem kundigen Leser allerlei Schlüsse auf die gegenwärtige Kriegslage nahe legten. Man konnte daraus entnehmen, daß England auch gegen Frankreich rüste. Nur über die Haltung Deutschlands in dem drohenden Weltkriege fehlte jede Mutmaßung.
Die anfängliche Absicht, die Familien der in Chanidigot stationierten Offiziere und Beamten südwärts nach Bombay oder nach dem östlich gelegenen Kalkutta zu bringen, war bald aufgegeben worden. Die Verbreitung der Pest in beiden Städten und die Schwierigkeiten der Reise sprachen dagegen; denn die Eisenbahnen waren zur Zeit vollständig durch Truppentransporte in Anspruch genommen. So wurde beschlossen, daß die Frauen und Kinder zunächst bei dem Depot in Chanidigot bleiben sollten. Kapitän Irwin, der aus Lahore zurückgekehrt war, und der außerhalb des Dienstes, bei dem er einen fast fieberhaften Eifer entwickelte, ein völlig einsiedlerisches Leben führte, sollte dieses Depot kommandieren. Seine Gattin aber, der er seit seiner Ankunft noch nicht ein einziges Mal begegnet war, sollte seinem Schutze nicht unterstellt werden. Oberst Baird, der seiner Frau auf ihre dringenden Bitten zugesagt hatte, daß sie ihn mit den Kindern nach Quetta begleiten dürfte, wollte auch Edith Irwin dorthin mitnehmen.
Es war bestimmt worden, daß das Detachement im Verein mit den Truppen des Maharadjah von Chanidigot aufbrechen sollte. Heideck hatte die Erlaubnis erhalten, es zu begleiten. Der Oberst wollte ihm wohl, und es war ihm offenbar angenehm, einen so ritterlichen Mann, auf den man sich in jeder Lage unbedingt verlassen konnte, als Beschützer bei den Damen zu wissen, wenn er selbst durch seine militärischen Pflichten verhindert sein würde, sich um sie zu kümmern. Am Tage vor dem Abmarsch war Heideck zum Tiffin bei dem Obersten, und man besprach in ernster Stimmung die bevorstehenden Ereignisse, als draußen das dumpf klingende Warnungszeichen eines Automobils vernehmlich wurde. Zwei Minuten später trat, ganz mit Staub bedeckt und mit dunkelgerötetem Gesicht ein Offizier auf die Veranda, der sich als Kapitän Elliot, Adjutanten des Generals Blood, vorstellte.
„Der General läßt Ihnen melden, Herr Oberst,“ sagte er in dienstlicher Haltung, „daß alle Dispositionen geändert worden sind. Sie marschieren nicht nach Quetta, sondern unter tunlichster Beschleunigung des Aufbruchs nach Mooltan.“
„Und was ist die Ursache dieses veränderten Befehls?“ fragte der Oberst.
„Die Russen kommen vom Hindukusch herunter. Sie ziehen das Tal des Indus herab, unserer Armee in den Rücken. General Blood ist auf dem Marsche südwärts, um nicht abgeschnitten zu werden. Ich befinde mich unterwegs, um alle Truppenteile nach Mooltan zu dirigieren.“
„Aber ist das denn möglich? Kann hier nicht doch ein Irrtum vorliegen? Wie sollten die Russen über den Hindukusch kommen?“
„Ich selbst habe russische Infanterie in den Schluchten des Industals gesehen, Herr Oberst. Der Marsch auf Herat und die Besetzung von Kabul unter General Iwanow sind hauptsächlich Demonstration gewesen. Iwanow kommt mit zwanzigtausend Mann, verstärkt durch zwanzigtausend Afghanen, von Kabul her gegen den Kaiberpaß heran. Aber der Hauptangriff erfolgt vom Pamir aus in der Richtung auf Raval-Pindi und Lahore.“
„Raval-Pindi?“ rief der Oberst. „Wenn die Russen den Indus herabkommen, treffen sie zunächst auf Attock, und dieses starke Fort wird sie lange genug aufhalten.“
„Hoffentlich! Aber wir dürfen nicht unbedingt damit rechnen. Die Stärke der russischen Armee ist uns zur Zeit noch nicht bekannt. Ihr Vormarsch aber ist offenbar trefflich vorbereitet gewesen. Die Pioniere müssen in den schwierigen Pässen des Hindukusch wahrer Wunder verrichtet haben, und diese russischen Soldaten scheinen von Eisen.“
„Nun,“ sagte der Oberst kurz, „so werden wir ihnen zeigen, daß wir von Stahl sind.“
Der Adjutant überreichte ihm die schriftlichen Dispositionen, und nachdem er sie durchgesehen, erklärte der Oberst:
„Ich werde morgen früh nach Mooltan aufbrechen und denke, mein Detachement morgen abend dort vereinigt zu haben. Der Train mit der Proviantkolonne und der Munitionskolonne freilich kann erst einige Tage später eintreffen, und auch nur zum Teil. Was in aller Welt mag den General bestimmt haben, sich dem Feinde nicht in Raval-Pindi entgegenzustellen? Die Stadt ist befestigt und von starken Forts umgeben; sie ist eine der größten Militärstationen Indiens. Weshalb mußte der General da so weit, bis nach Mooltan, zurückgehen?“
„Der General erwartet eine Entscheidungsschlacht und möchte sich dazu mit der Armee des Generals Hunter vereinigen. Beide Armeen aber sind zur Zeit ungefähr gleich weit von Mooltan entfernt, auch würden die Russen, wie der General meint, Bedenken tragen, soweit vorzugehen, daß sie von Lahore aus in der linken Flanke angegriffen werden könnten. Dort stehen schon jetzt zehntausend Mann, die täglich von Delhi aus verstärkt werden.“
Mit der Verabschiedung des Adjutanten, der den angebotenen Imbiß mit dem Hinweis auf die Dringlichkeit seines Auftrages abgelehnt hatte, wurde auch die Tafel aufgehoben, und der Oberst entschuldigte sich bei seinem Gaste, dem er sich unter den obwaltenden Umständen nicht länger widmen konnte. Seine Offiziere begleiteten ihn, und bald nachher wurde auch Mrs. Baird abgerufen. Unerwartet sahen sich Heideck und Edith Irwin allein.
Ein paar Sekunden lang schwiegen sie beide, wie wenn keines von ihnen den Empfindungen Ausdruck zu geben wagte, die sie erfüllten. Dann aber sagte die junge Frau:
„Sie wollten mit uns ins Feld ziehen, Mr. Heideck, und ich weiß, daß Sie dabei von dem Wunsche geleitet wurden, uns Frauen durch Ihren männlichen Schutz nützlich zu sein. Aber nun ist ja alles anders geworden, und ich bitte Sie, auf Ihren Plan zu verzichten.“
Ueberrascht sah er sie an: „Wie, Mrs. Irwin, Sie wollen mir die Freude versagen, Sie begleiten und schützen zu dürfen? Und weshalb?“
„Sie haben soeben selbst gehört, daß alle Dispositionen geändert worden sind. Wären wir nach Quetta gegangen, so hätten Sie, sobald unsere Armee über die Grenze ging, leicht irgend einen anderen Platz aufsuchen können; wenn es aber auf indischem Boden zum Kampfe kommt, so befänden Sie sich in beständiger Gefahr.“
„In meiner Eigenschaft als Ausländer? Gewiß. Ich würde unter Umständen manchen Unbequemlichkeiten ausgesetzt sein. Aber ehe ich meine Entschließungen ändere, möchte ich von Ihnen hören, ob Sie auch unter diesen neuen Verhältnissen bei der Truppe bleiben werden?“
„Da Mrs. Baird mir die Erlaubnis dazu gegeben hat -- ja.“
„Und Sie glauben, daß ich weniger Mut zeigen werde, als Sie, die Sie sich damit ohne Zweifel ebenfalls ernsten Gefahren aussetzen?“
„Wie dürfte ich an Ihrem Mute zweifeln, Mr. Heideck! Aber das ist doch etwas ganz anderes. Wir Soldatenfrauen gehören nun einmal zu den Männern, denen wir nach Indien gefolgt sind. Und überdies sind wir vielleicht nirgends sicherer, als bei der Armee. Sie aber haben mit diesem Kriege und mit unserem Heere nichts zu tun. Wenn Sie jetzt von hier abreisen und in weiter Entfernung vom Kriegsschauplatze, vielleicht in einer der Hillstations, wo Sie auch von der Pest nichts zu fürchten haben, Wohnung nehmen, so wird man Sie als deutschen Kaufmann gewiß unbehelligt lassen.“
„Und warum gehen Sie selbst nicht in eine solche Hillstation, Mrs. Irwin? Ich würde Ihnen Simla vorschlagen, wenn es nicht dem Kriegsschauplatz nahe läge. Aber gehen Sie doch nach Poona oder in sonst einen der südlichen Gebirgsorte.“
Die junge Frau schüttelte den Kopf.
„Ich vermute, daß ich damit in mein sicheres Verderben gehen würde.“
„Und was bringt Sie auf solche Vermutung?“
„Ich sagte Ihnen schon, daß im Falle eines Krieges englische Frauen hier in Indien nur noch in unmittelbarer Nähe der Truppen einigermaßen sicher sind. Sollten wir eine Niederlage erleiden, so wird die Rache des Volkes an seinen Unterdrückern furchtbar sein. Kennen Sie die grausamen Instinkte, die in diesen scheinbar so höflichen und unterwürfigen Menschen schlummern? Die wehrlosen Frauen und Kinder würden ohne Zweifel ihre ersten Opfer sein. So war es bei dem Aufstande vom Jahre 1857, und genau so wird es sich unter ähnlichen Verhältnissen wiederholen. Nana Sahib und seine Gefolgschaft haben sich damals an den unmenschlichsten Martern weißer Frauen und Kinder ergötzt und Ströme unschuldigen Blutes vergossen. Der Kulturzustand des niederen Volkes aber ist seitdem gewiß nicht besser geworden.“
„Sie sprechen, als ob Sie eine Niederlage Ihrer Armee für wahrscheinlich hielten?“ --
„Ich kann meine düsteren Ahnungen nicht los werden. Und Sie selbst, Mr. Heideck? -- Seien wir doch ehrlich! Als vorhin der Adjutant dort stand, und als jedes seiner Worte die mangelnde Voraussicht unserer Generale offenbarte, habe ich Ihr Gesicht beobachtet, und ich habe mehr daraus gelesen, als Sie ahnen mögen. Ich will mich nicht in Ihre Geheimnisse drängen, aber ich würde Ihnen dankbar sein, wenn Sie ganz aufrichtig gegen mich wären. Sie sind nicht der, für den Sie sich hier ausgeben.“
Nicht einen Augenblick zögerte er, ihr die Wahrheit zu bekennen.
„Nein, ich bin deutscher Offizier und von meinen Vorgesetzten zum Studium der angloindischen Armee hierher entsandt.“
Ediths Ueberraschung war ersichtlich nicht allzu groß.
„Ich ahnte es. Und nun gestehen Sie mir ebenso offenherzig die Frage: Glauben Sie an einen Sieg der britischen Waffen?“
„Ich darf mir darüber kein Urteil erlauben, Mrs. Irwin.“
„Aber Sie müssen doch eine Meinung haben. Und es läge mir unendlich viel daran, sie zu erfahren.“
„Nun denn -- ich glaube an die englische Tapferkeit, aber nicht an einen englischen Sieg.“
Sie seufzte tief auf, aber sie neigte zustimmend den Kopf, wie wenn er damit nur ihrer eigenen Ueberzeugung Ausdruck gegeben hätte. Dann reichte sie ihm die Hand und sagte leise:
„Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, und es ist selbstverständlich, daß von mir niemand erfahren wird, wer Sie sind. Aber nun bestehe ich erst recht darauf, daß Sie uns um Ihrer eigenen Sicherheit willen verlassen.“
„Und wenn ich mich weigerte? Wenn ich es gerade in meiner Eigenschaft als Soldat für meine Ehrenpflicht hielte, Sie jetzt nicht im Stich zu lassen? Würden Sie mir darum zürnen? Würden Sie mir nicht mehr gestatten, das Glück Ihrer Gesellschaft zu genießen?“
Ihre Brust hob sich, aber sie senkte den Kopf und schwieg. Deutlich sah Heideck die glitzernde Träne, die sich unter ihren Wimpern hervorstahl und langsam über ihre zarte Wange herabrollte.
Das war ihm Antwort genug. Er beugte sich herab, und indem er ihre beiden Hände küßte, flüsterte er:
„Ich wußte, daß Sie nicht die Grausamkeit haben würden, mich zurückzustoßen. Wohin auch immer das Schicksal Sie führen mag, es wird mich an Ihrer Seite finden, solange Sie noch meines Schutzes bedürfen.“
Ein paar Sekunden lang hatte sie ihm ihre Hand überlassen. Dann entzog sie sie sanft dem Druck der seinen.
„Ich weiß, daß ich Ihnen um Ihrer eigenen Sicherheit willen verbieten sollte, mir zu folgen. Aber ich habe nicht die Kraft dazu. Der Himmel gebe, daß Sie mir niemals einen Vorwurf daraus machen.“
XII.