Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman
Part 7
„O, das alles müssen wir auf Generalstabsschule am Schnürchen haben, wenn wir nicht jämmerlich durchs Examen rasseln wollen. Im November 1878, als wir den Krieg gegen die Türken mit allen Mitteln zu Ende führen mußten und deshalb in Zentralasien ziemlich schwach waren, sind die Engländer abermals in Afghanistan eingerückt. Sie gedachten, sich unsere Verlegenheit zu nutze zu machen und das Land ganz unter ihre Herrschaft zu bringen. In drei Kolonnen gingen sie durch den Bolanpaß, das Kuramtal und den Kaiberpaß. Aber auch diesmal konnten sie sich nicht behaupten und mußten unter großen Verlusten den Rückzug antreten. Wer nicht die eingeborene Bevölkerung für sich hat, wird in Afghanistan niemals festen Fuß fassen. Und die Sympathieen der Afghanen sind auf unserer Seite. Wir verstehen es, mit diesen Leuten umzugehen; die Engländer dagegen gelten ihnen für unreine Ungläubige.“
„Glauben Sie, daß Rußland es jetzt nur auf den Besitz des Pufferstaates Afghanistan abgesehen hat? Oder sollten seine Absichten noch weiter gehen?“
„O, mein bester Kamerad, jetzt geht es um Indien. Seit mehr als hundert Jahren schon haben wir unsere Blicke auf dieses reiche Land gerichtet. Alle unsere Eroberungen in Zentralasien haben Indien zum letzten Ziel. Schon Kaiser Paul befahl 1801 dem Ataman des donischen Heeres, Orlow, mit 22000 Kosaken bis zum Ganges vorzudringen. Man stellte sich damals den Feldzug allerdings viel zu leicht vor. Der Kaiser starb, und sein tollkühner Plan kam nicht zur Ausführung. Während des Krimkrieges erbot sich General Kauffmann, mit 25000 Mann Indien zu erobern. Es kam nicht dazu. Seitdem haben sich die Ansichten geändert. Wir haben eingesehen, daß nur ein schrittweises Vorgehen zum Ziele führen kann. Und wir haben unsere Zeit nicht verloren. Im Westen sind wir bis auf 100 Kilometer an Herat herangerückt, und im Osten, im Pamirgebiet, sind wir Indien noch viel näher gekommen.“
„Es ist mir interessant, das zu hören. Ich selbst habe mir bisher trotz alles Bemühens keine recht klare Vorstellung von der Grenze am Pamirgebiet machen können.“
„Und Sie sind wahrhaftig nicht der Einzige, dem es so ergeht. Niemand, der nicht an Ort und Stelle war, kann die dortige Lage verstehen. Und wer dagewesen ist, kennt die Grenze auch nicht, weil es gar keine bestimmte Grenze gibt. Das Pamirplateau liegt nördlich von Peschawar und wird im Süden vom Hindukuschgebirge begrenzt. Die Besitzverhältnisse aber sind außerordentlich verwickelt. Der Emir des benachbarten Afghanistan beansprucht die Herrschaft über die Chanate Schugnan und Roschan, die den Hauptteil des Pamirgebietes ausmachen. Weiter erhebt er ja auch Anspruch auf die Provinz Seistan, die außerdem noch von Persien reklamiert wird. Gerade diese Provinz ist von besonderer Wichtigkeit, denn die Engländer würden, wenn sie sich ihrer bemächtigten, was von Beludschistan aus ohne große Schwierigkeiten geschehen könnte, eine starke Flankenstellung im Süden unserer Marschlinie Merw-Herat durch Kandahar-Quetta gewinnen.“
„Das sind allerdings recht unklare Verhältnisse.“
„So unklar, daß wir mit den Engländern seit langen Jahren über die Grenzfrage streiten. Unsere britischen Freunde haben den Emir von Afghanistan schon wiederholt veranlaßt, Truppen dorthin zu senden. Und englische Expeditionen zum Zwecke der Grenzfeststellung sind oft genug in den Bergen von Pamir herumgeklettert. Natürlich stehen wir in dieser Hinsicht nicht hinter ihnen zurück. Ich selbst habe seinerzeit an einer solchen wissenschaftlichen Expedition teilgenommen.“
„Und es handelte sich wirklich um ein wissenschaftliches Unternehmen?“
„Sagen wir: um ein kriegswissenschaftliches!“ erwiderte der Fürst lächelnd. „Wir hatten zweitausend Kosaken bei uns und kamen bis auf den Hindukusch, zum Baragilpaß und einem andern, der keinen Namen hatte, und den wir unserem Obersten zu Ehren Jonowpaß nannten. Da stießen wir auf afghanische Truppen und schlugen sie bei Somatsch. Der Emir Abdur Rahman mußte das auf Geheiß der Engländer, die ihm Subsidien zahlten, übelnehmen und sie um Beistand bitten. Ein englischer Gesandter erschien in Kabul, und es kam zu Verhandlungen, die wir recht geschickt in die Länge zogen, um Zeit für die Erbauung kleiner Forts auf dem Pamirgebiet zu gewinnen. In London wurde schließlich vereinbart, daß der Pentsch die Grenze zwischen Rußland und Afghanistan im Pamirgebiet sein solle. Und ein paar Monate später trafen wir am Ssary-Kul mit einer englischen Expedition zusammen, die im Verein mit uns die genaue Grenzlinie feststellen sollte. Es gab eine höchst ergötzliche Komödie; denn die englischen Kameraden wollten uns durchaus nicht merken lassen, daß sie Befehl hatten, nachgiebig zu sein. Wir aber waren sehr rasch dahintergekommen und zogen die Grenze, wie es uns gefiel. Das Ende war, daß nur noch ein ganz schmaler Streifen zwischen Buchara und der indischen Grenze dem Emir verblieb, der sich außerdem verpflichten mußte, dort weder Truppen zu halten, noch Befestigungen anzulegen. Also unser Gebiet war auf 20 Kilometer an das englische herangerückt. Dort sind wir Indien am nächsten, und wenn wir wollen, können wir jederzeit von den Pässen des Hindukusch nach dem unter englischem Einfluß stehenden Tschitratal hinabsteigen.“
Die Unterhaltung wurde durch das Erscheinen eines Dieners unterbrochen, der Heideck eine Einladung von Mrs. Baird zum Diner am Abend dieses Tages brachte. Der Hauptmann vermochte seine Freude kaum zu verbergen; denn er zweifelte nicht, daß es Edith war, der er diese Einladung verdankte, und er war glücklich in der Hoffnung, sie endlich wiederzusehen.
„Sie stehen sich gut mit dem Obersten,“ sagte der Fürst, als der Diener mit Heidecks zusagendem Bescheide gegangen war. „Das kann Ihnen unter den gegenwärtigen Verhältnissen von großem Vorteil sein. Lassen Sie sich doch einen Passierschein ausstellen und reisen Sie mit mir!“
„Es tut mir leid, mein Fürst! Ich würde gewiß sehr gern in so angenehmer Gesellschaft reisen, aber meine Geschäfte halten mich einstweilen noch hier zurück.“
„Nun -- wie Sie wollen, -- ich darf Ihnen nicht weiter zureden. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß wir einander nochmals begegnen werden, und es ist überflüssig, zu versichern, daß Sie in jeder Lage auf mich zählen dürfen.“
IX.
Der deutsche Kaiser weilte, wie alljährlich, im Wildpark von Springe. Aber für das edle Weidwerk, bei dem der Monarch sonst in der nervenstählenden Waldeinsamkeit Erholung und neue Kräfte suchte, blieb diesmal nur selten eine Stunde übrig. Der Telegraph war in ununterbrochener Tätigkeit, und täglich erschienen in dem Jagdschlosse Staatsmänner, Diplomaten und hohe Offiziere, mit denen der Kaiser lange Besprechungen hatte. Die Fenster seines Arbeitszimmers blieben bis tief in die Nacht hinein erleuchtet, und gewöhnlich fand schon der frühe Morgen den Herrscher wieder an seinem Schreibtisch.
Heute aber hatte nach halbdurchwachter Nacht die Sehnsucht nach einem Atemzug frischer Gottesluft den Kaiser beim Morgengrauen hinausgeführt in den schweigenden Tannenwald.
Ein leichter Rauhreif, der über Nacht gefallen war, bedeckte die Zweige und den Boden mit feinen, weißschimmernden Eiskristallen. Zwischen den Stämmen lagen noch die Schatten der Dämmerung. Im Osten aber flammte glühendes Rot über den fahlen, graublauen Himmel hin.
Dorthin richteten sich die Blicke des Kaisers. Unter einer hohen, alten Fichte hemmte der Monarch seinen Schritt, und seine Lippen bewegten sich zu einem leisen Gebet. Von dem Lenker der Geschicke aller Völker erflehte er in dieser ernsten Zeit Rat und Kraft für seinen schweren Entschluß.
Da schlug der Ton menschlicher Stimmen an sein Ohr. Er sah zwei Männer, die seine Nähe nicht ahnten, in lebhaftem Gespräch auf dem unfern vorüberführenden schmalen Pirschpfade daherkommen. Des Kaisers scharfes Jägerauge erkannte in dem einen der beiden hochgewachsenen Herren seinen Oberstallmeister, den Grafen Wedel. Der andere aber war ihm fremd.
Und dieser Unbekannte war es, der jetzt sagte:
„Es ist mir eine Freude, daß wir uns endlich einmal Auge in Auge aussprechen können. Ich habe den tiefen Riß in unserer alten Freundschaft und Kameradschaft sehr beklagt. Aber auf meiner Seite ist die Mißstimmung längst vorüber. Ich hatte damals nicht in preußische Dienste treten wollen, weil ich den Gedanken nicht ertragen konnte, daß unsere alte tapfere hannoversche Armee aufgehört hatte, zu existieren, und ich zürnte dir, mein lieber Ernst, weil du, ein hannoverscher Garde du Corps, vergessen zu haben schienst, was du der Ehre deines engeren Vaterlandes schuldig warst. Aber du hast weiter gesehen als ich. Der hochherzige Entschluß des Kaisers, die Traditionen der Hannoveraner wieder zu beleben, unserem alten Offizierkorps eine Heimstätte in den neuen preußischen Regimentern zu eröffnen und unsere ruhmvollen Devisen auf die Fahnen und Standarten dieser neuen Regimenter zu schreiben, hat alles wieder gut gemacht. Ich hoffe, die Zeit ist nicht mehr fern, wo auch diejenigen Hannoveraner, die jetzt noch grollend beiseite stehen, einsehen werden, daß ein Kriegsherr, der so hochsinnig denkt, der berufene Sammler und Führer aller Kräfte des großen, gemeinsamen Vaterlandes ist.“
„Nun, ich habe dich und deinen Eisenkopf nie verkannt. Du hast dich ja inzwischen tüchtig in der Welt umgesehen, und da du jetzt ein Hamburger Großkaufmann bist, wirst du wohl ein großes Vermögen haben.“
„Mein Leben ist interessant und erfolgreich gewesen, aber mir fehlt doch das beste. Ich sehne mich nach einer Tätigkeit, die meiner Natur entspricht. Ich bin nun einmal Soldat, wie meine Vorfahren es seit Jahrhunderten gewesen sind. Wäre ich 1866 in die preußische Armee eingetreten, so könnte ich heute Kommandierender sein, und vielleicht hätte ich binnen kurzem die Ehre, mein Korps unter den Augen unseres Kaisers ins Feld zu führen.“
„Du glaubst, daß Deutschland in den Krieg verwickelt werden könnte? Gegen wen sollten wir fechten?“
„Wenn unser Kaiser der scharfblickende und energische Geist ist, für den ich ihn halte, -- -- --“
Es widerstrebte dem Monarchen, die Sprechenden noch länger in Unkenntnis seiner Anwesenheit zu lassen.
„Heda, ihr Herren!“ rief er jovial hinüber. „Verratet eure Geheimnisse nicht, ohne zu wissen, wer sie hört!“
„Seine Majestät!“ sagte der Graf halblaut, indem er mit tiefer Verbeugung seinen Hut zog. Der Begleiter folgte seinem Beispiel, und da ihn der Kaiser fragend ansah, sagte er:
„Untertänigst zu melden: Grubenhagen aus Hamburg.“
Der Monarch ließ seinen Blick über die hohe, breitschultrige Gestalt des stattlichen Mannes hingleiten und fragte lächelnd:
„Sie haben gedient?“
„Zu Befehl, Majestät -- als Leutnant beim Königlich hannoverschen Regiment Garde du Corps.“
„Haben denn auch bürgerliche Offiziere bei dem Regiment gestanden?“
„Majestät halten zu Gnaden: Mein Name ist Freiherr von Grubenhagen. Aber der Freiherr war dem Kaufmann im Wege.“
Das bei aller schuldigen Ehrerbietung freimütige und mannhafte Wesen des Freiherrn schien dem Kaiser zu gefallen. Lange blickte er in das scharfgeschnittene, energische Gesicht, aus dem ein Paar kühne und intelligente Augen leuchteten.
„Sie haben viel von der Welt gesehen?“
„Majestät, ich war in Amerika und viele Jahre in England, bevor ich mein Geschäft in Hamburg errichtete.“
„Ein guter Kaufmann sieht oft mehr als ein Diplomat, denn sein Blick ist unbefangener und freier. Ich liebe Ihr Hamburg; es ist eine loyale Stadt voll Einsicht und Unternehmungsgeist.“
„Man würde an der Alster glücklich sein, Eure Majestät so sprechen zu hören.“
„Fürchtet man in Hamburg nicht große Verluste durch den Krieg?“
„In Hamburg, Majestät, denken viele Leute so wie ich.“
„Und wie denken Sie?“
„Daß unter Eurer Majestät glorreicher Regierung alle Deutschen des Kontinents sich zu einem einzigen und einigen großen Volk zusammenschließen werden, dem alle germanischen Stämme des Nordens, Dänen, Schweden und Norweger, kraft des Gravitationsgesetzes, sich ankristallisieren müssen.“
„O! -- Sie haben Mut!“
„Majestät, wir leben in einem Zeitalter, dessen charakteristisches Zeichen die Bildung großer Staatswesen ist.“
Mit einer freundlichen Handbewegung unterbrach ihn der Monarch:
„Lassen Sie uns zum Frühstück gehen, meine Herren! Freiherr von Grubenhagen, Sie sind mein Gast. Es wird mich interessieren, noch einiges von Ihren kühnen Ideen zu hören.“
* * * * *
Unmittelbar nachdem der Kaiser das Jagdschloß betreten hatte, war ihm der mit dem Nachtzuge von Berlin herübergekommene Reichskanzler gemeldet worden. Auch er nahm mit dem Gefolge des Monarchen an der Frühstückstafel teil, und er mochte nicht wenig erstaunt sein über den fremden Gast, den er da in der Umgebung des Kaisers fand und der von dem Herrscher mit offenkundigem Wohlwollen ausgezeichnet wurde.
Als man sich nach aufgehobener Tafel um den runden Tisch im Rauchzimmer gruppiert und auf einen Wink des Kaisers der diensttuende Flügeladjutant für die Entfernung der Dienerschaft Sorge getragen hatte, wandte sich Kaiser Wilhelm mit ernster Miene an den Freiherrn von Grubenhagen.
„Und nun lassen Sie uns einmal ganz frei und unumwunden hören, wie nach Ihren Beobachtungen das deutsche Volk über die Möglichkeit eines Krieges denkt.“
Der Freiherr erhob den schönen, charaktervollen Kopf, und indem er dem Kaiser frei und unbefangen in die Augen sah, erwiderte er:
„Niemand, Majestät, ist darüber im Ungewissen, daß es ein verhängnisvoller Schritt sein würde, den Krieg zu erklären. Vielen Tausenden wird damit ein frühes Grab geöffnet, verwüstete Länder, ein vielleicht auf lange Zeit hinaus zerstörter Handel und unzählige Tränen sind die unvermeidlichen Begleiter des Kriegs. Aber es gibt ein höchstes Gesetz, vor dem alle andern zurücktreten müssen: das Gebot, die Ehre zu erhalten. Und ein Volk hat seine Ehre, wie der einzelne. Wo diese Ehre auf dem Spiele steht, soll es den Krieg nicht scheuen. Denn von der Bewahrung der nationalen Ehre hängt schließlich doch die Bewahrung aller andern nationalen Güter ab, und wo der Friede um jeden Preis, selbst um den Preis der Ehre erhalten bleiben soll, müssen allmählich alle Güter des Friedens verloren gehen, und das Volk muß zur Beute seiner stärkeren Nachbarn werden. Eisen ist wertvoller als Gold, denn dem Eisen verdanken wir all' unsern Besitz. Wozu wären denn auch Armee und Marine? Sie sind der Ausdruck der politischen Wahrheit, daß nur Mut und Kraft die Bürgschaft für das Bestehen und Gedeihen eines Volkes bilden. Rußland und Frankreich stehen zusammen, um England zu bekämpfen. Und das deutsche Volk hat das Gefühl, daß es an der Zeit sei, in diesen Kämpfen Partei zu ergreifen. Darüber aber, auf welche Seite es sich zu stellen habe, besteht nirgends eine Ungewißheit. Unser Volk ist seit langem erbittert durch Englands Intriguen und Uebergriffe. Tiefer und mächtiger als irgend ein anderes Gefühl in der Menschenbrust ist die Liebe zur Gerechtigkeit, und dieses Gerechtigkeitsgefühl ist beständig durch Englands Politik verletzt worden. Es bedarf nur eines Kaiserwortes, um die deutsche Volksseele bis in ihre tiefsten Tiefen aufzuregen und eine Flamme der Begeisterung emporschlagen zu lassen, die alle innere Uneinigkeit, allen Hader der Parteien verzehren wird. Wir sollten nicht fragen, was kommen könnte; wir sollten tun, was die Stunde gebietet. Wo Deutschland mit Einsetzung seiner ganzen Kraft um den Sieg ringt, da wird er ihm zufallen. Der Sieg aber hat seine eigene Weisheit.“
X.
Um die Mittagszeit war Fürst Tschadschawadse mit seinem Pagen Georgij und seinem indischen Diener nach dem Norden abgereist. Heideck hatte während der wenigen Tage ihrer Bekanntschaft der schönen Cirkassierin gegenüber die größte Zurückhaltung beobachtet und hatte nicht zu erkennen gegeben, daß er das Geheimnis ihrer Verkleidung durchschaut habe. Und es war, als ob sie ihm dafür Dank wisse. Zwar hatte er nicht ein einziges Mal mit ihr gesprochen, aber ihr Lächeln und die freundlichen Blicke, die sie ihm bei zufälligen Begegnungen zuwarf, waren hinlänglich deutliche Beweise für die Art ihrer Gesinnung. Ueber die Natur der Beziehungen, die zwischen dem schönen Pagen und seinem Herrn bestanden, konnte Heideck nicht im Zweifel sein. Wäre seine Seele nicht so ganz ausgefüllt gewesen von dem Gedanken an Edith, so hätte er sich leicht versucht fühlen können, den Russen um das Glück dieser holden Reisegesellschaft zu beneiden; denn er erinnerte sich kaum je ein reizvolleres weibliches Wesen gesehen zu haben, als es die Cirkassierin in ihrer malerischen Kleidung war. Vor den Augen Fremder wußte sie ihre Dienerrolle meisterlich durchzuführen, aber es war unverkennbar, daß sie in Wahrheit die Gebieterin war. Ein einziger Blick ihrer feurigen Augen reichte hin, die gelegentlichen brutalen Aufwallungen des Fürsten niederzuhalten, und er wagte in ihrer Gegenwart keinen der etwas freien Scherze, zu denen er sonst, namentlich unter dem Einfluß geistiger Getränke, leicht geneigt war.
Heideck empfand eine Neigung aufrichtigen Bedauerns, als er den bei all seinen kleinen Schwächen sehr liebenswürdigen Kameraden scheiden sah. Er hegte wenig Hoffnung, daß die Erwartung des Fürsten, ihm noch einmal zu begegnen, sich erfüllen würde; aber er zählte ihn unter die erfreulichsten und interessantesten Bekanntschaften seiner an wechselvollen Erlebnissen schon so reichen Reise.
* * * * *
Pünktlich um 7 Uhr betrat Heideck in dem vorschriftsmäßigen Gesellschaftsanzuge den Empfangssalon des Obersten. Ein Gefühl heißer Freude wallte in seinem Herzen auf, als er sah, daß niemand außer Edith Irwin darin anwesend war. Sie sah schöner aus denn je. Einzig eine leichte Blässe mochte an die Wirkung der Schrecknisse erinnern, die sie erlebt. Lächelnd ging sie ihm um einige Schritte entgegen und reichte ihm die Hand, die er bewegt an seine Lippen zog.
„Ich bin beauftragt, Mrs. Baird und den Obersten noch für eine Viertelstunde bei Ihnen zu entschuldigen,“ sagte sie. „Die Vorbereitungen für die Mobilmachung nehmen den Obersten völlig in Anspruch, und seine Gattin war vorhin durch einen kleinen Migräneanfall genötigt, sich auf kurze Zeit zurückzuziehen.“
Wie gern Heideck seinen Gastgebern den kleinen Verstoß gegen die Pflichten der Höflichkeit verzieh, stand deutlich genug auf seinem Gesicht geschrieben. Er nahm auf Ediths Einladung ihr gegenüber Platz und sagte:
„Ich hoffe, Mrs. Irwin, daß Sie von seiten Ihres Gatten keine Unannehmlichkeiten wegen meines späten Besuchs gehabt haben. Während des ganzen gestrigen Tages hat mich diese Sorge unablässig verfolgt.“
Mit einem etwas herben Lächeln schüttelte die junge Frau den Kopf:
„O nein. Mein Mann hat mir im Gegenteil aufgetragen, ihn zu entschuldigen, daß er die persönliche Abstattung seines Dankes für Ihre heldenmütige Tat auf später verschieben müßte. Er wurde in dienstlicher Angelegenheit auf unbestimmte Zeit nach Lahore abkommandiert, und sein Aufbruch erfolgte in solcher Hast, daß ihm nicht die Zeit blieb, Ihnen seinen Dank auszusprechen.“
Heideck glaubte zu verstehen, was dieses Kommando zu bedeuten habe. Aber er fragte nur:
„Und Sie werden während der Abwesenheit des Kapitäns unter dem Schutz des Obersten bleiben?“
„Es ist noch nichts bestimmtes darüber beschlossen worden. Weiß doch augenblicklich hier niemand, was uns die nächsten Tage bringen werden. Es ist gewiß, daß sich außerordentliche Ereignisse vorbereiten, und wir armen Frauen müssen im Falle eines Krieges geduldig über uns ergehen lassen, was man über unser Schicksal beschlossen hat.“
„Und der Maharadjah? Sie haben noch nichts von ihm gehört?“
„Oberst Baird hat gestern eine amtliche Unterredung mit dem Fürsten gehabt; aber ich kenne ihren Inhalt nicht, da ich nicht den Mut hatte, danach zu fragen. Daß der Maharadjah sich augenblicklich in feindseliger Stimmung gegen den Obersten befindet, scheint mir indessen leider nur zu gewiß. Ich müßte mich sehr schlecht auf die Eigenart dieser indischen Despoten verstehen, wenn das Ereignis, das sich heute hier zugetragen, nicht unmittelbar auf den Maharadjah zurückzuführen wäre.“
„Ist es unbescheiden, nach der Natur dieses Ereignisses zu fragen?“
„Man hat versucht, den Obersten an seinem eigenen Tische zu vergiften.“
„Wie?“ fragte Heideck erstaunt. „Zu vergiften?“
„Ja. Mr. Baird hat die Gewohnheit, vor jeder Mahlzeit ein Glas Eiswasser zu trinken, und bei dem heutigen Tiffin wurde es ihm, wie immer, von seinem indischen Tafeldecker dargereicht. Aber eine eigentümliche Trübung des Wassers fiel dem Obersten auf. Er leerte das Glas nicht sofort, sondern ließ es ein paar Minuten lang stehen, und nun wurde deutlich ein feiner, weißer Niederschlag auf dem Boden des Gefäßes sichtbar. Die Vermutung, daß es sich um einen Vergiftungsversuch handle, lag um so näher, als der Tafeldecker, den man wegen der Beimischung befragen wollte, plötzlich spurlos verschwunden und auch bis zur Stunde noch nicht wieder aufzufinden ist. Man schüttete einen kleinen Teil der Flüssigkeit in das Futtergefäß der Hunde und stellte es in eine Rattenfalle, die fünf oder sechs dieser gefräßigen Nager enthielt. Zehn Minuten später war nicht eines der Tiere mehr am Leben. Der Rest des Wassers wurde dem Regimentsarzt Doktor Hopkins, einem eifrigen Chemiker, zur Untersuchung übergeben, und er hat versprochen, uns beim Diner über das Ergebnis zu berichten.“
Noch ehe Heideck Gelegenheit gefunden hatte, das Gespräch auf Ediths persönliche Angelegenheiten zurückzuführen, erschien Mrs. Baird in Gesellschaft ihres Gatten und seines Adjutanten. Der Gast wurde mit gewinnender Liebenswürdigkeit begrüßt, und als wenige Minuten später auch der kleine, bewegliche Doktor Hopkins eingetroffen war, setzte man sich zu Tisch.
Vielleicht wäre es dem Obersten lieber gewesen, wenn von der Vergiftungsaffaire in Heidecks Gegenwart nicht die Rede gewesen wäre. Aber die Ungeduld seiner durch den Vorfall in begreifliche Aufregung versetzten Gemahlin ließ sich nicht zügeln.
„Nun, Herr Doktor,“ fragte sie, „was haben Sie gefunden?“
Der Regimentsarzt hatte offenbar nur auf diese Frage gewartet.
„Eines der gefährlichsten aller bekannten indischen Gifte,“ erklärte er mit ernster Miene, „das sogenannte Diamantpulver, gegen das es kein Gegengift gibt und das sich im Körper des Vergifteten nicht nachweisen läßt, weil es pflanzlicher Natur ist und von den Geweben aufgesogen wird.“
Mrs. Baird stieß einen Schrei des Entsetzens aus und legte für einen Moment die Hand über die Augen.
Mr. Hopkins aber fuhr fort: „Ich habe das Diamantpulver noch niemals unter den Händen gehabt, obwohl es gar nicht so selten zur Anwendung gelangen soll. Die Zubereitung ist für uns Europäer bis jetzt noch ein undurchdringliches Geheimnis, das von den indischen Aerzten sorgfältig gehütet wird. An den indischen Fürstenhöfen soll es früher dieselbe Rolle gespielt haben, wie im Mittelalter die berühmte ~acqua toffana~ bei den italienischen Despoten.“
Die Ausführungen des Arztes waren unter dem frischen Eindruck des nur durch einen Zufall vereitelten abscheulichen Attentats natürlich nicht danach angetan, die gedrückte Stimmung der kleinen Tischgesellschaft zu heben. Und der Oberst, dem die gelehrten Auseinandersetzungen des Regimentsarztes ersichtlich besonders unbehaglich waren, machte seiner Gattin früher, als es sonst zu geschehen pflegte, ein Zeichen, die Tafel aufzuheben.
Man begab sich auf die von einer Hängelampe beleuchtete Veranda, wo Tee und eisgekühlte Getränke gereicht wurden. Obwohl Heideck während des ganzen Abends nur Augen für Edith Irwin gehabt, hatte er doch beinahe ängstlich alles vermieden, was den Anwesenden seine Empfindungen für die junge Frau verraten konnte. Und auch jetzt, nachdem Edith sich in den äußersten, halbdunklen Winkel der Veranda zurückgezogen, würde er sicherlich nicht gewagt haben, sich in dem Korbsessel niederzulassen, der an ihrer Seite freigeblieben war, wenn sie selbst ihn nicht in vollkommen unbefangenem Tone dazu aufgefordert hätte.