Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman

Part 5

Chapter 53,668 wordsPublic domain

In diesem Moment allerdings schien die junge Frau, die Heideck bisher nur als die gelassene und beherrschte Dame der großen Welt kennen gelernt hatte, sich in einer Erregung zu befinden, die sie nur unvollkommen zu verbergen vermochte. Etwas eigentümlich Befangenes war in der Art, wie sie den Besucher begrüßte.

„Ich danke Ihnen für Ihr Erscheinen, Mr. Heideck! Meine Einladung wird Sie befremdet haben, aber ich wußte mir nicht anders zu helfen. Bitte, lassen Sie uns in das Parlour gehen, es wird hier draußen empfindlich kühl.“

Von solcher Kühle konnte Heideck zwar noch nichts bemerken, aber er glaubte zu verstehen, daß es nur die Furcht vor einem Lauscher sei, die den Wunsch der jungen Frau bestimmte. In der Tat schloß sie hinter ihm die Glastür und lud ihn ein, ihr gegenüber auf einem der breiten Rohrstühle Platz zu nehmen.

„Kapitän Irwin ist nicht anwesend,“ eröffnete sie, noch immer ersichtlich mit einer starken Verlegenheit kämpfend, das Gespräch. „Er ist fortgeritten, um seine Schwadron zu inspizieren und wird, wie er mir sagte, nicht vor Tagesanbruch zurückkehren.“

Heideck begriff nicht recht, weshalb sie ihm diese Mitteilung machte. Wäre er ein von seiner Unwiderstehlichkeit überzeugter Frauenjäger gewesen, so würde er darin vielleicht eine sehr durchsichtige Ermutigung erblickt haben. Aber er war weit entfernt, Ediths Worten eine derartige Deutung zu geben. Die Verehrung, die er dieser schönen Frau seit dem ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft entgegengebracht hatte, schützte sie hinlänglich vor jedem unlauteren Verdacht. Wenn sie ihn zu einer Zeit hierher beschieden hatte, wo sie sicher sein konnte, daß ihr Gespräch nicht durch das Erscheinen ihres Gatten gestört werden konnte, so hatte sie dafür sicherlich andere Gründe gehabt, als den Wunsch nach einem Abenteuer.

Und wie er sie da vor sich sitzen sah, mit einem Zug herben Kummers, regte sich in seinem Herzen kein anderes Verlangen als der lautere Wunsch, diesem ohne Zweifel tief unglücklichen Wesen irgend einen ritterlichen Dienst erweisen zu dürfen.

Aber er hatte nicht den Mut, ihr etwas derartiges zu sagen, bevor sie ihm nicht in unzweideutiger Weise ein Recht dazu gegeben hätte. Darum wartete er schweigend auf das, was sie ihm weiter mitzuteilen wünsche. Und es gab eine ziemlich lange, etwas peinliche Pause, bevor Mrs. Irwin, ersichtlich all ihren Mut zusammennehmend, fortfuhr:

„Sie waren ein Zeuge des Auftritts, der sich gestern abend in der Offiziersmesse zwischen meinem Mann und dem Kapitän Mc. Gregor abgespielt hat. Wenn ich recht unterrichtet bin, habe ich es sogar lediglich Ihnen zu verdanken, daß mein Mann nicht in der ersten Erregung Hand an sich gelegt hat.“

Bescheiden wehrte Heideck ab.

„Ich habe durchaus nichts getan, was mir einen Anspruch auf Ihre Dankbarkeit gäbe, Mrs. Irwin, und ich glaube auch nicht, daß Ihr Gatte sich wirklich zu einer solchen unsinnigen Verzweiflungstat hätte hinreißen lassen. Im entscheidenden Augenblick würde der Gedanke an Sie ihn sicherlich vor dem Aeußersten bewahrt haben.“

Er war überrascht von dem Ausdruck der Verachtung, den das schöne Gesicht der jungen Frau bei seinen letzten Worten angenommen hatte, und von dem harten Klang ihrer Stimme, da sie erwiderte:

„Der Gedanke an mich? Ah, wie wenig Sie meinen Mann kennen! Er ist nicht gewöhnt, um meinetwillen irgend welche Opfer zu bringen. Und vielleicht wäre sein freiwilliger Tod nicht einmal das Schlimmste, was er mir hätte antun können.“

Sie sah wohl die Bestürzung in seinen Zügen, und deshalb fügte sie rasch hinzu:

„Sie werden mich gewiß für das herzloseste Geschöpf halten, weil ich so zu einem Fremden sprechen kann. Aber gilt nicht auch in Ihrem Lande der Verlust der Ehre für schlimmer als der Tod?“

„Unter gewissen Umständen -- ja. Aber so tragisch ist die Lage Ihres Gatten hoffentlich nicht zu nehmen. Nach dem Eindruck, den ich bisher von der Persönlichkeit des Kapitäns Mc. Gregor empfangen habe, ist er nicht der Mann, der Mr. Irwin um einer leichtsinnig eingegangenen Spielschuld willen zum Aeußersten treiben wird.“

„O nein, Sie beurteilen diesen Ehrenmann vollkommen richtig. Er würde am liebsten ganz auf die Zahlung verzichten. Und in der Absicht, ein derartiges Arrangement herbeizuführen, war er heute nachmittag hier. Aber der törichte Stolz, die maßlose Eitelkeit Irwins machten alle seine guten Absichten zu schanden. Das Ergebnis von Mc. Gregors gut gemeinten Bemühungen war einzig eine heftige Szene, durch die die Sache nur noch mehr verschlimmert wurde. Mein Mann ist entschlossen, seine Schuld um jeden Preis zu bezahlen.“

„Und -- verzeihen Sie die indiskrete Frage -- ist er dazu imstande?“

„Wenn er sich meines Vermögens bedient -- gewiß! Und ich habe es ihm ohne weiteres zur Verfügung gestellt. Ich habe ihm gesagt, daß er alles bis auf den letzten Penny nehmen möge, wenn dieses Opfer ausreichend sei, mich für immer von ihm zu befreien.“

Heideck wußte kaum, ob er seinen Ohren trauen dürfe. Auf nichts in der Welt war er weniger vorbereitet gewesen, als darauf, solche Geständnisse zu empfangen. Er fing an, irre zu werden an dieser Frau, die ihm bisher der Inbegriff aller weiblichen Vollkommenheit gewesen war. Und er suchte nach einer Gelegenheit, weiteren Enthüllungen vorzubeugen, die sie seiner Ueberzeugung nach schon in der nächsten Stunde bereut haben würde.

„Niemand kann von Ihnen verlangen, Mrs. Irwin, daß Sie für eine sträfliche Leichtfertigkeit, für eine vielleicht im halben Rausch begangene Uebereilung Ihres Gatten ein so ungeheures Opfer bringen. Aber da Sie mich einmal der Ehre gewürdigt haben, mit mir über diese Dinge zu sprechen, so ist es vielleicht nicht unbescheiden, wenn ich Ihnen sage, daß es meiner Ansicht nach das richtigste wäre, Ihren Mann die Folgen seiner Handlungsweise tragen zu lassen. Sie brauchen wohl kaum zu fürchten, daß diese Folgen allzu schlimm sein werden. Mc. Gregor wird ihn gewiß nicht drängen. Und da wir unmittelbar vor dem Ausbruch eines Krieges zu stehen scheinen, gehen auch seine Vorgesetzten in diesem Augenblick wegen dieser Angelegenheit wohl nicht allzu streng mit ihm ins Gericht. Er wird vielleicht Gelegenheit haben, sein erschüttertes Ansehen durch soldatische Verdienste wieder gut zu machen oder den Tod auf dem Schlachtfelde zu suchen. In einigen Wochen oder Monaten werden alle diese Dinge, die Ihnen jetzt so viel Sorge verursachen, ein ganz anderes Gesicht zeigen.“

„Sie meinen es sehr gut, Mr. Heideck, und ich danke Ihnen für Ihre freundliche Absicht. Aber ich würde Sie nicht zu einer so ungewöhnlichen Zeit hierher gebeten haben, wenn es mir nur darum zu tun wäre, durch liebenswürdigen Zuspruch getröstet zu werden. Ich befinde mich in einer wahrhaft entsetzlichen Lage -- entsetzlich besonders deshalb, weil es hier niemanden gibt, dem ich mich anvertrauen, bei dem ich mir Rat und Beistand holen könnte. Daß ich in meiner Verzweiflung darauf verfiel, mich an Sie zu wenden, muß Sie gewiß in Erstaunen setzen. Und jetzt will es mir selber fast unbegreiflich erscheinen, wie ich Sie mit einer solchen Zumutung behelligen konnte.“

„Wenn Sie mir eine Möglichkeit zeigen können, Mrs. Irwin, Ihnen in irgend einer Weise dienlich zu sein, so bitte ich Sie, unbedingt über mich zu verfügen. Ich bin mit allem, was ich vermag, zu Ihren Diensten. Und Ihr Vertrauen würde mich sehr glücklich machen.“

„Als Gentleman dürfen Sie mir natürlich nicht anders antworten. In Ihrem Herzen aber halten Sie mein Benehmen doch vielleicht für unweiblich und unschicklich. Denn es ist ja richtig, daß wir einander kaum kennen. Drüben in England und gewiß nicht weniger in Ihrer deutschen Heimat würden so flüchtige Begegnungen, wie es die unsrigen waren, mir sicherlich kein Recht geben, Sie wie einen Freund zu behandeln. Und ich kann nicht wissen, inwieweit Sie unter dem Einfluß dieser europäischen Anschauungen stehen.“

„Auch in Deutschland würde jede schutzlose und unglückliche Frau unbedingten Anspruch auf meinen Beistand haben,“ erwiderte er ernst. „Wenn Sie mir vor Ihren hiesigen Freunden den Vorzug geben wollen, so habe ich das nur dankbar anzuerkennen und über Ihre Beweggründe nicht weiter nachzudenken.“

„Aber Sie sollen sie selbstverständlich erfahren. Meine hiesigen Freunde sind natürlich die Kameraden meines Mannes, und an sie kann ich mich nicht wenden, wenn ich damit nicht zugleich das Todesurteil über Irwin sprechen will. Keiner von ihnen dürfte es geschehen lassen, daß ein Mann vom Schlage meines Gatten nur eine Stunde länger dem Offizierkorps des britischen Heeres angehört.“

„Ich verstehe nicht recht, Mrs. Irwin. Die Spielaffäre des Kapitäns ist seinen Kameraden doch ohnedies kein Geheimnis mehr.“

„Es handelt sich auch nicht darum. Wie aber würden Sie über den Charakter eines Mannes urteilen, der seine Frau verkaufen will, um seine Schulden zu bezahlen?“

Das Wort hatte den Hauptmann getroffen wie ein Schlag. Mit großen Augen starrte er auf die junge Frau, die eine so ungeheuerliche Anklage gegen ihren Gatten erhob. Nie war sie ihm lieblicher erschienen, als in diesem Augenblick, wo eine Empfindung weiblicher Scham ihre eben noch so bleichen Wangen mit dunkler Glut bedeckt hatte. Nie hatte er mit gleicher Deutlichkeit gefühlt, ein wie köstlicher, unschätzbarer Besitz dies anmutige Wesen dem Manne sein müsse, dem es sich liebend zu eigen gegeben. Und je weniger er daran zweifelte, daß sie soeben die volle Wahrheit gesprochen, desto heißer wallte in seinem Herzen ein leidenschaftlicher Zorn gegen den Elenden auf, der verworfen genug sein konnte, das herrliche Kleinod in den Schmutz zu zerren.

„Ich wage nicht, Ihre Frage auf den Kapitän Irwin zu beziehen,“ sagte Heideck mit merklich bebender Stimme. „Denn wenn er dazu in Wahrheit fähig gewesen wäre -- -- --“

Ihn unterbrechend, deutete Edith auf ein kleines Etui, das auf dem neben ihr stehenden Tischchen lag.

„Möchten Sie sich nicht einmal diesen Ring ansehen, Mr. Heideck?“

Er leistete ihrem Verlangen Folge und glaubte in dem Schmuckstück denselben prachtvollen Brillanten zu erkennen, den er gestern an Irwins Finger hatte funkeln sehen. Er gab dieser Vermutung Ausdruck, und die junge Frau nickte bestätigend.

„Ich habe ihn meinem Manne an unserem Hochzeitstage geschenkt. Der Ring ist ein altes Erbstück in meiner Familie. Juweliere schätzen seinen Wert auf mehr als tausend Pfund.“

„Und weshalb trägt Ihr Gatte ihn nicht mehr?“

„Weil er die Absicht hat, ihn zu verkaufen. Natürlich ist der Maharadjah hier der einzige, der sich den Luxus solcher Erwerbungen gestatten darf. Und mein Gatte wünscht, daß ich den Handel mit dem Fürsten abschließe.“

„Sie, Mrs. Irwin? Und warum tut er es nicht selbst?“

„Weil der Maharadjah ihm den Preis nicht zahlen will, den er fordert. Mein Mann will den Ring nicht unter zwei Lakh hergeben.“

„Aber das ist ja ungeheuerlich! Damit wäre er mehr als zwölffach überzahlt!“

„Mein Mann ist trotzdem sicher, daß das Geschäft ohne Schwierigkeiten zustande kommen würde, wenn ich die persönliche Vermittelung übernähme.“

Es war unmöglich, den Sinn ihrer Worte mißzuverstehen. Und so groß war die Erregung, in welche sie den Hauptmann versetzten, daß er ungestüm von seinem Stuhle aufsprang.

„Nein, das ist unmöglich -- undenkbar! -- Das konnte er Ihnen nicht zumuten! Sie müssen ihn mißverstanden haben. Einer solchen Nichtswürdigkeit kann ein Mann, kann ein Offizier, kann ein Gentleman niemals fähig sein!“

„Sie würden weniger erstaunt sein, wenn Sie Gelegenheit gehabt hätten, ihn kennen zu lernen, wie ich ihn in der kurzen Zeit unserer Ehe kennen gelernt habe. Es gibt schon beinahe nichts mehr, das mich in seiner Handlungsweise überraschen könnte. Er hat eben längst aufgehört, mich zu lieben. Und eine Frau, deren Person ihm gleichgiltig geworden ist, hat für ihn nur noch den Wert eines Handelsobjekts. Vielleicht gibt es für seine Denkungsart sogar eine gewisse Entschuldigung. Es ist möglicherweise ein atavistischer Rückfall in die Anschauungen seiner Vorfahren, die ihre Weiber, wenn sie ihrer überdrüssig geworden waren, mit einem Strick um den Hals auf den Marktplatz führten, um sie an den Meistbietenden zu verkaufen. Es soll noch nicht gar zu lange her sein, daß sich diese schöne Sitte verloren hat.“

„Nicht weiter, Mrs. Irwin!“ fiel ihr Heideck ins Wort. „Ich kann es nicht ertragen, Sie so sprechen zu hören. Und noch immer bin ich der Meinung, daß der Kapitän unzurechnungsfähig gewesen sein muß, als er Ihnen das zumuten konnte.“

Die junge Frau schüttelte mit einem herben Zucken der Lippen den Kopf.

„O nein, er war weder betrunken, noch sonderlich aufgeregt, als er mich um diese ‚kleine‘ Gefälligkeit ersuchte. Am Ende sollte ich mich seiner Meinung nach noch dadurch geschmeichelt fühlen, daß Seine indische Hoheit meiner unbedeutenden Person einen so großen Wert beimißt. Daß ich ohne mein Zutun das Wohlgefallen des Maharadjah erregt habe, war mir allerdings schon seit einiger Zeit zum Bewußtsein gekommen. Nach der ersten Begegnung schon hat er angefangen, mich mit seinen Aufmerksamkeiten zu belästigen. Ich habe davon keine Notiz genommen und nicht einen Augenblick an die Möglichkeit gedacht, daß sich seine -- nun, nennen wir es: seine Zuneigung -- bis zu verbrecherischen Wünschen versteigen könnte. Nach allem, was ich heute erfahren, muß ich es indes wohl glauben.“

„Aber diese Abscheulichkeit, Mrs. Irwin, war doch für Sie in demselben Augenblick erledigt, wo Sie das Ansinnen Ihres ehrvergessenen Gatten zurückwiesen?“

„Zwischen ihm und mir -- ja. Aber ich bin nicht ganz sicher, ob damit die Wünsche des Maharadjah wirklich schon ganz vergessen sind. Meine indische Zofe ist von einem ihrer Landsleute aufgefordert worden, mich vor einer Gefahr zu warnen, die mich bedroht. Der Mann hat ihr nicht gesagt, worin diese Gefahr besteht; aber ich wüßte nicht, woher sie kommen sollte, wenn nicht von dem Maharadjah.“

Ungläubig schüttelte Heideck den Kopf.

„Von ihm haben Sie sicherlich nichts zu fürchten. Er weiß sehr wohl, daß er die ganze britische Macht gegen sich herausfordern würde, wenn er die Gattin eines englischen Offiziers auch nur mit einem Wort zu verletzen wagte. Er müßte geradezu wahnwitzig sein, wenn er es darauf ankommen ließe.“

„Nun, etwas Despotenwahnsinn mag schon noch in ihm stecken. Wir dürfen doch nicht vergessen, daß die Zeit nicht allzuweit zurückliegt, wo alle diese Tyrannen unumschränkt über Leben und Tod, über Leib und Seele ihrer Untertanen geboten. Und wer weiß, was mein Gatte -- -- -- Aber Sie mögen ja recht haben. Es ist vielleicht eine ganz törichte Vermutung, von der ich mich da beunruhigen lasse. Und eben deshalb wollte ich auch zu keinem von meines Mannes Kameraden davon sprechen. Ihnen allein habe ich mich offenbart. Ich weiß, daß Sie ein Ehrenmann sind und daß niemand aus Ihrem Munde erfahren wird, was in dieser Stunde zwischen uns gesprochen wurde.“

„Ich danke Ihnen noch einmal für Ihr Vertrauen, Mrs. Irwin, aber ich möchte so gerne etwas tun, Sie aus Ihrer Unruhe zu befreien. Sie fürchten sich vor einer unbekannten Gefahr, und Sie sind in dieser Nacht bei der Abwesenheit Ihres Gatten ohne einen anderen Schutz als den Ihrer indischen Dienerschaft. Wollen Sie mir gestatten, bis zum Tagesanbruch in Ihrer Nähe zu bleiben?“

Mit einem Erröten, das sein Herz schneller schlagen machte, schüttelte Edith Irwin den Kopf.

„Nein -- nein! -- Das ist unmöglich. Und ich glaube ja auch nicht, daß mir hier im Schutze meines Hauses und inmitten meiner Leute ein Leid geschehen könnte. Nur für den Fall, daß mir zu einer anderen Zeit und an einem anderen Orte etwas zustoßen sollte, würde ich Sie bitten, den Obersten Baird von dem Inhalt unserer heutigen Unterredung in Kenntnis zu setzen. Man wird den Zusammenhang der Dinge dann vielleicht besser begreifen.“

Wohl verstand Heideck jetzt, weshalb sie gerade ihn, den Fremden, zu ihrem Vertrauten gemacht hatte. Und er glaubte auch zu erraten, daß es viel weniger die Besorgnis vor einem Anschlage des Maharadjah, als vor einer Schurkerei ihres eigenen Gatten sei, von der die unglückliche junge Frau geängstigt wurde. Aber sein Zartgefühl hielt ihn ab, mit dürren Worten auszusprechen, daß er sie begriffen habe. Es war ja auch genug, wenn sie wußte, daß sie unbedingt auf ihn zählen dürfe. Und davon mußte sie hinlänglich überzeugt sein, obgleich es nur der Blick seiner Augen war, der sie dessen versicherte, und der lange, heiße Kuß, den seine Lippen auf die zum Abschied gereichte eiskalte, kleine Hand des armen jungen Weibes drückten.

„Sie werden mir erlauben, Ihnen morgen noch einmal meine Aufwartung zu machen, nicht wahr?“

„Ich werde Ihnen Nachricht geben, wann ich Sie erwarte; ich möchte nicht, daß Sie meinem Mann begegnen. Vielleicht ahnt er, daß Sie mir freundlich gesinnt sind. Und das genügt, um ihn mit Mißtrauen und Abneigung gegen Sie zu erfüllen.“

Sie klatschte in die Hände, und da jetzt die indische Zofe eintrat, um den Besucher hinaus zu geleiten, mußte Heideck ihre letzte Bemerkung unbeantwortet lassen. Als er sich auf der Schwelle aber noch einmal zu einer letzten Verbeugung umwandte, suchten seine Augen die ihrigen, und wenn auch ihre Lippen stumm blieben, hatten sie einander doch vielleicht in dieser einzigen Sekunde mehr gesagt, als während ihres ganzen, langen Beisammenseins.

VI.

Als Heideck in den Garten hinaustrat, vermochte er sich zunächst kaum zu orientieren, aber nach einigen Schritten hatten seine Augen sich hinlänglich an die nächtliche Dunkelheit gewöhnt, und das schwache Licht der Sterne zeigte ihm den Weg.

Eine undurchdringliche Hecke von Kaktuspflanzen, die indessen niedrig genug war, um einen hochgewachsenen Mann darüber hinwegsehen zu lassen, bildete die Umfassung des Gartens. Als er die hölzerne Pforte hinter sich geschlossen, blieb Heideck jenseits dieser Hecke stehen und blickte nach den hell erleuchteten Fenstern des Hauses zurück. Solange er der schönen Frau gegenübergestanden, hatte er sich mannhaft beherrscht. Kein rasches Wort hatte ihr den Sturm von Gefühlen verraten, den diese nächtliche Unterredung in seiner Brust entfesselt hatte. Nicht eine Sekunde lang hatte er vergessen, daß sie das Weib eines anderen sei und daß er eine Ehrlosigkeit beging, sie zu seinem Weibe zu begehren, solange sie an diesen anderen gefesselt war. Darüber aber, daß sein Blut mit ungestümer Leidenschaft nach ihr verlangte, konnte er sich selbst nicht länger täuschen. Heute zum ersten Male war ihm mit fast erschreckender Deutlichkeit zum Bewußtsein gekommen, daß er diese Frau liebte, wie er noch nie ein weibliches Wesen geliebt hatte. Doch es war für ihn nichts berauschendes oder beglückendes in dieser Erkenntnis. Viel eher erfüllte sie ihn mit einer Empfindung der Furcht vor den Wirren und Kämpfen, in die seine Liebe zu dieser schönen Frau ihn verwickeln konnte. Wäre sie nicht seines Schutzes bedürftig gewesen und hätte er nicht sein Wort gegeben, zu ihrem Beistande hier zu bleiben, er würde sich dem schweren Herzenskonflikt durch eine rasche Flucht entzogen haben. Aber davon konnte unter diesen Umständen nicht mehr die Rede sein. Er selbst hatte ihr heute ein Recht gegeben, auf seine Freundschaft zu zählen; und es war ein Gebot der Ritterlichkeit, ihr Vertrauen auch zu verdienen.

Unfähig, sich von der Stelle loszureißen, wo er das geliebte Weib wußte, verharrte Heideck wohl schon eine Viertelstunde lang auf seinem Platze, und als er endlich -- das törichte seines Beginnens erkennend -- den Entschluß gefaßt hatte, sich zur Heimkehr zu wenden, machte er eine Wahrnehmung, die befremdlich genug war, um ihn zu längerem Weilen zu veranlassen.

Er sah, daß die Haustür, die vorhin die indische Zofe hinter ihm geschlossen hatte, sich öffnete, und bei dem Lichtschein, der aus dem erhellten Flur in die Dunkelheit hinausfiel, bemerkte er, wie mehrere in helle Gewänder gekleidete Männer dicht hintereinander die Stufen hinaufeilten.

Er erinnerte sich an Mrs. Irwins rätselhafte Aeußerungen von einem Unglück, das ihr möglicherweise bevorstände, und von einer beängstigenden Ahnung erfaßt, stieß er die Gartenpforte wieder auf und eilte dem Hause zu.

Noch hatte er es nicht erreicht, als der gellende Hilferuf einer weiblichen Stimme an sein Ohr schlug. Heideck riß den Revolver, den er stets bei sich führte, aus der Tasche und sprang mit einigen Sätzen die Treppe empor. Die Tür des Salons, wo er vorhin noch mit der Gattin des Kapitäns gesprochen hatte, war weit geöffnet, und von dort her ertönten die Hilferufe, deren verzweifelter Klang dem Hauptmann die Gewißheit gab, daß es eine furchtbare Gefahr sein müsse, von der Edith Irwin bedroht war. Nur wenige Schritte noch, und er sah die junge Engländerin mit wahrem Todesmut gegen drei weißgekleidete, eingeborene Männer sich wehren, die offenbar willens waren, sie mit sich fortzuschleppen. Ihr leichtes Seidenkleid war bei diesem ungleichen Kampfe bereits in Fetzen gegangen, und so groß war Heidecks Empörung über die ungeheuerliche Brutalität der Angreifer, daß er keinen Augenblick zögerte, seine Waffe gegen den baumlangen, wild aussehenden Burschen abzudrücken, dessen braune Hände eben mit rohem Griff die entblößten Arme der jungen Frau umklammerten.

Der Schuß krachte, und mit einem kurzen, dumpfen Aufschrei taumelte der Getroffene zurück. Entsetzt ließen die beiden anderen von ihrem Opfer ab. Einer von ihnen riß seinen Säbel aus der Scheide und drang auf den Deutschen ein. Heideck konnte nicht zum zweiten Male schießen, weil er fürchten mußte, Edith zu treffen. Darum warf er ohne Besinnen den Revolver zu Boden und packte mit einer Gewandtheit, auf die der Angreifer nicht vorbereitet war, den schon zum Schlage erhobenen Arm des Inders. Er war ihm an Körperkraft weit überlegen und hatte ihm mit einem raschen Griff den Säbel entwunden. Da gab der waffenlos gewordene den Kampf auf und suchte gleich seinem dritten Gefährten, der bereits mit lautlosen, katzenartigen Sprüngen entwischt war, sein Heil in der Flucht.

Heideck verfolgte ihn nicht. Er dachte nur an Edith und daran, daß ihr von den Banditen vielleicht schon ein Leid geschehen war. Sie war in demselben Augenblick, da die gewalttätigen Hände der Inder von ihr abließen, auf den Teppich niedergesunken, und ihr marmorbleiches Antlitz erschien Heideck wie das einer Toten.

Während seltsamerweise weder Ediths gellende Hilferufe, noch der Knall des Schusses einen von den Dienstboten herbeizurufen vermocht hatten, tauchten jetzt, da die Gefahr vorüber war, plötzlich ein paar verstörte braune Gesichter in der Türöffnung auf. Und die energische Aufforderung, die Heideck in englischer Sprache an die noch ängstlich zaudernde Zofe richtete, brachte sie zum Bewußtsein ihrer Pflicht zurück.

Mit ihrer Hilfe trug Heideck die Ohnmächtige zu einer Chaiselongue, und da er auf dem Tischchen eines der grünen Fläschchen mit Lavendelwasser liegen sah, die in keinem englischen Hause fehlen, bediente er sich des starkduftenden Reizmittels, so gut er es verstand, während die Inderin die Fußsohlen ihrer jungen Herrin rieb und allerlei andere, unter den Eingeborenen gebräuchliche Handgriffe anwendete, um die Bewußtlose ins Leben zurückzurufen.

Nach kurzer Zeit schon schlug Edith unter diesen vereinten Bemühungen die Augen auf, und nachdem sie mit wirrem, verständnislosen Blick umhergesehen, kehrte ihr in dem Augenblick, wo sie den auf dem Boden ausgestreckten Körper des von Heideck erschossenen Inders erblickte, mit voller Klarheit die Erinnerung an das Geschehene zurück.

Den letzten Rest der lähmenden Schwäche mit der Energie eines festen Willens abschüttelnd, sprang sie auf.

„Sie waren es, der mich gerettet hat, Mr. Heideck -- Sie haben Ihr Leben für mich eingesetzt -- wie soll ich Ihnen danken!“