Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman
Part 28
Alles, was die moderne Kriegstechnik an Vernichtungsmitteln kennt, wurde von jedem der beiden Gegner aufgeboten, um dem anderen den Sieg zu entreißen. Zu den Granaten der schweren Geschütze gesellten sich die Geschosse der leichteren Armierung und der in den Gefechtsmarsen postierten Maschinengewehre, so daß es im eigentlichsten Sinne des Wortes ein ‚Geschoßregen‘ war, der beim Passieren auf die in Rauch und Dampf gehüllten Schiffe niederging.
Hermann Heideck hatte in Indien die Schrecken des Landkrieges in ihren mancherlei Gestalten so gründlich kennen gelernt, daß er seine Nerven vollkommen gestählt glaubte gegen den grauenhaften Anblick von Tod und Verwüstung. Die Szenen aber, die sich während dieses Kampfes rings um ihn her auf dem verhältnismäßig engen Raum des prächtigen Flaggschiffes abspielten, ließen in ihrer Furchtbarkeit alles hinter sich zurück, was er bisher erlebt hatte. Heideck war voller Bewunderung über den Heldenmut und die todverachtende Disziplin der Offiziere und Mannschaften, von denen keiner auch nur einen Fuß breit von dem ihm zugewiesenen Posten wich.
Da er bei dem jetzt auf seinem Höhepunkt angelangten Drama nur die Rolle eines untätigen Zuschauers spielte, konnte er sich frei in allen Teilen des Admiralschiffes bewegen. Und wohin er auch kam, überall bot sich seinem Auge dasselbe Schauspiel grauenhafter Zerstörung und heldenmütiger Pflichterfüllung.
Der Aufenthalt in den Geschütztürmen und Kasematten war für die Bedienungsmannschaften zu einer geradezu höllischen Pein geworden. Es herrschte in den niederen, eisengepanzerten Räumen eine Gluthitze, die selbst das Atmen erschwerte. Der ungeheure Lärm und die übermenschliche Erregung der Nerven schienen derart abstumpfend auf die Sinne der Leute gewirkt zu haben, daß sie überhaupt keine klare Vorstellung mehr hatten von dem, was um sie her vorging. Auf ihren Gesichtern lag nicht jener Ausdruck von Erbitterung und Wut, den Heideck in der Landschlacht bei Lahore in den Physiognomieen so vieler Soldaten gesehen hatte, vielmehr beobachtete er eine gewisse stumpfe Gleichgültigkeit, die durch das Gräßliche der Situation nicht mehr erschüttert werden konnte.
Eine Granate schlug vor Heidecks Augen in eine Batterie ein, krepierte und riß mit ihren umherfliegenden Sprengstücken fast die ganze Bedienungsmannschaft nieder. Glücklich die, welche dabei sofort den Tod gefunden hatten. Denn die Verletzungen derer, die sich verwundet am Boden krümmten, waren entsetzlicher Natur. Die glühendheißen Eisenstücke, die den Unglücklichen das Fleisch zerrissen und die Knochen zerschmetterten, fügten ihnen auch gleichzeitig schreckliche Brandwunden zu. Heideck würde es für eine Tat der Menschlichkeit gehalten haben, wenn er mit einem wohlgezielten Revolverschuß die Leiden dieses oder jenes Unglücklichen hätte enden dürfen, dem Haut und Fleisch in Fetzen vom Leibe hingen oder dessen Glieder zu formlosen blutigen Massen verwandelt waren.
Aber die unverletzt Gebliebenen erfüllten nach wenigen Augenblicken der Betäubung wieder ihre Pflicht mit derselben mechanischen Präzision wie zuvor. Zwischen ihren toten und sterbenden Kameraden, um die sich für den Augenblick niemand kümmern konnte, standen sie in dem warmen Menschenblute, das den Boden schlüpfrig machte, und bedienten das nur unerheblich beschädigte Geschütz ruhig weiter.
Ein blutjunger Seekadett, der aus dem Kommandoturme des Prinz-Admirals mit einem Befehl in den Maschinenraum hinuntergeschickt worden war, kam Heideck auf dem schmalen, erstickend heißen Gange entgegen. Es war ein schlanker, hübscher Jüngling mit zartem Knabengesicht. Aus einer Stirnwunde lief ihm das Blut über Auge und Wange. Er mußte mit beiden Händen an der Wand eine Stütze suchen, während er in übermenschlicher Willenskraft seine wankenden Kniee zwang, ihn vorwärts zu tragen, denn er war nur von dem einzigen Gedanken erfüllt, daß er aufrecht bleiben müsse, bis er sich seines Auftrages entledigt habe. Als Heideck ihn in mitleidiger Teilnahme nach der Art seiner Verwundung fragte, versuchte er die bleichen, schmerzzuckenden Lippen sogar noch zu einem Lächeln zu verziehen, denn trotz seiner siebzehn Jahre fühlte er sich in diesem Augenblick ja ganz als Mann und als Soldat, dem es süß und ehrenvoll war, für das Vaterland zu sterben. Aber sein heldenmütiger Wille war doch stärker gewesen, als sein zum Tode verwundeter Körper. Bei dem Versuch, vor dem Major eine straffe, dienstliche Haltung anzunehmen, brach er plötzlich zusammen. Er hatte gerade noch Kraft genug, Heideck den Befehl des Admirals zu übermitteln und ihn zu bitten, den Befehl weiterzugeben. Dann verließen ihn seine Sinne.
In einer anderen Batterie war durch eine einschlagende Granate die bereit gehaltene Munition zum Explodieren gebracht worden. Hier kam auch nicht ein Mann mit dem Leben davon. Heideck selbst, obwohl er sich seit Beginn der Schlacht stets rücksichtslos allen Gefahren ausgesetzt hatte, war wie durch ein Wunder bisher dem ihn in hundert verschiedenen Gestalten umdrohenden Tode entgangen. Es war ihm vergönnt gewesen, auf den ausdrücklichen Befehl des Prinzen längere Zeit in dem oberen Kommandoturm zu verweilen, von wo aus der fürstliche Admiral die Schlacht leitete, und die zielbewußte, überlegene Ruhe des höchsten Befehlshabers hatte ihn trotz der Uebermacht der Engländer mit der unerschütterlichen Zuversicht eines für die deutsche Flotte glücklichen Ausganges erfüllt.
Seitdem Heideck aus Brandelaars Munde die Nachricht von Edith Irwins Tode erhalten hatte, war in seinem Innern alles erstorben, was ihn mit rein menschlichen Gefühlen und Empfindungen an das Leben noch geknüpft hatte. Er war nichts mehr als der Soldat, dessen Denken und Trachten ausschließlich erfüllt war von der Sorge um den Sieg der vaterländischen Waffen. Alle persönlichen Schicksale waren seinem Erinnern vollständig entrückt, als lägen sie um Jahrzehnte hinter ihm. Und so bedeutungslos war ihm in diesen Augenblicken, wo um das Sein und Nichtsein von Nationen gerungen wurde, das eigene Leben, daß er sich nicht einmal der tollkühnen Unerschrockenheit bewußt wurde, mit der er es bei jedem seiner Schritte aufs Spiel setzte. --
Majestätisch und gewaltig, todbringende Blitze aus ihren Türmen und Geschützluken sprühend, hatte die ‚Wittelsbach‘ bisher ihren Weg gemacht, der Wunden nicht achtend, die feindliche Geschosse ihrem Körper geschlagen. Und eine fast dankbare Empfindung für das herrliche Schiff, das ihn trug, regte sich in Heidecks Herzen.
‚Du machst fürwahr dem großen Namen Ehre, den man dir gegeben‘, dachte er. Seine Augen suchten durch Rauch und Qualm den Kommandoturm, in dem er den Prinz-Admiral wußte. Aber er fand ihn nicht mehr, denn plötzlich legte sich's wie ein dichter schwarzer Nebel vor seine Augen. Er hatte nur einen leichten Schlag gegen seine Brust gefühlt, keinen Schmerz. Seine Hand wollte sich zu der getroffenen Stelle erheben, aber kraftlos sank sie wieder herab. Es war ihm, als würde er von einer unsichtbaren Faust im Kreise gedreht. Tausende von leuchtenden Feuergarben schossen plötzlich aus dem schwarzen Nebel auf -- dann wurde es vollends Nacht um ihn her -- tiefe, undurchdringliche Nacht und feierliches, lautloses Schweigen.
Der Major Hermann Heideck hatte den Heldentod gefunden.
* * * * *
Ein durch Signale herbeigerufenes Torpedoboot näherte sich in schnellster Fahrt dem auf der Seite liegenden Flaggschiff des Prinz-Admirals. Ein Breitseittorpedo hatte die ‚Wittelsbach‘ getroffen. Und wenn auch das Sinken des Panzers nicht zu befürchten stand, war doch eine weitere Leitung der Schlacht vom Bord des bisherigen Flaggschiffes aus unmöglich geworden.
Der damit verbundenen Gefahr nicht achtend, ließ sich der Prinz-Admiral mit seinem Stabe von dem Torpedoboot an Bord des Linienschiffes ‚Zähringen‘ bringen, auf dem alsbald seine Flagge emporstieg.
* * * * *
Wohl war der Verlauf der Schlacht bisher ein für die deutsche Flotte überraschend günstiger gewesen. Ihre Verluste waren beträchtlich geringer als die des an Zahl weit überlegenen Feindes, und ihre Schiffe befanden sich mit wenigen Ausnahmen noch in gefechtstüchtigem und manövrierfähigem Zustande. Von einer Entscheidung zu Gunsten der deutschen Flotte aber konnte bei der Stärke der noch verfügbaren gegnerischen Kräfte bisher nicht die Rede sein. Und wenn auch das geschickte Manöver des deutschen Geschwaders den beabsichtigten Vorstoß der Engländer vereitelt und ihnen sehr empfindlichen Schaden zugefügt hatte, so war Sir Domvile doch noch immer die Möglichkeit geboten, die Scharte auszuwetzen und das launische Schlachtenglück an seine Flagge zu fesseln.
Hatten sich doch auf den anderen deutschen Linienschiffen und Kreuzern dieselben furchtbaren Szenen abgespielt, wie die, deren Zeuge Major Heideck an Bord der ‚Wittelsbach‘ gewesen war. Ueberall war das Blut in Strömen geflossen, und bei einer weiteren Fortdauer des mörderischen Gefechts konnte der Augenblick nicht fern sein, wo die Lücken, die der Tod in die Reihen der wackeren Schiffsbesatzungen gerissen, nicht mehr auszufüllen waren. Ein paar glückliche Torpedoschüsse der Engländer -- und keine Genialität der obersten Leitung, kein Heldenmut der Kommandanten, Offiziere und Mannschaften hätte noch einen für die deutschen Waffen ungünstigen Ausgang abzuwenden vermocht.
Da plötzlich, von Süd-Westen her kam ein neues, anscheinend sehr starkes Geschwader in Sicht, das, wenn es eine britische Reserveflotte war, den Sieg sofort zu Gunsten der Engländer entscheiden mußte.
Minuten höchster Spannung und Erregung waren es, die man bis zu dem Augenblick der erlösenden Gewißheit an Bord der deutschen Schiffe durchlebte. Um so beglückender aber wirkte nun die Erkenntnis, daß man es nicht mit neuen Streitkräften des Feindes, sondern mit dem in schnellster Fahrt herankommenden französischen Geschwader des Admirals Courthille zu tun habe, das gerade im rechten Moment die Entscheidung bringen sollte.
Nun war mit einem Schlage das Bild so völlig zu Ungunsten der Engländer verwandelt, daß ein Sieg der britischen Flotte zur Unmöglichkeit geworden war. Das Eingreifen des noch völlig intakten, aus zehn Linienschiffen, zehn großen und einer entsprechenden Anzahl kleiner Kreuzer bestehenden französischen Geschwaders in den Kampf mußte notwendig die Vernichtung der englischen Flotte herbeiführen. Der englische Admiral war einsichtig genug, die Sachlage richtig zu beurteilen, sobald auch er die herannahenden Schiffe als die französische Flotte erkannt und sich Gewißheit über die Stärke des Gegners verschafft hatte. Den eben gegebenen Befehlen zu einer abermaligen Angriffsformation folgten jetzt an Bord des englischen Flaggschiffes neue Signale, die nichts anderes bedeuteten als die Ordre zum schleunigen Rückzug. Der englische Admiral gab die Schlacht endgültig verloren und hielt es für seine Pflicht, von den ihm anvertrauten Schiffen zu retten, was sich noch retten ließ. Ehe die Franzosen wirksam in den Kampf eingreifen konnten, dampfte die englische Flotte mit aller Kraft nach Nord-West ab.
Donnernde Hurras auf allen deutschen Schiffen feierten den mit diesem Rückzuge proklamierten Sieg. Die Torpedo-Divisionsboote und ein paar schnelle Kreuzer erhielten Befehl, sich in Kontakt mit dem fliehenden Feinde zu halten.
Der kommandierende französische Admiral war an Bord des Flaggschiffes ‚Zähringen‘ gegangen, um sich und sein Geschwader unter den Oberbefehl des Prinz-Admirals zu stellen und über die weiteren gemeinsamen Operationen der beiden vereinigten Flotten ein Einverständnis herzustellen. Denn es unterlag keinem Zweifel, daß dieser Sieg sofort bis aufs äußerste ausgenutzt werden mußte, wenn er ein wirklich entscheidender sein sollte.
In tiefer Bewegung schloß der Prinz den Admiral Courthille in seine Arme und dankte ihm für sein Erscheinen in der entscheidenden Stunde. Der französische Admiral aber entschuldigte sich wegen seines späten Eingreifens in die Schlacht. „Ich mußte die Nacht abwarten und weit in See gehen mit südwestlichem Kurs, bevor ich den nördlichen Kurs nehmen konnte, um unter dem Schutze der Nacht ungesehen von dem uns blockierenden englischen Geschwader des Prinzen Battenberg den Durchbruch bewerkstelligen zu können.“
Inzwischen waren die hinter dem Feinde hergesandten Aufklärungsschiffe mit der Meldung zurückgekommen, daß die englische Flotte ihren Kurs geändert hätte und auf die Themse zuzuhalten schiene. Ein weiteres Verfolgen des Feindes war nicht möglich gewesen, da der englische Admiral einige Schiffe detachiert hatte, denen die nachfolgenden deutschen Kreuzer nicht gewachsen waren.
Es waren Vorbereitungen getroffen worden, die Verwundeten und Toten an Bord der durch ein Signal dazu bestimmten Schiffe zu geben, was sich auch bei der nun ruhiger gewordenen See mit nicht allzugroßen Schwierigkeiten bewerkstelligen ließ. Jetzt, wo der furchtbare Kampf ausgetobt hatte, kamen die Besatzungsmannschaften erst zum vollen Bewußtsein der durchlebten Schrecknisse. Die Bergung der Verwundeten zeigte, welche grausamen Opfer die Schlacht gefordert hatte. Es war eine schwere und traurige Aufgabe, die manches starke Seemannsherz in Schmerz und Mitleid erbeben ließ. Die Gefallenen waren durch die Sprenggeschosse, die ihnen den Tod gebracht hatten, zumeist entsetzlich zugerichtet, und auch die Verletzungen der Verwundeten, denen die an Bord befindlichen Aerzte im Getümmel der Schlacht nur notdürftig die erste Hilfe hatten angedeihen lassen können, waren fast durchweg so schwerer Art, daß der Transport nur langsam vor sich gehen konnte.
Nachdem die deutschen Schiffe durch Signale gemeldet hatten, daß sie wieder gefechtsfähig wären, erhielten die anderen, welche die Toten und Verwundeten an Bord hatten, sowie die nicht mehr gefechtsfähigen deutschen und die genommenen englischen Schiffe den Befehl nach Antwerpen zu gehen. Das vereinigte deutsch-französische Geschwader aber setzte sich unter dem Oberbefehl des Prinz-Admirals, den Kurs auf die Themsemündung nehmend, in Bewegung.
XXXV.
Die langen Fensterreihen von Hampton Court Palace bei London waren trotz der vorgerückten Nachtstunde noch hell erleuchtet. Der vom Regiment der Königs-Ulanen gestellte Doppelposten vor dem Portal kam nicht zur Ruhe, denn ein unausgesetztes Kommen und Gehen hoher Offiziere von den Armeen der drei verbündeten Nationen verlangte die militärischen Honneurs. Unmittelbar nach der für England so unglücklich verlaufenen Seeschlacht bei Vlissingen waren eine große französische Armee und einige Garde-Regimenter des Zaren bei Hastings an der englischen Küste gelandet worden und lagen nun im besten freundnachbarlichen Einvernehmen mit den französischen und den von Schottland her anmarschierten deutschen Truppen im Lager von Aldershot. Das Hauptquartier des Prinz-Admirals war nach Hampton Court verlegt worden, dessen stilles, altehrwürdiges und altberühmtes Schloß damit plötzlich zum Mittelpunkt eines regen militärischen und diplomatischen Lebens wurde.
Ernsthafte kriegerische Operationen kamen zwar kaum noch in Frage, denn die Voraussetzung, daß die Landung großer feindlicher Heere tatsächlich das Ende des Feldzuges bedeuten würde, hatte sich als zutreffend erwiesen.
Bei dem Widerstand, den englische Truppenkörper den Franzosen auf ihrem Vormarsche gegen London zu leisten versucht, hatten zwar die englischen Freiwilligen ihre Tapferkeit und ihren patriotischen Opfermut im hellsten Lichte gezeigt, aber sie hatten den Siegeslauf des besser geleiteten Gegners nicht mehr aufhalten können. So war der Abschluß eines Waffenstillstandes zum Zwecke von Verhandlungen über den von England angebotenen Frieden erfolgt, noch ehe die von Schottland her vorrückenden deutschen Truppen Gelegenheit gehabt hatten, in die kriegerischen Ereignisse zu Lande einzugreifen.
Der Friedensschluß, von allen Kulturnationen des Erdballs herbeigesehnt, konnte als gesichert gelten, wenn auch kein Zweifel darüber bestand, daß seiner endgültigen Unterzeichnung noch lange und schwierige Verhandlungen würden vorausgehen müssen. Der von dem deutschen Reichskanzler angeregte Gedanke, einen allgemeinen Kongreß nach dem Haag einzuberufen, auf dem nicht nur die kriegführenden Parteien sondern alle Regierungen vertreten sein sollten, hatte allgemeine Zustimmung gefunden, da alle Staaten an der Neugestaltung der Machtverhältnisse interessiert waren. Die Erledigung der Friedenspräliminarien aber mußte zunächst Sache der kriegführenden Mächte sein, und es waren zu diesem Zwecke außer dem deutschen Reichskanzler, Freiherrn von Grubenhagen, der französische Minister des Auswärtigen, Delcassé, und der russische Staatssekretär Witte, in Begleitung des Grafen Lambsdorff, mit einem ganzen Stabe von Beamten und diplomatischen Hilfsarbeitern in Schloß Hampton Court eingetroffen.
Die Vorverhandlungen zwischen diesen Staatsmännern und den englischen Bevollmächtigten, dem Premierminister und ersten Lord des Schatzes Balfour und dem Lordpräsidenten des Geheimen Rates, Marquis von Londonderry, wurden mit rastlosem Eifer betrieben. Ueber ihr bisheriges Ergebnis aber wurde von allen Beteiligten das strengste Stillschweigen bewahrt.
Dafür, daß die Heerführer sich trotz der beginnenden Friedensverhandlungen nicht der Untätigkeit hingaben, war das Verhalten des Prinz-Admirals ein augenfälliger Beweis. Obwohl er sich der diplomatischen Aktion ganz fernhielt und sich lediglich mit den militärischen Angelegenheiten befaßte, war für ihn nicht nur jede Minute des Tages, sondern auch ein guter Teil der Nachtstunden ausgefüllt durch Arbeiten und Besprechungen mit den Herren seines Stabes, mit den leitenden Offizieren der Landarmee, sowie mit den Oberkommandos der verbündeten französischen und russischen Armee. Jedermann war voll Bewunderung für die nie versagende Frische und die unermüdliche Arbeitskraft des Prinzen, dessen hohe, schlanke Germanengestalt und dessen blondbärtiges Antlitz mit den ruhigen klaren Seemannsaugen auf niemanden, der ihm nahetrat, ihre imponierende Wirkung verfehlten. Nur sein kaiserlicher Bruder, der alle Fäden der politischen Aktion in der Hand hielt, mochte den Prinzen in der traditionellen Hohenzollern-Arbeitskraft in dieser großen Zeit noch übertreffen.
Es war nahe an Mitternacht, als nach einer langen, mit großer Lebhaftigkeit geführten Beratung der französische General Jeannerod das Arbeitskabinett des Prinzen verließ. Die Tür hatte sich kaum hinter ihm geschlossen, als der diensttuende Adjutant des Prinzen mit einem merklichen Ausdruck des Erstaunens im Klang der Stimme meldete:
„Seine Exzellenz der Herr Reichskanzler, Freiherr von Grubenhagen!“
Bis in die Mitte des Zimmers ging der Prinz dem Eintretenden entgegen und schüttelte ihm kräftig die Hand.
„Ich danke Ihnen, Exzellenz, daß Sie trotz der späten Stunde und trotz der Arbeitsüberhäufung meiner Bitte um eine Unterredung noch heute Folge geleistet haben. Ich hatte zu dieser Konferenz einen besonderen Grund, den Sie verstehen werden, wenn ich Ihnen sage, daß allerlei Gerüchte von übertriebenen Forderungen unserer Verbündeten zu mir gedrungen sind. Mein bisheriges Verhalten wird Ihnen ein Beweis dafür sein, daß ich nicht die Absicht habe, mich in die diplomatischen Verhandlungen einzumischen oder gar einen Einfluß in dem einen oder andern Sinne auszuüben. Ich fühle mich hier nicht als Staatsmann, sondern nur als Soldat, und gerade deshalb, meine ich, können Sie um so offener zu mir sprechen. Man sagte mir, es sei bei der Feststellung der Friedensbedingungen auf eine völlige Vernichtung Englands abgesehen.“
Der Kanzler, dessen männlich-charaktervollem Gesicht trotz der fast übermenschlichen Arbeitsleistungen nichts von Erschlaffung anzumerken war, sah dem Prinzen freimütig ins Auge und bewegte verneinend den Kopf.
„Königliche Hoheit sind nicht zutreffend unterrichtet worden. Eine Absicht, England zu vernichten, besteht weder bei uns, noch bei einem unserer Verbündeten. Allerdings herrscht darüber volle Einigkeit, daß dieser furchtbare Krieg nicht vergebens geführt sein darf und daß der Preis auch der Größe der Opfer entsprechen muß, mit denen er erkauft wurde.“
„Und wem soll dieser Preis zufallen?“
„Allen Nationen, Königliche Hoheit! Denn es wäre ein Frevel gewesen, diesen Weltenbrand zu entzünden, wenn es nicht in der sicheren Voraussetzung geschehen wäre, daß seine läuternden Flammen den Boden vorbereiten würden für das Glück und den Frieden der Völker. Jahrhundertelang hat Britannien seine Machtmittel dazu mißbraucht, die eigenen Reichtümer auf fremde Kosten zu vermehren. Skrupellos wußte es alles an sich zu raffen, was ihm erreichbar war, und damit, daß es bei jedem Schritt wichtige Lebensinteressen anderer Nationen verletzte, forderte es jenen Widerstand heraus, der jetzt die Zertrümmerung seiner Weltmacht-Stellung herbeigeführt hat. Das Glück der Völker erblüht nur aus einem auf lange Zeit hinaus gesicherten Frieden, und nur eine gerechte Verteilung des Besitzes der Erde kann den Weltfrieden gewährleisten. Darum wird England notwendig einen wesentlichen Teil seines überseeischen Besitzes ausliefern müssen. Rußland will den Weg zum indischen Ozean freihaben, denn nur wenn es eine genügende Anzahl von Häfen hat, die das ganze Jahr hindurch offen bleiben, werden die ungeheuren Reichtümer seines Bodens aufhören ein toter Besitz zu sein. Und Frankreich -- --“
„Bleiben wir zunächst bei Rußland, Exzellenz! Hat die russische Regierung ihre Forderungen bereits formuliert?“
„Diese Forderungen ergeben sich im wesentlichen schon aus der Kriegslage, denn sie gipfeln in der Abtretung von Britisch-Indien an Rußland. Was unser östlicher Nachbar darüber hinaus anstreben wird, soll weniger zu seiner Bereicherung, als zur Sicherung des europäischen Friedens dienen. Die ständige Gefahr, die der Ruhe Europas aus dem Wetterwinkel der alten Welt, der Balkanhalbinsel, droht, muß endlich beseitigt werden. Unter den beteiligten Mächten ist ein grundsätzliches Einverständnis darüber erreicht worden, daß die Interessen-Sphären Rußlands und Oesterreichs auf dem Balkan in einer Weise abzugrenzen sind, die eine definitive Regelung der Verhältnisse in den Balkanstaaten zur Folge hat. Es ist die Rede von einem selbständigen Königreich Macedonien unter der Herrschaft eines österreichischen Erzherzogs. Das Aequivalent für diesen Zuwachs der österreichischen Macht gegenüber dem russischen Reiche wird allerdings erst auf dem Haager Kongreß endgültig gefunden werden müssen. Jedenfalls aber soll den Gefahren, die dem europäischen Frieden von Bulgarien, Serbien und Montenegro her drohen, für die Zukunft wirksam vorgebeugt werden.“
„Aber fürchten Sie denn nicht, daß sich der Sultan einem solchen Ausgleich, der doch im wesentlichen auf Kosten der Türkei erfolgt, widersetzen wird?“
„Der Sultan wird sich der Macht der Verhältnisse beugen müssen. Wir dürfen nicht vergessen, Königliche Hoheit, daß der europäische Besitzstand der Türkei bisher viel weniger durch geheiligte Anrechte der Pforte als durch die Uneinigkeit der Großmächte aufrecht erhalten wurde. Die unaufhörlichen macedonischen Wirren haben gezeigt, daß der Sultan ebensowenig die Kraft als den guten Willen hat, den unter seiner Herrschaft stehenden Balkanländern eine den Forderungen moderner Kultur entsprechende Verwaltung zu geben. Wenn die Pforte den Rückhalt verliert, den sie bisher an England hatte, entfällt für den Sultan zugleich jede Möglichkeit eines ernsthaften Widerstandes.“
„Und was ist hinsichtlich Aegyptens geplant?“
„Aegypten bedeutet den Siegespreis für Frankreich, dem damit ja nur das zurückgegeben wird, was es auf Grund einer glorreichen Geschichte mit Recht beanspruchen darf. Die Souveränität des Sultans, die ja lediglich eine Formsache ist, wird auch weiter bestehen bleiben. Aber die Stellung, die jetzt England in Aegypten einnimmt, wird -- mit einer Einschränkung allerdings -- von nun an Frankreich zufallen.“
„Mit welcher Einschränkung?“