Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman

Part 27

Chapter 273,340 wordsPublic domain

Im roten Schein der untergehenden Sonne zeichneten sich beide Küsten violett vom tiefblauen Himmel und dem graublauen Meere ab, doch war die nördliche Küste weiter entfernt als die südliche. Von ruhiger See begünstigt, steuerte das Geschwader gut geschlossen in einer Längenausdehnung von etwa fünf Seemeilen in den Firth of Forth hinein.

Erwartungsvoll sah das Landungskorps das große, kühne Unternehmen vor seinen Augen sich entwickeln. Seit 900 Jahren war keine feindliche Armee an Englands Küste gelandet. Wohl hatte Britannien in alten Zeiten gegen eindringende Feinde kämpfen müssen: Julius Cäsar war als Sieger eingezogen, Knut der Große, König von Dänemark, hatte sich das Land unterworfen. Die Angeln und Sachsen waren von Deutschland herübergekommen, um sich zu Herren des Landes zu machen. Harald Schönhaar, der König von Norwegen, war in England gelandet. Aber seit Wilhelm von der Normandie, der die Sachsen bei Hastings schlug und die Herrschaft der Normannen in England aufrichtete, war es auch nicht den mächtigsten Feinden, weder Philipp II. von Spanien, noch dem großen Napoleon gelungen, ihre Truppen auf dem meerumgürteten Boden Englands Fuß fassen zu lassen.

Würde es jetzt einem deutschen Heere gelingen? --

Immer deutlicher traten die Umrisse des Landes hervor, und einige glaubten sogar, das hochgelegene Edinburgh-Castle am Horizont zu erkennen. Bald aber verschleierte sich die Ferne, und die Dämmerung brach langsam herein.

Bis dahin hatte man kein einziges feindliches Schiff zu Gesicht bekommen. Nun aber, als der größere Teil des Geschwaders bereits in die Bucht eingefahren war, fiel das Licht der mit Einbruch der Dunkelheit in Tätigkeit getretenen Scheinwerfer auf zwei englische Kreuzer, deren Anwesenheit von den vorausgeeilten Torpedo-Divisionsbooten bereits gemeldet worden war.

Angesichts der gewaltigen Uebermacht ließen sich diese Kreuzer indessen nicht auf einen Kampf ein, sondern gaben durch Niederholen der Flagge alsbald zu erkennen, daß sie bereit seien, sich zu ergeben. Nun standen einer Landung der deutschen Truppen Hindernisse von der See her nicht mehr entgegen. Die Transportschiffe näherten sich dem südlichen Ufer der Bucht, an welchem Edinburgh und die Hafenstadt Leith liegen und schickten nach dem Ankern beim Scheine der elektrischen Lichter ihre Boote mit Mannschaften an Land. Die Infanterie faßte dort alsbald festen Fuß und besetzte die günstig gelegenen Punkte, um einem etwa noch erfolgenden Angriff zu begegnen. Aber es geschah nichts, was die Landung hätte hindern können. Die schottische Bevölkerung verhielt sich vollkommen ruhig, so daß sich die Ausschiffung des Landungskorps ohne Störung vollzog.

Die Bevölkerung von Leith und die neugierig herbeigeeilten Einwohner von Edinburgh sahen in grenzenlosem Staunen dem ihnen fast unbegreiflichen Schauspiel zu, das sich im hellen Lichte der von den deutschen Schiffen strahlenden elektrischen Scheinwerfer mit bewunderungswürdiger Präzision vollzog.

An dem großen Kriege, den England gegen die verbündeten Mächte Deutschland, Frankreich, Rußland führte, hatte das Volk gewiß lebhaftesten Anteil genommen, aber wohl mit dem Gefühl, daß es sich um Ereignisse handle, die vornehmlich die Regierung, die Armee und die Flotte angingen. Man empfand es schmerzlich, daß der Gang der Geschäfte immer schlechter wurde, aber man war überzeugt, daß die Regierung den Feind sehr bald niederwerfen würde. Es war jedermann bekannt, daß die Russen in Indien eingedrungen waren, aber die große Masse des Volkes gab sich darüber keiner Sorge hin. Das konnte ja nur ein vorübergehendes Mißgeschick sein, und der jetzt darniederliegende Handel würde sicher bald nur umso mächtiger wieder aufblühen. Die Vorstellung, daß ein Feind, eine kontinentale Armee, an den Küsten Großbritanniens landen, daß deutsche oder französische Krieger jemals britischen Boden betreten könnten, hatte den Schotten bisher so fern gelegen, daß sie jetzt von der Macht der Tatsachen völlig überwältigt zu sein schienen.

Gegen Mittag des folgenden Tages standen die beiden Armeekorps schon südlich von Leith. Eine Brigade war nach Süden vorgeschoben worden, die übrigen Truppen aber hatten Biwaks bezogen. Die Leute sollten sich von der zweitägigen Seefahrt erholen.

Die Fouriere hatten in der Stadt, in den kleinen Ortschaften, in den verstreut liegenden Pachthöfen gegen bare Zahlung Lebensmittel eingekauft. Die Kriegsschiffe füllten ihre Bunker aus den in reichem Maße vorhandenen englischen Kohlenvorräten auf, wobei die zur Sicherung des Geschwaders ausgesandten Wachtschiffe sich ablösten. Der Admiral hatte Befehl gegeben, daß nach Beendigung der Kohlenübernahme die Kriegsschiffe am Eingang zur Bucht Station nehmen, während die Transportschiffe im Hafen verbleiben sollten. Bei der etwaigen Annäherung eines überlegenen englischen Geschwaders sollte die ganze Flotte eiligst den Firth of Forth verlassen und sich in alle Winde zerstreuen. Freilich wurde alsdann die Armee des Mittels der Rückkehr beraubt, aber die Heeresleitung war überzeugt, daß das Erscheinen einer Armee von 60000 Mann deutscher Truppen auf britischem Boden tatsächlich das Ende des Krieges bedeuten würde, zumal da ein gleich starkes französisches Korps im Süden Englands landen sollte. Die Heeresleitung glaubte also wegen der Möglichkeit der Zurückführung der Truppen sich keiner Sorge hingeben zu müssen.

Die Garnison von Edinburgh hatte sich ohne jeden Widerstand ergeben, da sie in der Tat viel zu schwach gewesen wäre, um der Invasionsarmee irgend welche Hindernisse zu bereiten. Die deutschen Offiziere und Soldaten konnten deshalb ganz ungehindert in der Stadt verkehren. Man fand eine Anzahl von Depeschen und neuen Kriegsberichten, die einiges Licht über die strategische Lage verbreiteten, obwohl sie teils unklar waren, teils offenkundige Lügen enthielten.

Es sollte danach am 15. Juli eine große Seeschlacht bei Vlissingen stattgefunden haben, die mit einem Rückzuge der deutschen und französischen Flotte unter schweren Verlusten geendet hätte. Ferner hieß es, daß die britische Flotte Vlissingen zerstört und mehrere Forts von Antwerpen bombardiert habe. Endlich war in den Zeitungen zu lesen, daß die vor Kopenhagen stationiert gewesene englische Flotte, nachdem sie allerdings im Eingang der Kieler Föhrde zwei Linienschiffe verloren hätte, bis in den Hafen von Kiel vorgedrungen wäre und alle dort liegenden deutschen Schiffe weggenommen hätte. Die deutschen Offiziere waren überzeugt, daß davon lediglich die Nachricht von dem Untergang der beiden Linienschiffe Glauben verdiene, da die Engländer eine solche Hiobspost schwerlich erfunden hätten. Alles übrige trug nach Lage der Dinge den Stempel der Unwahrscheinlichkeit an der Stirn.

Die Trompeten bliesen, die Mannschaften ergriffen ihre Gewehre, und die Bataillone setzten sich in Marsch. Dumpfdröhnend rasselten die Batterien daher. In vier Kolonnen, auf vier Wegen nebeneinander her, zogen die vier Divisionen gen Süden.

XXXIV.

Die Strategie vom grünen Tische aus, durch die dem militärischen Oberkommandierenden die Hände gebunden waren, sollte sich, wie schon in so manchen früheren Feldzügen, auch diesmal für die Engländer als ein verhängnisvoller Fehler erweisen.

Mit stillem Ingrimm hatte Sir Percy Domvile, der britische Admiral, die ihm von London aus erteilte ~Ordre de bataille~ -- dieselbe, die auch den Deutschen in die Hände gefallen war -- empfangen. Mehr als einmal schon hatte er den Lords zu beweisen versucht, welchen Schaden das Gebundensein an strikte schriftliche Ordres bei oft unberechenbaren Verhältnissen anrichten konnte, aber er hielt jetzt den Beweis in Händen, wie wenig die von dem Bewußtsein ihrer Bedeutung und ihrer überlegenen Klugheit durchdrungenen Würdenträger geneigt waren, sich belehren zu lassen. Doch er war viel zu sehr Soldat, um sich nicht dem Befehl der vorgesetzten Instanz in widerspruchslosem, militärischem Gehorsam zu fügen. Freilich, wenn er die Tragweite des hier begangenen Fehlers im voraus hätte übersehen können, würde er als Patriot wahrscheinlich lieber seine Person geopfert haben, als daß er sich zum ausführenden Werkzeug der schweren taktischen Irrtümer hergegeben hätte, die dem ihm übermittelten Schlachtplan zu Grunde lagen. Denn was hier auf dem Spiele stand, war mehr, als die stolze britische Nation je zuvor bei einem Seegefecht eingesetzt hatte. Es handelte sich um das Prestige Englands als weltbeherrschende Seemacht und vielleicht um die endgiltige Entscheidung dieses für Großbritannien so unglücklich verlaufenen Feldzuges. Das allgewaltige Albion, die gefürchtete Beherrscherin der Meere, kämpfte heute um Ehre und Existenz. Eine große verlorene Schlacht mochte da leicht genug einen Schlag bedeuten, von dem sich der todwunde britische Löwe nie wieder erholen konnte.

* * * * *

Zu derselben Stunde, in der der ‚König Wilhelm‘ an der Spitze der deutschen Transportflotte in den Kaiser Wilhelm-Kanal einlief, führte der Prinz-Admiral, der seine Admiralsflagge auf der ‚Wittelsbach‘ gehißt hatte, die deutsche Schlachtflotte aus dem Hafen von Antwerpen in den Zuid-Bevelanden-Kanal, der die Wester-Schelde mit der Ooster-Schelde verbindet und die Insel Walcheren von Zuid-Bevelanden trennt, und ging dort zu Anker.

Sein Geschwader bestand aus den der ‚Wittelsbach‘-Klasse angehörigen Linienschiffen ‚Mecklenburg‘, ‚Schwaben‘, ‚Zähringen‘, ‚Wettin‘ und ‚Wittelsbach‘, dem Flaggschiff des Prinz-Admirals, sowie den Linienschiffen der Kaiserklasse: ‚Kaiser Wilhelm der Große‘, ‚Barbarossa‘, ‚Karl der Große‘, ‚Wilhelm II.‘ und ‚Friedrich III.‘

Diesen Panzerschiffen gesellten sich die großen Kreuzer ‚Friedrich Karl‘, ‚Prinz Adalbert‘, ‚Prinz Heinrich‘, ‚Fürst Bismarck‘, ‚Viktoria Luise‘ und ‚Kaiserin Augusta‘ zu, sowie die kleinen Kreuzer ‚Berlin‘, ‚Hamburg‘, ‚Bremen‘, ‚Undine‘, ‚Arcona‘, ‚Frauenlob‘, ‚Medusa‘.

Die dem Prinzen zur Verfügung stehende Torpedobootflottille bestand aus den Torpedobooten ‚S 102 bis 107‘, ‚G 108 bis 113‘, ‚S 114 bis 125‘ mit den in der Größe von Torpedobootzerstörern gebauten Divisionsbooten ‚D 10‘, ‚D 9‘, ‚D 7‘ und ‚D 8‘.

Als Aufklärungsschiffe waren schon vorher die drei schnellen Kreuzer: ‚Friedrich Karl‘, ‚Prinz Adalbert‘ und ‚Kaiserin Augusta‘ mit den Torpedobooten ‚S 114 bis 120‘ in See geschickt worden, um die Annäherung des Feindes rechtzeitig zu melden. Die Kreuzer hatten Befehl erhalten, sich dreißig Seemeilen W. N. W. von Vlissingen auf je fünf Seemeilen Abstand zu legen, während die Torpedoboote auf Sichtweite nach jeder Seite patrouillieren sollten. Nachdem die englische Flotte dem Hauptgeschwader durch drahtlose Telegraphie gemeldet, sollten sich diese Aufklärungsschiffe außer Schußweite vor dem Feinde her in die Wester-Schelde zurückziehen und dabei ein solches Kesselfeuer unterhalten, daß möglichst viel und dicker Rauch entwickelt wurde, um den Feind über die Anzahl und die Größe der sich zurückziehenden Schiffe zu täuschen. Nachdem sie den Engländern außer Sicht gekommen, sollten sie wieder Kehrt machen, um sich zu zeigen, und wenn die Verhältnisse es gestatteten, sollten sie die vorher befohlenen Plätze einnehmen, anderenfalls hatten sie den Umständen gemäß zu handeln.

Der Zweck dieses auf die Irreführung des Feindes berechneten Manövers wurde denn auch vollkommen erreicht.

Ein Funkentelegramm meldete dem Prinz-Admiral das Insichtkommen der Engländer, und ein von dem Aufklärungsgeschwader abgeschwenktes Torpedoboot brachte genauere Mitteilungen über Zahl und Formation der feindlichen Schiffe, Mitteilungen, die den in der ~Ordre de bataille~ gegebenen Anweisungen durchaus entsprachen und demnach als ein neuer Beweis gelten konnten, daß es bei diesem Schlachtplan bleiben sollte.

Nun war eine sichere Grundlage für die taktischen Operationen der deutschen Flotte gegeben. Es konnte bei dem, was tags zuvor im Kriegsrate beschlossen worden war, sein Bewenden behalten und den Kommandanten der einzelnen Schiffe brauchten daher neue Instruktionen nicht gegeben zu werden.

Die in diesem Kriegsrat festgesetzte ~Ordre de bataille~ lautete in ihren Hauptzügen:

‚Das Geschwader liegt bei Zuid-Beveland vor Anker, kurzstag gehievt, Feuer aufgebänkt, so daß in fünfzehn Minuten Dampf auf sein kann.

Die Linienschiffe ankern in Doppelkiellinie ihren taktischen Nummern nach, Flaggschiff in der Peilung Insel Nordland N.N.O. Beeren Kirche S.S.W. mißweisend.

Die Kreuzer zwischen Nord-Beveland und Zuid-Beveland.

Die Torpedoboote mit ihren Divisionsbooten dahinter.

Auf Signal ‚Anker lichten‘ gehen die Schiffe ihren taktischen Nummern nach Anker auf; die Schlachtschiffe durch das Roompot; die Kreuzer gehen wieder durch den Kanal in die Wester-Schelde und legen sich in Höhe von Vlissingen in Dwarslinie.

Die beiden andern Torpedobootsdivisionen gehen mit dem Geschwader.‘

Genau nach diesen Dispositionen entwickelte sich nun der Gang der Ereignisse.

Auf die Meldung von der Annäherung feindlicher Schiffe kamen vom Flaggschiff des Prinz-Admirals die Signale:

‚Anker lichten! Toppsflaggen hissen! Klar Schiff zum Gefecht! Dem Kielwasser des Admirals folgen! Kreuzerdivision und Torpedoboote Befehle ausführen!‘

Sich dicht unter der Küste von Walcheren haltend, fuhr das deutsche Geschwader mit Volldampf dem Feind entgegen.

Inzwischen hatten die herangekommenen Engländer, nachdem sie ihre Lazarett-, Munitions- und Kohlenschiffe unter dem Schutz der Kreuzer in See gelassen und die befohlene Formation eingenommen hatten, auf sechstausend Meter das Feuer auf Vlissingen und das Fort Frederik Hendrik eröffnet.

So strikte hielt sich der englische kommandierende Admiral an die ihm erteilten Anweisungen, daß er es in schwer begreiflicher Sorglosigkeit unterließ, die Ooster-Schelde durch das zweite Geschwader oder wenigstens durch Aufklärungsschiffe untersuchen zu lassen. Das Einlaufen der aus See zurückgesandten deutschen Schiffe, deren gewaltiger Qualm eine Schätzung ihrer Stärke fast unmöglich gemacht hatte, in die Wester-Schelde war Sir Domvile offenbar als eine hinlängliche Bestätigung für die Annahme erschienen, daß die gesamte deutsche Flotte in diesem Mündungsarm liege.

Dadurch wurde es dem Geschwader des Prinz-Admirals möglich, sich dem Feinde soweit unbemerkt zu nähern, daß es die britische Flotte in der Flanke fassen konnte, als diese die westliche Spitze von Walcheren erreicht hatte.

Auf Signal: ‚Dwarslinie formieren! -- Alle Kraft! -- Ran an den Feind!‘ dampften die deutschen Schiffe den überraschten Engländern entgegen und eröffneten aus ihren Buggeschützen das Feuer.

Natürlich ließ der englische Admiral sofort das erste Geschwader sich hinter das zweite setzen, machte mit beiden linksum und ging in Doppelkiellinie auf den Gegner zu.

Dies war der im Schlachtplan des Prinzen vorausgesehene geeignete Moment für das Vorgehen der in der Wester-Schelde liegenden Kreuzer. Mit den Torpedobooten, die jetzt abermals einen dicken Qualm entwickelten, um den Feind über ihre Anzahl zu täuschen, näherten sie sich in schneller Fahrt und nötigten den durch den Doppelangriff völlig überrumpelten englischen Admiral, seine Aufmerksamkeit nach zwei Seiten hin zu verteilen.

Ein tollkühnes Unternehmen freilich blieb dieser Torpedo-Angriff unter den obwaltenden Verhältnissen noch immer. Die Engländer schossen gut, und zwei der deutschen Boote wurden durch feindliche Granaten zum Sinken gebracht. Drei anderen aber gelang der Schuß, und jeder dieser Treffer beschädigte eines der englischen Schiffe so schwer, daß es manövrierunfähig wurde.

Besonders nachteilig für die Engländer war es, daß auch ihre Torpedoboote durch die nicht vorhergesehene veränderte Formation der Linienschiffe die nötige Deckung verloren hatten. Die deutschen Torpedobootzerstörer versäumten nicht, diese günstige Situation auszunützen und fingen an, sie zu jagen. Ohne daß die Verfolger bei diesem Kampfe, der bei der Schnelligkeit der kleinen Fahrzeuge etwas besonders Spannendes und Aufregendes für die Beteiligten hatte, nennenswerte Havarie erlitten hätten, gelang es ihnen, vier englische Torpedoboote zu vernichten. Die anderen liefen aus Sicht und kamen für das Gefecht vorläufig nicht mehr in Betracht.

Auf die Frontveränderung des Gegners hin hatte der Prinz-Admiral rechtsum machen lassen, so daß er mit allen Geschützen einer Seite in Aktion treten konnte. Auch der englische Admiral ließ nun eindoublieren, aber das Manöver wurde für ihn die Ursache eines verhängnisvollen Mißgeschicks. Sei es, daß die Störung der taktischen Einheit durch das Ausscheiden der drei von den deutschen Torpedos getroffenen Schiffe die Schuld daran trug, oder daß die 1. und 2. Division zu wenig gewohnt waren, mit einander zu manövrieren, jedenfalls gehorchte der Panzer ‚Formidable‘ dem gegebenen Befehl so schwerfällig und ungeschickt, daß er von der ihm zunächst befindlichen ‚Renown‘ mittschiffs gerammt wurde und sich sofort auf die Seite legte, um innerhalb weniger Minuten zu sinken, Hunderte von tapferen englischen Seeleuten mit sich in die Tiefe ziehend.

Aber auch die ‚Renown‘, deren Sporn das furchtbare Unglück angerichtet, war bei dem Zusammenstoß, der das mächtige schwimmende Kastell in allen Fugen erschüttert hatte, nicht ohne schweren Schaden davongekommen. Die ersten beiden vorderen Kompartiments waren, da die Schotten nicht dicht hielten, voll Wasser gelaufen. Das Schiff lag infolgedessen ganz auf der Nase und hatte damit an Gefechtswert sehr empfindliche Einbuße erlitten.

Daß diese erste große Katastrophe der Schlacht nicht durch feindliche Gewalt, sondern durch das ungeschickte Manöver eines befreundeten Schiffes herbeigeführt worden war, mochte in manchem der vom Untergang des prächtigen Schiffes und seiner wackern Besatzung in tiefster Seele erschütterten Zuschauer die Frage wachgerufen haben, ob die gewaltigen Vervollkommnungen im Bau der modernen Kriegsschiffe nicht zu einem guten Teile wieder aufgewogen würden durch die mit der zunehmenden Größe und Gefechtsstärke dieser riesigen Panzer verbundenen Mängel. Kein Linienschiff, keine Fregatte, nicht einmal das kleine Kanonenboot früherer Zeiten hätte so schnell und spurlos aus der Schlachtlinie verschwinden können, wie die in gewaltigen Dimensionen erbaute und mit allen Errungenschaften maritimer Kriegstechnik ausgerüstete ‚Formidable‘. Wohl hätten ihre Panzerhaut und ihre stählernen Türme einem Hagel wuchtigster Geschosse erfolgreichen Widerstand leisten können, aber ein falsch verstandenes Steuerkommando war hinreichend gewesen, ihr den Untergang zu bereiten. Weder die doppelten Böden noch die Schottenteilung, die dem Eindringen einer zu großen Wassermenge vorbeugen sollten, hatten das Schicksal abzuwenden vermocht, das jeden modernen Panzer bei einer größeren Beschädigung unter der Wasserlinie bedroht. Das Holzschiff vergangener Zeiten konnte wie ein Sieb durchlöchert sein, ohne zu sinken. Die Stabilität eines modernen Panzerschiffes aber konnte schon durch ein einziges Leck, sei es durch ein Torpedogeschoß oder die Ramme, derart überschritten werden, daß die gigantische Eisenmasse innerhalb weniger Minuten durch ihr eigenes Gewicht in die Tiefe gezogen wurde. --

Es entwickelte sich nun ein laufendes Gefechtsfeuer auf circa 2000 Meter Entfernung, bei dem die Ueberlegenheit der Kruppschen Geschütze ebenso deutlich in die Erscheinung trat, wie die vorzügliche Schießausbildung der deutschen Geschützführer, hinter der die der Engländer zweifellos weit zurückstand. Allerdings erlitten auch die deutschen Schiffe mancherlei Schaden, doch waren erhebliche Havarien bis jetzt nicht vorgekommen.

Die drei von Torpedos getroffenen englischen Kriegsschiffe hatten in ihrer Hilflosigkeit den deutschen Kreuzern besonders günstige Zielobjekte dargeboten. Sich auf und in passende Entfernung legend, hatten diese die kaum noch bewegungsfähigen Fahrzeuge so lange beschossen, bis sie die Flagge streichen mußten. Aber ehe sie sich dazu entschlossen, leisteten die Engländer heldenmütigen Widerstand, und auch ihre Geschütze hatten manchen wirksamen Treffer zu verzeichnen. So wurde der Kommandoturm des ‚Friedrich Karl‘ von einer Granate durchschlagen, und der tapfere Kommandant fand mit seiner Umgebung einen rühmlichen Soldatentod. Auch sonst fehlte es nicht an mehr oder minder erheblichen Beschädigungen, und es war fast ein Wunder zu nennen, daß noch nirgends vitale Teile oder Schiffskörper verletzt worden waren.

Nachdem die drei englischen Schiffe kampfunfähig geworden, war ein längeres Verweilen der Kreuzerdivision auf diesem Teil des Kampfplatzes nicht mehr erforderlich, deshalb gingen die deutschen Kreuzer mit äußerster Kraft dahin, wo der Prinz-Admiral mit den Linienschiffen das Hauptgefecht führte.

Und hier war Hilfe in der Tat nötig gewesen. Denn wenn auch vier feindliche Schiffe verloren gegangen waren, so war die Uebermacht doch noch immer bei den Engländern, umsomehr, da einer der deutschen Panzer, die ‚Mecklenburg‘, jetzt hatte ausscheren müssen, nachdem ihre Rudervorrichtung zerschossen war.

Als der englische Admiral die Kreuzer herankommen sah, die in Staffelkiellinie Steuerbord achteraus liefen und somit sämtlich ihre Buggeschütze zum Feuern bringen konnten, erkannte er, daß jetzt der entscheidende Moment sich vorbereite.

Die Geschütze der Kreuzer fügten den Engländern schweren Schaden zu, denn sie hatten sich rasch auf die gleichmäßig geringer werdende Entfernung eingeschossen. Die hohen Deckaufbauten der Linienschiffe boten ihnen vortreffliche Zielobjekte, so daß bei der lang ausgezogenen Schlachtlinie der Engländer fast jeder Schuß ein Treffer war.

Jetzt wurde für Sir Percy Domvile rasches und energisches Handeln ein zwingendes Gebot der Selbsterhaltung. An die nach der erhaltenen ~Ordre de bataille~ anzustrebende Wegnahme der deutschen Flotte war den Umständen nach nicht mehr zu denken, und es konnte sich daher für den Admiral nur noch darum handeln, möglichst viele der feindlichen Schiffe zu vernichten. Auf dem britischen Flaggschiff erschien das Signal ‚rechts um‘, und die Kommandanten wußten, daß es gleichbedeutend war mit dem Befehl, die deutschen Panzer zu rammen.

Aber dieses Manöver, durch welches Sir Domvile der durch den zweiseitigen Angriff veranlaßten drohenden Gefahr allein begegnen konnte, traf den Prinz-Admiral nicht unvorbereitet. Schon in dem gestern abgehaltenen Kriegsrate war damit gerechnet worden, und jeder Kommandant hatte seine Instruktion hinsichtlich der in diesem Falle zu beobachtenden Taktik erhalten. Es war dafür ein besonderes Signal vereinbart worden, und sobald man die Schwenkung der englischen Panzer bemerkte, flog es an der Signalleine des Admiralschiffes in die Höhe. Sofort nahm jedes der deutschen Linienschiffe die ihm nach dem Schlachtplan vorgeschriebene Position ein. Das Geschwader teilte sich in zwei Hälften, von denen die erste Division, hinter das Flaggschiff einschwenkend, mit diesem zusammen ‚links um!‘ machte, während die andere Division, auch links um machend, sich hinter das linke Flügelschiff setzte.

Dies ihm gänzlich unbekannte Manöver kam dem englischen Admiral völlig unerwartet. Seine Absicht war durch das rasche und geschickte Ausweichen der deutschen Schiffe vollständig vereitelt, der geplante Vernichtungsstoß versagte, und seine eigenen Panzer hatten nun, während sie in Dwarslinie weiterfuhren, von rechts und links ein furchtbares Feuer auszuhalten, das namentlich den beiden Flügelschiffen verhängnisvoll wurde. Mit einem Hagel schwerer und leichter Geschosse überschüttet und überdies von wohlgezielten Torpedos getroffen, waren sie innerhalb weniger Minuten gefechtsunfähig geworden, und das eine von ihnen, die ‚Victorious‘, das Schicksal der unglücklichen ‚Formidable‘ teilend, versank mit ihrer über 700 Mann starken Besatzung in den Fluten.

Aber auch die junge deutsche Flotte hatte in diesem Entscheidungskampfe ihre Feuertaufe empfangen.