Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman
Part 26
„Königliche Hoheit haben bereits meine untertänigste Meldung darüber erhalten, daß ich den Schiffer Brandelaar, den ich als englischen Spion verhaftet hatte, bewogen habe, fortan in unserem Interesse tätig zu sein. Brandelaars Boot hat diese Ordre gebracht.“
„Wo ist dieser Mann?“
„Sein Boot liegt im Hafen von Vlissingen.“
„Und auf welche Weise will Brandelaar in den Besitz dieses Schriftstückes gelangt sein?“
„Nicht Brandelaar selbst hat mir die Ordre übergeben, sondern eine Dame, eine Engländerin, die mit ihm von Dover herübergekommen ist. Meine Ehre legt mir Schweigen auf. Ich darf den Namen dieser Dame nicht nennen, aber ich hege die feste Ueberzeugung und glaube, mich dafür verbürgen zu können, daß das Schriftstück im Bureau des Admirals Hollway wortgetreu nach dem Original kopiert worden ist.“
„Man wird wohl bald Mittel und Wege finden, sich darüber zu vergewissern, ob die britische Flotte Vorbereitungen zur Ausführung dieser Ordre trifft. Jedenfalls wäre dann endlich der Zeitpunkt zu energischem Handeln gekommen. Seine Majestät hat ein ähnliches Vorgehen der britischen Flotte vorausgesehen, und wir haben nunmehr den Plan des allerhöchsten Kriegsherrn auszuführen. -- Ich danke Ihnen, Herr Major!“
Heideck verneigte sich und wandte sich zum Gehen. Er fühlte, daß es mit seinen Kräften beinahe zu Ende sei, und bewahrte nur noch mit Mühe seine straffe, militärische Haltung.
Als er schon auf der Schwelle stand, kehrte der Prinz sich ihm noch einmal zu:
„Ich glaube Ihnen eine Ehre damit zu erweisen, Herr Major, wenn ich Ihnen Gelegenheit gebe, dem großen Ehrentage unserer jungen Flotte in meiner unmittelbaren Umgebung als Augenzeuge beizuwohnen. Melden Sie sich am Morgen des 15. Juli bei mir an Bord meines Flaggschiffes. Für die Besetzung Ihres jetzigen Postens werde ich Sorge tragen.“
„Königliche Hoheit sind sehr gnädig!“
„Sie haben Anspruch auf meinen Dank. Auf Wiedersehen also, Herr Major!“
Ohne eine Minute zu verlieren, berief der Prinz den diensttuenden Adjutanten und erteilte ihm den Befehl, sofort mehrere Kopieen des englischen Flottenplanes anfertigen zu lassen.
Eine dieser Kopieen war für den kommandierenden Admiral der französischen Flotte in Cherbourg bestimmt, und dem Feldjäger, der das Papier überbringen sollte, gab der Prinz ein eigenhändiges Schreiben mit, worin er den Admiral dringend ersuchte, alles daran zu setzen, um mit einer möglichst starken Schlachtflotte am 15. früh vor Vlissingen erscheinen zu können und der deutschen Flotte in ihrem Kampf gegen die überlegene englische Flotte zu Hilfe zu kommen.
XXXII.
‚Mein lieber Freund und Kamerad! Obwohl mir das Schreiben noch recht sauer fällt, kann ich es mir doch nicht versagen, der Erste zu sein, der Sie zur Verleihung des Ordens vom ‚Heiligen Wladimir‘ beglückwünscht. Ein in unserem Kriegsministerium beschäftigter Freund benachrichtigt mich soeben von der heute erfolgten Unterzeichnung der Verleihungsurkunde, und ich hoffe, daß diese Dekoration, auf die Sie sich durch Ihre bei der Besetzung von Simla geleisteten Dienste einen so berechtigten Anspruch erworben haben, Ihnen einige Freude bereiten wird. Sie wissen ja, daß der ‚Wladimir‘ nur an Russen oder an Fremde, die in russischen Diensten stehen, verliehen werden darf, und Sie werden darum einer der wenigen deutschen Offiziere sein, deren Brust dieses hierzulande sehr hoch gehaltene Ehrenzeichen schmückt.
Daß mein Glückwunsch aus St. Petersburg datiert ist, wird Sie Wunder nehmen; denn Sie vermuten mich ohne Zweifel noch unten im sonnigen Indien, dem Schauplatz unserer gemeinsam bestandenen Kriegsabenteuer. Sicherlich wäre ich auch bis zur Beendigung des Feldzuges dort geblieben, wenn nicht eine englische Kugel meiner militärischen Tätigkeit -- wie Sie sich denken können, allzufrüh für meinen Ehrgeiz -- vorläufig ein Ziel gesetzt hätte. Unversehrt aus zwei großen Schlachten und einer ganzen Anzahl kleiner Scharmützel hervorgegangen, mußte ich mich leider bei einem ganz unbedeutenden und ruhmlosen Zusammenstoß zum Invaliden schießen lassen. Und wenn nicht ein heldenmütiges Weib meine Retterin gewesen wäre, hätten Sie von Ihrem alten Freunde Tschadschawadse nichts anderes mehr gehört, als daß auch er unter den auf dem Felde der Ehre Gebliebenen gewesen sei.
Erraten Sie den Namen dieses Weibes, Herr Kamerad? Ich denke wohl, daß mein angeblicher Page Georgij Ihrer Erinnerung nicht ganz entschwunden ist, und ich sage Ihnen wohl nichts neues, wenn ich heute den Schleier des Geheimnisses lüfte, mit dem ich in Indien aus naheliegenden Gründen seine Beziehungen zu mir umgeben mußte. Georgij war ein Mädchen, und sie hat mir jahrelang näher gestanden als irgend jemand. Sie war zwar einfacher Herkunft und besaß sehr wenig von dem, was wir Bildung nennen. Aber sie war mir trotzdem das liebste Geschöpf, dem ich auf meinen Fahrten durch die Länder zweier Erdteile begegnet bin; ein wunderbares Gemisch von Wildheit und Herzensgüte, von unbändigem Stolz und selbstloser, hingebender Zärtlichkeit; ein Kind und eine Heldin. Aus reiner Zuneigung, nicht um irgend eines Vorteiles willen, hatte sie sich mir zu eigen gegeben und war mir auf meinen Reisen gefolgt. Ihr eigener Wille war es gewesen, die Rolle eines Dieners zu spielen. Ich will indessen nicht damit sagen, daß sie niemals von der Macht, die sie über mich besaß, Gebrauch gemacht hätte, denn sie war stolz und wußte zu herrschen.
Einmal -- es war im Beginn unserer indischen Reise -- hatte ich, aufs äußerste gereizt durch ihren trotzigen Stolz, meine Hand gegen sie erhoben. Ein einziger Blick des Mädchens brachte mich sofort zur Besinnung, noch ehe die Züchtigung erfolgt war. Und später, als mein Blut sich längst beruhigt hatte, sagte sie mir, den flammenden Zorn noch immer in den Augen: ‚Hättest du mich wirklich geschlagen, so wäre ich auf der Stelle von dir gegangen, und keine Bitte hätte mich je bestimmt, zu dir zurückzukehren.‘ Ich lachte über ihre Worte, aber ich beherrschte mich fortan mehr, und so lebten wir in vollkommener Eintracht bis zu dem Tage, da Georgij Ihnen, mein werter Herr Kamerad, in Lahore das Leben rettete. Sie war es, die mir die Schreckensnachricht brachte, man führe Sie zum Tode. Nie zuvor hatte ich das Mädchen in so furchtbarer Aufregung gesehen als in jenem Augenblick. Ihre Augen glühten und ihr ganzer Körper zitterte. Es war, als wollte sie mich mit Peitschenhieben vorwärts treiben, damit ich den rechten Moment nicht versäume. Ich war selber zu bestürzt, um mir über die seltsame Erregung des Mädchens lange den Kopf zu zerbrechen. Aber als Ihre Rettung dann geglückt war, als Sie sich geborgen in meinem Zelte befanden, und als ich Georgij aufsuchte, um ihr das Ergebnis meiner Intervention mitzuteilen, da geriet sie in einen solchen Paroxismus der Freude, daß mir wahrhaftig nicht das geringste hätte an ihr gelegen sein müssen, wenn ihr Jubel nicht einen bösen eifersüchtigen Verdacht in mir wachgerufen hätte. Hingerissen von der Erregung, schleuderte ich ihr ein heftiges Wort entgegen, und dann, da sie mir eine trotzig herausfordernde Antwort gab -- es war eben ihr und mein Unglück, daß ich die Reitpeitsche gerade in der Hand hatte -- dann war das Häßliche geschehen, das ich lieber als irgend eine andere meiner vielen Torheiten ungeschehen machen möchte. Sie hatte den Schlag hingenommen, ohne einen Laut von sich zugeben. Aber im nächsten Augenblick war sie verschwunden, und ich wartete vergebens auf ihre Wiederkehr. Bis zu unserem Aufbruch nach Simla ließ ich überall nach ihr suchen, ohne daß einer meiner Leute ihre Spur gefunden hätte. Ich selbst gab sie schon damals für immer verloren. Als wir dann nach Lahore zurückgekehrt waren und nach Delhi weitermarschierten, wurde mir hier und da von einem in indische Gewänder gekleideten Mädchen berichtet, das in der Nähe unserer Truppe aufgetaucht sei und meinem verschwundenen Pagen Georgij ähnlich gesehen habe. Aber sobald ich dann nach diesem Mädchen forschte, war es, als ob die Erde sie verschlungen hätte, und unter den rasch wechselnden Eindrücken des Krieges begann ihr Bild langsam in mir zu verblassen.
Bei einem Rekognoszierungsritt, den ich eines Tages mit meinem Regimentsstab und einer geringen Bedeckung bei Lucknow unternahm, gerieten wir durch selbstverschuldete Sorglosigkeit in einen von den Engländern gelegten Hinterhalt, der dem größeren Teil meiner Begleiter das Leben kostete. Mich hatte gleich im Beginn des Gefechtes ein Schuß in den Rücken aus dem Sattel geworfen. Man hielt mich für tot, und die wenigen meiner Gefährten, die sich durch die Flucht zu retten vermochten, hatten nicht Zeit, die Gefallenen mitzunehmen. Als ich aus langer Bewußtlosigkeit wieder erwachte, sah ich, wie eine Anzahl bewaffneter Inder die auf dem Kampfplatz zurückgebliebenen Toten und Verwundeten ausplünderte. Einer der braunen Teufel näherte sich auch mir. Und als er sah, daß ich mich aufrichtete, um nach meinem Revolver zu tasten, stürzte er mit geschwungenem Säbel auf mich zu. Ich parierte den ersten nach meinem Kopf geführten Hieb mit dem rechten Arm. Wehrlos, wie ich war, machte ich mich schon auf das Schlimmste gefaßt. Aber im selben Augenblick, als der Halunke zum zweiten Hieb ausholte, taumelte er rückwärts und brach lautlos zusammen. Es war Georgij, die mir durch ihren wohlgezielten Schuß das Leben gerettet hatte.
Mit den von unserem Lager aus zur Bergung der Toten und Verwundeten entsandten Dragonern war sie gekommen und den Reitern um ein gutes Stück voraus gewesen. So war es ihr möglich geworden, mich zu retten.
Ich war zu sehr entkräftet, um viele Fragen an sie zu richten, und über den wenigen Augenblicken dieses Wiedersehens liegt es in meiner Erinnerung wie ein Schleier.
Acht Tage lang lag ich zwischen Leben und Tod. Dann siegte meine unverwüstliche Natur. Wie groß meine Sehnsucht war, Georgij wiederzusehen, werden Sie begreifen, liebster Freund! Aber sie war nicht mehr im Lager, und niemand konnte mir über ihren Verbleib Auskunft geben. So wie sie an jenem Tage plötzlich aufgetaucht war, ebenso war sie wieder verschwunden. Und diesmal muß ich mich wohl mit der Ueberzeugung abfinden, daß ich sie für immer verloren habe. Noch auf dem Krankenlager erhielt ich neben einer sehr schmeichelhaften Beförderung die Ordre, mich nach St. Petersburg zu begeben, und sobald es mein Zustand gestattete, machte ich mich auf die Reise.
Verzeihen Sie, lieber Freund, daß ich so lange bei einer persönlichen Angelegenheit verweilte, die für Sie ja am Ende nur wenig Interesse haben kann.
Von den mannigfachen Wechselfällen dieses Krieges, der nun schon Werte von ungezählten Millionen vernichtet und Hunderttausende hoffnungsvoller Menschenleben gekostet hat, sind Sie ja ebenso gut unterrichtet wie ich. Ich möchte Sie fast darum beneiden, daß es Ihnen noch vergönnt ist persönlich Zeuge der großen Ereignisse zu sein, während ich zu der Rolle eines untätigen Zuschauers verurteilt bin. Aber ich glaube nicht mehr an eine lange Dauer des Kampfes. Die Opfer, die er den Völkern auferlegt, sind zu groß, um noch Monate hindurch getragen zu werden. Alles drängt einer raschen Entscheidung zu, und ich bin nicht im Zweifel, wie sie fallen wird. Denn wenn auch die bisherigen Niederlagen und Verluste der Engländer teilweise aufgewogen werden durch ihre hier und da errungenen Erfolge, so würde doch ein einziger großer Seesieg der verbündeten Mächte den Ausschlag zu Ungunsten Großbritanniens endgiltig geben. Man hat bisher auf beiden Seiten gezögert, diese Entscheidung herbeizuführen, aber man lebt hier der Ueberzeugung, daß schon die nächsten Wochen endlich die längst mit Spannung erwarteten großen Ereignisse auf dem Wasser bringen werden.
Noch immer begegne ich zu meinem Befremden in der ausländischen Presse vielfach einer abfälligen Kritik unseres Friedensvertrages mit Japan. Allerdings hatte sich ja in der zweiten Phase des japanischen Feldzuges das Kriegsglück zu unseren Gunsten gewendet, doch der Kampf um Indien war für Rußland so wichtig, daß es seine Kräfte nicht länger zersplittern wollte. Deshalb konnten wir Japan goldene Brücken bauen, und so kam der Frieden von Nagasaki zu stande. Der deutsche Reichskanzler ist durch den Anteil, den er an dem Abschluß dieses Friedens gehabt hat, eine sehr populäre Persönlichkeit auch hier in Rußland geworden.
Haben Sie vielleicht Gelegenheit gehabt, dem Reichskanzler persönlich nahe zu treten? Dieser Baron Grubenhagen muß eine gewaltige Persönlichkeit sein.
Ich lasse diesen Brief auf dem Umwege über Berlin an Sie gelangen, denn ich weiß nicht, wo Sie sich augenblicklich befinden. Aber ich hoffe, daß er richtig in Ihre Hände kommt und daß Sie gelegentlich einmal Zeit finden, durch ein Lebenszeichen zu erfreuen
Ihren alten Freund
Tschadschawadse.‘
Heideck hatte den in französischer Sprache geschriebenen Brief des Fürsten, den er nach seiner Rückkehr aus Antwerpen vorgefunden, rasch überflogen. Nicht einmal die Kunde von der ehrenvollen Auszeichnung, die ihm durch die Verleihung des russischen Ordens zu teil geworden war, hatte einen Schimmer der Freude auf seinem ernsten Antlitz hervorzurufen vermocht. Der liebenswürdige russische Fürst und sein schöner Page, sie waren ihm wie Gestalten aus einer fernen, unendlich weit hinter ihm liegenden Zeit. Die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden hatten ihn so tief erschüttert, daß ihm fremd und gleichgültig geworden war, was vielleicht noch wenige Tage vorher seine lebhafteste Anteilnahme erweckt haben würde.
Die Ordonnanz meldete einen Mann in Seemannstracht, und Heideck wußte, daß es nur Brandelaar sein konnte. Die Auskunft, die er von Dover mitgebracht, hatte der Schiffer bereits am Morgen dem stellvertretenden, diensttuenden Offizier übergeben. Wenn es auch nicht gerade militärische Geheimnisse waren, die damit zur Kenntnis der deutschen Heeresleitung gelangten, so befanden sich unter den mancherlei Nachrichten doch einige, die von Bedeutung für die Dispositionen des Prinz-Admirals werden konnten.
Heideck nahm an, daß Brandelaar jetzt gekommen sei, um sich die versprochene Belohnung zu holen. Als der Schiffer indes nach Empfang des Geldes noch immer seinen Hut zwischen den Fingern drehte, wie jemand, der mit einem peinlichen Auftrag oder Anliegen nicht recht herauszukommen wagt, fragte Heideck verwundert:
„Wünschen Sie mir sonst noch etwas zu sagen, Brandelaar?“
Nur zögernd kam es über die Lippen des Mannes: „Jawohl, Herr Major! -- Ich sollte noch einen Gruß bestellen. Der Herr Major werden wohl wissen, von wem.“
„Ich glaube es zu erraten. Sie haben die Dame also seit dem gestrigen Abend noch einmal gesehen?“
„Die Lady kam gestern noch zu später Stunde zu mir ins Gasthaus und forderte von mir, ich sollte sie auf der Stelle nach Dover zurückbringen. Aber ich dachte, der Herr Major würden es nicht wünschen.“
„Sie weigerten sich also?“ --
Brandelaar starrte noch immer unablässig vor sich hin auf den Fußboden.
„Die Lady wollte durchaus fort -- trotz des schlechten Wetters. Und sie ließ nicht eher nach, als bis ich meinen Freund van dem Bosch überredet hatte, sie mit seinem Kutter nach Dover zu fahren.“
„Noch gestern Nacht?“
„Jawohl -- gestern Nacht.“
„Und dann, was weiter?“ drängte Heideck.
„Heute vormittag ist er zurückgekommen. Es -- es ist ihnen unterwegs ein Unglück passiert.“
Heideck zuckte zusammen. Eine furchtbare Ahnung stieg in ihm auf. Er mußte seine ganze Willenskraft aufbieten, um sich zu beherrschen.
„Und die Lady?“
„Herr Major! Es war ja eben die Lady, der das Unglück zustieß. -- Sie ist unterwegs über Bord gegangen.“
Mit beiden Händen umklammerte Heideck die Lehne des vor ihm stehenden Stuhles. Jeder Blutstropfen war aus seinem Gesicht gewichen.
„Ueber -- Bord? -- Gott im Himmel, Mann -- und sie ist nicht gerettet worden?“
Brandelaar schüttelte den Kopf.
„Nein, Herr Major! Sie wollte trotz des Sturmes durchaus auf Deck bleiben, obwohl van dem Bosch sie immer wieder aufforderte hinunter zu gehen. Als dann bei einer heftigen Bö das Pikfall brach, wurde sie von der heruntergeschleuderten Gaffel ins Meer geworfen. Bei der hochgehenden See war an Rettung nicht zu denken.“
Heideck hatte die Augen mit der Hand bedeckt. Ein dumpfes Stöhnen rang sich aus seiner heftig arbeitenden Brust und in seinem Inneren schrie eine Stimme:
‚Du trägst die Schuld! Freiwillig hat sie den Tod gesucht, und du warst es, der sie dazu getrieben!‘
Seine Stimme klang hart und spröde, als er sich zu dem Schiffer wandte und sagte:
„Ich danke Ihnen für Ihre Mitteilung, Brandelaar, lassen Sie mich jetzt allein.“ -- --
XXXIII.
Das IX. und das X. Armeekorps waren an der Kieler Föhrde zusammengezogen worden. Die Stadt Kiel und ihre Umgebung waren erfüllt von dem Klirren der Waffen, dem Stampfen der Pferde und von den fröhlichen Gesängen der Soldaten, die große Entscheidungen hoffnungsfreudig erwarteten. Niemand aber wußte etwas Genaues über das Ziel der bevorstehenden Expedition.
Seit den frühen Morgenstunden des 13. Juli ergoß sich ein schier endloser Strom von Mannschaften, Pferden und Geschützen über die Landungsbrücken, welche die Riesendampfer der großen Schiffahrtsgesellschaften mit den Hafenquais verbanden. Andere Truppenabteilungen wurden mit Booten an Bord befördert, und am Abend des 14. war die Einschiffung der ganzen, aus 60000 Mann bestehenden Feldarmee beendet.
Als letzter begab sich in einer Barkasse der kommandierende General in Begleitung des deutschen Reichskanzlers an Bord des großen Kreuzers ‚König Wilhelm‘, der in der Holtenauer Bucht vor Anker lag. Unmittelbar darauf stiegen drei Raketen, die sich leuchtend von dem dunkeln Nachthimmel abhoben, von Bord des Flaggschiffes empor. Langsam setzte sich das ganze Geschwader auf dieses Signal gegen den Kaiser-Wilhelm-Kanal hin in Bewegung.
Die Transportflotte bestand aus etwa 60 großen Dampfern, dem Besitzstande des Norddeutschen Lloyd, der Hamburg-Amerika-Linie und der Stettiner Gesellschaft entstammend. Zu ihrem Schutze wurden sie von den Linienschiffen ‚Baden‘, ‚Württemberg‘, ‚Bayern‘ und ‚Sachsen‘, den großen Kreuzern ‚Kaiser‘ und ‚Deutschland‘, den kleinen Kreuzern ‚Gazelle‘, ‚Prinzeß Wilhelm‘, ‚Irene‘, ‚Komet‘ und ‚Meteor‘, sowie den Torpedo-Divisionsbooten ‚D 5‘ und ‚D 6‘ mit ihren Torpedoboot-Divisionen begleitet.
Als um die elfte Vormittagsstunde des 15. Juli der dumpfe Donner der englischen Panzer vor den Befestigungen der Kieler Föhrde ertönte und die deutschen Festungsgeschütze den britischen Kanonen antworteten, hatte längst das letzte Torpedoboot den Hafen verlassen. --
Heller Sonnenschein brach durch das leichte Gewölk, als der ‚König Wilhelm‘ bei Brunsbüttel in die Elbe einlief. Die vorauseilenden Torpedo-Divisionsboote meldeten, daß die Mündung des Stromes frei sei von englischen Kriegsschiffen, und von Helgoland kam ein auf drahtlosem Wege übermitteltes Telegramm, das diese Meldung bestätigte.
Das Geschwader fuhr nun mit Volldampf Nordwest. Die Torpedodivision ‚D 5‘ ging zur Aufklärung voraus, und diesen kleinen, schnellen Fahrzeugen folgten die Kreuzer ‚Prinzeß Wilhelm‘ und ‚Irene‘, die wegen ihrer hohen Takelage zu Aufklärungsschiffen besonders geeignet waren und die die erforderlichen Einrichtungen für drahtlose Telegraphie an Bord hatten. Die übrige Flotte, die ihre Fahrgeschwindigkeit nach der des ‚König Wilhelm‘ richten mußte, folgte in den vorgeschriebenen Abständen.
Als die roten Felsen Helgolands scharf umrissen aus dem Meere auftauchten, kam der deutsche Kreuzer ‚Seeadler‘ von der Insel her dem Geschwader entgegen und meldete, daß die Küstenpanzerschiffe ‚Aegir‘ und ‚Odin‘, die Kreuzer ‚Hansa‘, ‚Vineta‘, ‚Freya‘ und ‚Hertha‘, sowie die Torpedoboote in der Nacht von Wilhelmshaven ausgefahren waren und nichts vom Feinde gesehen hatten. Das Meer schien frei. Alle verfügbaren englischen Kriegsschiffe des Nordseegeschwaders waren zum Angriff auf Antwerpen herangezogen worden.
Die Flotte von Wilhelmshaven blieb nun, weil eine Verstärkung der Transportflotte nicht nötig schien, bei Helgoland liegen. Die Transportflotte mit den begleitenden Kriegsschiffen aber setzte ihre Fahrt mit West-Nordwest-Kurs fort.
Wohin aber ging diese Fahrt?
Wenige nur waren unter diesen vielen Tausenden, die darauf hätten Antwort geben können, und diese Wenigen schwiegen. Der rote Felsen von Helgoland war längst in der Ferne verschwunden, und Stunde auf Stunde verrann, ohne daß sich den Blicken der gespannt ausschauenden Krieger etwas anderes gezeigt hätte als das unendliche, leicht bewegte Meer und das kristallklare blaue Himmelsgewölbe, das es gleich einer Riesenglocke überspannte. Die Nacht sank hernieder und der junge Tag brach an, aber noch immer war nichts von einer Küste zu sehen, und immer häufiger wurde unter den Offizieren und Mannschaften die Frage wiederholt:
„Wohin geht die Fahrt?“
Das Gestade Englands konnte ihr Ziel nicht sein, denn man würde es inzwischen längst erreicht haben. Wo aber sollte die Landung vor sich gehen, wenn nicht dort? Welchem fernen Ufer führte man die deutsche Armee entgegen, die größte, deren Schicksal jemals den trügerischen Fluten des Meeres anvertraut war?
Als bei Tagesanbruch von den aufklärenden Schiffen wieder einmal die Meldung kam, daß von feindlichen Schiffen nichts zu sehen sei, konnte der Oberbefehlshaber der Landarmee nicht umhin, dem Admiral gegenüber seiner Verwunderung Ausdruck zu geben, daß die Engländer den Aufklärungsdienst in der Nordsee scheinbar so ganz außer Acht ließen, und daß auch Handelsschiffe nicht zu Gesicht kämen.
„Die Erklärung für diese anscheinend befremdliche Tatsache liegt nicht allzu fern, Exzellenz,“ erwiderte der Admiral. „Kauffahrteischiffe werden uns schwerlich in Sicht kommen, weil jetzt, bei der Unsicherheit der Meere, der Seehandel fast gänzlich stockt. Einer Fischerflottille sind wir nicht begegnet, weil dieser Teil der Nordsee keine Fischgründe hat. Feindliche Schiffe aber sehen wir nicht, weil die Engländer wohl mit jeder andern Möglichkeit eher gerechnet haben mögen, als damit, daß wir hier oben in Schottland eine Landung versuchen könnten.“
„Ihre Erklärung, Herr Admiral, leuchtet mir ein, aber trotzdem will es mir scheinen, daß unsere Gegner es bei ihrem Beobachtungsdienst an der nötigen Umsicht fehlen lassen.“
„Exzellenz dürfen nicht ohne weiteres einen Vergleich zwischen den Operationen zu Lande und denen auf dem Wasser ziehen. Die Voraussetzungen sind hier doch wesentlich andere. Ich zweifle keinen Augenblick, daß eine genügende Anzahl englischer Aufklärungsschiffe in der Nordsee kreuzt; und wenn wir ihrer Aufmerksamkeit wirklich entgangen sind, so ist uns das Kriegsglück eben günstig gewesen. Wenn ich Eurer Exzellenz sage, daß selbst bei unsern Manövern in der Ostsee, wo wir doch das Fahrwasser ebenso genau kennen wie die Stärke und Geschwindigkeit des markierten Feindes, diesem der Durchbruch zuweilen gelungen ist, ohne daß unsere Aufklärungsschiffe ihn gesehen haben, so werden Sie zu einer milderen Beurteilung der hier scheinbar vorliegenden englischen Unvorsichtigkeit gelangen.“ --
Endlich, am Abend des 16. Juli, wurde vom ‚König Wilhelm‘ Land gemeldet. Das Ziel der Fahrt zeigte sich den Blicken, und von Mund zu Munde ging die Kunde, daß es die Küste von Schottland sei, die sich da aus den Fluten hob.
„Wir werden in die Mündung des Firth of Forth einlaufen!“ hieß es auf allen Schiffen; und auch die braven Soldaten, die diesen Namen vielleicht zum ersten Male in ihrem Leben hörten, wiederholten das Wort mit so wichtiger Miene, wie wenn ihnen nun mit einem Male alle Geheimnisse der obersten Heeresleitung offenbar geworden wären.