Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman
Part 25
Er hatte geschworen, sie zu heiraten, wenn er lebend aus diesem Krieg hervorginge. Und weil er seinen Schwur so wenig brechen wollte, als er ihn halten konnte, war er in diesem Augenblick entschlossen, den Zwiespalt dadurch zu lösen, daß er den Tod suchte, den zu finden sein Beruf ihm so leicht machte. Mit dem Scharfblick des liebenden Weibes las Edith in seiner Seele wie in einem offenen Buche. Und sie kannte ihn so gut, daß sie sich keinen Augenblick der Illusion hingab, durch Bitten oder durch Tränen seinen Sinn zu ändern. Sie wußte, daß dieser Mann im stande war, alles für sie zu opfern -- nur nicht seine Ehre. Und nie war ihre Seele mehr erfüllt gewesen von demütiger Bewunderung, als in dem Augenblick, da die Erkenntnis, ihn für immer verloren zu haben, einen dunklen Schleier über all ihre sonnigen Zukunftshoffnungen breitete.
Sie sprach kein Wort. Und nun, da ihr Schweigen ihn veranlaßte, ihr sein Gesicht wieder zuzuwenden, sah sie den Ausdruck namenloser Qual in seinen sonst so beherrschten Zügen. Da erwuchs auch in ihr die Kraft des großen, befreienden, opfermutigen Entschlusses. Und aus den Niederungen egoistischer Leidenschaft erhob sich ihre Seele zu der Höhe selbstlosen Entsagens. Nie aber war es ihre Art gewesen, nur halb zu tun, was zu vollbringen sie sich einmal vorgenommen hatte. Was hier geschehen mußte, durfte nicht feige hinausgezögert werden, und kein weichmütiger Abschied durfte Heideck erraten lassen, daß ein Erkennen seiner Absichten ihre Handlungsweise bestimmt hatte.
Mit jener heroischen Selbstüberwindung, deren in solcher Lage vielleicht nur ein Weib fähig ist, zwang sie sich zu äußerer Gelassenheit und Ruhe.
„Dann hege ich keine Besorgnisse mehr wegen unserer Zukunft, mein Freund,“ sagte sie mit einem schmerzlichen Lächeln nach langem Schweigen. „Und ich will dich jetzt nicht länger zurückhalten; denn ich weiß ja, daß deine soldatischen Pflichten dir über alles andere gehen müssen. Ich bin glücklich, daß es mir vergönnt war, dich wiederzusehen. Um der Erfüllung deiner Pflicht in dieser ernsten, kriegerischen Zeit nicht hinderlich im Wege zustehen, gebe ich dich frei. Vielleicht führt deine Liebe dich einst freiwillig zu mir zurück. Doch nun lebe wohl.“
Ihr plötzlicher Entschluß und die Ruhe, mit der sie sich in die abermalige Trennung fügte, mußten ihm nach dem Vorhergegangenen fast unbegreiflich erscheinen. Aber ihr schönes Gesicht verriet so wenig von der verzweifelten Hoffnungslosigkeit ihres Herzens, daß er nach kurzer Ungewißheit auch diese seltsame Wandlung hinnahm, wie so viele andere Ueberraschungen, die ihre rätselhafte Natur ihm schon bereitet hatte.
Sie hatte mit so ruhiger Festigkeit gesprochen, daß er ihren Entschluß unmöglich länger für die Eingebung einer trotzigen oder zornigen Laune halten konnte.
„Um Gottes willen! Was hast du vor, Edith?“
„Ich werde eine Gelegenheit suchen, morgen nach Dover zurückzukehren. Hier würde ich dir doch nur im Wege sein.“
„Wir würden uns dann also vor deiner Abreise nicht mehr sehen?“
„Du selbst, mein Freund, sagtest ja, daß wenig Aussicht darauf vorhanden wäre.“
„Ich bin nicht Herr über mich selbst -- und diese Nachricht --“
„Es bedarf keiner Entschuldigung, und die Rücksicht auf mich soll dich nicht in der Ausübung deiner dienstlichen Pflichten behindern. Noch einmal denn: Lebe wohl, mein Teurer, mein geliebter Freund! Der Himmel schütze dich!“
Sie warf sich an seine Brust und küßte ihn; doch nur für wenige Sekunden umschlang ihr weicher Arm seinen Nacken. Sie wollte nicht schwach werden, und doch fühlte sie, daß sie nicht lange mehr die Kraft haben würde, sich zu beherrschen. Hastig raffte sie ihren Wachstuchmantel vom Boden auf und griff nach dem Schifferhute. Wohl hatte Heideck das heiße Verlangen, ihr noch etwas Liebes und Zärtliches zu sagen, aber es war, als ob ihm von einer unsichtbaren Faust die Kehle zusammengepreßt würde, und er brachte nichts anderes über die Lippen, als ein merkwürdig trocken klingendes:
„Lebe wohl, mein Lieb! -- Lebe wohl!“
Als er die Tür hinter ihr zufallen hörte, machte er eine ungestüme Bewegung, wie wenn er ihr nachstürzen und sie zurückhalten wollte. Aber nach dem ersten Schritt blieb er stehen und preßte die zur Faust geballte Linke fest auf das stürmisch pochende Herz. Ein Ausdruck unbeugsamer Entschlossenheit war auf seinem gleichsam versteinerten Gesicht, und um seine Mundwinkel hatten sich zwei tiefe, scharfe Linien eingegraben, als wäre er innerhalb dieser einzigen Stunde um ein Jahrzehnt gealtert.
XXX.
Der Schiffer Brandelaar hatte Edith den Namen des am Hafen gelegenen Gasthofes genannt, in dem ihn eine Nachricht Heidecks noch während der Nacht erreichen würde, denn er mußte voraussehen, daß der Major den Wunsch haben würde, ihn so bald als möglich zu sprechen.
Nun war er nicht wenig überrascht, als er statt des erwarteten Boten seinen schönen, verkleideten Passagier in das niedere, verräucherte Schänkzimmer eintreten sah, und er ging Edith mit einer gewissen unbeholfenen Ritterlichkeit entgegen, um sie vor der Neugier und den Zudringlichkeiten der Männer zu schützen, die mit ihm am Tische gesessen hatten, und deren verwitterte Gesichter ebensowenig vertrauenerweckend aussahen, als ihre teerduftende, von Wind und Wetter arg mitgenommene Kleidung.
Er wollte eine verwunderte Frage an sie richten, aber Edith kam ihm zuvor.
„Ich muß noch in dieser Nacht nach Dover zurück,“ sagte sie leise und hastig. „Wollen Sie mich hinüber bringen? -- Ich zahle Ihnen dafür, was Sie verlangen.“
Bedächtig, aber mit aller Entschiedenheit schüttelte der Schiffer den Kopf.
„Unmöglich! -- Auch wenn ich schon wieder von hier fortkönnte, bei diesem Wetter würde es doch nicht gehen.“
„Es muß gehen. Das Wetter ist nicht so schlecht. Und ich weiß, daß Sie nicht der Mann sind, der sich vor einem Sturm fürchtet.“
„Fürchten -- nein! -- Und es mag wohl sein, daß ich mit meiner Smack schon schlimmere überstanden habe als diesen. Aber es ist etwas anderes um die Gefahr, mit der man fertig werden muß, weil man ihr nicht entrinnen kann, und um die, der man sich leichtsinnig aussetzt. Wenn ich auf der Fahrt bin, mag kommen, was Gott gefällt; aber so -- --“
„Keine Worte, Brandelaar,“ fiel Edith ihm ungeduldig in die Rede. „Wenn Sie selber nicht fortkönnen oder nicht fahren wollen, unter Ihren Bekannten hier wird es doch sicher einen geben, der mutig und gescheit genug ist, sich auf leichte Art ein paar hundert Pfund zu verdienen.“
In den kleinen Augen des Schiffers leuchtete es auf.
„Ein paar hundert Pfund? Liegt Ihnen wirklich so viel daran, noch heute von Vlissingen fortzukommen? Wir sind ja doch kaum gelandet!“
„Ja, es liegt mir sehr viel daran. Und ich sagte Ihnen schon, daß es mir ganz gleichgültig ist, wieviel es kostet.“
Der Schiffer, der offenbar schwankend geworden war, rieb sich nachdenklich das Kinn.
„Hm! -- Ich selber könnte es allerdings nicht machen. Ich habe wichtige Nachrichten für den Herrn Major, und er würde es mir mit Recht verübeln, wenn ich auf und davon ginge, ohne ihn auch nur gesprochen zu haben. Aber vielleicht -- vielleicht könnte ich einen Schiffer ausfindig machen, der sich auf das Wagestück einließe, vorausgesetzt, daß auch für mich etwas dabei abfiele.“
„Gewiß -- gewiß! Ich begehre Ihre Gefälligkeit nicht umsonst. Fünfzig Pfund für Sie in dem Augenblick, wo ich meinen Fuß in das Boot setze.“
„Wohl! -- Und zweihundert für den Schiffer und seine Leute -- nicht wahr? Die Männer setzen ihr Leben aufs Spiel -- das dürfen Sie nicht vergessen. Und sie müssen es außerdem verteufelt geschickt anstellen, wenn sie unbemerkt an den deutschen Wachtschiffen vorbeikommen sollen.“
„Ja doch -- ja! Weshalb verlieren wir so viel Zeit mit dieser überflüssigen Verhandlung! Hier ist das Geld -- nun schaffen Sie mir ein Boot!“
„Gehen Sie dort hinein,“ sagte Brandelaar, auf die Tür eines kleinen, dunklen Nebenzimmers deutend. „Ich will versuchen, ob es mein Freund van dem Bosch tut.“
Edith warf, ehe sie seiner Aufforderung Folge leistete, einen Blick zu dem Manne hinüber, auf den er mit einer Bewegung des Kopfes hingewiesen hatte. Von gewinnender äußerer Erscheinung war dieser vierschrötige Seebär sicherlich nicht, aber sein abschreckendes Aussehen vermochte Edith nicht eine Sekunde lang in ihrem Entschluß zu beirren.
„Gut -- reden Sie mit Ihrem Freunde, Brandelaar! Aber sorgen Sie, daß, ich nicht zu lange auf seine Zusage warten muß.“
* * * * *
Und der wackere Brandelaar mußte in der Tat ein sehr wirksames Mittel der Ueberredung gefunden haben, denn es waren noch kaum zehn Minuten vergangen, als er Edith melden konnte, daß van dem Bosch bereit sei, unter den angebotenen Bedingungen die Fahrt zu wagen. Von der Gefährlichkeit des Unternehmens sprach er jetzt nicht mehr, als fürchte er, die junge Engländerin damit von ihrem für ihn so gewinnbringenden Vorhaben abzuschrecken. Und es wurde von diesem Augenblick an überhaupt nicht mehr viel von der Sache geredet. Der Weg bis zu der Stelle, wo der Fischerkutter vor Anker lag, war nicht lang, und wacker kämpfte sich Edith zwischen den beiden Männern, die schweigend an ihrer Seite dahinstapften, gegen den in unregelmäßigen Stößen vom Meere her brausenden Nordsturm vorwärts. In einer Jolle ruderten sie zu dem Fahrzeug hinüber, und Brandelaar hatte, als er zum Quai zurückkehrte, seine fünfzig Pfund richtig in der Tasche.
„Wenn Sie der Herr Major nach mir fragt, dürfen Sie ihm getrost die volle Wahrheit mitteilen,“ hatte Edith ihm gesagt. „Und auch einen Gruß von mir sollen Sie ihm ausrichten -- einen herzlichen Gruß. Vergessen Sie das nicht, Brandelaar!“
* * * * *
Die beiden Leute des Schiffers, die unten im Kutter schon im tiefsten Schlafe gelegen hatten, mochten nicht wenig erstaunt und sicherlich noch weniger erfreut sein über die Zumutung dieser nächtlichen Fahrt. Aber ein paar Worte, die der Schiffer in seiner für Edith unverständlichen Sprache zu ihnen gesprochen, hatten ihre Unzufriedenheit sehr schnell verscheucht. Willig griffen sie jetzt zu, um die Segel zu setzen und Anker zu lichten. Die mächtigen Fäuste des Schiffers erfaßten das Steuer; das kleine, fest gebaute Fahrzeug machte eine kurze Drehung und schoß dann, weit nach einer Seite überliegend, in die Dunkelheit hinaus.
Nahe genug kam es an der ‚Gefion‘ vorüber, und wenn es zufällig von dem Lichtkegel des Scheinwerfers getroffen worden wäre, der von Zeit zu Zeit suchend über die bewegte Wasserfläche hinhuschte, so hätte die nächtliche Fahrt jedenfalls eine sehr unliebsame Unterbrechung erfahren. Aber der Zufall war dem tollkühnen Unternehmen günstig. Kein Zuruf oder Signal von Bord des Wachtschiffes hielt sie auf, und bald waren die Lichter von Vlissingen im Dunkel verschwunden.
Edith hatte seit der Abfahrt am Mast des Fahrzeuges gestanden, den Blick unverwandt rückwärts gewendet -- dahin, wo sie alles ließ, was ihrem Leben bis zu dieser Stunde Wert und Inhalt gegeben hatte. Der Schiffer und seine beiden Leute, die bei dem ungleichmäßigen Winde genug mit ihren Segeln zu tun hatten, schienen sich nicht um sie zu kümmern, und erst als plötzlich eine heftige Regenbö einsetzte, rief ihr van dem Bosch zu, ob sie nicht lieber hinunter gehen wolle, wo sie doch wenigstens gegen Wind und Wetter geschützt sei.
Aber Edith rührte sich nicht von der Stelle. Für ihre von allen Qualen einer grenzenlosen Verzweiflung durchwühlte Seele waren das Toben des Sturmes, das Klatschen des niederprasselnden Regens und das zischende Aufspritzen der an den Planken des Bootes zerschellenden Wellen gerade die rechte Musik. Der nächtliche Aufruhr um sie her stimmte so ganz zu dem Aufruhr in ihrem Innern, daß sie ihn fast wie eine Befreiung empfand. Die Kerkerenge einer niedrigen Kajüte wäre ihr jetzt unerträglich gewesen. Nur daß sie die von dem Salzduft des nahen Meeres geschwängerte Luft in vollen Zügen atmen, daß sie ihr Gesicht dem Sturm, dem Regen und dem Wogengischt preisgeben konnte, hielt ihre Kraft aufrecht. Es war wie ein physischer Kampf, den sie gegen die brutalen Gewalten der Natur zu bestehen hatte, und seine nervenaufstachelnde Wirkung half ihr wohltätig über den Jammer ihrer zerrissenen Seele hinweg.
Sie hatte keinen Maßstab für Zeit und Raum. Nur an dem orkanartigen Anschwellen des Sturmes, an dem immer wuchtiger werdenden Anprall der Wellen und dem wilderen Tanz des Bootes nahm sie wahr, daß es das offene Meer sein mußte, auf dem sie sich befand. Sie war trotz des Wachstuchmantels völlig durchnäßt, und ein Kältegefühl, das von den Füßen herauf allmählich ihren ganzen Körper erfaßte, ließ ihre Glieder erstarren. Aber sie kam trotz alledem nicht einen Augenblick in Versuchung, sich nach unten in den Kielraum zurückzuziehen. Und der Gedanke an eine Gefahr blieb ihr fern. Sie hörte die Matrosen fluchen, und zweimal schlug ein Zuruf des Schiffers an ihr Ohr, der irgend eine gebieterische Aufforderung zu enthalten schien. Aber um das alles kümmerte sie sich nicht. Wie wenn sie bereits von allem Irdischen losgelöst wäre, verhielt sie sich vollständig gleichgültig gegen das, was um sie her geschah. Je unempfindlicher ihr von der durchdringenden feuchten Kälte gelähmter Körper wurde, desto unbestimmter, traumhafter wurden alle auf sie einwirkenden Sinneseindrücke. Es war ihr, als hätte sie jeden festen Boden unter den Füßen verloren, als flöge sie auf Sturmesschwingen, frei von allen Hemmungen körperlicher Schwere, durch den unbegrenzten Raum. Und all das Brausen, Heulen, Prasseln und Plätschern der entfesselten Elemente floß ihr in ein eintöniges, majestätisches Rauschen zusammen, das nichts Erschreckendes, sondern nur noch etwas wundersam Beruhigendes für sie hatte. Ihren langsam entschwindenden Sinnen wurde der Aufruhr zur erhabenen Harmonie, und so ganz fühlte sie sich eins mit der großen, allgewaltigen Natur, daß das letzte Gefühl, dessen sie sich bewußt wurde, ein heißes, inbrünstiges Sehnen war, in dieser großen Natur aufzugehen, wie eine der ungezählten Wogen, deren Schaum im Vergehen ihre Füße netzte.
* * * * *
Ein Knall, der scharf wie ein Schuß das Chaos von Geräuschen übertönte -- ein lautes Knattern -- und ein paar wilde Flüche aus rauhen Seemannskehlen! Wie ein Korkstückchen tanzte und schwankte plötzlich das Boot auf den Wellen, während das große Segel im Sturm flatterte, als ob es in der nächsten Sekunde zu tausend Fetzen zerrissen werden müßte.
Das Pikfall war gebrochen, und die ihres Haltes beraubte Gaffel schlug mit furchtbarer Gewalt nach unten. Mit der ganzen Kraft seiner riesenstarken Arme legte sich der Schiffer in das Steuer, um das Fahrzeug an den Wind zu bringen. Die beiden anderen Männer aber arbeiteten wie Verzweifelte, um das Segel festzumachen.
An die verkleidete Frau im Wachstuchmantel, die so lange regungslos wie eine Statue am Mast gestanden, dachte in diesen Augenblicken höchster Gefahr keiner von den dreien. Erst als das schwierige Werk glücklich vollbracht war, bemerkten sie ihr Verschwinden. Mit verstörten Gesichtern sahen sie sich an. Und der Schiffer am Steuer sagte:
„Sie ist über Bord gegangen. Die Gaffel hat sie wohl an den Kopf getroffen. Da ist nichts mehr zu machen. Warum wollte sie auch an Deck bleiben!“
Er räusperte sich und spuckte nach Seemannsart ins Meer.
Die beiden anderen sprachen kein Wort. Schweigend gehorchten sie den Befehlen des Schiffers, der wieder auf die Scheldemündung zuhalten wollte.
Einen Rettungsversuch machten sie nicht. Es wäre ja auch ein völlig zweckloses Beginnen gewesen. -- --
XXXI.
Der letzte fahrplanmäßige Zug nach Antwerpen war längst abgegangen, als Heideck auf dem Bahnhof ankam. Aber es bedurfte nur einer kurzen Verhandlung mit dem Eisenbahnlinien-Kommissar, um den Wunsch des Majors, ihm eine Lokomotive zur Verfügung zu stellen, sofort zu erfüllen. Als er den Heizerstand bestiegen hatte, legte der Stationsvorsteher salutierend die Hand an die Mütze und gab dem Lokomotivführer das Zeichen zur Abfahrt. Wie ein schneidender, körperlicher Schmerz fuhr es für einen Moment durch Heidecks Brust, als die Maschine sich stampfend in Bewegung setzte. Was er bei dieser Abreise für immer hinter sich ließ, war das Glück seines Lebens. Eine dumpfe, lähmende Traurigkeit lag auf seinem Herzen. Er erschien sich selber wie ein seelenloser Mechanismus, der gleich dieser keuchenden, rastlos vorwärts strebenden Lokomotive in blindem Gehorsam einem fremden Willen untertan war. War doch all sein Handeln jetzt nicht mehr durch eigene Entschließungen bestimmt, sondern durch ein unerbittliches, höheres Gesetz -- durch das eherne Gesetz der Pflicht. Er hatte keine persönliche Freiheit und keine persönliche Verantwortlichkeit mehr. Sein Weg war ihm so klar und scharf vorgezeichnet, wie ihn die eisernen Schienengeleise auch diesem Dampfwagen vorschrieben. Mit fest zusammengepreßten Lippen blickte er unverwandt vor sich hinaus. Was hinter ihm lag, mußte ja für immer für ihn abgetan sein. Nur ein gebieterisches ‚Vorwärts‘ durfte fortan noch seine Losung sein. -- -- --
Um sechs Uhr morgens stand er vor dem königlichen Schlosse an der Place de Meir, wo der Prinz-Admiral sein Quartier aufgeschlagen hatte. König Leopold hatte ihm das Schloß als Wohnung angeboten.
Trotz der frühen Stunde wurde Heideck sofort in das Arbeitskabinett des Prinzen geführt.
„Königliche Hoheit,“ sagte Heideck, „ich bringe eine Meldung von größter Wichtigkeit. Diese Ordre der englischen Admiralität ist in meine Hände gefallen.“
Der Prinz wies ihm einen Platz neben seinem Schreibtisch an.
„Lesen Sie mir bitte die Ordre vor, Herr Major!“
Heideck verlas das bedeutungsvolle Schriftstück:
‚Den Lords der Admiralität erscheint es wünschenswert, die deutsche Flotte als die schwächere zuerst anzugreifen. Dieser Angriff auf die deutsche Flotte muß ausgeführt werden, bevor die russische im stande ist, ihr im Hafen von Kiel zu Hilfe zu kommen. Daher ist am 15. Juli ein gleichzeitiger Angriff auf die beiden Stellungen der deutschen Flotte zu richten.‘
„Am 15. Juli?“ wiederholte der Prinz, der sich in großer Erregung erhoben hatte. „Und heute haben wir den elften! Wie sind Sie in den Besitz dieser Ordre gekommen, Herr Major? Welche Beweise haben Sie für die Echtheit dieses Schriftstückes?“
„Ich habe die triftigsten Gründe, Königliche Hoheit, es für echt zu halten. Königliche Hoheit wollen sich überzeugen, daß diese Ordre auf dem blauen Stempelpapier der englischen Admiralität geschrieben ist.“
„Sehr wohl, Herr Major! -- Aber das würde eine Fälschung doch nicht ausschließen. Wie kamen Sie in den Besitz des Papiers?“
„Königliche Hoheit wollen mir gnädigst eine Erklärung darüber erlassen.“
„Dann lesen Sie weiter!“
Heideck folgte diesem Befehl:
‚Am genannten Tage hat die Flotte von Kopenhagen den Kieler Hafen anzugreifen. Zwei Linienschiffe legen sich vor die Festung Friedrichsort und das Fort Falkenstein auf der westlichen Seite, zwei andere Linienschiffe vor die Festungswerke bei Labö und Möltenort auf der östlichen Seite der Kieler Förde und unterhalten ein so intensives Feuer auf die Festungswerke, daß die übrige Flotte hinter ihnen und in ihrem Schutze in den Hafen einfahren kann.
Im Kieler Hafen liegen etwa hundert Transportschiffe und einige ältere Panzerschiffe und Kreuzer, die dem Angriff unserer Flotte keinen ernstlichen Widerstand entgegensetzen können. Alle diese Schiffe müssen mit äußerster Schnelligkeit und Wucht angegriffen werden. Es ist das Hauptaugenmerk darauf zu richten, daß ein Linienschiff sogleich bis zum Eingang des Kaiser-Wilhelm-Kanals vordringt, um den deutschen Schiffen den Rückzug durch diesen Kanal abzuschneiden. Sämtliche im Hafen liegenden deutschen Schiffe sind zu zerstören. Der Angriff ist dadurch einzuleiten, daß einige Kreuzer der übrigen Flotte voran in die Kieler Förde einlaufen, ohne Rücksicht darauf, daß sie durch Seeminen in die Luft gesprengt werden könnten. Diese Fahrzeuge sind eventuell zu opfern, um die Einfahrt frei zu machen.
Zum Angriff auf die deutsche Flotte in der Schelde, der ebenfalls am 15. Juli erfolgen muß, hat Vizeadmiral Domvile aus den Kanalgeschwadern und der Kreuzerflotte eine Flotte von zwei Divisionen zu bilden.
Die erste Division ist zu bilden aus den Linienschiffen: ‚Bulwark‘ (Flaggschiff des Vizeadmirals Domvile), ‚Albemarle‘, ‚Duncan‘, ‚Montagu‘, ‚Formidable‘, ‚Renown‘, ‚Irresistible‘ und ‚Hannibal‘. Ferner aus den Kreuzern ‚Bacchante‘ (Kontreadmiral Walker), ‚Gladiator‘, ‚Najad‘, ‚Hermione‘, ‚Minerva‘, ‚Rainbow‘, ‚Pegasus‘, ‚Pandora‘, ‚Aboukir‘, ‚Vindictive‘ und ‚Diana‘.
Ferner aus den Torpedobootzerstörern: ‚Dragon‘, ‚Griffon‘, ‚Panther‘, ‚Locust‘, ‚Boxer‘, ‚Mallard‘, ‚Coquette‘, ‚Cygnet‘ und ‚Zephyr‘.
Ferner aus zwei Torpedobootflottillen.
Zwei Munitionsschiffe, zwei Kohlenschiffe und ein Lazarettschiff werden der Division zugeteilt.
Die zweite Division ist zu bilden aus den Linienschiffen: ‚Majestic‘ (Vizeadmiral Lord Beresford), ‚Magnificent‘ (Kontreadmiral Lambton), ‚Cornwallis‘, ‚Exmouth‘, ‚Russell‘, ‚Mars‘, ‚Prince George‘, ‚Victorious‘ und ‚Caesar‘.
Ferner aus den Kreuzern: ‚St. George‘ (Kommodore Winsloe), ‚Sutley‘, ‚Niobe‘, ‚Brillant‘, ‚Doris‘, ‚Furious‘, ‚Pactolus‘, ‚Prometheus‘, ‚Juno‘, ‚Pyramus‘ und ‚Pioneer‘.
Ferner aus den Torpedobootzerstörern: ‚Myrmidon‘, ‚Chamois‘, ‚Flying Fish‘, ‚Kangaroo‘, ‚Desperate‘, ‚Fawn‘, ‚Ardent‘, ‚Ariel‘ und ‚Albatroß‘.
Ferner aus zwei Torpedobootflottillen.
Zwei Munitionsschiffe, zwei Kohlenschiffe und ein Lazarettschiff sind der Division zuzuteilen.
Ein Geschwader unter dem Kommodore Prinz Louis von Battenberg (Flaggschiff: ‚Implacable‘) bleibt in Reserve, um die etwaige Annäherung einer französischen Flotte zu beobachten. Für den Fall, daß eine solche sich zeigt, hat die erste Division sich mit diesem Reservegeschwader unter dem Oberbefehl des Vizeadmirals Domvile zu vereinigen und die französische Flotte mit aller Energie anzugreifen, während es der zweiten Division überlassen bleibt, den Kampf mit der deutschen Flotte aufzunehmen. Die für den Angriff der ganzen Flotte gegebenen Befehle gelten alsdann allein für die zweite Division. Seiner Majestät Regierung erwartet, daß die Division im stande sein wird, auch ohne Hilfe der ersten Division den Feind zu besiegen. Sobald die Aufklärungsschiffe der zweiten Division die deutschen Wachtschiffe aus der Mündung der Westerschelde vertrieben haben, hat die linke Flügelgruppe der Schlachtschiffe das Feuer auf Vlissingen, die rechte auf die Landbefestigungen des südlichen Ufers zu eröffnen. Doch halten sich die Flügel nicht auf, sondern dampfen mit der übrigen Flotte weiter, und die ganze Division dringt bis gegen Antwerpen oder so weit vor, bis sie die deutsche Schlachtflotte trifft. Diese Flotte ist mit äußerster Energie anzugreifen.
Die näheren Bestimmungen über die Art des Angriffs bleiben dem Vizeadmiral Domvile überlassen.
Sollte sich wider Erwarten die deutsche Schlachtflotte beim Beginn des Angriffs in der Scheldemündung zu einem Vorgehen ihrerseits entschließen, so muß der kommandierende Admiral den Umständen gemäß nach eigenem Ermessen handeln, wobei in erster Linie zu berücksichtigen ist, daß mehr daran liegt, möglichst viele deutsche Schiffe wegzunehmen, als sie zu zerstören, um die genommenen Schiffe für den weiteren Verlauf des Krieges im eigenen Dienst zu verwenden.‘
Schweigend war der Prinz-Admiral dieser Vorlesung gefolgt. Deutlich spiegelte sich auf seinem Antlitz die Erregung wieder, in die das Gehörte ihn versetzt hatte.
„Eine starke innere Wahrscheinlichkeit spricht für die Echtheit dieser Ordre,“ sagte er nachdenklich, „aber ich möchte dafür doch noch andere und zuverlässigere Beweise haben; denn die Möglichkeit einer absichtlichen Irreführung ist nicht ausgeschlossen. Woher stammt dieses Schriftstück, Herr Major?“