Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman

Part 24

Chapter 243,681 wordsPublic domain

„Das ist auch meine Ansicht. Die Flotte von Kopenhagen hätte längst einen Angriff auf den Kieler Hafen ins Werk setzen können. Es hieß ja, sie solle die russische Flotte in Schach halten. Aber das war ja doch anfänglich überflüssig, so lange der Bottnische und der Finnische Meerbusen vom Eise blockiert waren und die russischen Geschwader sich gar nicht bewegen konnten. Diese Kriegführung erinnert lebhaft an die Zustände im Krimkriege, wo eine gewaltige englische Flotte unter allen Posaunenstößen der Reklame gegen Kronstadt und Petersburg auszog, aber nichts anderes ausrichtete, als das Bombardement des obskuren Bomarsund, so daß die englische Presse nur mit Mühe das große Fiasko ihrer weltberühmten Flotte bemänteln konnte.“

„Ich denke,“ sagte Heideck, zu dem Ausgangspunkt ihrer Unterhaltung zurückkehrend, „daß wir uns um die Verbindungen der Gräfin Arselaarts und der Herren Amelungen und Konsorten nicht weiter zu kümmern brauchen. Mit diesen Leuten mögen sich jetzt die Kriegsgerichte beschäftigen. Ungleich wichtiger ist mir der Schiffer Brandelaar, den ich in der Hand habe, und durch den, vielleicht im Verein mit Camille Pénurot, ich noch Nachrichten über die britische Flotte und deren beabsichtigte Verwendung zu erhalten hoffe. Brandelaars Schiff dürfte jetzt vor Terneuzen liegen. Ich möchte Sie bitten, Herr Oberstleutnant, den Mann und seine Leute noch heute verhaften zu lassen.“

„Wie stimmt das zu Ihrer Absicht, ihn als Spion in unserem Interesse zu benutzen?“

„Ich vergaß, Ihnen zu sagen, daß es sich dabei um eine zwischen Brandelaar und mir getroffene Verabredung handelt. Er selbst hielt es zu seiner eigenen Sicherheit der Mannschaft gegenüber für geboten. Natürlich darf es sich nur um ein Scheinverhör handeln, und der Mann muß wegen Mangels an Beweisen sobald als möglich wieder freigelassen werden, damit er schon morgen nach England zurückkehren kann.“

Der Oberstleutnant versprach, nach dem Wunsche des Majors zu verfahren.

Am Abend desselben Tages traf Heideck in einer verabredeten Weinstube mit Pénurot zusammen.

„Unser Geschäft ist etwas verwickelt,“ sagte Heideck. „Es muß doch noch mehr Leute geben, die für Ihren Vater arbeiten, und die wir bisher nicht kennen.“

„Woraus schließen Sie das, Herr Major?“

„Ihr Vater besaß Briefe, die vom Admiral Hollway bestellt worden waren, aber nicht durch Brandelaar befördert worden sind.“

„Ja, ja, ich weiß. Ich kann mir's denken.“

„Wissen Sie, wer die Ueberbringer waren?“

„Ich kenne sie nicht genau, aber ich habe meine Vermutungen.“

„Können Sie mir keine sicheren Auskünfte verschaffen?“

„Ich will es versuchen.“

„Wie wollen Sie das anfangen?“

„Es gibt hier Matrosenkneipen, in denen ich die Leute aufzuspüren hoffe. Aber es sind verzweifelte Burschen, und es ist nicht ungefährlich, sich mit ihnen einzulassen.“

„Wenn Sie mir jene Kneipen näher bezeichnen wollen, werde ich noch heute Abend die ganze Gesellschaft, die dort verkehrt, festnehmen lassen.“

„Um des Himmels willen nicht, Herr Major! Damit würden wir alles verderben. Diese Menschen würden sich eher in Stücke schneiden lassen, als daß sie Ihnen etwas verrieten. Wenn jemand sie zum Reden bringen kann, so bin ich es.“

„Sollten Sie sich da nicht zuviel zutrauen?“

„Nein, nein. Ich verstehe mich darauf, mit ihnen umzugehen, und ich weiß manches, was ihnen den Mund öffnen wird.“

„Nun wohl, so tun Sie, was Sie können. Die Sache ist wichtig. Mir liegt sehr viel an einem Mann, der zuverlässige Auskunft über die britische Flotte beschaffen könnte, und Sie wissen, daß wir mit Geld nicht sparen.“

Pénurot war auf der Stelle bereit, das schwierige Unternehmen zu versuchen, und er verabschiedete sich von Heideck mit dem Versprechen, bald nach Mitternacht hier in der nämlichen Weinstube wieder mit ihm zusammenzutreffen.

Bald nach ihm verließ Heideck das Restaurant und ging, seine heiße Stirn zu kühlen, den Quai Van Dyck entlang.

Die Stadt hatte in dieser Kriegszeit ein eigentümlich verändertes Aussehen angenommen. In den Straßen wimmelte es von deutschen Soldaten, der sonstige lebhafte Verkehr am Hafen hatte vollständig aufgehört. Es gab ja keinen Handel mehr, seitdem die deutschen Kriegsschiffe gleich schwimmenden Zitadellen in der Schelde lagen. Und doch war es beinahe unbegreiflich, wie das alles so schnell hatte kommen können. Antwerpen war eine fast uneinnehmbare Festung, wenn die Ueberschwemmung des umliegenden Landes rechtzeitig ins Werk gesetzt wurde. Aber die belgische Regierung hatte nicht einmal einen Versuch der Verteidigung gemacht, als die Spitzen des siebenten und achten Armeekorps in der Nähe der Stadt erschienen waren. Ohne weiteres hatte sie die Festung mit all ihren starken Außenforts der deutschen Heeresleitung ausgeliefert und ihre eigene Armee zurückgezogen. Der Reichskanzler hatte wohl recht, wenn er die Bedeutung Antwerpens für das Deutsche Reich so hoch bewertete. Die Bevölkerung war fast ausschließlich vlämisch, und Antwerpen war somit der Nationalität nach eine deutsche Stadt.

Aber von der allgemeinen Weltlage kehrten Heidecks Gedanken an diesem Abend immer wieder zu Edith und ihrem Briefe zurück, so daß er sich endlich dazu entschloß, ihr noch heute zu schreiben.

Um seinen Plan auszuführen, ging er in das Restaurant zurück, in dem seine Zusammenkunft mit Pénurot stattgefunden hatte, und ließ sich Papier und Tinte geben. Als er den Brief beendet hatte, überflog er noch einmal die Zeilen, in denen er, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, sein Herz hatte sprechen lassen:

‚Meine liebe Edith! Durch einen Zufall gelangte ich bei Ausübung meines Dienstes in den Besitz des Briefes, den Du an Frau Amelungen geschrieben. Es geschah, als ich nach ganz anderen Dingen suchte, und Du kannst Dir wohl denken, wie groß meine Ueberraschung bei der unverhofften Entdeckung war.

Seit der Stunde, da wir uns trennen mußten und Du mir vielleicht nicht ohne Groll und Vorwurf die Hand zum Abschied reichtest, fühle ich immer mehr, wie unentbehrlich Du mir bist. Ich bewahre jedes Wort, das Du zu mir gesprochen, jeden Blick, den Du mir geschenkt, in meiner Erinnerung, und immer schöner, immer leuchtender steht Dein Bild vor meiner Seele.

Nie habe ich bei einer Frau einen so schönen, feinen und scharfen Geist gefunden wie bei Dir. Ich darf nicht verschweigen, daß Deine Gedanken mich anfangs zuweilen erschreckt haben: Deine Anschauungen entfernen sich oft so weit von dem Alltäglichen und erheben sich so hoch über das Gewöhnliche, daß man Zeit braucht, um sie recht zu würdigen. Wenn ich jetzt zurückdenke an das, was mich einst befremdete, so geschieht es nur mit Empfindungen der Bewunderung. Von Tag zu Tag hat sich der Eindruck vertieft, den ich bei unserer ersten Unterredung von Dir empfing, und immer unerschütterlicher ist in mir die beglückende Gewißheit geworden, daß die Liebe zu Dir der Inhalt meines ganzen künftigen Lebens sein wird.

Trotzdem darf ich es nicht beklagen, daß ich die Kraft hatte, mich in Neapel von Dir zu trennen. Der schöne Traum unseres Zusammenlebens wäre von der rauhen Wirklichkeit ja doch bald genug zerstört worden. Mein Dienst führt mich bald hierher, bald dorthin, und so lange dieser Krieg währt, bin ich nicht eine Stunde lang Herr über mich selbst. Wir müssen Geduld haben, Edith! -- Auch dieser Feldzug kann nicht ewig währen, und wenn es der Himmel beschlossen hat, mich lebend aus ihm hervorgehen zu lassen, werden wir uns wiedersehen, um uns nie mehr zu trennen.

Du wirst mir auf diesen Brief vielleicht nicht antworten können. Denn die Verbindung mit Frau Amelungen ist unterbrochen. Aber ich weiß, daß Du mir antworten wirst, wenn es Dir möglich ist, und ich bin glücklich in der Vorstellung, Dir durch dieses Lebenszeichen eine Freude bereitet zu haben, der, wie ich hoffe, bald die noch schönere des Wiedersehens folgen wird.

Laß uns mit Geduld und mit Zuversicht dieser Stunde entgegenharren!‘

Er verschloß den Brief und steckte ihn zu sich, um ihn am folgenden Tage Brandelaar zu übergeben. Dann wartete er auf das Wiedererscheinen Pénurots, der ihm versprochen hatte, bis Mitternacht zurück zu sein. Aber obwohl Heideck noch fast eine Stunde über diese Zeit in der Weinstube verblieb, wartete er doch vergebens. Die Aeußerungen, die der natürliche Sohn des Herrn Amelungen über die Beschaffenheit der an diesem Abend von ihm aufgesuchten Gesellschaft getan, machten den Major um das Schicksal Pénurots besorgt, und ehe er in sein Quartier zurückkehrte, ging er zur städtischen Polizei, um zu ersuchen, daß man in den weniger gut beleumundeten Matrosenkneipen der Hafengegend nach Herrn Camille Pénurot forsche, von dessen Persönlichkeit er eine genaue Beschreibung gab.

Auch am nächsten Morgen war noch keine Nachricht von ihm da, und jetzt zweifelte Heideck kaum noch daran, daß die Angelegenheit einen für Pénurot unglücklichen Ausgang genommen habe. Aber er durfte sich in diesem Augenblick nicht mit Nachforschungen nach dem Verbleib des jungen Mannes aufhalten.

Von dem Oberstleutnant erfuhr er, daß Brandelaar, dessen Schiff in der Tat vor Terneuzen lag, mit seinen Leuten noch in der Nacht verhaftet, verhört und wieder entlassen worden war, ganz wie es zwischen den beiden Offizieren verabredet wurde.

Nun fuhr Heideck ebenfalls nach Terneuzen, um Brandelaar das auf seinem Bureau zusammengestellte Auskunftsmaterial für den Admiral Hollway nebst den für ihn so wichtigen privaten Informationen zu überbringen.

Zuletzt, als er ihm auf die versprochene Belohnung eine Anzahlung von tausend Francs geleistet, händigte er ihm mit genauen Anweisungen für die Art der Bestellung auch den Brief an Edith ein. Und der Schiffer, dessen Diensteifer für die deutsche Sache jetzt ohne Zweifel ehrlich war, versprach wiederholt, alles gewissenhaft und nach bestem Vermögen zu besorgen.

Als Heideck am Nachmittag nach Antwerpen zurückkehrte, fand er auf seinem Bureau die polizeiliche Benachrichtigung, daß man Camille Pénurots Leiche mit mehreren Messerstichen in Hals und Brust in einem der Hafenbassins gefunden habe. Die Nachforschungen nach den Tätern seien sofort aufgenommen worden. Bis jetzt aber fehle von ihnen noch jede Spur.

XXIX.

Nach der mit Heideck getroffenen Verabredung sollte Brandelaar bei seiner Rückkehr von Dover in Vlissingen anlegen, und der Major hatte die Wachtschiffe in der Mündung der Westerschelde angewiesen, die Smack unbehelligt und ohne Aufenthalt passieren zu lassen. Aber er wartete von Tag zu Tag vergeblich auf den Schiffer. Das Wetter konnte nicht an der Verzögerung schuld sein; denn für einen Mann von Brandelaars Wagemut war es gewiß nicht zu schlecht gewesen. Fast während der ganzen Zeit hatte ein mäßiger Nordwind geweht, so daß ein geschickter Schiffer die Fahrt von Dover nach Vlissingen recht wohl in einem Tage hätte zurücklegen können.

Es mußten also andere Ursachen sein, die den Mann noch immer drüben zurückhielten. Und Heideck fing schon an zu fürchten, daß entweder seine oft bewährte Menschenkenntnis ihn diesmal doch im Stiche gelassen habe, oder daß Brandelaar in England das Opfer irgend einer Unvorsichtigkeit geworden sei.

Für heute -- es war eine volle Woche seit der Abfahrt des Schiffers vergangen -- hoffte er am allerwenigsten auf seine Wiederkehr. Denn der Nordwind hatte sich gegen Abend fast bis zum Sturm gesteigert und rüttelte ungeberdig an den Fenstern des Hotelzimmers, in dem Heideck noch um Mitternacht am Schreibtisch saß.

Ein leises Klopfen veranlaßte ihn von seiner Arbeit aufzusehen. Wer konnte noch in dieser späten Stunde zu ihm kommen? Eine Ordonnanz aus seinem Tag und Nacht geöffneten Bureau war es sicherlich nicht, denn Soldatenfinger pflegen kräftiger zu klopfen.

Auf sein ‚Herein‘ öffnete sich zögernd die Tür, und Heideck sah in dem matt erleuchteten Korridor eine schlanke Gestalt in langem Wachstuchmantel mit großem Schifferhute, dessen Krempe tief in die Stirne gedrückt war.

Von einer tollen Vermutung durchzuckt, sprang Heideck auf. Noch in demselben Augenblick aber riß der vermeintliche Jüngling den Hut herab und breitete mit einem Jubelschrei die Arme aus:

„Mein teurer -- mein geliebter Freund!“

„Edith!“

In diesem Augenblick verstummten in Heidecks Innern alle andern Gedanken und Gefühle vor der übermächtigen Freude des Wiedersehens. Er stürzte auf Edith zu und riß sie an seine Brust. Lange sprachen beide kein Wort. Aber sie wurden nicht müde, sich zu küssen und einander lachend wie übermütige Kinder in die Augen zu sehen.

Dann endlich, sich langsam aus seinen Armen befreiend, sagte Edith:

„Du zürnst mir also nicht, daß ich trotz deines Verbots gekommen bin? Du wirst mich nicht wieder von dir weisen?“

Ihre Stimme drang ihm ins Ohr wie süße, schmeichelnde Musik. Wo wäre der Mann gewesen, der dieser bestrickenden Stimme hätte widerstehen können?

„Ich möchte dir wohl zürnen, mein Lieb, aber ich kann nicht -- bei Gott, ich kann es nicht!“

Und wieder begegneten sich ihre Lippen in einem langen, glühenden Kusse.

„Ich hätte nicht länger leben können ohne dich,“ flüsterte das junge Weib. „Ich mußte dich wiedersehen, oder ich wäre an meiner Sehnsucht gestorben.“

„Du Süße, Einzige! -- Aber diese Verkleidung? -- Und wie hast du es nur angefangen, über den Kanal zu kommen?“

„Ich habe den Weg eingeschlagen, den du mir gezeigt hast. -- Und meine Verkleidung -- mißfällt sie dir gar so sehr?“

Sie hatte den häßlichen, entstellenden Mantel abgeworfen und stand in einem dunkelblauen Matrosenanzug vor ihm. Selbst in der malerischen Kleidung eines indischen Radjah war sie ihm nicht reizender erschienen.

„Was mir daran mißfällt ist nur, daß auch andere Augen als die meinigen dich darin sehen durften. Aber du bist mir noch immer die Erklärung schuldig geblieben, wie du hierher gelangen konntest.“

„Mit deinem Liebesboten, deinem Postillon d'amour, der freilich etwas ungeschlacht und unbeholfen war für eine so zarte Mission.“

„Wie? Mit Brandelaar kamst du?“ rief Heideck überrascht.

„Ja! Schon in dem Augenblick, da ich deinen Brief aus seiner groben Seemannsfaust empfing, war mein Entschluß gefaßt. Ich fragte ihn, ob er nach Vlissingen zurückkehre, und als er es bejahte, erklärte ich, daß er mich mitnehmen müsse, es koste was es wolle. Ich würde ihm unbedenklich mein ganzes Vermögen für die Ueberfahrt bezahlt haben. Aber der Gute hat es sehr viel billiger getan.“

„Du Unbesonnene!“ schalt Heideck. Aber der Stolz auf sein schönes, unerschrockenes Lieb leuchtete ihm dabei hell aus den Augen. „Ich werde diesem Brandelaar ernsthafte Vorwürfe machen müssen, daß er seine Hand zu einem so gefährlichen Spiel bieten konnte. Warum aber hat er so lange mit der Rückkehr gezögert?“

„Ich glaube, er hatte allerlei Geschäfte geheimnisvoller Art. Und nicht er allein. Auch ich hatte meine Geschäfte. Denn ich wollte nicht mit leeren Händen zu dir kommen, mein Freund!“

„Nicht mit leeren Händen? Wie soll ich das verstehen?“

„Ich zerbrach mir den Kopf, womit ich dir wohl eine recht große Freude machen und deinen Zorn über mein plötzliches Erscheinen beschwichtigen könnte -- diesen schrecklichen Zorn, vor dem ich eine solche Angst hatte. Und da ich von Brandelaar hörte, daß es deine Aufgabe sei, militärische Geheimnisse auszukundschaften --“

„Der gute Brandelaar ist ein Schwätzer. Es scheint ja, daß deine schönen Augen ihn verleitet haben, dir sein ganzes Herz auszuschütten.“

„Und wenn es so gewesen wäre?“ fragte sie mit schelmischem Lächeln. „Hättest du dann nicht alle Ursache, dich bei ihm wie bei mir dafür zu bedanken? -- Aber freilich -- du weißt ja noch nicht einmal, was ich dir mitgebracht habe. Bist du denn gar nicht neugierig?“

„Doch nicht etwa ein militärisches Geheimnis?“

Er sagte es in scherzendem Tone. Sie aber nickte mit wichtiger Miene.

„Jawohl -- ein großes Geheimnis. Der Zufall war mein Bundesgenosse, sonst wäre ich schwerlich dazu gekommen. Da ist es! -- Aber sei gewiß, daß ich eine entsprechende Belohnung dafür verlangen werde.“

Sie hatte ihm einen verschlossenen Umschlag gereicht, den sie so lange unter ihrer Kleidung verborgen gehalten hatte. Und als Heideck in wachsender Spannung das darin befindliche Blatt entfaltete, erkannte er auf den ersten Blick das blaue Stempelpapier der englischen Admiralität.

Sobald er die ersten Zeilen gelesen, fuhr er in heftigster Erregung auf. Sein Gesicht war dunkelrot geworden, und zwischen seinen Augenbrauen lag plötzlich eine scharfe, tiefeingeschnittene Falte.

„Was ist das?“ stieß er hervor. „Um Gottes willen, Edith, wie kamst du zu diesem Papier?“

„Wie ich dazu kam? -- Ach, das ist doch ganz nebensächlich. Die Hauptsache ist doch, ob es für dich einen Wert hat oder nicht. Aber freust du dich denn nicht darüber?“

Wie hypnotisiert starrte Heideck noch immer auf das mit den gleichmäßigen Zügen einer geübten Kanzlistenhand beschriebene Blatt.

„Unfaßbar!“ murmelte er. Und dann, indem er seine Augen plötzlich mit einem beinahe drohenden Blick auf Edith richtete, wiederholte er:

„Wie bist du dazu gekommen?“

„Du fragst wie ein Untersuchungsrichter. Aber du magst es in Gottes Namen wissen. Der Bruder der Frau, bei der ich in Dover wohnte, ist als Geheimsekretär bei der Admiralität angestellt -- ein armer, brustkranker Mensch, der keinen sehnlicheren Wunsch hatte, als den, sich auf Madeira oder in Aegypten von seinem Leiden zu kurieren. Ich habe durch die Gewährung der hierzu erforderlichen Mittel ein menschenfreundliches Werk getan. Ich bat ihn, mir gegen ein weiteres Geldgeschenk die Kopie eines wichtigen Schriftstückes seines Ressorts zu geben.“

Sie brach plötzlich ab, denn ein kurzes, schneidendes Auflachen Heidecks hatte sie mit Schrecken und Bestürzung erfüllt.

„Ein menschenfreundliches Werk!“ wiederholte er im Tone unsäglicher Bitterkeit. „Ja, wußtest du denn auch, was dieser Mensch dir da verkaufte?“

„Er sagte, es sei der Plan des englischen Flottenangriffs, und ich dachte, das würde dich interessieren.“

„Aber du warst dir der Tragweite deiner Handlung nicht bewußt, nicht wahr? du ahntest nicht, daß deinem Vaterlande ein unberechenbarer Schaden erwachsen könnte, wenn dieser Plan zur Kenntnis seiner Feinde gelangte?“

Etwas wie eine furchtbare Angst zitterte aus seiner Stimme. Edith aber schien seine Aufregung nicht zu begreifen.

„Ich verstehe dich immer weniger,“ sagte sie ungeduldig. „Hier gibt es doch nur zweierlei: Entweder hat dies Papier Bedeutung für dich, und dann solltest du mir umsomehr Dank wissen, je wichtiger es dir erscheint. Oder der Schreiber hat mich hinsichtlich seines Wertes getäuscht. Und dann verlohnt es nicht der Mühe, noch ein Wort weiter darüber zu verlieren.“

„Siehst du es so an, Edith?“ fragte er traurig. „Nur so? Dachtest du nur an dich und an mich, als du mit deinem Golde einen Unglücklichen bestachst, das schimpflichste aller Verbrechen zu begehen?“

„O, du hast starke Ausdrücke, Liebster! Ich war, bei Gott, auf derartige Vorwürfe nicht gefaßt. Gewiß dachte ich nur an dich und an mich, und ich schäme mich nicht im geringsten, es einzugestehen. Denn für mich gibt es eben auf der Welt nichts Wichtigeres als unsere Liebe.“

„Und dein Vaterland, Edith? -- Gilt es dir nichts?“

„Mein Vaterland -- was ist das? Ein Stück Erde mit Steinen, Bäumen, Tieren und Menschen, die mir gleichgültig sind, denen ich nichts verdanke und nichts schuldig bin. Warum sollte ich sie mehr lieben, als die Bewohner irgend eines anderen Himmelstriches, unter denen es ebensoviele Gute und Schlechte gibt wie unter ihnen? Ich bin eine Engländerin -- nun gut: -- Aber ich bin auch eine Christin. Und wer dürfte mich verdammen, wenn mir die Gebote des Christentums heiliger wären als alle engherzigen, nationalen Rücksichten? Wenn der Besitz dieses Papieres euch wirklich zu den Stärkeren machte -- wenn England statt des erhofften Sieges, der den Krieg ins Endlose verlängern würde, auch hier eine Niederlage davontrüge -- was wäre für die Menschheit damit verloren? Man würde vielleicht um so eher Frieden schließen, und in gerechtem Stolz auf meine Tat würde ich mich dann vor aller Welt zu ihr bekennen.“

Heideck hatte sie nicht unterbrochen, aber sie sah, daß ihre Worte keinen Weg gefunden hatten zu seinem Herzen. Mit düsterer Miene stand er vor ihr, schwer atmend, wie einer, dem eine schwere Last die Brust beengt.

„Vergib -- aber ich vermag deinem Gedankengang nicht zu folgen,“ sagte er mit einem traurigen Kopfschütteln. „Es gibt Dinge, die sich nicht beschönigen lassen, welches Mäntelchen auch immer man ihnen umhängen mag.“

„Nun denn, wenn es deiner Meinung nach etwas so Ungeheuerliches war, was ich getan habe -- was hindert uns dann, es ungeschehen zu machen? Gib mir das Papier zurück, ich werde es vernichten. Dann wird niemand durch meinen Verrat einen Schaden erleiden.“

Sie streckte ihren Arm nach dem Schriftstück aus, das Heideck noch immer in den Händen hielt. Aber er gab es ihr nicht, sondern barg es in der Brusttasche seines Uniformrocks.

„Dazu ist es zu spät. Jetzt, da ich weiß, was dieses Blatt enthält, gebietet mir mein Pflichtgefühl als Offizier, mich seiner auch zu bedienen. Du hast mich hier in einen furchtbaren Zwiespalt mit mir selbst gebracht.“

„Ah, ist das deine Logik? Dein Ehrgefühl verbietet dir nicht, die Früchte meines Verrats zu ernten; die Verräterin aber strafst du mit dem ganzen Gewicht deiner Verachtung.“

Er vermied es, ihrem flammenden Blick zu begegnen.

„Ich sagte nicht, daß ich dich verachte, aber -- --“

„Nun, was willst du anderes sagen?“

„Nochmals -- ich verachte dich nicht, aber es entsetzt mich, zu sehen, wessen du fähig bist.“

„Ist das nicht mit anderen Worten dasselbe? Man kann das Weib nicht lieben, vor dessen Handlungsweise man sich entsetzt. Sage mir's doch frei heraus, daß du mich nicht mehr lieben kannst!“

„Es wäre eine Lüge, Edith, wenn ich es sagte. Unser Glück hast du getötet, nicht aber meine Liebe.“

Sie hörte von seiner Erwiderung nichts als die letzten Worte, und mit hell aufleuchtendem Blick warf sie sich an seine Brust.

„So schilt mich nach Gefallen, du strenger Mann! Ich will geduldig alles hinnehmen, wenn ich nur weiß, daß du mich noch liebst und daß du mein sein wirst, ganz mein, sobald dieser entsetzliche Krieg sich nicht mehr wie ein Schreckgespenst immer aufs neue zwischen uns drängt.“

Er hatte ihre Liebkosungen nicht erwidert, und nun drängte er sie mit sanfter Gewalt von sich.

„Verzeih, wenn ich dich jetzt verlassen muß,“ sagte er mit seltsam gepreßter Stimme, „aber ich muß mit Tagesanbruch in Antwerpen sein.“

„Ist es wirklich so dringend? Darf ich dich denn nicht begleiten?“

„Nein, das ist nicht möglich, denn ich werde auf einer Lokomotive fahren müssen.“

„Und wann kehrst du hierher zurück?“

Heideck wandte sein Gesicht ab.

„Ich weiß es nicht. Vielleicht entsendet man mich weit fort von hier, so daß ich keine Möglichkeit finde, mich vorher von dir zu verabschieden.“

„Mit anderen Worten -- du willst mich nicht wiedersehen? -- Du schweigst? -- Du hast nicht das Herz, mich zu belügen! Muß ich dich daran erinnern, daß du geschworen hast, mir zu gehören, wenn du in diesem Kriege das Leben behieltest?“

„Wenn ich das Leben behielte -- ja!“

Der Ton seiner Erwiderung hatte sie getroffen wie ein Schlag. Und sie brauchte ihm nicht einmal mehr ins Gesicht zu sehen, um zu wissen, was in seinem Inneren vorging. Jetzt erst hatte sie begriffen, daß es keine Hoffnung mehr für sie gab. Heideck hatte nicht gelogen, als er sagte, daß er sie noch immer liebte, und der Abscheu, den er vor ihrer Handlungsweise empfand, entband ihn vor dem eigenen Gewissen nicht von seinem Wort. Aber da er es doch zugleich als eine unumstößliche Gewißheit empfand, daß er die Verräterin ihres Vaterlandes nimmermehr zu seinem Weibe machen könnte, drängte seine Auffassung von der Ehre des Mannes und des Offiziers ihn auf den einzigen Weg, der ihn aus diesem furchtbaren Widerstreit der Pflichten hinausführte.