Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman

Part 22

Chapter 223,541 wordsPublic domain

„Ich will Ihnen alles der Wahrheit gemäß erzählen, Herr Major! Admiral Hollway in Dover, der doch das ganze Nachrichtenwesen für den Kanal und die Küstenstrecke von Cuxhafen bis Brest unter sich hat, gab mir die beiden Brote für Camille Pénurot; das ist alles, was ich von der Sache weiß.“

„War es denn das erste Mal, daß Sie solche Aufträge für den Admiral Hollway auszuführen hatten?“

„So wahr mir Gott helfe: das erste Mal!“

„Aber Herr Pénurot sollte die eigenartigen Brote wohl nicht für sich behalten? Er ist doch ebenfalls nur eine Mittelsperson? Wenn Sie sich Hoffnung auf meine Fürsprache machen wollen, müssen Sie mir ohne jeden Rückhalt alles sagen, was Sie darüber wissen!“

„Pénurot hat einen Geschäftsfreund in Antwerpen, wie der Herr Major ganz richtig vermutet haben.“

„Sein Name?“

„Eberhard Amelungen.“

„Was ist der Mann?“

„Ein Großkaufmann. Meine Schiffsladung ist für ihn bestimmt.“

„Und in welcher Verbindung steht Pénurot mit ihm?“

„Das weiß ich nicht; Pénurot ist ein Agent, der die verschiedenartigsten Geschäfte betreibt.“

„So? -- Und was sagt der Reeder, Mynheer van Spranekhuizen, dazu, daß Sie sich auf solche Dinge, wie die Uebermittelung dieser Brote, einlassen?“

„Mynheer van Spranekhuizen und Mynheer Amelungen sind nahe Verwandte.“

„Mit andern Worten: die beiden Herren haben sich darüber verständigt, die ‚Bressay‘ von den Shetlandinseln nach Dover und von da nach Antwerpen zu schicken?“

„Davon weiß ich nichts, Herr Major! -- Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß. Weiter als bis nach Terneuzen darf ja doch kein Schiff in die Schelde hinein. Und da kann ich in Breskens ebensogut löschen wie in Terneuzen und die Ware mit der Bahn nach Antwerpen gehen lassen.“

„Nun, Brandelaar, gehen Sie noch einmal hinauf und schicken Sie mir Herrn Pénurot herunter.“

Schweren Schrittes stapfte der Schiffer die schmale Kajütentreppe hinauf, und gleich darauf trat Pénurot ein. Heideck lud ihn durch eine Handbewegung ein, ihm gegenüber Platz zu nehmen und sagte:

„Ich habe mich aus der Vernehmung des Brandelaar davon überzeugt, daß er ein abgefeimter Spitzbube ist. Es war sehr unvorsichtig von Ihnen gehandelt, sich mit einem solchen Manne einzulassen. Wenn Sie jetzt vor ein Kriegsgericht gestellt werden, haben Sie sich bei ihm dafür zu bedanken.“

„Um Gottes willen, Herr Major -- es soll mir doch nicht ans Leben gehen? -- Ich beschwöre Sie, haben Sie Mitleid mit mir!“

„Darauf, ob ich persönlich Mitleid mit Ihnen habe oder nicht, wird sehr wenig ankommen. Sie werden mit mir zur ‚Gefion‘ fahren und dann in Vlissingen vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Denn die Tatsache, daß Sie Brandelaars Mitschuldiger geworden sind, läßt sich nicht aus der Welt schaffen. Er hat soeben mit aller Bestimmtheit behauptet, die beiden Brote seien für Sie bestimmt gewesen.“

„Für mich? -- Das ist eine nichtswürdige Lüge. Noch nicht einen Penny habe ich von den Engländern erhalten.“

„Na, so ganz ohne besonderen Grund machen Sie sich doch wohl nicht das Vergnügen, zu nächtlicher Stunde ein Heringsschiff zu besuchen? Die Ladung konnte doch wohl auch ohne Ihre Besichtigung an Herrn Eberhard Amelungen abgeliefert werden?“

„An Eberhard Amelungen?“

„Stellen Sie sich doch nicht so unwissend! Brandelaar hat schon so viel gestanden, daß Sie ruhig alles zugeben können. Die Herren Amelungen und van Spranekhuizen sind im Komplott miteinander, um eine ganz regelrechte Spionage im Interesse Englands zu betreiben. Sie werden als Mittelsperson benutzt, und Maaning Brandelaar versucht, sich heraus zu winden, indem er Sie opfert.“

„Wahrhaftig, so scheint es. -- Aber ich bin ganz unschuldig, Herr Major -- ich habe von all dem nichts gewußt. Als Brandelaar das letzte Mal aus der Schelde hinausfuhr, besuchte er mich hier in Breskens, und da sagte er mir, daß er bald wiederkehre und daß es ein gutes Geschäft für mich werden würde.“

„Wann ist das gewesen?“

„Vor drei Wochen. Ich hatte keinen Grund Brandelaar zu mißtrauen, weil er schon öfter für Eberhard Amelungen geliefert hatte.“

„Und heute? Weshalb sind Sie an Bord gekommen?“

„Brandelaar verlangte es. Er sagte, ich solle mir die Ladung ansehen und mit ihm besprechen, ob hier oder in Terneuzen gelöscht werden solle.“

„Nun wohl, Herr Pénurot, ich will Ihnen etwas sagen. Sie werden mit mir nach Antwerpen fahren, und ich werde mich dort bei Herrn Amelungen davon überzeugen, ob Sie wirklich so unschuldig sind, wie Sie sagen, und wie ich Ihnen einstweilen gern glauben will.“

Der Materialwarenhändler schien noch immer einigermaßen beunruhigt.

„Aber der Herr Major werden mich doch nicht vor das Kriegsgericht bringen?“

„Das wird sich finden. Ich verspreche Ihnen nichts. Alles wird von der Auskunft abhängen, die ich von Herrn Amelungen über Sie erhalte, und davon, wie Sie sich fernerhin benehmen. Ich werde jetzt Brandelaar wieder herunterkommen lassen, und Sie werden schweigen, während ich mit ihm rede.“

„Ich werde selbstverständlich alles tun, was der Herr Major befehlen.“

Brandelaar wurde in die Kajüte gerufen, und Heideck sagte:

„Hören Sie, Maaning Brandelaar, ich weiß alles, und ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu sagen, daß es mehr als genug ist, um Ihnen nach Kriegsrecht den Hals zu brechen. Aber ich will Ihnen einen Weg zeigen, wie Sie sich retten können: Fahren Sie morgen nach Terneuzen und warten Sie dort auf Nachricht von mir. Ich werde Ihnen die Ausführung Ihres Auftrages bequem machen, indem ich selbst Ihnen die Antworten auf die Fragen des Admirals Hollway aufschreibe. Die mögen Sie dann Ihrem Auftraggeber nach Dover bringen. Aber ich werde Ihnen gleichzeitig eine Reihe von Fragen mitgeben, auf die Sie Ihrerseits mir zuverlässige Antworten nach Vlissingen zu bringen haben. Führen Sie diese Mission zu meiner Zufriedenheit aus, so zahle ich Ihnen bei Ihrer Rückkehr dreitausend Mark. Da Sie außerdem Ihre Belohnung von dem Admiral erhalten, machen Sie also ein recht gutes Geschäft. Aber hüten Sie sich vor jedem Versuch, mich zu betrügen, er würde herzlich schlecht für Sie ablaufen. Ich weiß ja nun, wo ich Sie fassen kann, und Sie würden verhaftet werden, sobald Sie sich wieder irgendwo an der holländischen Küste zeigten. Also gehen Sie weislich mit sich zu Rate!“

Das breite Gesicht des Schiffers hatte sich immer mehr aufgehellt, und jetzt verzog er die Lippen zu einem pfiffigen Grinsen.

„Dreitausend Mark! Wenn das ein Wort ist, Herr Major, so können Sie sich darauf verlassen, daß ich Sie ehrlich bediene.“

„Es kommt vielleicht nicht so sehr auf Ihre Ehrlichkeit als auf Ihre Geschicklichkeit an. Entspricht die Auskunft, die Sie mir bringen, meinen Erwartungen nicht, so wird selbstverständlich auch die Zahlung demgemäß ausfallen. Wie die Ware, so der Preis.“

„O, der Herr Major sollen mit mir zufrieden sein. Ich habe drüben meine Verbindungen, und wenn der Herr Major sonst noch einen Wunsch haben -- Sie sollen sehen, was Brandelaar leisten kann.“

„Gut -- es wird nur in Ihrem eigensten Interesse liegen, mich gut und zuverlässig zu bedienen.“

Die Mienen des Schiffers wurden plötzlich wieder nachdenklich.

„Eine Besorgnis hätte ich doch noch, Herr Major.“

„Nun -- und was für eine Besorgnis?“

„Meine Leute haben gesehen, daß ein Offizier mit Soldaten auf mein Fahrzeug gekommen ist. Wenn sie nun drüben in England davon erzählen und der Admiral daraufhin Argwohn gegen mich schöpft?“

„Er wird keinen Anlaß dazu haben, wenn er sich überzeugt, daß die Nachrichten zutreffend sind, die Sie ihm bringen. Er wird ja noch andere Quellen haben als Sie, und wenn er Ihre Nachrichten bestätigt findet, wird er Ihnen in jeder Hinsicht vertrauen.“

Maaning Brandelaar war durch diese Antwort nicht beruhigt.

„Ja, aber -- -- der Herr Major wollen mir doch wohl keine zutreffenden Auskünfte geben?“

„Gewiß! Alles, was ich Ihnen aufschreibe, wird vollkommen richtig sein.“

Diese Antwort ging offenbar über das Verständnis des Schiffers hinaus. In wortloser Verwunderung starrte er Heideck an.

Dieser aber fuhr ruhig fort:

„Der Admiral will die Stärke der deutschen Armee bei Antwerpen wissen, und ich will Ihnen sagen, wie es damit steht. Wir haben hundertzwanzigtausend Mann in Holland und dem kleinen Stück von Belgien, das wir rund um Antwerpen besetzt halten. In der Festung selbst liegen dreißigtausend Mann; auf der Insel Walcheren sind nur fünftausend Mann, die Vlissingen und andere wichtige Punkte besetzt halten. Das sind ganz zuverlässige Daten.“

Der Kapitän schüttelte den Kopf.

„Wenn nicht der Respekt verböte, es zu vermuten, so würde ich annehmen, daß der Herr Major mich zum besten halte.“

„Nein, mein Freund, dazu habe ich gar keinen Anlaß; Sie können für alles einstehen, was ich Ihnen aufschreiben werde, und Ihre Belohnung wird rechtschaffen verdient sein. Etwas anderes wäre es mit den Nachrichten, die Sie etwa auf eigene Hand dem Admiral nebenher überbringen.“

Brandelaar nickte.

„Ich verstehe, Herr Major, und ich werde mich danach richten. Aber neue Matrosen muß ich doch wohl anmustern. Es ist nicht gut, daß diese hier so viel wissen. Sie könnten mir doch Unannehmlichkeiten bereiten.“

„Nein, nein, das wäre ganz verkehrt. Behalten Sie ruhig Ihre Leute. Wenn ich nach Terneuzen komme, werde ich Sie und die Bemannung des Fahrzeugs in Haft nehmen lassen. Sie werden von mir verhört und nach einigen Tagen wieder in Freiheit gesetzt werden.“

Diese Aussicht schien dem Schiffer einigermaßen unbehaglich.

„Und wenn der Herr Major inzwischen anderen Sinnes werden und mich doch vor das Kriegsgericht bringen?“

„Verlassen Sie sich getrost auf mein Wort. Es wird sich nur um ein Scheinverhör handeln, damit Ihre Leute sich nicht unnütze Gedanken machen und nichts verraten könnten, was drüben Verdacht erregen möchte. Es wird im Gegenteil so aussehen, als hätten Sie allerlei Gefahren und Widerwärtigkeiten zu bestehen gehabt; und wie ich Sie taxiere, mein werter Herr Brandelaar, werden Sie sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, dem Herrn Admiral als Entschädigung für die ausgestandene Angst noch einen Extralohn aus der Tasche zu locken.“

XXVI.

Als Heideck mit seinem Gefangenen, dem Herrn Camille Pénurot, wieder auf der ‚Gefion‘ anlangte, fand er den Kommandanten trotz der vorgerückten Stunde auf Deck. Er meldete sich bei ihm und bat, Pénurot als Gast zu behandeln.

„Ich war schon in einiger Sorge um Sie,“ sagte der Kapitän, „und nahe daran, die Dampfpinasse nachzuschicken. Haben Sie etwas Wichtiges in Erfahrung gebracht?“

„Ich denke wohl. Die beiden Halunken, die ich da abgefaßt habe, scheinen nicht zu der Gattung der gewöhnlichen Spione zu gehören. Es sind der Schiffer Brandelaar und der Mann, den ich Ihnen mitgebracht habe.“

„Haben Sie den Schiffer nicht auch in Haft genommen?“

„Ich habe die Absicht, mich der Leute in unserem Interesse zu bedienen und hoffe, daß Admiral Hollway sich in seinem eigenen Netze fangen wird.“

„Ist das nicht ein etwas gewagtes Spiel? Wenn die Kerle den Admiral Hollway verraten haben, so ist ihnen dasselbe doch wohl mit Sicherheit auch uns gegenüber zuzutrauen.“

„Ich rechne auch weniger auf ihre Ehrlichkeit, als auf ihren Eigennutz und ihre Furcht. Um den Engländern Nachrichten über uns zu bringen, müssen sie wieder zu uns kommen, und ich habe sie also in der Hand.“

„Umgekehrt aber trifft dasselbe zu. Ich gestehe, daß ich zu solchen Doppelspionen herzlich wenig Vertrauen habe.“

„Mir geht es selbstverständlich ebenso; aber ich glaube endlich den Weg zu der Zentralstelle für das Spioniersystem der Engländer gefunden zu haben. Ich kann, um der Sache ganz auf den Grund zu kommen, den Beistand der beiden Kundschafter nicht entbehren.“

„Eine Zentralstelle?“

„Ja. Die Handlanger, die ihr Leben riskieren, sind doch immer von untergeordneter Bedeutung, und es gilt vor allem, die höher stehenden Persönlichkeiten zu ermitteln, die sich weislich im Hintergrunde zu halten wissen.“

„Ich wünsche Ihnen guten Erfolg.“

„Bevor ich nach Antwerpen gehe, wohin mich Herr Pénurot morgen begleiten soll, möchte ich dem Reichskanzler Bericht erstatten. Darf ich bitten, mir morgen früh ein Boot zur Verfügung zu stellen, mit dem ich nach Vlissingen fahren kann?“

„Gewiß, Sie können jedes Boot erhalten, das Sie zu haben wünschen.“

„Dann bitte ich um die Dampfpinasse.“

„Ist es Ihnen vielleicht bekannt, ob der Kanzler noch lange in Vlissingen bleiben wird?“

„Das entzieht sich meiner Kenntnis. Antwerpen wäre freilich in mancher Hinsicht ein besserer Plan; aber er ist nach Vlissingen gegangen, um zu demonstrieren.“

„Um zu demonstrieren?“ wiederholte der Kommandant verwundert.

„Die Engländer erfahren natürlich, daß er sich dort befindet, und seine Anwesenheit in Vlissingen muß sie in dem Glauben bestärken, daß unsere Hauptaktion hier von der Mündung der Schelde aus erfolgen wird.“

„Ist es nicht bewunderungswürdig, daß unser Kanzler im Mittelpunkt aller Operationen steht, obwohl er weder General noch Admiral ist?“

„Wir haben ähnliches doch schon bei Bismarck gesehen. Wenn wir die Geschichte der Kriege von 1864, 66 und 1870/71 verfolgen, so stehen wir unter dem Eindruck, daß Bismarck gleichsam die Seele aller Operationen war, obwohl er seinen militärischen Titel nur als Dekoration trug.“

„Das ist richtig, aber die Verhältnisse lagen doch wesentlich anders. Bismarck war ein geschulter Beamter, Diplomat, Botschafter, ehe er Kanzler wurde. Er hatte selbst den Heerführern gegenüber eine gewaltige Autorität für sich. Unser neuer Reichskanzler entstammt doch aber einer ganz anderen Sphäre.“

„Aber auch er hat die Macht einer starken Persönlichkeit für sich, und diese ist es, die in allen großen Dingen den Ausschlag gibt. Der feine Instinkt des Volkes fühlt, daß der Kaiser die rechte Wahl getroffen hat, und die allgemeine Beliebtheit des Kanzlers gewährt ihm auch den Heerführern gegenüber einen mächtigen Rückhalt. Zudem müssen wir alle ja immer wieder seinen praktischen Verstand und seinen weiten Gesichtskreis bewundern. Ist nicht die Besetzung Antwerpens dafür ein neues Beispiel? Belgien ist sonst von der französischen Armee besetzt, aber der Kanzler hat bei der französischen Regierung durchgesetzt, daß wir Antwerpen halten, weil unsere Flotte in der Schelde liegt. Und ich bin sicher, daß wir es niemals wieder herausgeben werden.“

Der Kommandant schüttelte zweifelnd den Kopf.

„Sie glauben wirklich, daß wir Antwerpen so ohne weiteres werden behalten können?“

„Wir müssen und werden Antwerpen haben. Die Niederlande und Belgien mögen bestehen bleiben; denn wir können gerechterweise diese Länder nicht annektieren. Aber die Niederlande und Antwerpen werden zum Schutze ihrer eigenen Interessen zum Deutschen Reich in ein engeres politisches Verhältnis treten. Ihre Regierungen sind auf die Dauer zu schwach, um der revolutionären Bewegungen in ihren Ländern Herr zu werden. Wir steuern ja unaufhaltsam auf die Bildung größerer Staatswesen hin. Die Grausamkeit der Kriege erscheint mir dadurch etwas gemildert, daß der Krieg in seinen Begleiterscheinungen ein Einigungsmittel der Völker ist.“

„Das klingt sehr schwärmerisch, Herr Major,“ sagte der Kapitän verwundert, und dem Gespräch eine andere Wendung gebend fuhr er fort: „Was für Nachrichten denken Sie durch Ihre Mittelspersonen nach Dover gelangen zu lassen?“

„Ich denke den Admiral in der Meinung zu bestärken, daß wir mit der Flotte und zahlreichen Dampfern unserer privaten Schiffahrtsgesellschaften aus der Schelde herauskommen und mit Unterstützung der französischen Flotte eine Armee nach Dover hinüberwerfen wollen.“

„Mich wundert, daß die Engländer so gar keinen Versuch machen, unsere Stellungen zu forcieren. Man ist fast versucht zu glauben, daß die englische Marine ebensowenig kriegstüchtig sei, wie die englische Armee. Wenn unsere Gegner sich stark fühlten, würden sie doch wohl schon längst vor Brest, Cherbourg, Vlissingen, Wilhelmshaven oder Kiel erschienen sein. Helgoland könnte eine Panzerflotte doch eigentlich nicht hindern, in die Elbe einzudringen, es müßte der englischen Flotte vielmehr ein willkommenes Angriffsobjekt sein. Wenn ich über die englische Flotte zu gebieten hätte, führe ich mit den älteren Panzern ‚Albion‘, ‚Glory‘, ‚Canopus‘, ‚Goliath‘, ‚Ocean‘ und ‚Vengeance‘ gegen Helgoland. Die kleine Insel würde diesen sechs Linienschiffen schwerlich lange Stand halten, und die deutsche Nordseeflotte -- vorausgesetzt, es wäre eine vorhanden -- würde ehrenhalber aus Wilhelmshaven hervorkommen müssen.“

„Daß nichts derartiges geschieht, erklärt sich wohl weniger aus dem englischen Bewußtsein der eigenen Schwäche, als daraus, daß die Engländer niemanden haben, dessen Genie der Situation gewachsen wäre. Gewiß fehlt es ihnen nicht an tüchtigen Admiralen, aber es ist kein Nelson darunter. Auch unser Krieg wäre ja vielleicht unterblieben, wenn der Kaiser nicht in dem neuen Kanzler das Genie entdeckt hätte, dessen unsere Zeit bedarf. Die Kriege gegen Dänemark, Oesterreich und Frankreich wären ohne Bismarcks Initiative schwerlich gekommen. Große Staaten können auch bei der elendesten Regierung und bei den größten Fehlern noch lange bestehen, aber ein Aufschwung, ein wirklicher Fortschritt ist nur durch das Eingreifen einer gewaltigen Persönlichkeit möglich.“

„Ich bin darin nicht ganz Ihrer Meinung, denn meiner Ueberzeugung nach sind es die wirtschaftlichen Verhältnisse, die von Zeit zu Zeit zu großen Umwälzungen drängen. Glauben Sie, daß den Russen beispielsweise die Eroberung Indiens gelungen wäre, wenn die dortigen wirtschaftlichen Verhältnisse innerhalb der eingebornen Bevölkerung besser gewesen wären?“

„Gewiß nicht. Auch ein großer Mann muß den Boden vorbereitet finden, auf dem seine Kraft sich betätigen soll. Und ich meine, daß unser Kanzler eben zur rechten Zeit auf dem Plane erschienen ist.“

Heideck beurlaubte sich von dem Kommandanten und zog sich in seine Kabine zurück, um einen Bericht aufzusetzen und dann die wohlverdiente Ruhe zu suchen.

Als er sich am nächsten Morgen Herrn Camille Pénurot kommen ließ, fand er ihn auffallend verändert. Der stutzerhafte Herr zeigte nicht mehr die niedergeschlagene Miene von gestern, seine dunklen Augen leuchteten wie in heller Zuversicht. Jetzt am Tage sah Heideck, daß sein Gefangener ein recht hübscher Mann von etwa 30 Jahren war, der mehr einem Spanier, als einem Niederländer glich.

Mit höflicher Verbeugung begrüßte er Heideck, und dann, -- mit einer gewissen Vertraulichkeit, -- fragte er:

„Verzeihen Sie, Herr Major, -- wenn ich mich um das deutsche Reich verdient mache, werde ich dann auf eine entsprechende Belohnung rechnen dürfen?“

„Ich sagte Ihnen schon, Herr Pénurot, daß wir bereit sind, mehr zu zahlen, als die Engländer.“

„O, es war nicht das, was ich meinte. Sie dürfen mich nicht mit Maaning Brandelaar und derartigen Leuten auf dieselbe Stufe stellen.“

Heideck lächelte.

„Wollen Sie mir denn gefälligst sagen, Herr Pénurot, auf welchen Platz ich Sie stellen soll?“

„Ich bin willens, von nun an der Sache der Alliierten alle meine Kräfte zu widmen.“

„Angenommen! Aber welcher Art sind denn die Wünsche, die Sie hinsichtlich einer Belohnung hegen?“

„Ich möchte Sie um Ihre Verwendung bitten, Herr Major, daß ich einen Orden erhalte.“

Heideck konnte sein Erstaunen über diese sonderbare Bitte nicht verbergen.

„Solche Auszeichnungen werden bei uns in der Regel nur für Handlungen der Tapferkeit oder für Verdienste gegeben, die durch klingenden Lohn nicht entsprechend vergolten werden könnten.“

„Auch zu dem, was ich tun will, bedarf es der Tapferkeit.“

„Sie sollen mir doch nur helfen, die Spione in Antwerpen aufzuspüren.“

„Aber es sind gefährliche Leute, deren Feindschaft ich mir zuziehe -- Leute, deren Werkzeuge zu allem fähig sein würden.“

„Seien Sie versichert, Herr Pénurot, daß Ihre Belohnung den geleisteten Diensten entsprechen wird. Sie wissen doch wohl, daß ich selbst keine Orden zu verleihen habe, und überdies verstehe ich nicht recht, was Ihnen gerade an einer Dekoration gelegen sein kann.“

„Sie schätzen meine Gesinnung zu niedrig, Herr Major! Aber damit Sie mich verstehen, will ich Ihnen ein Geheimnis anvertrauen. Ich liebe eine Dame aus sehr guter Familie, und ihre Angehörigen würden sich entgegenkommender gegen mich zeigen, wenn ich einen Orden hätte.“

„Sie sind also mit Ihren Herzenswünschen vermutlich sehr hoch hinaufgestiegen?“

„Wie man es nehmen will. Ich befinde mich hinsichtlich meiner Herkunft in jener peinlichen Lage, die das Erbteil aller aus einem freien Liebesbunde hervorgegangenen Kinder ist. Meine Mutter war eine spanische Tänzerin, mein Vater aber ist der reiche Herr Amelungen. Er liebt mich und sorgt für mich. Auch das Geschäft in Breskens hat er für mich gekauft. Aber seine Frau, eine Engländerin, ist mir wenig freundlich gesinnt.“

„Ich verstehe Sie jetzt noch weniger wie zuvor! Denn wenn Sie über so reiche Hilfsquellen verfügen, weshalb, in aller Welt, lassen Sie sich dann auf derartige gefährliche Unternehmungen ein?“

„Herr Amelungen wünschte es, Herr Major.“

„In Herrn Amelungen also hätten wir den eigentlichen Schuldigen zu erblicken?“

„Um Gottes willen, Herr Major, Sie werden mein Vertrauen doch nicht mißbrauchen? Ich wäre trostlos, wenn ich durch meine Aeußerungen das Unglück des Herrn Amelungen verursachte.“

„Machen Sie sich keine unnötigen Sorgen. Herrn Amelungen wird ebensowenig etwas geschehen, wie Ihnen, wenn Sie ihn bestimmen können, die Partei zu wechseln und fortan zu uns statt zu den Engländern zu halten.“

Pénurot senkte den Kopf und schwieg.

„Wie ist es denn mit dem Herrn van Spranekhuizen in Rotterdam?“ fuhr Heideck fort. „Auch er ist natürlich mit im Bunde?“

„Er ist der Schwager meines Vaters. Seine Frau ist eine geborene Amelungen.“

„Und was hat eigentlich diese beiden Herren, die doch, wie ich höre, reiche Kaufleute sind, dazu bewogen, für England Spionage zu treiben?“

„O, Herr Major, das ist doch nicht so wunderbar! Frankreich hat Belgien besetzt, Deutschland die Niederlande. Darüber herrscht im Lande natürlich große Erbitterung.“

„Mag sein. Aber wohlhabende Kaufleute pflegen sich trotzdem nicht aus bloßem Patriotismus in Gefahr für Leib und Leben zu stürzen. Das tun in der Regel nur solche Leute, die nicht viel zu verlieren haben.“

„Ich sagte Ihnen bereits, daß meines Vaters Frau eine Engländerin ist. Ihr zuliebe tut er vieles, wozu ihn sonst gewiß nichts veranlassen würde. --“

Heideck erhielt die Meldung, daß die Dampfpinasse bereit sei, und er forderte Pénurot auf, mit ihm das Fahrzeug zu besteigen. Im Hafen von Vlissingen verabschiedete er sich für eine Weile von ihm, mit der Weisung, ihn in einer Stunde auf seinem Bureau aufzusuchen, dessen Lage er ihm genau bezeichnete. Er hegte keine Besorgnis, daß Pénurot die Flucht ergreifen würde. Dieses Herrn war er unbedingt sicher.

XXVII.

Auf seinem Bureau, das in der Nähe des Hotels zum ‚Herzog von Wellington‘ lag, fand Heideck seine Untergebenen in eifrigster Tätigkeit. Ein Leutnant war damit beschäftigt, die französischen und deutschen Zeitungen auf bemerkenswerte Mitteilungen hin durchzusehen, während ein anderer die russischen und die englischen Blätter studierte. Von den letzteren gab es freilich nicht viele und nicht die neuesten Nummern. Denn man war ausschließlich auf diejenige Lektüre angewiesen, die waghalsige Schiffer und Fischer heimlich von den britischen Inseln herüberschmuggelten.

Aus Petersburg lagen mehrere Depeschen vor, die neue Siegesnachrichten aus Indien brachten.