Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman

Part 20

Chapter 203,481 wordsPublic domain

Bald war der Dampfer so nahe gekommen, daß man ihn erkennen konnte. Es war der kleine französische Kreuzer ‚Forbin‘, und er mußte mit der ‚Caledonia‘ zusammentreffen, wenn diese ihren Kurs fortsetzte.

Der ‚Forbin‘ war ein Kreuzer dritter Klasse; er war nicht so schnell wie die ‚Caledonia‘, die Offiziere schätzten seine Geschwindigkeit auf 21 Seemeilen, und wenn es einen Wettlauf gegolten hätte, so wäre der ‚Forbin‘ unterlegen; aber wenn die ‚Caledonia‘ nach Brindisi fuhr, mußte sie dem Franzosen begegnen und ihrer Wegnahme gewärtig sein. Infolgedessen änderte der Kapitän seinen Kurs und fuhr westlich in der Richtung auf Malta, ohne auf das Signal zum Stoppen und die nachfolgenden Schüsse zu achten, von denen nur einer durch die Takelage ging, ohne jedoch nennenswerte Havarie anzurichten.

‚Jetzt ist es Mittag,‘ sagte sich Heideck. ‚Wir sollten morgen in Brindisi sein. Statt dessen werden wir wohl morgen in La Valetta sein, wenn nicht etwa der Kapitän wiederum den Kurs ändert und auf die Schnelligkeit der ‚Caledonia‘ vertraut, um trotz des ‚Forbin‘ Brindisi zu erreichen.‘

Da erscholl ein Ruf. Der Posten hatte ein Schiff an Backbord voraus gemeldet.

Aber neben jenem einen tauchten innerhalb der nächsten Minuten noch weitere zwei Fahrzeuge auf.

Das eine davon war, wie sich nachher herausstellte, der französische Kreuzer zweiter Klasse ‚Aréthuse‘, die beiden anderen der geschützte Kreuzer ‚Chanzy‘ und ein Torpedojäger.

Unmöglich konnte die ‚Caledonia‘ an den Franzosen vorbei nach Malta kommen, denn der Torpedojäger, viel schneller als sie, ging gewiß bei Volldampf mit 27 Seemeilen Fahrt in der Stunde. So blieb dem Kapitän nichts anderes übrig; er drehte und fuhr zurück in der Richtung auf Alexandria.

Während der große Dampfer aber noch seine Drehung machte, wurde schon an Bord wahrgenommen, daß auch die Franzosen ihn gesehen hatten und auf ihn Jagd machten.

Inzwischen war auch der ‚Forbin‘ wieder bedeutend näher gekommen und versuchte die ‚Caledonia‘ abzuschneiden. Infolgedessen ließ der Kapitän noch weiter südlich steuern.

Heideck stand mit Edith auf dem Promenadendeck und verfolgte die Bewegung der Schiffe.

„Was könnte uns denn geschehen,“ fragte Edith, „wenn die Franzosen uns einholten? Sie werden doch nicht auf ein unbewaffnetes Schiff schießen!“

„Gewiß nicht. Aber sie würden uns auffordern, unsere Fahrt zu unterbrechen, und dann würden sie die ‚Caledonia‘ nach dem nächsten französischen Hafen bringen.“

„Ist denn dies Seekriegsrecht, und ist das allgemeine Völkerrecht so unvollkommen, daß ein Passagierdampfer weggenommen werden kann? Die ‚Caledonia‘ führt doch nicht Krieg. Sie bringt Verwundete und harmlose Reisende nach Hause.“

„Unser Kapitän scheint kein großes Vertrauen zum Seekriegsrecht und zum Völkerrecht in dieser Beziehung zu haben,“ sagte Heideck. „Und in der Tat gibt es nichts Ungewisseres, als diese Bestimmungen. Genau genommen gibt es gar kein Völkerrecht, sondern der Stärkere macht mit dem Schwächeren, was er will, und die einzige Schranke, die der Willkür des Siegers entgegengesetzt werden kann, ist die Scheu vor der öffentlichen Meinung. Aber diese Scheu ist bei dem Mächtigen auch nicht allzu stark, zumal er weiß, daß die öffentliche Meinung bestochen werden kann.“

„Das Völkerrecht,“ sagte Edith mit schwermütigem Lächeln, „scheint also dem Recht sehr ähnlich zu sein, das überhaupt auf Erden zwischen den Menschenkindern geübt wird.“

„Die Franzosen würden übrigens keine schlechte Beute machen, wenn sie die ‚Caledonia‘ aufbrächten,“ fuhr Heideck fort. „Unter den achthundert Passagieren sind gegen dreihundert Militärs, und ich habe gehört, daß sich große Summen Geldes an Bord befinden.“

Das Promenadendeck war angefüllt mit den Passagieren der ersten Kajüte, die gespannt und angstvoll die Bewegung der Schiffe verfolgten. Auch im Zwischendeck, wie unter den Passagieren der zweiten Kajüte herrschte große Unruhe. Im günstigsten Falle, wenn die ‚Caledonia‘ den Verfolgern entkam, mußte die Reise ja eine beträchtliche Verzögerung erfahren. Aber es war kaum anzunehmen, daß die ‚Caledonia‘ bis nach Alexandria gelangen würde. Denn wenn auch der ‚Chanzy‘, der 22 Knoten Fahrt haben mochte, merklich zurückblieb, kam doch der Torpedojäger immer weiter herauf, und auch der ‚Forbin‘ rückte in bedrohliche Nähe.

Da kam eine neue, überraschende Meldung. Zwei Dampfer fuhren der ‚Caledonia‘ entgegen. Alle Gläser wandten sich dorthin, wo die winzigen Rauchsäulen über dem Wasserspiegel erschienen, und bald war mit Sicherheit die britische Flagge zu erkennen.

Der zweite Offizier teilte den Passagieren mit, daß der Kreuzer erster Klasse ‚Royal Arthur‘ und das Kanonenboot ‚O'Hara‘ herankämen. Und er sprach die Hoffnung aus, die ‚Caledonia‘ würde in den Schutz dieser Kriegsschiffe kommen, ehe die Franzosen sie erreichten.

Die See war nur schwach bewegt. Das Leuchten und Flimmern von Himmel und Meer hatte aufgehört, seitdem die ‚Caledonia‘ aus dem Suezkanal herausgekommen war und sich im Mittelländischen Meer befand. Die den europäischen Breiten eigentümliche graue Färbung war an seine Stelle getreten, und streifige Wolken zogen am mattblauen Himmel hin. Die Bewegung der Schiffe ließ sich in dieser Beleuchtung genau verfolgen.

Die englischen Fahrzeuge näherten sich rasch. Und als die Entfernung zwischen dem ‚Royal Arthur‘ und dem französischen Torpedojäger etwa noch zwei und eine halbe Seemeile betrug, begann er aus seinen Buggeschützen auf das wenig über die Oberfläche des Wassers emporragende Fahrzeug zu feuern. Eines der schweren Geschosse sauste so nahe an der ‚Caledonia‘ vorüber, die sich jetzt mitten zwischen den beiden Schiffen befand, daß die Passagiere deutlich den heulenden Ton der die Luft durchschneidenden Granate hören konnten.

Der Franzose erwiderte das Feuer nicht. Er mäßigte seine Geschwindigkeit, um das Herankommen des ‚Chanzy‘ zu erwarten. Von Norden her aber kam inzwischen der ‚Forbin‘ heran und eröffnete aus seinen Buggeschützen das Feuer auf das britische Kanonenboot. Kurze Zeit darauf fiel auch aus den Geschützen des ‚Chanzy‘ der erste Schuß, und jetzt war die Stellung der Schiffe derart, daß das Kanonenboot mit der Breitseite dem ‚Forbin‘ gegenüberlag, die beiden Kreuzer mit den Buggeschützen aufeinander feuerten und der Torpedojäger sich im Hintergrund zurückhielt. Die ‚Caledonia‘ aber war inzwischen so weit vorgerückt, daß sie sich vollständig im Schutze der britischen Kanonen befand.

Hätte der Kapitän jetzt seine Fahrt fortgesetzt, so wäre er wahrscheinlich ungefährdet nach Alexandria gelangt. Aber er wünschte eine so bedeutende Verzögerung seiner Reise zu vermeiden, und die drängenden Bitten der Reisenden, die ihn aufgeregt bestürmten, in der Nähe des Kampfplatzes zu bleiben, kamen seinen Wünschen entgegen.

Die ‚Caledonia‘ mäßigte deshalb ihre Fahrt und hielt sich südöstlich des Gefechtsfeldes, so daß sie ebensowohl nach Brindisi wie nach Alexandria steuern konnte, sobald eine Entscheidung gefallen war.

Eine Weile stand der Kampf gleich. Sowohl der ‚Chanzy‘ wie der ‚Royal Arthur‘ hatten gewendet, kehrten einander jetzt die Breitseiten zu und feuerten, ohne daß jedoch von der ‚Caledonia‘ aus die Wirkung der Geschosse beobachtet werden konnte.

Plötzlich setzte sich der ‚Royal Arthur‘ nordwärts in Bewegung und schoß aus den Heckgeschützen auf seine Gegner.

„Es scheint fast, als wolle er dem ‚O'Hara‘ zu Hilfe kommen,“ sagte Heideck zu der mit dem Feldstecher neben ihm stehenden Edith. „Das Kanonenboot ist dem ‚Forbin‘ offenbar nicht gewachsen, und es hat möglicherweise einen verhängnisvollen Treffer erhalten.“

In der Tat blieb der ‚Royal Arthur‘ in der begonnenen Bewegung nach Norden und steuerte unter beständigem Feuern gegen den ‚Chanzy‘ und den noch immer im Hintergrunde lauernden Torpedojäger dem ‚Forbin‘ zu, auf den er alsbald mit seinen Buggeschützen Feuer zu geben begann.

So entfernte sich das Gefecht immer mehr nordwärts, und der Kapitän der ‚Caledonia‘ beschloß, seinen Kurs wieder westlich zu nehmen. Malta anzulaufen, erschien nicht ratsam, dagegen durfte man in der Annahme, daß der ‚Royal Arthur‘ die französischen Schiffe noch eine geraume Weile festhalten würde, wohl hoffen, Brindisi, das ursprüngliche Reiseziel, zu erreichen.

Aber die Ereignisse machten dem englischen Passagierdampfer einen Strich durch die Rechnung. Es wurde ein Schiff voraus gemeldet, und man sah die ‚Aréthuse‘ herankommen, mit einem Kurs, der sie geradenwegs der ‚Caledonia‘ entgegenführte. Um der Begegnung auszuweichen, ließ der Kapitän sofort nordwärts steuern, und die ‚Caledonia‘ kam dadurch näher, als es beabsichtigt gewesen war am Kampfplatz vorüber, so nahe, daß eine auf den östlich liegenden Torpedojäger gezielte britische Granate, über das niedrige französische Schiff hinwegfliegend, dicht vor ihrem Bug ins Wasser fiel, einen gewaltigen Springquell emporschleudernd.

Wenige Sekunden später setzte sich der französische Torpedojäger in schnelle Fahrt gegen den ‚Royal Arthur‘. Und nun bot sich den Passagieren der ‚Caledonia‘, sowie allen auf dem enger gewordenen Gefechtsfeld befindlichen Seeleuten ein furchtbarer Anblick. Der Torpedojäger hatte endlich den rechten Augenblick zum Angriff erspäht, und sein Lanzierrohr hatte einen meisterhaft gezielten Torpedo gegen den Feind entsandt. Man sah in der Mitte des ‚Royal Arthur‘, dicht über dem Wasserspiegel, erst eine kleine Rauchwolke und dann eine gewaltige Wassersäule emporsteigen. Gleichzeitig ertönte ein dumpfer, die Luft in weitem Umkreise erschütternder Knall, der selbst den Donner der Geschütze übertönte.

Und nun war es, als ob der Kreuzer von Riesenhänden mitten auseinander gerissen würde. Der ungeheure Schiffskörper teilte sich in zwei Hälften. Langsam neigte sich das Vorderteil nach vorn, das Hinterteil nach hinten. Gleich darauf richteten sich beide Teile wieder auf, als wollten sie sich über der klaffenden Bresche aufs neue zusammenschließen. Aber nur wenige Sekunden dauerte diese Bewegung. Dann zog das Gewicht des einströmenden Wassers den Riesenkörper in die Tiefe. Der ‚Royal Arthur‘ sank mit grauenerregender Schnelligkeit. Jetzt ragten nur noch die drei Schornsteine über dem Wasserspiegel empor, wenige Augenblicke später sah man nichts mehr als die Spitzen der Masten mit den für das Gefecht gehißten Toppsflaggen. Dann stieg eine mächtige, schäumende Welle empor, und nur das Branden der Wogen zeigte die Stelle an, wo der stolze Kreuzer gesunken war.

Die Kanonen waren verstummt, und auf allen Schiffen herrschte tiefes Schweigen. Die Passagiere waren wie gelähmt von dem Uebermaß des Entsetzens. Der Kapitän aber befahl, sämtliche Boote auszusetzen, um der Bemannung des ‚Royal Arthur‘ zu Hilfe zu kommen. Man sah, daß auch der ‚Chanzy‘ Boote zu Wasser ließ. Der ‚O'Hara‘ entfloh, um nicht eine Beute der jetzt weit überlegenen französischen Streitkräfte zu werden, und entfernte sich vom Kampfplatz in östlicher Richtung, verfolgt von dem ‚Forbin‘, der ihm Schuß auf Schuß nachsandte.

Wenn der Kapitän der ‚Caledonia‘ auf jeden Fluchtversuch verzichtet hatte, so folgte er damit nicht nur einer Regung der Menschlichkeit, sondern er gehorchte auch den Signalen des Torpedojägers, die ihm befahlen, beizudrehen. Er wußte, daß es für den ihm anvertrauten Dampfer kein Entrinnen mehr gab, seitdem die Granaten des ‚Royal Arthur‘ aufgehört hatten, den Feind zu bedrohen.

Der Kampf der Unglücklichen, denen es gelungen war, sich aus der dunklen Tiefe emporzuarbeiten, und die nun verzweifelt um ihr Leben rangen, gewährte einen erschütternden Anblick. Die des Schwimmens Unkundigen gingen sehr bald unter, wenn es ihnen nicht gelungen war, sich eines treibenden Gegenstandes zu bemächtigen. Von den zahlreichen Köpfen, die man unmittelbar nach dem Untergang des Kreuzers über dem Wasser gesehen hatte, verschwanden mit jeder Sekunde mehr, und es unterlag keinem Zweifel, daß die heldenmütig arbeitende Besatzung der Schiffsboote nur einen sehr kleinen Teil der Mannschaft würde retten können.

An der Fallreepstreppe der ‚Caledonia‘ legte unterdessen die Gig des Kommandanten des ‚Chanzy‘ an. Der erste Offizier dieses Schiffes stieg in Begleitung von vier Seesoldaten und einem Deckoffizier an Bord und begrüßte den Kapitän der ‚Caledonia‘ mit seemännischer Höflichkeit.

„Ich bedaure sehr, mein Herr, daß ich genötigt bin, Ihnen und Ihren Passagieren Unbequemlichkeiten zu verursachen. Aber ich handle nach dem mir erteilten Befehl, wenn ich Sie bitte, mir die Schiffspapiere zu zeigen und eine Durchsuchung Ihres Schiffes zu gestatten.“

„Nach Lage der Dinge haben Sie zu befehlen,“ erwiderte der Engländer finster.

Dann stieg er mit dem Franzosen in die Kajüte hinab, während der Deckoffizier mit den Soldaten am Fallreep stehen blieb. Die Verhandlungen währten fast zwei Stunden. Währenddessen wurden die Rettungsarbeiten unermüdlich fortgesetzt. Es war gelungen, hundertundzwanzig Matrosen und Soldaten, fünf Offiziere, sowie den Kommandanten des ‚Royal Arthur‘ den Wellen zu entreißen. Die Mehrzahl der Offiziere und Mannschaften aber war verloren.

Für die Sicherung der Prise, die man mit der Wegnahme der ‚Caledonia‘ gemacht hatte, wurden ungewöhnliche Maßregeln getroffen. Der Kapitän, der erste und zweite Offizier wurden an Bord des ‚Chanzy‘ gebracht. Dafür übernahm der erste Offizier des ‚Chanzy‘ den Befehl über das Schiff, und zwei Leutnants mit fünfzig Mann wurden zur ‚Caledonia‘ hinübergerudert. Diese Vorkehrungen erklärten sich zur Genüge aus dem hohen Wert der Ladung, die der Passagierdampfer an Bord hatte. Er führte nach Ausweis der Schiffspapiere nicht weniger als zwanzig Millionen Rupien, teils gemünzt, teils in Silberbarren, die von Kalkutta hätten nach England geschafft werden sollen. Eine so kostbare Ladung sicher nach Toulon zu bringen, mußte dem französischen Kommandanten natürlich sehr am Herzen liegen.

Und noch ein weiterer Triumph war den französischen Waffen beschieden. Der ‚Forbin‘ brachte das britische Kanonenboot, das statt des ‚Union-Jack‘ nun die Trikolore gehißt hatte, auf den Kampfplatz zurück. Alle vier französischen Schiffe begleiteten die beiden genommenen Fahrzeuge auf der mit Volldampf angetretenen Fahrt nach Toulon.

XXIV.

Verzweifelte Niedergeschlagenheit und heftigste Erbitterung hatten sich der Passagiere der ‚Caledonia‘ bemächtigt. Man suchte die Schuld für das Unglück nicht so sehr in einem unberechenbaren Zufall, als in einer unverzeihlichen Nachlässigkeit der maßgebenden englischen Militärbehörde.

„Da haben wir wieder einmal ein schlagendes Beispiel englischer Unvorsichtigkeit,“ sagte Mr. Kennedy. „Wie durfte man die ‚Caledonia‘ unbeschützt fahren lassen! So viel Kriegsschiffe lagen müßig in Bombay, in Aden, in Port Said, und doch sah man sich nicht veranlaßt, diesem prachtvollen Schiff mit fast tausend Engländern an Bord und mit einer Ladung im Werte von mehr als einer Million Pfund eines oder mehrere von ihnen zur Begleitung mitzugeben. Hatten denn unsere Flottenkommandanten keine Ahnung von der Nähe französischer Schiffe?“

„Unsere Kommandanten,“ meinte der General, „werden sich darauf verlassen haben, daß genug englische Schiffe im Mittelländischen Meere verkehrten, um derartige Unternehmungen zu verhindern.“

Aber man ließ die Entschuldigung nicht gelten, und viele bittere Worte fielen gegen die englische Kriegsleitung. Als dann die Nacht hereinbrach, zogen sich die meisten Passagiere, von den ausgestandenen Aufregungen aufs äußerste erschöpft, in ihre Kabinen zurück. Heideck aber stand noch lange auf Deck und ließ sich den köstlichen Nachtwind um die heißen Schläfen wehen. Ruhig zog das Geschwader seines Weges durch die leise rauschenden Wogen, und die Positionslaternen zeigten deutlich den Stand der einzelnen Schiffe an. Rechts fuhr der ‚Chanzy‘, links die ‚Aréthuse‘, rückwärts der ‚Forbin‘ und der mit französischer Mannschaft besetzte ‚O'Hara‘. Nur von dem Torpedojäger war nichts zu sehen.

Endlich ging auch Heideck, müde gemacht durch die gleichmäßigen Schritte der auf dem Verdeck auf- und niedergehenden französischen Schildwache, in seine Kajüte hinab. Rasch senkte sich der Schlaf auf seine Lider, aber es waren unruhige Träume, die ihn verfolgten. Noch einmal durchlebte er den Kampf, dessen Zeuge er gewesen war. Und die Traumbilder mußten sehr lebhaft gewesen sein, da er unausgesetzt den dumpfen Knall der Schüsse zu hören vermeinte. Er rieb sich die Augen und setzte sich auf dem schmalen Lager auf. War das denn Wirklichkeit oder nur eine Täuschung seiner erregten Sinne? Der dumpfe Donner schlug ja noch immer an sein Ohr; und nachdem er minutenlang mit gespannter Aufmerksamkeit gehorcht hatte, sprang er auf, um in seine Kleider zu schlüpfen und auf Deck zu eilen. Schon auf dem Gange traf er mit mehreren Herren zusammen, die ebenfalls durch den Knall der Schüsse aus dem Schlummer geweckt worden waren. Und sobald er das Verdeck erreicht hatte, sah er, daß man sich in der Tat wieder inmitten eines heftigen Seegefechtes befand.

Die Nacht war ziemlich dunkel; aber wenn schon das Aufblitzen der Schüsse die Stellung des Feindes ungefähr erkennen ließ, so wurde dieselbe mit völliger Deutlichkeit gerade jetzt sichtbar, als von der ‚Aréthuse‘ ein Scheinwerfer aufleuchtete und seinen breiten, blendend hellen Lichtkegel über die Wasserfläche spielen ließ. Die riesigen Massen zweier Linienschiffe tauchten weißglänzend aus der Dunkelheit auf. Außer ihnen ließen sich noch fünf andere, kleinere Kiegsschiffe und mehrere winzige, niedrige Fahrzeuge erkennen, die Torpedoboote des britischen Geschwaders, das dem französischen entgegenkam. Hell wie eine kleine Sonne ging jetzt auch von englischer Seite ein elektrischer Scheinwerfer auf. Es war ein interessantes Schauspiel, zu beobachten, wie diese beiden elektrischen Lichter, sich langsam drehend, die einzelnen Schiffe gleichsam aus der Dunkelheit hervorzerrten, den Geschützen sichere Zielpunkte zeigend.

In dem französischen Geschwader, dessen Kommandant hinsichtlich der Ueberlegenheit des Feindes nicht im Ungewissen sein mochte, entstand eine lebhafte Bewegung. Alle Fahrzeuge, auch die ‚Caledonia‘, drehten und gingen mit Volldampf zurück. Aber die schweren englischen Granaten aus den 30,5 Zentimeter-Kanonen der Linienschiffe fielen bereits zwischen ihnen nieder, obwohl die Entfernung noch etwa drei Seemeilen betragen mochte. Und plötzlich, als die ‚Caledonia‘ während des Wendungsmanövers dem britischen Geschützfeuer eine Breitseite zeigte, ließ sich ein scharfer, erschütternder Schlag im Schiffe spüren, dem der Knall einer heftigen Explosion folgte. Die Bewegung des Dampfers stockte, und lautes Wehgeschrei erscholl aus dem Maschinenraum. Zu Tode erschreckt liefen die Passagiere umher. Man durfte ihnen nicht verhehlen, daß eine Granate eingeschlagen hatte und explodiert war.

Aber es stellte sich heraus, daß die ‚Caledonia‘ zwar stark beschädigt, doch nicht unmittelbar gefährdet war. Nur die Manövrierfähigkeit und Schnelligkeit des Schiffes hatten dadurch erheblich gelitten, daß ein Dampfrohr getroffen war.

Die französischen Kriegsschiffe entfernten sich eiligst und überließen die ‚Caledonia‘ und die eingeschiffte Prisenmannschaft ihrem Schicksal, da es nicht möglich war, sie mitzunehmen. Sie mußten auf die gute Prise verzichten und sich mit dem großen Erfolge begnügen, den sie mit der Zerstörung des ‚Royal Arthur‘ und der Wegnahme des ‚O'Hara‘ errungen hatten. Die ‚Caledonia‘ aber, vom Scheinwerfer beleuchtet und von den britischen Kommandanten erkannt, hatte keinen ferneren Schuß zu befürchten. Sie bewegte sich langsam in nördlicher Richtung und wurde, als der Morgen dämmerte, von zwei britischen Kreuzern erreicht. Ein Offizier kam an Bord, erklärte die französische Prisenmannschaft für kriegsgefangen und erfuhr von dem dritten Offizier, der sie jetzt führte, die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden.

Das britische Geschwader folgte den französischen Schiffen, die ‚Caledonia‘ aber nahm, nur noch mit acht Knoten Geschwindigkeit, den Kurs auf Neapel, das ohne weitere Zwischenfälle erreicht wurde. Die Passagiere wurden ausgeschifft, die große Geldsumme wurde in der Bank von Neapel für Rechnung der englischen Regierung deponiert und nur die Ladung an Baumwolle, Teppichen und gestickten Seidenstoffen blieb an Bord.

Die Familie Kennedy nebst Mrs. Irwin gingen in das Hotel de la Riviera, und Heideck schloß sich ihnen an. Er wollte nur einen einzigen Tag in Neapel bleiben und dann mit dem durchgehenden Zuge nach Berlin fahren.

Edith ahnte seinen Plan, obwohl er nicht mit ihr über seine Reise nach Berlin gesprochen hatte, und sie redete ihn wenige Stunden nach der Ankunft im Lesezimmer an, wo er eifrig die Zeitungen studierte.

„Wichtige Neuigkeiten?“

„Alles ist mir neu. Wir haben bis jetzt doch immer nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Kreise der Ereignisse übersehen können, und erst aus diesen Zeitungen vermochte ich einen umfassenden Ueberblick zu gewinnen.“

„Und jetzt hast du natürlich kein anderes Verlangen, als die Sehnsucht, deine Fahnen wiederzusehen? Ich weiß wohl, daß es einzig der Ehrgeiz ist, der dich leitet.“

„Kannst du einem Offizier einen Vorwurf daraus machen?“

„Ja, wenn er darüber die Menschlichkeit vergißt. Aber sei ganz ruhig, ich werde dich nicht daran verhindern. Ich will deinem Ehrgeiz nicht in den Weg treten, aber ich will ihm auch nicht zum Opfer fallen.“

„Das sollst du gewiß nicht. Wir werden glücklich werden, wenn dieser Krieg beendigt ist. Ich werde dir so wenig untreu werden, wie meiner Pflicht. Kehre ich lebend aus dem Felde zurück, so wird mein Dasein einzig deinem Glücke geweiht sein.“

„Die Liebe ist ein Vogel, dem man nicht zu viel Freiheit lassen darf. Du erinnerst dich, daß ich dir immer gesagt habe, ich würde dich nie verlassen.“

„Aber, meine geliebte Edith, das ist doch ganz unmöglich! Hast du denn gar keine Vorstellung davon, wie es im Kriege zugeht?“

„Ich dächte, daß ich genug davon gesehen hätte.“

„Ja, in Indien und auf dem Meere. Aber in Europa wird der Krieg doch etwas anders geführt. Jeder Platz in den Eisenbahnzügen ist genau berechnet, und in den Quartieren, in den Kantonnements und im Biwak ist es ebenso. Für eine Dame ist da nicht Raum. Was würden die Kameraden von mir sagen, wenn ich in deiner Gesellschaft erschiene?“

„Du kannst ja sagen, ich sei deine Frau.“

„Aber Edith, über so etwas ist gar nicht ernsthaft zu reden. Als preußischer Offizier bedarf ich des Konsenses, um heiraten zu können. Wie kann ich jetzt in Begleitung einer Dame zur Armee kommen? Oder wie könnte ich gerade jetzt einen Heiratskonsens verlangen?“

„Das kannst du recht gut. Viele Offiziere heiraten zu Beginn des Krieges.“

„Nun gut, aber selbst, wenn ich den Konsens jetzt verlangte, so müßten doch nach dem Gesetz noch Monate vergehen, ehe wir heiraten könnten. Ich machte dir schon einmal den Vorschlag, zu meinen Verwandten nach Hamburg zu gehen und dort das Ende des Krieges abzuwarten. Und ich halte das noch jetzt für den einzig richtigen Weg.“

„Aber ich will nicht nach Hamburg zu deinen Verwandten.“

„Und warum nicht?“

„Ich soll in einer deutschen Familie sitzen, ich als Engländerin, und ich soll mich angaffen lassen? Ich soll in den deutschen Zeitungen alle die Lügen über England lesen?“

„Mein Onkel und meine Tante sind sehr taktvolle Leute, und meine Cousinen werden es nicht an der gebotenen Rücksicht fehlen lassen.“

„Auch noch Cousinen! Nein, ich danke! In das Familienglück fremder Leute passe ich nicht hinein.“

„Wenn du das nicht willst, so kannst du in Berlin in eine Pension gehen.“

„Nein, das will ich auch nicht. Ich will bei dir bleiben.“

„Aber liebste Edith, wie denkst du dir das nur?“