Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman

Part 19

Chapter 193,574 wordsPublic domain

Edith schwieg. Ihr Vertrauen zu Heideck war so unbegrenzt, daß seine Worte sie vollständig überzeugt hatten. Aber sie hatten ihr die freudig zuversichtliche Stimmung der letzten Tage dennoch nicht wiederzugeben vermocht.

„Es wird alles beim Alten bleiben?“ sagte sie endlich. „Das heißt, du wirst uns in Brindisi verlassen?“

„Allerdings. Es gibt ja für mich keinen anderen Weg, um zur Armee zu gelangen.“

„Und wenn du nun überhaupt darauf verzichtest, zur Armee zurückzukehren? Hast du denn noch gar nicht daran gedacht, daß wir unser künftiges Glück recht wohl auf einer anderen Grundlage aufbauen könnten?“

Verwundert sah Heideck sie an.

„Nein, liebste Edith, daran habe ich in der Tat noch nicht gedacht, denn es wäre ein sehr überflüssiger und törichter Gedanke gewesen, solange mir durch Pflicht und Ehre auf das Bestimmteste vorgeschrieben ist, was ich zu tun habe.“

„Pflicht und Ehre! Natürlich, ich konnte mir wohl denken, daß du sogleich wieder mit großen Worten bei der Hand sein würdest. Es ist so bequem, sich hinter einen solchen unangreifbaren Schutzwall zurückziehen zu dürfen, wenn damit zugleich den eigenen Wünschen Genüge geschieht!“

„Edith! Wie ungerecht haben dich doch die traurigen Erlebnisse der jüngsten Vergangenheit gemacht! Bei ruhiger Ueberlegung wirst du selbst einsehen, daß meine persönlichen Wünsche und die Sehnsucht meines Herzens hier gar nicht in Frage kommen. Und ich verstehe nicht einmal, was ich deiner Meinung nach denn eigentlich tun sollte.“

„O, es gäbe mehr als eine Möglichkeit, die uns den Schmerz einer Trennung ersparen würde. Aber ich will dir nur die nächstliegende nennen. Könnten wir nicht sehr wohl zusammen in Indien bleiben? Wenn es die Vermögensfrage ist, die dir Bedenken verursacht, so kann ich dich darüber leicht beruhigen. Ich habe Geld genug für uns beide, und was mir gehört, das ist auch dein. Wenn wir uns hier in eine Gegend zurückziehen, in die der Krieg nicht kommen kann -- in eine Hill-Station, nach Poona oder Mahabaleshwar, so wird niemand dich mit Fragen behelligen oder gar daran denken, dich zu verfolgen. Und es wird Gott wohlgefälliger sein, wenn du dort ganz deiner Liebe lebst, als wenn du deine Brüder tötest.“

Trotz der Ernsthaftigkeit, mit der sie sprach, konnte Heideck sich nicht enthalten, ihr lächelnd zu entgegnen:

„Wie wunderlich sich doch zuweilen in so einem hübschen Frauenköpfchen die Welt und die Verhältnisse malen. Es ist wahrhaftig ein Glück, daß wir nüchterne Männer unsern Verstand nicht ganz so leicht mit dem Herzen durchgehen lassen. Wir würden sonst schlimm genug daran sein, denn ihr selbst wäret sicherlich die ersten, die sich mit Geringschätzung von uns abwenden würden, sobald wir uns das Glück eurer Liebe um jeden Preis, selbst um den eurer und der eigenen Achtung, erkaufen wollten.“

Edith Irwin gab es auf, ihm zu widersprechen. Mit schwermütiger Miene blickte sie lange schweigend in die mondhelle indische Nacht hinaus. Und dann, als Heideck auf sie zutrat, um sich mit einem zärtlichen Wort zu verabschieden, sagte sie in einem Ton, der ihm ganz seltsam zu Herzen ging:

„Ob wir uns nun verstehen oder nicht -- in einem wenigstens sollst du dich keiner Täuschung hingeben: Wohin du auch immer gehen magst -- in ein Paradies des Friedens oder die Hölle des Krieges -- ich werde dich nicht verlassen.“

Sie warf sich mit leidenschaftlichem Ungestüm an seine Brust und preßte ihre heißen Lippen auf seinen Mund. Dann aber, als fürchte sie sich vor ihres eigenen Herzens Gluten, drängte sie ihn mit sanfter Gewalt zur Tür.

XXIII.

Auf die Siegesbotschaft folgte, wie Heideck vorausgesehen hatte, eine für die Engländer niederschmetternde Nachricht. Am folgenden Tage, sehr spät, nachdem Bombay den Morgen und Mittag hindurch vergebens auf eine Bestätigung der Depesche von gestern und auf nähere Einzelheiten gewartet hatte, und die Stimmung bereits eine recht gedrückte geworden war, veröffentlichte der Gouverneur folgende Depesche des Höchstkommandierenden:

‚Als am gestrigen Tage größere Truppenmassen des Feindes nördlich von Delhi gemeldet wurden, nahm die Armee eine für die Defensive günstige Stellung ein, und es kam zu einem für die britischen Waffen ehrenvollen Kampfe. Die Russen erlitten ungeheure Verluste. Bei Einbruch der Dunkelheit, die eine weitere Verfolgung der errungenen Vorteile nicht gestattete, beorderte ich das Gros der Armee zu einem strategisch wertvollen Marsche auf Lucknow, der sich größtenteils auf der Eisenbahn vollzog. Die Brigade Simpson ist zur Verteidigung Delhis zurückgeblieben. Die schweren Geschütze der Sha-Bastion und der Bastion von Kalkutta-Gate und North-Gate sind in erfolgreiche Tätigkeit getreten. Alle Truppenteile haben sich ausgezeichnet benommen und verdienen das höchste Lob. Die Brücke über den Jumna ist intakt und vermittelt den direkten Verkehr mit General Simpson.‘

Mr. Kennedy saß nachdenklich über dieser Depesche, als Heideck zu ihm trat.

„Also eine entscheidende Niederlage, nicht wahr, Mr. Heideck?“ sagte er. „Sie als Militär können ja noch mehr zwischen den Zeilen lesen als ich. Ich kenne doch Delhi. Wenn die Batterien an der Jumnabrücke feuern, so müssen die Russen im Begriff sein, sich dieses Uebergangs zu bemächtigen. Die North-Gate-Bastion ist ja der Brückenkopf.“

Heideck mußte ihm recht geben; aber er hatte noch mehr aus der Depesche gelesen und erblickte die schlimmsten Anzeichen in dem Rückzuge des Generals auf Lucknow.

Weitere Depeschen vom Kriegsschauplatze wurden im Laufe des Tages nicht veröffentlicht, weil der Gouverneur der Bevölkerung verheimlichen wollte, wie traurig die Verhältnisse lagen. Mr. Kennedy aber, der im Gouvernementsgebäude gewesen war, erfuhr mehr. Er erzählte Heideck, daß die englische Armee in voller Auflösung geflohen wäre und 8000 Mann an Toten und Verwundeten, 20 Geschütze nebst vielen Fahnen und Standarten verloren hätte. Die Regierung gäbe Delhi bereits auf, denn General Simpson könne die Stadt nicht halten.

„Indien ist uns verloren,“ schloß Mr. Kennedy in tiefem Schmerz. „Jetzt habe ich auch meine letzte Hoffnung begraben.“ -- -- --

* * * * *

Die ‚Caledonia‘ hatte im Victoria-Dock, einem Teil der großartigen Hafenanlagen auf der Ostküste der Halbinsel, festgelegt, und die Reisenden begaben sich inmitten eines dichten Menschengewühls an Bord. Viele verwundete und kranke Offiziere und Soldaten sollten auf dem schnellen Dampfer nach England zurückbefördert werden und nahmen die sonst für die Passagiere bestimmten Plätze ein. Von Reisenden, die in Geschäften oder zum Vergnügen nach Europa fuhren, war nichts zu sehen. Alle Frauen, die an Bord kamen, gehörten Militärfamilien an. Die allgemeine Stimmung war sehr trübe.

Heideck hatte vor der Einschiffung seinen treuen Diener entlassen. Wohl hatte Morar Gopal mit Tränen in den Augen gebeten, ihn mitzunehmen, aber Heideck mußte fürchten, daß der arme Kerl am europäischen Klima zu Grunde gehen würde. Und beim Eintritt in die Armee hätte er sich ja doch von ihm trennen müssen. So schenkte er ihm hundert Rupien und machte ihn dadurch zum reichen Mann.

Langsam bewegte sich der große Dampfer aus dem Hafenbassin, vorbei an englischen Handelsfahrzeugen und den weißen Kriegsschiffen, die Soldaten und Kriegsmaterial hergeführt hatten.

Heideck sah, als die ‚Caledonia‘ nun in schnellerer Fahrt den Außenhafen durchschnitt, wohl zwanzig Kriegsschiffe, darunter mehrere große Panzer, auf der Reede. Von zwei Transportdampfern, deren Verdeck von Waffen glänzte, wurden englische Truppen, die von Malta kamen, in Booten gelandet.

Dann ging es immer schneller auf die hohe See hinaus. Die Stadt mit ihren Leuchttürmen verschwand in der Ferne, die blauen Berge des Festlandes und der Insel lösten sich in verschwimmenden Nebel auf. Eine lange, weißschimmernde Furche folgte dem Dampfer.

Die Fahrt war wundervoll für jeden, den nicht schwere Sorgen unempfindlich machten für die Erhabenheit der Natur. Heideck, der glücklich war, sich endlich auf dem Heimwege zu befinden, genoß in vollem Maße die Schönheit des Meeres und des Himmels. Die bangen Zweifel, die ihn zuweilen wegen Ediths und seiner eigenen Zukunft überkamen, wurden unterdrückt durch den Reiz ihrer Gegenwart. Wohl hielten die Stürme ihres Charakters ihn beständig in unruhiger Bewegung, aber er liebte Edith, die seit jener Stunde, da sie ihm erklärt hatte, daß sie ihn niemals verlassen würde, ganz Hingebung und Zärtlichkeit war, als wäre sie von einer beständigen Furcht gequält, daß er sie dennoch eines Tages von sich stoßen könnte.

So saßen sie wieder einmal auf dem Promenadendeck beieinander. In azurblauen Wogen rauschte das Meer um die Planken des Schiffes. Ein wunderbares Flimmern und Leuchten ging von der unabsehbaren Fläche aus. Die ganze Welt schien in Licht gebadet; aber das doppelte Sonnendach über den Häuptern des jungen Paares wehrte der Glut der Sonne, und ein erfrischender Lufthauch strich unter ihm dahin.

„Du würdest also in Brindisi mit mir an Land gehen?“ fragte Heideck.

„In Brindisi oder schon in Aden oder in Port Said -- wo du willst.“

„Ich denke, Brindisi wird der geeignetste Platz sein. Dann fahren wir zusammen nach Berlin.“

Edith nickte zustimmend.

„Aber ich weiß nicht, wie lange ich in Berlin bleibe,“ fuhr Heideck fort. „Ich hoffe, man schickt mich nicht sofort wieder zur Armee.“

„Dann gehe ich mit dir, wohin es auch sei,“ sagte sie so ruhig, als ob es sich um etwas ganz Selbstverständliches handle.

„Das ist wohl nicht gut möglich,“ erwiderte er lächelnd. „Bei uns führt man Krieg ohne Frauen.“

„Und ich werde doch mit dir gehen.“

Heideck sah sie verwundert an. „Aber begreifst du denn nicht, mein Lieb, daß es etwas ganz Neues sein würde und Aufsehen erregen müßte, wenn ein deutscher Offizier mit seiner Braut ins Feld zöge?“

„Ich fürchte das Urteil der Menschen nicht. Ich kümmere mich ja auch nicht darum, was die Kennedys sagen werden, wenn ich in Brindisi das Schiff verlasse und mit dir gehe. Es wird ja ein schlimmer Sturz für mich werden; denn die Kennedys würden mich von Stund an als eine Verlorene ansehen. Aber ich mache mir nichts daraus. Ich bin längst von der Torheit geheilt, daß man sein Glück opfern müsse, nur dem Gerede der Welt zuliebe.“

Er nahm natürlich ihre Absicht, ihn ins Feld zu begleiten, trotzdem nicht ernst und benutzte die Gelegenheit, ihr einen Vorschlag zu machen, den er bei sich selber schon reiflich erwogen hatte.

„Ich würde es für das Beste halten, liebe Edith, wenn du zu meinem Onkel nach Hamburg gingest und dort das Ende des Krieges abwartest. Dann -- sofern mir der Himmel das Leben gelassen, -- steht unserer Vereinigung nichts mehr entgegen.“

Sie antwortete nicht, und Heideck, der ihr Zeit lassen wollte, mit sich zu Rate zu gehen, beeilte sich, das Gespräch von diesem Thema abzulenken.

„Sieh, wie schön das ist!“ sagte er, auf das Wasser deutend.

Eine lange Reihe weiß aufschäumender Wellen zog sich jetzt zu beiden Seiten des Schiffes hin, so daß es aussah, als durchschnitte der Kiel eine Menge kleiner Klippen, über die das Meer hinwegbrandete. Aber bei näherer Beobachtung ließ sich erkennen, daß es keine Klippen waren, sondern unzählige große Fische, die wie in langer Schlachtreihe einherzogen und das Schiff begleiteten. In großen Sprüngen schnellten sie aus dem Wasser empor, so daß man die hellen Leiber in der Luft glitzern sah.

„Ich möchte wohl einer von diesen Delphinen sein,“ sagte Edith. „Sieh, wie frei und lustig ihr Dasein ist.“

„Du glaubst ja an die Seelenwanderung,“ scherzte Heideck, „vielleicht bist du einmal ein solcher Delphin gewesen.“

„Dann habe ich sicherlich keinen vorteilhaften Tausch gemacht. Mit unserer höheren geistigen Entwicklung verlieren wir unzweifelhaft den rechten Genuß des natürlichen Daseins. Die Schmerzen aber, an denen das menschliche Leben so viel reicher ist, als an Freuden, lernen wir um so tiefer empfinden.“ --

* * * * *

Die Fahrt durch den indischen Ozean währte sechs Tage, und Heideck hatte oft Gelegenheit, die Ansicht der englischen Offiziere und Beamten über die politische Lage zu hören. Alle klagten sie die Unfähigkeit der Regierung an, die England in eine so gefährliche Situation gebracht hatte.

„Die guten alten Grundsätze der englischen Politik sind aufgegeben worden,“ sagte eines Tages ein Oberst, der wegen einer schweren Verwundung nach England zurückkehren mußte. „In früheren Zeiten hat England seine Eroberungen gemacht, wenn die kontinentalen Mächte in Kriege verwickelt waren, oder es hat auch selbst in Koalition mit anderen Mächten Krieg geführt, um seinen Besitz zu erweitern. Nie aber hat es sich so schimpflich überrumpeln lassen wie jetzt. Frankreich und Deutschland werden wir natürlich besiegen; denn hier handelt es sich um die Seemacht. Aber selbst wenn diese beiden Mächte geschlagen worden sind, bleiben wir doch die Unterliegenden; denn der Verlust Indiens ist für Englands Gesundheit und Leistungsfähigkeit so schlimm, wie für mich die Amputation meines linken Beines. Ich kehre als Krüppel nach England zurück, und auch mein armes Vaterland wird nach dem Verluste Indiens nur noch ein Krüppel sein.“

„Ja, wahrhaftig,“ sagte Mr. Kennedy, „es wird schwer, ich fürchte, es wird unmöglich sein, Indien wieder zu erobern. Den Franzosen, den Holländern, den Portugiesen konnten wir ihre indischen Besitzungen entreißen, weil sie auch nur durch ihre Seemacht mit Indien in Verbindung standen, aber die Russen gliedern die Halbinsel an ihr Reich an und könnten selbst im Falle einer Niederlage immer neue, ungezählte Scharen dorthin zu Lande marschieren lassen. Ich sehe sie schon auf Kalkutta, auf Bombay, auf Madras losgehen, die Häfen besetzen, die mit unserm Gelde gebaut wurden, und in unsern Docks eine Kriegsflotte mit den Hilfsmitteln Indiens bauen.“

„Es ist den kontinentalen Mächten ja nicht zu verdenken,“ fuhr der Oberst fort, „wenn sie unsere Niederlagen benutzen, um sich zu vergrößern. Da ist keine Macht, auf deren Kosten wir nicht groß geworden wären. Alle unsere Besitzungen haben wir den Spaniern, den Holländern, den Portugiesen, den Franzosen mit Gewalt der Waffen entrissen, und Rußland haben wir bekämpft, seitdem es anfing seine Macht zu entfalten. Wir haben die Türkei unterstützt, wir sind in die Krim eingefallen und haben Sebastopol zerstört, wir haben die Flotte im Schwarzen Meer erstickt. Aber jetzt haben wir uns verrechnet. Wir haben den Japanern erlaubt, Rußland anzugreifen, aber wenn unsere Minister geglaubt haben, die Japaner würden für jemand anders als sich selbst kämpfen, so haben sie sich stark verrechnet. Rußland entschädigt sich bei uns für seine Verluste in Ostasien.“

„Nicht Rußland ist unser schlimmster Feind, Deutschland ist es,“ widersprach Mr. Kennedy. „Rußland ist es erst geworden, seitdem wir Deutschland so mächtig werden ließen. Ich erinnere mich noch, wie unsere Minister triumphierten, als Preußen mit Oesterreich und Frankreich Krieg führte. Denn wieder schien der europäische Kontinent durch seine innere Zerrissenheit auf lange Zeit hinaus lahmgelegt. Ein kurzer Triumph! Niemand hatte geahnt, daß Preußen sich so stark erweisen würde. Und damals zeigten sich die ersten Schwächen unserer Politik. Nach den ersten deutschen Siegen am Rhein hätte England eine Allianz mit Frankreich schließen und Preußen den Krieg erklären müssen. Große politische Umwälzungen erfordern eine lange Zeit, und eine kluge Regierung muß weit voraussehen. Bismarck hat Englands Niederlage langsam vorbereitet. Das lag vor dreißig Jahren wie eine Ahnung in uns, gleich einer drohenden Gewitterwolke zog es herauf, aber unsere Regierung hatte nicht den Mut, klar zu sehen und ermangelte der rechten Energie.“

Ein General, der schweigend dagesessen hatte, ergriff das Wort. Er war aus dem Geniekorps hervorgegangen und jetzt dazu bestimmt, das Kommando von Gibraltar zu übernehmen.

„Wir sprechen von dem Verluste Indiens,“ sagte er, „aber wer weiß, ob nicht England selbst eine Invasion im Mutterlande zu befürchten hat!“

„Unmöglich!“ entgegneten alle anwesenden Herren, „niemals werden Englands Kriegsschiffe sich aus dem Kanal verdrängen lassen.“

„So hoffe auch ich, aber ich weiß nicht, ob die Herren sich noch erinnern, wie nahe einst die Gefahr war, daß eine napoleonische Armee Englands Boden betrat.“

„Und wenn sie erschienen wäre, so wäre sie von Britenfäusten zerschmettert worden!“ rief Mr. Kennedy.

„Vielleicht! Aber warum haben wir niemals zugegeben, daß ein Tunnel unter dem Kanal von Calais nach Dover gebaut würde? Alle militärischen Autoritäten, namentlich Wolseley, haben es unter keiner Bedingung erlauben wollen, daß dem Verkehr und dem Handel dieser bequeme Weg eröffnet werde. Sie haben es immer für notwendig erklärt, daß England eine Insel bliebe, die nur übers Meer zu erreichen wäre. Ganz gewiß ist dies die erste und wichtigste Bedingung für Englands Macht.“

„Nun also,“ sagte Mr. Kennedy. „Da England doch eine Insel ist und wir stets den Grundsatz aufrecht erhalten haben, unsere Flotte der Seemacht zweier Seemächte, und zwar der stärksten, überlegen zu erhalten -- wo wäre da eine Gefahr?“

„Eine Gefahr? Eine Gefahr besteht immer, wenn man Feinde hat,“ erwiderte der General. „Und ich behaupte: es hing zu Anfang des 19. Jahrhunderts an einem Haar, daß Napoleon herüberkam, und ich glaube nicht, daß wir diesem großen Gegner gewachsen gewesen wären, wenn er einmal festen Fuß an unserer Küste gefaßt hätte.“

„Sein Plan war phantastisch und darum unausführbar,“ sagte Mr. Kennedy.

„Sein Plan scheiterte nur daran, daß er zu kompliziert war. Hätte Napoleon aber telegraphische Verbindungen zur Verfügung gehabt, wie sie heute bestehen, so wäre sein Plan nicht zu kompliziert gewesen. Mit den Kabeln von heutzutage hätte er seine Flotten dirigieren können. Wäre der Admiral Villeneuve nicht nach Kadix, sondern, wie ihm befohlen war, nach Brest gesegelt, um sich dort mit Admiral Ganteaume zu vereinigen, so hätte er, an der Spitze von sechsundfünfzig Linienschiffen, den Uebergang Napoleons von Boulogne nach der englischen Küste decken können. Nein, meine Herren, denken Sie sich die strategische Lage Englands nicht als unangreifbar. Ich vertraue so fest wie Sie auf die Ueberlegenheit unserer Seestreitkräfte, aber zur Zeit des Dampfes und der Elektrizität ist England nicht mehr so sicher, wie damals, als die Bewegung der Schiffe vom Winde abhängig war und die Befehle durch reitende Boten und Signale übermittelt werden mußten.“

„So glauben Sie wirklich, daß Napoleons Plan ausführbar gewesen wäre, General?“

„Ganz gewiß. Napoleon hatte bei diesem Unternehmen kein Glück. Zunächst war sein größtes Mißgeschick der Tod des Admirals Latouche-Tréville. Dieser Mann hätte an Villeneuves Stelle die Flotte wahrscheinlich richtig geführt. Es war der einzige französische Seeoffizier, der unserm Nelson hätte entgegentreten können. Aber er starb für Frankreich zu früh, und sein Nachfolger Villeneuve war ihm geistig nicht ebenbürtig. Aber es gibt noch besondere Verhältnisse, die heutzutage günstiger für eine Landung in England sind als zu Napoleons Zeit. Dazu gehört, abgesehen von Kabel und Dampf, zum Beispiel noch der Umstand, daß die modernen Transportschiffe ungleich viel mehr Truppen fassen können, wie damals. Napoleon hatte zweitausendzweihundertdreiundneunzig Fahrzeuge zum Transport seiner Armee von einhundertfünfzigtausend Mann und zur Bedeckung der Transportschiffe ausrüsten müssen, verfügte über eintausendzweihundertvier Kanonenboote und einhundertfünfunddreißig andere bewaffnete Fahrzeuge, außer den eigentlichen Transportschiffen. Fast alle seine Fahrzeuge waren so gebaut, daß sie ohne Boote auf flachem Sandstrande Mannschaften und Pferde mit Geschütz landen konnten. Sie bedurften also auch der Windstille, um über den Kanal zu kommen. Etwa zehn Stunden ruhiger See hätten sie nötig gehabt, um zwischen Dover und Hastings anzukommen. Jetzt aber ist dies anders. Die großen Dampfer der Schiffsgesellschaften Deutschlands und Frankreichs stehen zur Verfügung der Marineleitung.“

„Dennoch bleibt alles beim alten,“ sagte Mr. Kennedy. „Der Sieg auf hoher See gibt den Ausschlag. Keine feindliche Flotte wird sich im Kanal zeigen können, ohne von der unsrigen zerstört zu werden.“

„Hoffen wir es!“ sprach der General.

Auf der Fahrt nach Aden begegneten der ‚Caledonia‘ nur wenige, ausschließlich englische Schiffe. Mehrere Transportdampfer mit Truppen an Bord, passierten auch einige Kriegsschiffe. Ueberholt wurde der Dampfer von keinem Fahrzeuge, denn er machte durchschnittlich 22 Seemeilen Fahrt in der Stunde. Am Morgen des sechsten Tages erschienen die rotbraunen Felsen von Aden, und die ‚Caledonia‘ warf auf der Reede Anker. Eine Menge von kleinen Fahrzeugen schoß heran. Nackte schwarze Araberknaben schrieen nach Geld und zeigten ihre Taucherkünste, indem sie Silberstücke, die vom Bord geworfen wurden, auffischten. Da Kohlen eingenommen werden sollten, gingen die Passagiere, soweit sie bewegungsfähig waren, in von Arabern geruderten Fahrzeugen an Land.

Heideck schloß sich der Familie Kennedy an.

Als das Boot den tief eingeschnittenen Hafen erreichte, der in mehreren Biegungen zwischen befestigten Höhen eine sichere Unterkunft für eine ganze Flotte bot, sah Heideck wohl zwanzig englische Kriegsschiffe, aber mindestens die dreifache Zahl deutscher und französischer sowie einige russische Kauffahrer. Es waren Fahrzeuge, die von englischen Kriegsschiffen erbeutet waren. Auch mehrere Kreuzer der drei mit England in Fehde befindlichen Mächte lagen hier im Hafen. Sie waren nach Ausbruch des Krieges im Indischen Ozean von überlegenen englischen Schiffen genommen worden.

Da der ganze Tag bis zum Abend zur Verfügung stand, nahm Mr. Kennedy einen Wagen, und Heideck fuhr mit der Familie zur Stadt, die, von der Reede aus nicht sichtbar, zwischen hohen, spitzen Bergen eingebettet lag. Die Fahrt ging an einem großen, freien Platze vorüber, auf dem Tausende von Kamelen und Eseln zum Verkauf standen, und Heideck konnte nun in der Nähe die mächtigen Festungswerke bewundern, die die Engländer seit dem 9. Januar 1839, wo sie Aden den Türken abgenommen hatten, auf der wichtigen, meerbeherrschenden Gebirgsecke Arabiens erbaut hatten. Auch die merkwürdigen Tanks wurden besichtigt, jene berühmten Zisternen, die Aden mit Wasser versorgen, etwa fünfzig Becken, die dreißig Millionen Gallonen Wasser enthalten sollen, Anlagen, deren Ursprung in das graueste Altertum zurückreicht und den Persern zugeschrieben wird.

Um sieben Uhr abends waren die Reisenden wieder an Bord und vertieften sich, während die ‚Caledonia‘ ihre Reise fortsetzte, in die Lektüre der englischen, französischen und deutschen Zeitungen, die sie in Aden gekauft hatten. Diese Blätter waren freilich zehn Tage alt, enthielten aber trotzdem vieles, was den Reisenden neu war.

Im Roten Meere war es sehr heiß, und die Gesellschaft der ersten Kajüte schlief zum größten Teile nachts auf dem Verdeck, wie sie es schon die letzten Tage vor Aden getan hatte. Für die Damen ward ein besonderer Teil des Decks durch ein ausgespanntes Segel abgeteilt.

In Port Said, wo viele englische Kriegsschiffe lagen, wurden wiederum Kohlen eingenommen; dann ging die Fahrt bei ungünstigem Wetter und etwas bewegter See in das Mittelländische Meer hinein. Die ‚Caledonia‘ fuhr an der Südküste Kretas hin. Dann nahm der Dampfer den Kurs nordwestlich auf Brindisi, das am achten Tage nach der Abfahrt von Aden erreicht werden sollte. In der Frühe des siebenten Tages aber wurde ein Schiff, von der Nordseite Kretas kommend, bemerkt, dessen Erscheinen den Kapitän der ‚Caledonia‘ in lebhafte Unruhe versetzte. Bald teilte sich diese Unruhe auch den Passagieren mit. Alle Fernrohre und Feldstecher richteten sich nach jenem Fahrzeuge, dessen Kurs den der ‚Caledonia‘ durchschneiden mußte.