Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman

Part 18

Chapter 183,546 wordsPublic domain

„Verzeihung! Ich zweifelte selbstverständlich keinen Augenblick an Ihrem patriotischen Pflichtgefühl, und ich wünsche Ihnen von Herzen eine glückliche Heimreise. Natürlich ist es trotz aller Bundesgenossenschaft unserer Nationen für Sie nicht dasselbe, ob Sie in den Reihen der russischen oder des deutschen Heeres fechten. Und wenn die Aussicht, in so angenehmer Gesellschaft zu reisen, den letzten Ausschlag für Ihre Entschließungen gegeben hat, so hätten Sie sich dessen, wie ich meine, durchaus nicht zu schämen. -- Ich für meine Person bin allerdings zu der Erkenntnis gekommen, daß ein Soldat besser tut, dem weiblichen Element eine möglichst untergeordnete Rolle in seinem Leben anzuweisen. Er müßte es denn so machen, wie die meisten meiner Landsleute und sich eine ‚handliche‘ Frau zulegen, d. h. eine, die es verträgt, mit oder ohne Anlaß geprügelt zu werden. Es mag sein, daß ich es gerade in diesem einen Punkte versehen hatte. Und ich bin denn auch recht empfindlich dafür gestraft worden.“

Sein Gesicht war plötzlich sehr ernst geworden, und da seine Anspielung sich nur auf den verschwundenen Pagen beziehen konnte, glaubte Heideck endlich eine Frage nach dem Verbleib der Cirkassierin wagen zu dürfen.

Aber der Fürst schüttelte abwehrend den Kopf.

„Fragen Sie mich nicht nach ihr! Das ist eine ärgerliche Geschichte, an die ich nicht gern erinnert werde, weil sie mir eine der häßlichsten Stunden meines Lebens ins Gedächtnis zurückruft. Schlimm genug, daß wir armen, ohnmächtigen Kreaturen mit aller Reue nicht wieder gutmachen können, was wir einmal in einem Augenblick gefehlt.“

Und dann, als wolle er damit kurzerhand alle weiteren, unbequemen Erörterungen abschneiden, kehrte er zu dem Ausgangspunkt ihrer Unterhaltung zurück:

„Von meinem Standpunkt aus muß ich es ja rein praktischer Gründe wegen für einen Fehler halten, daß Sie Ihre unter den günstigsten Auspizien begonnene Laufbahn in der russischen Armee schon so bald wieder verlassen. Tüchtige Männer Ihres Schlages können bei uns eine glänzende Karriere machen, denn in unserm Heere ist mehr Ellbogenraum als bei Ihnen. Aber ich weiß wohl, daß es überflüssig ist, weiter darüber zu reden. Nur eins noch! -- Sie brauchen die Uniform, der Sie alle Ehre gemacht haben, nicht gleich hier in Simla auszuziehen. Ich trete morgen den Rückmarsch nach Lahore an, und ich bitte Sie, während desselben noch an der Spitze Ihrer Schwadron zu bleiben. Ihre englischen Freunde reisen am sichersten mit unserer Kolonne. In Lahore können Sie dann ja machen, was Sie wollen. Da der Feldzug sich nach Südosten wendet, ist der Westen frei, und Sie können möglicherweise die Reise nach Carachi zum großen Teil bereits wieder auf der Eisenbahn zurücklegen.“

Heideck erkannte in diesem Vorschlag einen neuen Beweis der freundschaftlichen Gesinnung, die ihm der Fürst schon so oft an den Tag gelegt hatte, und er unterließ es nicht, ihm auf das Wärmste hierfür zu danken.

Für Mr. Kennedy war es allerdings ein nicht sehr erfreulicher Gedanke, unter dem Schutz der Feinde reisen zu müssen; aber er mußte sich im Interesse seiner weiblichen Angehörigen fügen, da es in der Tat keine bessere Möglichkeit gab, schnell und sicher nach Carachi zu gelangen.

„Sie können sich nicht vorstellen, wie schwer es mir wird, dies teuer erkaufte Indien zu verlassen,“ sagte er zu Heideck. „Zwanzig Jahre meines Lebens habe ich ihm gewidmet, Jahre der härtesten, unermüdlichen Arbeit. Und nun ist mein Werk gleich den Werken so vieler besserer Männer mit einem einzigen Schlage verloren.“

„Sie sind ohne Unterbrechung zwei ganze Jahrzehnte hindurch in Indien gewesen?“

„Ja, ich konnte mich nicht entschließen, meine Frau und meine Tochter zu begleiten, wenn sie gelegentlich zu ihrer Erholung auf einige Monate nach Europa gingen. Ich war eben geradezu verliebt in meine Arbeit, und ich werde es kaum verwinden, daß nun alles, alles verloren sein soll. Und es ist verloren -- darüber gebe ich mich keiner Täuschung hin. Nachdem die Russen einmal hier Fuß gefaßt haben, werden sie auch das Land niemals wieder aufgeben. Ihre Herrschaft wird eben schon deshalb fester gegründet sein als die unsrige, weil sie dem indischen Volke innerlich viel näher stehen als wir -- -- -- --“

Am nächsten Tage brachen sie auf.

Mr. Kennedy und seine Damen fuhren in einer mit vier australischen Pferden bespannten Mail-Coach, die ursprünglich für den Besuch der Rennen von Annandale bestimmt gewesen war. Er hatte seinen eigenen englischen Kutscher, einen englischen Diener und eine englische Kammerfrau mitgenommen, die zahlreiche, indische Dienerschaft aber hatte er vor der Abreise abgelohnt und entlassen.

Der Marsch ging über Kalka, die Endstation der nach Simla führenden Eisenbahn, ohne jeden Zwischenfall nach Lahore. Hier erfuhr Fürst Tschadschawadse, daß die russische Armee tags zuvor nach Delhi aufgebrochen war, und er mußte sich beeilen, ihr mit seinem Detachement zu folgen.

Während des Eintritts in die Straßen von Lahore, deren Anblick in ihm so viele trübe Erinnerungen weckte, wurde Heideck plötzlich aus seinen Träumereien gerissen. Es war ihm, als hätte er hinter den Säulen, die den Balkon eines Hauses trugen, eine weibliche Gestalt erspäht, die mit großen Augen dem glänzenden, rasselnden, säbelklappernden Reiterzuge folgte. Und obwohl ihr Gesicht fast ganz von einem weit herabgezogenen Kopftuche verhüllt gewesen war, hatte ihn bei ihrem Anblick die halb instinktive Empfindung durchzuckt, daß dies Weib keine andere, als seine und Ediths Retterin, der Page Georgij, sei. Er hatte sein Pferd gewandt und war auf das Haus zugeritten. Aber die Erscheinung war bei seiner Annäherung verschwunden, wie wenn die Erde sie verschlungen hätte. Und so mußte er wohl annehmen, daß es nur eine Täuschung seiner Sinne war.

Seine Verabschiedung von dem Fürsten Tschadschawadse war so herzlich, wie es ihrem bisherigen Verhältnis entsprach. Der Fürst umarmte ihn wiederholt, und in seinen Augen schimmerte es feucht, als er dem Kameraden noch einmal glückliche Reise und die Lorbeeren des siegreichen Kriegers wünschte.

Auch Heideck schämte sich seiner Bewegung nicht, als er dem Fürsten zum letzten Mal die Hand drückte.

„Wenn Sie Ihren Pagen wiedersehen, so bitte ich Sie, auch ihm meine und Mrs. Irwins Abschiedsgrüße zu übermitteln.“

Ueber das Antlitz des Fürsten legte sich ein düsterer Schatten.

„Ich täte es wahrlich von Herzen gern, mein Freund! Aber ich werde meinen Pagen niemals wiedersehen! Schweigen wir von ihm! Es gibt Wunden, deren man sich nicht rühmen darf.“ --

Damit gingen sie auseinander.

Heideck, der wieder seine Zivilkleidung angelegt hatte, verbrachte die Nacht im Hotel und nahm dann den ihm von Mr. Kennedy angebotenen Platz in dessen Wagen ein. Er hatte in Erfahrung gebracht, daß die Eisenbahn zwischen Lahore und Mooltan von der Station Montgomery aus fahrbar wäre. Mit der ihnen eigenen Zähigkeit setzten die Engländer in dem von dem Kriege nicht berührten Teile Indiens den regelmäßigen Eisenbahnbetrieb fort. War doch bei der ungeheuren Größe des Landes der Kampf der beiden Armeen in gewisser Hinsicht ein eng begrenzter. Im Westen Indiens, im Zentrum wie im Osten war vom Kriege kaum etwas wahrzunehmen. Nur die Truppentransporte auf den Bahnlinien zwischen Bombay und Kalkutta verrieten den Kriegszustand.

Die Eisenbahn im Westen sah keine Truppen mehr, seitdem die englische Armee von Lahore zurückgegangen war, und diese Strecke war deshalb für den gewöhnlichen Verkehr wieder vollständig freigegeben.

Auch bei der indischen Bevölkerung dieser Gegend war durchaus nichts von einer besonderen Erregung wahrzunehmen. Nur die unmittelbare Gegenwart der russischen Truppen hatte das geduldige und friedfertige Volk in Aufruhr versetzt. Selbst durch Chanidigot fuhren die Reisenden ohne eine Störung des Betriebes oder einen unerwarteten Aufenthalt.

Das Wetter war nicht zu heiß, da die Zeit der Gewitter begonnen hatte, und das Reisen in den höchst bequemen, geräumigen Eisenbahnwagen wäre unter anderen Verhältnissen ein wahres Vergnügen gewesen.

Wohlbehalten langten die Reisenden in Carachi, dem Hafenplatz an den vielverzweigten Mündungen des Indus, an, und Mr. Kennedys hohe Stellung verschaffte ihnen Aufnahme in dem vornehmen Sind-Klub, wo Verpflegung und Wohnung nicht das geringste zu wünschen übrig ließen. Der Klub war von seinen regelmäßigen Besuchern fast ganz verlassen, da außer den Offizieren auch alle irgend entbehrlichen Beamten zur Armee abgegangen waren. Der Familie Kennedy aber stand ebensowenig wie Edith und Heideck der Sinn nach interessanter Gesellschaft. Sie alle hatten jetzt keinen anderen Wunsch mehr, als den, das Land so schnell als möglich zu verlassen und den gegenwärtigen, peinlichen Zustand beendet zu sehen. Auf Grund der bei der Schiffsagentur eingezogenen Erkundigungen hatten sie beschlossen, mit einem Dampfer der British-India-Gesellschaft nach Bombay zu fahren und von dort mit der ‚Caledonia‘, dem besten Schiffe der Peninsular- und Oriental-Linie, nach Europa zu reisen.

Am Nachmittag vor der Einschiffung mietete Heideck einen bequemen kleinen Einspänner und fuhr mit Edith zur Napier-Mole, wo man ihnen im Bootshause des Sind-Klub bereitwillig ein mit vier Laskaris bemanntes, elegantes Segelboot zur Verfügung stellte. Mit ihm fuhren sie in dem durch drei mächtige Forts geschützten Hafen bis über Manora Point, die äußerste Spitze der befestigten Mole, in die arabische See hinaus ....

„Wahrlich, es ist schwer, dies wunderbare Land zu verlassen,“ sagte Heideck ernst. „Es ist schwer, für immer Abschied zu nehmen von dieser strahlenden Sonne, diesem Glanz des Meeres, diesen mächtigen Werken der Menschenhand, die in ein natürliches Paradies den Luxus und das Behagen einer raffinierten Kultur gebracht haben. Nie habe ich den Schmerz des Mr. Kennedy besser verstanden, als in diesem Augenblick! Und ich kann ihm die Bitterkeit nachfühlen, mit der er sich in seinem Zimmer verschließt, um nichts mehr von all dieser lockenden und prangenden Herrlichkeit zu sehen.“

Edith hatte sich in seinen Arm geschmiegt, und indem sie ihren Blick liebevoll zu ihm aufschlug, hatte sie keine andere Erwiderung als die:

„Ich sehe die Welt nur, wie sie sich in deinen Augen spiegelt. Und da ist sie für mich immer von derselben Schönheit.“

XXII.

Das von Carachi nach Bombay gehende Dampfschiff hatte gegen zwanzig Offiziere und eine größere Anzahl von Unteroffizieren und Mannschaften an Bord, die in den ersten Kämpfen an der Grenze verwundet worden waren. Ihr Anblick war nicht danach angetan, die düstere Stimmung der englischen Reisenden zu verbessern, trotzdem diese drei Tage lang bei herrlichstem Wetter in der strahlend blauen See an der mit Naturschönheiten so überreich ausgestatteten indischen Westküste dahinfuhren.

Der Hafen von Bombay, einer der schönsten der Welt, bot denjenigen, die ihn von früheren Besuchen her kannten, einen seltsam veränderten Anblick. Die sonst stets in beträchtlicher Anzahl hier vor Anker liegenden französischen, deutschen und russischen Handelsschiffe fehlten vollständig, und außer englischen Dampfern waren nur einige wenige italienische und österreichische Fahrzeuge auf der Reede.

Der Dampfer von Carachi warf unweit des österreichischen Lloyddampfers ‚Imperatrix‘, der von Triest gekommen war, die Anker aus, und mittels kleiner Schiffe wurden die Passagiere nach dem Landungsplatze von Apollo Bandar gebracht.

Zugleich mit seinen neuen englischen Freunden stieg Heideck im Esplanade-Hotel ab. Das vortrefflich geleitete Haus war ihm wohlbekannt, denn er hatte bei seiner Ankunft in Indien einige Tage hier gewohnt. Aber die Physiognomie des Hotels hatte sich inzwischen ebenso vollständig geändert, wie die des europäischen Viertels von Bombay, aus welchem alles Leben verschwunden schien. Das verheerende Auftreten der Pest mochte daran einen nicht geringen Anteil haben, in der Hauptsache aber war es natürlich der Krieg, der sich in dem Fehlen zahlreicher sonst am meisten in die Augen fallender Elemente bemerklich machte.

Sonst ein Sammelpunkt der eleganten Gesellschaft, beherbergte das Haus jetzt fast nur Militärs, die wenigen anwesenden Damen aber erschienen nur in Trauer-Toiletten, und die gemeinsamen Mahlzeiten pflegten unter gedrücktem Schweigen zu verlaufen.

Mr. Kennedy, der sich unmittelbar nach der Ankunft in Heidecks Interesse zum Gouverneur begeben hatte, war mit guten Nachrichten zurückgekehrt. Er hatte dem jungen Deutschen die Erlaubnis ausgewirkt, Indien auf der ‚Caledonia‘ zu verlassen, die in zwei Tagen mit einer größeren Anzahl verwundeter und kranker Offiziere abgehen sollte. Die Route des Dampfers ging wie gewöhnlich über Aden und Port Said. In Brindisi sollten diejenigen Passagiere abgesetzt werden, die mit der Eisenbahn weiter reisen wollten, während der Bestimmungshafen der ‚Caledonia‘ Southampton war.

„Wir werden also bis Brindisi das Vergnügen Ihrer Gesellschaft haben,“ sagte Mr. Kennedy gegen Heideck gewendet. Dieser hatte durch eine Verbeugung zu erkennen gegeben, daß der alte Herr seine Absichten vollkommen richtig beurteilte.

Ueber Ediths Gesicht freilich war es wie ein Ausdruck heftigen Erschreckens gegangen, als der Widerspruch, den sie mit Sicherheit erwartet haben mochte, nicht erfolgt war. Sie hatte sich erhoben, um auf ihr Zimmer zu gehen, aber im Vorüberstreifen hatte sie Gelegenheit gefunden, dem Geliebten zuzuflüstern:

„Heute Abend auf dem Balkon! Ich muß dich sprechen.“

Nach dem Diner saßen Heideck und Mr. Kennedy rauchend auf der Terrasse vor dem Speisesaal des Hotels. Ein lauer Seewind rauschte in den Banianen, die ihr dichtes, glänzendes Laubdach unmittelbar vor ihnen wölbten. Noch einmal sprach Heideck dem alten Herrn herzlichen Dank für seine liebenswürdigen Bemühungen aus.

„Ich habe damit doch nur in sehr bescheidenem Maße vergolten, was Sie für uns getan,“ erwiderte Mr. Kennedy. „Uebrigens hatte es gar keine Schwierigkeiten. Ich habe dem Gouverneur gesagt, daß Sie ein Deutscher und ein Freund meiner Familie seien, der einer englischen Dame und mir selbst die wertvollsten Dienste erwiesen habe. Ihren militärischen Charakter aber glaubte ich allerdings mit gutem Gewissen verschweigen zu dürfen, denn aus ihm hätten sich doch leicht allerlei Schwierigkeiten ergeben können. Ich für meine Person mache mir bei allem Patriotismus keinen allzu großen Vorwurf aus diesem Verschweigen. Denn welche militärischen Geheimnisse könnten Sie in Berlin verraten? Unsere Mißerfolge liegen vor aller Augen klar erkennbar da. Und alle Zeitungen sind mit Nachrichten und Vermutungen angefüllt.“

„Allerdings. Der eigentliche Zweck meiner Reise ist durch die Ereignisse überholt und gegenstandslos geworden.“

„Dieser Zweck war -- um es ohne Beschönigung zu sagen -- Spionage. Nicht wahr, Mr. Heideck?“

„Spionage in demselben Sinne, wie die Entsendung von Botschaftern, bevollmächtigten Ministern und Militär- oder Marine-Attachés Spionage ist,“ entgegnete Heideck sichtlich verdrossen.

„O, ich finde da doch einen kleinen Unterschied. Alle diese Herren nennen von vornherein ihren Namen wie ihr Amt, und sie werden in ihrer diplomatischen Eigenschaft ausdrücklich beglaubigt.“

„Es liegt mir fern, Mr. Kennedy, mich Ihnen gegenüber zu rechtfertigen, denn ich habe nicht den geringsten Anlaß, mich meiner Mission zu schämen. Jede Armeeleitung muß über die militärischen Zustände der anderen Mächte unterrichtet sein, auch wenn kein bestimmter Krieg erwartet oder geplant wird. Um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein, muß man die Kräfte und Hülfsquellen der anderen Mächte kennen, gleichviel, ob sie im Kriegsfalle als Gegner oder als Bundesgenossen in Betracht kämen.“

Mr. Kennedy antwortete scheinbar erbittert:

„Es scheint fast, als ob wir Engländer diese Vorsicht gröblich vernachlässigt hätten. Die Russen würden uns schwerlich überrumpelt haben, wenn wir verstanden hätten, mit deutscher Klugheit zu rechnen.“

„Nun, ich glaube kaum, daß man von englischer Seite wesentlich anders verfahren ist als von der unsrigen. Ihre Regierung dürfte ebenso wie die deutsche überallhin Offiziere entsandt haben, um sich zu unterrichten. Wie der Generalstab in Berlin Nachrichten über alle fremden Heere, Festungen und Grenzen sammelt, geschieht es ohne Zweifel auch in London. Es ist das übrigens ein rein theoretisches Verfahren, ebenso wie die Aufstellung von Kriegsplänen für alle Fälle. In Wirklichkeit pflegt es dann immer wesentlich anders zu kommen. Der gegenwärtige Krieg liefert dafür ja den besten Beweis. Ich bin hierher entsandt worden, um die anglo-indische Armee und die russisch-indischen Grenzverhältnisse zu studieren, ohne daß wir einen nahe bevorstehenden Krieg ahnten und ohne daß wir etwa geplant hätten, Indien anzugreifen. Das Unsinnige einer solchen Idee läge ja auch auf der Hand. Wenn Sie mich übrigens für einen Spion halten, Mr. Kennedy, so bitte ich Sie dringend, keinerlei Rücksicht zu nehmen und dem Gouverneur meinen wahren Charakter zu nennen. Ich bin jederzeit bereit, mich vor den englischen Behörden zu verantworten.“

Mr. Kennedy streckte ihm seine Hand entgegen.

„Sie haben mich mißverstanden, mein lieber Mr. Heideck! Ihre persönliche Ehrenhaftigkeit ist für mich so hoch über jedem Zweifel erhaben, daß es mir nicht einen Augenblick in den Sinn kommen konnte, Sie auf eine Stufe zu stellen mit jenen Spionen, denen man den Prozeß macht, wenn man sie erwischt.“

In diesem Augenblick kam einer der weißgekleideten, barfüßigen Kellner gelaufen und schrie in den Saal hinein:

„Großer Sieg bei Delhi! Die russische Armee vollständig geschlagen!“

Und triumphierend schwenkte er ein bedrucktes Papier in seiner Rechten.

Mr. Kennedy fuhr in die Höhe, riß dem Burschen das Blatt aus der Hand und las die von der ‚Bombay-Gazette‘ ausgegebene Nachricht.

„Wahrhaftig, es ist so!“ rief er mit freudestrahlendem Gesicht. „Ein Sieg! Ein großer, entscheidender Sieg! Dem Himmel sei Dank -- das Kriegsglück hat sich gewendet.“

Er beschenkte den Ueberbringer der Freudenbotschaft mit einem Goldstück und eilte, den Damen die große Neuigkeit mitzuteilen. Heideck aber blieb nachdenklich zurück. Im Hotel wurde es bald lebhaft. Die Engländer liefen hin und her und riefen einander den Inhalt der Depesche zu. Allmählich machte sich auch in den Straßen eine wachsende Erregung bemerkbar. In dem sogenannten Fort, dem europäischen Teile von Bombay, wurden Fackeln angezündet und Freudenschüsse abgefeuert. Heideck nahm einen der vor dem Hotel haltenden Einspänner und befahl dem Kutscher durch die Stadt zu fahren. Hier konnte er wahrnehmen, daß der Jubel sich durchaus auf das Fort beschränkte. Sobald der Wagen die eigentliche Stadt erreichte, bot sich ihm das gewohnte Bild, das er schon von seinem ersten Aufenthalt her kannte und das ganz und gar nichts von dem Eintritt außerordentlicher Ereignisse erkennen oder vermuten ließ. In den engen Gassen herrschte trotz der vorgerückten Stunde ein geschäftiges Treiben. Alle Häuser waren erleuchtet und alle Türen geöffnet, so daß man in das Innere der primitiven Wohnungen blicken, die Handwerker bei ihrer Arbeit, die Händler bei ihren Geschäften und die Hausfrauen bei ihren oft sehr intimen häuslichen Verrichtungen beobachten konnte. Um den Krieg kümmerte man sich hier augenscheinlich ebenso wenig wie um die schreckliche Würgerin der indischen Bevölkerung, die Pest, und die Siegesdepesche, die doch ohne Zweifel auch in der Eingeborenenstadt bekannt geworden war, hatte offenbar nicht den geringsten Eindruck gemacht.

Gegen elf Uhr kehrte Heideck in das Hotel zurück, wo er die Familie Kennedy mit Edith noch in eifriger Unterhaltung auf der Terrasse antraf. Der alte Herr schien plötzlich um ein Jahrzehnt verjüngt.

„Natürlich werden wir jetzt nicht abreisen,“ erklärte er. „Sobald die Russen den Norden wieder geräumt haben, kehren wir nach Simla zurück.“

Heideck sagte nichts dazu, und als bereite ihm die so offen kundgegebene Herzensfreude der Engländer eine peinliche Empfindung, verabschiedete er sich sehr bald, um in sein Zimmer hinaufzugehen, das ebenso wie dasjenige Ediths im zweiten Stockwerk gelegen war.

Nach der Sitte des Landes hatten sämtliche Räume Türen nach dem breiten Balkon, der das ganze Stockwerk als Außengalerie umgab. Und da ihm ein Blick Ediths wiederholt hatte, daß er sie dort erwarten möge, trat Heideck auf diese Galerie hinaus. Seine Geduld wurde nicht allzu hart auf die Probe gestellt. Auch sie mußte bald Gelegenheit gefunden haben, sich aus der Gesellschaft der Kennedys loszumachen, denn früher noch als er gehofft hatte, sah er ihre weiße Gestalt auf sich zukommen.

„Ich danke dir, daß du mich erwartet hast,“ sagte sie, „aber wir können hier nicht bleiben, da wir keinen Augenblick vor Ueberraschung sicher wären. Laß uns lieber in mein Zimmer gehen.“

Heideck folgte ihr zögernd. Aber er wußte, daß Edith es als eine Beleidigung empfinden würde, wenn er gegen ihre Aufforderung ein Bedenken äußern würde, denn im felsenfesten Vertrauen auf seine ritterliche Ehrenhaftigkeit schien sie in der Tat keine Besorgnis zu kennen. Nur der schwache Schein des Mondes erfüllte das Gemach mit einer matten Helligkeit. Vom Turme der nahen Universität schlug es zwölf.

„Das Schicksal treibt ein sonderbares Spiel mit uns,“ sagte Edith, die sich in einen der kleinen Korbsessel niedergelassen hatte, während Heideck in der Nähe der Tür stehen geblieben war, „ich gestehe dir, daß ich seit dem Eintreffen der Siegesnachricht ein paar fürchterliche Stunden verlebt habe, denn die Kennedys haben ja auf diese Nachricht hin ihre Reiseabsichten aufgegeben, und sie scheinen es für ganz selbstverständlich zu halten, daß ich mit ihnen hier in Indien bleibe.“

„Und würdest du nicht in der Tat vorerst dazu gezwungen sein, liebste Edith?“

„Auch du also hast bereits mit dieser Möglichkeit gerechnet? Du würdest dich nicht besinnen, ohne mich zu reisen? Vielleicht sogar mit einem Gefühl der Erleichterung, von mir befreit zu sein?“

„Wie kannst du solche Gedanken aussprechen, Edith, an die du selbst doch wohl nimmermehr glauben kannst?“

„O, wer weiß! Du bist ehrgeizig, und wir armen Frauen sind niemals übler daran, als mit ehrgeizigen Männern.“

„Aber es ist wahrscheinlich überflüssig, daß wir uns jetzt mit der Erörterung solcher Möglichkeiten quälen. Ich habe bis jetzt noch nicht einen Augenblick an den Eintritt einer Aenderung in unseren Reisedispositionen geglaubt.“

„Das heißt, du zweifelst an der Zuverlässigkeit der Siegesnachricht?“

„Ehrlich gesprochen: ja. Ich habe den alten Herrn nicht kränken und ihm die kurze Freude nicht verderben wollen. Darum habe ich ihm gegenüber meinem Mißtrauen nicht Ausdruck gegeben. Aber die Depesche macht in Wahrheit einen sehr wenig glaubwürdigen Eindruck. Enthält sie doch nicht einmal eine genauere Angabe des Ortes, wo die Schlacht stattgefunden haben soll. Sie muß einem unbefangenen Beurteiler zum mindesten sehr verdächtig vorkommen.“

„Und wer sollte sich das traurige Vergnügen bereitet haben, die Welt für eine kurze Zeitspanne auf solche Art zu täuschen?“

„O, es gibt viele, die ein Interesse daran haben würden. Während jedes Krieges flattern hier und da solche falschen Nachrichten auf, ohne daß sich in den meisten Fällen feststellen läßt, woher sie kamen. Vielleicht ist es ein Börsenmanöver.“

„Du hältst es also für ganz unmöglich, daß wir die Russen besiegen können?“

„Nicht gerade für unmöglich, aber doch für sehr unwahrscheinlich. Wenigstens bei der augenblicklichen Kriegslage. Und dann ist es das Ausbleiben aller genaueren Nachrichten, das mich stutzig macht. Ein siegreicher Feldherr findet immer Zeit zur Mitteilung von Einzelheiten, mit denen der Besiegte gern auf sich warten läßt. Ich bin überzeugt, daß der hinkende Bote sehr bald nachkommen und hinsichtlich unserer Reisepläne alles beim Alten bleiben wird.“