Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman
Part 17
„Ich weiß es nicht, Sahib. Sie war sehr traurig, aber als ich sie bat, mich zu dem Sahib zu begleiten, sagte sie, daß sie ihn und die Lady nicht wiedersehen wolle; sie entbietet dem Sahib ihren Gruß und bittet ihn, seines Versprechens eingedenk zu bleiben, daß er dem Fürsten Tschadschawadse nichts von ihrem Hiersein verraten wolle.“
Heideck und Edith wechselten einen bedeutsamen Blick. Das Benehmen dieses seltsamen Mädchens gab ihnen Rätsel auf, die sie vorläufig nicht zu lösen vermochten. Aber es war natürlich und menschlich, daß sie über ihren eigenen Angelegenheiten die Cirkassierin sehr rasch vergaßen.
Edith mußte sich damit einverstanden erklären, daß Heideck ihr für den Rest der Nacht sein Zelt überließ, während er selbst die wenigen Stunden bis zum Tagesanbruch an einem der Biwakfeuer verbringen wollte. Morar Gopal aber sollte sein Lager vor dem Eingang des Zeltes aufschlagen, und Heideck war gewiß, daß er sein köstliches Kleinod keinem treueren Hüter anvertrauen konnte.
* * * * *
Das Schicksal, das die beiden Liebenden auf eine so wunderbare Weise wieder vereinigt hatte, zeigte sich ihnen auch weiter günstig. In aller Frühe des folgenden Tages hatte Heideck ohne große Schwierigkeit einen fertig gezäumten zierlichen Braunen für Edith erstanden, und als sich der Trupp der indischen Reiter, die den Russen als Führer und Kundschafter dienen sollten, in Bewegung setzte, gesellte sich der knabenhafte junge Radjah ihnen zu, ohne daß irgend jemand seine befremdliche Erscheinung zum Anlaß zudringlicher Fragen genommen hätte. Die Inder hielten ihn wahrscheinlich zunächst für einen blutjungen russischen Offizier, den besondere Gründe bestimmt hatten, die Tracht des Landes anzulegen, und bewahrten deshalb eine durchaus respektvolle Haltung. Fürst Tschadschawadse aber, den vor dem Aufbruch einmal der Zufall in Ediths unmittelbare Nähe geführt hatte, sagte kein Wort, obgleich er sie wohl eine Minute lang scharf ins Auge faßte.
Daß von seiten des Maharadjah von Chanidigot nichts geschah, um den schönen Flüchtling wieder in seine Gewalt zu bringen, erklärte sich leicht genug aus den schlechten Nachrichten über sein Befinden, die im Lager von Mund zu Mund gingen. Er wurde, wie es hieß, vom Wundfieber und von heftigen Schmerzen gepeinigt, so daß ihm wohl in der Tat jedes Interesse an der Außenwelt vergangen sein mochte. -- --
Das russische Detachement ging nach herzlicher Verabschiedung von den indischen Gastfreunden weiter in das Hügelland hinein, und schon am Nachmittage brachten ausgesandte Kundschafter dem Fürsten Tschadschawadse die Meldung, daß die Engländer Ambala vollständig geräumt und den Marsch nach Delhi angetreten hätten. Wahrscheinlich hatte man die Stärke der russischen Abteilung, von deren Anmarsch man gehört hatte, in Ambala weit überschätzt und es deshalb vorgezogen, einem voraussichtlich aussichtslosen Kampfe aus dem Wege zu gehen.
Edith wußte sich mit frauenhafter Gewandtheit in unauffälliger Weise in der Nähe Heidecks zu halten, so daß beide oft Gelegenheit fanden, miteinander zu plaudern. Ihre zarte, weiße Farbe mußte wohl auffallen unter den braunen Gesichtern, aber der Wille und die Launen russischer Offiziere mußten respektiert werden, und so schien niemand zu wissen, daß eine englische Dame im Kostüm eines Radjah bei der Truppe sei. Uebrigens dauerte der Marsch nicht mehr lange. Das Jagdlager war nur zweihundertfünfzig Kilometer von Simla entfernt, unterhalb des Ortes Kalka gelegen. Noch einmal wurde übernachtet, und am andern Morgen traf die Kolonne vor Simla ein und fand Jutogh, das hochgelegene britische Kantonnement westlich der weitausgedehnten Hügelstadt, von den Truppen geräumt.
Fürst Tschadschawadse legte seine Infanterie und Artillerie in die englischen Baracken und marschierte mit den Reitern in den halbmondförmigen, sogenannten Bazar ein, die eigentliche Stadt, die von zahlreichen, auf den Hügeln und in Gartenanlagen verstreuten Villen umgeben war. Er entsandte sogleich Offizierspatrouillen nach dem Stadthause, den Bureaus der Regierung und des Oberbefehlshabers und begab sich selbst zum Gouvernementshause, einem schönen Palast am Observatoriumshügel.
Simla war trotz des Frühlings wie im Winterschlaf, verlassen von der bewegten glänzenden Gesellschaft, die zur Sommerzeit, wenn die unerträgliche feuchte Wärme den Vizekönig von Kalkutta vertrieb, die prächtigen Täler und Höhen mit ihren Pferden und Wagen, mit ihren Spielen, Gesellschaften und eleganten Toiletten belebte. Nur Dienerschaft zur Bewachung und Instandhaltung der Gebäude und die angesessene Bevölkerung waren anwesend, weil der Krieg die englische Gesellschaft fern hielt. Etwa 2500 Meter über dem Spiegel des indischen Ozeans steigen die Hügel an und häufige Regenschauer machten das Klima hier oben so rauh, daß Heideck im Mantel ritt und auch Edith vorgezogen hatte, sich einen Dragonermantel umzuhängen, um sich gegen die Kälte zu schützen.
Die Offiziere hatten den Auftrag, in den Regierungsgebäuden nach wichtigen Aktenstücken und sonstigen Papieren zu suchen, die von der englischen Regierung in Simla zurückgelassen sein konnten und die für die russische Regierung von Wichtigkeit waren.
Heideck sollte die in sieben eleganten Blocks befindlichen Bureaus der Regierung durchsuchen, vor allem aber die für den Oberbefehlshaber, den Generalquartiermeister und die Generaldirektion der Eisenbahn, Posten und Telegraphen bestimmten Gebäude.
Er stieß überall nur auf untergeordnete Beamte, aber zuletzt im Bureau des Judge Advocate General fand er einen bejahrten, würdevollen Herrn, der so ruhig in seinem Lehnsessel saß, daß Heideck unwillkürlich an Archimedes erinnert wurde, als ihn die römischen Krieger bei seinen Berechnungen überraschten.
Der alte Herr richtete aus seinen großen, gelblich gefärbten Augen einen durchdringenden Blick auf den eintretenden Offizier und die ihm folgenden Soldaten. Aber er fragte nicht, was sie wollten, und machte nicht einmal eine ablehnende Bewegung. Heideck bat unter höflicher Verbeugung um Entschuldigung wegen seines ihm dienstlich vorgeschriebenen Verhaltens. Dies artige Benehmen schien den alten Herrn zu überraschen, er erwiderte den Gruß und sagte, es bliebe ihm ja nichts übrig, als sich allen Maßregeln zu unterwerfen, die von der Macht des Siegers verhängt würden.
„Da hier in diesen Räumen wohl nur juristische Bücher und Akten zu finden sind,“ sagte Heideck, „so brauche ich keine Nachforschungen anzustellen, denn es ist uns lediglich um militärische Dinge zu tun. Es würde mich freuen, wenn ich persönliche Wünsche Ihrerseits erfüllen könnte, denn ich glaube nicht zu irren, wenn ich annehme, daß ich die Ehre habe, einen höheren Beamten vor mir zu sehen, den besondere Gründe veranlaßt haben, hier in Simla znrückzubleiben.“
„In der Tat,“ entgegnete jener, „meine Aerzte waren der Meinung, daß es meiner Gesundheit zuträglich sein würde, den Winter im Gebirge zuzubringen. Sie können sich denken, wie sehr ich es bereue, dem ärztlichen Rate gefolgt zu sein. Ich bin der Judge Advocate General Kennedy.“
„Ist Ihre Familie auch in Simla?“ fragte Heideck.
„Meine Frau und meine Tochter sind hier.“
„Mein Herr, es ist eine englische Dame bei unserer Kolonne, die Witwe eines Offiziers, der bei Lahore den Tod gefunden hat. Wären Sie geneigt, die Dame in Ihrer Familie aufzunehmen?“
„Eine englische Dame?“
„Sie ist das Opfer einer ganzen Kette abenteuerlicher Ereignisse, über die am besten sie selbst Ihnen berichten könnte. Sie heißt Mrs. Irwin. Wären Sie geneigt, der Dame Ihren Schutz angedeihen zu lassen, so würde ich ihr damit gewiß eine willkommene Freudenbotschaft überbringen.“
„Meinen Schutz?“ fragte der alte Herr verwundert. „Meine Familie und ich bedürfen selbst des Schutzes, und wie können wir unter den gegenwärtigen Verhältnissen eine solche Verantwortung übernehmen?“
„Sie und Ihre Familie haben von uns nichts zu fürchten, mein Herr. Wir gedenken im Gegenteil für Ruhe und Ordnung zu sorgen.“
„Nun, mein Herr, Ihr Benehmen verrät den Gentleman, und wenn die Dame zu uns kommen will, so steht dem von unserer Seite nichts entgegen. Kann ich mit ihr sprechen, damit wir uns verständigen?“
„Ich werde mich beeilen, sie zu holen.“
Er zögerte in der Tat keinen Augenblick. Und wie er es erwartet hatte, wußte ihm Edith lebhaften Dank für seinen freundschaftlichen Vorschlag.
Mr. Kennedy war höchst erstaunt, einen jungen Radjah eintreten zu sehen, und schien durch diese Maskerade nicht gerade angenehm berührt zu sein.
„Dies ist die Dame, von der Sie sprachen?“ fragte er befremdet. Aber sein ernstes Antlitz hellte sich merklich auf, als Edith mit ihrer schönen, weichen Stimme sagte:
„Eine Landsmännin, die diesem Herrn hier ihr Leben dankt, und die nur mit Hilfe dieser Verkleidung vor Schmach und Tod bewahrt geblieben ist.“
„Mrs. Irwin, wenn Sie sich entschließen, zu Mrs. Kennedy zu gehen,“ sagte Heideck, „so werde ich Ihr Gepäck in Mr. Kennedys Wohnung schaffen lassen. Ich entferne mich jetzt, um noch andere dienstliche Obliegenheiten zu erfüllen und werde später wiederkommen.“
„Auf jeden Fall nehme ich meine Landsmännin gern bei mir auf,“ versicherte der alte Herr. „Hier vom Fenster aus sehen Sie das Haus, das ich bewohne, und ich bitte Sie, mich zu besuchen, wenn Ihr Dienst beendigt sein wird.“
Erst als die Sonne sank, kam Heideck dazu, seinen Besuch bei Mr. Kennedy zu machen. Er stand einen Augenblick am Gartentor und sah die schneebedeckten Höhen im Feuer des Abendrots glühen. Lange Reihen von blauen Bergen türmten sich auf, höher und immer höher nach Norden hin, bis zuletzt die höchste Kette am fernen Horizont, von ewigen Gletschern umstarrt, in wunderbarem Glanze zum Himmel aufstieg.
Mr. Kennedy bewohnte eine sehr stattliche Villa. Heideck wurde von dem Hausherrn und den Damen so überaus freundlich empfangen, daß er Ediths warme Fürsprache nur zu deutlich herausfühlen mußte. Edith mußte wohl auch erzählt haben, daß er ein Deutscher sei. Sie war wieder in Frauentracht und hatte durch ihr offenes Wesen bereits alle Herzen gewonnen. Mrs. Kennedy war eine Matrone mit feinen, angenehmen Gesichtszügen und dem Benehmen einer Dame der großen Welt. Die mit Edith etwa gleichaltrige Tochter aber schien sich besonders innig an Edith angeschlossen zu haben.
Heideck saß mit der Familie am Kaminfeuer, und man bemühte sich, zu vergessen, daß er die Uniform des Feindes trug.
„Wenn wir es nur einrichten könnten,“ sagte Mrs. Kennedy, „Indien zu verlassen und nach England zurückzukehren. Mr. Kennedy wünscht in Kalkutta zu bleiben, um seiner Pflicht nachzukommen, aber er kann das Klima seines Leidens wegen nicht vertragen. Und wie könnten wir auch nach Kalkutta gelangen? Die einzige Möglichkeit wäre doch, ein russisches Dokument zu bekommen, das uns ungehinderte Reise verschafft.“
„O liebste Beatrice,“ widersprach ihr Mann, „ich weiß ja, daß du ebenso gut wie ich nicht an unser eigenes Schicksal denkst, jetzt, wo ein solches Unglück über unser Vaterland hereingebrochen ist. Was ist in diesem allgemeinen Unglück an unserm Geschick gelegen?“
„Ich sollte meinen,“ mischte sich Heideck höflich ein, „daß der Einzelne, selbst wenn er das Unglück der Allgemeinheit auch noch so schmerzlich empfindet, sich doch nicht zur Verzweiflung hinreißen lassen darf, sondern immer darauf bedacht sein muß, wie in ruhiger Zeit für sich und seine Familie zu sorgen.“
„Nein!“ rief Mr. Kennedy. „Diese internationale Weisheit kann ein Engländer nicht verstehen. Der Deutsche hat einen anderen Charakter, er wechselt leichter sein Vaterland, der Engländer nicht. Doch ich bitte um Entschuldigung,“ fuhr er sich besinnend fort. „Sie verletzten meine nationale Ehre, und ich vergaß die Situation in der wir uns befinden. Ich wollte Sie selbstverständlich nicht beleidigen.“
„Es ist etwas Wahres an dem, was Sie sagten,“ entgegnete Heideck ernst, „aber erlauben Sie mir eine Erklärung. Unser deutsches Vaterland ist in früheren Jahrhunderten immer der Schauplatz der Schlachten aller Völker Europas gewesen. Die meisten deutschen Fürsten kannten in jener Zeit kein deutsches Nationalgefühl und vertraten engherzige dynastische Interessen. So wuchs unser deutscher Volksstamm ohne das Bewußtsein eines großen gemeinsamen Vaterlandes heran. Unser deutsches Selbstgefühl ist nicht älter als Bismarck. Aber dadurch, daß wir fremde Völker und Sitten haben über uns ergehen lassen müssen, sind wir weitherzig und großzügig geworden. Unser religiöses Empfinden und unser Patriotismus umschließen einen weitern Kreis, als bei andern Völkern. Deshalb glaube ich, daß wir jetzt, da wir uns nun seit einem Menschenalter auch auf unsere materielle Kraft besinnen und uns politisch zusammengeschlossen haben, vermöge unserer universellen Bildung zur Weiterentwicklung der Kultur berufen sind, die den Engländern und Franzosen bis jetzt am meisten verdankte.“
Der alte Herr antwortete nicht sogleich. Er saß in Gedanken verloren da, und erst nach einer geraumen Weile sagte er:
„Man kann ja, wenn man will, den Standpunkt seiner Betrachtung immer höher schrauben. Es ist, wie wenn man die Berge dort hinaufsteigt. Von jeder höheren Bergkette aus wird der Rundblick umfassender, während die Einzelheiten des Panoramas immer mehr verschwinden. Natürlich, wenn man von einem so hohen Standpunkt herabsieht, schrumpfen alle politischen Interessen zu bedeutungslosen Nichtigkeiten zusammen, und dann gibt es keinen Patriotismus mehr. Aber ich meine, daß wir zunächst in dem Kreise zu wirken verpflichtet sind, in den wir nun einmal gestellt sind. Ein Mann, der seine Frau und seine Kinder vernachlässigt und mit seinen Ideen die Welt beglücken will, vernachlässigt den engsten Kreis seiner Pflichten. Sodann aber muß einem jeden Manne die Wohlfahrt des eigenen Volkes, des eigenen Staates das höchste Ziel seiner Bestrebungen sein, dann erst darf er, von der eigenen Nation ausgehend, seine Wünsche noch höher richten. Ich kann niemand achten, der sich vom Boden des Patriotismus entfernt, um auf politischem Gebiete Phantastereien zu treiben, für Weltfrieden zu schwärmen und alle Menschen Brüder zu nennen.“
„Und doch,“ sagte Edith, „ist dies die Lehre des Christentums.“
„Des theoretischen, nicht des praktischen,“ widersprach eifrig der Engländer. „Ich achte den alten Römer Cato, der sich das Leben nahm, als er die Freiheit des Vaterlandes schwinden sah. Und niemals wäre England groß geworden, wenn es nicht viele solcher Catone geboren hätte.“
„Mr. Kennedy, Sie proklamieren die Staatsidee der alten Griechen,“ sagte Heideck. „Aber ich glaube nicht, daß die alten Griechen wirklich den Staat so aufgefaßt haben, wie die modernen Professoren behaupten, und wie das alte Rom sie praktisch ausgeführt hat. Die Professoren pflegen Platon anzuführen, aber Platon war ein zu hoher Geist, um nicht einzusehen, daß der Staat doch aus lauter Menschen besteht. Platon betrachtete den Staat nicht als ein Götzenbild, auf dessen Altar der Bürger sich opfern müßte, sondern als eine Erziehungsanstalt. Er sagt, daß wirklich tugendhafte Bürger nur durch einen vernünftig eingerichteten Staat erzogen werden könnten, und deshalb sprach er so viel von der Bedeutung des Staates. Ein Staat ist ursprünglich nur die äußere Form, die sich das innere Leben der Nation auf natürliche Weise selbst geschaffen hat, und an dieser Auffassung sollte nicht gerüttelt werden. Der Staat soll die Massen erziehen, nicht nur zur Verwirklichung des Rechts, sondern auch des äußeren und inneren Wohls. Die Römer freilich scheinen nicht die Erziehung der tüchtigen Persönlichkeit nach Platons Idee zum Zweck des Staates gemacht zu haben, sondern sie waren modern wie die heutigen Großmächte, die das Ziel verfolgen, möglichst reich und mächtig zu werden. Wir Deutschen wollen das ja auch und führen deshalb jetzt Krieg, aber ich behaupte, daß dem deutschen Nationalcharakter doch etwas höheres innewohnt; es ist die Idee der Humanität! Mit unserer Nation gehen auch unsere Ideale zu Grunde, und darum kämpfen wir für unsere Machtstellung, um mit unserer nationalen Größe auch unsere Ideale zu schützen und zu sichern.“
Ein Diener trat ein und meldete, daß das Essen angerichtet wäre.
Das Gespräch verließ bei Tisch die Gebiete der Philosophie und Politik und wandte sich der Kunst zu. Die Damen bestrebten sich, den alten Herrn von seinen finstern Gedanken abzulenken und seine verzweifelte Stimmung zu heben. Elisabeth erzählte von den Konzerten, die in Simla und Kalkutta gegeben würden, und erwähnte dabei der großen technischen Schwierigkeiten, die das Musizieren in Indien böte, weil durch den Einfluß des Klimas die Instrumente so leicht verdürben. In der feuchten Luft der Seestädte quoll das Holz, im trockenen Mittelindien dagegen vertrocknete es, was namentlich den Violinen und Celli schadete, aber auch den Klavieren nachteilig wäre. Man konstruierte für die Tropen Klaviere, die nur Metall im Innern anstatt des Holzes hätten, aber diese hätten einen scharfen Klang und litten ebenfalls durch schroffen Temperaturwechsel.
Nach dem Diner setzte sich Elisabeth an den Flügel, und Heideck berührte es wohltuend, daß Edith eine so angenehme Altstimme und eine so gute Schulung hatte. Sie sang einige schwermütige englische und schottische Lieder.
„Seitdem ich England verlassen habe, habe ich nicht mehr gesungen,“ sagte sie bewegt.
Heideck hatte mit Entzücken der Musik gelauscht. Nach den schrecklichen Szenen der letzten Zeit gingen ihm die Melodieen um so tiefer zu Herzen, so daß seine Augen sich mit Tränen füllten. Und nicht die Musik allein war es, die ihn rührte, es war Ediths Seele, die durch die Macht der Musik zu ihm sprach.
„Was gedenken Sie zu tun, Mr. Kennedy?“ fragte er den alten Herrn. „Werden Sie in Simla bleiben und Mrs. Irwin bei sich behalten?“
„Ich habe es mir überlegt,“ entgegnete jener. „Ich werde nicht hier bleiben. Ich werde nach Kalkutta reisen, wenn ich kann. Es ist meine Pflicht, in Kalkutta auf meinem Posten zu sein.“
„Aber wie wollen Sie reisen? Wo die Eisenbahnen noch vorhanden sind, da sind sie von der Armee ausschließlich in Anspruch genommen. Bedenken Sie, daß Sie beide Armeen, die russische und die englische, passieren müßten. Sie müßten von Kalka nach Ambala, von dort über Delhi.“
„Wenn ich einen Passierschein bekäme, würde ich mit Wagen und Pferden nach Delhi reisen, und dort bin ich bei der englischen Armee. Können Sie mir einen Passierschein verschaffen?“
„Ich werde es versuchen. Möglicherweise läßt sich Fürst Tschadschawadse dazu bewegen. Ich werde ihn darauf aufmerksam machen, daß Sie Zivilbeamter sind.“
* * * * *
Fürst Tschadschawadse weigerte sich mit aller Entschiedenheit, den von Heideck für Mr. Kennedy und seine Familie erbetenen Passierschein auszustellen.
„Es tut mir leid, Herr Kamerad,“ sagte er, „aber es ist einfach unmöglich. Der Judge Advocate General ist ein sehr hoher Beamter, dem ich nicht gestatten kann, sich nach seinem Gefallen in das englische Hauptquartier zu begeben und dort Bericht über die hiesigen Vorgänge zu erstatten. Man würde mir eine so unangebrachte Liebenswürdigkeit höhern Ortes mit Recht sehr übel auslegen. Und ich möchte den guten Eindruck, den das Gelingen der Expedition nach Simla bei meinen Vorgesetzten gemacht hat, nicht gern durch eine unverzeihliche Torheit wieder verwischen.“
Heideck sah ein, daß gegen eine solche Entscheidung mit Zureden nichts auszurichten sein würde, und setzte Mr. Kennedy unter der Versicherung aufrichtigen Bedauerns von der Ergebnislosigkeit seiner Bemühungen in Kenntnis.
„So werde ich denn in Gottes Namen versuchen nach England zurückzukehren,“ sagte der alte Herr mit einem schmerzlichen Seufzer. „Fragen Sie bitte den Fürsten, ob er etwas dagegen hat, daß ich abreise und mich auf dem kürzesten Wege nach Carachi begebe? Vielleicht wird er mir wenigstens für diese Route einen Passierschein ausstellen.“
Dazu war Fürst Tschadschawadse sofort bereit.
„Im Rücken der russischen Armee mögen die Herrschaften meinetwegen reisen, wohin sie wollen,“ erklärte er. „Ich habe nicht den geringsten Anlaß den würdigen alten Herrn als einen Gefangenen zu behandeln.“
An demselben Tage noch hatte Heideck mit Edith eine ernste Unterhaltung über die Gestaltung ihrer nächsten Zukunft. Er fragte sie nach ihren Wünschen und Plänen; sie aber schmiegte sich zärtlich an seine Schulter und flüsterte:
„Ich habe keinen Wunsch als bei dir zu bleiben und keinen anderen Plan als dich glücklich zu machen.“
Er küßte die weichen Lippen, die so beseligende Worte zu sprechen wußten und sagte bewegt:
„Nun wohl, so schlage ich vor, daß wir zusammen nach Carachi reisen. Ich bin entschlossen den russischen Dienst zu verlassen und die Rückkehr nach Deutschland zu versuchen. Du aber, mein Lieb, würdest du es über dich gewinnen können, mir in mein Vaterland, das Land deiner jetzigen Feinde, zu folgen?“
„Meine Heimat ist bei dir. Sage, daß wir hier in Simla ein Heim gründen wollen, und ich bin mit Freuden bereit, bis an das Ende meiner Tage hier zu leben. Führe mich nach Deutschland oder nach Sibirien, und ich folge dir -- mir gilt alles gleich, wenn ich nur dich nicht verlassen muß.“
Daß sie so gar kein Wort der Anhänglichkeit an ihr Vaterland hatte, mochte Heideck für einen Moment peinlich berühren; aber er hatte ja bereits gelernt, sie mit anderem Maße zu messen als die Frauen, denen er bisher auf seinem Lebenswege begegnet war; und ihm am wenigsten kam es zu, ihr aus diesem Mangel an Patriotismus einen Vorwurf zu machen.
„Mr. Kennedy hat sich mir gegenüber bereit erklärt, dich auf der Reise unter seinen Schutz zu nehmen,“ sagte er. „So werde ich denn noch heute mit dem Fürsten sprechen. Und da er kein Recht hat mich zu halten, wird es mir, wie ich zuversichtlich hoffe, möglich sein, zugleich mit euch nach Carachi aufzubrechen.“
„Ich aber werde nur in deiner Begleitung das Anerbieten der Kennedys annehmen,“ erklärte Edith mit einer Bestimmtheit, die keinen Zweifel darüber zuließ, wie unerschütterlich ihre Entschlüsse seien.
Aber Fürst Tschadschawadse bereitete ihm in der Tat keine Schwierigkeiten.
„Ich bedaure aufrichtig, Sie schon so bald wieder zu verlieren,“ erklärte er, „aber die Entscheidung darüber, ob Sie bleiben oder gehen wollen, liegt einzig bei Ihnen, denn es war ja von vornherein ausgemacht, daß Sie den russischen Dienst quittieren könnten, sobald es die Umstände für Sie wünschenswert machten. -- Die Frauen sind ja nun einmal die Schicksale unseres Lebens.“
Der Fürst wußte natürlich längst, daß es Edith Irwin war, die sich im Hause der Kennedys befand, aber es geschah zum ersten Mal, daß er der Herzensangelegenheit seines deutschen Freundes Erwähnung tat.
Und hastig, als müsse er sich gegen einen beschämenden Vorwurf verteidigen, erwiderte Heideck:
„Sie mißverstehen meine Beweggründe! Vor allem ist es meine soldatische Pflicht, die mich ruft. Bis jetzt gab es keine Aussicht für mich, Passage auf einem englischen Dampfer zu erhalten. In der Begleitung des Mr. Kennedy aber und auf seine Empfehlung hin wird man mir, wie ich hoffen darf, die Ueberfahrt nicht verweigern.“