Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman

Part 15

Chapter 153,506 wordsPublic domain

„Dann werde ich den Gedanken an diesen Reiseweg überhaupt aufgeben müssen. Wenn ich mich nicht geradezu gefälschter Legitimationspapiere bedienen will, die überdies kaum zu erlangen sein dürften, wird mich kein englischer Dampfer als Passagier aufnehmen.“

„Das ist allerdings sehr wahrscheinlich,“ stimmte der Fürst nach einigem Nachdenken zu. „Und dann -- wie sollten Sie nach Bombay gelangen? Die Engländer zerstören auf ihrem Rückzuge ja alle Eisenbahnen.“

„Nun, was das betrifft -- ich könnte ja zu Pferde reisen.“

„Mitten durch die englische Armee hindurch? Und auf die Gefahr hin, als Spion aufgegriffen zu werden? Wissen Sie nicht, daß die Besiegten mit dem Füsilieren vermeintlicher Spione gewöhnlich noch schneller bei der Hand sind als die Sieger?“

Heideck mußte lächeln.

„In dieser Beziehung dürfte die Promptheit des russischen Verfahrens doch kaum zu übertreffen sein. Aber ich gebe zu, daß Ihre Bedenken sehr berechtigt sind. Danach verbliebe mir also nur noch der Weg nach Norden.“

„Ja, Sie müßten mit einem leerfahrenden Zuge oder mit einem Transport englischer Gefangener bis zum Kaiberpaß fahren, dann zu Pferd durch Afghanistan bis an die Grenze, und von dort wiederum mit der Bahn bis Krasnowodsk reisen. Weiter würde die Route über das Kaspische Meer nach Baku oder mit der Eisenbahn über Tiflis nach Poti am Schwarzen Meer und dann zu Schiff nach Konstantinopel gehen. Aber, mein lieber Kamerad, das ist eine sehr lange, beschwerliche Reise.“

„Ich muß es dennoch versuchen. Es handelt sich um ein Gebot der Ehre, und Sie sagen ja selbst, daß es keinen anderen Weg als den von Ihnen bezeichneten gibt.“

„Gut! -- So werde ich für einen Paß sorgen und von dem General eine Vollmacht für Sie erbitten, die Sie in den Stand setzt, auf unserer Etappenstraße durch Afghanistan jederzeit Kosaken zu Ihrer Begleitung zu erhalten. -- Aber --“ und das Aufleuchten in seinem Gesicht verriet, daß ihm eine nach seinem Dafürhalten sehr glückliche Idee gekommen sei -- „ließe sich nicht doch vielleicht ein Ausweg finden, der Ihnen all' diese ungeheuren Strapazen erspart? Die Deutschen und Russen sind Alliierte. Auch in den Reihen unserer Armee würden Sie Ihrem Vaterlande dienen. Und ein Offizier, der Indien so gut kennt, wie Sie, wäre für uns in diesem Augenblicke von großem Wert. Wenn Sie wollen, spreche ich noch in dieser Stunde mit dem General. Und ich bin gewiß, daß er keinen Augenblick zögern wird, Sie mit dem Range, den Sie in der deutschen Armee bekleiden, seinem Stabe zu attachieren.“

Gerührt schüttelte Heideck dem Freunde die Hand.

„Sie machen es mir schwer, Ihnen nach Verdienst zu danken. Ohne Ihr Eingreifen hätte mein Dasein einen sehr ruhmlosen Abschluß gefunden, und was Sie mir da vorschlagen, ist mir ein neuer Beweis Ihrer liebenswürdigen Teilnahme an meinem Geschick. Aber Sie zürnen mir nicht, wenn ich ablehne -- nicht wahr? Gewiß würde es mir eine Ehre sein, in Ihrer ausgezeichneten Armee zu dienen. Aber Sie sehen ein, daß ich nicht nach Belieben über mich verfügen darf, sondern als Soldat auf meinen Posten zurückkehren muß, gleichviel, welche Schwierigkeiten dabei zu überwinden sind. Ich bitte Sie -- -- aber, mein Gott, was ist denn das? Können in diesem Lande der Wunder selbst die Toten wieder lebendig werden?“

Das Erstaunen, das ihm diese Frage eingegeben, war sehr natürlich, denn das magere, schwarzbraune Männchen, das soeben im Eingang des Zeltes erschien, war niemand anders als sein totgeglaubter treuer Diener Morar Gopal. Um seine Stirn trug er einen frischen Verband. Einen Augenblick blieb er wie gebannt in der Zelttür stehen, und in seinen dunklen Augen spiegelte sich die Freude darüber, seinen Herrn unverletzt wiedergefunden zu haben.

In tiefster Erregung stürzte Morar Gopal auf Heideck zu, warf sich zur Erde, um nach Hindusitte den Boden mit der Stirn zu berühren, und sprang dann mit allen Anzeichen der größten Freude wieder auf die Füße.

Heideck aber war kaum weniger bewegt als er und drückte dem treuen Burschen kräftig die braune Hand.

„Diese Wahnwitzigen haben dich also nicht umgebracht? Aber ich sah dich doch unter ihren Hieben fallen?“

Morar Gopal grinste verschmitzt.

„Ich warf mich zu Boden, als ich sah, daß doch alle Verteidigung umsonst war. Und weil ich aus einer Wunde am Kopfe blutete, meinten sie wohl, ich hätte genug. Gleich nachher kamen die Kosaken, und vor ihren Pferden, die mich sonst zertreten hätten, machte ich mich schleunigst wieder auf die Beine.“

„Du besitzt eine große Geistesgegenwart! Wie aber bist du zu dem schönen Anzuge gekommen?“

„Ich lief ins Hotel zurück -- durch den hinteren Eingang, wo der Rauch nicht so arg war, -- weil ich dachte, daß Sahib sich vielleicht dahin gerettet hätte. Sahib habe ich allerdings nicht gefunden, wohl aber diese Kleider. Und weil ich dachte, es sei besser, sie anzuziehen als sie verbrennen zu lassen -- --“

„Schon gut, mein Braver! -- Man wird dich wegen dieses kleinen Eigentumsvergehens schwerlich zur Rechenschaft ziehen.“

„Ich suchte Sahib an allen Orten, wo sich englische Gefangene befinden. Und als ich in Anar Kali gerade dazukam, wie Mrs. Irwin in einem Wagen weggeführt wurde, da wußte ich, daß ich nun auch die Spur meines Sahib gefunden hatte.“

Mit Ungestüm erfaßte Heideck seinen Arm.

„Du hast es gesehen? Und du weißt auch, wer sie entführte?“

„Ja, Herr, es war der Siwalik, der Stallmeister des Prinzen Tasatat. Und die Lady ist mit ihm auf dem Wege nach Simla.“

„Nach Simla? Woher kannst du das wissen?“

„Ich stand nahe genug, um jedes Wort zu verstehen, das die Inder miteinander sprachen, und es war zwischen ihnen davon die Rede, daß sie nach Simla gingen.“

„Und Mrs. Irwin? Sie sträubte sich nicht? Sie rief nicht um Hilfe? -- Sie ließ sich ruhig fortführen?“

„Die Lady war sehr stolz. Sie sprach kein Wort.“

Ein Ordonnanzoffizier trat ins Zelt und überbrachte dem Fürsten den Befehl, sich sogleich bei dem Kommandierenden einzufinden.

„Wissen Sie, in welcher Angelegenheit?“ fragte der Oberst.

„Soviel ich weiß, handelt es sich um eine Beschwerde des Hauptmanns Obrutschew, der die Exekutionsmannschaften befehligt. Er hat gemeldet, der Herr Oberst habe einen Spion weggeführt, der auf Befehl des Kriegsgerichts füsiliert werden sollte.“

Heideck war bestürzt.

„So werden Ihnen nun aus Ihrer Rettungstat noch ernste Ungelegenheiten erwachsen,“ sagte er. „Aber da ich jetzt aus meiner Eigenschaft als deutscher Offizier kein Hehl mehr zu machen brauche, kann ja, falls der Feldtelegraph schon eingerichtet sein sollte, durch eine Anfrage beim Generalstab meine Legitimation erwirkt werden.“

„Gewiß! Und ich bitte Sie, sich meinetwegen nicht zu beunruhigen. Ich werde schon verantworten, was ich getan habe.“

Er entfernte sich in Begleitung des Ordonnanzoffiziers. Und Heideck bestürmte den braven Morar Gopal aufs neue mit Fragen über die näheren Umstände von Ediths Entführung.

Aber der Hindu konnte ihm nichts weiter sagen, da er nicht gewagt hatte, sich Edith zu nähern. Ihm war es ja auch nur um die Auffindung seines Herrn zu tun gewesen. Er hatte in Erfahrung gebracht, daß Heideck von Kosaken fortgeführt worden sei, und war nicht müde geworden, weitere Nachforschungen anzustellen, bis er endlich mit dem angebornen Scharfsinn seiner Rasse alles herausgebracht hatte. Daß er von nun an das Los seines vergötterten Sahib wieder teilen würde, galt ihm als selbstverständlich. Und Heideck hatte nicht das Herz, schon in dieser Stunde des Wiedersehens seine Illusionen zu zerstören.

Nach Verlauf einer halben Stunde kehrte Fürst Tschadschawadse zurück. Seine heitere Miene bewies, daß er gute Nachrichten bringe.

„Es ist alles in Ordnung. Mein Wort war für den General Bürgschaft genug, und eine Anfrage in Berlin erschien ihm als überflüssig.“

„Wahrhaftig, ihr Russen treibt doch alles im großen Stil!“ rief Heideck. „Ein großes Reich, eine große Armee, eine große, weitausschauende Politik und eine große Auffassung aller Dinge.“

„Auch wegen meiner Idee, Sie in die Reihen unseres Heeres einzustellen, habe ich mit dem General gesprochen. Und er ist vollkommen damit einverstanden. Auch er hält die Schwierigkeiten einer Reise nach Deutschland unter den obwaltenden Umständen für fast unüberwindlich. Und er macht Ihnen das Anerbieten, mit dem Range eines Rittmeisters in seinen Stab einzutreten. Nach Berlin würden Sie ja selbst im günstigsten Fall wahrscheinlich erst kommen, wenn der Krieg längst beendet ist.“

„Ich glaube nicht, daß dieser Krieg so schnell beendigt sein wird. Bedenken Sie, daß der halbe Erdball in Flammen steht!“

„Gleichviel! Sie sollten das Anerbieten nicht zurückweisen. Wir können ja zu Ihrer Beruhigung in Berlin dieserhalb anfragen, der Feldtelegraph reicht bis Peschawar zurück, die Verbindung mit Moskau, Petersburg und Berlin ist also hergestellt.“

„Das nehme ich ohne weiteres an. Ich würde glücklich sein, wenn mir die Erlaubnis erteilt würde, in Ihren Reihen zu kämpfen.“

„Daran ist gewiß nicht zu zweifeln. Ich werde Ihnen sofort die weiße Sommer-Uniform und die eines Dragoner-Rittmeisters besorgen. Diesen Säbel aber, Herr Kamerad, werden Sie, wie ich hoffe, als ein kleines Gastgeschenk von mir annehmen.“

„Ich danke Ihnen von Herzen, Herr Oberst!“

„Ich begrüße Sie als den Unsrigen. Ich wäre sogar in der Lage, Ihnen sogleich einen dienstlichen Auftrag zu erteilen.“

„Nicht ohne die Genehmigung aus Berlin, mein Fürst!“

„Nun wohl, warten wir sie ab. Aber es wäre sehr schade, wenn sie sich wider unsere Erwartung verzögern würde. Der Auftrag, den ich Ihnen da verschaffen wollte, würde Sie gewiß sehr interessiert haben.“

„Und darf ich fragen -- --“

„Der General beabsichtigt, ein Detachement nach Simla zu entsenden.“

„Noch Simla, der Sommerresidenz des Vizekönigs?“

„Ja.“

„Aber diese Gebirgsstadt ist doch jetzt ohne alle Bedeutung, der Vizekönig ist doch in Kalkutta geblieben?“

„Ganz recht, das schließt indessen nicht aus, daß die Nachricht von der Besetzung Simlas draußen in der Welt einigen Effekt machen würde. Und überdies könnten sich in den dortigen Regierungsbureaus möglicherweise interessante Aktenstücke befinden, von denen Kenntnis zu nehmen schon der Mühe wert sein würde.“

„Und Sie halten es für möglich, daß Seine Exzellenz mich dahin schicken könnte?“

„Da das Detachement, bei dem übrigens auch meine Dragoner, sowie Infanterie und zwei Maschinengewehre sein werden, meiner Führung anvertraut werden würde, habe ich den General gebeten, Sie der Expedition zuzuteilen.“

Heideck verstand die hochsinnige Absicht des Fürsten, und fast stürmisch schüttelte er ihm beide Hände.

„So möge der Himmel geben, daß die Erlaubnis aus Berlin rechtzeitig eintrifft. Nichts in der Welt wünsche ich so sehnlich, als mit Ihnen nach Simla gehen zu dürfen.“

XIX.

Schneller fast, als es bei der starken Beschäftigung des Telegraphen zu erhoffen gewesen war, traf aus Berlin die Weisung ein, daß der Hauptmann Heideck einstweilen in der russischen Armee Dienste tun dürfe und daß es seinem Ermessen anheimgestellt werde, die erste günstige Gelegenheit zur Rückkehr nach Deutschland zu benutzen.

Er stellte sich nunmehr dem kommandierenden General vor, wurde von ihm mit Wort und Handschlag verpflichtet, und in aller Form dem nach Simla bestimmten Detachement als Rittmeister zugeteilt.

Am nächsten Morgen schon setzte sich die Truppe unter Führung des Fürsten Tschadschawadse in Bewegung.

Der Marsch führte über den östlich von Lahore gelegenen Teil des Schlachtfeldes, auf dem sich vornehmlich die Kämpfe zwischen den Sepoys und den verfolgenden russischen Reitern abgespielt hatten.

Der Anblick, den diese zerstampfte, blutgetränkte Ebene gewährte, war traurig erschütternd. Obwohl zahlreiche Inder und russische Soldaten unter der Leitung von Armee-Gendarmen mit dem Aufsuchen der Leichen beschäftigt waren, lagen doch noch überall die teilweise schrecklich entstellten Leiber der Gefallenen in denselben Stellungen, in denen sie von dem mehr oder weniger qualvollen Tode ereilt worden waren. Ein fast unerträglicher Verwesungsgeruch erfüllte die Luft und mischte sich mit dem beizenden, atemraubenden Qualm der Scheiterhaufen, auf denen man die Leichen verbrannte.

Das Gros der russischen Armee befand sich im Lager und in der Stadt. Nur die Avantgarde, von der Verfolgung der fliehenden Engländer zurückgekehrt, war südlich der Stadt vorgeschoben. Die von Peschawar abgegangenen Verstärkungen, die mit einiger Ungeduld erwartet wurden, waren noch nicht eingetroffen.

Heideck hörte, daß etwa viertausend englische Soldaten und mehr als hundert Offiziere tot oder verwundet seien, während sich dreitausend Mann und fünfundachtzig Offiziere gefangen in den Händen der Russen befanden. Die Verluste der Sepoy-Regimenter ließen sich vorläufig nicht einmal annähernd schätzen, da sich die Kämpfe über ein zu weites Gebiet hingezogen hatten.

Fürst Tschadschawadse, der jetzt bei aller Herzlichkeit gegen Heideck doch mehr die Haltung eines militärischen Vorgesetzten angenommen hatte, erzählte während des Rittes, daß die russische Armee den Weg durch die Westprovinzen nehmen, das Industal und die dem Indus zunächst liegenden Länderstrecken aber unberührt lassen würde.

„Wir werden auf Delhi marschieren,“ äußerte er, „und dann wahrscheinlich auf Cawnpore und Lucknow vorgehen.“

Das Detachement konnte die Eisenbahn, die über Amritsar und Ambala nach Simla führt, nicht benutzen, da sie zum großen Teil von den Engländern zerstört worden war. Die Schnelligkeit des Marsches war natürlich ganz von der Leistungsfähigkeit der Infanterie abhängig. Und so sehr Heideck die Frische und Ausdauer dieser abgehärteten Soldaten bewundern mußte, kam man doch für seine Wünsche viel zu langsam vorwärts.

Wie glücklich wäre er gewesen, wenn er mit seiner Schwadron im Geschwindmarsch auf dem Wege hätte vordringen dürfen, den die unglückliche Edith hatte einschlagen müssen!

Schon am zweiten Tage zeigten sich in der Ferne deutlich schön umrissene blaue und violette Gebirgszüge: -- das dem Himalaja vorgelagerte Hügelland, dessen niedrige Sommertemperatur den Vizekönig und die hohen Beamten der indischen Regierung alljährlich bestimmte, sich aus dem unerträglich heißen und dunstigen Kalkutta in das kühle und gesunde Simla zu flüchten. Auch die Familien der im Pendschab und in den westlichen Provinzen wohnenden reichen englischen Kaufleute und Beamten pflegten während der heißen Jahreszeit hier ihren Aufenthalt zu nehmen.

Die Vegetation wurde immer reicher und üppiger. Man kam durch prächtige Dschungeln, die stellenweise ganz den Eindruck künstlich angelegter Parks hervorbrachten. Scharen von Affen tummelten sich in den Banianen und Palmen und machten die waghalsigsten Sätze von einer Luftwurzel zur anderen. Die Annäherung der Soldaten schien diesen munteren Geschöpfen sehr wenig Furcht einzuflößen; denn sie blieben oft unmittelbar über ihren Köpfen sitzen und betrachteten mit ebensoviel Neugier als augenfälligem Wohlgefallen das ungewohnte militärische Schauspiel. Buntgefiederte Papageien erfüllten die Luft mit ihrem durchdringenden Gekreisch, und hier und da wurde ein Rudel Antilopen sichtbar, die indessen stets in rascher Flucht davongingen, wobei ihre merkwürdige Art, mit allen vier Beinen zugleich vom Boden empor zu springen, den wunderlichsten und ergötzlichsten Anblick gewährte.

Am dritten Tage kreuzte ein farbenbunter Reiterzug den Weg des Detachements. Es waren augenscheinlich vornehme Inder in halb einheimischer, halb englischer Kleidung auf vortrefflichen Hengsten, wie sie aus der Kreuzung von arabischem und Guzerat-Blut hervorgehen. An ihrer Spitze ritt ein prachtvoll gekleideter, dunkelbärtiger Mann auf einem Schimmel von besonderer Schönheit.

Er hielt an, um einige Worte höflicher Begrüßung mit dem russischen Obersten auszutauschen. Als er sich dann mit seinen lanzenbewehrten Reitern wieder in Bewegung gesetzt hatte, um den Blicken der Nachschauenden gar bald im dichten Dschungel zu entschwinden, winkte der Fürst Heideck an seine Seite.

„Eine Neuigkeit für Sie, Herr Kamerad! -- Der vornehme Inder, mit dem ich soeben sprach, war der Maharadjah von Sabathu, und er ist eben im Begriff, seinen auf einem Jagdausfluge begriffenen Gast und Freund, den Maharadjah von Chanidigot, zu suchen.“

„Den Maharadjah von Chanidigot?“ rief Heideck mit funkelnden Augen. „Der Elende wäre also wirklich in unserer unmittelbaren Nähe?“

„Das von den beiden Fürsten aufgeschlagene Jagdlager befindet sich in unserer Marschrichtung, und der Maharadjah hat mich eingeladen, mit meinen Leuten diese Nacht dort zu kampieren. Ich hätte in der Tat nicht übel Lust, diese freundliche Einladung anzunehmen.“

„Und haben Sie ihn nicht nach Mrs. Irwin gefragt, mein Fürst?“

Das Gesicht des Obersten hatte bei dieser Frage Heidecks einen befremdlich ernsten, beinahe abweisenden Ausdruck angenommen.

„Nein.“

„Aber es ist doch mehr als wahrscheinlich, daß sie sich ebenfalls in seinem Lager befindet.“

„Wohl möglich, obwohl einstweilen noch jeder Beweis dafür fehlt.“

„Sie werden Nachforschungen nach ihr anstellen, nicht wahr? Werden den Maharadjah zwingen, uns Aufklärung über ihren Verbleib zu geben?“

„Ich dürfte ihn höchstens in höflicher Form um eine Aufklärung ersuchen. Aber auch das kann ich Ihnen noch nicht mit Sicherheit versprechen.“

Heideck war auf das Aeußerste überrascht. Er konnte sich die Wandlung in dem Benehmen des Fürsten durchaus nicht erklären. Und er wäre geneigt gewesen, seine sonderbaren Antworten für einen, freilich nicht sehr zarten Scherz zu nehmen, wenn nicht der eisige, undurchdringliche Ausdruck seines Gesichts jede derartige Vermutung von vornherein ausgeschlossen hätte.

„Aber ich verstehe nicht, mein Fürst --“ sagte er betroffen. „Sie hatten doch noch vor wenig Tagen die Güte, mir Ihren tatkräftigen Beistand in dieser Angelegenheit zu versprechen.“

„Ich bin zu meinem Bedauern genötigt, die Zusage zurückzunehmen. Denn ich habe strikte Weisung von Seiner Exzellenz, alles zu vermeiden, was zu einer Reibung mit den eingeborenen Fürsten führen könnte. Daß man gerade auf die Person des Maharadjah von Chanidigot einen ganz besonderen Wert legt, war mir zur Zeit unserer Unterredung nicht bekannt. Er ist der Erste gewesen, der sich offen für Rußland erklärt hat und dessen Truppen zu uns übergingen. Der glückliche Ausgang der Schlacht bei Lahore ist vielleicht zum nicht geringen Teil ihm zu verdanken. Sie begreifen, Herr Rittmeister, daß es den übelsten Eindruck hervorrufen würde, wenn wir mit einem für uns so wichtigen Mann aus geringfügiger Ursache in Zwistigkeiten gerieten.“

„Aus geringfügiger Ursache?“ fragte Heideck ernst, und seine Augen funkelten hell auf vor Erregung.

„Nun ja, was Ihnen von so großer Bedeutung erscheint, ist doch von einem höheren politischen Standpunkte aus betrachtet sehr klein und unwichtig. Sie können unmöglich erwarten, daß die politischen Interessen eines Weltreiches den Interessen einer einzigen Dame geopfert werden, die noch dazu ihrer Nationalität nach zu unsern Gegnern gehört.“

„Sie sollte also hilflos der Bestialität dieses Wüstlings preisgegeben sein?“

Fürst Tschadschawadse zuckte die Achseln; aber er streifte zugleich den neben ihm reitenden Heideck mit einem sonderbaren Seitenblick, der ungefähr zu sagen schien:

‚Wie schwerfällig bist du doch, mein Lieber! Und wie langsam von Begriffen!‘

Der andere aber verstand diese stumme Augensprache nicht. Und nach einem kleinen Schweigen konnte er sich nicht enthalten, im Tone schmerzlichen Vorwurfs zu äußern:

„Weshalb, mein Fürst, erwirkten Sie mir so großmütig die Teilnahme an dieser Expedition, wenn ich doch zugleich zur Untätigkeit gezwungen werden sollte, in einer Sache, die mir, wie Sie wußten, augenblicklich mehr als alles andere am Herzen liegt!“

„Ich erinnere mich nicht, Ihnen einen solchen Zwang auferlegt zu haben, Herr Rittmeister! Es war lediglich meine Stellungnahme zu der Sache, die ich Ihnen klar zu machen wünschte. Und ich hoffe, Sie haben mich vollkommen verstanden. Ich will und darf mit der Angelegenheit der Mrs. Irwin offiziell nichts zu schaffen haben, und ich wünsche, nichts davon zu hören. Daß ich mich andererseits nicht in Ihre Privatverhältnisse einmischen und mich nicht darum kümmern werde, ist selbstverständlich. Es genügt mir vollständig, wenn Sie mich nicht in irgend welche Verlegenheit und Zwangslage bringen.“

Das war ja allerdings viel weniger, als Heideck nach den feurigen Versprechungen seines Freundes erhofft hatte. Aber er mußte sich bei ruhiger Ueberlegung sagen, daß der Fürst in der Tat kaum anders handeln durfte und daß er bis an die äußerste Grenze des Möglichen ging, wenn er ihm nicht geradezu verbot, irgend etwas zu Gunsten der unglücklichen Edith zu unternehmen. Heidecks Entschluß, das Aeußerste für die Befreiung des geliebten Weibes zu wagen, wurde dadurch ja keinen Augenblick erschüttert; aber er wußte nun, daß er mit äußerster Vorsicht zu Werke gehen müßte und daß er auf niemandes Beistand zu rechnen habe -- eine Erkenntnis, die nicht gerade geeignet war, ihn mit freudigen Hoffnungen zu erfüllen.

Nach kurzem Marsche erreichte das Detachement den unmittelbar am Fuße der ersten Hügel gelegenen weiten, von mächtigen Bäumen beschatteten Platz, auf dem der Maharadjah sein improvisiertes Jagdlager aufgeschlagen hatte. Eine große Anzahl von Zelten war unter den Bäumen aufgerichtet worden. Ein buntes Menschengewimmel bewegte sich zwischen ihnen.

Daß er selber nicht das Lager nach Edith Irwin durchsuchen konnte, ohne die Aufmerksamkeit der Inder zu erregen und damit den Erfolg seines Vorhabens von vornherein zu vereiteln, war Heideck vollkommen klar. Und er hatte niemanden, den er mit der bedeutsamen Aufgabe betrauen konnte, als den treuen Morar Gopal, der ihm trotz aller drohenden Kriegsschrecknisse auch auf diesem Marsche nach Simla gefolgt war, obgleich ihm Heideck seine Entlassung unter Zahlung eines mehrmonatlichen Lohnes angeboten hatte.

So nahm er ihn denn, nachdem das Signal zum Halten und Absitzen gegeben worden war, beiseite und erteilte ihm seine Instruktionen, indem er ihm zugleich eine Handvoll Rupien für die etwa nötigen Bestechungen einhändigte.

Mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte der Hindu seinen Worten, und das Mienenspiel seines klugen, dunklen Gesichts verriet, ein wie lebhaftes persönliches Interesse diese Angelegenheit seines Herrn für ihn hatte.

„Es wird alles geschehen, wie du es wünschest, Sahib!“ sagte er, und war bald nachher scheinbar spurlos in dem bunten Gewühl der schier zahllosen Dienerschaft der beiden indischen Fürsten verschwunden.

XX.

Während die Russen etwas abseits von dem Feldlager ihre Kochlöcher gruben und alle sonstigen Vorbereitungen für das Biwak trafen, hatte Heideck Gelegenheit, die Großartigkeit zu bewundern, mit der diese indischen Fürsten ihre Jagdvergnügungen in Szene setzten.

Die Zelte der beiden Maharadjahs hatten fast die Größe von einstöckigen Bungalos, und als er durch den offenen Eingang des einen in das Innere blickte, sah Heideck, daß es verschwenderisch mit roter, blauer und gelber Seide ausgeschlagen und mit den kostbarsten Teppichen ausgestattet war.

Wohl ein halbes Hundert kleinerer Zelte war für die Aufnahme des Gefolges und der Dienerschaft bestimmt. Hinter ihnen aber lagerte eine ganze Herde von Kamelen und Elefanten, die das Gepäck und das Material für die Zelte getragen hatten. Das Blöken zahlloser Hammel mischte sich in das hundertstimmige Lärmen der geschäftig hin- und herlaufenden Inder, und Heideck schätzte die Zahl der Buckelochsen und mit Kampierleinen gefesselten Pferde, die neben dem Lager weideten, auf mehr als dreihundert.