Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman
Part 14
„Allerdings. Aber ob die allgemeine Annahme, Hinterlader seien gefechtstüchtiger, durchaus richtig ist, kann erst eine Seeschlacht erweisen. Bei Schnellfeuergeschützen ist es ja gewiß, daß der Hinterlader die allein richtige Konstruktion ist, aber bei unseren schwersten Geschützen, die ein Kaliber von 30,5 Zentimeter haben und eine Zeit von drei bis vier Minuten beanspruchen, um geladen zu werden, kommen die Vorteile des Schnellfeuers überhaupt nicht in Frage, sondern hier kommt es auf das genaue Zielen an, damit das wuchtige Geschoß an die richtige Stelle schlägt. Und hierzu ist ein geschicktes Manövrieren von der größten Wichtigkeit. Außerdem zeigen uns die Kämpfe vor Port Arthur die große Bedeutung des Torpedos und der Mine. Die russische Flotte hat ihre schwersten Verluste durch das gewandte Manövrieren und den überlegenen Torpedogebrauch der Japaner erlitten. Es scheint, als ob überhaupt in modernen Seeschlachten der Artilleriekampf gegen den Minenkrieg zurücktreten sollte, und da wird sich unsere Ueberlegenheit an Unterseebooten beim Angriff auf die in den Häfen liegenden Flotten Deutschlands und Frankreichs zeigen. Erst eine Seeschlacht zwischen unseren Geschwadern und denen der Franzosen und Deutschen kann eine Lehre für den richtigen Gebrauch moderner Kriegsschiffe sein. Und es wird eine Lehre werden, eine Lehre für die Unbesonnenen, die es wagen werden, sich dem Feuer einer britischen Breitseite und dem Angriff unserer Torpedoboote und Unterseeboote auszusetzen. Mögen die Panzerungen sein, wie sie wollen: der beste Panzer Großbritanniens ist die feste, treue Brust der Briten.“
„Ich kann, wenn ich solche Erklärungen höre,“ warf der Kolonialminister ein, „mich des Verdachtes nicht erwehren, daß der ganze Plan der Flottenverwendung falsch ist.“
„Ich bitte um Begründung dieses Verdachtes,“ erwiderte der Lord der Admiralität etwas gereizt.
„Von jeher ist gesagt worden, daß England die Oberherrschaft zur See hätte. Nun währt der Krieg schon eine ganze Zeit, und ich merke nichts von unserer Oberherrschaft.“
„Wie können Sie das sagen? Der Handel unserer Feinde ist vollständig lahmgelegt worden, und unsere Schiffe verkehren überall frei wie sonst.“
„Das mag sein, aber unter der Oberherrschaft zur See verstehe ich etwas anderes. Kein Seesieg ist bis jetzt erfochten worden. Die feindlichen Flotten sind noch intakt. So lange diese nicht vernichtet sind, liegt immer noch die Gefahr nahe, daß der Krieg eine für uns nachteilige Wendung nehmen kann. Erst der Kampf auf offener See entscheidet. Die englische Flotte sollte, wenn sie wirklich die herrschende ist, die feindlichen Schiffe zur entscheidenden Schlacht zwingen. Warum blockieren wir nicht die französische und die deutsche Flotte in den Häfen und zwingen sie, sich uns zu stellen? Unsere Geschütze tragen drei Meilen weit, wir können die Feinde im Hafen erreichen. Was soll diese Trennung in drei Teile? Die Flotte sollte im Kanal zu einem zerschmetternden Schlage vereinigt werden.“
„Der sehr ehrenwerte Herr vergißt, daß eine Vereinigung unserer Flotte auch die Vereinigung der feindlichen Flotte zur Folge haben würde. Verlassen wir unsere Stellung bei Kopenhagen, so kommt die starke russische Flotte von Kronstadt hervor und vereinigt sich mit den deutschen Kriegsschiffen in der Ostsee. Diese vereinigte Flotte könnte durch den Kaiser Wilhelm-Kanal in die Nordsee gelangen. England hat immer bei seinen Seerüstungen den ~two powers standard~ eingenommen, und obwohl wir den ~three powers standard~ angestrebt haben, sind die Mittel an Geld und Menschenmaterial doch nicht ausreichend gewesen, eine Seemacht aufzustellen, die den Flotten der drei jetzt vereinigten Mächte überlegen wäre. Gleichwohl hält unser altes Prestige alle drei Mächte in Schach, so daß sie nicht wagen, uns zur See anzugreifen. Setzen wir dies Prestige nicht dadurch aufs Spiel, daß wir ohne eine bestimmte Aussicht auf Erfolg eine Seeschlacht provozieren! Diese Seeschlacht wird kommen, aber der günstige Augenblick muß sorgfältig abgewartet werden. Beim jetzigen Stande des Krieges wäre es leichtsinnig, alles auf eine Karte zu setzen. Das tun wir aber, wenn wir eine Seeschlacht erzwingen wollen. Gelingt der Angriff nicht, erleidet unsere Flotte eine Niederlage, so ist England der Landung einer kontinentalen Armee ausgesetzt. Es ist wahr, daß unsere Flotte durch Teilung geschwächt wird, aber dasselbe gilt von den feindlichen Flotten, so daß dieser scheinbare Nachteil ausgeglichen wird. Wir müssen den Augenblick erspähen, wo eine Verschiebung der gegenwärtigen Lage uns erlaubt, eine der feindlichen Flotten mit überlegenen Kräften anzugreifen.“
„Es möchte wohl ein Mittel geben, die deutsche Flotte hervorzulocken,“ beharrte der Kolonialminister. „Laßt uns ein Panzergeschwader nach Helgoland schicken und den Felsen mit seinen Befestigungen zusammenschießen, daß er zerbröckelt ins Meer sinkt. Die Erwerbung Helgolands war eine Lieblingsidee Kaiser Wilhelms II., und dieser Monarch wird schon dafür sorgen, daß Helgoland nicht vom Erdboden verschwindet. Kommen aber die Deutschen trotz einer Beschießung Helgolands auch dann noch nicht heraus, so laßt das Geschwader in die Mündung der Elbe fahren und Hamburg in Brand schießen. Laßt auch die Panzer von Kopenhagen vorgehen und den Kieler Hafen, wie die Küstenstädte an der Ostsee zerstören. Dann würde sich die deutsche Flotte schon zeigen!“
„Dieser Plan ist erwogen worden und kommt vielleicht zur Ausführung. Es stehen ihm jedoch zwei Bedenken entgegen: erstens würden wir durch die Zerstörung offener Städte ein Odium auf uns laden, das ....“
„Pah! Für den Sieger gibt es kein Odium! England wäre niemals zu seiner jetzigen Größe und Macht gelangt, wenn es sich von praktischen Maßregeln durch allzu ängstliche Rücksichten auf Humanität und Völkerrecht hätte abschrecken lassen.“
„Nun, dann bleibt jedenfalls noch das andere Bedenken.“
„Und das wäre, Mylord?“
„Der Kampf von Schiffen, selbst wenn sie die stärksten Panzer tragen, gegen Landbefestigungen ist immer eine gefährliche Taktik, zumal, wenn die Küsten durch zahlreiche Minen und Torpedoboote verteidigt werden. Dazu kommt, daß Panzerschiffe eine sehr teure und in gewissem Sinne zerbrechliche Ware sind.“
„Eine zerbrechliche Ware?“
„Die Deutschen haben alle Leuchtschiffe, alle Feuerschiffe, alle Seezeichen außer Dienst gesetzt, und gerade so, wie die französischen Häfen, sind auch die deutschen durch Minen verteidigt. Ein Panzerschiff ist stark bei ruhigem Wasser gegenüber einem anderen Schiff, aber die Natur seiner Bauart macht es schwach beim Sturm und in unsicherem Fahrwasser. Ein Panzerschiff kentert vermöge seiner enorm schweren Belastung ungemein leicht, sobald es nach einer Seite hin das Uebergewicht bekommt. Es darf auch wegen seiner ungeheuren Wucht nirgends anstoßen, weil es sonst zerbricht; heftet sich ein Torpedo an seine Panzerhaut oder fährt es auf eine Mine, so geht es durch die Explosion leichter unter als ein Holzschiff des vorigen Jahrhunderts. Und wenn es irgendwo in einer Untiefe oder an einem Felsen aufläuft, so bringt man es nicht wieder los. Außerdem bedarf es häufiger Erneuerung seines Kohlenvorrats, so daß man es nicht auf langdauernde Expeditionen schicken kann. Unsere Panzer haben ihren ganz besonderen Zweck: sie sind für die Seeschlacht. Aber sie gleichen Riesen, die durch das eigene Gewicht schwerfällig gemacht und zu Boden gezogen werden, und der Verlust eines Panzer-Schlachtschiffes bedeutet, von seiner sonstigen Bedeutung für den Krieg abgesehen, den Verlust von mehr als einer Million Pfund. Auch die Kreuzer würde ich nicht ohne dringende Not den Stahlgeschossen einer Kruppschen Küstenbatterie aussetzen. Hüten wir uns auch vor dem kleinsten Mißerfolge zur See! Er würde für unser Prestige und damit für unsere Machtstellung so gefährlich werden wie eine Stahlgranate für die Wasserlinie eines unserer Kriegsschiffe.“
Der Kolonialminister schwieg. Er hatte diesen Einwendungen nichts mehr entgegenzusetzen.
„Unsere indischen Truppen werden dringend der Verstärkung bedürfen,“ nahm der Ministerpräsident wieder das Wort. „Wir müssen englische Männer ins Feld stellen, da man sich auf die Sepoys nicht mehr verlassen kann.“
„Allerdings,“ bestätigte der Kriegsminister, „und es gehen ja noch immer Truppentransporte nach Bombay. Vierzigtausend Mann sind eingeschifft worden; von diesen sind mehr als zwanzigtausend in Indien gelandet, die anderen sind noch auf der See. Eine große Flotte ist unterwegs, und acht Panzer sind in Aden stationiert, um jedem feindlichen Angriff auf unsere Transporte zu wehren. Aber es ist die Frage, ob wir gut daran tun, noch mehr Truppen nach Indien zu schicken. Mylords, so schwer es mir wird, es auszusprechen: wir müssen vorsichtig sein. Man würde mich mit Recht der Unbesonnenheit zeihen, wenn ich hier mehr täte, als die äußerste Vorsicht erlaubt. Großbritannien ist von Truppen entblößt. Nun bin ich gewiß, und ganz England ist sich dessen bewußt, daß niemals ein feindlicher Fuß diesen Boden betreten wird, da unsere Flotte die Unberührtheit unserer Insel verbürgt, aber wir wären unseres verantwortlichen Amtes nicht würdig, wenn wir irgend eine Maßregel zur Sicherheit des Landes versäumten. Laßt uns Feiglinge sein, Mylords, vor dem Kampfe, Helden erst in der Schlacht selbst! Laßt uns annehmen, wir besäßen keine Flotte, sondern müßten Englands Boden auf dem Lande verteidigen. Wir müssen eine schlagfertige Armee auf englischem Boden aufstellen oder wir machen uns des Verrats am Vaterlande schuldig. Die Mobilmachung unserer Reserve muß noch weiter ausgedehnt werden. Zehntausende von Yeomen sind noch imstande das Gewehr zu tragen und den Säbel zu schwingen, ohne daß wir sie eingezogen hätten. Jetzt müssen alle kräftigen Männer heran. Das Gesetz erlaubt, jeden Mann, der nicht der regulären Armee oder einem Freiwilligenkorps angehört, zur Armee heranzuziehen, vom 18. bis zum 50. Jahre, und dergestalt eine Miliz aller waffenfähigen Männer zu bilden. Wenn Seine Majestät es genehmigt, werde ich ein Milizheer von hundertundfünfzigtausend Mann bilden. Ich rechne auf Indien hundertundzwanzigtausend Mann, auf Malta zehntausend, auf Hongkong dreitausendfünfhundert, auf Südafrika zehntausend, auf die Antillen dreitausend, auf Gibraltar sechstausend, auf Aegypten zehntausend Mann, abgesehen von den kleineren Garnisonen, die alle an ihren Plätzen bleiben müssen, und hoffe dann noch mit Aufbietung aller Freiwilligenkorps und Reserven eine Armee von vierhunderttausend Mann zur Verteidigung des Mutterlandes aufstellen zu können.“
Der Lord Großkanzler schüttelte den Kopf: „Lassen wir uns nicht durch solche Zahlen zu einem falschen Optimismus verführen! Große Haufen ohne militärische Schulung, ohne Uebung in den Waffen, mit neu ernannten und von den Mannschaften gewählten Offizieren, die ohne jede praktische Einsicht, ohne jedes Verständnis für die Anforderungen moderner Kriegsführung sind, wollen wir wohlgeschulten Truppen entgegenstellen, solchen ausgezeichneten Truppen, wie es die französischen und die deutschen sind? Woher denn nur die Artillerie nehmen? Wir haben 1871 gesehen, wohin es führt, wenn man Herden von Bewaffneten den geschulten regulären Truppen gegenüberstellt. Bourbaki führte ein Heer, das monatelang geübt worden war, und doch hatten seine Scharen, obwohl sie mit Kavallerie und Artillerie ins Feld zogen, ungeheure Verluste beim Zusammenstoß mit einer an Zahl weit schwächeren, aber wohlgegliederten, kriegsgeübten und von erfahrenen Offizieren befehligten Armee. Sie wurden über die Grenze nach der Schweiz gedrängt, wie wenn eine große Schafherde von einem Rudel Wölfe gejagt wird.“
„Das waren Franzosen, wir aber sind Engländer!“
„Ein Engländer wird von einer Kugel niedergestreckt wie ein Franzose. Die Zeiten des Schwarzen Prinzen sind vorbei, kein Heinrich V. siegt mehr bei Agincourt, wir haben das Feuergefecht mit Magazingewehren.“
„Die Buren, Mylord, haben uns gezeigt, was eine tapfere Miliz noch immer gegen reguläre Truppen vermag.“
„Ja, im Gebirge. So haben auch die Tiroler eine Zeitlang dem großen Napoleon Widerstand geleistet. England aber ist flach, und in der Ebene zeigt sich die Ueberlegenheit der taktischen Kunst. Nein, nur auf der Flotte beruht Englands Heil.“
Eine Depesche des Vizekönigs von Indien wurde dem Präsidenten überbracht:
‚Der Vizekönig meldet der Regierung Seiner Majestät, daß der Oberbefehlshaber in Delhi ein Heer von dreißigtausend Mann zusammengezogen hat und die Stadt verteidigen wird. Die Sepoys bei seiner Armee gehorchen, da sie innerhalb der Befestigungen eingeschlossen sind und nicht fliehen können. Der Vizekönig wird Sorge tragen, daß die mohammedanischen Sepoys möglichst alle nach dem Süden kommen und daß nur Hindutruppen gegen die Russen ins Gefecht geführt werden. Es ist Befehl gegeben worden, den abtrünnigen Maharadjah von Chanidigot, dessen Truppen in der Schlacht bei Lahore das Signal zur Fahnenflucht gaben, standrechtlich zu erschießen. Der Vizekönig ist der Ansicht, daß die russische Armee vor Delhi Halt machen wird, um die Verstärkungen heranzuziehen, die immerfort, aber nur in dünnem Flusse, durch Afghanistan herankommen. Er zweifelt nicht daran, daß die englische Armee, deren Zahl täglich durch die neu ankommenden Regimenter wächst, in den Nordprovinzen vereinigt, den Russen eine entscheidende Niederlage beibringen wird. Der Oberbefehlshaber wird dem General Egerton die Verteidigung Delhis übertragen und eine neue Feldarmee bei Cawnpore zusammenziehen, mit der er nach Delhi vorzurücken beabsichtigt. Auf allen Bahnlinien werden unausgesetzt alle verfügbaren Truppen nach Cawnpore befördert.‘
„Diese Nachrichten sind allerdings geeignet, uns mit neuem Mut zu erfüllen,“ sagte der Ministerpräsident, nachdem er das Telegramm vorgelesen. „Und wir wollen uns doch nicht verhehlen, Mylords, daß wir mehr als je des Mutes bedürfen. Dieser neue Mann in Deutschland, den der Kaiser zum Kanzler gemacht hat, regt die Gemüter der Deutschen schrecklich gegen uns auf. Er scheint ein Mann nach des Fürsten Bismarck Art zu sein, ein Mann kühner Rücksichtslosigkeit und überraschender Schläge. Wir stehen ganz allein. Rußland, Frankreich und Deutschland haben sich zu einem Bündnis gegen uns zusammengeschlossen. Oesterreich kann und will uns nicht zu Hilfe kommen, Italien dreht sich in gewundenen Antworten auf unsere Anträge, sagt weder ja noch nein und lauert auf den Augenblick, wo es im Bündnis mit Frankreich die letzten italienischen Landstriche von Oesterreich losreißen und sich an unseren Kolonien bereichern kann. Nun wohl denn, wo England allein stand, da stand es noch immer in Glanz und Macht. Vertrauen wir auf uns selbst und die Treue unserer Kolonien, die uns mit Geld und mit Mannschaften beispringen und die wir nach dem Siege mit allen Gaben belohnen wollen, die Seiner Majestät Regierung auszuteilen hat.“
„Unsere Kolonien!“ mischte sich jetzt auch der Handelsminister in die Debatte. „Jawohl, sie sind opferwillig. Ich fürchte nur, daß die Opfer, die der sehr ehrenwerte Kolonialminister von ihnen fordert, ihnen zu viel werden können, und daß sie bei der Richtung, die der moderne Imperialismus unserer Regierung einschlägt, nicht an die Belohnungen glauben werden, die ihnen in Aussicht gestellt werden.“
„Mylord,“ entgegnete der Angegriffene. „Man nennt mich einen Agitator, und man wirft mir vor, daß ich die jetzige gefährliche Lage Englands verschuldet hätte. Gut, ich will sie verschuldet haben. Aber niemals hat ein Staatsmann große Pläne verfolgt, ohne sein Land einer gewissen Gefahr auszusetzen. Ich erinnere nur daran, daß Bismarck nach dem glücklich beendeten Kriege von 1866 sagte, daß ihn die alten Weiber mit Knütteln totgeschlagen haben würden, wenn die preußische Armee besiegt worden wäre. Aber sie wurde nicht besiegt, und er stand da als ein Mann, der Deutschland geeinigt und Preußen groß gemacht hatte. Er setzte Preußen der allergrößten Gefahr aus, indem er durch seine Agitation fast die ganze Welt zum Feinde Preußens machte, Oesterreich und das ganze Süddeutschland angriff und es schließlich auch zum Kriege gegen Frankreich brachte. England hat damals eine unglückselige Politik des Zusehens und Abwartens befolgt, weil kein Agitator seine Politik leitete. Hätte England 1866 Preußen den Krieg erklärt, so wäre Deutschland jetzt nicht so mächtig, daß es uns bekriegt. Seit jener Zeit haben sich tiefgehende Veränderungen in England selbst vollzogen, gerade durch das Wachstum der deutschen Macht. Wir haben uns seit Napoleons Sturz nicht mehr genug um die Ereignisse auf dem Kontinent gekümmert, sondern in stolzem Selbstgefühl uns selbst für so mächtig gehalten, daß wir die Entschließungen der fremden Regierungen nur zu beeinflussen brauchten, um unsere eigene Politik zu verfolgen. Aber dieses Selbstgefühl ist erschüttert worden durch die Ereignisse von 1866 und 1870, und England ist mit Recht nervös geworden. Der Engländer hat bis zu jenem Zeitpunkt die Uebergriffe der kontinentalen Mächte verachtet. Das tut er nicht mehr, sondern es sind sogar patriotische Strömungen in England selbst entstanden, die der schwachsinnige Friedensfreund als chauvinistische brandmarkt. Nun wohl, ich nenne mich mit Stolz einen Chauvinisten in dem Sinne, daß ich nicht den Frieden um jeden Preis, sondern Englands Größe will. Die patriotischen Strömungen unseres Volkes sind von meinem Vorgänger Chamberlain in das rechte Bett geleitet worden. Und hat nicht die Regierung seit dreißig Jahren eben demselben patriotischen Gefühl Folge geleistet, indem sie, mochte sie von Disraeli oder Gladstone geleitet werden, eine ganz enorme Verstärkung unserer Wehrmacht zu Lande wie zur See ins Werk setzte? Diese militärischen Rüstungen haben dem Mutterlande allein die Lasten aufgebürdet, während sie nicht nur dem Mutterlande, sondern auch den Kolonieen zugute gekommen sind und noch zugute kommen sollen. Wie aber sollen solche Kosten, wie sie der Krieg jetzt verursacht, weiterhin aufgebracht werden? Wie soll der Handel des englischen Weltreiches fernerhin gehoben und vor jeder Konkurrenz geschützt werden, wenn die Kolonieen sich nicht an den Kosten beteiligen? Ich will nur, daß eine gerechte Verteilung der Lasten eintritt und daß demnach nicht England allein, sondern auch die Kolonieen die Lasten tragen. Der Plan der Imperial Federation, den wir verfolgen, ist das Heilmittel unserer chronischen Krankheit und soll die Kolonieen wie das Mutterland wirtschaftlich wie politisch und militärisch stärken. Gewiß scheinen solche Reden verwegen, Mylords, im Augenblicke, wo eine russische Armee in Indien eingebrochen ist und wo unsere Armee eine schwere Niederlage erlitten hat, aber ich möchte daran erinnern, daß noch jeder Krieg Englands mit Niederlagen begonnen hat. Andere als siegreiche Kriege aber hat England niemals geführt, seitdem Wilhelm der Eroberer das romanische Blut in Englands Staatskörper eingeführt und ihm damit eine Konstitution von solcher Zähigkeit und Härte verliehen hat, daß kein anderer Staatskörper jemals auf die Dauer England hat widerstehen können. So werden wir auch die Russen wieder aus Indien hinauspeitschen und werden die Flotten Frankreichs, Deutschlands und Rußlands, die sich vor uns in ihren Häfen verstecken, schließlich hervorzwingen, vernichten und damit alle übermütigen Pläne unserer Feinde zerstören, den Union Jack aber zur Standarte einer Weltherrschaft erheben, der niemand mehr feindlich zu nahen wagt.“
XVIII.
Die Kunde von Ediths Entführung -- denn nur darum konnte es sich Heidecks Ueberzeugung nach handeln, weil sie sonst irgend eine Nachricht für ihn hinterlassen haben würde, -- wirkte auf Heideck mit niederschmetternder Gewalt.
Er erinnerte sich der furchtbaren Grausamkeiten, von denen man aus den Zeiten des Sepoy-Aufstandes erzählte. Und er brauchte sich nur seine eigenen Erlebnisse in Lahore ins Gedächtnis zurückzurufen, um überzeugt zu sein, daß alle jene entsetzlichen Geschichten keine Uebertreibung waren, sondern wohl eher noch hinter der Wirklichkeit zurückblieben.
War es aber nicht dieses Schicksal, dem Edith Irwin entgegenging, so wartete ihrer vielleicht ein anderes schmachvolles Los, das dem Manne, der sie liebte, noch fürchterlicher erscheinen mußte als der Tod.
Sein Erschrecken und seine tiefe Niedergeschlagenheit hatten dem Fürsten nicht entgehen können. Teilnehmend legte er die Hand auf Heidecks Schulter und sagte:
„Ich bin wirklich untröstlich, Herr Kamerad! Denn ich sehe wohl, wie es mit Ihnen und der Dame steht. Aber vielleicht beunruhigen Sie sich ohne Not. Diese Abreise kann doch immerhin noch eine ganz unverfängliche Aufklärung finden.“
Heideck schüttelte den Kopf.
„Ich hege in dieser Hinsicht keine Hoffnungen mehr, denn alle Umstände sprechen dafür, daß es der Maharadjah von Chanidigot war, der die Dame in seine Gewalt gebracht hat. Dieser wollüstige Despot hat ja schon seit Monaten danach getrachtet, sie zu besitzen. Was, um des Himmels willen, kann man tun, die Unglückliche aus seinen Händen zu befreien?“
„Ich werde den General in Kenntnis setzen und zweifle nicht, daß er eine Untersuchung anordnen wird. Wenn Ihre Vermutung zutrifft, wird der Maharadjah selbstverständlich gezwungen werden, die Dame wieder freizugeben. Aber ich möchte fast daran zweifeln. Der Despot von Chanidigot ist augenblicklich weit von hier entfernt.“
„Das würde nicht ausschließen, daß andere in seinem Auftrage gehandelt haben. Und glauben Sie wirklich, Ihr General würde es um einer englischen Dame willen mit einem einflußreichen indischen Fürsten verderben, auf dessen Bundesgenossenschaft Rußland in diesem Augenblick doch vielleicht noch recht sehr angewiesen ist?“
„O, lieber Freund, wir sind nicht die Barbaren, für die man uns im westlichen Europa leider noch immer hält. Wir wünschen an Ritterlichkeit hinter niemandem zurückzustehen, und wir werden unser Regiment in Indien sicherlich nicht damit beginnen, daß wir unter unseren Augen verabscheuungswürdige Gewalttaten geschehen lassen. Ich bin überzeugt, daß der General in diesem Punkte nicht anders denkt als ich.“
„Sie wissen nicht, wie tröstlich und beruhigend es für mich ist, das zu hören. Denn ich selbst werde ja nichts mehr für Mrs. Irwin tun können. Seitdem ich weiß, daß Deutschland sich im Kriege befindet, darf ich ja kein anderes Interesse mehr haben als das, so schnell als möglich zu meiner Armee zu gelangen.“
„Allerdings! Die Soldatenpflicht über alles. Wie aber wollen Sie es anfangen, jetzt nach Deutschland zu kommen? Es dürfte eine verteufelt schwierige Aufgabe sein.“
„Ich muß es dennoch versuchen. Unter keinen Umständen darf ich hier müßig verharren.“
„Nun, so lassen Sie uns überlegen. Das Nächstliegende wäre ja, daß Sie von Bombay oder einer anderen Hafenstadt, wie Kalkutta, Madras oder Carachi aus zur See nach Europa zurückkehrten. Carachi liegt uns am nächsten. Man hat ihm ja den Namen des Eingangstores von Zentralasien gegeben. Und von Lahore, Quetta oder Mooltan aus ist Carachi mit der Eisenbahn am schnellsten zu erreichen. Aber eine Dampferverbindung zwischen Carachi und Europa besteht nur auf dem Wege über Bombay. Es gibt von dort aus keine andere direkte Schiffslinie als die nach dem Persischen Golf. Sie müßten also auf einen der englischen Dampfer der Peninsular- und Oriental-Linie gehen, die zweimal wöchentlich fahren. Denn die französischen Messageries Maritimes, die sonst zwischen Carachi und Marseille verkehrten, werden selbstverständlich ihre Fahrten längst eingestellt haben. Sie könnten also ebensogut mit der Eisenbahn bis Bombay fahren. Ueber Kalkutta oder Madras wäre es ein gewaltiger Umweg!“
„Und ich sollte einzig auf die Benutzung der englischen Dampferlinie angewiesen sein?“
„Daß die Schiffe des Norddeutschen Lloyd oder des Oesterreichischen Lloyd noch verkehren sollten, halte ich für gänzlich ausgeschlossen.“