Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman

Part 11

Chapter 113,554 wordsPublic domain

Damit stieg auch er ab und nahm ein Gewehr. Aus tausend britischen Kehlen ertönte ein helles: ‚Hurrah!‘ denn die Russen hatten das Karree erreicht und man begann Mann gegen Mann zu kämpfen.

Unverwischlich prägten sich dem jungen Deutschen die furchtbaren Schrecknisse dieses Handgemenges ein, bei dem die Engländer mit dem Mute der Verzweiflung gegen den vielfach überlegenen Feind rangen. Auch er hatte den Säbel gezogen, doch seine politischen Sympathieen waren trotz aller persönlichen Beziehungen nicht bei der Sache der Engländer.

Da plötzlich hörte er einen heiseren Aufschrei der Wut dicht an seiner Seite, und als er sich umwandte, sah er zu seiner grenzenlosen Ueberraschung in das von Haß und Ingrimm schrecklich verzerrte Gesicht des Kapitäns Irwin. Er hatte ihn bei dem Depot in Chanidigot vermutet, aber Irwin mußte wohl eine Möglichkeit gefunden haben, sich diesem Kommando, das unter den obwaltenden Umständen ja einer beschämenden Zurücksetzung gleichgekommen war, zu entziehen und sich der ins Feld rückenden Truppe anzuschließen. Auch er kämpfte hier in diesem Todesringen mit dem Gewehr in der Hand, wie ein gemeiner Soldat. Und das rote Blut, das die Spitze seines Bajonetts färbte, gab beredtes Zeugnis für seine Tapferkeit. In diesem Moment aber war es keiner der russischen Angreifer, dem sein zornfunkelnder Blick galt, sondern der Mann, den er als seinen Todfeind haßte, seitdem durch sein mutvolles Eingreifen der schurkische Anschlag gegen Edith vereitelt worden war. Hier war der Ort und der Augenblick, dem heißen Racheverlangen, das ihn verzehrte, Genüge zu tun. Was bedeutete inmitten dieses großen Sterbens das Sterben eines Einzelnen!

Noch ehe Heideck die Absicht des Unseligen erraten konnte, drang Irwin mit gefälltem Bajonett auf ihn ein. Einzig ein Aufbäumen des erschreckten Hengstes rettete dem Hauptmann das Leben; denn der Bajonettstoß, der seiner Brust zugedacht war, streifte den Hals des Tieres. In demselben Augenblick traf der furchtbare Säbelhieb eines Russen den durch keinen Helm mehr geschützten Hinterkopf Irwins mit solcher Wucht, daß er mit einem dumpfen Aufschrei vornüber auf das Gesicht fiel.

„Was tun Sie noch hier?“ klang die merkwürdig veränderte heisere Stimme des Obersten plötzlich an Heidecks Ohr. „Reiten Sie -- um des Himmels willen! Reiten Sie schnell! Wenn Sie sie wiedersehen, so bringen Sie meinem Weibe und meinen armen Kindern meine letzten Grüße! Stehen Sie ihnen bei!“

Aus einer tiefen Stirnwunde rann ihm das Blut über das Gesicht, und Heideck sah, daß er sich nur noch mit gewaltiger Willensanstrengung aufrecht erhielt. Er wollte etwas erwidern, aber schon hatte der Oberst sich wieder in einen Knäuel von Kämpfenden gestürzt, und wenige Sekunden später war er unter den Kolbenstößen und Säbelhieben der Russen zusammengebrochen.

Da warf Hermann Heideck sein Pferd herum und sprengte davon.

XIV.

Von tausendfältigem Tode umdroht, wie sein Ritt zu der Brigade des Obersten Baird, war auch Heidecks Rückweg. Wenngleich er allen geschlossenen Truppenkörpern auf seinem Wege über das blutgetränkte Schlachtfeld erfolgreich und glücklich auswich, so kamen vereinzelt russische Reiter doch in seine Nähe, und mehr als einmal hörte er den feinen, pfeifenden Ton der dicht an seinem Haupte vorbeisausenden Gewehrkugeln. Aber in dem Schlachtenfieber, das ihn ergriffen hatte, dachte er kaum einen Augenblick an die Gefahr, denn alle seine Gedanken beschäftigten sich einzig mit der Lösung der Frage, wie er nach Lahore gelangen sollte, um die letzte Bitte des Obersten zu erfüllen.

Aus mehreren Wunden blutend, setzte sein wackerer Hengst die letzten Kräfte ein, um seinen Reiter glücklich aus dem Schlachtgetümmel zu bringen. Eine bedeutende Strecke noch vermochte das verwundete Tier im langen Galopp zurückzulegen. Dann jedoch fing es plötzlich an, seinen Gang zu verlangsamen und zu straucheln, so daß Heideck merken mußte, es ging mit seinen Kräften zu Ende. Er schwang sich aus dem Sattel, um die Verletzung des Hengstes zu untersuchen, und erkannte, daß er dem Pferde weitere Anstrengungen nicht mehr zumuten dürfe. Es hatte außer dem Bajonettstich am Halse auch noch ein Kugelloch im linken Hinterschenkel, und namentlich aus dieser Wunde ergoß sich das Blut. Aengstlich schnaubend rieb das arme Tier den Kopf an der Schulter seines Herrn, und Heideck kraute ihm liebkosend die Stirn.

‚Armer Bursche -- du hast deine Schuldigkeit getan. Ich muß dich hier zurücklassen.‘ Erst jetzt überkam ihn die bange Befürchtung, daß auch er von diesem Schlachtfelde nicht lebend entkommen werde.

Da sah er einen Reiter in indischer Kleidung mit hochgeschwungenem Säbel auf sich zukommen. Heideck riß seinen Revolver aus dem Gürtel, um sich gegen den Angreifer zu verteidigen. Plötzlich aber erkannte er in dem vermeintlichen Gegner seinen getreuen Boy, Morar Gopal, der vor Freude strahlte, seinen totgeglaubten Herrn durch einen Zufall wieder gefunden zu haben. Er wollte Heideck ohne weiteres sein Pferd überlassen und sich zu Fuß weiterzuhelfen suchen. Aber der deutsche Offizier nahm das uneigennützige Opfer seines Dieners nicht an. Und er wurde der Notwendigkeit, sich abermals von seinem treuen Diener zu trennen, dadurch überhoben, daß eben jetzt ein reiterloses englisches Offizierpferd in Sicht kam. Das Tier, ein schöner Brauner, war unverletzt und ließ sich ohne sonderliche Mühe einfangen. Nun konnten sie ihre Flucht gemeinsam fortsetzen, und Heideck faßte den Entschluß, sich dem linken englischen Flügel zuzuwenden, weil, wie es ihm schien, dort noch mit weniger Unglück gekämpft wurde, als bei den übrigen Teilen der schon völlig zersprengten britischen Armee. Der kürzeste Weg, um nach Lahore zu gelangen, war dies freilich nicht. Aber es wäre ein tollkühnes Unternehmen gewesen, sich in das wilde Getümmel von Fliehenden und Verfolgern zu mischen, das sich jetzt nach Lahore ergoß.

Die an beiden Ufern des Ravi liegenden, langgestreckten Plantagen von Schah Dara und die sie verbindende Schiffsbrücke waren in der Tat noch von englischen Truppen besetzt, die ihre Stellung bisher ohne allzuschwere Verluste behauptet hatten. Allerdings hatten sie sich den Russen gegenüber in der Mehrzahl befunden. Denn der Angriff auf Schah Dara, mit dem die Schlacht begonnen hatte, war in der Hauptsache ja nur ein Scheinmanöver gewesen, dazu bestimmt, das Zentrum der englischen Armee, gegen das der Hauptstoß geführt werden sollte, zur Entsendung von Verstärkungen zu veranlassen und dadurch in verhängnisvoller Weise zu schwächen. Heideck hatte mit eigenen Augen gesehen, wie vollständig dieser Plan geglückt war. Nun freilich, da durch den erfochtenen Sieg ihre Streitkräfte an anderen Stellen entbehrlich wurden, fingen die Russen an, auch hier mit größeren Massen anzugreifen. Aus der Reserve rückten russische Bataillone im Sturmschritt heran, und neue Batterien erschienen, um das Feuer auf Schah Dara und das südlich davon gelegene Grabmal Schah Jehangirs zu eröffnen.

Und die Engländer waren verständig genug, es nicht auf einen hoffnungslosen Verzweiflungskampf ankommen zu lassen, sondern sie begannen ihren Rückzug, so lange er sich noch in leidlicher Ordnung vollziehen konnte.

Als Heideck das südliche Ende der Pflanzungen erreichte, kam eben ein Regiment bengalischer Reiter über die Schiffsbrücke, und Heideck schloß sich ihm an. Eine russische Granate, die mitten in den Trupp einschlug, ohne indessen trotz ihrer zahlreichen Opfer die Marschdisziplin zu zerstören, war ein recht deutlicher Beweis, daß die Situation auch hier in der Tat unhaltbar war.

Mit verhältnismäßig geringen Verlusten und ohne noch einmal in einen Kampf verwickelt worden zu sein, gelangte das Regiment bis unter die Zitadelle, die im Norden von Lahore innerhalb der Umfassungsmauer liegt.

Mit Entsetzen aber mußten die unglücklichen Lanzenreiter wahrnehmen, daß ihnen auch von dort her mörderische Kugeln entgegengesandt wurden. Sie galten freilich nicht ihnen, sondern den verräterischen indischen Truppen und den irregulären russischen Reitern, die sich in wildem Getümmel gegen die Mauern wälzten. Aber ihre Wirkung war darum nicht minder verderblich. Die zurückgebliebene englische Besatzung hatte alle Tore der Stadt geschlossen und schien gesonnen, niemand mehr einzulassen, weder Freund noch Feind. Trotzdem ließ der Führer des bengalischen Regiments seine Leute dicht aufschließen und bahnte sich mit unwiderstehlichem Druck einen Weg durch den Wirrwarr der unmittelbar unter den Mauern in grauenhaftem Handgemenge Kämpfenden. Er hatte seine Richtung auf eines der Tore zu genommen. Und drinnen kam man glücklicherweise seiner Absicht entgegen: in der Zuversicht, daß die wuchtigen Hiebe und Stöße der Reiter den Feind verhindern würden, gleichzeitig mit ihnen einzudringen, öffnete man im entscheidenden Augenblick das Tor, und inmitten des Regiments gelangte auch Heideck mit seinem treuen Gefährten glücklich in die Stadt.

Die Lancers rückten in die Zitadelle ein, und Heideck wandte sich mit Morar Gopal, der ihm wie sein Schatten folgte, dem Charing-Croß-Hotel zu.

Aber es war nicht leicht, dahin zu gelangen. Denn die Straßen waren mit einer schier undurchdringlichen Menge laut schreiender und gestikulierender Eingebornen gefüllt, die sich ersichtlich in größter Aufregung befanden. Die Nachrichten von der für die Engländer verlorenen Schlacht hatten längst ihren Weg in die Stadt gefunden, und die lang gehegte Befürchtung, daß eine solche Nachricht eine verhängnisvoll aufreizende Wirkung auf die indische Bevölkerung üben würde, zeigte sich überraschend schnell als berechtigt. In all' den braunen Gesichtern, die er da auf sich gerichtet sah, glaubte Heideck deutlich eine haßerfüllte Drohung zu lesen. Man hielt ihn natürlich für einen Engländer, und nur seine entschlossene Miene und der blanke Säbel in seiner Faust mochten die Leute abhalten, ihrem Groll gegen den Angehörigen der verhaßten Unterdrücker-Rasse durch Tätlichkeiten Ausdruck zu geben.

Das Tor des Hotels war verschlossen, vielleicht, weil man einen Angriff von Seiten der Eingebornen fürchtete. Aber als ein weißer Mann, den man obendrein für einen englischen Offizier hielt, Einlaß begehrte, wurde es aufgetan. Heideck fand einen großen Teil der in dem Hotel untergebrachten Offiziersdamen und Kinder im Vestibül und dem daran anstoßenden Speisesaal versammelt. Die Ahnung eines schrecklichen Unglücks und die durch den Straßenlärm beständig gesteigerte Angst vor den kommenden Ereignissen hatten die Bedauernswerten nicht länger in ihrem Zimmer geduldet. Mrs. Baird und Edith Irwin aber befanden sich nicht unter denen, die Heideck umdrängten, und die in hundert durcheinanderschwirrenden Fragen von dem staubbedeckten Manne, der sicherlich vom Schlachtfelde herkam, Auskunft über den Stand der Dinge zu erhalten hofften.

Heideck sagte nichts weiter, als daß die Armee sich tapfer kämpfend zurückzöge. Es wäre eine nutzlose Grausamkeit gewesen, den Schrecken und die Verzweiflung dieser Unglücklichen durch eine Mitteilung der ganzen Wahrheit ins Ungemessene zu steigern. Fast gewaltsam mußte er sich aus dem dichten Knäuel befreien, um sich in das Zimmer der Mrs. Baird hinaufbegeben zu können. Es war die erste freudige Empfindung während dieses verhängnisvollen Tages, die seine Seele durchzitterte, als er in dem freundlichen Zuruf, der sein Klopfen beantwortete, Edith Irwins Stimme erkannte. Die Befürchtung, daß ihr während seiner Abwesenheit etwas zugestoßen sein könnte, hatte ihn während der letzten Stunden unablässig gepeinigt, und er vergaß für einen Augenblick all das Grauen, das sie umgab, über dem Entzücken, in das ihn bei seinem Eintritt der Anblick ihrer unvergleichlichen Schönheit versetzte.

Sie hatte sich aus dem Sessel inmitten des Zimmers erhoben, mit tiefernstem, aber vollkommen ruhigem Gesicht und klarblickenden Augen, die bereit schienen, auch der furchtbarsten Gefahr fest entgegenzusehen. Mrs. Baird lag mit ihren beiden kleinen Mädchen in einer Ecke auf den Knieen. So ganz war sie in ihre inbrünstige Andacht versunken, daß sie den Eintritt Heidecks völlig überhört hatte. Erst als Edith sagte: „Da ist Mr. Heideck, liebe Freundin! Ich wußte wohl, daß er kommen würde --“ sprang sie in großer Erregung auf.

„Dem Himmel sei Dank! Sie kommen von meinem Gatten? Wie haben Sie ihn verlassen? Ist er noch am Leben?“

„Ich verließ den Obersten, als er sich inmitten seiner tapferen Leute gegen den Feind verteidigte. Er trug mir auf, Ihnen seine Grüße zu bringen.“

Er hatte sich bemüht, seiner Stimme einen festen Klang zu geben. Aber der scharfe weibliche Instinkt der bedauernswerten Frau erriet, was sich hinter seinen tröstlich klingenden Worten verbarg.

„Warum sagen Sie mir nicht die Wahrheit? Mein Mann ist tot!“

„Er war verwundet, aber Sie brauchen die Hoffnung nicht aufzugeben, ihn lebend wiederzusehen.“

„Wenn er verwundet ist, will ich zu ihm. Sie werden mich führen, Mr. Heideck! Es muß doch eine Möglichkeit geben, zu ihm zu gelangen.“

„Ich bitte Sie dringend, sich zu beruhigen, verehrte Mrs. Baird! Es ist gewiß begreiflich, daß Ihr Herz Sie jetzt zu Ihrem Gatten zieht. Aber die Ausführung Ihrer Absicht ist ganz unmöglich. Die Nacht bricht herein, und wenn es auch heller Tag wäre, würde niemand durch das Getümmel der zurückgehenden Armee dahin gelangen können, wo wir den Obersten suchen müßten.“

„Die Schlacht ist also verloren? Unser Heer ist auf der Flucht?“

„Der Verrat der indischen Truppen trägt die Schuld daran. Ihre Landsleute, Mrs. Baird, haben gekämpft wie Helden, und da eine verlorene Schlacht noch nicht einen verlorenen Feldzug bedeutet, werden sie die Scharte von heute vielleicht bald ausgewetzt haben.“

„Was aber soll nun aus uns werden? Man wird doch die Verwundeten hierher bringen, nicht wahr? Darum werde ich unter keinen Umständen fortgehen, ehe ich meinen Gatten wiedersehe.“

Ihr Entschluß, in der aufgeregten Stadt auszuharren, wäre sicherlich durch keine Kunst der Ueberredung zu erschüttern gewesen. Aber Heideck dachte auch gar nicht daran, Mrs. Baird von diesem Entschluß abzubringen. Denn es war seine feste Ueberzeugung, daß die von dem Obersten für den Fall einer Niederlage empfohlene Flucht nach Amritsar in der gegenwärtigen Lage ganz unausführbar war. In der Tat gab es kaum eine andere Möglichkeit, als hier im Hotel auszuharren und geduldig den weiteren Verlauf der Ereignisse abzuwarten.

In die aufgeregte Volksmenge draußen auf den Straßen durften sich weiße Frauen und Kinder jetzt unmöglich hinauswagen. Im Hause aber glaubte sie Heideck einstweilen noch vollkommen sicher, denn er hielt es für unmöglich, daß der Fanatismus der Eingebornen sich bis zu einem Angriff auf das Hotel steigern könnte, während sich noch beträchtliche Mengen englischen Militärs in der Stadt befanden.

Nur zu bald aber sollte er erfahren, daß auch er den Ernst der Situation unterschätzt hatte. Ein roter, zuckender Flammenschein, der das eben noch von der sinkenden Dämmerung erfüllte Gemach plötzlich erhellte, ließ ihn bestürzt an das Fenster eilen, und er sah zu seinem Schrecken, daß eines der Häuser auf der gegenüberliegenden Seite der Straße in Brand geraten war. Auch in dem anstoßenden Gebäude züngelten die Flammen bereits an den hölzernen Säulen der Veranda empor. Es war kein Zweifel, daß das Hotel in kurzer Zeit von Flammen umringt sein würde.

Unter diesen Umständen war an ein Verweilen im Hotel nicht mehr zu denken. Dem Feuer zwar konnten seine massiven Mauern vielleicht eine Zeitlang Widerstand bieten, aber der beißende Qualm, der Heideck schon jetzt den Atem benahm, als er für einen Moment das Fenster öffnete, hätte menschlichen Wesen den Aufenthalt in dieser Glut bald unmöglich gemacht. Nun wurde auch mit heftigen Schlägen an die Tür des Zimmers geklopft, und Morar Gopal, der Heideck überall im Hotel gesucht hatte, beschwor seinen Herrn, auf der Stelle zu entfliehen.

Der deutsche Offizier war sich vollkommen klar darüber, daß es jetzt galt, die eine Gefahr mit einer andern, vielleicht noch größeren, zu vertauschen. Aber es gab trotzdem kein Zaudern und Ueberlegen.

„Wir befinden uns inmitten einer Feuersbrunst, Mrs. Baird,“ sagte er dringend. „Niemand wird in dieser allgemeinen Aufregung einen Versuch machen, dem rasenden Element Einhalt zu gebieten. Und wenn Sie nicht hier mit Ihren Kindern ersticken wollen, müssen Sie mir folgen. Ich hoffe, Sie unversehrt in die Zitadelle oder an einen anderen geschützten Ort zu bringen.“

Edith Irwin hatte bereits eines der kleinen Mädchen in ihren Arm genommen, und als die Gattin des Obersten mit wirren Blicken suchend umhersah, als hätte sie den Wunsch, noch irgend welche teuren Besitztümer zu retten, drängte sie sie nachdrücklich zur Eile.

„Es gibt jetzt nichts wertvolleres, als das Leben Ihrer Kinder. Alles andere mag in Gottes Namen verloren gehen.“

Und die arme Frau, deren Sinne sich in dem Uebermaß des Schrecklichen zu verwirren begannen, fügte sich gehorsam der kaltblütigen Ueberlegenheit ihrer jungen Freundin. Von den Bewohnern des Hotels war schon beinahe alles geflüchtet. Nur ein paar unglückliche Frauen, die völlig den Kopf verloren hatten, irrten noch in den unteren Räumen umher, allerlei wertlose Dinge, von denen sie sich nicht trennen wollten, in den Händen haltend. Heideck rief ihnen zu, sich ihm anzuschließen. Aber sie verstanden ihn kaum, und er hatte nicht Zeit, sich weiter um die Bedauernswerten zu kümmern.

Den bloßen Säbel in der Faust, suchte der treue Hindu dem Gebieter und dessen Schützlingen einen Weg durch die zwischen den brennenden Häusern hin- und herwogende Menge zu bahnen. Es war jetzt völlig dunkel geworden, und nur die roten Flammen beleuchteten unheimlich die grausige nächtliche Szene. Der wütende Fanatismus der Menge schien sich während der letzten halben Stunde noch gewaltig gesteigert zu haben. Diese sonst so bescheidenen, unterwürfigen und liebenswürdigen Menschen waren plötzlich in eine Horde von Wilden verwandelt. Ueberall sah man geschwungene Dolche und Säbel, während ein betäubendes Geschrei die Luft zerriß. Nie zuvor hatte Heideck menschliche Wesen in solchem Aufruhr gesehen. In tollen Gestikulationen warfen diese braunen Burschen ihre Arme und Beine umher. Wie wilde Tiere fletschten sie die Zähne und brachten sich selbst mit ihren Waffen Verletzungen an Brust und Gliedern bei, um durch den Anblick des fließenden Blutes ihre Mordgier zu erhöhen.

Schritt für Schritt bahnten sich die beiden Männer durch gebieterische Zurufe und durch kräftige Schläge mit der flachen Klinge ihren Weg. Aber nach Verlauf von zehn Minuten hatten sie wenig mehr als hundert Meter zurückgelegt. Das Getümmel um sie her wurde immer enger und bedrohlicher, und Heideck sah ein, daß es unmöglich sein würde, die Zitadelle zu erreichen.

In banger Sorge um die seinem Schutze anvertrauten Menschenleben hielt er Umschau nach einem anderen rettenden Zufluchtsort. Aber die Europäer hatten ihre Häuser fest verschlossen und verrammelt, und keiner von ihnen würde den Hilfeflehenden aufgetan haben. Plötzlich wuchs das wüste Geschrei, das die weinenden Kinder schon jetzt fast zu Tode geängstigt hatte, zu einem markdurchdringenden Kreischen und Toben an, und eine Rotte von ihrer fanatischen Leidenschaft bis zum Wahnsinn gestachelter Dämonen stürmte aus einer Seitenstraße gerade auf Heideck zu.

Sie hatten irgendwo auf ihrem Wege schon eine Anzahl anderer weiblicher Flüchtlinge aufgefangen. Und der Anblick dieser Unglücklichen ließ dem deutschen Offizier das Blut in den Adern erstarren. Man hatte den Frauen, unter denen sich auch zwei fast noch an der Grenze des Kindesalters stehende Mädchen befanden, die Kleidungsstücke vom Leibe gerissen und stieß sie jetzt unter beständigen grausamen Mißhandlungen vorwärts, so daß sie aus zahlreichen Wunden bluteten.

Unfähig, seinen heiß aufwallenden Zorn über diese Bestialität niederzuhalten, riß Heideck den Revolver aus dem Gürtel und streckte eines der fanatisch heulenden Scheusale durch einen wohlgezielten Schuß zu Boden.

Aber es war nicht klug gewesen, was er da getan hatte. Wenn sein soldatisches Aussehen die im Grunde feige Gesellschaft bis dahin noch von Gewalttätigkeiten gegen ihn und seine Begleitung zurückgehalten hatte, so riß die aufkochende Wut jetzt alle Dämme nieder.

In der nächsten Sekunde schon war das kleine Häuflein in einen Knäuel tobender brauner Teufel eingeschlossen, und Heideck gab sich keiner Täuschung mehr darüber hin, daß es sich nur noch darum handeln könne, tapfer kämpfend zu sterben. Die ersten und ungestümsten der Angreifer vermochte er sich damit vom Leibe zu halten, daß er die fünf noch in seinem Revolver befindlichen Schüsse gegen sie abfeuerte. Der letzte von ihnen blies einem schwarzbärtigen Burschen gerade in dem Augenblick das Lebenslicht aus, als er mit brutalen Fäusten nach Edith Irwin gegriffen hatte. Jetzt warf Heideck den nutzlos gewordenen Revolver, den er nicht mehr von neuem zu laden vermochte, einem der zähnefletschenden Unholde ins Gesicht, schlang seinen freigewordenen linken Arm um Edith und setzte, sie fest an sich drückend, seinen verzweifelten Verteidigungskampf mit dem Säbel fort.

Für Mrs. Baird und ihre Kinder konnte er nichts mehr tun. Seitdem er den treuen Morar Gopal unter den Hieben einiger Mohammedaner hatte fallen sehen, wußte er, daß sie rettungslos verloren seien. Er gewahrte noch, wie man der Gattin des Obersten ebenfalls die Kleider in Fetzen vom Leibe riß; er hörte das herzzerreißende Wehgeschrei, mit dem sie unter den Schlägen und Stößen der entmenschten Peiniger nach ihren Kindern rief. Aber es blieb ihm wenigstens erspart, auch das Ende der unschuldigen kleinen Mädchen mit eigenen Augen sehen zu müssen. Sie waren seinem Blick in dem schrecklichen Gedränge entschwunden, und da sie ohnedies vor Entsetzen schon halb bewußtlos gewesen waren, mochte der Himmel wenigstens die Barmherzigkeit gehabt haben, sie die Qualen des Todes, den ihre fühllosen Schlächter ihnen bereiteten, nicht mehr empfinden zu lassen.

Und Edith?

Sie war nicht ohnmächtig. Nichts von jenen Schauern des Entsetzens, die selbst den Mutigsten im Angesicht des Todes überkommen, war in ihren Zügen zu lesen. Man hätte glauben können, daß die Vorgänge um sie her alle Schrecken für sie verloren hätten, seitdem Heidecks Arm sie umschlang.

Aber der Moment war nicht dazu angetan, Heideck die Seligkeit der Gewißheit ihrer Liebe empfinden zu lassen. Er war mit seinen Kräften zu Ende, und obwohl er bis auf eine geringfügige Verletzung an der Schulter noch unverwundet war, wurde es ihm doch schon unsäglich schwer, den Säbel zu führen, dessen wuchtige Hiebe die Angreifer bis auf einige Tollkühne, die ihren Vorwitz teuer genug bezahlt hatten, bisher noch immer in einer gewissen respektvollen Entfernung gehalten. In demselben Augenblick, wo ihn die Ermattung nötigte die Waffe sinken zu lassen, waren Edith und er hilflos der dämonischen Grausamkeit dieser Horde menschlicher Bestien preisgegeben. Das wußte er, und darum setzte er, obwohl es vor seinen Augen schon wie ein blutroter Nebel wogte, den letzten Rest seiner Kraft daran, diesen fürchterlichen Augenblick noch um ein Geringes hinauszuschieben. --

Und plötzlich geschah etwas Unerwartetes, Wunderbares, -- etwas, das er in seinem gegenwärtigen Zustande überhaupt nicht zu begreifen vermochte. Zahlreiche Ausrufe der Angst und des Schreckens mischten sich in das Wut- und Triumphgeheul der rachetrunkenen Inder. Mit der unwiderstehlichen Wucht einer Flutwelle drängte der ganze, dicht zusammengedrängte Menschenschwarm vorwärts und gegen die Häuser an beiden Seiten der Straße. Pferdegetrappel, Kommandorufe, das Geräusch klatschender Schläge wurden vernehmlich, und die Oberkörper bärtiger Reiter tauchten über den Köpfen der Menge auf.