Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman

Part 10

Chapter 103,470 wordsPublic domain

Der rote Schein zahlloser Feuer beleuchtete Heidecks Weg, als er in das Lager zurückkehrte. Ueberall auf der weiten Ebene zwischen der Stadt und dem Flusse wurde mit fieberhafter Geschäftigkeit gearbeitet. Lange Züge von Lasttieren waren in Bewegung, Lebensmittel und Munition wurden verteilt. Viele tausend Hände arbeiteten daran, den Uebergang der Armee über den flachen Nebenfluß des Ravi zu erleichtern. Man suchte den sumpfigen Stellen durch Bedeckung mit Palmenzweigen und Blättern größere Festigkeit zu geben, und für die Artillerie wurden in aller Eile Knütteldämme hergestellt. Heideck legte sich unwillkürlich die Frage vor, warum die Armee nicht gleich an der Stelle versammelt worden war, an der die Schlacht stattfinden sollte. Der Aufmarsch durch die schwierigen Gelände in Verbindung mit der beabsichtigten Linksschwenkung stellte an die Leistungsfähigkeit der Truppen Anforderungen, die ohne Zweifel die nachteiligsten Folgen für das Gefecht selbst haben mußten!

Vor seinem Zelte traf Heideck auf seinen indischen Boy, der sich ersichtlich in großer Aufregung befand.

„Wenn wir morgen früh aufbrechen, lassen wir das Zelt mit allem, was darin ist, stehen,“ sagte Heideck. „Du wirst meinen Hengst reiten, während ich dein Pferd nehme.“

Morar Gopal war ein Hindu aus dem Süden, fast so schwarz wie ein Neger, ein winziges, behendes Männchen, das kaum fünfzig Kilo wog. Deshalb wollte Heideck ihn auch zunächst sein Pferd reiten lassen, um dessen Kräfte für die späteren Anstrengungen des Tages möglichst zu schonen.

Jetzt erst gewahrte er, daß der Diener sich gegen seine Gewohnheit bewaffnet hatte. Er war mit einem Säbel umgürtet, und als er ihn nach dem Grunde fragte, erwiderte der Inder mit einem gewissen Pathos:

„Alle Hindus werden morgen sterben, aber ich will mich wenigstens tapfer verteidigen.“

„Und wie kommst du auf die Vermutung, daß alle Hindus morgen sterben müssen?“

„O, Sahib, wir wissen es wohl. Die Mohammedaner hassen die Hindus, und sie werden uns morgen alle töten.“

„Das ist ja Unsinn! Mohammedaner und Hindus werden morgen vereint gegen die Russen kämpfen.“

Aber der Inder schüttelte den Kopf.

„Nein, Sahib, die Russen sind auch Mohammedaner.“

„Der dir das sagte, hat dich belogen. Die Russen sind Christen, wie die Engländer.“

So großes Vertrauen Morar Gopal sonst auch zu seinem Herrn haben mochte, diesmal schenkte er seinen Versicherungen offenbar keinen rechten Glauben.

„Wenn sie Christen wären, warum sollten sie dann Krieg gegen andere Christen führen?“

Heideck sah ein, daß es unmöglich sein würde, den dunkelhäutigen Burschen über die ihm unverständlichen Dinge aufzuklären. Und da nur noch wenige Stunden für die Nachtruhe blieben, schickte er ihn auf seine Lagerstätte.

Der erste Sonnenstrahl zuckte noch kaum über die weite Ebene hin, als der Vormarsch begann. Heideck war bereits vor Tagesanbruch im Sattel gewesen, und er fand noch vor dem Aufbruch die Zeit, einige Worte mit dem Obersten Baird zu wechseln.

Dieser war heute auf einen sehr wichtigen und verantwortungsvollen Führerposten gestellt. Er kommandierte eine Brigade, die aus zwei englischen und einem Sepoy-Regiment, den Lancers und einer Batterie bestand. Dazu befehligte er das vom Maharadjah von Chanidigot gestellte und von dem Prinzen Tasatat geführte Hilfskorps, das aus tausend Mann Fußvolk, fünfhundert Reitern und einer Batterie bestand. Der Prinz selbst war auf das prächtigste gekleidet und bewaffnet; Griff und Scheide seines Säbels funkelten von Edelsteinen, und an seinem Turban blitzte eine Agraffe aus kostbaren Diamanten. Er ritt einen prächtigen Fuchs, dessen Zäumung allein ein kleines Vermögen darstellte. -- Auch seine Truppen waren schön gekleidet und trugen ein sehr zuversichtliches Wesen zur Schau. Die Reiter waren ähnlich den englischen Lancers mit langen Lanzen ausgerüstet und trugen rote, blaugestreifte Turbane. Viele von ihnen waren aber trotz ihrer schweren Stiefel genötigt gewesen, in die Reihen der Infanterie einzutreten, da sowohl bei den mohammedanischen Truppen, wie bei der englischen Kavallerie infolge schlechter Verpflegung und übergroßer Anstrengung zahlreiche Pferde eingegangen waren.

Die Bewegung der britischen Armee war ziemlich verwickelt. Die englischen Streitkräfte standen noch in zwei Treffen versammelt zwischen Schah Dara und dem Park von Shalimar. Das erste bildeten die von englischen Offizieren kommandierten indischen Truppen, das zweite die englischen Regimenter. So sollte verhindert werden, daß die zirka fünfundsiebzigtausend Inder die Flucht ergreifen könnten; sollte das erste Treffen aber zum Rückzug gezwungen werden, dann konnte es durch die fünfundzwanzigtausend Engländer Aufnahme finden und so die Schlacht wieder zum Stehen gebracht werden. Der Vormarsch wurde nun so angetreten, daß die rechte Hälfte der Aufstellung weit nach rechts ausholend die Linksschwenkung ausführte und dadurch die Front um etwa ein Drittel verlängerte; zur Füllung der hierdurch im Zentrum entstehenden Lücke wurde das zweite Treffen in das erste vorgezogen und bildete nunmehr die Mitte der Schlachtlinie. Gleichzeitig wurde ein neues zweites Treffen gebildet, das durch Zurücklassen entsprechender Truppen aller vorgehenden Abteilungen gebildet und hinter dem linken Flügel der gesamten Aufstellung zusammengezogen wurde: die Engländer hielten ihren linken Flügel für den am meisten bedrohten. Oberst Baird befand sich mit seiner Brigade in der Mitte der ganzen Aufstellung in vorderster Linie.

Heideck sah viele indische Regimenter an sich vorüber ziehen, und es entging ihm nicht, wie verschieden die Stimmung und Haltung der Leute war, je nachdem sie zu den Mohammedanern oder zu den Hindus gehörten. Während jene sehr unternehmend und viele sogar fröhlich aussahen, ließen die Hindus zum Zeichen ihrer Verzweiflung die Enden ihrer Turbane lose herabhängen und marschierten, Kopf und Gesicht mit Asche bestreut, trübselig dahin. Die Auffassung Morar Gopals von dem allen Hindus bevorstehenden Schicksale war also offenbar ganz allgemein.

So weit das Auge reichte, war die weite Ebene mit marschierenden Infanterie-Kolonnen, Reiterscharen und dumpf rasselnden Geschützen bedeckt. Während das englische Fußvolk in seinen gelbbraunen Khakianzügen sich kaum von der Farbe des Bodens abhob, glichen die Reiterregimenter und die Truppen der indischen Fürsten buntfarbigen Inseln in dem bewegten und unabsehbaren Meere des in zwei Treffen vorrückenden Heeres.

Dem Wunsche des Obersten entsprechend, hielt sich Heideck in der Nähe des Höchstkommandierenden, dessen zahlreicher Stab und großes Gefolge von Dienern, Pferden und Wagen ihm gestattete, sich unauffällig in das Gedränge zu mischen. Aber nicht lange blieb der General bei dem Zentrum. Um einen besseren Ueberblick über die ganze Schwenkung zu gewinnen und die Annäherung der Russen beobachten zu können, ritt er mit seinem Stabe und einer starken Reitereskorte gegen den Ravifluß vor. Heideck schloß sich, von seinem treuen Diener begleitet, ihnen an und war auf solche Art der Brigade des Obersten Baird bald weit voraus.

Von den Russen war vorläufig nichts zu sehen, und es mochten wohl schon drei Stunden seit dem Beginn des Vormarsches verflossen sein, als der dumpfe Donner der ersten Kanonenschüsse über das weite Feld dahinrollte. Der Feldherr hielt an und richtete seinen Krimstecher nach dem linken Flügel, wo die Kanonade mit jeder Minute an Heftigkeit zunahm. Eine weitere halbe Stunde noch, und das helle Knattern des Infanteriefeuers mischte sich in das Dröhnen der schweren Geschütze. Es war kein Zweifel mehr: am linken Flügel bei Schah Dara hatte die Schlacht begonnen. Gegen das rechte Raviufer vorgehend, machten die Russen Miene Lahore anzugreifen. Der Feldherr entsandte zwei Ordonnanzoffiziere nach dem rechten Flügel und dem Zentrum, mit dem Befehl, den Marsch zu beschleunigen. Dann kehrte er selbst mit seinem Gefolge an den früheren Standort zurück.

Heideck aber konnte sich nicht sogleich entschließen, ihm zu folgen. Seit dem Augenblick, da der erste Schuß gefallen war, hatte ihn das Schlachtenfieber ergriffen; er war jetzt nur noch Soldat.

Ein Gebäude, das er in geringer Entfernung bemerkt hatte und von dessen schlankem Minaret aus er einen besseren Ueberblick zu gewinnen hoffte, zog ihn unwiderstehlich an. Es war das halb verfallene Grabdenkmal irgend eines Heiligen, und es kostete Heideck einige Mühe, die Spitze des etwa sechs Meter hohen Minarets zu erklimmen, während sein Diener unten mit den Pferden wartete. Aber die Anstrengung wurde reichlich belohnt. Weithin übersah Heideck das flache Gefilde. Der vielfach gekrümmte Ravifluß war kaum eine halbe englische Meile entfernt. Seine Ufer waren mit hohem Grase und dichtem Dschungelgebüsch bestanden; jenseits des Stromes aber zeigten sich ungeheure, dicht zusammengeballte Truppenmassen: die vorrückende russische Armee.

Beide Heere mußten sehr bald am Flusse aufeinanderstoßen, denn einzelne Reiterregimenter und reitende Batterien der Engländer, die in langer Linie vorrückten, befanden sich bereits in dessen unmittelbarer Nähe.

Heideck hatte genug gesehen, um den Stand der Schlacht beurteilen zu können. Er kletterte wieder von seinem Minaret herab und bestieg jetzt den noch völlig frischen Hengst, während Morar Gopal sich in den Sattel seines Pferdes schwang. So gelangten sie sehr bald unter die britischen Reiter, die dem Gros vorausschwärmten. Der Anmarsch geschah jetzt mit äußerster Schnelligkeit. In der raschesten Gangart, die der weiche Boden nur immer gestattete, fuhren die englischen Batterien auf, protzten ab und eröffneten das Feuer. Geschlossene Infanteriemassen marschierten auf das Dschungel los. Von der anderen Seite des Flusses her aber wurde das lebhafte englische Feuer nur schwach erwidert. Nur aus der Gegend des linken englischen Flügels her, der von hier aus nicht zu erblicken war, dauerte das Geschütz- und Salvenfeuer mit unverminderter Heftigkeit fort.

Die Folge davon war, daß beträchtliche Verstärkungen nach dem anscheinend hart bedrängten linken Flügel entsandt wurden, wodurch eine erhebliche Schwächung des Zentrums herbeigeführt wurde, ohne daß wirkliche Klarheit über die Absichten der Russen vorhanden war. Gerade das aber mochte nach Heidecks Ueberzeugung die russische Taktik gewesen sein. Er war der Ansicht, daß sie den großen Schlachtenlärm bei Schah Dara wahrscheinlich nur verursachten, um die Aufmerksamkeit der Engländer dorthin abzulenken und dann den Hauptstoß in das Zentrum zu führen. Heidecks Urteil war richtig: die russische Hauptmacht stand dem Oberst Baird gegenüber.

Ein anderer Umstand, der sein Befremden erregte, war die Wahrnehmung, daß sowohl die englischen als auch die indischen Infanterieregimenter vor dem Dschungel Halt machten, statt bis zum Ravifluß durchzustoßen. Es wurden nicht einmal Schützen hineingeschickt, obwohl das Buschwerk keineswegs so dicht war, daß sich nicht eine Schützenkette darin hätte einnisten können. Die stachlichen Sträucher am Ufer standen vielmehr weit genug von einander entfernt, und das hohe Gras, das den Leuten wohl bis an die Schultern ging, hätte sogar ein vortreffliches Versteck geboten.

Nach und nach hatte die englische Armee die Linksschwenkung ausgeführt und stand der russischen Front nun gegenüber, und fortwährend wurden neue Regimenter aus dem zweiten Treffen in den vermeintlich gefährdeten linken Flügel vorgezogen. Unablässig donnerten die englischen Geschütze, aber ihre Aufstellung ließ manches zu wünschen übrig, viele von ihnen schossen, ohne durch das Dschungel hindurch den Feind überhaupt sehen zu können, und vergeudeten so nutzlos und vorzeitig ihre Munition.

Hell schien die Sonne vom wolkenlosen Himmel herab. Ein leichter Nordwest, den das ferne Gebirge herabsandte, trieb den schwachen Pulverdampf in dünnen Wolken zur englischen Armee zurück.

Die Infanterie stand jetzt bewegungslos, da der Feind für sie völlig unsichtbar war. Erwartungsvolle Schwüle lag über den gewaltigen Kriegermassen, die die Gefahr fühlten und doch zu qualvoller Untätigkeit verurteilt waren. -- Da mit einem Male erhob sich vom Flusse her wildes Geschrei, und gleich einem ungeheuren Heuschreckenschwarm durchbrachen Scharen von Reitern die Dschungeln, die vorher sogar die englische Infanterie hatten aufhalten können. Tausende der wilden Afghanen und der Krieger aus Buchara, Samarkand, Chiva und Semiretschensk, die zu den turkestanischen Divisionen vereinigt waren, hatten den Uebergang über den Fluß bewerkstelligt und stürzten sich nun unter dem gellenden Geschrei: ‚Allah! Allah!‘ auf die englischen Bataillone und Batterien. Im Schießen vom Pferde vorzüglich geübt, waren sie ein schrecklicher Gegner.

Obwohl die Engländer den unvermuteten Angriff mit knatterndem Salvenfeuer erwiderten und nicht um eines Haares Breite aus ihrer Position wichen, erlitten die russischen Reihen infolge ihrer aufgelösten Ordnung nur wenig Verluste. Immer neue Schwärme brachen aus dem Dschungel hervor, und wie ein Heer von Teufeln ritten sie gegen die Batterien an. Einige von diesen wurden wirklich zum Schweigen gebracht: die Bedienungsmannschaften waren niedergeschlagen worden, ehe sie die Geschütze gegen ihre Angreifer hatten wenden können, so rasend schnell und überraschend waren die kühnen Reiter vorgestürmt.

Zu spät kam die in glänzender Attacke vorgehende englische Kavallerie heran, die Wucht des Stoßes verpuffte, da die feindlichen Reiter schon wieder nach allen Seiten auseinandergestoben waren. Diese Leute hatten ihre kleinen, flinken Pferde auf eine geradezu wunderbare Weise in der Gewalt. Sie schienen völlig mit ihnen verwachsen, und die Schnelligkeit, mit der sie ihre Schwärme auflösten um sich sogleich wieder an anderer Stelle zu dichten Haufen zusammenzuschließen, machte sie für die kompakten Schwadronen des Gegners fast unangreifbar.

Einmal war auch Heideck mit einem Teil des Stabes, dem er sich angeschlossen hatte, in das Kampfgedränge geraten. Er hatte einen Afghanen, der ihn angriff, vom Pferde schießen müssen, und wahrscheinlich hätte ihn im nächsten Augenblick der Säbelhieb eines andern getroffen, wenn nicht der treue Morar Gopal, der eine erstaunliche Tapferkeit an den Tag legte, den Reiter rechtzeitig mit einem Stoß seines Säbels unschädlich gemacht hätte. Noch wogte das Kavalleriegefecht hin und her, als plötzlich eine große Anzahl heller Punkte in dem Grase vor dem Dschungel auftauchte. Scharf und hell knallte es von dort herüber, und die verderbliche Wirkung der Schüsse bewies, wie trefflich die russischen Schützen, die sich dort langsam gegen die britische Armee zu vorschoben, ihre Gewehre zu handhaben wußten. Die englische Infanterie gab unermüdlich ihre Salven ab, aber ein nennenswerter Effekt dieser Munitionsverschwendung war nicht wahrzunehmen. Die Zielpunkte waren zu winzig und zu weit verstreut, als daß das auf Kommando mechanisch abgegebene Salvenfeuer die gewünschte Wirkung hätte ausüben können. Außerdem hatten die Russen an dem farbigen Hintergrund des Dschungels eine vortreffliche Deckung, während die Engländer sich wie eine aufgestellte Scheibe gegen den hellen Horizont abhoben. Planmäßig nahmen die Russen zuerst die Bedienungsmannschaften der englischen Batterien unter Feuer. Die englische Artillerie wurde durch die wohlgezielten Schüsse der Russen auf eine fürchterliche Weise dezimiert, so daß schon nach Verlauf von kaum zehn Minuten der Befehl erteilt wurde, mit den Kanonen zurückzugehen. Soweit es möglich war, protzten die Engländer auf und jagten zurück, um zwischen den Infanterie-Bataillonen Aufstellung zu nehmen und von dort aus das Feuer wieder zu eröffnen. So rächte sich das reglementswidrige Vorgehen der englischen Artillerie, das eine Folge des übereilten Vordringens war, aufs schwerste.

Eine viel stärkere und verhängnisvollere Wirkung jedoch als der Angriff selbst schien das unaufhörliche Allahgeschrei der Afghanen und turkestanischen Reiter auf die in den britischen Linien stehenden Mohammedaner hervorzubringen. Heideck sah ganz deutlich, daß die indischen Soldaten hier und dort wie auf Kommando aufhörten zu feuern, und er gewahrte, wie erregte englische Offiziere mit dem flachen Säbel auf die Leute losschlugen und sie mit dem Revolver bedrohten. Offenbar aber hatten die Anführer ihren Einfluß auf die ihnen unterstellten fremden Elemente verloren. Ganz in der Nähe des Höchstkommandierenden wurde ein englischer Kapitän von einem indischen Soldaten mit dem Bajonett niedergestochen, und es war kaum zu bezweifeln, daß ähnliche Handlungen offener Rebellion sich auch bei den übrigen indischen Truppen wiederholten.

Die Leute, die nur mit dem heftigsten inneren Widerwillen dem Befehl der fremden Tyrannen gehorcht hatten, glaubten augenscheinlich schon jetzt den rechten Zeitpunkt gekommen, das verhaßte Joch abzuschütteln, und zugleich loderte die alte Feindschaft zwischen Mohammedanern und Hindus, der Gegensatz der beiden Religionen, der sich auch in friedlichen Zeiten sehr oft in blutigen Schlägereien kundgegeben hatte, in hellen Flammen auf. Inmitten des britischen Heeres kam es zu erbitterten Einzelkämpfen zwischen den unversöhnlichen Gegnern. Und es war unvermeidlich, daß dadurch die ganze Disziplin verhängnisvoll erschüttert und aufgelöst wurde.

Das Schlachtfeld machte einen entsetzlichen Eindruck. Vor der Front lagen zahllose Verwundete, die um Hilfe schrieen und denen doch keine Pflege gebracht werden konnte, da das Zurückgehen der englischen Artillerie ohne Rücksicht auf die Zurückbleibenden hatte vor sich gehen müssen: verwundete Pferde, die wild um sich schlugen, um aus den Geschirren zu kommen, erhöhten noch den grausigen Eindruck der schrecklichen Szenerie; dazwischen sprengten vereinzelte Abteilungen der englischen Kavallerie, auf die die eigene Infanterie aus Furcht vor dem Vorgehen der russischen Schützen rücksichtslos schoß. Wenn auch im Kriege die Schlachtfronten an sich ein so grauenvolles Bild bieten, daß nur die Erregung des Augenblickes dem Menschen das Ertragen dieses Eindrucks ermöglicht, so überstieg das sich hier durch den Vorkampf abspielende Bild doch alle Vorstellungen. Die Disziplinlosigkeit in den englischen Linien nahm immer mehr zu, so daß die englischen Offiziere ihre ganze Aufmerksamkeit auf die eigene Truppe, statt auf die Bewegungen des Gegners richten mußten. Wie nötig das war, zeigte sich sehr bald.

Prinz Tasatat war der erste, der mit seiner ganzen Mannschaft die Brigade des Obersten Baird verließ und offen zum Feind überging. Sein Beispiel wirkte entscheidend auf die bisher noch zaudernden Inder ein, und so wuchs die Zahl der Ueberläufer mit jeder Minute.

Eine einheitliche Leitung der Schlachtlinie war längst unmöglich geworden. Oberst Baird ließ seine Geschütze auf die Abteilung des Prinzen Tasatat richten, und gleich ihm führten viele andere Befehlshaber nach eigenem Ermessen ihren besonderen Kampf. Einzelne indische Regimenter zerstreuten sich nach allen Richtungen hin, weil es den Leuten weniger um einen Kampf zu tun war, als darum, Beute bei den Gefangenen und Verwundeten zu machen. An vielen Stellen des Schlachtfeldes kam es zum Handgemenge, das bei der fanatischen Erbitterung der Kämpfenden jedesmal zu einem grauenhaften Gemetzel wurde. Am schlimmsten ging es denen, die in die Hände der Afghanen fielen. Denn diese Teufel in Menschengestalt schnitten allen Gefangenen und Verwundeten, gleichviel, ob es Mohammedaner, Hindus oder Engländer waren, kurzerhand die Köpfe ab, und in ihrer Raubgier rissen sie den Verwundeten und Toten die Wertgegenstände vom Körper.

Ein ungeheurer Strom von Flüchtlingen zog an den noch in geschlossener Aufstellung verharrenden englischen Regimentern vorbei durch die Ebene nach Lahore, um hinter den Mauern der befestigten Stadt Schutz zu suchen.

Heideck hielt die britische Sache schon jetzt für verloren, und er war darauf gefaßt, zusammen mit den tapferen Männern seiner Umgebung hier den Schlachtentod zu sterben. Aber mit einem Gefühl aufrichtiger Bewunderung mußte er erkennen, wieviel Tapferkeit und musterhafte Disziplin den rein englischen Truppen innewohnte. Diejenigen Regimenter und Batterien, denen keine einheimischen Elemente beigemischt waren, blieben in all dem fürchterlichen Wirrwarr ruhig und unerschüttert, und dank ihrer Tapferkeit begann die anfangs so regellose Schlacht sich allgemach zu klären, wie wenn die starren Spitzen eines Gebirges aus dem sich senkenden Nebel hervortreten.

Statt der halbwilden Reiterei, die den Angriff eröffnet hatte, standen den englischen Truppen jetzt russische Batterien und gewaltige Infanteriemassen mit dichten Schützenschwärmen, sowie mehrere Dragonerregimenter gegenüber.

In dem allerdings sehr zusammengeschmolzenen zweiten Treffen der Engländer befand sich der Oberbefehlshaber mit etwa sechstausend Mann und zwei Batterien. Er hatte offenbar die Absicht, einen geordneten Rückzug nach Lahore anzutreten und denselben mit seinen Kerntruppen zu decken.

Es gelang ihm auch noch, vom rechten und linken Flügel zwei Abteilungen durch ausgesandte Ordonnanzoffiziere heranzuziehen. Das erste Treffen aber war so stark im Gefecht mit russischer Infanterie, daß ein geordneter Rückzug fast undenkbar war.

Trotzdem wollte der Feldherr den Versuch machen, auch das erste Treffen seiner Armee zurückzuziehen. Er entsandte einen seiner Adjutanten, um dem Obersten Baird, der noch etwa zweitausend Mann um sich haben mochte, den Befehl zum Abbrechen des Gefechts und zum Rückzug zu überbringen. Der junge Offizier salutierte mit tiefernstem Gesicht, zog seinen Säbel und sprengte davon. Aber er legte nur einen kleinen Teil seines etwa eineinhalb Kilometer langen todumdrohten Weges zurück. Umherschwärmende Kosaken auf kleinen, struppigen aber blitzschnellen Pferden griffen ihn an und warfen das Opfer soldatischer Pflicht aus dem Sattel.

Der General schien unschlüssig, ob er noch ein anderes junges Leben an die aussichtslose Aufgabe setzen solle. Da ritt Heideck auf ihn zu und legte die Hand an seinen Helm.

„Wollen Exzellenz mich reiten lassen! Ich bin mit dem Obersten Baird befreundet und würde gern die Gelegenheit wahrnehmen, ihm meinen Dank für erwiesene Güte abzustatten!“

Der Feldherr musterte den ihm unbekannten Herrn, der wie ein Offizier aussah aber keine vorschriftsmäßige Uniform trug, mit scharfem Blick. Doch er ließ sich nicht Zeit, Fragen zu stellen.

„Reiten Sie!“ sagte er kurz. „Der Oberst soll nicht länger Stand halten; er soll rechts ausbiegend auf Lahore zurückgehen -- wenn er irgend kann.“

Heideck salutierte und warf seinen Hengst herum. Er hatte den Revolver in den Gürtel und den Säbel in die Scheide gesteckt. Denn nicht durch den Gebrauch der Waffen, sondern einzig durch die Schnelligkeit seines Pferdes durfte er hoffen, hier zum Ziel zu gelangen. Er ließ dem Tiere die Zügel und ermunterte es durch Zuruf. Und der Hengst machte die auf ihn gesetzten Hoffnungen nicht zu schanden. Er schien über den zerstampften Boden mehr dahinzufliegen als zu laufen. Die Kosaken, die auch diesen einzelnen Reiter zu erwischen versuchten, vermochten ihn nicht zu erreichen. Und von den Schüssen, die dem Verwegenen galten, traf keiner sein Ziel.

Unversehrt erreichte der freiwillige Meldereiter die Brigade. Aber er kam zu spät; denn fast im nämlichen Moment erfolgte der Zusammenstoß mit der trotz ihrer Verluste unaufhaltsam vorrückenden russischen Infanterie. Um sein und seiner wackern Krieger Leben so teuer als möglich zu verkaufen, hatte Oberst Baird ein Karree formieren lassen, in dessen Mitte sich die Reiter und die Geschütze befanden. Viele der Offiziere waren indessen aus dem Sattel gestiegen, hatten sich mit den Gewehren und Patrontaschen von Gefallenen versehen und waren mit aufgepflanztem Bajonett in das erste Glied des Vierecks getreten. Schweratmend und schweißbedeckt hielt Heideck vor dem Obersten und erstattete ihm seine Meldung.

Aber der tapfere Engländer wies mit einer Handbewegung auf die russischen Linien.

„Unmöglich!“ sagte er. „Es ist uns bestimmt, auf diesem Fleck zu sterben.“