Chapter 8
Da schüttelte sie heftig den Kopf und öffnete die Augen mit einem starren, wilden Wesen, das ihn erschreckte. Ich weiß es besser, sagte sie dumpf vor sich hin. Die Mutter hat mir's gesagt, ich soll mich nicht irremachen lassen, sie hätte alle betrogen, die geistlichen Herren und das Amt und alle. Aber den Herrgott betrügt niemand. Wie sollt's auch anders sein? Wo ist denn seine Mutter, und warum hilft sie ihm nicht, jetzt da er elend ist? Ich weiß es besser, uns hilft niemand, niemand wird uns zusammengeben als der Tod, und nun geht und laßt mich allein, was sucht Ihr hier? Ich muß nur erst das Kind-Da stockte sie, und es schüttelte sie wieder über den ganzen Leib, und sie schloß die Augen von neuem. Plötzlich wurde sie wieder stiller, als sinne sie über etwas nach. Ist es wahr, sagte sie mit furchtsamem Ton, in die Kirche soll ich mit ihm, und Ihr wollt den Segen über uns sprechen? Ja, wenn das anginge, das wäre wohl schön. Aber ich weiß es besser, ihr seid alle betrogen; wenn Ihr's tun wolltet und es käm' die Stelle, ob jemand Einspruch zu tun hätte, daß der Andree und die Moidi ein Paar werden sollen, da würdet Ihr's erleben, da würde plötzlich die Mutter am Hochaltar stehn und lachen, daß sie Euch betrogen hat, und Ihr könntet den Segen nicht sprechen. So wird es kommen; ich weiß es besser!
Moidi, sagte der geistliche Herr mit fester Stimme, du bist ein unwissendes Ding, und was du da schwatzest, ist alles eine Vorspiegelung des bösen Feindes, um dich in noch größere Sünde zu verstricken. Ist es dir nicht genug, wenn ich dir sage, ich weiß, wer des Andree Mutter und Vater sind, und ich darf's nur nicht sagen, weil es mir von denen verboten ist, denen ich Gehorsam schuldig bin?
Sie sah plötzlich groß auf zu ihm, ohne ein Wort über die Lippen zu bringen. Aber in ihrem Gesicht lag ein so angstvolles Flehen, daß er tief davon erschüttert wurde und sich abwenden mußte, um sich wieder zu fassen. Da hörte er, wie sie leise höhnisch vor sich hinlachte. Seht Ihr wohl, sagte sie, Ihr könnt mir nicht dabei ins Gesicht sehn, es ist alles erlogen, nur damit ich wieder froh werden soll; der Andree wird Euch darum gebeten haben, es geht ihm so zu Herzen, aber wer kann uns helfen? Wenn Ihr wüßtet, wer seine Eltern sind, würdet Ihr wohl zu ihnen gehn und ihnen davon sagen, daß man mit Fingern auf die Moidi und den Andree zeigt, weil die Leute sagen, sie seien Bruder und Schwester und hätten doch ein Kind. Aber Ihr könnt die Eltern nicht rufen, denn wo sind sie? Die Mutter kenne ich wohl, sie hat mir's im Traum gesagt, mich macht niemand irre, ich weiß es besser!-Da widerstand er nicht länger. Höre mich an, sagte er und trat dicht an ihr Bette. Ich kann deine armseligen Reden nicht mehr hören und will dir sagen, was ich weiß, und was so wahr ist, wie daß ein barmherziger Gott im Himmel wohnt. Aber gelobe nur erst bei deiner armen Seele, daß du nie einem Menschen, am wenigsten dem Andree, das wiedersagen willst, was ich dir gegen meine Pflicht und kirchlichen Gehorsam vertrauen werde, weil dein Geist schwer verstört ist und es noch schlimmer werden möchte, wofern ich schwiege. Willst du mir auf das heilige Sakrament versprechen, es für dich zu behalten?
Sie nickte dreimal mit aufmerksamer Miene, in der ein schwacher Schimmer von Hoffnung aufdämmerte. Siehe, fuhr er fort, der Andree bedarf's nicht; er hat keine Zweifel und Gewissensqual und wird dich ohne Furcht in die Kirche führen. Und ich denke wohl auch, daß dann seine Mutter mit unter den anderen sitzen und im stillen den Segen mitbeten wird, aber nicht der abgeschiedene Geist der Maria Ingram, deiner armen Mutter, sondern--und er neigte seinen Mund dicht an ihr Ohr--die Tante der Rosine, die Anna Hirzer, die ihn aus der Taufe gehoben, die wird mitbeten und wahrlich keinen Einspruch tun.
Er hatte die Worte mit hastigem Flüstern herausgestoßen und fuhr, wie von seiner eigenen Rede erschreckt, in die Höhe, ob kein dritter sie gehört habe. Das junge Weib saß still und starr; es war, als hätte die Enthüllung dieses Geheimnisses keinen Eindruck auf ihre verstörte Seele gemacht.
Nun du so viel weißt, meine Tochter, fing der kleine Priester nach einer Pause wieder an, sollst du auch wissen, wie das alles gekommen ist, denn sonst dächtest du, auch das sei nur eine Vorspiegelung. Du weißt aber wohl, daß deine Mutter den kleinen Andree damals von der Alm mit heruntergebracht hat. Auf selbiger Alm hat ihn die Anna Hirzer geboren. Ein Jahr zuvor nämlich ist ein fremder Herr aus Deutschland nach Innsbruck gekommen, ein Offizier, der hatte einen Feldzug gegen den Napoleon mitgemacht, und wie seine Wunden geheilt waren, schickten ihn die Ärzte ins Tirol hinein, weil die Luft droben, wo er zu Hause war, ihm nicht guttat. Nun, da hat er die Anna Hirzer auf der Straße gesehen, und es ist bald richtig zwischen ihnen geworden, denn er war ein rascher und ritterlicher Herr, und was er sich in den Kopf gesetzt hatte, das mußte geschehen, grad wie der Andree es von klein auf gemacht hat. Aber die Sache hatte noch einen schlimmen Haken, denn der Offizier--du hörst doch, was ich sage, Moidi?
Sie nickte rasch mit dem Kopf und hob beide Hände auf, als wollte sie ihn bitten, sich nicht über ihr starres Wesen zu verwundern, sondern ruhig fortzuerzählen.
Ja siehe, Kind, sagte er, der Herr war sonst ein wackrer Herr, von Adel und reich, und gedachte die Anna auch zu heiraten. Aber er war ein Lutheraner und wollte von unserer heiligen Kirche nichts wissen, und die Anna weinte Tage und Nächte, daß sie ihn in der Verdammnis wissen und ihm nicht helfen sollte. Und als sie merkte, daß ihr Bitten und Beten nichts über ihn vermochte, ist sie zu ihrem Beichtvater gegangen, der hat ihr geraten, ihr Herz Gott zum Opfer zu bringen und vor dem Versucher zu fliehen. Und weil sie ein frommes und heiliges Gemüt hatte, ist sie auch wirklich von Innsbruck weg, ganz heimlich, daß es ihr Bräutigam erst erfuhr, als sie schon wieder auf Goyen angekommen war, bei ihrem Bruder. Der hat sie sehr gelobt, daß sie lieber geflohen war, als das schwere Ärgernis zu geben; denn du weißt, daß die Hirzers allezeit eifrig gewesen sind für unsern katholischen Glauben, und der Joseph pflegte zu sagen, lieber den rechten Arm wollt' er missen, als ein Glied seiner Familie verlorengeben an die Ketzer und Widerchristen. Die Anna aber hatte sich doch zuviel zugetraut, denn schon nach ein paar Tagen glich sie sich selber nicht mehr und ging wie ein Schatten herum, nahm auch kaum einen Mund voll Speise, daß ich dachte, sie wird ausgehn wie eine Lampe, der man kein Öl nachschüttet. Sie hing schon allzusehr an dem Fremden, und Gott weiß, was ich drum gegeben hätte, wenn sich die armen Leutchen hätten ehelich verbinden können. Ich hab' auch mit dem Herrn Dekan damals viel verhandelt, aber zuletzt zerschlug sich's immer wieder, weil die Kinder nicht auch verdammt sein sollten, das hätte auch die Anna nicht übers Herz gebracht. Und so vergingen sechs oder sieben Tage; da kommt der Joseph eines Morgens zu mir, feuerrot vor Wut und Ärger, und erzählt mir, der Ketzer, der Bräutigam, sei ihr nun wirklich nachgereist und wohne auf Schloß Trautmannsdorf, weil er mit dem Grafen bekannt sei. Was nun werden solle?--Ich wieder zum Dekan, und wieder der alte Bescheid; und dann zur Anna hinauf und von der zu dem Fremden--an die Tage will ich denken, so alt ich werden mag, die haben mich nicht wenig Schweiß und Herzblut gekostet. Aber während wir noch alle mit Sorgen und Reden und Raten zu schaffen hatten und ich fast glaubte, wir würden an dem Fremden, der ein sehr ehrerbietiges Benehmen gegen mich hatte, der Kirche einen verlornen Sohn zuführen, wußte sich der trotzige und wagehalsige Mann heimlich des Nachts auf Schloß Goyen zu schleichen und trotz der Wachsamkeit des Joseph seine Liebste wiederzusehen. Wohl vier Wochen lang dauerte die Heimlichkeit. Eines Morgens aber, noch lang vor der ersten Messe, als er in der grauen Dämmerung eben wieder fortwollte und zwar wie immer zum Fenster hinaus, wo neben der rauhen Burgmauer die Fichte so dicht stand, daß er sich wie an einer Leiter hinunterschwingen konnte, da war der Joseph Hirzer früher als sonst aufgewacht und sah die Gestalt herabklimmen und wußte alles. Da gab es einen wilden Kampf in der stillen Schlucht droben, wo's nach der Naif zu steil abfällt, und die Anna mußte aus ihrem Fenster mit ansehn, wie der Bruder den Bräutigam zuletzt niederrang und ihn mit den Füßen trat. Der Fremde war aber gegen einen Felsen gefallen und hatte sich so schwer verletzt, daß er sich nur mühselig, eh' es Tag wurde, bis nach Trautmannsdorf schleppen konnte und dort elendiglich darniederlag. Er verlangte gleich, sobald er zur Besinnung kam, fort, und so ließ ihn der Graf in seinem eigenen Wagen nach Venedig bringen, und kaum drei Wochen war er dort, so kam die Nachricht, daß er gestorben sei.
Der kleine Priester schwieg ein wenig, nahm bedächtig eine Prise aus dem Rindendöschen und sagte dann, vor sich hin blickend: Friede sei seiner Seele! Er war ein feiner und edelmütiger Kavalier und stattlich von Gesicht und Statur. Der Andree ist sein wahres Ebenbild, nur daß er kleiner ist und die Augen von der Mutter hat. Niemals ist mir's so nah gegangen wie damals, zu denken, warum doch der verschiedene Glaube unter den Menschen bestehen muß und der eine verdammen, der andere selig machen. Aber Gott hat es so eingesetzt, und wir kurzsichtigen Menschen müssen es hinnehmen. Ich war es selbst, der aus Venedig die Nachricht der Anna bringen mußte. Das war auch ein saurer Gang, meine Tochter! Es ist aber hernach wieder friedlich droben zugegangen, der Joseph und die Anna haben sich kein böses Wort drüber sagen dürfen, sie hatten sich beide was zu vergeben. Und wie der Sommer kam, ist die Anna zum Schein nach Bozen abgereist, heimlich aber ging sie auf die Alm zu deiner Mutter, denn außer uns fünfen hat nie eine lebendige Seele erfahren, was in jener Nacht geschehen. Nicht einmal auf Trautmannsdorf wußten sie, zu wem der fremde Herr bei Nacht auf Besuch ging. Und als alles vorbei war und deine Mutter den Knaben von der Alm mit nach Hause gebracht hatte, da ließ die Anna ihr Testament aufsetzen und verschrieb ihr halbes Vermögen der Kirche von Meran und die andere Hälfte der Kirche in Innsbruck, wo sie ihren Bräutigam zum erstenmal gesprochen hatte, und stiftete jährlich eine Anzahl heiliger Messen für die Seele des Toten, ob der Herrgott sich seiner erbarmen möchte. Das ist nun alles so gekommen und nicht mehr zu ändern, und ist besser, das alte Ärgernis, das nunmehr eingeschlafen ist, nicht aufzuwecken. Auch würde es dem Andree übel anstehn, das Testament anzufechten und die Seele seines Vaters der kirchlichen Gnaden zu berauben. Also ist es auch für ihn heilsamer, er erfährt sein Lebtag nichts von Vater und Mutter, zumal er ja auch kein Verlangen danach trägt. Du aber, meine Tochter, wirst dessen eingedenk sein, was du mir gelobt hast, und dann wird die heilige Mutter Gottes Fürbitte tun, daß eure Sünden euch vergeben werden und ihr ein friedliches und Gott wohlgefälliges Leben miteinander führen könnt nach so mancherlei Prüfung. Amen!
Er hatte die letzten Worte in feierlich ermahnendem Ton mit erhobener Stimme gesagt und wartete jetzt, ob sie noch eine Frage zu tun oder einen Einwand vorzubringen hatte. Sie aber saß mit geschlossenen Augen ganz still auf dem Bette, den Kopf an die Wand zurückgelehnt, die Hände im Schoß gefaltet. Die ängstliche Wildheit war aus ihrem Gesicht gewichen, die Stirn unter dem wirren blonden Haar geglättet und heiter, ihre Brust atmete friedlich. Nach einer kleinen Weile neigte sich das Haupt auf die Schulter, und die verschlungenen Hände lösten sich. Die Erzählung des kleinen Seelsorgers hatte sie wie ein Wiegenlied eingelullt, und sie war nach den Mühen und Beschwerden der letzten Zeit zum erstenmal wieder in einen tiefen, traumlosen Schlaf gesunken.
Der Hilfspriester stand auf, mit zweifelhafter Miene; eine solche Wirkung seiner Seelsorge hatte er nicht erwartet. Es fiel ihm jetzt erst wieder aufs Gewissen, daß er einem armen gestörten Wesen, das schwerlich ganz zurechnungsfähig sei, das bedenkliche Geheimnis in die Hand geliefert habe. Und sie hatte nicht einmal ihr Gelübde, zu schweigen, selber abgelegt und nur zu allem genickt mit zerstreutem Blick und vielleicht tauben Ohren. Aber was geschehen, war nicht zu ändern, und so viel wenigstens gewonnen, daß sie schlief und also für diese Nacht kein Unheil stiften konnte. Morgen ließ sich dann weiter sorgen.
Leise trat er von dem Bette zurück und ging aus der Tür. Andree saß noch draußen auf der Bank, stand aber nicht auf, als der geistliche Freund herauskam. Auch er, da er sein armes Weib in treuer Flut wußte, hatte die überwachten Sinne nach so langer Anspannung endlich wieder sich selbst überlassen, und so war der Schlaf über ihn gekommen, der beste Seelsorger der Jugend.
Zu derselben Stunde dachte droben auf Schloß Goyen niemand an Schlaf. Am späten Abend war ein Bursch aus Dorf Tirol, der auch vorzeiten der Moidi nachgegangen war, zum Franz gekommen und hatte ihm die Neuigkeit von der Heimkehr der beiden Verschollenen und wie es um die Moidi stehe, hinterbracht. Es sei ein großer Zorn unter allen Leuten und ein allgemeines Gerede, das dürfe, nicht geduldet werden, die Geistlichkeit müsse einschreiten und solchen Greuel mit Bann und Feuer von der Erde tilgen, zum furchtbaren Exempel für alle Zeiten.
Den Franz traf diese Nachricht gerade in der übelsten Laune. Er war frischweg von einem Bräutigamszwist mit der jungen Witwe nach Haus gekommen, und da man ihm droben in solchen Stimmungen sorgfältig aus dem Wege ging, griff er begierig nach dem neuen Anlaß, seine Galle zu erleichtern. Er konnte sich's nicht versagen, in das Zimmer zu treten, wo der Vater hinter der Flasche und einem alten Zeitungsblatt, die Tante und die Rosine an ihren Spinnrädern saßen, um hier im derbsten Stil die saubere Historie von den beiden Landfahrern zum besten zu geben. Niemand erwiderte ihm ein Wort, es war ihm aber schon eine Genugtuung zu sehen, daß die Tante totenblaß wurde und der Rosel in die Arme sank. Sie hatte immer dem Andree das Wort geredet; nun mochte sie's erleben, daß er auf die elendste Art zu Grunde ging. Mit einem höhnischen Gute Nacht! ging er aus der Tür und strich mit seinem Gesellen die steilen Pfade hinab durch die laublosen Kastanienwälder der Stadt zu, um dort die Nacht zu verzechen und finstere Pläne zu schmieden.
Die drei, die auf Goyen zurückblieben, saßen wohl eine Viertelstunde schweigend beisammen, die Tante, die sich rasch wieder erholt hatte, schien zu beten, Rosel sah, keines eigenen Gedankens fähig, auf den Vater, der unverändert auf das Zeitungsblatt starrte und heftig rauchte. Endlich stand er auf, klopfte die kleine Holzpfeife bedächtig aus und befahl der Tochter, zu Bett zu gehen.
Als er mit der Anna allein war, trat er dicht vor sie hin und sagte: Laß einmal das Beten! Man betet nichts weg, was einem der Teufel auf den Weg gelegt hat. Du hast gehört, daß der Landstreicher--ich mag ihn nicht nennen--wieder einpassiert ist. Kann wohl sein, daß er Wind davon hat, wie er auf die Welt gekommen ist, und Lärm machen will, um sich aus der Klemme zu helfen. Ich sag' dir aber, über meine Schwelle darf er mir nicht, weder er noch seine Dirne. Unsere Familie soll nicht an die vierzig Jahre in Ehren bestanden haben, um über Nacht den Schimpf zu erfahren, daß solch ein lutherischer Findling sich bei uns eingedrängt und des Joseph Hirzer eigene Schwester auf ihre alten Tage in der Leute Mäuler bringt. Wenn all dein Beten und Heiligsein zu weiter nichts gut gewesen wär', als dich nach zwanzig Jahren zum Kinderspott zu machen, so wollt' ich, du--Er schluckte die Fluchrede hinunter, die er schon auf der Zunge hatte, denn sie sah ihm geradeaus und mit ernsthaftem stolzen Blick in die Augen.--Es ist schon gut, fuhr er in etwas gelinderem Tone fort, wir brauchen darüber nicht viel Redens zu machen, du weißt so gut wie ich, was alles kommen wird, wenn du nicht Vernunft behältst. Ich lasse morgen früh anspannen und fahre mit dir nach Lana, erst in die Messe, hernach zu unserm Vetter, wo du so lange bleiben kannst, bis hier wieder reine Luft ist. Denn ich denke, es soll nicht lange hergehen. Ich will die Hand in die Tasche stecken und ihm ein Abstandsgeld anbieten lassen, wenn er sich verpflichtet, das Weite zu suchen und nimmer heimzukommen. Allenfalls könnte man ihm das Haus samt den Gütern abkaufen und die Dirne in den Kauf geben, so wäre man ihn los und hätte sich nichts gegen ihn vorzuwerfen. Ich will das noch überlegen, 's ist Zeit genug morgen auf der Fahrt, und zu Mittag komm' ich dann heim und kann mit dem Zehnuhrmesser den Handel abkarten, der vermag noch das meiste über den Tollkopf und wird selber einsehen, daß alles Aufsehen vermieden werden muß. Handelst du aber meinem Willen zuwider, Schwester, so laß dir's gesagt sein: Ich treib's, soweit ich kann, damit ich dir nicht einen Kreuzer herauszuzahlen brauch', und müßt' ich mich unter die Erde prozessieren. Nun weißt du's, und nun sei gescheit und rede mir nichts drein und such keine Finten und Umwege. Denn es wäre umsonst; darauf magst du das Sakrament nehmen.
Er ging aus dem Zimmer, ohne eine Antwort abzuwarten, und sie hörte, wie er noch einmal in den Keller hinabstieg, um sich einen Schlaftrunk zu holen, den er trotz seiner festen und zuversichtlichen Rede wohl brauchen mochte. Die Rosine schlich wieder herein und sah die Tante mit scheuen, verweinten Augen an. Komm, sagte die Alte, wir wollen in meine Kammer gehen; ich habe dir was zu sagen.
Sie stand ruhig auf von ihrem Spinnrad, und ihre Hand, die das Licht ergriff, um es über den Flur an ihr Bett zu tragen, zitterte nicht. Während der Bruder ihr seinen harten Willen eröffnet hatte, war auch in ihr ein unerschütterlicher Wille erstarkt. Sie war auch eine Hirzerin, und der Bruder wußte es wohl. Und darum brauchte er den Schlaftrunk, denn trotz seiner drohenden Sicherheit ahnte ihm nichts Gutes. So hatte ihn die Anna nur einmal im Leben angeblickt: als er ihr zum erstenmal nach jenem nächtlichen Kampf wieder unter die Augen zu treten wagte.
Der Schlaftrunk aber tat seine Schuldigkeit. Als unten in Meran die Glocken zur Frühmesse geläutet wurden, lag der Herr von Schloß Goyen noch im tiefen Schlaf und überhörte es auch, daß der alte Hofhund freudig aufbellte und mit der Kette rasselte. Auch der Franz konnte es nicht hören, er hatte die Nacht in Meran zugebracht. So stiegen die beiden weiblichen Gestalten in ihren dunklen Sonntagsgewändern unbemerkt die Holzstufen an der Mauer herab und traten ihren Weg durch die neblige Winterfrühe schweigend und eilfertig an.
Sie hatten beide die Nacht durchwacht und den Morgen herbeigesehnt. Denn die Alte hatte der Jungen alles erzählt, was diese bisher nur dunkel ahnte und aus einzelnen aufgefangenen Worten des Vaters, wenn er im Rausch war, sich zusammenreimen konnte. Das geheimste Fach ihres großen Wandschrankes war aufgeschlossen worden, und alte Briefe, ein kleines Bildnis des Toten und die verblichenen Geschenke, die sie von ihm bewahrte, kamen zum erstenmal vor andere Augen als die beiden, die nicht müde wurden, über sie zu weinen. Nur in dieser Nacht vergossen sie keine Träne; sie leuchteten vielmehr von einem schönen Heldenmut, der das ganze Gesicht wunderbar verjüngte, die Wangen rötete und auch jetzt, da sie durch den Morgen hinschritt, ihren Gang jugendlich beflügelte, daß die Junge der Alten nur mit Mühe zur Seite bleiben konnte.
Es lag aber ein Nebel über den Tälern der Naif und Passer, daß sie wie in einer Wolke wandelten und drüben den Küchelberg und die Trümmer der alten Zenoburg nur mit den obersten Zinnen über den Dunst heraufragen sahen. Noch immer klang das Geläut und dazwischen das Tosen der Passer, und auf den vielen Fußpfaden links und rechts hörten sie Kirchgänger, die ihnen im Nebelduft unsichtbar blieben, eifrig miteinander reden und dann und wann die beiden Namen nennen, die ihnen das Herz klopfen machten. Unten am steinernen Steg war es bereits lebhaft von Männern und Weibern, die ehrfurchtsvoll grüßten, als die Anna Hirzer, die Heilige, in ungewohnter Hast durch sie hindurchschritt. Auch standen alle still und steckten die Köpfe zusammen. Denn die Alte wandelte nicht wie sonst mit dem Strome der übrigen links durch das graue Stadttor der Kirche zu, sondern man sah sie in die steile Straße zur Rechten einbiegen, die auf den Küchelberg führt. Viele gingen ihr nach, zumal die Straße ungewöhnlich belebt war, als seien droben wundersame Dinge zu schauen. Stieg doch die Anna Hirzer hinauf, die Heilige, des Andree Pate. Was wird sie dem verirrten Paar, das in Schmach und Sünde wieder heimgekommen ist, zu sagen haben? Will sie mit ihrer Heiligkeit die armen Sünder gegen geistliches und weltliches Gericht beschützen, oder selbst das Wort der Verdammnis über sie aussprechen?
So raunten die Bauern und ihre Weiber untereinander. Die Anna aber sah nicht rechts noch links, erwiderte auch die Grüße kaum mit einem leisen Kopfnicken, sondern ging die steinige Fahrstraße hinan, als wäre sie schon ein abgeschiedener Geist, der weder irdische Beschwerde fühlen, noch Menschenrede achten könne. Dicht hinter ihr schritt die Rosine mit de in stillen Gesicht, das alle gewohnt waren. Nur war es heute so bleich, daß mitleidige Weiber es sich mit Achselzucken und Kopfschütteln zeigten, während das Gesicht der Alten von einem frischen Rot angehaucht war. Sie nahm sich auch nicht die Zeit, auf der halben Höhe auszurasten, wo eine Bank am Felsen stand. Es war, als triebe sie die Ahnung vorwärts, daß sie keine Minute zu verlieren habe.
Und freilich hatte die Nacht Unheil gebraut und gegen Morgen ein drohendes Gewitter um das kleine Haus auf dem Küchelberg zusammengezogen. Bald nach Mitternacht war der Schläfer vor der Tür aufgewacht, von der Kälte geschüttelt. Er hatte sich sacht in den Flur geschlichen, und als er sein armes Weib sanft eingeschlafen fand, vor den Herd gestreckt, um noch ein paar Stunden auszuruhen. Als er von seinen bangen Träumen im Zwielicht des weißen Morgennebels erwachte, hörte er Stimmen vor dem Fenster und sah Gestalten durch die Scheiben hereinspähen, die dann wieder verschwanden, um anderen Platz zu machen. Er horchte durch die Haustür, die er zum Glück in der Nacht verriegelt hatte, und vernahm abgerissene Worte, die ihn nicht zweifelhaft ließen, was draußen umgehe. Aber wenn er erst durch den Nebel hätte blicken und die Straßen und Gärten überschauen können, wäre ihm vollends das Herz gesunken und das Haar zu Berg gestanden.
Denn draußen hatte sich die halbe Bevölkerung der Dörfer Tirol, Gratsch und Algund, durch welche sie tags zuvor in ihrem elenden Aufzug gewandert waren, in dichten Massen angesammelt, und keinem kam es darauf an, die erste Messe zu versäumen. Was sie hier suchten und weshalb sie das Haus umstanden, wußte so eigentlich niemand. Bei allen regte sich nur das dunkle Gefühl, daß sich etwas Unerhörtes mit zwei Menschen ereignen müsse, die so unerhört sich versündigt, die Neugier, wie sich die Obrigkeit dem Greuel gegenüber benehmen würde, bei sehr wenigen das Mitleiden. Denn was die blonde Moidi etwa an Teilnahme der Nachbarn genoß, wurde durch die geringe Gunst, die sich der wortkarge Andree erworben, ja durch die Feindseligkeit, zu der sein herrisches Wesen die jungen Burschen gereizt hatte, völlig wieder aufgewogen.