Der Weinhüter

Chapter 7

Chapter 73,924 wordsPublic domain

Nicht in der Kutte, hochwürdiger Herr, sagte der Bursch, und seine Züge heiterten sich in der Erinnerung an gefährliche und listige Abenteuer ein wenig auf. Sehen Sie, fuhr er fort, als mir die Moidi zuerst sagte, ihre Mutter habe mich als einen Findling oder Gott weiß woher von der Alm mit heruntergebracht, da war mir's, als käme ich plötzlich aus glühenden Ketten und Banden los, die ich allezeit mit mir geschleppt hatte, und die auch im Kloster droben nicht von mir abfallen wollten. Denn nicht einmal in der heiligen Beicht' hat mir's über die Zunge gewollt, was ich die letzten Jahre her von wegen der Moidi ausgestanden hab', und daß ich's nicht überleben würde, wenn ein anderer sie heimführte. Und das wußt' ich ja wohl, daß es eine Todsünde war, wenn ich wirklich der Sohn ihrer Mutter gewesen wäre; und doch konnt' ich's nicht von mir abtun, denn es war stärker als mein bißchen Verstand und Religion und alles, was ich von Ihnen gelernt und in den heiligen Büchern gelesen hatte. Als ich's aber mit Händen greifen konnte, daß ich mich die langen Jahre unnütz abgehärmt hatte und gar nichts Sündhaftes dabei sei, wenn ich das Mädchen lieber als mein Leben hätte, da bin ich plötzlich ganz lustig in mir geworden und hab' mir sogleich vorgesetzt, mein müßt sie werden, und wenn der Kaiser selbst uns wollt' auseinanderreißen lassen. Denselben Abend aber hab' ich mir noch nichts merken lassen, nur wie ich in meiner Zellen gesessen bin, da hätt' ich singen und jauchzen mögen so laut, daß man's bis nach Meran hinunter hätte hören sollen. Ich hab' aber allerhand Sachen herzurichten gehabt, auch den Brief geschrieben an die Rosine, und so ist die Nacht auch endlich herumgegangen. Und dann, da es noch kaum dämmerig war, stand ich schon unten und holte das arme Ding ab, das keine Ahnung hatte, was werden sollte. Ich tat auch zu Anfang ganz vernünftig, bis wir ein paar Stunden weit weg waren, redete immer von der Wallfahrt, und sie war nicht böse drüber, daß ich sie mit mir nahm. Denn sie hätte gern noch ein Stück weiter in die Welt hineingeschaut. Als wir aber hoch oben zwischen den Bergen waren und sie immer neugieriger fragte, wo's denn hinginge, ließ ich sie ein wenig niedersitzen ins Moos, trat hinter einen Felsen und kam gleich darauf wieder hervor, aber nicht mehr als Kapuziner, sondern in der Jacke und Hosen und allem, wie ich's getragen hatte in der Nacht, als ich von Goyen wegfloh; denn die Sachen, die dem Franz gehörten, hatte ich noch immer nicht wieder zurückgeschickt. Da lachte sie erst über die Maßen und sagte, ich gefiele ihr viel besser so als in dem langen Klosterrock, und wir aßen zusammen auf, was ich heimlich mitgenommen hatte. Dann aber wurde sie auf einmal still, und ich mußte ihr wohl ganz besonders vorkommen, denn sie nahm mich scharf ins Gebet, und als ich endlich in meiner Herzensfreude damit herausplatzte, ich würde nimmermehr in die Kutte zurückkriechen, auch gar nicht wallfahrten gehen, sondern sie als mein Weib in die weite Welt entführen, erschrak sie gewaltig und fing heftig an zu weinen. Ich aber gab ihr die besten Worte und blieb ganz ruhig, damit sie nur nicht wieder einen Anfall bekäme von ihren alten Krämpfen; und so, während ihr die Tränen immer langsamer flossen, setzte ich ihr auseinander, daß es gar nicht anginge, erst wieder nach Meran zu gehen und bei Pontius und Pilatus anzufragen, ob sie auch nichts dagegen hätten. Das gäbe einen noch viel größeren Lärm, als wenn wir gar nicht wiederkämen, und wenn wir endlich doch einmal Heimweh nach unserm Häusel erleiden sollten und kämen in Meran wieder zum Vorschein als Mann und Frau, so müßten's eben alle hinnehmen, wie's wäre. Sie sollt' nur einmal an den alten Hirzer denken und den Franz, wie die aufbegehren würden, wenn ich plötzlich vor sie hinträte und sagte: Die Moidi ist mein, und ich geb' sie nimmer heraus. Und die Tante Anna und der Herr Dekan und die ganze Stadt, die uns so lang' als Bruder und Schwester gekannt hatten, und das Geschrei und Geschreibe beim Amt und allen Teufeln! Und zuletzt spielt' ich den besten Trumpf aus und sagte: Wenn ihr freilich der Franz lieber wäre als ich, so möcht' sie's nur dreist sagen, es wär' noch nicht zu spät, umzukehren und dann Abschied zu nehmen auf Nimmerwiedersehen.

Da hielt sie's nicht länger aus und fiel mir uni den Hals und rief unter Lachen und Weinen, daß sie keinen andern Willen hätte als den meinigen, und hernach half sie mir selbst große Steine über die Kutte wälzen, daß niemand sie finden und unsern Weg darnach aufspüren sollte. Und denselben Tag sind wir noch viele Stunden weit gewandert, seelenvergnügt und immer in der Einsamkeit, und haben manchmal zurückgeschaut nach der Gegend, wo Meran liegen mußte, und über den Franz unsere Schadenfreude gehabt, der nun ohne Braut nach Hause fahren und den Spott aller Leute erdulden mußte. Ich hab' auch wohl an Sie gedacht, Hochwürden, daß Sie mir's übelnehmen könnten, und an meine Pate und die Rosel, die es immer gut mit mir gemeint haben. Aber das hielt nicht lange vor. Denn wenn ich die Moidi neben mir ansah, die ich nun herzen und küssen durfte, soviel ich wollte, und die geduldig dazu stillhielt--nun, Sie können das freilich nicht wissen, Hochwürden, wie's einem ist, wenn er mit seinem Schatz so mutterseelenallein unter freiem Himmel hinwandert; aber wenn Sie es auch einmal so gut gehabt hätten, zumal nach so langer Not, würden Sie uns beiden die Sünde nicht so schwer anrechnen, sondern uns das bißchen Glück wohl gönnen, das so nicht lange gedauert hat.-Er verstummte wieder und sah traurig vor sich hin. Der Hilfspriester schob den Teller zurück, seufzte einmal recht von Herzen auf und schenkte das Glas wieder voll, um es seinem Beichtkind hinzureichen. Der Bursch trank, seufzte dann ebenfalls und fuhr in seiner stillen, eintönigen Weise fort:

Die erste Nacht haben wir auf einer Alm geschlafen, wo uns der Senner zu essen gab, auch nicht weiter fragte, wer wir wären; denn wie es zwischen uns stand, mochte er leicht erraten. Er hat uns auch am andern Morgen versprochen, keiner Menschenseele zu sagen, daß er uns in seiner Hütte beherbergt habe, und so gingen wir guten Muts weiter im Hochgebirg und waren noch glückseliger und verliebter als den Tag vorher. Die Gegend war mir ganz fremd, ich wußte aber, wenn wir immer gegen Westen zu wanderten, kämen wir zuletzt in die Schweiz, und weil sie da Freiheit haben, zu leben, wie sie wollen, und keine Polizei, dacht' ich einstweilen da zu bleiben, hatte auch keine Furcht, daß sie uns an der Grenze um unsern Paß fragen würden; denn wo wir gingen, hoch unter der Schneide der Berge hin, von Sennhütte zu Sennhütte, ist's den Herren Landjägern zu abschüssig, und wir sind auch kein einzig Mal angehalten worden. Nun muß ich aber noch sagen, daß wir an jenem zweiten Tag an eine Stelle kamen, wo ein steiler Grat mitten aus den Wiesen aufsteigt, weit höher als die Muttspitz oder der Ifinger. Da redete ich der Moidi zu, hinaufzuklettern und von da oben in die Welt hinauszuschauen. Ich hatte aber eine Absicht dabei; denn um die Ferner und Schneefelder war mir's gar nicht zu tun. Auf der Spitze nämlich stand ein Kreuz, und hing auch der Herr Christus daran, ein grobes Schnitzwerk, wie's einmal ein Senner mit dem Brotmesser zustande gebracht haben mochte. Mir aber war's gut genug. Denn als wir droben waren und die Moidi still und zufrieden um sich schaute, nehm' ich sie sacht bei der Hand und knie mit ihr vor dem Kreuz hin. Zuerst beten wir miteinander, hernach wollte sie aufstehen. Ich aber sag': Bleib noch knien, Moidi; 's ist noch nicht zu Ende. Und da fang' ich an und sage auf Lateinisch alles her, was notwendig ist, um eine richtige Ehe zu schließen, und hernach zieh' ich ihren silbernen Ring vom Finger und geb' ihr den meinigen dafür und lege meine Hand auf ihren Kopf und ihre auf meinen, während ich den Segen spreche; ich dacht' eben, man muß sich zu helfen wissen, und wie's eine Nottaufe gibt, mag's ja auch einmal eine Nottrauung geben, nichts für ungut, Hochwürden, und späterhin könnt's immer noch ordentlich und richtig gemacht werden. Sie mochte das auch bei sich denken, denn sie ließ mich machen, was ich wollte, und kniete andächtig vor dem Kreuz. Wie ich nun mit meinem Latein zu Ende war, küßte ich sie von Herzen und sagte: Nun bin ich dein Mann und du bist mein Weib, und nur der Tod soll uns scheiden!--Sie nickte, und das Herz lachte ihr aus den Augen, und darauf standen wir von den Knien auf und blieben noch eine Weile droben stehen, und es war uns wundervoll zu Mut in der großen Stille und Heimlichkeit, wie wir da mitsammen an die hundert Meilen weit auf Länder, Städte und Flüsse hinuntersahen, und niemand war bei uns als unser Herrgott, vor dessen Angesicht wir uns eben Treue bis in den Tod gelobt hatten.

Sie kennen ja die Moidi, Hochwürden, und daß sie lieber lacht als weint, auch für ihr Alter noch immer zu viel Kinderpossen im Kopf hatte. Aber an unserm ganzen Hochzeitstag haben wir gar nicht gelacht, auch nicht viel geredt miteinander, sondern sind so feierlich, als wenn das ganze Gebirg nur eine große Kirche wäre, in der schönen Sonne hingewandert, nur daß die Moidi im Gehen Blumen pflückte und mir einen hochzeitlichen Strauß an die Jacke steckte, sich selbst aber ein Kränzel band und an den Arm hing. Geld hatten wir auch noch und konnten in der nächsten Hütte uns auftragen lassen, was der Senner nur hergeben wollte. So war's eine ganz lustige Hochzeit, und weder sie noch ich dachten mehr daran, was dahinter lag und was noch kommen sollte.

Das fiel uns alles zuerst wieder ein, als unser Geld auf die Neige gegangen war; es mocht' eine Woche inzwischen verstrichen sein, und von der Schweiz waren wir noch weit, da wir keine Straße einhielten, sondern gingen, wo es uns lustig schien. Am ersten Abend, als wir uns mit leeren Taschen nach einem Nachtlager umsahen und wollten eben in einen Heustadel kriechen, fiel mir ein großer Einödhof in die Augen, und ich dacht': Da versuchst noch einmal dein Heil. Wir fanden da auch richtig ein Unterkommen, aber aus der einen Nacht wurde ein halbes Jahr. Denn der Hof gehörte einer Witfrau zu, die dort mit ein paar Knechten und Mägden hauste, und den Oberknecht hatte sie eben heiraten wollen, da hatte er sich beim Holzmachen verfallen, und die Bäuerin trauerte um ihn wie um ihren ersten Mann. Als ich ihr nun erzählte, ich hätte flüchtig gehen müssen, weil ich einen Welschen erschlagen, und meine Schwester da--denn dafür gab ich sie aus, weil die Bäuerin sich mit Eheleuten wohl nicht beladen hätte--die Moidi also hätte mich nicht allein ziehen lassen wollen, und nun seien wir ohne einen Kreuzer, da bot sie mir an, bei ihr in. Dienst zu treten, und für meine Schwester gebe es auch Arbeit. Das waren wir natürlich zufrieden, und nur die Moidi machte mir hernach Vorwürfe, daß ich sie nicht für mein Weib anerkannt' hätt', und ich hatte Mühe, sie wieder zu versöhnen. Also blieben wir, und der Sommer verging, und wir hatten über nichts zu klagen. Denn daß die Bäuerin ein Auge auf mich geworfen hatte, wie ich nach und nach merkte, und mich zum Oberknecht machte, um mich hernach wohl auch noch weiter zu befördern, konnte ich mir ja ruhig gefallen lassen und zur rechten Zeit noch immer nein sagen. Aber auf einmal wurde es mit der Moidi so traurig, daß ich Tag und Nacht keine Ruhe mehr hatte. Es war vor etwa einer Woche, da mähte ich auf der obersten Wiese und sehe plötzlich mein Weib heraufkommen, mit einem ganz verwilderten Gesicht. Und wie sie droben ist, fällt sie vor mir nieder und beschwört mich mit aufgehobenen Händen, ich sollt' sie umbringen aus Gnad' und Barmherzigkeit, sie könne nicht leben mit der Sünde auf dem Gewissen, sie trage ein Kind unterm Herzen, und diese Nacht sei ihre Mutter ihr im Traum erschienen und habe ihr zugeraunt: Der Andree ist doch mein Sohn, und dein und sein Kind wird verflucht sein in alle Ewigkeit.

Sie können sich nun denken, Hochwürden, wie ich erschrocken bin; denn da sie steif und fest dabei blieb, ist mir's selber zuletzt ganz angst und bange worden, weil ich keine rechten und klaren Beweise hatte, es sei alles doch so, wie wir's bisher geglaubt, und der Traum nur eine Einbildung gewesen. Herrgott, dacht' ich, wenn's dennoch wahr wäre! Und es überlief mich eiskalt, und ich dachte wahrhaftig einen Augenblick, wie ich das arme händeringende Weib vor mir auf der Erde liegen sah: Das beste wär', du gingest mit ihr auf und davon, und wo's recht jäh in einen Abgrund hinunterschießt, drücktet ihr die Augen ein und spränget geradewegs in die Hölle. Hernach wurde ich freilich für meinen Part wieder ruhig; ich überlegte alles noch einmal und blieb zuletzt dabei: Es kann nicht sein! Aber das arme Weib war nicht damit zu getrösten. Sie verlangte nicht mehr zu sterben, da's eine doppelte Sünde wär' wegen des Kindes, aber nach Meran zurück, und hier müsse sich's entscheiden. Mir selbst war's ein saurer Gedanke; ich wußte wohl, daß es ohne Lärm hier zu Hause nicht abgehen würde. Aber da die Moidi immer verwirrter aus den Augen schaute, zudem auch die Bäuerin was Unrechts witterte und mir antrug, die Schwester wegzuschicken, mich aber zu behalten, da war schon nichts anderes zu machen, als unser Bündel zu schnüren und den harten Bußweg anzutreten.

Ich will Sie nicht damit langweilen, Hochwürden, wie jämmerlich uns unterwegs zu Mut war, wenn wir an so manche Stelle kamen, die uns vor sechs Monaten angelacht hatte, und wo nun das arme Weib in jedem Wind Stimmen zu hören glaubte, die sie anklagten und verdammten. Wenn wir Sünde getan hatten, daß wir ohne jemand zu fragen und ohne den Segen der Kirche als Mann und Frau in die Welt gegangen waren, so haben wir's auf dem Heimweg hundertfach abgebüßt, zumal ich selber, da ich's für sie mitzutragen hatte. Und denken Sie nur, als wir wieder an die Bergspitze kamen, wo ich uns im Frühling zusammengegeben hatte, war das Kreuz verschwunden. Wahrscheinlich haben's die Stürme hinuntergerissen. Aber der Moidi fiel es aufs Herz, wie wenn das damals nur ein Blendwerk des Teufels gewesen wäre, der uns in die sündhafte Ehe hätte verlocken wollen, und sie fiel mir ohnmächtig in die Arme, und eine Stunde lang hatt' ich zu tun, sie wieder zu sich zu bringen.-Er schwieg, und es überschauerte ihn sichtbar wie ein Fieberfrost, in der Erinnerung an alle überstandenen Drangsale. Der geistliche Herr war längst aufgestanden und hatte hin und her wandelnd die Beichte mit angehört, während er in immer kürzeren Pausen aus seinem Döschen von Birkenrinde schnupfte. Die letzte Prise hielt er lange zwischen Daumen und Zeigefinger und stand dabei still vor einem großen Kupferstich, die Magdalene in der Wüste darstellend, dem einzigen Schmuck seiner kahlen vier Wände. Er getraute sich nicht, dem Rat- und Hilfesuchenden das Gesicht zuzuwenden, denn der Fall war so schwierig, daß er wenig Hoffnung hatte, alles glücklich hinauszuführen.

Wo ist sie jetzt? fragte er endlich kleinlaut.

Droben in unserm Häusel auf dem Küchelberg, versetzte der Bursch. Wir sind vor ein paar Stunden angekommen, über Dorf Tirol, und die Leute haben uns wiedererkannt und mit Fingern auf uns gezeigt, und wie ich allein unten durch die Lauben kam, mochten sie's schon wissen, denn sie sind mir ausgewichen, als hätte ich eine Seuche und Pestilenz an mir. Droben aber sitzt das arme Weib und wartet, daß ich Sie mit heraufbringe, und wenn Sie keinen Trost für sie haben, steh' ich für nichts. Denn es ist ein verzweifelter Geist, der ihr aus den Augen sieht, und ihr armer Verstand hängt an einem dünnen Faden. Noch ein Riß, so fällt er ins Bodenlose; darauf verlassen Sie sich, Hochwürden. Drei Wochen können's weit bringen mit so einem armen Weib.

Er stand nun auch auf, als wollte er dadurch den schweigsamen geistlichen Herrn zu einem Entschlusse treiben. Der aber blieb noch eine ganze Zeitlang vor dem Kupferstich, obwohl er kaum einen Strich davon an der dunklen Wand unterscheiden konnte. Erst die achte Stunde, die es vom Turm schlug, schien ihn zu mahnen, daß Gefahr im Verzuge sei. Er kehrte sich von der Wand ab, machte dem Andree ein Zeichen, daß er sogleich wiederkommen würde, und stieg, das einzige Licht vom Tisch mitnehmend, die Treppe hinab, immer tiefer und tiefer, bis der letzte Schimmer verschwand.

Aber kein Vaterunser lang währte es, so tauchte der Lichtschein wieder auf, und der würdige Herr erschien mit eilfertigem Keuchen und trug eine Maßflasche, mit einem zartgelben Wein gefüllt, wie einen Säugling im Arm, die Magd hinter ihm mit reinen Gläsern. Siehe, sagte er zu Andree, der zerstreut und ungeduldig dareinschaute, dieses ist der wahre Seelentrost und Mitstreiter, und ehe wir andere trösten, geziemt es, unser eigenes Gemüt zu kräftigen. Trink, armer Sohn; du wirst ihn noch wiederkennen. Er ist herber geworden seit den zehn Jahren, aber reifer und gesetzter; da schau, er wirft keine Bläschen mehr.

Und mit heiterem Gesicht hielt er das reine Gold gegen das Licht, ehe er trank, und stieß mit seinem bekümmerten Pflegling herzlich an. Ich hoff', es soll noch gut werden, sagte er, denn schon übte die Nähe des edlen Trunkes ihre ermutigende Wirkung. Gaudete in Domino semper, stehet geschrieben, und darum trink, mein Sohn, und hernach wollen wir auch der armen Büßerin ein Fläschlein füllen, denn sie wird es brauchen können.

Nun sprachen sie kein Wort mehr zusammen, sondern der Zehnuhrmesser ging immer auf und ab, wie ein General in seinem Zelt, der über den Schlachtplan nachdenkt, und trank dazwischen in großen Zügen und setzte das Glas jedesmal mit einem herzhafteren Ruck wieder auf den Tisch. Als die große Flasche halb leer war, nahm er mit einem raschen Griff die Geige von der Wand und fing an, immer auf und ab wandelnd, eine schöne alte italienische Kantate zu streichen, mit vielen krausen Fiorituren verbrämt, ein Stück, das er immer an wichtigen und bedeutsamen Tagen zu spielen pflegte, auch des Katers Leibstück, der mit freudigem Schnurren auf den Tisch sprang, um das Licht herumwandelte und mit den großen grünen Augen den Andree ansah, als wollte er ihn auffordern, ebenfalls guter Dinge zu sein. Dem aber brannte vor Ungeduld der Boden unter den Füßen, und nur seine Ehrfurcht und das eigene Schuldbewußtsein hielten ihn ab, den geistlichen Herrn in seinem Konzert zu unterbrechen und daran zu erinnern, daß die Moidi die Minuten zähle, bis er ihr Trost brächte.

Endlich aber legte der geistliche Herr die Geige weg, trocknete sich mit dem Ärmel seines Hauskleides die Stirn und fuhr dann rasch in sein schwarzes Gewand. Die Magd kam, goß den Rest des Terlaners in ein Fläschchen, das Andree einstecken mußte, brachte dem Herrn seinen Hut und leuchtete ihnen die Treppe hinunter. In der Laubengasse war es indessen stiller geworden, nur aus den Schenken hörte man das Singen und Lachen der welschen Maurer und Tagelöhner und hie und da Streit und heftige Reden, und die Wächter saßen bei den offenen Buden und rüsteten sich auf die Nacht, die kalt zu werden versprach. Als sie auf den Platz kamen, wo die Kirche steht, blieb der Zehnuhrmesser stehen und sagte: Geh jetzt voraus, mein Sohn; ich hab' erst noch beim Herrn Dekan ein Geschäft, zu dem ich dich nicht mitnehmen kann. In einer halben Stunde komm' ich nach; und sag einstweilen der Moidi, daß ich gesagt hätt', es wird noch alles gut.

Er reichte dem Andree die Hand, die dieser ehrerbietig küßte, und stand dann noch eine Weile unten am Pfarrhaus, ehe er sich entschließen konnte, hinaufzugehen. Aber der Terlaner half ihm, und nur mit einigem Herzklopfen, wegen der steilen Steintreppe, langte er droben in der Pfarrwohnung an.

Was er dort an jenem Abend gesprochen, und was ihm geantwortet worden, hat er niemand verraten wollen. Als er aber eine Viertelstunde später wieder hinunterstieg, war sein Wesen sehr verwandelt, der Geist des Terlaners von ihm gewichen und eine tiefe Niedergeschlagenheit dafür eingetreten. Er seufzte oft, während er die rauhe Straße zum Küchelberg hinanstieg, und als er endlich droben das Häuschen liegen sah, ans dessen kleinen Fenstern ein schwacher Lichtschein dämmerte, seufzte er noch stärker und wäre am liebsten wieder umgekehrt. Aber wenn er nicht helfen konnte, wollte er die Armen wenigstens nicht allein lassen in ihrem Unglück, und so öffnete er ohne anzuklopfen die niedrige Tür und trat über die wohlbekannte Schwelle.

Er fand das junge Paar in der Küche, wo die Mutter gestorben war; der Andree stand am Herd und blies eben das Feuer an, um eine Polenta zu kochen, die Moidi saß still und teilnahmslos auf dem Bett drüben an der Wand, den Mantel noch umgeschlagen, in welchem sie die weite Wanderung gemacht hatte, als sei sie noch nicht zu Hause und werde auch nirgends wieder eine Heimat finden. Als der geistliche Herr an sie herantrat und ihr guten Abend sagte, fuhr sie zusammen, machte ein Bewegung, als wollte sie aufstehn, sank aber wieder auf das Bett zurück und saß in sich geschmiegt, die Hände vors Gesicht gedrückt, ohne einen Laut von sich zu geben.

Moidi, sagte der kleine Herr, kennst du mich nicht mehr?

Sie nickte hastig vor sich hin.

Willst du mir nicht einmal ins Gesicht sehen, und hast kein Vertrauen zu mir?

Sie antwortete nicht, aber er sah, wie ihr ganzer Leib zitterte. Er schüttelte traurig den Kopf. Andree, sagte er, geh einstweilen in die Kammer, ich habe mit der Moidi allein zu reden.

Der Bursch gehorchte ohne Verzug, trat aber nicht in die Kammer, sondern ging ins Freie; es war ihm zu eng und schwül in dem Hause, wo er so viel Leids erfahren hatte.

Nun, meine Tochter, fing der Zehnuhrmesser wieder an, nun fasse ein Herz zu mir und höre, was ich dir sage. Ihr habt freilich Sünde getan, und wenn es euch hart ergangen ist, so habt ihr's als eine gerechte Zucht und Buße vom Herrn hinzunehmen. Aber so schwer ist eure Sünde nicht, daß ihr sie nicht wieder gutmachen könnt, und was dich am meisten ängstigt und dein Gewissen beschwert, kann ich--dem Himmel sei Dank--von dir nehmen, indem ich sage und bezeuge: Andree ist nicht deiner Mutter Sohn, und der Segen der Kirche darf und wird euch zu christlichen Eheleuten machen. Also sei getrost und erhebe dein Angesicht und betrübe mich und den Andree nicht mit deinen Einbildungen, die das Übel nur ärger machen und dem bösen Feind entstammen, der die Seelen verderben will.

Er erwartete, daß sie auf diese Worte ruhiger werden und endlich ein Wort sprechen würde. Aber sie blieb unbeweglich sitzen, als gälte alles, was er sagte, nicht ihr. Er trat noch näher zu ihr heran und nahm ihr mit sanfter Gewalt die Hände, die kalt und feucht waren, vom Gesicht. Da sah er, daß ihre weichen, kindlichen Züge in den kurzen Monden schmerzlich verwandelt waren. Sie hielt die Augen fest geschlossen, die Augenbrauen waren gespannt, wie von einem heftigen Seelenkampf, die Lippen halb offen, und die blassen Wangen, deren Umrisse feiner und schärfer erschienen, übergoß plötzlich eine tiefe Röte, als der geistliche Herr ihr die Hände wegzog.

Er betrachtete sie mit tiefem Mitleiden. Sprich ein Wort, Moidi, sagte er mit Nachdruck. Ich kann dir nicht helfen, wenn ich nicht weiß, wo es dir fehlt. Ist es dir nicht genug, daß ich dir beteure, der Andree ist nicht dein Bruder?