Der Weinhüter

Chapter 6

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Sie suchte seine Hand zu ergreifen und wurde von neuem traurig, als er sie ihr hastig entzog. Er warf einen scheuen Blick auf Rosine, die vor dem Bänkchen stehen geblieben war, um die beiden erst allein sich unterreden zu lassen. Dann sah er wieder die Moidi mit einem Blicke an, der sie zittern machte. Rosel, sagte er jetzt, ich hab' mit der Moidi was zu sprechen, wir sind gleich wieder zurück.--Damit winkte er der Schwester, daß sie mit ihm gehen solle, schritt eilig um die Ecke der hohen Klostermauer und trat durch eine andere Tür in einen Krautgarten, wo nur drüben unter den Apfelbäumen ein dienender Bruder grub und pflanzte. Sein Wesen war plötzlich verwandelt, sein Gesicht glühte über und über, er schien wieder um zehn Jahre verjüngt und schritt rüstig aus, wie damals, als er unter den Weinlauben die Wacht hatte.

Jetzt, da sie allein in dein Gärtchen standen, wandte er sich zu ihr um. Moidi, sagte er mit zitternder Stimme, sag das alles noch einmal, was du von der Mutter gehört hast, alles, und so lieb dir deine Seligkeit ist, tu nichts davon, noch dazu; Tod und Leben hängen daran.

Er hatte jetzt ihre Hand ergriffen und drückte sie fieberhaft. Ich weiß nicht, wie wunderlich du redest, sagte sie gelassen. Was ist es denn, wenn sie es auch gesagt hat? Und gesagt hat sie's freilich, Wort für Wort und mehr als einmal. Aber du weißt ja, daß sie einen Haß auf dich hatte. Vielleicht hat sie's nur gesagt, damit du keinen Teil an der Erbschaft bekämst, weil sie mir alles allein gönnte. Vielleicht war's auch nur so ein Geschwätz, weil sie Reue hatte über das Böse, das sie dir ihr Lebtag angetan. Sie hat sich selber einreden wollen, du wärst ein fremdes Kind gewesen, weil sie dich nicht wie ihr eigenes gehalten hat. Was liegt aber daran?

Besinne dich, drängte er; hat sie nicht gesagt, wer ihr das Kind übergeben hat? Ist kein andrer dabei gewesen, als sie's gesagt hat? War's immer im Fieber, oder auch wenn sie nachts aufgewacht ist und geglaubt hat, du schliefest, und sie sprach dann mit sich selbst, wie sie ja auch sonst getan hat, als der Vater noch lebte?

Wer dich zu ihr gebracht hat? Nein, davon hat sie nie geredet, erwiderte das Mädchen und suchte sich ernsthaft auf alles zurückzubesinnen. Aber wart, es fällt mir ein, daß der Zehnuhrmesser einmal an ihrem Bette gesessen ist, als sie grad' wieder so irre sprach, und da ist sie aufgefahren und hat ihre Kleider begehrt, sie wollte zum Herrn Dekan hinunter, zum Gericht, bis an den Kaiser wollte sie gehen, daß es überall ausgerufen würde, du seiest nicht ihr Sohn. Ich kam aus der Küche hereingelaufen, da sah ich, wie der hochwürdige Herr ganz erschrocken bei ihr stand und sie zurückhielt, und als er mich eintreten sah, hat er sich zu ihr niedergebeugt und ihr lange was ins Ohr gesagt, was ich nicht hab' verstehen können; darauf ist sie still geworden. Ob es im Fieber gewesen war oder sonst so in der Einbildung, was kann es dich kümmern, Andree? Und wenn's wirklich so wäre, mußt du mich darum nimmer liebhaben? Sind wir nicht doch wie Bruder und Schwester gewesen, seit wir denken können, und nun wär's auf einmal aus mit uns beiden? Schau, Andree, ich könnt' mich nit so ändern. Und wenn's der Kaiser selbst ausrufen ließe, wie's die Mutter gewollt hat, du bliebst doch allezeit mein Bruder, und das Häusel wär' dein und der Weinberg und alles. Zudem, ich werde doch nicht da wohnen bleiben. Denn du mußt nur wissen, ich hab' mich mit dem Hirzerfranz versprochen, und auf den Herbst halten wir Hochzeit, und ich wohne dann droben auf Goyen. Du bist doch nicht bös darüber, daß ich dich nicht erst gefragt hab'.

Sie wagte ihn nicht anzusehn, als sie das sagte, sie wußte selbst nicht warum, aber es schien ihr in diesem Augenblick wie eine schwere Sünde, daß sie dem Franz ihr Wort gegeben, und sie hätt' es gern ungeschehen gemacht; denn sie wußte ja, daß er mit ihrem Bruder nicht gut Freund war. Sie stand zitternd und demütig wie ein Kind, das gescholten zu werden erwartet. Doch als er immer noch schwieg, wurde es ihr nur banger und trauriger ums Herz. Sie hätte lieber gescholten sein wollen, und sich dann verteidigen und ihn endlich wieder gut machen. Aber die tödliche Stille zwischen ihnen war ihr schauerlich, und endlich traten ihr die großen Tropfen in die Augen und rollten über das junge Gesicht. Da brach er das Schweigen.

Moidi, sagte er, hast du's gern getan, oder haben sie dir so lange zugeredet, ihn zu nehmen, bis du endlich ja gesagt hast?

Sie sah schüchtern und immer noch weinend zu ihm auf Ach Andree, sagte sie, verzeih mir's nur. Ich weiß selber nicht, wie es gekommen ist. Sie haben mich nach Goyen hinaufgeholt, als die Mutter tot war, und da hab' ich bei der Rosel geschlafen und war wie 's Kind im Haus. Und die Tante Anna hat auch gesagt, der Franz wär' ein braver Bursch, und wenn ich ihn nähm', wär's für alle das beste, zumal da er so unsinnig vernarrt tut, und du warst ja nicht da, daß ich dich hätte fragen können.

Und wenn ich nein gesagt hätte, würdst du dich daruin gegrämt haben? fragte er hastig.

Sie legte ihre Arme um seinen Hals und sah ihn mit rührender Heiterkeit und Liebe an. Ich hab'ihn ja nicht so lieb wie dich, sagte sie, und tu' lieber, was du mir sagst, als was er von mir bittet. Nun ist es ein mal so gekommen, Andree, und es gäb' eine neue Todfeindschaft, wenn ich jetzt käm' und sagte: Ich mag ihn nicht. Sei nur wieder gut und komm selber herüber, die Tante Anna läßt dich so vielmals schön grüßen und es verlangte sie sehr, daß du kämst, sie hätt' dir viel zu sagen, und ich mein', so heilig sie ist, wär' sie doch gar froh, wenn du die garstige Kutte wieder auszögst, in der du gar nimmer wie der schmucke Andree ausschaust, der du ehemals gewesen bist. Tu mir's zulieb', ich hab' doch keine Freud', wenn ich denken muß, du lebst hier so traurig, und wenn dir was zustößt, Krankheit oder so, bin ich nicht da, für dich zu sorgen. Versprich mir's, Andree, daß du wenigstens zur Hochzeit hinunterkommen willst und alles mit der Tante bereden.

Sie streichelte ihm bei diesen Worten zutraulich das Gesicht, und er duldete es mit eingedrückten Augen, während ein leises Zittern seines Mundes den inneren Kampf verriet. Kein Wort mehr jetzt! brach er endlich schweratmend heraus. Ich komme morgen früh ins Wirtshaus hinunter, dich noch einmal zu sehn. Dann sag' ich dir, was werden soll. Tu deine Hände weg von meinem Gesicht. Sei guten Muts, Moidi. Es wird alles werden, wie Gott will. Hab gute Nacht!

Er sah sie nicht mehr an, sondern entzog sich ihr rasch, ging durch den kleinen Garten den Klostergebäuden zu und verschwand in der Tür, ohne nur nach ihr umzublicken. Sie aber sah ihm nach in schweren Gedanken und dachte an die wenigen Worte, die er zu ihr gesagt, ob sie nicht erraten könne, wie er es meine, und was er vorhabe. Kopfschüttelnd und in großer Betrübnis verließ sie endlich den Garten und suchte die Rosel wieder auf, die in ängstlichem Kummer draußen gewartet hatte. Daß die Moidi allein kam, der Andree nicht einmal daran dachte, ihr eine gute Nacht mitzugeben, schnitt ihr durchs Herz.

Ich weiß nicht, was er hat, sagte die Blonde. Ich hab's wohl gewußt, ihm ist's nicht halb recht, daß ich den Franz nehme. Aber was soll ich machen? Morgen in der Früh will er hinunterkommen und mir Bescheid sagen. Er hat mich kaum angeschaut, und von Heimkehren will er nichts wissen. Wenn ich nur wüßt', warum ich mir's so annehmen muß? Ich könnt' ihn ja machen lassen und auch tun, was ich will, ohne ihn zu fragen. Aber ich bin's so gewohnt gewesen, solange ich denken kann, und er war immer gut zu mir. Ach, warum hat alles so kommen müssen!

In solchen fruchtlosen Reden stiegen sie miteinander den Berg hinab, und der Rest des Tages verging beklommen und einsilbig.

Der Franz war nie ein großer Redner gewesen, und was mit dem Andree geschehen würde, kümmerte ihn nicht im geringsten. Er rauchte und trank noch wohlgemut mit den wenigen Bauern in der Schenkstube, als die Mädchen schon lange in ihren Betten lagen.

Freilich schlief nur die eine, die Moidi. Rosine tat die ganze Nacht kein Auge zu.

Als der Tag noch lange nicht graute, hörte sie einen Schritt draußen über den Hof kommen und sich dem niedern Fenster ihrer Schlafkammer nähern. Die Hunde schlugen an, wurden aber sogleich beschwichtigt. Ihr klopfte das Herz, und sie sprang eilig aus dem Bett in banger Ahnung. Die Moidi schlief ruhig fort.

Die Schritte hielten richtig am Fenster still, und eine Hand pochte leise an die Scheiben. Moidi! rief die wohlbekannte Stimme.

Ich bin wach, Andree, erwiderte das Mädchen verstohlen; die Moidi schläft noch. Soll ich sie wecken?

Tu's, Rosel. Sie soll sich fertig anziehen und geschwind machen; ich hab' ihr noch viel zu sagen, eh' ihr heimfahrt.

Eine Viertelstunde verging, dann öffnete sich leise die hintere Tür der Schenke, und die Moidi trat heraus, das Gesicht zwischen Verschlafenheit, Neugier und Furcht gegen den Bruder gewendet. Guten Tag, sagte sie. Du kommst aber früh. Wenn du nur Gutes bringst, Andree, wird's mich schon munter machen.

Tu deinen Mantel um, sagte er statt aller Antwort. Es ist frisch, und du bist die Luft hier nicht gewohnt. Wir wollen ein paar Schritte weit gehen.

Sie gehorchte willig und trat lachend in der winterlichen Vermummung wieder zu ihm hinaus. Das Schweigen ringsum, der fremde Ort, die nächtliche Öde über den Bergen, der Bruder ihr gegenüber in der Kapuzinerkutte, alles kam ihr abenteuerlich vor und weckte ihre alte Lachlust. Sie zog einen Zipfel des faltigen Mantels über den Kopf. Jetzt bin ich deine Kapuzinerin, sagte sie und nickte ihm mutwillig zu. Er faßte ihre Hand und ging schweigend mit ihr durch den Hof.

Die Pferde im Stalle rührten sich, das Federvieh sträubte die Flügel, ein junger Hahn krähte voreilig den Morgen an. Die Menschen aber in den niedrigen Hütten schliefen noch, bis auf eine arme junge Seele, die in Schmerzen durch das trübe Fenster in den Hof starrte und sich mit schweren Seufzern, glühend und fröstelnd wieder zu Bett legte, um den Tag heranzuwachen.

Die Sonne stand aber schon hoch, und noch waren die Geschwister nicht zurück. Der Hirzerfranz saß mit gerunzelter Stirn im Schenkzimmer hinter der Flasche, lief alle Augenblicke auf die Straße hinaus, ob von seiner Braut noch immer nichts zu erspähen sei, und schirrte endlich die Pferde wieder ab, mit drohenden Flüchen gegen den Andree. Die Rosel sprach kein Wort, es war ihr zum Sterben traurig ums Herz; es mochte nun geschehen, was da wollte, für sie war es mit aller Freude und Hoffnung vorbei.

Endlich gegen zehn Uhr brachte einer der Klosterbrüder einen Brief, den Andree schon in der Nacht an die Rosel geschrieben, drin stand, daß er einen Bußgang zu einem Gnadenbilde gelobt habe, für die Seele seiner Mutter zu beten. Er denke wohl, die Moidi werde ihn begleiten, sie sollten daher ihre Zurückkunft nicht abwarten, sondern nach Haus fahren. Seinerzeit werde sie schon wieder in Meran eintreffen.

Als der Franz den Brief gelesen hatte, schlug er mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrten, und wollte im ersten Jähzorn auf und davon und dem Andree nachsetzen. Da aber die Kirche, zu der sich der Büßer verlobt, nicht in dem Brief angezeigt war, auch der Kapuziner nichts anderes wußte, als daß der Prior dem Bruder Andreas Urlaub gegeben habe, mußte der Grimm und Haß des Burschen sich auf eine spätere Gelegenheit vertrösten und einstweilen an den Rückzug denken.

Es war eine harte Reise für die arme Rosine, neben dem zornmütigen Bruder, der immer von neuem gegen den heimtückischen Verführer loswütete und sich hoch verschwor, wenn die Moidi erst seine Frau sei, dem Andree die Tür zu verschließen, wie es auch sein Vater all die Jahre her gehalten habe. Er habe gleich Einspruch getan gegen die dumme Reise zu dem nichtsnutzigen Findling, da er ja nicht einmal sein rechter Schwager werden würde. Aber die Weiber hätten sich's in den Kopf gesetzt, die Tante Anna an der Spitze. Ein Narr sei er gewesen, daß er nachgegeben habe. Aber die Moidi würde es noch zu hören bekommen, und der Tante schenk' er es auch nicht. Vor allem aber sei sie, die Rosine, daran schuld; sie hätte schon am Morgen nicht leiden dürfen, daß er mit der Moidi abzog--und dann eine Flut von brüderlichen Scheltreden, die freilich der Schwester nicht tief gingen. Denn ein viel härterer Kummer hatte ihre Seele gepanzert.

Der Sommer kam, die Reben am Küchelberg hatten längst abgeblüht, und die Weinbeeren schwollen und röteten sich, die erste Feigenernte war vorüber, und noch immer blieben die beiden Wallfahrer aus. Als auch die Weinlese verging und keine Spur der Entflohenen irgendwo zu Tage kam, gab es wenige, die noch geglaubt hätten, sie würden überhaupt jemals wieder auftauchen. Da niemand so recht sich vorstellen konnte, was den Andree in die Welt hinausgelockt habe, auch die meisten an seinem Tun und Lassen nur geringen Anteil genommen hatten, war bald von dem Schicksal der Geschwister nicht mehr die Rede. Anfangs freilich hatte man viel darüber hin und her gerätselt. Denn das befremdlichste war nicht die vorgespiegelte Wallfahrt, da die Tiroler ein bußwanderungslustiges Völkchen sind, sondern daß eine Stunde über das Kloster hinaus jede Spur der beiden jungen Leute wie weggeblasen war. Der Ziegenhirt des Dorfes hatte sie noch gesehen, wie sie langsam und in eifrigem Gespräch einen Saumpfad die Höhen hinangingen. Das Paar war auffallend genug, der blasse junge Novize mit dem ernsthaften Gesicht und das schöne blonde Mädchen im Bauernmantel an seiner Seite. Und doch als nach einigen Wochen auf des Zehnuhrmessers Andringen in den nächsten Gebirgsdörfern nachgeforscht wurde, wohin die zwei ihre Schritte gelenkt hätten, entsann sich kein Schankwirt und kein Bauer, daß ein solches Paar an seine Tür geklopft habe. Die Hilfe der Landpolizei wurde in Anspruch genommen, mit nicht besserem Erfolg. Die Geschwister blieben verschwunden, als hätte sich der Berg gespalten, um sie für immer in seinen geheimen Kammern dem Blick der Menschen zu entziehen.

Als diese wundersamen Nachrichten von dem kleinen Hilfspriester auf Schloß Goyen hinaufgetragen wurden, erregten sie einen Aufruhr der verschiedensten Leidenschaften. Nur der alte Hirzer trank ruhig seinen Wein aus und sagte, es sei ihm lieb, daß er nun hoffentlich von der ganzen Ingrams-Sippschaft sein Lebtag kein Wort mehr hören werde. Wenn das leichtsinnige Ding, die Moidi, sich je unterstünde, wieder über seine Schwelle zu treten, so solle sie ihn kennenlernen--und ein Fluch dazu, mit dem er sonst in der Nähe des Zehnuhrmessers sich nicht gern versündigte. Dem Sohn befahl er gleich morgenden Tags sich aufzumachen und um eine reiche junge Witwe in der Nachbarschaft zu freien, deren Güter ihm gerade bequem lagen. Franz nahm die Sache nicht so kaltblütig auf Die Moidi hatte es ihm wirklich angetan; sie war der einzige Gedanke, der seine träge Natur jemals in Flammen gebracht hatte. Also ließ er den Befehl des Vaters einstweilen auf sich beruhen und lüftete seinen Grimm auf alle erdenkliche Art, so daß die Seinigen viel Not mit ihm hatten. Die Tante Anna verschwand auf mehrere Tage in ihrer Kammer, legte Trauerkleider an, denn es stand ihr fest, daß die beiden verunglückt seien, wo sie nicht gar Hand an sich selbst gelegt hätten, und so weinte sie Tag und Nacht und wollte niemand sehen als den hochwürdigen Herrn und die Rosine. Mit dieser stillen Dulderin saß sie schlaflose Nächte hindurch am Herde, einen Rosenkranz zwischen den blassen Fingern, halb im Gebet, halb im Gespräch die Stunden hinbringend. Das Mädchen allein blieb steif und fest dabei, daß die beiden noch am Leben seien, und suchte es der Tante immer wieder glaubhaft zu machen. Daß sie freilich je wiederkommen würden, hatte sie seit dem Abschied im Vintschgau keinen Augenblick mehr geglaubt.

Am gelassensten blieb trotz seiner alten seelsorgenden Freundschaft der kleine geistliche Herr. Ja, es schien förmlich, als wäre ihm durch diese Selbstverbannung seines Zöglings eine Last vom Herzen genommen. Er sprach noch immer fleißig vor auf Goyen, hörte jeden nach seiner verschiedenen Gemütsart mit Wohlwollen an, sprach überall zum Guten und wußte das Gespräch bald auf die heurige Lese und die Hoffnungen auf einen ausgesucht edlen Jahrgang zu lenken, ein Gegenstand, den er mit tiefster Wissenschaft ergründet hatte und selbst den theologischen Erörterungen mit der Tante Anna entschieden vorzog.

Und so war es hoher November geworden, das leere Haus oben auf dem Küchelberg stand winterlich zwischen den kahlen Rebengärten, unten in der Stadt Meran wogte das geschäftige Treiben eines der jährlichen Schlacht- und Viehmärkte durch die engen Gassen, das Samstagsgeläut war verhallt, und der Zehnuhrmesser, der den Abend nicht mehr auszugehen dachte, hatte seine alte Geige von der Wand genommen, um in der Dämmerung noch ein Stück vor sich hin zu phantasieren, ehe die Magd mit dem Nachtessen ihm das Licht heraufbrachte. Der Kater lag behaglich schnurrend im Lehnstuhl, ein erstes Feuerchen knisterte im Ofen, da die Nacht kühl zu werden versprach, vom Fenster her, wo ein paar schöne Geraniumtöpfe standen, kam ein süßer Duft, den die feine Nase des geistlichen Herrn behaglich einsog, und während er in den glücklichsten Flageolettönen alle Waldvögel auf seiner Geige überbot und taktmäßig zwischen seinen niedrigen vier Wänden auf und ab schritt, hatte er so seine gottwohlgefälligen Gedanken, wie ihm doch eigentlich zur vollkommenen Glückseligkeit nichts Wesentliches mangle, zumal da ihm einer seiner Amtsbrüder drunten in Sankt Valentin eine Probe des kostbaren Roten heraufgeschickt hatte, den die frommen Brüder in ihrem sonnigen Tal am Fuß des Ifinger ziehen, und der heute abend sein bescheidenes Mahl verherrlichen sollte.

Da klopfte es an seiner Tür, und in der Meinung, es sei eben nur die Magd mit dem Gast von Sankt Valentin, rief er "Herein!", ohne sein Spiel zu unterbrechen. Aber der Bogen fiel ihm fast aus der Hand, als die Tür aufging und wie ein Schatten aus einer andern Welt die Gestalt des verschollenen Andree vor ihm stand.

Erschrecken Sie nicht, Hochwürden, ich bin's, sagte der Jüngling, indem er vollends hereintrat. Da sehen Sie, der Kater kennt mich wieder, der würde wohl das Fell sträuben, wenn ich nur ein Spuk wäre. Ich hätte mich angemeldet, aber von wo wir kommen, gibt's halt keine Briefpost.

Er beugte sich zu dem schmeichelnden Tier herab, um seine Bewegung zu verbergen. Es war eine Weichheit und Sanftmut in seinem Wesen, die ihn ganz verwandelt erscheinen ließen.

Der geistliche Herr war mitten im Zimmer stehen geblieben; es überlief ihn kalt und heiß. Alles, was er in der ersten Bestürzung sagen konnte, war: Und die Moidi?

Sie ist auch hier, Sie sollen alles wissen, denn ich habe niemand als Sie, und wenn Sie mir nicht raten können, bin ich ein elender Mensch in dieser und in jener Welt.

Indem hörten sie die Schritte der Magd auf der Treppe, und während die Alte, die den Andree mit nicht geringerem Schrecken, aber freudiger, wiedererkannte, den Tisch zum Nachtmahl rüstete, die Kerze hinstellte und ihrer Überraschung in wunderlichen Ausrufungen Luft machte, hatten die beiden Männer Zeit, sich zu sammeln und auf das Gespräch, das nun folgen sollte, im stillen vorzubereiten. Die Magd ging zögernd wieder hinaus. Sie hätte gern auf hundert Fragen Bescheid gehabt. Indessen fürchtete sie sich vor der ungewöhnlich feierlichen Miene ihres hochwürdigen Herrn, der hinter dem Tische Platz genommen hatte, sich öfters die Stirn mit dem bunten Taschentuch trocknete und stumm das erste Glas des roten Valentiners einschenkte, aber ohne es mit dem gewohnten Kennerzug an die Lippen zu führen. Denn seine Zunge war bitter von dem Vorgeschmack vieler unliebsamer Worte, die nun in der nächsten Zeit gesprochen werden mußten.

Andree aber brach das Schweigen und sagte: Sie verzeihen wohl, hochwürdiger Herr, wenn ich mich setzen muß. Aber wir sind heut vierzehn Stunden über die Berge gewandert, und dazu die Angst und Not mit dem armen Weib, und Hunger und Kummer,--die Knie wollen mich nimmer tragen. Wenn Sie wüßten, Hochwürden, was wir ausgestanden haben, so sähen Sie wohl nicht so strenge von nur weg, denn Sie sind allezeit ein barmherziger Herr gewesen und haben keinen reuigen Sünder ohne Trost und Stärkung von sich gelassen.

Der kleine Seelsorger schien von diesen demütigen Worten getroffen zu werden. Er hob das Glas, ließ es erst gegen die Kerze in seiner roten Glut spielen, trank einen bedächtigen Schluck, und reichte es dann seinem Zögling, dem er jetzt zum erstenmal gerade ins Gesicht zu sehen wagte. Trink einmal, Andree, sagte er; du wirst's brauchen können. 's ist Valentiner aus den besten Lagen, kaum vier Wochen von der Kelter weg, ich hab' ihn heut erst bekommen.

Andree nahm das Glas, trank es mit einer ehrerbietigen Verbeugung gegen den geistlichen Herrn auf einen Zug aus und sagte, indem er es wieder über den Tisch reichte: Ich dank' Ihnen, Hochwürden. Aber was ich fragen wollte, und worauf Sie mir vor Gottes Angesicht antworten müssen: Bin ich der Maria Ingram--Gott hab' sie selig!--ihr Sohn, oder bin ich's nicht?

Damit war er wieder aufgestanden, trotz seiner Erschöpfung litt es ihn nicht in der Ruhe, er stemmte die geballten Fäuste beide auf einen Teller, der vor ihm stand, und heftete den traurigen Blick gespannt auf das Gesicht seines geistlichen Freundes, der in nicht geringer Unruhe auf seinem Armsessel hin und her rückte.

Mein Sohn, sagte er jetzt, wenn du mir versprechen willst, keine weiteren Fragen zu tun, will ich die eine dir beantworten: Deine Mutter hat nur ein Kind zur Welt gebracht, die Moidi. Nun du das weißt, gib dich über alles andere zufrieden; denn mehr zu sagen, verbietet mir mein kirchlicher Gehorsam, und würde dir auch zu nichts frommen.

Die Spannung auf dem Gesicht des jungen Mannes ließ plötzlich nach, und die Züge wurden nur kummervoll und hoffnungslos. Ich dank' Ihnen, sagte er, aber es hilft mir nicht viel, denn das hab' ich schon gewußt. Auch wenn mir's niemand gesagt hätt', meine Mutter könnt's nicht gewesen sein. Und ich würde mich auch damit zufriedengeben, denn am Ende, wenn meine Eltern ohne mich fertig werden können, muß ich mich wohl auch ohne sie behelfen lernen, und hab's schon lange genug getan. Aber das arme Weib, Hochwürden, das Tag und Nacht keine Ruh' hat, weil sie meint, es wär' alles nur gelogen von der Mutter, weil sie mich zu sehr gehaßt hat, und von mir, weil ich meine Schwester zu lieb gehabt hätte--nein, Hochwürden, da hilft nichts als Brief und Siegel, sonst fürcht' ich, sie macht's nimmer lang, denn es ist gar erbärmlich, wie sie sich's zu Gemüte gezogen, und Sie wissen wohl, sie hat eine schwache Stelle irgendwo in ihrem Kopf, mit der nichts anzufangen ist.

Er setzte sich wieder mit dem Ausdruck tiefer Ermüdung. Der Hilfspriester aß und trank mechanisch, mehr um seine Verwirrung zu verbergen, als weil ihn die Speisen gelockt hätten, von denen er keinen Bissen schmeckte. Erzähl erst, sagte er, wie's so weit gekommen ist. Hernach wollen wir dann schauen, was sich noch gutmachen läßt. Wo hast du die Monate her gesteckt, daß kein Hahn nach dir krähen konnte?