Der Weinhüter

Chapter 4

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Nun war die Sonne hinter den Berg gegangen, aber noch Stunden währte es, bis die Nacht die Herrschaft gewann. Denn zur Rechten hoch aus dem Vintschgau zuströmend und drüben bis an den Gürtel des Ifinger hinab waltete noch die Tageshelle, und ein bläulicher Duft wölkte sich über dem Flusse hin, hie und da von einem Sonnenstreifen durchschossen, der hinter der Bergwand sich in die Täler hereinstahl. Die Hirten trieben unten in den Wiesen ihre Herden zusammen, und alle Wege zu den Dörfern hinauf belebten sich mit schönen falben Kühen, die über Tag an den Bächen unten geweidet hatten. Im Süden aber die Trientiner Berge und die schöne, kühn hereinblickende Mendelspitz verschleierten sich unter den feuchten Dünsten, die der Schirokko ins Tal heraufwehte.

Spät erst kam ein schmales Stück des Mondes hervor, warf einen unsicheren Blick in die stille Tiefe und verschwand alsbald hinter der schweren Feuchte, die sich träge an den Bergen hintrieb. Das letzte Geräusch in der Stadt, wo der Feierabend frühzeitig eintritt, das letzte Geläut von den Türmen hüben und drüben verklang. Nur die raschen Bergwässer rauschten, und von ferne summte der Südwind daher, trieb den Staub am Wege in leichten Wirbeln auf und raschelte durch die Blätter des vergangenen Herbstes. Auch das ward still, als es gegen elf Uhr ging, und nun hing die regungslose schwarze Nacht, ohne Sterne, ohne einen Hauch, feucht und warm über der Erde und goß ihren Schlaftau auf die tausend Augen.

Die Weinhüter schliefen nicht, und sie wußten warum. Es war nicht die erste mondlose Nacht, in der freche Diebe Einbruch in die Rebengänge versucht und schweren Schaden verübt hatten. Oben bei seiner Maisstrohhütte saß Andree, rauchte aus der kleinen Pfeife und griff im Dunkeln öfters nach dem Kruge, den sein Herr ihm auf die Nacht frisch hatte füllen lassen. Die schweren Regentropfen, die einzeln durch das Blätterdach auf ihn eindrangen, fühlte er kaum in seinen dichten Haaren. Er horchte aber unverwandt nach der Stadt hin, und als es elf geschlagen, hob er sich leise empor und schlich an eine Stelle dicht über der Straße, wo die Laube durch grobe Kürbisblätter und ein vortretendes Mäuerchen zu einem Spähewinkel ausgebaut war. Hier duckte er sich hinter die Steine, die Hellebarde bequem zur Hand, und zündete eine neue Pfeife an. Sein Blut war viel ruhiger als über Tag. Es tat ihm wohl, daß er zu tun bekam, daß er seine heiße Unruhe an einer Gefahr austoben konnte. Denn daß der Welsche die Nacht nicht vorüberlassen würde, ohne Rache zu versuchen, stand ihm fest.

Aber der Feind ließ sich Zeit; er schien die Wächter sicher machen zu wollen. Man hörte die Mitternacht vorn Turm schlagen, und noch regte sich nichts. Einer der Saltner, der das Nachbargut hütete, strich bei seiner Runde an Andree vorbei. Heut kommen sie nicht, sagte er. Ich geh' hinauf in die Hütten. Passiert was, so brauchst nur pfeifen. Gute Nacht! murmelte Andree. Es war ihm lieb, daß der Kamerad zu schlafen vorzog. Er hätte am liebsten ganz allein Mann an Mann mit dem Welschen zu tun gehabt.

Wieder eine halbe Stunde verging, da horchte plötzlich der Einsame hoch auf. Unfern von ihm, wo ein Bauernhof zwischen den Weingütern sich an den Berg lehnte, erscholl ein gewaltiges Brüllen, und gleich darauf stürmte unter heftigem Krachen zersplitternder Geländerstäbe eine dunkle Masse heran, die nichts Menschlichem glich. Der Lauschende sprang auf seine Füße, das Herz klopfte ihm, unwillkürlich schlug er ein Kreuz. Stufen und Mauerwerk trennten ihn von der Laube drüben, im Nu stand er auf dem Rande der Brustwehr und spähte, auf die Hellebarde gestützt, atemlos in das nachbarliche Revier, aus dem der Lärm erscholl. Es kam näher und näher, ein Geheul wie von einem angeschossenen Tier in der Wildnis, das wütend den Jäger sucht. Und jetzt donnerte es drüben dumpf gegen die Mauer, die Steine wichen aus den Fugen, stürzten prasselnd die Stufen hinab, und nach stürzte durch die Bresche, sich überschlagend im Fall, das rätselhafte Ungetüm mit solcher Gewalt in den Treppenhohlweg hinunter, daß die Mauer, auf der Andree stand, wie von einem Erdbeben erschwankte.

Sofort wurde alles still, nur ein schwaches Gestöhn drang zu den Ohren des Lauschenden aus der Tiefe herauf, wo die schwere Masse zusammengestürzt war. Der Bursch war nicht mehr im Zweifel darüber, daß es eine von den Kühen des Nachbarn sei, deren Stall an den Rebengarten grenzte. Ein grimmiger Verdacht loderte in ihm auf. Er pfiff zweimal gellend auf den Fingern, sprang dann hinab und schwang sich über die Mauer auf die Straße.

Das gestürzte Tier lag am Rande des Weges halb zwischen den Steinen eingeklemmt und schlug mit den Beinen um sich, die Hörner in den Boden einwühlend. Doch schien es von der Qual befreit, die es vorhin durch die Lauben gehetzt hatte; es stieß nur dann und wann ein dumpfes Brüllen aus, als wollte es Hilfe herbeilocken, und war zahm und geduldig, als Andree herantrat.

Drei oder vier von den anderen Burschen kamen jetzt von verschiedenen Seiten herbei, sie wechselten heftige halblaute Reden, ehe sie Anstalten machten, dem Tier wieder auf die Beine zu helfen. Andree schwieg und spähte am Boden umher. Plötzlich hob er mit dem Eisen seiner Waffe etwas Glimmendes vom Boden auf. Es ist richtig! sagte er, ich dachte mir's gleich und roch es, wie ich herunterkam. 's ist eins ihrer Bubenstücke. Da seht!

Er hielt ihnen ein Stück Zunder hin, das trotz der Feuchte immer noch fortbrannte. Schandvolk! brauste er auf. Sie haben's der unschuldigen Kreatur ins Ohr gesteckt, um sie rasend zu machen. Wäre sie nicht zu Fall gekommen, so hätt' sich's durchgebrannt, bis ins Hirn, und sie wär' jetzt für den Schindanger reif. So hat sich's herausgeschüttelt, und der Bauer kann von Glück sagen. Hätt' ich den Buben, heiliges Kreuz--!

Der Köbele knackte am Hahn seiner Pistole. Willst du mit mir kommen, Andree?

Nein. Laß das Ding da in Ruh, gab der Bursch finster zur Antwort. Macht, daß ihr die Kuh wieder zum Stehen bringt und schafft, sie heim. Ich will allein gehen.

Er sprang mit großen Sätzen geräuschlos durch die Weiden gegenüber und über das Wiesen- und Sumpfland; eine wilde Kampflust glühte in ihm, die alle seine Sinne schärfte. Der Regen fiel jetzt gleichmäßig und mit starkem Rauschen herab, und der Wind sauste stärker. Dennoch hörte Andree, als er dem Stadttor näher kam, ferne Schritte unter den Weiden und sah jetzt auch, weit voraus, zwei fliehende Gestalten und erkannte mit kaum verhaltenem Jauchzen die weißen Jacken der verhaßten Feinde. Kaum hundert Schritte noch, so hatten sie das Tor erreicht. Aber sie kamen langsam von der Stelle. Der eine--er war jetzt nahe genug, es deutlich zu unterscheiden--hinkte mühsam am Arme seines Kameraden hin. Das Tier mochte sich mit seinen scharfen Hörnern zur Wehr gesetzt haben. Sie sprachen im Gehen von ihrer Untat, der Hinkende lachte eben mit einer Stimme, die dem Rächer vom Morgen her nur zu gut bekannt war. Aber das Lachen ward jählings zu einem Schrei des Entsetzens. Denn von einem wütenden Schlag der Hellebarde getroffen, stürzte der Elende in die Knie und winselte um Pardon. Ein neuer Stoß streckte ihn stumm zu Boden. Sein Geselle, der ihm beispringen wollte, wurde von zwei stählernen Fäusten gepackt, ein wildes Ringen begann in der Finsternis, keiner sprach ein Wort, nur die Zähne der erbitterten Gegner knirschten, und sie starrten einander dicht ins Weiße der Augen. Da sah der Soldat seinen Vorteil und drängte den Feind dicht an den Rand des Grabens, daß ihm der Fuß auf dem schlüpfrigen Boden ausglitt und er rücklings niedertaumelte. Ehe er sich wieder aufgerafft hatte, war der Weißrock entsprungen, und Andree stand einsam neben dem regungslos daliegenden Welschen, der auf alles Rufen und Rütteln kein Lebenszeichen mehr von sich gab.

Er ist hin! sagte der Bursch laut für sich, da ihm die leblose Masse wieder aus den Armen glitt. Bei dem Ton seiner eigenen Worte schauderte er unwillkürlich zusammen. Sein ganzes elendes Leben stand ihm plötzlich vor der Seele.

Nicht der Totschlag war es, der ihm so grauenvoll aufs Gewissen fiel. Sie waren als ruchlose Räuber bei nächtlicher Weile eingebrochen, und was sie traf, war gerechte Rache für ihre Heimtücke. Wenn der andere Weißrock, der entflohene, der ihm völlig fremd war, so vor ihm dagelegen hätte mit zerschelltem Hinterhaupt, das Gesicht in die Lache seines eigenen Blutes gedrückt, wär' es dem trotzigen Burschen wohl schwerlich nahegegangen. Aber daß es dieser sein mußte, den er gehaßt hatte, gehaßt, weil die Moidi ihm freundlich gewesen war--seine Schwester--!--Das Blut schien ihm zu Eisklumpen zu gerinnen, wie er es jetzt zum erstenmal mit unbarmherziger Klarheit vor sich stehen sah, sein fluchwürdiges Schicksal. Mit Rache- und Blutgedanken hatte er am Wege gelauert den ganzen Tag und die halbe Nacht. Was war ihm der Frevel an den Rebstöcken und dem unschuldigen Tier? Einen ganz anderen Frevel hatte er zu rächen: daß dieser verwegene Gesell mit dem Mädchen schön getan, daß das Mädchen über seine Reden gelacht, daß sie ihn gegen den Zorn des Bruders jetzt so verteidigt hatte. Darum hatte er büßen müssen, darum lag er jetzt so still in seinem Blut, und der vor ihm stand, war kein Hüter des Gesetzes, sondern ein Mörder, geächtet von seinem eigenen Gewissen.

Der Köbele kam jetzt heran, und sein Schritt schreckte den hoffnungslos Brütenden auf. Er sprach kein Wort auf alles, was der andere redete und rannte. Er bedeutete ihm mit stummen Gebärden, daß sie den Toten aufheben und in das Kapuzinerkloster tragen wollten, das hart am Tor von Meran über die Mauer blickt. Erst dort an der Klosterpforte, als sie ihre Last auf der Schwelle abluden, sagte er dumpf: Zieh an der Glocke, Köbele, und wart, bis sie aufmachen. Kannst ihnen sagen, daß ich's getan hab'. Und behüt dich Gott; mich wirst nimmer wiedersehen.--Damit wandte er sich kurz ab und verschwand in der dunklen Straße.

Es war ihm eilig mit dem, was er vorhatte, doch konnte er nur langsam seine Glieder weiterschleppen, so schwer lähmten ihn seine Gedanken. Als er die finstern Bogengänge der "langen Lauben" betrat, wo er vor dem Regen geschützt war, setzte er sich auf einen der Steinsitze und lehnte das schwere Haupt gegen den Pfeiler. Hier saß über Tag das alte Mütterchen, das auf seinem Kohlenofen Kastanien briet. Die Erde war noch mit Schalen bestreut, die unter Andrees schweren Nägelschuhen krachten. Wie oft hatte er hier seinen Hunger gestillt, wenn er zu stolz gewesen war, die eigene Mutter um Essen zu bitten! Und dort, wenige Häuser aufwärts, war der Laden des Zuckerbäckers, dem die Moidi ihre Sparkreuzer hinzutragen pflegte. Er sah noch deutlich das große Herz von Biskuit, das erste Naschwerk, das sie sich selber gekauft. Sie hatte es mit ihm teilen wollen und, da er's ausschlug, in die Passer geworfen, obwohl sie es sehr gern gegessen hätte; denn sie weinte, als sie es getan hatte. Noch jetzt, da er an diese kindischen Tränen zurückdachte, fühlte er eine triumphierende Freude, daß er so viel Gewalt über ihr leichtsinniges, trotziges Herzchen gehabt hatte, und in demselben Augenblicke erschrak er über diese seine Freude. Er sprang verstört wieder auf und tappte sich vorwärts in dem öden Hallengang, bis er an das Haus kam, wo der Zehnuhrmesser wohnte. Die Haustür war unverschlossen, der Flur mit der morschen winkligen Treppe so dunkel, daß jeder fremde Eindringling Gefahr lief, den Hals zu brechen. Andree stieg auf den Zehen hinauf, er kannte jede Stufe. Die Fledermäuse schwirrten auf, als er oben unters Dach trat, wo der geistliche Herr sein Quartier hatte. Da stand er eine Weile an der Tür und horchte, ob er ihn drinnen im Schlaf atmen hörte. Darin entschloß er sich einzutreten.

Das Zimmer aber war leer; auch in der anstoßenden Kammer, wo er selbst als Knabe gehaust hatte, fand er ihn nicht. Und als ob er sich jetzt erst recht von Gott und Menschen verlassen fühlte, setzte er sich auf das unberührte Bett und dachte von neuem an all die Jahre zurück und brütete über finsteren Entschlüssen.

Die große Katze, die Haushälterin des Zehnuhrmessers, schlich sacht heran, denn sie hatte ihn wohl erkannt, und knurrte schmeichelnd um ihn herum. Jetzt sprang sie ihm auf den Schoß und rieb ihren weichen Rücken gegen seine Brust. Da stürzten ihm die Tränen mit Gewalt aus den Augen, und er begrub das Gesicht in das seidene Fell des alten Lieblings. Als er sich so erleichtert hatte, hob er das Tier sanft von den Knien herab, richtete sich auf und tastete die schwanke Stiege wieder hinunter. Denn draußen schlug es ein Uhr, und er durfte nicht zaudern, wenn er sein Vorhaben ungehindert ins Werk setzen wollte.

Er schlug den Weg ein, den sein geistlicher Freund am Morgen hatte gehen wollen, nach dem Schloß hinauf, wo der Hirzer wohnte. Der Zehnuhrmesser war dort besonders gern gesehen; er mochte sich droben in geistlichen Gesprächen mit der Tante Anna oder bei einer Weinprobe verspätet haben und über Nacht geblieben sein. Wenigstens würden sie dort wissen, wohin er sich gewendet habe. So durchschritt der Flüchtling mit freierem Fuße die Laubengasse und das Passeirer Tor und betrat den steinernen Steg über die wilde Passer. Der Regen rieselte jetzt weicher herab, das Gewölk wurde luftiger, und der Wind kam lebhaft aus Nordost und klärte schon ein Stück des Himmels, daß schwache Mondstrahlen in die schäumenden Wellen der Felsschlucht fielen. Da zur Linken den Berg hinauf, eine Viertelstunde Wegs, und er hätte in das Fenster spähen können, hinter dem seine Schwester schlief. Und hier über die steinerne Brustwehr hinab--ein letztes Gebet und ein rascher Sprung--und er wäre aller irdischen Qual entrückt gewesen. Aber als ob ihm vor beiden Versuchungen gleich sehr graute, schritt er nun hastiger über die hallenden Steinplatten der Brücke und trocknete sich den Schweiß von der Stirn, als er drüben die Abhänge von Obermais betrat.

Die Saltner riefen ihn an, als er durch Gassen und Fußpfade hinaufstieg. Er wechselte das Zeichen mit ihnen, stand aber nicht Rede auf weitere Fragen. Immer ungeduldiger sah er zu der Höhe auf, von der die alte Burg herniederwinkte, ein schwarzer, unförmlicher Steinhaufen, um den die Kastanienwipfel rauschten und ringsum durch die Weingärten die Bäche zu Tale flossen. Dieses Weges war Andree nicht mehr gegangen seit seinem siebenten Jahr, wo er einmal die Kinder des Hirzers droben aufgesucht hatte, im stillen danach verlangend, seine sanfte, blasse, schönäugige Pate zu sehen, die Tante Anna. Damals hatte ihn der Bauer mit unholden Worten vom Hofe weggescholten und ihm verboten, sich je wieder blicken zu lassen. Knirschend war er gegangen, und nichts hätte ihn vermocht, die Schwelle wieder zu betreten. Aber die Not, in der er war, ließ ihn all den alten Hader vergessen.

Erst wie er droben war, nach mühseligen Irrwegen über die Felsen, fiel es ihm aufs Herz, daß er in dem Gewinkel des alten Baues nicht Bescheid wußte, und er stand einen Augenblick ratlos unter dem Bogentor, das in den untern Hof einführt. Er sah wohl die schmale Holzstiege, die unter freiem Himmel an der verfallenen Mauer klebte und die man hinaufstieg, um in die noch wohnlich erhaltenen Gemächer zu gelangen. Wenn er die feindseligen Männer umsonst weckte und den geistlichen Herrn nicht fand, in welchem Lichte mußte er dastehen, und was sollte er ihnen sagen, den nächtlichen Besuch zu entschuldigen? Sein Kopf war so wüst und leer, daß er Mühe hatte, sich alles zurechtzulegen. Und fast wäre er wieder umgekehrt, wenn nicht das Geheul des Haushundes, der droben auf der Stiege in einem Loch der Mauer geschlafen hatte, ihn aus aller Verlegenheit gezogen hätte.

Denn kaum hatte der alte Wächter, der mit den Jahren zu träge geworden war, sich von der Stelle zu rühren, aber in seinem leisen Schlaf jeden fremden Schritt im Hofe vernahm, ein paar Minuten lang verdrossen vor sich hin gebellt, so öffnete sich dicht neben seinem Lager die kleine Tür, und eine weibliche Gestalt erschien oben auf der Treppe. Andree hörte, wie sie mit dem Hunde sprach und ihm seine unruhigen Träume verwies und den Lärm, der die Tante Anna nicht schlafen lasse. Rosine! rief er hinauf. Das Mädchen erschrak und trat in die Tür zurück. Einen Augenblick horchte sie, auch der Hund schwieg. Als zum zweitenmal ihr Name gerufen wurde, trat sie spähend an das Stiegengeländer vor. Wer ist drunten? rief sie mit zitternder Stimme. Bist du's, Andree?

Ich bin's, gab der Jüngling zur Antwort. Ist der Zehnuhrmesser droben im Haus?

Sie schien die Frage überhört zu haben. Im Nu war sie in das Haus zurückgesprungen und ließ ihn in zorniger Ungeduld drunten harren. Rosine! rief er überlaut, daß die Trümmerwölbungen widerhallten. Da trat sie schon wieder heraus, ein Tuch übergeworfen, und huschte an dem Hunde vorbei, die steile Treppe hinab. Andree! Ist's möglich? flüsterte sie, hastig auf ihn zueilend. Was suchst du hier zu dieser Zeit? Ist was passiert, mit der Moidi, oder-Den Zehnuhrmesser such' ich, unterbrach er sie. Sag, ob er oben ist, oder wo ich ihn finden kann.

Er ist droben, antwortete sie rasch. Komm hinauf. Ich bring' dich zu ihm, der Vater schläft fest, niemand soll's wissen als die Tante.

Auch die nicht, herrschte der Bursch. Ich habe keine Zeit übrig. Gut, daß du bei der Hand warst. Ich war drauf und dran umzukehren.

Sie stiegen die Treppen hinauf, der Hund winselte unwirsch, aber ließ sie unangefochten eintreten.

Ich hab' von dir geträumt, grad' eh' du kamst, sagte das Mädchen, während sie in der Küche, dicht neben dem Hausgang, ein Lämpchen anzündete. Es war schrecklich. Du lagst tot auf der Wassermauer; sie hatten dich aus der Passer gezogen und wollten dich wieder zum Leben bringen, und ich stand dabei und sagte immerfort: Laßt ihn doch, es hilft ja alles nichts! Und dabei wurde ich selber eiskalt übern ganzen Leib und erschrak vor meiner eigenen Stimme, aber ich mußte immer wieder sagen: Es hilft alles nichts, er ist tot--und da bellte der Hund, und nun stehst du lebendig neben mir, Andree, Gott sei gelobt!

Traum kann Wahrheit werden, murmelte er zwischen den Zähnen, aber er wollte sie nicht noch mehr ängstigen und setzte laut hinzu: Ich lebe noch, Rosine, aber ich muß fort von hier, du wirst bald genug hören, warum. Und diese Nacht noch muß ich gehn, sobald ich den hochwürdigen Herrn gesprochen habe.

Das Mädchen ließ die Lampe aus der Hand gleiten, daß das Öl auf den Herd floß. Ihr feines blasses Gesicht rötete sich heftig, und die schönen braunen Augen blickten verstört auf, als hätten sie ein Gespenst gesehn. Fort willst du? sagte sie. Ist es möglich, Andree? Die Moidi willst du verlassen und uns alle, und wann wirst du wiederkommen? Was ist denn geschehen? Hat die Mutter wieder-Schweig von der Mutter, fiel er ihr hastig ins Wort. Frag nicht weiter, es kommt alles an den Tag. Und jetzt sag, wo der geistliche Herr schläft. Ich habe keine Minute übrig.

Sie nahm das Lämpchen mit demütigem Stillschweigen vom Herd und ging ihm voran, durch den reinlichen Flur, von dessen weißgetünchten Wänden ein paar uralte braune Heiligenfiguren, die der Tüncher geschont hatte, aus traurigen langgeschlitzten Augen auf sie herabsahen. Eine enge Steintreppe lief hinauf zu den oberen Räumen; alles war durchduftet von dem Geruch schöner reifer Äpfel, die droben im Winkel aufgeschichtet lagen. Eine alte Wanduhr tickte mit hartem Pendelschlag, und die Mäuse liefen, durch die nahenden Schritte aufgeschreckt, kollernd und rappelnd in ihre Schlupflöcher zurück.

Hier! sagte das Mädchen, auf eine große altertümliche Tür zeigend. Sie gab dem Jüngling die Lampe in die Hand und blieb draußen im Hausgang stehn, bis er eingetreten war. Einen Augenblick fühlte sie sich versucht, das Ohr ans Schlüsselloch zu legen. Darin schüttelte sie traurig den Kopf und schlich die Stufen wieder hinab in die öde Küche, zu warten, bis er wiederkäme.

Er aber stand droben eine ganze Weile in dem ungeheuren, rings mit dunklem Holz ausgetäfelten Saal, wo in einer Nische dem geistlichen Herrn ein Bett bereitet war, und konnte sich nicht entschließen, den friedlich Schlafenden zu wecken. Zum erstenmal fühlte er es dunkel, daß sein teurer Lehrer und Seelsorger nicht die Macht hatte, Stürme zu beschwichtigen, wie sie in seinem Gemüte tobten. Eine dunkle Angst, mit seinem beladenen Gewissen an eine sichere Stelle zu flüchten, hatte ihn hierher getrieben. Aber der Frieden, der auf diesem ruhig atmenden, leicht geröteten Gesichte lag, war nicht für ihn. Wozu sollte er seine Notklagen, da niemand ihm helfen konnte.

Er zog schon den Fuß zurück, um die Halle sacht, wie er gekommen war, wieder zu verlassen, als der Schlafende, von der Flamme des Lämpchens beunruhigt, eine Bewegung machte und mit noch geschlossenen Augen vor sich hin sagte: Der heurige wird gut, aber der ferndige war besser. Schau nur fleißig zu, Andree; der rote Farnatsch-Hochwürdiger Herr, sagte der Bursch mit erhobener Stimme; ich bin hier und bitt' um Entschuldigung, wenn ich Ihre Nachtruh' störe. Aber ich möcht' doch nicht weggehen, ohne Abschied von Ihnen zu nehmen.

Erschrocken fuhr der Träumende in die Höhe und starrte mit weit aufgerissenen Augen den nächtlichen Besucher an. Himmlische Barmherzigkeit! rief er, was ist geschehen? Andree--bist du's wirklich, hier oben auf Schloß Goyen, bei nachtschlafender Zeit, und mit einem Gesicht, mehr tot als lebendig?

's ist mir auch danach zu Mut, Hochwürden, erwiderte der Jüngling. Ich muß mich fortmachen, wie Kain, ich habe einen Menschen erschlagen und keine Ruhe mehr auf Erden.

Andree! rief der entsetzte Hörer. Du hast--Das Wort erstarb ihm auf der Zunge; mit entgeistertem Gesicht saß er im Bette da und faltete mechanisch die Hände über der rotgewürfelten Decke. Der Jüngling erzählte mit scharfer Kürze, wie sich alles zugetragen. Von der Schwester sagte er kein Wort.

Er schloß damit, daß er nun zunächst in einem Kloster Zuflucht suchen wolle und den hochwürdigen Herrn bitte, ihm eine Empfehlung mitzugeben, daß man ihn nicht abwiese, wenn er ohne allen Ausweis anklopfte. Dann schwieg er und wartete mit Ungeduld, was sein Seelsorger dazu sagen würde.

Der aber starrte in tiefen Gedanken vor sich hin. Das geht nicht an, mein Sohn, sagte er endlich mit bekümmerter Miene. Die Gerichte werden deine Auslieferung verlangen, und da du noch keine Weihen erhalten hast, wirst du wieder zurückgebracht werden. Und was können sie dir auch so Schlimmes antun? Du warst nicht der Angreifer und hast im Finstern zugeschlagen, und die arme Seele des schändlichen Räubers kann dich nicht verklagen vor Gottes Thron. Also mein' ich, du gehst ruhig aufs Amt und machst Anzeige und wartest ab, was das Gericht dazu sagt. Denk, wenn du landflüchtig würdest, was sollt' deine Schwester anfangen, die keine Stütze hat als dich, wenn die Mutter die Augen schließt.

Die Glut schoß dem Jüngling ins Gesicht, und er wandte sich ab. Es ist einmal nicht zu ändern, sagte er dumpf. Hier bleiben, Rede stehen, bestraft und bedauert werden? Lieber gleich in die Hölle fahren, --Gott verzeih' mir die Sünde! Wenn Sie mir nicht beistehen wollen, Hochwürden, so sag' ich behüt' Gott! und geh' meiner Wege. 's ist was--fuhr er zögernder fort--, was ich Ihnen nicht sagen kann, das stößt mich fort von hier, daß mir ist, als müßt' ich grad' ersticken, wenn ich zwischen diesen Bergen noch länger Odem holen sollt'. Und wenn auch alles glatt abginge beim Amt, ich bliebe doch nicht, ich ginge ins Kloster sowieso, da's unser Herrgott verboten hat, sich selbst aus der Welt zu helfen, was ich freilich am liebsten tät'. Aber irgendwo muß ich hin, wo ich für alle und jedermann wie tot und begraben bin und auch ganz vergesse, daß noch Menschen auf der Welt sind. Dann kann ich's vielleicht aushalten, sonst nicht, so wahr ich hier vor Ihnen stehe.