Der Weinhüter

Chapter 2

Chapter 23,841 wordsPublic domain

Sie schwiegen eine Weile.--Magst du den Wecken nicht? sagte das Mädchen. So leg' ich ihn da auf die Bank, er kommt schon nicht um. Aber da sind noch ein paar Feigen, von unserm Baum droben, die reifsten. Ich hab' sie für dich abgebrochen. Da! sie sind gut in der Hitze!

Ich dank' dir, Moidi, erwiderte er. Komm, wir wollen sie zusammen essen, droben im Schatten.

Er schritt voran die Weinbergsstufen hinauf, und sie folgte ihm, allerlei plaudernd, worauf er die Antwort schuldig blieb. Auf seinem alten Platz unter dem Rebendach warf er sich nieder, und sie setzte sich neben ihn auf den breiten Stein und nötigte ihn, die Feigen zu kosten. Mit der Zeit, da keine neue Störung kam, schien ihm wohl zu werden. Ein leichter Wind machte sich auf und trug den Schall einer fernen Mühle an der Etsch und das Geräusch der Passer bis zu ihnen herauf, dann und wann auch einen Knall von den Schützen, die im Schießstande drüben nach der Scheibe schossen. Die Zeit wurde ihnen nicht lang. Er nötigte sie, von seinem Wein zu trinken, was sie bald wieder in die alte lustige Laune brachte. Auch die Heimlichkeit des schattigen Verstecks reizte ihren Mutwillen, und er, der einsilbig, aber nicht mehr unmutig, sie gewähren ließ, verwandte kein Auge von ihr. Endlich setzte sie sich gar den schweren Saltnerhut auf, nahm den Spieß in die Hand und ging mit großen Schritten die Laubengasse hinauf und hinunter, mit der Linken die beiden Fuchsschwänze unter dem Kinn zusammenhaltend, daß ihr Gesicht ganz davon eingerahmt war. Andree, sagte sie, mich sollten sie schon fürchten, mein' ich, und wenn die Mutter nicht wär', käm' ich alle Nacht zu dir und machte den Saltner, während du dich hinlegtest, ein paar Stunden zu schlafen. Ich wollt' die Spitzbuben, die Soldaten, schon in Respekt halten, gelt?

Der Jüngling lachte zum erstenmal. Als sie sah, daß sie das Eis seines Trübsinns gebrochen hatte, kam sie rasch zu ihm, setzte Hut und Hellebarde beiseit und sagte, dicht neben ihm im Grase kauernd: Nun schau, Andree, tausendmal hübscher bist du, wenn du auch einmal lachst wie andre Buben, als so alleweil Falten in die Stirn ziehst und dreinschaust wie unser Herr Christus am Kreuz. Bist du nicht ein junger, lebfrischer Bub und brauchst dich von niemand in den Sack stecken zu lassen? Mit der Mutter--ja, das ist freilich eine leide Geschicht', aber du hast doch keine Schuld daran, das wissen alle Leut', und um mich brauchst du dich auch nicht zu grämen, ich komm' zu dir, sooft ich kann, und vor mir darf die Mutter kein bös Wort auf dich sagen, wenn sie mich nicht zur Tür hinaustreiben will, das weiß sie wohl. Was hast also, daß du alleweil den Kopf hängst und mir selber so finstre Augen machst, als wär' ich nicht deine liebe Schwester, sondern eine Feindin? Und wenn gar ein andrer Bub mir ein Wörtel sagt, so ist gleich Feuer im Dach. Sag, möchtest du eine Nonne aus mir machen, oder daß ich bei der Mutter ihr Lebtag die Hennendirn abgeben und eine steinalte Jungfer werden soll?

Sie war ihm während dieser Worte zutraulich nahe gerückt und hatte den Arm leicht um seinen Nacken gelegt. Aber wie wenn ein Gespenst ihn angefaßt hätte, fuhr er auf und schüttelte ihre Liebkosung ab. Seine Brust arbeitete schwer. Laß mich, keuchte er heftig hervor, rühr mich nicht an, frag mich nichts, geh fort von mir, so weit du kannst, und komm nie wieder!

Er war aufgesprungen, als wollte er fliehen, aber er konnte sich nicht von der Stelle rühren. Er mußte sie ansehen, wie sie, versteinert, im Grase kniete, die Hände im Schoß gefaltet, mit einem Blick, der ihm ins Herz schnitt. Die Augen schienen größer geworden, der halbgeöffnete Mund in einem schmerzlichen Aufschrei erstarrt, die feinen Nasenflügel bebten. Es war nicht das erste Mal, daß dieses Gesicht ihn an dem Kinde entsetzte. Ja zuweilen mitten in ihrem Lachen, das überhaupt oft kindisch klang, ward sie von plötzlichem Schrecken überfallen und für eine Zeitlang wie von einem verstörenden Krampf entgeistert, der sich dann mehr oder minder heftig zu lösen pflegte. Er selbst hatte sich bisher nicht vorzuwerfen, einen solchen Auftritt verursacht zu haben. Vielmehr rief man ihn, um den bösen Geist zu bannen, und es pflegte ihm ohne Mühe zu gelingen. Als er sie aber jetzt in dieser atemlosen Ohnmacht knien sah, durch seine Schuld, war ihm einen Augenblick selbst die Besinnung gelähmt.

Er schlug sich vor die Stirn und stöhnte tief auf. Dann bückte er sich zu ihr herab, faßte ihre Hände, die eiskalt geworden waren, und sah ihr dicht in die Augen. Ich bin's, Maria, sagte er inständig; der Andree ist's; sieh mich an, höre mich, verzeih mir, ich bin ein Rasender, aber es ist vorbei; laß auch du es gut sein und verzeih mir's, du weißt nicht, wie mir ist, sonst hättest du Mitleiden.

Mit seinen heißen Händen drückte er die ihrigen, und ebenfalls niedergekniet, dicht ihr gegenüber, wartete er mit leidenschaftlicher Angst, daß das Leben in ihren Zügen wieder aufglimmen möchte. Aber noch blieb die Starrheit mächtig über ihr, keine Wimper zuckte, kaum fühlte er einen Hauch aus ihrem Munde gehen, und die weit offenen Augen schienen ihn durch und durch zu blicken wie leere Luft. Da setzten mit tiefem Klang die Glocken der Pfarrkirche ein zum Vespergeläut und lösten den Bann, langsam, aber wohltätig. Sie seufzte schwer aus der Brust, die Augenlider schlossen sich erst, dann, als sie sich wieder öffneten und die erwachende Seele sich der Welt und ihrer selbst besann, quollen große Tränen hervor, und an seine Schulter gelehnt weinte sie, ohne ein Wort hervorzubringen, die Erschütterung aus.

Er hielt sie ebenfalls stumm, mit aufatmendem Herzen an sich gedrückt und horchte auf den wogenden Ton des Geläuts, verworrene Gebete bei sich selbst hersagend. Als die Glocken ausgeklungen hatten, griff er nach dem Krug und reichte ihn ihr. Sie näherte ihm die Lippen, wie eine Kranke, die das Gefäß nicht selbst zu halten sich getraut, und trank einen langen Zug. Dann schloß sie die Augen, ohne sie zu trocknen, und schlief neben ihm ein, immer noch auf den Knien und die Hände unbeweglich gefaltet.

Als er sie nach einer Weile ruhig atmen hörte, hob er sie auf und legte sie bequem auf den abhängigen Boden nieder, seine Jacke unter ihren Kopf schiebend, ohne daß sie erwacht wäre. Er selbst, nach einem raschen Umblick in seinem Revier, lagerte sich neben ihr, den Kopf in die Hand gestützt, und starrte ihr in das schlafende Gesicht, das nun ganz friedlich wie aus heiteren Träumen lächelte. Wenn ein Blatt sich bewegte und dann das Licht flüchtig auf ihrer Stirn spielte, seufzte sie wohl noch leise nach. Aber ihr war wohl, während es in ihm von dunklen Schmerzen und schweren Entschlüssen gewaltsam gärte und jeder Blick in diese friedlichen Züge ihm neue Nahrung für seine Qualen eintrug.

Welch ein rätselvolles Schicksal umgab diese Geschwister?--Wir müssen, um es aufzuhellen, um viele Jahre zurück, in eine Zeit, da die Mutter, die mit so seltsamer Feindschaft zwischen ihnen stand, nicht viel älter war als das blonde Kind, das dort oben unter den Reben schläft, freilich in allem übrigen ihr volles Widerspiel. Die Großeltern der blonden Moidi besaßen droben auf dem Küchelberg ein schlichtes Bauernhaus, das aber schön nach allen Seiten in die Täler hinuntersah, links ins Passeier, rechts ins Vintschgau hinein, geradeaus über die Stadt Meran weg in die breite Niederung der Etsch bis zu den Bozener Bergen. Der alte Ingram hatte das Anwesen schon von Vorvätern ererbt, und die liebliche Lage war ihm freilich als Zugabe wert, mehr aber die ausgedehnten Weingüter, die sich nach allen Seiten daranschlossen und ihm wohl zustatten kamen, seine vielen Kinder zu ernähren. Von denen war die jüngste, Maria, oder nach dem Landesausdruck "Moidi", ein wahres Sorgenkind, während von den übrigen im Guten oder Schlimmen nichts Sonderliches zu berichten wäre. Diese jüngste jedoch, nicht allein, daß sie die Häßlichste war, und eher einer Alraune als einem Meraner Landkinde ähnlich, die meist sauber und wohlgebildet heranwachsen, betrug sich zudem von klein auf so ungehörig, daß sie viel Schläge und wenig gute Worte von der Mutter erlebte, und auch der Vater, der ein mäßiger und am Hergebrachten hängender Mann war, sich mehr und mehr dieser jüngsten zu schämen begann. Mit der Zeit hörten die Schläge auf, da es deutlich war, daß sie das Übel nur mehrten, und es sich nicht obenein verkennen ließ, selbst für ein Bauernauge, es sei nicht alles in Ordnung in diesem armseligen Kopf. Der Pfarrer hatte sie zwar genau befragt und ihre Verkehrtheiten nur aus den verwilderten Trieben eines eitlen und schwachen Herzens herleiten wollen; und wirklich ließ sich ihrem Verstand, wenn man nicht sorgfältiger zusah, kein Sprung oder Sparren nachweisen; denn sie verstand, sobald man sie katechisierte, sich klug zusammenzunehmen und selbst ihre offenbaren Narrheiten halb und halb zu beschönigen. Von diesen nun war die ärgste eine ganz unzweckmäßige und mitleidswürdige Putzsucht, mit der sie, wo sie ging und stand, recht geflissentlich aller Augen auf ihre ohnehin schon auffallende Häßlichkeit lenkte. Das trug ihr eine Menge der bösesten Spottnamen ein, und die es am besten mit ihr meinten, nannten sie den "schwarzen Pfau", oder die "wüste Moidi" schlechtweg, ihre eigenen Brüder aber nur "die Schwarze"; denn sie war nicht nur von sehr dunkler Gesichtsfarbe und dichten, buschigen Augenbrauen, sondern auch ihr Haar krauste sich durch ein merkwürdiges Naturspiel wie das der Negerinnen und sträubte sich beharrlich gegen Kamm und Flechtenbänder. Ob der König aus Mohrenland unter den heiligen Dreien auf einem Bilde, das die Mutter einmal in Bozen gesehen, diese befremdliche Spielart auf dem Gewissen habe, wie einige behaupteten, lassen wir dahingestellt. Tatsache war, daß die "wüste Moidi", anstatt ihr Schicksal mit leidlicher Miene zu ertragen, auf die lächerlichsten Mittel verfiel, ihm abzuhelfen und durch allerlei Putz und Tand, mit dem sie sich, ganz gegen den Brauch, behängte, ihre Person ansehnlicher und liebenswürdiger zu machen. Was sie irgend an Geld zusammenbringen konnte, nicht immer auf die redlichste Weise, verwandte sie eilig dazu, sich bunte Bänder oder gemachte Blumen zu verschaffen, mit denen sie ihr wolliges Haar durchflocht und so, zum großen Ärgernis der Alten und Gespött der jungen, zuweilen selbst am Sonntag in der Kirche erschien, ungeachtet ihr die Mutter, sooft sie ihr so begegnete, den Putz zornig abriß und sie mit Hunger und Schlägen dafür büßen ließ.

Ein wenig besserte sich dieser traurige Hang, als sie in die reiferen Jahre kam und sich das Gefühl für den Spott der jungen Burschen in ihr schärfte. Zum Unglück aber löste eine noch unheilvollere Torheit jene erste kindische ab, und sie ließ ihr, freilich mit besserer Entschuldigung, noch haltloser den Zügel schießen. Sie warf nämlich ihre Augen unter den vielen Burschen, die mit ihren Brüdern verkehrten, gerade auf den schönsten, der sie von früh an mit der unverhohlensten Abneigung behandelt hatte. Das war an Leib und Seele ein Bursch vom guten alten Meraner Schlag, ein etwas träges Gemüt in einem starken, herrlich gebildeten Körper, ein eifriger Kirchgänger, kundiger Weinbauer, der wenig Worte machte und Gedanken nur für den Hausbedarf spann, am wenigsten aber mit unnützen Liebschaften Zeit und Geld vertat, da es überhaupt in diesen romantischen Tälern im Punkte der Liebe und Ehe meist kaltblütiger und geschäftsmäßiger zugeht, als flüchtige Reisende sich träumen lassen. Damals, als die schwarze Moidi sich in ihn vergaffte, lebte sein Vater noch, der Aloys Hirzer, der eines der alten Herrenschlösser unterm lfinger, auf einer Höhe über der Stadt frei gelegen, von dem verschuldeten letzten Stammherrn gekauft hatte, um dort seine Weinbauernwirtschaft mitten unter den feudalen Trümmern in großem Stile zu errichten. Außer dem Sohne, Joseph, hatte er noch eine Tochter, die in Innsbruck bei einem Paten feinere Erziehung genoß und sich zur Lehrerin auszubilden dachte, als der Vater plötzlich das Zeitliche segnete, und der Bruder sie nun heimkommen ließ, um ihm die neue Einrichtung zu erleichtern. Es war ein sanftes, blasses, schönäugiges Mädchen, älter als der Joseph, ihr Bruder. Dessen Kameraden, von denen wohl mancher ein Gelüsten trug, sich ein Stück Burgland anzuheiraten, wagten sich an die Anna nicht heran, die ihnen zu fein und leise war und bald fast im Geruch der Heiligkeit stand, denn sie war in allen Kirchen und allen Hütten der Kranken und Dürftigen zu finden und ging an keinem Kinde vorbei, ohne es auf den Arm zu nehmen, ihm ein Bildchen zu schenken oder seine Gebetlein hersagen zu lassen. Der Bruder war sehr wohl mit ihr zufrieden, da sie sein Haus, die Gemächer nämlich, die noch in wohnbarem Stande waren, geräuschlos in Ordnung hielt. Er hatte sich von jeher aufs beste mit ihr vertragen. Da er ein guter und durch Herzenswallungen nicht leicht zu verwirrender Rechner war, schien es ihm zweckmäßig, daß seine Schwester ledig blieb. Wenn er auf dem Balkon stand, der wie ein Schwalbennest an der grauen Burgmauer klebte, und in seiner Bauerntracht, der rotaufgeschlagenen Lodenjoppe, den breiten schwarzen Hut mit roter Schnur auf dem Kopf, die gebräunten Hände unter die geschlitzten Hosenträger gesteckt, hinaussah ins weite Land, verwellte sein Blick mit Befriedigung auf den kleinen Klostertürmen, die hie und da ihr Kreuz aus dem Duft erhoben, und er gedachte gern daran, daß die früheren, adligen Burgherren dort ihre unversorgten Söhne und Töchter untergebracht hatten. Es wäre ihm nicht ungelegen gewesen, wenn seine Schwester ebenfalls vor den Gefahren und Anfechtungen der Welt eine beschauliche Zuflucht gesucht hätte. Da sie aber hiezu keine Lust bezeigte, auch fürs erste noch im Hause völlig nötig war, nahm er einstweilen mit dem Abglanz ihres Heiligenscheins, der auch auf ihn herüberstrahlte, vorlieb und war nicht wenig stolz, wenn geistliche Herren, der Schwester wegen, fleißig auf Goyen vorsprachen und bei einem Glase roten Weins über die Angelegenheiten der Kirche erbauliche Reden führten.

An seine eigene eheliche Zukunft dachte er nur gelegentlich, wenn von einer reichen Erbtochter einmal die Rede war, auch darin ohne hitzige und häßliche Habsucht, mit einem stillen Pflichtgefühl, daß es ihm wohl zukomme, das väterliche Gut durch einen schönen runden Zuwachs zu mehren. Da er, wie gesagt, einer der schmucksten Burschen der Gegend war, trug er die ruhige Zuversicht mit sich herum, daß es ihm gar nicht fehlen könne, wenn er überhaupt Ernst mache. Auch nahm er anfangs die unverhohlenen Gunstbeweise der schwarzen Moidi nur mit einer würdevollen Geringschätzung hin. Auf die Länge aber, als das Gerede lauter und stachliger wurde, als er sich an keinem Markt, Kirchtag oder bei sonst einer öffentlichen Gelegenheit sehen lassen konnte, ohne mit seiner Eroberung gehänselt zu werden, stieg ihm der Ärger ernstlich zu Kopf, und er hielt es für passend, durch die verächtlichsten Scherze sich die zudringliche Liebeswerbung vom Halse zu schaffen.

Manchem andern wäre dieselbe vielleicht mitleidswürdig erschienen; denn sie äußerte sich nur in der rührenden Hartnäckigkeit, mit der die Augen des Mädchens, sobald der Bursch ihr begegnete, wie durch eine Naturgewalt bezwungen an seinem regelmäßigen, rot und weißen Gesichte hingen und ihm überallhin folgten, unbekümmert um den Zorn, der statt jedes Zeichens von Gegenliebe seine Züge verfinsterte. Selbst in der Kirche, wenn er hinter ihr stand, wußte sie's einzurichten, daß sie wenigstens das halbe Gesicht nach ihm umkehrte, und sie war dann so sehr in ihre bewundernde Andacht versunken, daß sie alles andere darüber vergaß. Wer die einfachen und kühlen Sitten des Volkes und die ehrbare Gleichgültigkeit, mit der die Geschlechter sich hier begegnen, bedenkt, wird das große Ärgernis begreifen, das ein solches Betragen erweckt. Auch waren die meisten ganz überzeugt, die Moidi sei nur halb bei ihren Sinnen, und man müsse sie gewähren lassen, da man sie doch nicht füglich vom Kirchgang zurückhalten könne, ohne den bösen Geistern noch größere Macht über sie einzuräumen. Die jungen Burschen aber dachten minder christlich und hießen sie einfach mannstoll, und da sich auch die Mädchen von ihr zurückzogen, war die schon von der Natur Gezeichnete desto auffallender, wenn sie einsam und ohne Gesellin den Küchelberg herab in die Messe ging, mit den durchdringenden Augen weit voraus unter den versammelten Männern am Kirchplatz nach ihrem Erkorenen suchend. Dann geschah es wohl, besonders nach der Vesper, wo schon der Wein in den Köpfen den Ton angab, daß einer der Hartherzigsten die schöne Passeirer Altjungfernklage zu singen anfing:

Was muß ich armes Madl anheben, Daß ich grad' einmal bekomm' ein'n Mann? Die Buben, die tun kein' Achtung mehr geben, Vor mir lauft ein jeder darvon. Jetzt ist mir nimmer wohl, Weiß nit, was ich tun soll, Daß ich halt nur grad' einen erlang'!

Und wenn der Refrain des Gelächters ein wenig verschollen war, die zweite Strophe:

Fünfundzwanzigmal bin ich schon kirchfahrtengangen, Nüchtern, und han mir nicht z' essen getraut. Han gemeint bei Gott die Gnad' zu erlangen, Daß ich dies Jahr möcht' werden a Braut. Jetzt--und ist alles nichts; Die Fastnacht ist auch schon für-- Ach, ich arme verlassene Haut!

Der Joseph, wenn er sich auch zu vornehm hielt, um mit einzustimmen, hörte doch mit sichtbarer Befriedigung zu und hoffte, dieses singende Gassenlaufen würde der armen Tollen die verliebten Grillen austreiben. Sie aber schien, sobald sie ihn nur sah, so völlig taub zu sein, daß sie das Schimpflied weder hörte, noch sich zu Gemüte zog. Auch für die erbitterten Scheltreden ihrer Brüder war sie ganz unempfindlich, erwiderte kein Wort, änderte aber um kein Haar ihr Betragen, und selbst das scharfe Vermahnen des Pfarrers, dem etwas davon zu Ohren gekommen, vermochte so wenig über diesen seltsamen Zustand, wie beim Eisen das Abraten hilft, wenn der Magnet ihm nahe kommt.

Da übernahm es endlich eine mitleidige unter den Mädchen, der Moidi den Kopf zurechtzusetzen. Sie hinterbrachte ihr--wahr oder zweckmäßig erfunden, wissen wir nicht--, daß der Hirzersepp gesagt habe: Wenn's ihm drum zu tun wäre, schwarze Pudel in die Wiege zu bekommen, würde er die Moidi heiraten.--Die Predigt über diesen kurzen und bündigen Text scheint eindringlich genug gewesen zu sein. Denn seit dem Tage war "die Schwarze" wie verwandelt, ließ sich nirgend sehen, stahl sich vor Tagesgrauen in die Frühmesse, wo sie im hintersten Winkel der Kirche kniete, und wenn droben auf dem Berg ein Bursch ihr begegnete, wandte sie das Gesicht ab und schwieg auf alle Anrede. Die Putzsucht war vollends verschwunden. Das Schlechteste und Gröbste trug sie am liebsten, und ihre krausen Haare flogen, wochenlang ohne Pflege, ihr um die Schläfen, daß sie fast unheimlich anzuschauen war und niemand mit ihr zu tun haben mochte.

Im übrigen tat sie ihre harte Arbeit ohne Murren, und so waren die Eltern wohl mit ihr zufrieden und ließen sie in allem gewähren. Der Winter ging so hin. Als im Frühling die Wiesen zu grünen anfingen, kam sie eines Tages zum Vater und bat um seine Erlaubnis, auf eine Alpe ziehen zu dürfen, die höchste und einsamste im Passeier. Der Vater, der von allen noch die klarste Ahnung ihres unseligen Gemütszustandes hatte, willigte unbedenklich ein, und so war einen Sommer lang die schwarze Moidi völlig verschollen.

Desto heftiger erstaunte alle Welt, als im Herbst die Herden von den Bergen heimkamen und das Gerücht mit ihnen ging: des alten Ingram Tochter habe einen Buben mitgebracht, ein so sauberes, blühweißes und rosenfarbenes Kind, als nur jemals sich ohne Vater beholfen habe, mit schwarzen, aber gar nicht mohrenhaften Härlein, ein wahrer Staatsbub. Auch sei die Moidi, trotz der Schande, ganz wohlvergnügt, habe die Schläge, mit denen die Mutter sie empfangen, ohne Klage hingenommen, dem Vater aber auf das härteste Verhör nicht beichten wollen, wer der Schuldige sei. In dem Schuppen, wohin die Mutter sie verstoßen, damit sie den Schimpf nicht vor Augen hätte, habe die Tochter sich darauf, so gut es ging, einen warmen Winkel für ihr Kind zurechtgemacht und sei Tag und Nacht nicht von ihm wegzubringen.

Wem dies alles, zumal die gerühmte Schönheit des Knaben, unglaublich schien, der hatte am nächsten Sonntag Gelegenheit, sich von der Wahrheit des Gerüchts zu überzeugen. Denn am hellen Tage kam die Vielgeschmähte vom Küchelberg herab, das Kind wie im Triumph in den Armen in ihre besten Linnen und Tücher gewickelt, und trug es mit herausforderndem Mutterstolz zur Taufe. Wenn einer sich ihr näherte und neugierig nach dem kleinen Weltwunder schielte, stand sie sogleich still, schlug den alten Flor zurück, der das schlafende Gesichtlein bedeckte, und sagte fast spöttisch: Gelt, möchst den schwarzen Pudel anschauen? Da, es ist nix Rares daran. Wo sollt's auch herkommen?--und dann lachte sie mit großer Selbstgefälligkeit in sich hinein, wenn der Beschauer, von der Zierlichkeit des Kindes überrascht, nichts zu sagen wußte, und setzte noch hinzu: 's ist halt nur ein schwarzer Pudel; man sollt' ihn in die Passer werfen, das wäre das gescheitest'!--und lachte wieder auf eine so wunderliche Art, daß es schien, als habe der Muttersegen ihren armen Verstand nicht eben verbessert.

Selten wohl ist eine Taufe in Meran unter so großem Zulauf vonstatten gegangen. Als aber der Pfarrer nach den Taufpaten fragte, fand es sich, daß die Moidi diesen wichtigen Punkt gänzlich übersehen hatte. Niemand meldete sich auf die Frage, wer etwa in der versammelten Gemeinde dem Kinde diesen Liebesdienst erweisen wolle; denn es drängte sich keiner zu einem näheren Verhältnis mit der Mutter, und die Großeltern, der Schande auszuweichen, waren ein paar Stunden weit weg nach Lana zur Kirche gegangen. Da erhob sich endlich die zu allen Opfern der Nächstenliebe Bereite, die Tochter des alten Hirzer, die im vordersten Kirchstuhl kniete, trat an den Taufstein heran und nahm der Moidi das Kind aus den Armen. Diese Lösung des bedenklichen Knotens erschien allen als die einfachste, da die Hirzers-Ann mit dem überfließenden Gnadenschatz ihres frommen Wandels der armen Sünderin am füglichsten zu Hilfe kommen konnte. Und so wurde der Knabe, weil der Mesner, ebenfalls aushelfend, seinen Namen hergab, Andree getauft und mit großem Gefolge von der glückstrahlenden Mutter wieder durch die Stadt getragen, hinauf in den elenden Schuppen, wo er in der Nachbarschaft der Haustiere seine ersten Blicke in die Welt tun sollte.

Es dauerte nicht lange, so sprach kein Mensch mehr von diesen immerhin denkwürdigen Ereignissen, zumal da die Moidi sich nirgend sehen ließ, nur für das Kind lebte und all ihre früheren Narrheiten in die eine Leidenschaft der zärtlichsten Affenliebe versammelt zu haben schien. Denn wie früher ihre eigene Person, so putzte und behing sie jetzt den kleinen Andree mit allem, was ihr irgend dazu dienlich schien. Man konnte sie droben auf einem schattigen Fleck stundenlang sitzen sehen, Kränze windend für das Kind und aus alten bunten Seidentüchern seltsame Kleider für ihn zurechtstoppelnd, mit denen sie ihn wie eine Puppe aufschmückte und stolz jedem Vorübergehenden zeigte. Da dies Treiben zwar auffallend, aber doch unschuldig war, ließ man sie gewähren. Nur der Joseph Hirzer legte den größten Abscheu gegen sie an den Tag und verbot der Anna aufs strengste, mit ihrem Patenkinde irgendwelchen Verkehr zu pflegen.

Die Moidi schien wenig danach zu fragen. Als ein Jahr darauf ihr einst so schmerzlich Geliebter sich mit einer steinreichen Bauerntochter aus Algund verheiratete, blieb sie ganz kalt und gab nicht das geringste Zeichen von Herzweh. Die ganze Vergangenheit bis zur Stunde, wo der Knabe auf die Welt kam, war aus ihrem Gedächnis wie weggewischt, und auch von dem geheimnisvollen namenlosen Vater sprach sie nie, schien auch keinen Versuch zu machen, ihm Kunde von sich und dem Kinde zu geben.