Der Weihnachtsabend: Eine Erzählung zum Weihnachtsgeschenke für Kinder

Part 5

Chapter 53,704 wordsPublic domain

»Als wir, sprach er hierauf, Abends spät in der Residenz ankamen, ging ich noch zu dem alten Forstrath Müller. Er ist ein sehr biederer Mann, dachte ich; er war vor alten Zeiten mein Oberförster und immer mein Freund. Die übrigen Räthe, die mich kannten, sind alle todt oder in Ruhe versetzt. Wiewohl auch er sich Alters halber von Geschäften zurück gezogen hat, so kann er mir doch den besten Rath geben.« So dacht' ich. Der edle Mann nahm mich auch in der That mit großer Herzlichkeit auf. Ich sagte ihm mein Anliegen. Er sprach: »Sie haben an dem Oberförster einen sehr schlimmen Feind, der dahier mächtige Freunde hat. Er will Ihren Dienst einem jungen Menschen, der sein Bedienter war, zuschanzen und sendet immer die nachtheiligsten Berichte über Sie und Ihren Sohn ein. Ich fürchte sehr, er dringe durch, und bringe den guten Christian um das väterliche Brod.« »Ach, sagte ich, es wird ja nicht so weit kommen! Indeß bin ich Willens, selbst zum Fürsten zu gehen.« »Thun Sie das, sagte der Forstrath. Ich gehe mit. Indeß kommen Sie eben jetzt zu der ungelegensten Zeit. Der Herr hat zu viele Geschäfte. Sie werden kaum vorkommen. Auch zu dem obersten Forstmeister und den Forsträthen müssen Sie gehen. Allein ich fürchte, da finden Sie keine gute Aufnahme. Herr von Schilf hat sie alle ganz verblendet.« Ich fand auch, daß der Forstrath vollkommen Recht hatte. Ich machte manchen sauren Gang. Der oberste Forstmeister nahm mich sehr kalt auf und fertigte mich kurz ab. Die andern Räthe behandelten mich nicht viel besser; ich sah nur finstere Gesichter und mußte manche harte Rede anhören. Bey dem Fürsten aber wurde ich, da der oberste Forstmeister eben um ihn war, gar nicht vorgelassen. Der Oberförster wußte mich und den Christian sehr schlau zu verleumden. Ich mag euch dieß jetzt nicht ausführlich erzählen; es betrifft ohnehin Geschäfte, die ihr nicht versteht. Alles, was wir hoffen können, ist eine Untersuchung; allein es ist zu fürchten, daß sie in solche Hände kommen werde, von denen wir wenig Gutes zu erwarten haben. -- Doch diese Gespräche machen uns zu traurig, und heute Abend sollten alle Menschen in der ganzen Christenheit fröhlich seyn. Es ist ja der heilige Weihnachtsabend; wir wollen der Geburt unsers Erlösers gedenken. Das wird unsern trüben Sinn erheitern.«

Er richtete seine Blicke auf das Gemälde von der Geburt Jesu, das Anton einst geschickt hatte. Es hing in der Stube an jener Stelle, wo vorhin der Spiegel gehangen, und war, damit es nicht Schaden nehme, mit einem Flor verhüllt. Die kleinen Enkel des alten Försters, zwey liebliche Kinder, Franz und Klara, hatten sich schon seit mehreren Wochen auf die Feyer des heiligen Weihnachtsabend gefreut. Sie sprangen auf und trockneten sich schnell die Thränen von ihren erheiterten Gesichtchen. »Großmutter, sagte der kleine Franz, nimm den Flor weg von dem Bilde und zünde, wie im vorigen Jahr, die Kerzen an, damit man es auch recht sehe.« »Und du, Großvater, sagte die kleine Klara, hole deine Harfe; wir wollen unser Weihnachtsliedchen singen, das uns die Mutter gelehrt hat.«

»Nun wohl, sprach der Förster; wir wollen ein Weihnachtslied singen. Doch, sagt zuvor noch, hat sich, während wir fort waren, nichts besonders ereignet?« »Nichts, sagte die alte Försterin; nur ist leider, bald nach eurer Abreise, wieder ein Schreiben von dem Oberforstamte angekommen. Was es wohl seyn mag!« Sie reichte ihm das Schreiben verschlossen hin. Er öffnete es -- erblaßte -- und sagte mit einem Blick zum Himmel: »Nun, Herr, dein Wille geschehe!« Alle schauten erschrocken und erwartungsvoll auf ihn. »Was ist es denn?« fragte die Großmutter. »Wir sollen aus diesem Hause fort, sagte er; ja wir sollten schon fort seyn. Der Oberförster befiehlt in diesem Schreiben, das Försterhaus müsse längstens bis zum Weihnachtsabende geräumt und gereiniget seyn, damit der neue Förster auf die Weihnachtsfeyertage einziehen könne. Er droht, wenn wir ihm nicht gehorchen würden, uns durch die Amtsdiener abführen zu lassen. Mich wundert, daß sie noch nicht da sind; wir sind keinen Augenblick sicher, daß sie uns aus dem Hause werfen.«

»Ach Gott! rief die junge Försterin, jetzt, in dieser fürchterlich stürmischen Nacht! Hört ihr, wie draußen der Sturmwind braust? Wie es regnet? Wo werden wir gegen Sturm und Regen ein Obdach finden!« Sie sank auf einen Sessel und umfaßte ihre zwey Kinder. »Guter Gott, seufzte sie, ach erbarme Du Dich dieser Unschuldigen!« Der junge Förster stand mit gefalteten Händen sprachlos vor ihr, und blickte sie und seine zwey Kinder mit Augen voll Thränen an.

»O Du mein Gott, sagte die Großmutter schluchzend und die Hände ringend, in unsern alten Tagen mit Kindern und Enkeln aus dem Hause vertrieben zu werden, in dem ich gebohren bin, in dem mein Vater und mein Großvater lebten -- ach, es ist schrecklich! Guter Gott, laß mich in diesem Hause, in dem ich geboren ward, vollends absterben.«

Katharine weinte stille Thränen; Luise stand zitternd und bebend da, wie ein Lamm, das man schlachten will. Der alte Förster aber mit seinem ehrwürdigen Angesichte, der hohen kahlen Stirne und den grauen Seitenlocken, blickte lange schweigend zum Himmel, und sprach dann ruhig und gefaßt: »Ja, meine liebsten Kinder, es ist an dem, daß wir dieses Haus verlassen müssen. Ich weiß keinen Menschen, der uns alle zugleich in sein Haus aufnehmen könnte. Wir werden jetzt wohl von einander getrennt werden. Ich hoffte zwar, in eurer Mitte ein ruhiges Alter zu genießen -- hoffte, ihr würdet, so wie ihr jetzt um mich versammelt seyd, in diesem Hause einst alle an meinem Sterbebette stehen. Gott beschloß es anders -- wir wollen uns in seinen heiligen Willen ergeben.«

Er blickte auf seine Enkel und sprach weiter: »Unser Herz regt sich, wenn wir diese weinenden Kinder betrachten. Gott hat noch ein liebvolleres Vaterherz gegen uns. Schickt Er ein so schweres Leiden über uns, so hat Er gewiß die weisesten Absichten dabey. Auch diesen Jammer wird Er zu unserm Besten lenken. Wenn es einmal auf das Aeußerste gekommen, muß es wieder besser gehen. Die Alten sagten ja aus wohlbewährter Erfahrung: Ist die Noth am höchsten, so ist Gottes Hülfe am nächsten. -- Wir haben in dieser Stube viele Weihnachtsabende in Freuden zugebracht, laßt uns auch den Einen traurigen von Gottes Hand willig annehmen.«

»Du hast recht, liebster Mann! sagte die alte Försterin; wir wollen alles Gott überlassen und in unserm großen Jammer getrost seyn. Ach, ich dachte oft daran, wie es Marien seyn mußte, als sie nicht nur in dem Stalle übernachten mußte, sondern bald darauf ihre Wohnung bey dunkler Nacht -- wie jetzt wir -- gar verlassen, und mit ihrem göttlichen Kinde fortziehen sollte in ein anderes Land. O so groß ihr Glauben, ihr Vertrauen war, ich denke doch, daß ihr, wo nicht um ihrer selbst, doch um ihres Kindes willen, Thränen in die Augen traten! Ich weiß, was es um ein Mutterherz ist! Ihre Leiden waren gewiß herzzerschneidend. Jeder Mensch auf Erden aber muß in ähnliche Lagen kommen. Gott läßt keines seiner Kinder ungeprüft. Jene alten Geschichten werden auf eine gewisse Art an uns erneuert. Allein Derjenige, Der Marien, in dem armen Stalle und auf ihrer traurigen Flucht, tröstende Freunde und leitende Engel zuschickte, wird auch uns nicht ohne Trost lassen. Er wird zu rechter Zeit Hülfe schicken.«

Nun wurde mit einem Male an der Hausthüre geklopft. »Jetzt kommen sie, sagte der alte Förster, und werden uns aus dieser Stube vertreiben.« Der Förstersohn fuhr auf, blickte nach seinem Gewehr, und rief: »Das sollen sie sich nicht unterstehn, meine grauen Aeltern, mein liebes Weib, meine Kinder, meine Schwestern aus dem Hause zu werfen. Den Ersten, der an sie Hand anlegt, den -- --«

»O nein, nein, mein Sohn, sprach der alte Vater, sprich diese schrecklichen Worte, die du auf der Zunge hast, nicht vollends aus. Keine Widersetzlichkeit; nichts von unrechtmäßiger Gewalt! Gott ist über uns und ihnen. Er allein ist unser Schutz und unsre Zuflucht. Wenn unsre Bitten und Vorstellungen über diese Männer, die uns zu vertreiben kommen, nichts vermögen, so gehen wir willig aus dem Hause, und flüchten uns, bis die Nacht vorüber ist, in jene Höhle des Waldes, in der wir bey stürmischer Witterung auf der Jagd oft eine Zuflucht gefunden. Ach, sprach er, indem er aus seinem Lehnsessel aufstand, ich wollte, ein jedes aus euch könnte mit mir altem, vielgeprüftem Manne sagen:

Um mich hab' ich mich ausbekümmert, Und alle Sorg' auf Gott gelegt, Würd' Erd' und Himmel auch zertrümmert, So weiß ich doch, daß Er mich trägt; Und hab' ich meinen treuen Gott, So frag' ich nichts nach Noth und Tod.«

Achtes Kapitel.

Ein unerwarteter Besuch.

Indessen wurde wiederholt geklopft, und noch stärker, als zuvor. »Geh, Christian, sagte der alte Förster, und öffne die Thüre.« Christian ging. Nach einigen Augenblicken trat ein schöner, ansehnlicher Herr, den sie nicht kannten, in einen dunkelgrünen Mantel gehüllt und mit einer Pelzmütze bedeckt, zur Thüre herein. »Das ist der neue Förster!« dachten alle mit erschrockenen Herzen. Der Unbekannte schien aber selbst erschrocken, so viele rothgeweinte Augen und schreckenblasse Angesichter zu sehen. Er nahm seine Mütze ab, stand einige Augenblicke still und sagte: »Kennen Sie mich denn nicht mehr?« »Ach Gott, rief Luise, es ist Anton!« »Anton! rief Katharine, ists möglich?« »Was fällt euch ein, sagte die alte Mutter; dieser Herr da ist ja viel größer und stärker als Anton.« »Wahrhaftig, er ist es, sprach Christian, es ist Anton! Um des Himmels willen, Bruder, wie kommst du hieher? Ich hätte dich in Rom gesucht, mehrere hundert Stunden von hier!« Der alte Vater rieb sich die Augen, als traute er ihnen nicht, trat langsam näher, eilte aber plötzlich mit weitausgestreckten Armen auf Anton zu, schloß ihn in die Arme und konnte nichts mehr sagen, als: »O mein Sohn Anton!« Sie umarmten sich lange und innig. Nun grüßte Anton seine ehrwürdige Pflegmutter, seine Geschwister, Christian, Katharinen und Luisen, voll der herzlichsten Freude des Wiedersehens. Auch die junge Försterin und ihre Kinder, die er das erste Mal sah, grüßte er mit großer Freude und Herzlichkeit. So tief betrübt alle noch vor wenigen Augenblicken waren, so hoch erfreut waren jetzt alle. Die unerwartete Freude hatte alle Traurigkeit verscheucht, wie die aufgehende Sonne die nächtlichen Schatten zerstreut.

Jetzt aber fing die alte Mutter an: »Ach Anton, du findest uns in sehr traurigen Umständen. Du hast ja unsere Thränen noch gesehen, als du in die Stube herein kamest. Ach, laß dir unsern Jammer doch erzählen.« »Ich weiß alles, sprach Anton; seyen Sie aber vollkommen ruhig, liebste Aeltern! Ihre Angelegenheiten stehen aufs Beste. Ich komme eben vom Fürsten. Er grüßt Sie, liebster Vater, auf das freundlichste.«

»Mich? rief der alte Vater? Wie kamst du zum Fürsten? Das begreife ich nicht. Wahrhaftig, ich fürchte, dieses alles ist nur ein glücklicher Traum.«

»Nein, sprach Anton, nichts weniger als ein Traum, sondern die gewisse Wahrheit. Setzen Sie sich einmal in Ihren Lehnsessel, liebster Vater, und Sie, liebste Mutter, nehmen Sie hier Platz, und lassen Sie sich alles ausführlich erzählen.« Er legte seinen Mantel ab und holte noch ein Paar Sessel herbey. Die erfreuten Pflegältern nahmen ihn in ihre Mitte. Alle übrigen standen umher und sahen voll Verwunderung und Erwartung auf ihn. Anton erzählte:

»Unser jetziger gnädigster Fürst war, wie Sie wissen, noch vor Kurzem als Erbprinz in Italien. Da wurden nun einmal zu Rom die Gemälde junger Künstler zur Schau ausgestellt. Er ging hin, und unter den vielen Gemälden gefiel ihm eines ganz vorzüglich. Man sagte ihm, ein junger Mahler aus seinem Fürstenthume, Anton Kroner, habe es gemahlt. Der Prinz ließ mich rufen, lobte mich sehr und war gegen mich ganz ungemein gnädig. Er fragte mich, was ich für das Gemälde fordere, und bezahlte mir mit fürstlicher Großmuth viel mehr, als ich verlangt hatte. Da er die berühmtesten Gemälde zu Rom sehen wollte, so mußte ich ihn öfter begleiten, durfte neben ihm in seinem Wagen sitzen, ja sogar einige Male bey ihm speisen. Nun wurden zu Rom mehrere alte Gemälde von ganz vorzüglicher Schönheit zum Verkauf ausgebothen. Der Prinz fuhr mit mir hin, sie zu besehen. Er fragte mich bey jenen Stücken, die ihm besonders gefielen, um meine Meynung, und beschloß sie zu kaufen. Es war ein Tag bestimmt, an dem sie öffentlich sollten versteigert werden. Der Prinz konnte aber nicht mehr so lange bleiben; er mußte nach Hause reisen, und die Regierung übernehmen. Er gab mir daher den Auftrag, die Gemälde zu kaufen, und dafür zu sorgen, daß sie ihm sicher und unbeschädigt überliefert würden. Er bestimmte, wie viel ich im äußersten Falle für die Gemälde geben dürfte, und wies mir eine Summe Geldes an. Dieser für mich so ehrenvolle Auftrag lag mir nun sehr am Herzen. Ich war auch so glücklich, die Gemälde für eine bedeutend geringere Summe, als er mir gestattet hatte, zu erhalten. Da ich bereits alles, was für einen Mahler in Italien vorzüglich sehenswerth ist, gesehen hatte, und da eben ein Schiff zum Absegeln bereit lag, so schiffte ich mich sammt den Gemälden ein. Ich kam mit meinem kostbaren Schatze glücklich an das Land. Da miethete ich nun für die Gemälde einen besondern Wagen, und fuhr, damit sie ja keinen Schaden nehmen möchten, selbst mit, bis wir auf dem Wagen zusammen in der Residenz anlangten. Ich eilte sogleich nach Hofe und ließ mich melden. Der Fürst war eben von der Mittagstafel aufgestanden und befand sich in seinem Kabinette. Ich kam sogleich vor. »Nun, willkommen in Deutschland, sprach der Fürst sehr freundlich; was bringen Sie mir Gutes aus Italien?« »Die Gemälde, sagte ich, die ich Eurer Durchlaucht höchstem Befehle gemäß gekauft habe.« »Nun, sprach der Fürst, und wie viele davon?« »Alle!« sagte ich. »Alle!« rief er sehr erfreut; »das ist ja ganz vortrefflich.« Er gab sogleich Befehl, daß die Bilder ausgepackt und aufgestellt würden. Ich legte auch mit Hand an. Alle waren vollkommen unbeschädigt. Der Fürst war in seinem größten Vergnügen. Denn er ist nicht nur ein Liebhaber, sondern auch ein Kenner von Gemälden. Ich überreichte ihm die Quittungen für die bezahlten Gemälde. »Die Summe, sprach er, beträgt ja ein Merkliches weniger, als ich Ihnen gestattete.« Ich sagte: »Eure Durchlaucht wollen befehlen, wo ich das übrige Geld abzugeben habe.« »Ach, sagte er sehr gnädig, davon kann keine Rede seyn. Ich bin Ihnen Dank schuldig. Wenn Sie mit mir zufrieden sind, so bin ich es mit Ihnen noch viel mehr. Doch -- Sie sind müde von der Reise und haben sich mit Auspacken noch mehr abgemattet. Sie bedürfen der Ruhe.« Er befahl, mir ein Zimmer in der Residenz anzuweisen.

Als ich Abends in meinem Zimmer saß, fiel mir plötzlich ein, den alten Forstrath Müller zu besuchen. Er war ja, außer dem Fürsten, der einzige Mann, den ich in der Residenz kannte, und ich erinnerte mich sehr wohl, wie er ehemals als Oberförster Sie, bester Vater, öfter besuchte und mit Ihnen in der herzlichsten Freundschaft lebte. Er fragte mich, wie ich hieher komme. Ich sagte es ihm. »Sie kommen zur glücklichsten Stunde!« sprach er, und fing nun sogleich an, mir zu erzählen, wie es Ihnen, liebster Vater, gehe, wie viel Verdruß Ihnen der Oberförster mache, wie Sie deßhalb selbst in die Residenz gekommen, wie Sie aber einige Tage vor meiner Ankunft unverrichteter Sache wieder abgereiset wären. Ich wollte sogleich wieder zum Fürsten. »Nicht doch! sagte der Forstrath, das geht nicht. Morgen frühe müssen Sie um eine besondere Audienz bitten. Ich werde Sie begleiten. Die Sache ist jetzt schon so vorbereitet, daß wir ein geneigtes Gehör finden werden.« Wir wurden am folgenden Morgen sehr bald vorgelassen. Ich fing sogleich von Ihnen an, und redete mit großem Eifer. Ich erzählte, wie ich in Ihr Haus gekommen, und was Sie alles an mir gethan haben. Ich war sehr ausführlich. Der Forstrath sagte einige Male: »Zur Sache, zur Sache!« Der Fürst aber lächelte nur und sagte: »Lassen Sie! Die Dankbarkeit des guten Sohnes gegen seine alten Pflegältern gefällt mir. Wir werden ja am Ende finden, wo das alles hinaus will.« Ich kam nun auf den Herrn von Schilf und sagte es gerade zu, warum er Ihnen so aufsäßig sey, und daß er als ein Wilddieb in das Zuchthaus gekommen wäre, wenn der hochselige Fürst nicht zu gnädig gewesen wäre. »Nicht doch, sagte der Forstrath ernsthaft zu mir, Sie vergessen den schuldigen Respekt. Fürsten können kaum zu gnädig seyn. Der Oberförster war damals ein junger Mensch, und es konnte deßhalb immer einige Schonung eintreten.« »Nur weiter, nur weiter!« sagte der Fürst zu mir. Ich zeigte ihm nun die Briefe, die Sie, liebster Vater, mir nach Italien geschrieben. Ich hatte sie noch in der Nacht aus meinem Koffer hervor gesucht. Da ist auch nicht ein einziger darunter, in dem nicht für den Durchlauchtigen Erbprinzen, der mit mir damals in einem Lande lebte, die besten Segenswünsche enthalten wären. Der Fürst las nicht nur die Stellen, die ich ihm zeigte, sondern, nachdem er mich zuvor, mit zu vieler Gnade, um Erlaubniß gefragt hatte, die ganzen Briefe. »Nun wohl, sprach er, ich erinnere mich jetzt, daß Sie mir schon in Italien von dem wackern Manne gesagt haben; ein Mann, der so schreibt und einen so guten Sohn erzog, kann kein schlechter Mann seyn.« »Deßhalb, sagte ich, müssen Eure Durchlaucht den Oberförster bestrafen, und dem Sohne des Försters den väterlichen Dienst geben.« Der Forstrath blickte mich unwillig an und sagte: »Spricht man denn auch einmal so mit dem gnädigsten Herrn.« Der Fürst sprach aber mit Lächeln: »So schnell geht es freylich nicht, wie Sie meinen, junger Mann. Ich muß den Oberförster erst auch hören.« Er winkte den Forstrath an ein Fenster und redete einige Zeit besonders mit ihm. Der Forstrath setzte sich hierauf und schrieb. Der Fürst sagte aber zu mir: »Seyen Sie ruhig, es wird recht werden.«

Er redete nun, während der Forstrath schrieb, mit mir von Gemälden. »Mein seliger Vater, sagte er, hat mir eine ganz artige Sammlung hinterlassen. Ich bin begierig, was Sie dazu sagen. Indeß müssen alle Gemälde wieder in bessern Stand gesetzt werden. Diese Arbeit übertrag ich hiemit Ihnen. Wollen Sie das Geschäft übernehmen?« »Mit dem größten Vergnügen, sagte ich; aber erst nach den Weihnachtsfeyertagen. Am heiligen Weihnachtsabende habe ich meine ehrwürdigen Pflegältern das erste Mal gesehen; an dem Weihnachtsabende muß ich sie wieder sehen; besonders da sie in einer so traurigen Lage sind, und ich ihnen erfreuliche Nachrichten bringen kann.« »Das ist nicht mehr als billig!« sagte der Fürst. Der Dankbarkeit gegen Aeltern will ich gerne nachstehen.«

Der Forstrath war indessen mit Schreiben fertig geworden und überreichte dem Fürsten das Blatt. Der Fürst unterzeichnete es. »Grüßen Sie mir Ihren guten Pflegvater, sprach er zu mir, und sagen Sie dem braven, alten Manne, er solle außer Sorgen seyn.«

»Aber wie frey Sie doch mit dem Fürsten sprachen, sagte der Forstrath, indem er mich auf mein Zimmer begleitete. Ich wehrte Ihnen immer, aber Sie achteten nicht darauf. Nun, Ihrer Liebe zu Ihren Pflegältern ist dieses zu verzeihen. Auch finde ich, der geradeste Weg ist immer der kürzeste.« Ich fragte nun den Forstrath, was der Fürst mit ihm gesprochen und was er ihm zu schreiben befohlen. Nach vielem Bitten gestand er mir endlich, der Fürst habe gesagt: »Bald hätte man mich zu einer Ungerechtigkeit verleitet. Dort liegt ein Dekret, in dem an die Stelle des alten Försters ein andrer Mann ernannt wird. Ich fand jedoch einige Bedenklichkeiten dabey und habe, so sicher man auch darauf rechnete, es noch nicht unterzeichnet. Ich werde nun die Sache zuvor noch gründlicher untersuchen.« Was der Forstrath schreiben mußte, war ein besonderer Befehl an den Oberförster, ohngefähr dieses Inhalts: »Seine Durchlaucht hätten mit allergrößtem Mißfallen vernommen, wie unwürdig der Oberförster den würdigen Förster Grünewald behandle; der Oberförster erhalte hiemit die geschärfteste Weisung, bis auf weiters weder den alten Förster noch dessen Sohn im Geringsten zu beunruhigen.« Den Befehl mußte der Forstrath sogleich durch eine Staffete absenden. »Denn, hatte der Fürst gesagt, es liegt mir sehr daran, dem alten ehrlichen Manne, sobald möglich, Ruhe zu verschaffen.« Der Forstrath gab mir nun noch auf, Sie zu grüßen und Ihnen zu sagen: »Die Untersuchung, die der Fürst anordnen werde, falle zuverläßig zu Ihrem Besten aus, und Ihr Sohn erhalte sicher den Försterdienst.«

Der alte Förster wischte sich, so wie alle übrigen, während dieser Erzählung öfter die Augen. Jetzt stand er auf, umarmte Anton, nahm den Flor von dem Gemälde der Geburt Jesu hinweg, blickte dankend zum Himmel, und rief: »Nun laßt uns in den Lobgesang der Engel einstimmen: Ehre sey Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen, die eines guten Willens sind.«

Neuntes Kapitel.

Der Weihnachtsbaum.

Nachdem Anton seine Erzählung geendet hatte, erkundigte er sich sehr angelegentlich nach dem Befinden seiner lieben Aeltern. Er hatte nicht ohne Schmerzen bemerkt, wie sehr beyde seit seiner Abreise gealtert hatten. Ihre grauen Haare und ihre vielen Falten preßten ihm beynah Thränen aus. Indeß ließ er sich davon nichts merken, um sie nicht zu betrüben. Gar sehr mußte er sich hingegen verwundern, seine Geschwister, Christian, Katharine und Luise nun in der vollen Blüthe des Lebens zu erblicken. Er rief Christians beyde Kinder freundlich herbey. »Mein Gott, sagte er, so verfließt die Zeit! Ach, vor achtzehn Jahren waren Christian, Katharine und ich Kinder wie diese hier; Luise noch kleiner. Jetzt sind diese Kinder in unsre Stelle eingerückt.« Er betrachtete die zwey Kinder mit Wohlgefallen. »Nun, sprach er, habt ihr aber auch eure Weihnachtsgeschenke schon bekommen?« »Ach nein; sagte der kleine Franz. Der Oberförster hat uns den Spaß verdorben; er ist ein rechter Herodes.« Die Mutter verwies ihm diese Rede. Die kleine Klara sagte: »Anton, dich hat gewiß ein Engel hieher geschickt. Hast du uns aber auch ein Weihnachtsgeschenk mitgebracht?« »O ja wohl,« sagte er, ich habe eurer nicht vergessen. Nur müßt ihr warten, bis meine Kutsche nachkommt. In dieser ist alles.« Die Kinder gaben sich zufrieden.

Hierauf wurde das Abendessen aufgetragen. Es wurde aber mehr geredet, als gegessen. Nach Tische verlangten die Kinder in das Bett. Alle übrigen blieben aber noch bey einander auf. »Den lieben Kleinen, sagte Anton, müssen wir morgen frühe noch eine besondere Freude machen. Wir müssen ihnen einen Weihnachtsbaum zurichten. Denn wie in einigen Gegenden die Krippe, so ist in andern der Weihnachtsbaum Sitte. Christian muß sich aus Liebe zu seinen Kindern schon bequemen, noch diese Nacht aus dem nahen Walde eine junge Tanne zu holen. Das Nöthige, den Baum zu schmücken, bringe ich mit. Ich habe meinen Kutscher, dessen Pferde fast erlegen waren, in Aeschenthal zurückgelassen, und bin auf dem Fußsteig über alle Berge hieher geeilt; morgen frühe aber vor Anbruch des Tages wird die Kutsche mit meinem Koffer und übrigem Gepäcke hier eintreffen.«