Der Weihnachtsabend: Eine Erzählung zum Weihnachtsgeschenke für Kinder

Part 3

Chapter 33,725 wordsPublic domain

Nach einigen Jahren kam Herr Riedinger mit Anton, der nunmehr ein blühender Jüngling war, wieder einmal zu dem Förster in die Weihnachtsfeyertage. Herr Riedinger blieb nach dem Abendessen mit dem Förster und der Försterin etwas länger auf. Anton und die Kinder des Försters hatten sich längst zur Ruhe begeben. Der Förster und die Försterin merkten wohl, daß der Mahler etwas auf dem Herzen habe, und es ihnen sagen möchte. Endlich fing er an: »Was Anton bey mir lernen konnte, hat er gelernt. Er muß nun reisen; er muß Italien sehen. Allerdings wird das nicht wenig kosten; allein es lohnt sich der Mühe. Kein Kapital könnte besser angelegt werden. Ich stehe Ihnen dafür, es wird auch reichliche Zinsen tragen und seiner Zeit wieder ersetzt werden. Was eine solche Reise kostet, übersteigt freylich das Vermögen eines Privatmannes. Allein ich habe mir die Sache so ausgedacht: Es versteht sich, daß Anton nicht ganz auf fremde Kosten reise. Er muß selbst etwas verdienen. Indeß braucht er doch immer ansehnlichen Zuschuß; denn er muß auch für sich noch freye Zeit behalten, um in der Kunst weiter zu kommen. Was nun mich betrifft, so werde ich das Meinige redlich dazu beytragen. Ich habe mir es, von Ihrem Beyspiele ermuntert, nun einmal in den Kopf gesetzt, den Anton umsonst zu einem Mahler zu bilden. Seine Arbeiten, die er bisher lieferte, sind mir sehr gut bezahlt worden. Dieses Geld habe ich zurück gelegt, und werde es zu seiner Reise verwenden. Allein es reicht bey Weitem nicht zu. Wären Sie nun nicht geneigt, das noch Fehlende, das freylich eine nicht geringe Summe betragen kann, darauf zu legen? Ein gutes Werk, das man angefangen hat, muß man auch vollenden.« Er both dem Förster die Hand hin, erwartend, er werde einschlagen. Der Förster hatte an Antons Wohlverhalten und seinen Fortschritten in der Kunst hohe Freude. Er besaß ein ziemliches Vermögen. Er blickte seine Hausfrau an. Sie nickte. Der Förster schlug ein und sagte: »Nun wohl, wenn die Summe mein Vermögen nicht übersteigt, so will ich sie ausbezahlen.« Es wurde ein Ueberschlag gemacht, was die Reise kosten könnte, und einmüthig beschlossen, Anton sollte künftigen Frühling die Reise antreten.

Der Mahler fuhr am nächsten Morgen mit Anton im Schlitten zurück in die Stadt. Der Förster und die Försterin machten aber den Winter über Anstalten zu Antons bevorstehender Reise. Der Förster kaufte Tuch ein, um seinen Pflegsohn hinreichend mit wohlanständiger Kleidung auszustatten. Auch suchte er seinen eigenen Reisekoffer hervor, und ließ ihn mit Rehfell neu überziehen. Die Försterin und ihre zwey Töchter nähten und strickten sehr emsig, den Anton reichlich mit Leinenzeug zu versehen. Zu Anfang des Frühlings mußte Anton noch einige Tage bey seinen Pflegältern zubringen. Sein Pflegvater gab ihm in dieser Zeit noch viele gute Ermahnungen und Klugheitslehren, und war gegen ihn ganz ungemein liebreich. Der gute Mann nahm sich selbst die Mühe, den Koffer zu packen. So oft ihm die Försterin ein neues Kleidungsstück hinreichte, wurde Anton aufs neue gerührt. »Ach wie vieles -- wie gar so vieles thun Sie an mir! sagte er. Meine eigenen Aeltern, wenn sie noch lebten, könnten nicht mehr für mich thun!« Der Koffer wurde an einen berühmten Mahler, dem der Herr Riedinger den Anton empfohlen hatte, voraus geschickt. Denn Anton wollte die ganze Reise zu Fuß machen. Christian, Antons Herzensfreund, hatte aber noch für ein kleines Felleisen gesorgt, in dem Anton das Nothwendigste zum täglichen Gebrauche mitnehmen konnte.

Endlich kam der Abschiedstag; Anton wollte nach Tische zu Herrn Mahler Riedinger in die Stadt gehen, und von da aus dann weiter reisen. Die Försterin bereitete ein Abschiedsmahl, und alle speisten noch einmal mit einander zu Mittag. Es war ein freundliches, rührendes Familienfest. Der Förster blickte in dem kleinen Kreise umher. Es herrschte eine wehmüthige Stille. »Nicht doch, meine Söhne und Töchter, sprach er, seyd nicht so traurig; und auch du, gute Mutter, trockne diese Thräne da ab. Es ist nun einmal so! Die Söhne, zumal wenn sie bereits erwachsen sind, müssen hinaus in die Welt; und auch ihr, meine Töchter, seyd bald in dem Alter, wo ihr vielleicht das väterliche Haus verlassen werdet. Doch, wenn uns auch Berg und Thal dem Leibe nach trennen, im Geiste bleiben wir immer vereinigt. Und so traurig der Abschied immer seyn mag, das Wiedersehen, das uns hier oder dort nie ausbleibt, ist dann desto freudiger!« Der edle Mann wußte durch fröhliche Gespräche alle wieder zu erheitern. Er ließ eine Flasche guten Wein bringen, von dem er sonst nur an Festtagen trank. Er schenkte der Mutter und den beyden Töchtern, obwohl alle drey sich weigerten, davon ein. »Den Traurigen gieb Wein!« sagte er lächelnd. Anton und Christian bothen ihre Gläser her, ohne sich lange nöthigen zu lassen. Am Ende der Mahlzeit nahm der Förster sein Glas und sagte: »Nun, Anton, stoß an -- auf eine glückliche Wanderschaft und ein fröhliches Wiedersehen!« Das gebe Gott, sagte die Försterin, stieß an und trank ein klein wenig. Christian, Katharine und Luise stießen auch mit an. Allen standen die Thränen in den Augen. Anton war am gerührtesten. Er konnte die Thränen nicht mehr zurück halten und sagte: »O meine liebsten Aeltern, wie vielen Dank bin ich Ihnen schuldig! Was wäre ich ohne Sie! Ach, ewig kann ich es Ihnen nicht vergelten, was Sie an mir gethan haben. Gott wolle Ihr Vergelter seyn! Er wolle mich einst in den Stand setzen, für das unaussprechlich viele Gute, das Sie an mir thaten, Ihnen und meinen lieben Geschwistern meinen Dank durch die That zu bezeugen.«

»Ja, lieber Anton, sagte der Förster, ich kann es dir nicht verhehlen, wir thun viel an dir; und wenn ich deine Geschwister hier so ansehe -- so möchte ich fast sagen, zu viel. Denn was mich und meine geliebte Hausfrau betrifft, so brauchen wir wohl wenig mehr. Unsere Haare sind bereits grau. So lange wir noch leben, haben wir wohl noch Brod. Allein, mein lieber Anton, wenn eines oder das andere deiner Geschwister einmal in Noth kommen sollte, so vergiß nicht, wie wir dir aus der Noth geholfen haben, und laß sie nicht in der Noth stecken. Gieb mir die Hand darauf, Anton! Nicht wahr, du verläßt deine Geschwister nicht?« »O lieber Vater, rief Anton, indem er dem Förster die Hand reichte, ich müßte ja der undankbarste Mensch von der Welt seyn, wenn ich Ihrer Wohlthaten je vergessen könnte. O gewiß -- Ihre Liebe ist mir ewig unvergeßlich. Meine größte Glückseligkeit auf der Welt soll es seyn, Ihnen, lieber Vater, meiner besten Pflegmutter oder meinen lieben Geschwistern Gutes erweisen zu können.«

»Ich glaube dir, Anton, sagte der Förster; doch -- nun ist es Zeit, daß wir scheiden.« Er stand auf und sprach: »Knie nieder, lieber Sohn, damit ich dir noch den väterlichen Segen gebe.« Anton kniete nieder. Der Förster erhob seine Augen zum Himmel; es war etwas Ehrwürdiges und Feyerliches in seinem Angesichte und seiner Gestalt. Er segnete den Jüngling und sprach: »Gott begleite dich auf allen deinen Wegen, bewahre dich vor Sünde, und führe dich gut und unverdorben wieder in unsere Arme zurück.« Die Mutter und die Kinder standen alle mit gefalteten Händen und weinenden Augen andächtig umher, und sagten mit gerührtem Herzen: »Amen!« Der Förster hob den Anton auf, schloß ihn in die Arme und sagte: »Nun -- zieh hin und Gott sey mit dir! Habe Ihn stets vor Augen -- und vergiß nicht, daß sein allsehendes Auge dich überall sehe. Halte dich für zu gut, etwas Böses zu thun. Die Güter und Lüste dieser Erde sind es nicht werth, daß wir ihrethalben unser Gewissen beschweren. Gedenke, daß wir nicht für diese kurze Zeit, die wir auf Erden zu leben haben, geschaffen sind und daß eine Ewigkeit sey. Meide nicht nur das Böse, sondern auch jede Gelegenheit, Böses zu thun. Besonders fliehe solche Menschen, die über den frommen Glauben unserer Vorältern spotten und sich über reine Sitten lustig machen. Noch einmal -- lebe wohl und Gott sey mit dir.«

Die Försterin sagte mit Augen voll Thränen: »Anton! Sieh diese meine rothgeweinten Augen, diese meine nassen Wangen! Um dieser Thränen willen bleibe Gott ergeben, gut und rechtschaffen. Gedenke dieser Thränen, wenn du in Versuchung kommest, Böses zu thun. Bisher hast du uns nur Freude gemacht; betrübe uns nie. So herzlich ich jetzt weine, so fühle ich dabey doch vielen Trost! Aber wenn wir je etwas Unrechtes von dir hören sollten, dann würden ich, und wir alle, die bittersten Thränen weinen. Vergiß unserer treuherzigen, väterlichen und mütterlichen Ermahnungen -- und der letzten Ermahnung deiner seligen Mutter -- in deinem Leben nicht, und lebe wohl.«

Die ganze Familie begleitete den tief gerührten, traurigen Jüngling noch eine weite Strecke Weges, fast bis zu Ende des Waldes. Endlich sagten sie ihm alle noch einmal Lebewohl! Anton ging -- sie aber blieben stehen. Er sah noch sehr oft um, und winkte ihnen mit dem Hute. Der Förster und Christian winkten ihm auch mit ihren Hüten, und die Försterin und die zwey Töchter mit ihren weißen Tüchern, bis er endlich mit seinem Wanderstab in der Hand und seinem Felleisen auf dem Rücken hinter einem waldichten Hügel verschwand.

Fünftes Kapitel.

Ein Weihnachtsgeschenk.

Der heilige Weihnachtsabend war, seit Antons Abreise bereits das dritte Mal, wieder angebrochen. Der Förster kam heute mit seinem Sohne Christian früher aus dem Walde nach Hause. Es war sehr kalt. Der Abendhimmel strahlte glühendroth durch die Fenster in die Stube. Die runden Scheiben fingen schon an zu gefrieren und schimmerten in dem röthlichen Abendschein wie Edelsteine. Der Förster setzte sich in seinen Lehnsessel neben dem großen Ofen. Er legte mehr Holz zu; denn der Ofen war so eingerichtet, daß man ihn auch in der Stube öffnen konnte. Die Flamme loderte bald hoch auf, verbreitete einen wallenden Schimmer durch die Stube, spiegelte sich in den Fenstern und vermehrte das Funkeln der gefrornen Fensterscheiben.

Jetzt kam die Försterin in die Stube. »Ist kein Brief von Anton da?« fragte der Förster. »Nein!« sagte sie mit betrübtem Angesichte. »Wunderlich! sprach der Förster und schüttelte den Kopf. Auf den Weihnachtsabend war sonst allemal richtig ein Brief von ihm da. Er schrieb immer sehr ausführlich und seine Briefe waren mir immer die angenehmste Weihnachtsfreude. Was treibt der Junge, daß er nicht schreibt?«

Kaum hatte der Förster dieses gesagt, so trat ein Bothe mit weißangeduftetem Haare in die Stube. Er hatte einen Brief in der Hand und eine neue Kiste von Tannenholz auf dem Rücken, die zwar nur ganz flach, aber ziemlich breit und so hoch war, daß der Mann sich bücken mußte, um in die Stube zu kommen. »In dem Kistchen wird wohl ein Spiegel seyn!« sagte Katharine. Der Bothe überreichte dem Förster den Brief und lud die Kiste ab. »Der Brief ist von dem Herrn Mahler Riedinger, sagte der Förster. Wie kommt das? Nun glaube ich bald, daß dem armen Anton ein Unglück begegnete.« Er riß den Brief eilig auf, und durchlief ihn am Glanze des Feuers, das aus dem Ofen strahlte, mit begierigen Blicken. »Denkt nur, rief er freudig, Anton schickt uns bis aus Rom ein Gemälde zum Weihnachtsgeschenk. Er hat es, zusammengerollt, an Herrn Riedinger übermacht, und ihn ersucht, es in eine reiche goldene Rahme fassen zu lassen, und dafür zu sorgen, daß wir es auf den heiligen Abend sicher bekämen. Das Gemälde sey ein wahres Meisterstück, schreibt Herr Riedinger. Der Anton ist doch ein trefflicher Junge; ich möchte ihn sogleich umarmen.«

»Katharine! rief er jetzt, bring doch dem ehrlichen Bothen, bis das Essen kommt, einstweilen ein Glas Wein. Das wird ihm gut thun; denn es ist draußen wirklich grimmig kalt.« Der Bothe nahm den Wein mit Dank an; verbath sich aber das Abendessen. Er habe, sagte er, zu Aeschenthal Anverwandte, und wolle bey diesen den Weihnachtsabend und den heiligen Tag zubringen. »Auch gut!« sprach der Förster, hieß den Bothen austrinken, beschenkte ihn reichlich und entließ ihn.

»Nun, sprach der Förster, sitzt alle um mich her! Da ist in des Herrn Riedingers Brief auch noch ein Brief von Anton eingeschlossen; den will ich euch vorlesen.« Luise sagte: »Ich will nur noch zuvor ein Kerzenlicht holen.« »Wohl, sprach der Förster; ich kann dann den Brief mit mehr Bequemlichkeit lesen. Aber eile!« Luise brachte die brennende Kerze sogleich auf einem glänzenden Leuchter von Messing. Alle saßen bereits begierig im Kreise umher. Der Förster las:

»Liebste, beste Aeltern und Geschwister! Sie erhalten hier ein Weihnachtsgeschenk, ein Gemälde, das ich mit vielem Fleiße gemahlt habe. Es stellt den neugebornen Heiland in der Krippe vor. Mehrere Künstler versicherten mich, das Bild sey mir sehr gut gelungen. Ich wünsche, daß es Ihnen nur halb so viel Freude machen möchte, als mir die Vorstellung des Kindes Jesu in der Krippe machte, da ich das erste Mal in Ihr Haus trat. Gewiß würden Sie dann keine geringe Freude daran haben.«

»Ach, daß ich doch mit dem Bilde selbst zu Ihnen reisen, und es Ihnen überreichen könnte! Es ist zwar dahier ein herrliches Land! Jetzt, im Monate November, da ich dies schreibe, ist es bey Ihnen wohl schon längst Winter, und Ihr Dach und die Tannen und Eichen umher seufzen unter der Last des Schnees. Aber hier prangen die Zitronen- und Pomeranzenbäume noch mit silberhellen Blüthen und goldenen Früchten. Dennoch sehne ich mich unter all diesen Herrlichkeiten nach Ihrem ländlichen Kaminfeuer zurück, an dem ich die seligsten Stunden meines Lebens zugebracht habe.«

»Ihrer Güte habe ich es zu danken, daß ich unter dem milden Himmel Italiens lebe, daß ich, wenn ich je diesen Namen verdiene, ein Künstler bin. Jene gemüthliche Vorstellung der Krippe Jesu für Kinder, so unvollkommen sie auch seyn mochte, weckte mein Talent zuerst. Immer steht sie mir noch vor Augen, und was ich auch, allerdings ohne Vergleich Herrlicheres, von Kunstwerken sehe, so werde ich doch nicht so, wie damals, davon entzückt. Ach, die seligen Jahre der Kindheit gehen doch über alles! Da erblicken wir alles umher wie verklärt vom goldenen Glanze der Morgenröthe. Schade, daß sie so schnell vorüber sind!«

»Jetzt, in diesem Augenblicke, da Sie diesen Brief lesen und meine Mahlerey betrachten, bin ich im Geiste unter Ihnen zugegen. Ich erinnere mich mit gerührtem Herzen, wie ich halb erstarrt unter Ihr ländliches Dach kam, wie mich die gute Mutter mit warmen Speisen erquickte, wie Sie mich zu Ihrem Kinde aufnahmen, wie Christian, Katharine und Luise ihre Weihnachtsgeschenke so freudig mit mir theilten. O liebster Vater! ich küsse dankbar Ihre und meiner Pflegmutter ehrwürdige Hände. Ich umarme alle meine Geschwister. Ich freue mich jetzt schon im Voraus, Ihnen nach einigen Jährchen nicht blos im Geiste und aus weiter Ferne, sondern von Angesicht zu Angesicht sagen zu können, wie von ganzem Herzen ich sey -- Ihr dankbarer, Sie innigstliebender Anton. Rom, den 15. November 1756.«

»Das ist ein Brief, sagte der Förster und wischte sich die Augen; was wir auch an den Jungen gewendet haben, es ist alles noch zu wenig. Ich setzte zwar immer keine kleinen Hoffnungen auf ihn; allein er übertrifft sie alle bey weitem. Niemals hätte ich geglaubt, eine solche Freude an ihm zu erleben. Doch, sagte er jetzt lächelnd, ich denke, das Nachtessen wartet auf uns. Nach Tische wollen wir das Gemälde besehen.« »O nein! riefen alle einmüthig, jetzt gleich!« »Das geht nun über das Essen!« fügte Luise noch bey; »ich will nur geschwind noch eine Kerze holen, damit wir das Gemälde besser betrachten können.«

Christian brachte Stemmeisen und Hammer, und öffnete die Kiste. »O wie schön! Wie lieblich! riefen alle. Welche himmlische Gestalten! Welche unvergleichlichen Farben!« Der Förster stellte das Gemälde auf ein Wandtischchen und die zwey hellleuchtenden Wachskerzen darneben. Aller Augen waren auf das schöne Bild gerichtet. Die Försterin faltete andächtig die Hände und sagte: »Wahrhaftig, man kann nichts Schöneres sehen! Mir wird es, als wäre ich wirklich bey der Krippe Jesu zugegen! Wie freundlich, wie holdselig das göttliche Kind uns anblickt, als wollte es bey seinem Eintritte in die Welt uns alle willkommen heißen! Wie Maria, an der Krippe kniend, so zärtlich und liebreich auf das Kind niederblickt, es mit einem Arme umfaßt, die andere Hand auf ihr tiefgerührtes Herz legt, und über dem holden Kinde aller Dürftigkeit des armen Stalles vergißt! Wie ehrwürdig Joseph da steht und wie fromm er mit gefalteten Händen zum Himmel aufschaut! Wie den Hirten die Redlichkeit aus den Augen sieht; wie ehrerbiethig und andächtig sie auf die Knie gesunken sind! Und die Engel oben, wie himmlisch schön! Wie leicht und schwebend! Und welch ein heller Glanz das Kind umgiebt, alles umher erleuchtet, und selbst den Schimmer der Engel überglänzt. Wahrhaftig, wer sich da der Geburt des Erlösers nicht freuen und mit den Engeln Gott loben und preisen wollte, der müßte ein Herz von Stein haben.«

Der Förster hatte das Bild bisher mit unverwandten Augen stillschweigend betrachtet, ohne ein Wort zu sagen. Endlich sprach er, wie aus einem Traume erwachend: »Ja, du hast Recht! Wenn wir diese heilige Geschichte, so schön gemahlt und in eine Rahme gefaßt, vor Augen haben, so macht sie einen neuen, ganz eigenen Eindruck auf unser Herz. Ich will es einmal versuchen, ob ich es euch sagen kann, was ich alles darin finde und wie es mir um das Herz ist.« Er schob seinen Lehnsessel herbey, setzte sich in einer kleinen Entfernung von dem Bilde, in der es sich am besten ausnahm, und sprach dann:

»Wir wollen, meine lieben Kinder, unsre Augen zuerst auf das göttliche Kind in der Krippe richten! Wir wollen aber jetzt auf einige Augenblicke seiner göttlichen Abkunft noch nicht gedenken; wir wollen es zuerst nur als ein Menschenkind betrachten. Schwach und hülflos, in arme Windeln eingewickelt, liegt es auf ein wenig Heu und Stroh. Aber die liebvolle Mutter begrüßt es mit freundlichem Lächeln und voll der zärtlichsten Sorgfalt, es wohl zu verpflegen; und der treue Nährvater steht theilnehmend dabey, bereit mit seinem stärkern Arm Mutter und Kind zu schützen, mit seiner arbeitsamen Hand beyde zu ernähren. Ein treuer Vater, eine liebvolle Mutter und ein Kind, das diese treue Liebe, sobald es zur Besinnung kommt, dankbar erwiedert, ist der schönste Anblick auf Erden, über den sich Engel erfreuen müssen. Dieses liebliche Drey -- Vater, Mutter und Kind -- hat Gott so zusammen gefügt.«

»O meine Kinder, denkt daher bey diesem Kinde in der Krippe: Als ein schwaches Kind bin auch ich einst so dagelegen, wo man mich hinlegte. Ich hätte verschmachten müssen, wenn meine Aeltern sich meiner nicht liebreich angenommen hätten. Allein mit Freude und Jubel wurde der kleine fremde Gast aufgenommen, und alles war schon zu seiner Ankunft bereitet. Meine Mutter hüllte mich in meine erste Bekleidung, die Windeln, die sie wohl selbst gesponnen, gebleicht und genäht hatte. All ihr Sinnen und Trachten Tag und Nacht ging nur darauf, daß mir nichts abgehen möge. Sorgsam wachte sie an meiner Wiege, wenn ich schlief; manche Nacht brachte sie schlaflos zu, aus zärtlicher Liebe zu mir! Der treue Vater theilte ihre Sorge und arbeitete für beyde. So denket und danket Gott, daß Er euch gute Aeltern schenkte! Denn Er ist es, der aus Liebe zu euch etwas von seiner unaussprechlichen Liebe in das Herz eurer Mutter pflanzte, und eurem Vater von seinem treuen Vatersinne mittheilte und ihm das Vaterherz gab. Seyd aber auch nicht undankbar gegen eure Aeltern. Ein Sohn, eine Tochter, die es vergessen könnten, was die Mutter mit ihnen ausstand, was der Vater für sie that, sie zu ernähren, zu kleiden, zu erziehen, wären ohne alles menschliche Gefühl.«

»Laßt uns nun, meine Kinder, nachdem wir die heilige Familie betrachtet, zu den heiligen Engeln, die dort oben schweben, hinaufblicken -- und einen Blick auf die Thiere des Stalles werfen. Da wird uns die Würde und die Bestimmung des Menschen klar. -- Schaut erst noch einmal der heiligen Jungfrau in das milde Angesicht voll himmlischer Unschuld und unaussprechlicher mütterlicher Zärtlichkeit! Betrachtet die aufrechte Gestalt des ehrwürdigen Josephs, wie er so voll Geist und Andacht die Augen zum Himmel erhebt! Sehet das holde Kind an, dessen Angesicht so lieblich lächelt, dessen Augen wie Sterne leuchten! Und nun schauet auf die rauhen haarigen Thierköpfe -- des Ochsen und des Esels hin. Wie dumm und vernunftlos sie darein sehen! Wie das Maul hervorsteht, und uns zu erkennen giebt, daß sie nur auf Futter bedacht sind und von nichts Höherem und Besserem wissen. Sie sind nicht einmal eines freundlichen Lächelns fähig! O, wem erscheint bey dieser Vergleichung der Mensch nicht als ein höheres Wesen? Wahrhaftig, er gehört einer höhern Reihe von Geschöpfen an. Der roheste Mensch hielte sich ja für beschimpft, wenn man zu ihm sagte: Du bist um nichts besser, als der Ochs, der deinen Pflug zieht, als der Esel, der deine Säcke zur Mühle trägt und dann verfault. Nein, der Mensch gleicht vielmehr den heiligen Engeln Gottes, die ihren Schöpfer erkennen, sich Seiner freuen und Ihm lobsingen. Der Mensch ist das einzige Geschöpf auf Erden, der dieß auch kann. Sey es, daß er einige Aehnlichkeit mit den Thieren hat; er ist doch den Engeln des Himmels näher verwandt. Sey es, daß er weinend und wimmernd zur Welt kommt, daß er vieles ausstehen, vieles leiden muß, bis er in seiner vollen Blüthe dasteht, daß er dann nach kurzer Zeit wieder gleich einer Blume dahinwelkt, gleich den Thieren dahin modert -- nur seine Erdengestalt zerfällt zu Staub. Es ist ein unsterblicher Geist in ihm; er ist ein Engel in schwaches Fleisch und Blut verhüllt. Sobald diese Hülle abfällt, ist der Engel vollendet -- wenn anders der Mensch seine Bestimmung auf Erden erfüllt und dem Willen des Schöpfers gemäß gelebt hat.«

»Sehr gut hat der Mahler, außer den größern Thieren noch ein Lamm und ein Körblein voll Früchte angebracht, die man als ein Geschenk für das neugeborne Kind am Fuße der Krippe erblickt. Dem Menschen sind alle übrigen Geschöpfe der Erde unterworfen. Er bezähmt die stärksten Thiere und sie müssen ihm dienen; ihm giebt das Schaf Milch und Wolle; ihm bringt die Erde ihre schönsten Früchte hervor. Nur ein weniges hat Gott den Menschen den Engeln nachgesetzt, hat ihn mit Ehre und Hoheit gekrönt, hat ihn zum Herrn seiner Werke gemacht und alles ihm zu Füßen gelegt.«

»Auch der Ort, an dem wir dieses Kind und seine Aeltern erblicken, die arme Krippe und der dürftige Stall, sind nicht ohne Bedeutung. Der Mensch bedarf keines Palastes, um hier auf Erden seine Bestimmung zu erreichen. Er kann in der elendesten Strohhütte zufrieden leben und selig sterben. Wir erblicken in dem Stalle nur Armuth und Mangel. Allein um wahrhaft glücklich, aller wahren Ehre würdig und von ächtem Menschenadel zu seyn, braucht der Mensch weder Sammet noch Seide, weder Gold noch Silber. Gerade im Wichtigsten hat Gott keinen Unterschied unter den Menschen gemacht. Ein armer Stall beherbergt hier die heiligsten, die seligsten, die ehrwürdigsten Menschen, die je auf Erden gelebt haben.«