Der Weihnachtsabend: Eine Erzählung zum Weihnachtsgeschenke für Kinder

Part 2

Chapter 23,792 wordsPublic domain

Der Förster lachte, und strich sich den Bart. »Nun Knabe, sprach er, so bleibe denn bey uns. Ich will dein Vater seyn, und meine Frau wird als Mutter an dir handeln. Sey uns aber auch ein guter Sohn, und habe deine neuen Geschwister lieb und thu ihnen nichts zu leid. Hörst du -- du bist jetzt mein Sohn Anton!« Der Knabe stand sehr betroffen da, und sah den Förster mit großen Augen an, ob das auch sein Ernst sey. Er war der harten Begegnung, die er von vielen Menschen erfahren mußte, so gewöhnt, daß ers kaum glauben konnte, der Förster wolle ihn an Kindesstatt annehmen. »Nun wie, Anton, sagte der Förster, und both ihm die Hand, schlägst du nicht ein?« Jetzt brach Anton in Thränen aus, both dem Förster die Hand, küßte darauf die Hand der Försterin, und grüßte beyde Kinder, ja auch das kleinste, wiewohl es noch nicht wußte, was vorging, als seine neuen Geschwister. Christian und Katharine hatten eine große Freude, daß Anton da bleiben durfte. »Jetzt ists erst recht lustig, sagte Christian; jetzt sind wir, wenn wir ein Spiel machen, doch unser drey.«

Der Förster fuhr aber ernsthaft fort: »Sieh Knabe, so sorgt Gott für dich. Der Segen deiner guten Aeltern ruht auf dir. Gott erhörte das Gebeth deiner sterbenden Mutter und -- auch dein Gebeth als du dort im Walde zitternd vor Frost im Schnee knietest. Er lenkte deine Tritte hieher! Er führte dich in unser Haus. Wenn du unsern Gesang nicht gehört hättest, so wärest du auf deinem Bündelein eingeschlafen und erfroren, und ich hätte dich todt im Walde gefunden. Gott rettete dich gerade noch im rechten Augenblick. Er führte dich gerade in dieser heiligen Nacht, da unsre Herzen von der Liebe des Vaters im Himmel, der den Eingebornen für uns dahin gab, besonders gerührt waren, zu unserer abgelegenen Wohnung im Walde, die du sonst am Tage kaum gefunden hättest. Gott und seinem lieben Sohne, der auch für dich armen Knaben vor bald zwey tausend Jahren in der heutigen Nacht geboren ward, und auch für dich gestorben ist, hast du es zu danken, daß du jetzt wieder ein Obdach hast. Darum erkenne es, und vergiß es in deinem Leben nicht, und habe immer ein dankbares Gemüth gegen Gott und deinen Erlöser. Hab' Gott dein Leben lang recht vor Augen und führe dich immer christlich auf.«

Anton versprach es mit weinenden Augen. »O Du guter Gott, sagte er, indem er zum Himmel blickte, Du hast die letzten Worte meiner sterbenden Mutter treulich erfüllt und mir wieder Vater und Mutter geschenkt. Ich will aber ihre letzten Worte auch erfüllen, deine heiligen Gebothe halten, und besonders das vierte Geboth gegen meine neuen Aeltern recht beobachten.« »Bravo, Anton, sprach der Förster, das thu, und es wird dir wohl gehen.« Die Försterin wies hierauf dem Knaben eine kleine Kammer mit einem reinlichen Bette an, und alle begaben sich vergnügt zur Ruhe.

Am andern Morgen waren die Kinder sogleich wieder um die Vorstellung des Kindes Jesu in der Krippe versammelt. Sie war an dem heiligen Weihnachtsfeste und den darauf folgenden Feyertagen und Festen ihre einzige Freude. Allein diese unschuldige Weihnachtsfreude wäre bald gestört worden. Ein gewisser junger Herr von Schilf, der ein großer Jagdliebhaber war, und den Förster öfter besuchte, kam einmal in die Stube. Er machte über diese Art, den Kindern die Krippe Jesu vorzustellen, allerley spöttische Anmerkungen und konnte nicht finden, wozu dergleichen dienen sollte.

»Wozu? sprach der Förster. Schauen Sie da einmal zum Fenster hinaus, junger Herr! Sehen Sie, tiefer Schnee deckt die Erde und die Bäume des Waldes krachen unter seiner Last. Man sieht keine Blume; nur hier an den gefrornen Fensterscheiben schimmern Blumen von Eis. An den Obstbäumen, die mein Dach umgeben, hängen keine Aepfel und Birnen mehr, und es ist kein grünes Blatt mehr daran zu sehen; alle Aeste und Zweiglein sind weiß angeduftet und ganz mit Reifen überzogen, und an dem Hausdache hängen lange Eiszapfen. Die armen Kinder hier sind in der Stube, gleich Gefangenen, eingesperrt und können kaum einen Tritt vor die Hausthüre thun. Sollte es denn nun so übel seyn, wenn liebende Aeltern ihren Kindern zur rauhen Winterszeit in der wärmenden Stube gleichsam einen Frühling erschaffen? Wirklich ist diese Frühlingslandschaft im Kleinen mit den grünen Wäldern, blumigen Wiesen, weidenden Schafen und deren Hirten fast die einzige Winterfreude der Kinder.«

»Allein das ist noch das Wenigste! Die Hauptsache ist dies: Wir Christen freuen uns zur heiligen Weihnachtszeit, daß uns in Christus die Menschenfreundlichkeit Gottes in Menschengestalt erschienen ist. Und da möchten wir denn auch unsre Kinder, soviel sie es verstehen, an dieser Freude Theil nehmen lassen. Nun weiß ich zwar wohl, daß die größten Mahler diese heilige Geschichte in Gemälden darstellten, die seit Jahrhunderten die Bewunderung der Welt sind. Ich selbst habe, da ich noch auf Reisen war, jenes berühmte Gemälde der Krippe Jesu zu Dresden, die heilige Nacht genannt, mehrmal bewundert. Allein die Einwendungen, die Sie gegen meine, freylich sehr unvollkommene Darstellung der Krippe Jesu hier machen, ließen sich, den Kunstwerth abgerechnet, gegen jenes herrliche Gemälde auch machen, und sind deßhalb keiner Wiederlegung werth. Solche kostbare Gemälde sind übrigens nur für große Herren, und wären bey Kindern gar nicht angewendet. Denn ich wette darauf, meine Kinder würden ihre Krippe gegen jenes berühmte Gemälde zu Dresden sicher nicht vertauschen.«

»Lassen Sie also, mein lieber Herr von Schilf, uns einfältige Leute hier im Walde immer bey der alten Sitte unserer Väter bleiben. Ich erinnere mich noch aus meinen eigenen Kinderjahren, daß die Krippe meine beste Kinderfreude -- und nicht ohne Segen für mich war. So möge sie denn auch meinen Kindern zur Freude und zum Segen gereichen.«

Drittes Kapitel.

Die edle Försterfamilie.

Der Förster, der den armen Waisenknaben an Kindesstatt angenommen hatte, war ein sehr rechtschaffener, biederer Mann, und, wie er sich selbst ausdrückte, noch von altem Schrott und Korn. Er war sehr gottesfürchtig, gegen alle Menschen wohlwollend, und in dem Dienste seines Fürsten unermüdet und von unverbrüchlicher Treue. Der ehrliche Förster hielt sich streng an die frommen Sitten seiner Großältern, die er noch gekannt hatte, und seiner Aeltern, die ganz so wie die Großältern gesinnt waren.

Am Morgen war es immer sein erstes Geschäft, mit Frau und Kindern das Morgengebeth gemeinschaftlich zu entrichten; eben so wurde auch der Tag mit dem Abendgebethe gemeinschaftlich beschlossen. »Wie sollten wir, sagte er, nicht jeden Tag mit dem Gedanken an Denjenigen anfangen und beschließen, der uns jeden Tag das Leben fristet, und uns Speis und Trank und alles Gute giebt? Es ist wohl auch, denke ich, selbst für Engel ein rührender Anblick, wenn Vater und Mutter in Mitte ihrer Kinder vor Gott knien, und alle, auch das Kleinste nicht ausgenommen, die Hände bethend und dankend zum Himmel erheben. Der Vater im Himmel kann nicht anders als segnend auf sie herabblicken.«

Eben so andächtig und ehrerbiethig bethete der Förster mit allen den Seinigen vor und nach dem Tische. Eines Tages brachte er den jungen Herrn von Schilf von der Jagd mit nach Hause und lud ihn, da eben die Suppe aufgetragen wurde, zum Mittagessen ein. Der junge Herr setzte sich sogleich ohne Tischgebeth an den Tisch. Allein der Förster, der sich, wie er zu sagen pflegte, nie ein Blatt vor den Mund nahm, sagte sehr ernsthaft: »Pfui, junger Herr! So machen es meine Wildschweine draußen im Walde; die verschlucken die Eicheln, ohne aufzuschauen, woher sie kommen.« Der junge Herr wollte Einwendungen machen, und meynte, das Tischgebeth sey eben nicht so bedeutend. Allein der Förster sprach mit großem Nachdrucke: »Was uns zu bessern Menschen macht, ist von großer Bedeutung. Die Gottseligkeit ist zu allem nütze; von der Gottvergessenheit hingegen habe ich noch keine guten Früchte gesehen, wohl aber schon sehr viele schlimme. Bethen Sie mit uns, wie es einem Christen und vernünftigen Menschen geziemt, oder Sie sind mit mir das letzte Mal auf der Jagd gewesen. Mit einem Heiden möchte ich nichts weiter zu thun haben. Ich mag nicht einmal mit ihm an Einem Tische essen. Doch, setzte der Förster gelassener hinzu, ich weiß wohl, daß Sie über die Sache nie nachgedacht haben. Sie sahen etwa einige vornehme junge Herren nicht zu Tische bethen, und machten es ihnen ohne weitere Ueberlegung sogleich nach. Sie glaubten dadurch sich selbst ein vornehmes Ansehen zu geben. Allein, mein lieber junger Herr, obwohl Sie Schilf heißen, so müssen Sie deßhalb doch nicht dem Schilfe gleichen, das innen leer und ohne Mark ist und sich nach jedem Lüftchen dreht.« Der junge Herr stand wieder auf und bequemte sich mit zu bethen. Er that es aber nicht aus Andacht gegen Gott, sondern blos aus Liebe zur Jagd.

Am fröhlichsten war der ehrliche Förster immer, wenn er sich in der Mitte seiner Familie befand. »Was soll ich die Freude auswärts suchen, sagte er, da ich sie zu Hause besser und wohlfeiler haben kann.« Er trank daher nach vollbrachtem Tagewerk seinen Krug Bier, und Sonntags sein Glas Wein daheim, führte mit seiner Hausfrau vertrauliche Gespräche oder erzählte den Kindern fröhliche und lehrreiche Geschichten. Wenn er besonders aufgeräumt war, nahm er seine Harfe zur Hand. »Diese gilt uns, sagte er, bey den langen Winterabenden in unserm rauhen Walde anstatt Konzert und Oper.« Er hatte in seiner Jugend zwar das Waldhornblasen angefangen; allein da der Arzt ihm es untersagte, so verlegte er sich, als ein großer Freund der Musik, auf die Harfe. Die Försterin wußte mehrere schöne Lieder, und der Förster begleitete sie mit seinem Harfenspiel. Auch die Kinder hatten bald einige ihrem Alter angemessene Liedchen gelernt, und sangen zusammen, gleich den Zeisigen im Walde.

Die Kinder des Försters gingen nach Aeschenthal, dem nächsten Pfarrdorfe, in die Schule. Sobald die Weihnachtsfeyertage vorüber und die Wege durch den Wald wieder gangbar waren, mußten Christian und Katharine täglich dahin gehen. Anton ging mit tausend Freuden mit, und übertraf bald alle seine Mitschüler. Sein Fleiß und seine Talente waren ausnehmend. Wenn der Förster Abends von der Jagd nach Hause kam und in seinem Lehnstuhle nächst dem wärmenden Ofen saß, mußten ihm die Kinder erzählen, was sie in der Schule gelernt hatten, und ihm ihre Schriften vorweisen. Anton wußte immer am meisten zu erzählen; seine Schriften waren immer die schönsten, und in dem Lesen brachte er es bald zu einer großen Fertigkeit. Nach dem Abendessen mußten die Kinder abwechselnd vorlesen; allein alle im Hause hörten am liebsten dem Anton zu. »Er liest am natürlichsten, sagte die Försterin. Wenn man es nicht sähe, daß er ein Buch vor sich habe, so meynte man sicher, daß er die Geschichte nicht lese, sondern daß er sie einmal gehört habe, und sie uns nur so aus dem Kopfe erzähle.«

Der fröhlichste Tag in der Woche war den Kindern immer der Sonntag. An diesem Tage ging der Förster nicht auf die Jagd und die Kinder konnten den ganzen Tag um ihn seyn. »Ich bringe, sprach er, die sechs Tage der Woche unausgesetzt und unverdrossen in herrschaftlichen Diensten zu; allein der Sonntag ist dem Dienste eines größern Herrn gewidmet. Auch ist mir und meinen Holzhauern nach sechs Arbeitstagen wohl ein Ruhetag zu gönnen.« Am Sonntage Morgens gingen Vater und Mutter in der lieblichen Sonntagsfrühe mit den Kindern nach Aeschenthal in die Kirche. Das war den Kindern, besonders im Frühlinge und im Sommer, eine große Freude. Der Weg führte bald über waldichte Berghöhen hin, bald durch schmale Wiesenthälchen, die mit buschigen Felsen und hohen Bäumen umgeben waren. »O wie schön ists doch im Walde, sprach dann wohl Anton; wie herrlich grünen die Bäume im Glanze der Morgensonne! Ja, am Sonntage kommt mir der Wald noch viel schöner vor, als sonst. Mir ists, als hätten alle Bäume ein freundlicheres Grün. Die Vögelein auf den belaubten Zweigen singen viel fröhlicher. Und außer ihnen schweigt alles! Man hört keine Holzaxt, kein Wagenrad und keinen Schuß; nur die Kirchenglocke ertönt in der Ferne. Es ist alles so still und ruhig, wie in der Kirche.«

»So feyerlich, wie in einem Tempel, sagte der Förster. Auch der Wald ist ein Tempel des Herrn; Er, der Allmächtige, stellte diese Bäume wie Säulen umher, und fügte ihre Zweige zu einem grünen Gewölbe zusammen. Alles, von der ungeheuren bemoosten Eiche dort bis zu den kleinen Mayblümchen hier zu unsern Füßen, verkündet uns seine Allmacht und Güte. Ja die ganze Erde, so weit der blaue Himmel sich wölbt, ist ein Tempel seiner Herrlichkeit. Besonders am Sonntage sollen wir Ihn in diesem seinem Tempel anbethen und diese herrlichen Werke andächtig betrachten. In diesem prachtvollen Tempel, den Er selbst erbaute, können wir seine unermeßliche, unbegreifliche Größe und Herrlichkeit wahrnehmen; in unsern Kirchen aber, wiewohl sie von Menschenhänden erbaut sind, läßt Er seine Rathschlüsse und seinen heiligen Willen uns näher offenbaren. Auch deßhalb wurde der Sohn Gottes ein Mensch, lehrte uns Menschen und ordnete das Lehramt an. In hundert tausend Tempeln und Kirchen der ganzen Christenheit wird an dem heutigen Tage seine Lehre verkündet und von Millionen Menschen angehört. Merkt daher auch ihr, meine Kinder, heute in unsrer Kirche andächtig auf jedes Wort des Lehrers und bewahrt es in eurem Herzen.« Solche und ähnliche Gespräche führte er mit den Kindern auf dem Wege zur Kirche; auf dem Heimwege aber redete er mit ihnen von der Predigt, und sie wetteiferten, ihm zu erzählen, was sie daraus sich gemerkt hätten.

Bey Tische war der Förster Sonntags immer besonders fröhlich. »Die Freude, sprach er, mit euch zu Mittag zu essen, wird mir unter der Woche selten zu Theil; da verzehre ich mein Mittagsmahl meistens gleich im Walde aus der Faust, und es schmeckt mir, Gott sey Dank, immer sehr gut. Aber am Sonntage schmeckt es mir doch am besten, nicht weil die Mutter da eine bessere Mahlzeit bereitet, sondern weil ich die Speisen in eurer Mitte genießen kann.« Er legte den Kindern mit dem herzlichsten Wohlwollen selbst vor. »Esset, Kinder, esset, sprach er, und Danket Gott für seine Gaben.« Nach Tische ging er mit den Kindern im Walde umher, lehrte sie die mancherley Bäume, Sträuche und Kräuter kennen, und pries ihre mannigfaltige Schönheit und Brauchbarkeit. »So, sprach er dann immer, hat Gott alles, auch das kleinste Kräutlein, schön gebildet und zu dem Nutzen des Menschen eingerichtet. Auch der Wald ist ein Buch, in dem ihr auf allen Blättern von der Weisheit und Güte Gottes lesen könnet.«

Wenn im Frühlinge oder im Sommer der Abend schön war, so deckte die Försterin unter der großen Linde, nicht weit vom Försterhause, wo ein Tisch nebst einigen Bänken angebracht war. Nach dem Abendessen sangen sie noch einige schöne und rührende Abendlieder. Der Förster spielte dazu die Harfe, und die Vögel auf allen Bäumen des Waldes umher stimmten in den Gesang und das Harfenspiel mit ein.

Anton fühlte sich unter diesen edlen Menschen, bey denen wahre Frömmigkeit, Eintracht und Liebe, Fleiß, Ordnung und Zufriedenheit wohnten, höchst glücklich. »Gott meynte es doch recht gut mit mir, sagte er öfter. Er hätte mich auf der ganzen Welt zu keinen bessern Menschen führen können.« Der gute Knabe war aber auch die lautere Dankbarkeit und Dienstfertigkeit gegen seine Pflegältern. Wenn der Förster Abends aus seinem Forstbezirke heimkam, eilte Anton sogleich, ihm den alten hechtgrauen Ueberrock mit grünen Aufschlägen, dessen sich der Förster als eines Schlafrockes bediente, und die Pantoffeln zu bringen. Wenn die Försterin in der Küche am Heerde stand und kochte, trug er ihr ungeheißen Holz zu oder lief, um ihr einige Schritte zu ersparen, in den Gemüsgarten am Hause und holte Schnittlauch, Petersilien oder was sie sonst eben von grünen Kräutern nöthig hatte. Mancher ihrer Wünsche ward, bevor sie ihn aussprach, schon erfüllt.

Seinem guten Pflegvater erzeigte er aber noch ganz besonders gute Dienste. Der Förster verfertigte von allen ihm anvertrauten Waldungen Risse, und gab ihnen mit Farben ein schönes, gefälliges Ansehen. In der Ecke jedes Blattes war der Namen des Waldes mit großen Buchstaben geschrieben, und, nachdem es ein Wald war, mit einem Kranze von Tannenzweigen oder Eichenlaube eingefaßt. Anton brachte es bald so weit, daß er die größten Risse nett und genau nachzeichnen konnte. Die Verzierungen aber, die er dabey anzubringen wußte, waren von ihm selbst erfunden und so gut ausgeführt, daß der Förster darüber erstaunte. Anton zeichnete zum Beyspiele einen Eichbaum, an dem ein Schild mit dem Namen des Waldes lehnte, und seitwärts sah man ein Wildschwein, das nach Eicheln suchte. Oder der Name des Waldes stand in einen Felsen eingegraben, der mit Tannen gekrönt war, und unten am Felsen ruhte ein Hirsch mit zakigem Geweih. Ueberhaupt zeichnete und mahlte Anton in allen seinen freyen Stunden bald Landschaften, bald Thiere, und wo er nur ein Streifchen weißes Papier oder einen leeren Briefumschlag fand, zeichnete er einen Vogel, eine Blume, oder einen Baumzweig darauf. Er konnte keinen Augenblick müßig seyn. Der Förster und die Försterin liebten den guten Knaben wie ihr eigenes Kind, ja ihre eigenen Kinder wurden, von Antons Beyspiel aufgemuntert, noch viel dienstfertiger und thätiger, als sie es zuvor waren.

Viertes Kapitel.

Antons fernere Geschichte.

Eines Tages schickte der Förster den Anton mit einem Paar Schnepfen in das benachbarte fürstliche Jagdschloß Felseck. Der Verwalter hatte eben einen Gast und wollte ihn damit bewirthen. Anton kam unterwegs an einem Wasserfall vorbey, der zwischen schwarzgrünen Tannen, weiß wie Schnee, von einem hohen Felsen herabstürzte. Nicht weit davon saß ein fremder Herr in einem dunkelblauen Kleide, der den Wasserfall abzeichnete. Anton ging hin, schaute über die Schulter des Fremden auf das Blatt, und konnte sich nicht enthalten, laut zu rufen: »O wie schön! Ja das heißt gemahlt!« Er bath um Erlaubniß, das schöne Gemälde näher besehen zu dürfen, und erhielt sie. »Mir ists, sagte er, indem er es betrachtete, als wäre das Blatt da ein Spiegel, in dem sich der Wasserfall, nebst Felsen und Bäumen, im Kleinen abspiegelte. Wie silberhell das Wasser aus dem gespaltenen Felsen hervorschießt und wie schön sich der weiße Schaum unten zwischen den bemoosten Steinen kräuselt! Wie frisch und grün das zarte Moos an diesem Steine da ist! Man meynt, man könne es wegrupfen. Wie keck diese rauhen Tannen emporstarren! Und da haben Sie überdieß noch einen Hirsch hergemahlt, der aus dem Bache trinkt. Wie leicht der auf den Füßen steht! Man sieht es ihm an, wie flüchtig er über Stock und Stein wegsetzen kann. Die Hirsche, die ich mahle, stehen so lahm da, als wollten sie alle Augenblicke umfallen. Ich weiß kein rechtes Leben in sie hinein zu bringen.«

Der Mahler hatte an den ungeheuchelten Lobsprüchen des Knaben und noch mehr an dessen Gefühl für Kunst ein großes Wohlgefallen. Er sagte lächelnd: »Du bist also, wie ich merke, auch ein kleiner Mahler?« »Ach, sagte Anton, bisher meynte ich wohl gar, ich sey kein kleiner, sondern ein großer Mahler. Jetzt sehe ich aber wohl, daß ich gar keiner bin.« Der Mahler sagte: »Ich wünsche deine Mahlereyen doch zu sehen. Ich werde dich nächstens besuchen, und da mußt du mir sie zeigen. Wer sind deine Aeltern und wo bist du zu Hause?« »Ach, sprach Anton, ich bin ein armer Waisenknabe. Der Herr Förster Grünewald hat mich aber an Kindesstatt angenommen.« »Nun, sagte der Mahler, da bist du wohl mit ihm verwandt, ein Bruderssohn oder ein Schwestersohn?« »Nein, sagte Anton, ich kam ganz landfremd in sein Haus; er und seine Frau nahmen mich aber sogleich auf und hielten mich wie ihr eigenes Kind.« »Das ist viel, sehr viel, sagte der Mahler. Doch wie kam denn dieß?« Anton erzählte seine Geschichte ausführlich. Der Mahler hörte ihm aufmerksam zu und sagte am Ende: »Der Förster und seine Frau müssen sehr edle Menschen seyn. Grüße sie mir, und sage ihnen, morgen des Tages werde ich sie besuchen, um ihnen im Namen der Menschheit für die Liebe, die sie dir erweisen, zu danken.«

Der Mahler hieß Riedinger und war vor einem Paar Tagen auf dem fürstlichen Jagdschlosse angekommen, um da einige alte Gemälde aufzufrischen. Er benützte diese Gelegenheit, eine und die andere Waldgegend, die ihm besonders gefiel, abzuzeichnen. Sogleich am Abende des folgenden Tages besuchte er den Förster. Beyde biedere Männer fanden bald, daß sie Eines Sinnes waren, und wurden Freunde. Der Mahler wollte nun Antons Zeichnungen sehen. Die Försterin lobte sie ausnehmend. »Glauben Sie mir, sagte sie, sie sind unvergleichlich.« Allein Anton stand erröthend an der Thüre und sagte: »Herr Riedinger, Sie werden sehen, daß sie ganz und gar nichts heißen.« Der Mahler ermunterte ihn aber, sie zu zeigen, und Anton brachte sie. Herr Riedinger betrachtete eine nach der andern sehr bedachtsam und lächelte einige Male. Wiewohl er vieles daran auszustellen hatte, so gefielen sie ihm dennoch sehr. »Wahrhaftig, sagte er, es steckt ein Mahler in dem Knaben. Herr Grünewald, überlassen Sie ihn mir. Sie sollen Freude an ihm erleben.« »Topp! sagte der Förster und schlug ein. Ich habe schon lange nachgesonnen, was der Knabe werden solle. Er ist nun bereits in dem vierzehnten Jahre und in der Schule zu Aeschenthal ist für ihn weiter nichts mehr zu lernen. Zu einem Jäger ist er zu zart und zu mitleidig. Er artet mehr seiner sanften Mutter nach, als seinem tapfern Vater. Wenn Sie also meynen, er gebe einen guten Mahler ab, so nehmen Sie ihn immerhin in die Lehre. Wie viel verlangen Sie Lehrgeld?« »Lehrgeld! sagte der Mahler. Davon kann keine Rede seyn. Sie gaben mir zuerst ein Beyspiel, wie man sich armer Waisen annehmen müsse. Eine edle That zieht immer andere nach sich, wie eine Kerze andere anzündet. Das ergiebt sich alles ganz natürlich. Lassen Sie es also gut seyn. Sobald ich mit meiner Arbeit auf dem Schlosse fertig bin, fährt Anton, wenn er anders Lust hat, mit mir in die Stadt, und ich werde keine Mühe sparen, ihn zu einem Künstler zu bilden.« Anton hüpfte fast vor Freude. Als indessen nach einigen Tagen der Mahler in einer Kutsche vor das Haus gefahren kam, ihn mitzunehmen, weinte der gute Knabe doch recht herzlich. Allein der Förster sprach: »Weine nicht, Anton. Es ist ja nur ein Sprung in die Stadt. Wir besuchen dich öfter, und auch du kannst uns an Sonn- und Feyertagen leicht besuchen. -- Ja, das bedinge ich mir noch aus, sprach er zu Herrn Riedinger, daß Anton uns manchmal besuchen, die Weihnachtsfeyertage aber allemal ganz bey uns zubringen dürfe. Sie müssen ihm das erlauben.« »O recht gern, sagte der Mahler, recht gern; und wenn Sie und die Frau Försterin nichts dagegen haben, so komme ich allemal mit.« Sie gaben sich darauf die Hand. Anton dankte seinen Pflegältern. Sie ermahnten ihn, seinen Lehrmeister, der so vieles aus lauter Güte für ihn thun wolle, als seinen Vater zu ehren. Unter den besten Segenswünschen seiner Pflegältern und Geschwister stieg Anton in die Kutsche und fuhr mit dem Mahler fort.

Der treffliche Mahler hielt in allen Stücken Wort. Es war ihm eine Herzenslust, einen so fähigen Schüler zu unterrichten. Auch kam er mit ihm zu dem Förster öfter auf Besuch; ja manchmal blieben sie mehrere Tage, um in dem gebirgigen Walde schöne Gegenden abzuzeichnen. Der Meister konnte seinen Schüler jedesmal nicht genug loben. »Unter uns gesagt, sprach er zum Förster, er wird ein Künstler, dem ich das Wasser nicht biethen darf.«