Der Weihnachtsabend: Eine Erzählung zum Weihnachtsgeschenke für Kinder
Part 1
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Der Weihnachtsabend.
Eine Erzählung zum Weihnachtsgeschenke für Kinder,
Von dem Verfasser der Ostereyer.
Landshut, 1825. in der Krüll'schen Buchhandlung.
Erstes Kapitel.
Das Weihnachtslied.
An dem heiligen Abende vor dem Weihnachtsfeste wanderte der arme Anton, ein holder Knabe von acht Jahren, noch durch die schneebedeckte Gegend hin. Der arme Kleine hatte seine blonden Locken, die von der Kälte angeduftet waren, noch mit dem leichten schwarzen Strohhute vom letzten Sommer her bedeckt, und seine beyden Wangen glühten hochroth von Frost. Er war nach Soldatenart gekleidet und hatte eine niedliche scharlachrothe Husarenjacke an. In der Rechten führte er einen dicken Stecken von Schlehdorn, und auf dem Rücken trug er ein kleines Reisebündelein, in dem sich all sein Hab' und Gut befand. Er war aber fröhlich und guter Dinge, und hatte an der schönen weißen Winterlandschaft umher und an den bereiften Hecken und Gesträuchen am Wege seine herzliche Freude. Indeß ging die Sonne gluthroth unter. Die angedufteten Halme und Zweige umher flimmerten wie mit röthlichen Fünklein bestreut und die Gipfel des nahen Tannenwaldes strahlten im Abendgolde.
Anton dachte das nächste Dorf, das jenseits des Waldes lag, noch leicht zu erreichen, und ging muthig in den dicken, finstern Wald hinein. Er hoffte in dem Dorfe gute Weihnachtsfeyertage zu bekommen; denn er hatte gehört, die Bauern dort seyen sehr vermögliche und gutherzige Leute. Allein er war noch keine Viertelstunde gegangen, so kam er vom rechten Wege ab, und verirrte sich in die wildeste Gegend des rauhen, bergichten Waldes. Er mußte fast beständig durch tiefen Schnee waten, und einige Male versank er beynah in Gruben und Schluchten, die unter dem Schnee versteckt waren. Die Nacht brach ein und es erhob sich ein kalter Wind. Wolken überzogen den Himmel, und verdunkelten jedes Sternlein, das durch die schwarzen Tannenäste funkelte. Es ward sehr finster und fing aufs neue an heftig zu schneyen.
Der arme Knabe fand keine Spur mehr von einem Wege, und wußte nicht mehr wo an und wo aus. Müde von langem Umherirren vermochte er nicht mehr weiter zu gehen. Er blieb stehen, zitterte vor Frost, und fing an schmerzlich zu weinen. Er legte sein Wanderbündelein in den Schnee, kniete darneben nieder, nahm seinen Hut ab, erhob seine starren Hände zum Himmel, und bethete unter heißen Thränen: »Ach Du lieber Vater im Himmel! Ach laß mich doch nicht in diesem wilden Walde, in Nacht und Frost umkommen. Sieh, ich bin ja ein armes Waislein, und habe keinen Vater und keine Mutter mehr! Ich habe niemand mehr als Dich. Aber Du bist ja der Vater aller armen Waisen. O laß mich nicht erfrieren; erbarme dich deines armen Kindes. Es ist ja heute die Nacht, in der dein lieber Sohn zur Welt geboren wurde. Um Seiner Willen erhöre mich! Ach, laß nicht in eben der Nacht, da sich alle Welt über die Geburt des göttlichen Kindes freut, mich armen Knaben hier einsam im Walde sterben.« Er legte sein müdes Haupt auf sein kleines Bündelein, und schluchzte und weinte bitterlich!
Aber horch -- da erklang es mit einem Male, seitwärts von der Höhe herab, lieblich wie Harfentöne, und ein wunderschöner Gesang erhob sich und hallte von den Felsen wieder. Dem Knaben war es nicht anders, als hörte er die heiligen Engel Gottes singen. Er stand auf, horchte und faltete die Hände. Der Wind hatte sich gelegt, und kein Lüftchen regte sich. Unaussprechlich lieblich erklang der Gesang in der tiefen nächtlichen Stille des Waldes. Jetzt vernahm er deutlich die Worte:
O sey getrost in jeder Noth, Denn sieh, den liebsten Sohn hat Gott Zum Heiland dir gegeben! Auf Ihn vertrau' und fasse Muth, Was schlimm ist, macht Er wieder gut; Er liebt dich wie sein Leben.
Jetzt war es wieder stille; nur klangen noch wie ein leiser Wiederhall einige sanfte Harfentöne nach. Dem guten Anton wurde es wunderbar um das Herz. »Ach, sagte er, so muß es den Hirten zu Bethlehem gewesen seyn, als sie in jener heiligen Nacht den himmlischen Gesang vernahmen. Ich will wieder frischen Muth fassen und fröhlich seyn. Sicher wohnen gute Menschen in der Nähe, die sich meiner annehmen; denn ich hoffe, daß sie nicht nur so schön singen, wie Engel, sondern auch so gut und freundlich gesinnt seyen, wie die Engel!« Er nahm sein Bündelein, und ging die Anhöhe hinauf -- der Gegend zu, woher er den lieblichen Gesang vernommen hatte. Kaum war er einige Schritte durch das Gebüsch gegangen, so glänzte ihm ein heller Lichtstrahl entgegen, der sogleich wieder verschwand, über eine Weile aber wieder erschien, dann wieder auf einige Augenblicke verschwand, dann wieder heller glänzte, und so wechselweise. Anton ging freudig vorwärts, und kam an ein Haus, das einsam im Walde stand. Er klopfte zwei, drey Mal an der Hausthüre; er hörte wohl mehrere fröhliche Stimmen in dem Hause, aber niemand antwortete ihm. Er versuchte nun die Thüre zu öffnen; sie war nur mit der Thürschnalle geschlossen. Er ging hinein, tappte lange in dem dunkeln Hausgange umher, und suchte die Stubenthüre. Endlich fand er sie, machte sie auf -- und blieb höchst erstaunt stehen. Ein heller Glanz von mehrern Lichtern strahlte ihm entgegen. Es war ihm nicht anders, als blickte er in das Paradies, in den offnen Himmel.
In der Ecke der Stube, zwischen den zwey Fenstern, war eine überaus schöne Frühlingslandschaft ganz nach der Natur im Kleinen abgebildet -- eine gebirgige Gegend mit hohen bemoosten Felsen, grünenden Tannenwäldern, ländlichen Hütten, weidenden Schafen, nebst ihren Hirten, und einer kleinen Stadt oben auf dem Berge. In der Mitte der Landschaft war aber eine Felsenhöhle -- da sah man das Kind Jesu -- die heilige Mutter -- den ehrwürdigen Joseph -- die anbethenden Hirten, und oben schwebten die jubelnden Engel. Die ganze Landschaft flimmerte von einem wundersamen Glanze; sie war wie mit unzähligen winzig kleinen Sternlein besät, so wie etwa Laub und Moos an Bäumen und Felsen schimmern, wenn sie an einem Frühlingsmorgen von reichlichem Thaue tröpfeln.
Die Einwohner des Hauses waren um die schöne Vorstellung des Kindes Jesu in der Krippe versammelt. An einer Seite saß der Vater und hatte eine Harfe zwischen den Knieen stehen; an der andern Seite saß die Mutter mit dem kleinsten Kinde auf dem Schooße. Zwey liebliche Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, standen zwischen den beyden Aeltern, blickten andächtig zur Krippe des Heilandes hinauf und erhoben die Hände gleich den frommen Hirten, die vor der Krippe knieten. Jetzt griff der Vater wieder in die Harfe und die Mutter sang mit ihrer lieblichen Engelsstimme noch einmal das Lied, von dem Anton jene Worte gehört hatte. Die zwey Kinder sangen mit ihren zarten, hellen Stimmchen freudig mit, und der Vater begleitete den Gesang mit seiner angenehmen Baßstimme und dem lieblichen Harfenspiel. Sie sangen:
Vor Dir, Du holdes Himmelskind, Dem Gottes Engel dienstbar sind, Fall' ich anbethend nieder -- Und freue mit Maria mich, Und preise mit den Engeln Dich, Und singe Jubellieder!
* * * * *
In Dir erscheint uns Gottes Heil, Dich lieben -- ist der beste Theil, Du Liebe ohne Gleichen! Zwar spricht noch deine Lippe nicht, Doch sagt dein mildes Angesicht Dem Armen wie dem Reichen:
* * * * *
»O sey getrost in jeder Noth, Denn sieh, den liebsten Sohn hat Gott Zum Heiland dir gegeben! Auf Ihn vertrau' und fasse Muth, Was schlimm ist, macht Er wieder gut; Er liebt dich wie sein Leben.«
* * * * *
»Und kömmt ein armes Kind in Noth Vor deine Thür', sag' nicht: Helf Gott! Wollst seiner dich erbarmen! Fühlst du für Gottes Liebe Dank, Laß liebreich es bey Speis und Trank An deinem Heerd erwarmen.«
Anton stand noch immer unter der geöffneten Thüre, und hielt die Thürschnalle in der einen Hand, und Hut und Stecken in der andern. Seine Augen waren beständig auf die schöne Vorstellung der Krippe Jesu gerichtet, und mit offenem Munde horchte er auf den Gesang und das Harfenspiel. Niemand bemerkte ihn. Jetzt fühlte aber die Mutter die Kälte, die durch die offene Thüre in die Stube drang und blickte nach der Thüre: »Lieber Gott, rief sie, wie kommt das Kind in der finstern Nacht durch den dicken Wald hieher? Armer, armer Knabe -- du hast dich gewiß verirrt!« »Ach ja, sagte Anton, ich habe mich im Walde verirrt!« Alle sahen jetzt nach der Thüre. Die zwey Kinder hatten ein herzliches Mitleid mit dem verirrten Knaben, blieben aber etwas scheu stehen, weil er ihnen fremd war. Die Mutter ging mit ihrem Kinde auf dem Arm zu ihm hin, und fragte ihn freundlich: »Wo bist du denn her, lieber Kleiner, wie heißt du und wer sind deine Aeltern?« »O Du lieber Gott, sagte Anton mit Thränen in den blauen Augen: Ich habe gar keine Heimath mehr. Ich heiße Anton Kroner. Mein Vater ist in dem Kriege umgekommen und meine Mutter ist den letzten Herbst vor Jammer und Elend gestorben. Ich bin hier im Lande ganz fremd und irre in der Welt umher, wie ein verlornes Lämmlein.« Er fing an zu erzählen, wie er eben jetzt im Walde in so großer Noth gewesen, wie er da aber ihren Gesang gehört und so den Weg zu ihrem Hause gefunden habe. Er wollte weiter reden; allein die Stimme versagte ihm; es fror ihn noch all zu sehr. In der warmen Stube fühlte er die Wirkungen der Kälte erst recht. Er zitterte vor Frost und klapperte mit den Zähnen.
»Ach du armer Anton, sagte die Mutter; du kannst ja vor Frost kaum mehr reden; und hungerig und müde mußt du auch seyn. Leg dein Bündelein ab, und sitz nieder; ich will dir eine warme Suppe geben, und was sonst noch von dem Nachtessen übrig ist.« Die zwey Kinder, Christian und Katharine, nahmen ihm nun voll Mitleid Hut und Stock und das Bündelein ab. Katharine legte das Bündelein auf die Bank; Christian legte den Hut oben darauf und lehnte den Stecken in eine Ecke. Hierauf führten sie ihren kleinen Gast an den Tisch. Die Mutter brachte Suppe und ein großes Stück Festkuchen nebst gekochten Pflaumen. Sie setzte sich an die andere Seite des Tisches, und lächelte freundlich, daß Anton es sich so gut schmecken ließ. Die Kinder aber theilten ihm reichlich von ihren Weihnachtsgeschenken mit -- schöne rothwangige Aepfel, goldgelbe Birnen, und große braune Nüsse. Sogar das kleine Lieschen auf dem Schooße der Mutter schenkte ihm, auf Zureden der Mutter, das schöne purpurrothe Aepfelein, das sie in dem kleinen Händchen hielt, und mit den zarten Fingerlein kaum umspannen konnte.
Die warme Suppe bekam dem erstarrten Anton sehr gut, und die liebliche Stubenwärme that ihm nunmehr sehr wohl. Er ward wieder munter und fröhlich. »Aber was ihr doch da in der Ecke eurer Stube Schönes habt!« fing er jetzt an. Er hatte schon unter dem Essen beständig nach der Krippe hinübergeblickt. »Das ist ja ein Frühling mitten im Winter! sagte er. So etwas Wunderschönes hab' ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Ich muß es doch näher betrachten.« Er sprang hin und die zwey Kinder folgten ihm.
»Weißt du aber auch, was das alles vorstellt?« fragte Katharine. »Freylich weiß ich das, sagte Anton. Es stellt die Geburt Jesu vor. Was das für ein schönes, liebliches Kindlein ist! Sein Angesicht ist so schön weiß und roth, wie Lilien und Rosen. Und was es für glänzende Aeuglein hat, und wie freundlich es lächelt!« »Das ist aber nicht das rechte Jesuskindlein! sagte Katharine. Jesus ist jetzt kein Kind mehr; Er ist schon lange in den Himmel aufgefahren.« »Das weiß ich wohl, sagte Anton. Meynst du denn, ich sey ein Heide? Es ist ja schon bald zwey tausend Jahre, daß Jesus als ein Kind in der Krippe lag. Das alles hier ist nur so gemacht, damit wir Kinder uns alles besser vorstellen können. Das da oben ist, glaube ich, die Stadt Bethlehem. Nicht so?« Katharine nickte. »Siehst du nun, sagte Anton, daß ich alles weiß! Ich bin nicht so dumm, als du meynst.«
Die Kinder lachten und machten nun Anton noch auf allerley Kleinigkeiten aufmerksam, die ihnen aber höchst wichtig vorkamen. »Sieh nur, Anton, sagte Katharine, das schöne weiße Schaf hier mit krauser Wolle, und die zwey allerliebsten kleinen Schäflein daneben! Sieh, hier herum graset die übrige Heerde, und dort steht der Hirt und bläst auf der Schalmey. In dem niedlichen rothen Hüttchen mit Rädern schläft er zu Nacht.« -- »Siehst du auch, sprach Christian, wie da aus dem Felsen ein kleines Quellchen, so fein wie ein Silberfädchen, hervorspringt, und sich in den hellen See ergießt? Sieh, zwey weiße Schwäne mit schöngebognen Hälsen schwimmen auf dem See und spiegeln sich in dem ruhigen, silberklaren Wasser.« »Dort, sagte Katharine, kommt ein Hirtenmädchen den steilen Weg am Berg herab, und trägt ein zugedecktes Körblein auf dem Kopf. Darin werden wohl Aepfel oder Eyer seyn, die sie zur Krippe trägt.« »Und sieh, sagte Christian, dort schiebt einer auf seinem Schiebkarren einen Sack die hohle Bergschlucht hinauf. Was aber in dem Sacke ist, weiß ich nicht zu sagen.« So unterhielten sich die Kinder höchst angenehm, und kein kleines streifiges Schnecklein, das an dem Felsen klebte, und kein buntes Müschelein am Ufer des Sees blieb unbemerkt.
»Nun wohl, sagte Anton, das ist alles sehr schön. Allein das Schönste ist doch die Abbildung des himmlischen Kindes! Das freut mich am meisten. Denn um jenes Kindes willen, das hier abgebildet ist, hat mich der himmlische Vater aus meiner großen Noth errettet.«
Zweytes Kapitel.
Geschichte des armen Antons.
Der Hausvater, in dessen Hause Anton so gut aufgenommen wurde, war ein Förster. Er saß, indessen die Kinder so mit einander plauderten, in seinem Lehnsessel am Ofen, und schien in Gedanken vertieft. Die Försterin setzte sich, mit dem kleinsten Kinde auf dem Arm, neben ihn auf einen Stuhl, und sagte über eine Weile: »Warum bist du so stille, und über was sinnest du nach?« »Ich sinne den letzten Reimen nach, die wir gesungen haben, sagte der Förster. Du hast nun freylich gethan, wie sie lauten, und den armen Knaben gespeiset und erwärmt. Ich denke aber, wir könnten doch noch mehr an ihm thun. Sieh, es ist heute die heilige Nacht. Wir feyern das Andenken jener Nacht, in der das göttliche Kind geboren wurde, das zu unserm und aller Menschen Heil in die Welt gekommen. Und nun schickt Gott uns eben heute Nacht ein Kind her, dem wir zum Heile werden können. -- Der Erlöser kam als ein Fremdling in die Welt, und hatte nicht, wo er sein Haupt hinlege, als wollte er die Gastfreundlichkeit der Menschen auf die Probe stellen. Die Einwohner von Bethlehem bestanden in dieser Probe schlecht, und verstießen ihn gleich anfangs zu den Thieren des Stalles; sollten wir den Knaben da auch so verstoßen? Sag mir aber deine Meynung aufrichtig, Elisabeth, was wir thun sollen!«
»Den Knaben annehmen, sagte die Försterin freudig und freundlich. Was ihr einem von diesen Mindesten thut, das habt ihr mir gethan, sagte ja Er, der in dieser Nacht geboren ward. Und der Anton scheint mir ein recht guter, sanfter Knabe, der ein edles Gemüth hat. Er sieht so fromm und unschuldig aus, und, obwohl er bettelt, so ist er doch gar nicht keck und verwegen. Gewiß ist er ehrlicher Leute Kind. Er hat so eine feine Aussprache, und obwohl seine rothe Jacke etwas abgetragen ist, so ist sie doch von recht gutem Tuche. Wo ihrer fünf essen, essen auch sechs. Wir wollen den Knaben behalten.«
»Du bist doch eine gute, liebe Frau, sagte der Förster, und drückte ihr die Hand. Gott wird es dir vergelten, und was du an einem fremden Kinde thust, unsern eigenen Kindern zu gut kommen lassen. Doch müssen wir den Knaben zuvor erst prüfen, ob er der Wohlthat werth ist.«
»Anton, komm einmal daher!« rief der Förster jetzt laut. Anton kam und stellte sich vor ihn hin, gerade und aufrecht, wie ein Soldat vor seinem Offizier steht.
»Dein Vater, fing der Förster an, war also ein Soldat, und starb den Tod fürs Vaterland. Nun, das ist wohl traurig für dich, allein für ihn ist es schön und rühmlich. Aber erzähle uns doch mehreres von deinen Aeltern. Wo waret ihr vor dem Kriege? Wie kam dein Vater um? Wie starb deine Mutter? Wie kamst du hieher in unsern Wald? Laß einmal hören!«
Anton erzählte: »Meinen Vater, Gott habe ihn selig, nannten die Husaren ihren Herrn Wachtmeister. Unser Regiment lag, so lang ich denke, zu Glatz in Schleßien in Garnison. Meine Mutter nähte immer sehr fleißig und verdiente vieles. Sie war sehr geschickt. Da kam der Vater eines Tages eilig nach Hause und sagte: »Es ist Krieg; wir müssen morgen fort!« Er war ein tapferer Mann und wußte sich gut darein zu schicken. Meine Mutter aber hatte einen großen Schrecken und weinte bitterlich. Sie wollte ihn nicht allein ziehen lassen; der Abschied fiel ihr gar zu schwer. Auf ihr vieles Bitten nahm er uns endlich mit. Wir zogen weit -- weit fort. Mit einmal hieß es: »Der Feind rückt an.« Mein Vater und die Husaren mußten ihm entgegen. Meine Mutter und ich blieben zurück. Da wurde uns nun wohl recht bange, als wir in der Ferne so fürchterlich schießen hörten. »Ach, sagte die Mutter zu mir, bey jedem Schuß geht mir ein Stich durchs Herz. Denn ich weiß ja nicht, ob die Kugel nicht das Herz deines Vaters durchbohrt.« Wir weinten und betheten, so lange das Schießen währte. Doch der Vater kam glücklich und unversehrt wieder zurück. So ging es nun öfter. Allein eines Tages kam nach einem Gefechte ein Husar mit des Vaters leerem Pferde in das Dorf gesprengt und sagte, der Vater sey schwer verwundet; er liege eine halbe Stunde vom Dorfe auf der Wahlstatt und werde wohl sterben. Die Mutter und ich eilten sogleich zu ihm. Er lag unter einem Baume. Ein alter Soldat kniete bey ihm und hielt ihn sanft in den Armen, so, daß der Vater den Kopf an die Brust des wackern Kriegers anlehnen konnte. Noch zwey andere Soldaten standen dabey. Mein armer Vater war durch die Brust geschossen und sah bereits so blaß aus wie ein Sterbender. Wir sahen es ihm wohl an, daß er uns noch etwas sagen wollte; allein er konnte nicht mehr reden. Da blickte er mich mit seinen sterbenden Augen noch einmal schmerzlich an, dann blickte er auf die Mutter, und dann zum Himmel. Wenige Augenblicke nachher verschied er. Die Mutter und ich weinten uns fast die Augen aus. Die Leiche wurde auf dem nächsten Kirchhofe begraben. Einige Herren Offiziere und viele Soldaten kamen und begleiteten die Leiche. Die Trompete klang mir so seltsam und so traurig, daß mirs ist, ich höre sie noch immer. Sie erwiesen ihm noch die letzte Ehre, und schossen ihm noch in das Grab. Meine Mutter und ich wurden von dieser traurigen Ehrenbezeugung so erschüttert, als würde auf uns selbst geschossen. Viele Soldaten wischten sich die Augen, als sie vom Grabe zurückkehrten. Ich und meine Mutter aber zerfloßen fast in Thränen.
Die Mutter wollte nun wieder in ihre Heimath zurück kehren. »Ich habe dort freylich keine Verwandten mehr, sagte sie, aber doch noch eine gute Bekannte. Sie wird uns wohl in ihr Haus aufnehmen, und ich denke, dort von meiner Arbeit dich und mich zu ernähren.« Allein wir hatten kaum einige Tagreisen zurück gelegt, da wurde die gute Mutter unterwegs krank. Mit Mühe erreichten wir noch ein kleines Weiler. Man wollte uns nirgend aufnehmen; endlich fanden wir in einer Scheure ein Unterkommen. »Das ist wohl hart, sagte meine Mutter, allein Maria hatte es ja auch nicht besser. Auch sie wurde nirgends hinein gelassen und mußte in einem Stalle übernachten.« Meine Mutter wurde indeß stündlich kränker. Sie ließ einen Geistlichen rufen und bereitete sich zum Tode. Als es Nacht wurde, sagte die Bäurin, der die Scheure gehörte, zu meiner Mutter: »Ihr seyd wohl recht krank; ich muß daher schon etwas Uebriges thun.« Sie ging, brachte eine alte Stalllaterne, in der ein kleines Oellicht brannte, und hängte die Laterne an einem Balken auf. Das war alles, was sie that. Sie sagte uns nun gute Nacht und kümmerte sich weiter nicht mehr um uns. Ich blieb ganz allein bey der Mutter; ich saß so neben ihr auf einem Bund Stroh und weinte bitterlich. Gegen Mitternacht wurde sie, so viel ich bey dem trüben Scheine der Laterne sehen konnte, immer blässer. Sie seufzte mehrmal sehr tief. Ich weinte immer heftiger. Sie both mir die Hand und sagte: »Weine nicht, lieber Anton! Bleibe fromm und gut, bethe gern, hab' Gott vor Augen und thu' nichts Böses; so wird dir Gott einen andern Vater und eine andere Mutter geben.« So sprach sie. »Aber lieber Gott, sagte Anton, und die hellen Zähren floßen ihm über die blühenden Wangen -- eine solche gute Mutter bekomme ich doch nicht mehr.« »Nun, fuhr er fort, sie blickte nun lange zum Himmel, bethete in der Stille, segnete mich mit ihren sterbenden Händen und verschied. Ich konnte nichts als weinen. Der Bauer und die Bäuerin hatten wohl meiner Mutter versprochen, sie wollen mich annehmen und mich wie ihr eigenes Kind halten. Sie nahmen das Wenige, was meine Mutter hinterlassen hatte, ihre Kleider und einiges Geld, auch wirklich zu sich; allein ehe drey Wochen vergingen, schickten sie mich fort, und sagten, ich hätte schon dreymal so viel verzehrt, als die Hinterlassenschaft meiner Mutter werth sey. Ich ging und nahm mir vor, nach Glatz zu meinen Schulkammeraden zurück zu kehren. Allein die Bauern konnten mir nicht sagen, wo der Weg nach Schleßien gehe. Da irre ich nun so im Lande hin und her und bettle; denn was soll ich sonst anfangen?«
Die Försterin war sehr gerührt, und sagte mit Thränen in den Augen zu ihren Kindern: »Seht, meine Kinder, so könnte es euch auch gehen. Auch ihr könnet Vater und Mutter verlieren, und was wollet ihr dann anfangen? Darum bittet Gott doch alle Tage, daß Er euch eure Aeltern erhalte.«
Der Förster sprach: »Du hattest, so viel ich sehe, sehr rechtschaffene Aeltern, lieber Anton. Allein hast du denn gar nichts Schriftliches aufzuweisen?« »O ja wohl!« sagte Anton, und nahm eine Brieftasche aus seinem Päcklein. »Diese Papiere, sagte er, hat mir meine Mutter noch auf ihrem Sterbebette übergeben. Sie befahl mir, wohl darauf Acht zu haben, und sie nicht aus der Hand zu lassen. Euch darf ich sie aber schon sehen lassen.« Es waren der Trauschein seiner Aeltern, Antons Taufschein und der Todtenschein seines Vaters. Der Todtenschein war von dem Feldprediger ausgestellt. Der Oberst des Regiments hatte aber noch eigenhändig ein sehr rühmliches Zeugniß von dem tapfern, edelmüthigen Betragen des seligen Wachtmeisters und der tadellosen Aufführung der hinterlassenen Wittwe beygefügt.
»Nun wohl, sprach der Förster, das ist alles gut. Jetzt sage mir aber, Anton, wie gefällts dir bey uns?« »Sehr gut, sagte Anton freundlich, so gut, daß mir ist, als sey ich bey Euch zu Hause.« »Möchtest du wohl bey uns bleiben?« fragte der Förster. -- »O nirgends in der Welt lieber!« sagte Anton. »Eure Frau ist gerade so freundlich, wie es meine Mutter war, und Ihr seyd auch recht brav und habt gerade einen solchen Schnurrbart, wie ihn mein Vater trug.«