Der Weihnacht-Abend

Part 4

Chapter 43,674 wordsPublic domain

Geliebte Tochter »las das Fräulein mit zitternder, von Furcht und Hoffnungen bewegter Stimme« ich melde Dir daß sich Deine Mutter zwar, gleich dem Daniel in der Löwen-Grube befindet, doch gleich wie er, ganz unversehrt daraus hervorzugehn gedenkt. Es liegt bereits ein feindlicher Oberster in dem Gast-Zimmer dessen Ankunft allem Unwesen schnell ein Ende macht. Ich kann die Güte mit der er hier verfährt, nicht beschreiben und rathe Euch deshalb sogleich zurückzukommen, da er nicht allein meine vorgehabte Entfernung gut geheißen sondern sich selbst erboten hat, uns in dem zugestandenen Wagen bis über die Vorposten begleiten zu lassen etc.

Auguste schlug hoch erfreut in ihre Hände, und Julius bot ihr den Arm. Lassen Sie uns eilen »sprach er« denn leicht könnt vor Abends noch ein Unhold an die Stelle des menschlichen Schutzgottes treten.

Achtzehntes Kapitel.

Der Wagen stand jetzt wieder, als die Flüchtlinge in den Hof traten, wie gestern, angespannt vor der Thür, und die Baronin reisefertig an demselben. Vor allem »sprach Julie zu dieser« lassen Sie uns Erschöpfte erst ein wenig frühstücken, mich dann nach meinen, im größten Wirwarr verlassenen Sachen sehen und nebenher auch dem Obersten für seine großmüthige Schonung danken. Damit flog sie singend die Treppe hinauf und an dem Zimmer des feindlichen Gastes vorüber. Begierig das kecke Vöglein zu sehn, welches hier unter der Schärfe des Schwerts noch Sinn für solche Läufer habe, steckte der junge Held den Kopf aus der Thüre und fand sich auf's Angenehmste überrascht. Frau von Wessen schien erschrocken, trat ihm mit reitzender Demuth entgegen, dankte dem Gütigen in den gewähltesten Ausdrücken seiner Sprache, hoffte, sich als die Wittwe eines gefallenen Soldaten schonender Rücksichten gewürdigt zu sehn und war nach einem viertelstündigen Aufwand ihrer magischen Künste der willkommensten aller Eroberungen gewiß.

So eben »sprach sie zu der ängstlich treibenden Mutter« hat mir der Oberste noch den großen Rüst-Wagen zugestanden auf den ich alles was wir bereits verlohren gaben, packen lassen und Ihnen dann folgen werde. Seine Husaren und der Verwalter sollen mein Schutz und mein Schirm seyn. Im Zollhaus erwarten Sie mich.

Die Baronin erklärte dagegen, ohne sie nicht von der Stelle weichen zu wollen. Da nun der gedachte Rüstwagen fürs erste einer Ausbesserung bedurfte, so verzögerte sich die Abreise von Stunde zu Stunde, und ward endlich, als sich die Mutter im Gefolge der ausgestandenen Schrecknisse plötzlich von ihren Krämpfen befallen sah, auf einen der folgenden Tage verschoben. Alle außer ihr fanden dabey für den Augenblick ihren Vortheil. Der Oberste hatte nächst dem Ruhm nichts lieber als das _Schöne_ und Frau von Wessen gefiel sich vor allem in der Rolle der Delila. Julius fand in den Offizieren geistreiche, unterrichtete, seinem Sinne zusagende Männer und täglich mehr Veranlassung, der schüchternen Auguste die Einsamkeit in die sie sich, trotz der anziehenden Gäste, zu seiner höchsten Befriedigung vergrub, erträglich zu machen.

Bald darauf lief auch die Bestätigung von Woldemars Gefangenschaft ein. Er hatte, laut eines vertrauten Briefes des Adjutanten, den Erwartungen die sein erstes Probestück erregte und der Rolle zu der ihn seine Beförderung erhob, so wenig entsprochen, sich auf einem Außen-Posten so zweckwidrig benommen, sich späterhin so unvorbereitet überfallen lassen, daß seine Stelle wie billig bereits vergeben und besetzt worden war.

Plötzlich entstand eines Morgens großer Lärm in dem Hofe und dem Hause. Es gab ein Seitenstück zu Woldemars Aufbruch; eine Ordre welche den Genius der Wessenburg zu der Armee des Innern abrief, brachte Freunde und Feinde in Bewegung.

Die Baronin bereitete sich jetzt aufs neue zur Flucht, Julius empfahl dem Obersten auf gut Glück seinen Kriegsgefangenen Freund und benutzte dessen Erbieten, ihn mit Wechseln und Nachrichten zu versehn. Sein Brief sprach um so nachdrücklicher für die Verlassene, da ihm Theresens letzte Zuschrift für immer alle Hoffnung auf die Hand ihrer Freundin benommen hatte.

Alles war zum Aufbruch bereit als Julie in der Mutter Zimmer trat, ihr mit feierlichem Ernst die Hand küßte und sich als die Braut des Obersten auf immer beurlaubte. Zwar »sprach sie« ist der Schritt gewagt; aber in der Liebe ist ja, nach des Meisters Ausspruch alles nur ein Wagstück -- Zwar bin ich Woldemars Verlobte, der aber sitzt an fernen Wasserflüssen und weiß noch immer nicht was er will -- Zwar ist mein Bräutigam der feurigste Republikaner, doch wer die Freyheit ehrt, wird auch die Rechte des Weibes achten. Zwar ist er Katholik, doch sind ja seine Götter auch die Meinen und Amor unser Schutzpatron.

Die Mutter stand verstummt und sah mit gefalteten Händen gen Himmel. Ihnen, Herr Baron »fuhr Julie, sich zu diesem wendend, fort« Ihnen, dessen langweiliger Intrike mein rascher Entschluß über den Graben hilft, wünsch' ich an Augustens Hand das beste Glück und eine Wildhütte um es auszulassen. Warum erröthest Du, Gustel? Es ist nichts gewisseres als daß er der Deine wird -- Ich seh, Ihr steht auf Kohlen. Gleiches mit Gleichem! Oft genug habt ihr mich auf Nesseln gestellt. Gott segne Sie, _ma mere_, und Ihre Bethstunden, Herr Baron und Dein Ehebett, Fräulein! Damit verschwand sie.

Die Baronin eilte ihr nach. Auguste weinte, tief verletzt, hinter ihrem Tuche, Julius neigte sich liebkosend zu ihr herab und sagte -- Möchte der Segen dieser unholden Wahrsagerin ausgehen! ihr böser Wille befördert seltsam genug den schönsten Zweck und ich darf nun keck und ohne Zögerung eines Verhältnisses gedenken das zu den zärtesten des Lebens gehörte. Kein Wort also von Gefühlen und Gelübden die mein Geschlecht so oft zu gewöhnlichen Behelfen herabwürdigt. Sprach Frau von Wessen aus Augustens Seele so wär' es wohl gerathen, die edle Schaamröthe an meinem Herzen zu verbergen?

Sie schwieg, er schlang den Arm um ihren Leib -- »Auguste!« sprach er leise und zog das Tuch von dem lieblichen Antlitz. Die blauen, thränenschweren Augen bethaueten seine Hand mit warmen Tropfen. Ich fühl es lebhaft »fuhr er fort« daß die Wildhütte zu meinem Glücke hinreichen, daß sich, an diesem Herzen alle wilden Wünsche des meinen in sanfte Sehnsucht nach den Hütten des Friedens auflösen würden, und was das Ihre fühlt, verräth dies Auge.

Auguste lehnte sich, still entzückt an seine Schulter und lispelte mit bebender Stimme -- »_Innige Liebe!_«

Er küßte den Mund der diese Worte sprach, unter freudigen Schauern, und eilte Arm in Arm mit ihr der eintretenden, trostlosen Mutter entgegen.

Neunzehntes Kapitel.

Woldemar war indeß von einer gefährlichen Krankheit genesen und sah noch immer, von jeder Nachricht aus der Heimath abgeschnitten, entblößt von Geld und allen Gütern, die das Leben versüßen, der Auswechslung entgegen. Nacht für Nacht erschien ihm Hermine, bald im Glanze der Unschuld, bald als eine weinende, reuige Sünderin. Bald auch täuschten die Entzückungen der Weih-Nacht den Schläfer, oder die glühende heiß umfangende Julie ward vor den Augen des Erwachenden zur Stroh-Garbe des Lagers auf dem ihn die gaukelnde Phantasie hohnneckte. Immer öder und leerer ward sein Inneres. Tage lang sah er, gedankenlos hinstarrend, in den Strom der an dem Kloster das die Gefangenen barg, vorüberrauschte, und sein Gemüth erlag unter der Bürde der Schwermuth. Sterben! Schlafen! »rief er mit Hamlet aus« das ist eine Vollendung der brünstigsten Wünsche werth.

Vielleicht auch träumen! »sprach Gregor, sein Schlaf-Geselle« nur bette Dich gut! Wenn selbst das Leben, wie unsere Weisen sagen, ein Traum ist, so wird es Pflicht sich immer die angenehmsten zu bereiten. Der Verdruß über diese närrische Welt, die Schaam über dieß thörichte Herz, der Gram über Mangel und Unfälle, haben früher den besten Theil meines Daseyns verkümmert und selbst die kleinen, unvermeidlichen Uebel zu erdrückenden Lasten gemacht. Endlich erschien mir, spät genug, ein heilsamer Tröster. Er schlug das schwarze Buch der Wirklichkeit vor mir zu, und führte mich in sein Freudenreich. Bist Du elend? Hat Dich die Freundschaft verrathen? Die Liebe betrogen? Dein Feuer-Eifer in Händel verwickelt? Dein Sinn für Recht und Wahrheit die Menschen gegen Dich empört? Nun, so flieh aus der Jammer-Höhle und folge mir nach.

Ich weiß ja wohl »versetzte Woldemar« daß Deine Kopfwunde bedeutendere Folgen als die meine hatte.

Fürchte das nicht! »entgegnete Gregor« Tiefer als diese -- ach, ganz unheilbar sind die Wunden meines Herzens, doch eine Wunderthäterin verbindet sie. Welcher Unsterblichen »frag ich mit dem Dichter« soll der höchste Preis seyn? -- Der Phantasie! In ihrem Reiche lag das Paradies; in ihm liegt Elisium. Dort sind die Blüthen-Bäume meiner Jugend gereift; dort lebt das Weib, dort stirbt der Freund für mich! Lob sey der Göttin! Ihr Nektar begeistert ohne zu berauschen, ihr Kuß berauscht ohne zu entzaubern; ewig säuselt des Lenzes Hauch durch den Hesperischen Hayn und Kühlung um des Wallers Schläfe.

So sage denn endlich was Du mit diesem Pathos gesagt haben willst? Könnte die Einbildungs-Kraft den Essig des Lebens in Honig, den Kerker zum Faul-Bett, die Geißel des Schicksals zur sammtenen Hand der Charis umschaffen, so wollt ich heute noch jeder bessern Geisteskraft absterben.

Wer von dem Farbenspiele seines Gemüths spricht »versetzte Gregor« wird der Mißdeutung nie entgehen. Zerfallen mit der Gegenwart anticipirt mein Herz das Heil der Zukunft und lebt schon jetzt im Geist auf bessern Sternen.

Eine Dame rollte pfeilschnell, im Phaeton, an dem vergitterten Fenster vorüber.

O Himmel! »rief Woldemar« Meine Braut! --

»Mein Weib!« rief Gregor und rieb sich, wie aus einem Traum erwachend, Stirn und Augen »Ja -- Ja! ich wache, sehe, lebe noch und das war Julie.«

Julie von Wessen! »fiel der Hauptmann ein« die Wittwe eines Officiers.

Wittwe? sagte dieser -- O, wollte Gott!

Woldemar blickte ihm starr in's Gesicht. Jenes Geschwätz, und diese Aeußerungen schienen auf heimliche Verrücktheit hinzudeuten, und dennoch sah ein ruhiger, besonnener Geist aus seinen Augen. Deine Braut! rief Gregor mit einem seltsamen Lächeln.

Die auf jeden Fall einer von uns verkannt hat.

Du nanntest sie bey ihrem Nahmen. Sie trägt den meinen.

Armer Gregor!

Sag: Aermster Wessen -- So nenn' ich mich.

Woldemar schüttelte zweifelhaft den Kopf. Dein Erstaunen »fuhr jener fort« beweist daß Du sie kennst und daß sie mich zu den Todten warf. Auch lag ich bereits unter diesen. Eine mitleidige Bäuerin, welche die Opfer des Schlachtfeldes verscharren half, fand noch Spuren des Lebens in dem Verscheidenden und entriß mich dem sanften Erlöser. Ich ward in ihre Hütte getragen, verbunden, gepflegt und kam nur allmählich aus dem finstern Gebiete des Nichtseyns zurück. Man hatte mich Unbekannten, zur Ehre des Schutzheiligen meiner Weckerin, Gregor genannt. Ich ward unter diesem Nahmen in das Haupt-Spital, und späterhin mit mehrern genesenden Gefangenen in das Innere abgeführt. Mein Zustand verschlimmerte sich von neuem. Was ich auch, nach der endlichen Herstellung zu meinem Besten that und sagte, ward als ein Hirngespinnst des Wahnsinns belächelt, da man mich nackend, ohne Kennzeichen meines Ranges unter den Leichnamen hervorzog, und ich mich späterhin nur mit diesem Kittel bedeckt fand.

Thränen stürzten jetzt aus seinen Augen. Noch leidet freylich mein Kopf »fuhr er mit fallender Stimme fort, und bedeckte mit der Hand die tiefe Narbe« doch mein Gemüth leidet noch mehr. Ich habe eine zärtliche Mutter verlassen. Sie wird bitterlich um mich weinen. Eine traute Schwester -- Tief und herzlich wird sie um den Verlohrnen trauern. Ein treulos Weib! -- Es wird den Schmerz erheucheln wie einst die Liebe. Schnell ergriffen sprang er auf. »Sagtest Du nicht daß sie hier sey?«

Mit nichten! »erwiederte Woldemar und drückte ihn auf sein Lager zurück« Doch Deine fromme Mutter lernt ich kennen und diese Schwester ward mir werth. Ermanne Dich nur! Die Rückkehr des Verlohrnen wird diese Thränen überschwenglich vergelten und alles schnell zum Besten kehrn. Aber Gregor vernahm des Trösters Stimme nicht. Er starrte bewußtlos vor sich hin, und vergrub sich tief in sein Stroh.

Woldemar stand noch, von den schmerzlichsten Empfindungen bewegt, vor dem Unglücks-Gefährten, als der Aufwärter in die Zelle trat und ihm ein geöffnetes Paquet übergab, daß seiner Aeußerung zu Folge ein eben durchreisender Officier für ihn mitgebracht habe. Er erkannte auf den ersten Hinblick die Hand des Julius und ein freundlicher Sonnenstrahl fiel durch die Nacht der Schwermuth in sein Herz.

Zwanzigstes Kapitel.

Der plötzliche Tod des Oheims, welcher kurz nach seiner Ankunft in Pyrmont erkrankte, hatte Herminen schnell zur reichen Erbin gemacht, und sie der traurigen Gewißheit überhoben, sein Vertrauen durch das unabwendbare Geständniß ihrer Lage verscherzt zu sehn. Ein freundliches, in der Nähe jenes Heilquells gelegenes Landgut ward zum Verstecke gewählt, und der Geistliche desselben, der sich am Sterbebette des Oheims die Achtung der Schwestern erwarb, zu ihrem Geschäfts-Träger gemacht; denn für immer hatte Hermine auf die Rückkehr in ihre Heimath Verzicht gethan.

Die Blätter verbleichen »sprach sie eines Abends zu Theresen, als die Schwestern Arm in Arm durch den Garten des freundlichen Besitzthums schlichen« verblich ich doch mit diesen! Kein Meer reicht hin den Flecken auszuwaschen, der Tod allein kann ihn vertilgen. Bescholten und verbannt werd ich vergehen -- schnell wie mein Kranz verblühn, und unbekränzt in's Grab getragen werden.

Auch die Reue hat ihre Grenzen »erwiederte Therese« und der Gram sein Ziel. Die Gattin gab sich nur dem Gatten hin. Er ist der Schuldige, Du nur das Opfer. Schon öfter hat ein Fall die Fallende erhoben, ist die Myrte zur Palme, die Büßerin ein Vorbild hoher Tugend worden. Und wenn mich meine Augen nicht trügen »fuhr sie fort und zeigte nach der Gitterthür« so erscheint uns eben dort ein hülfreicher Freund.

Es war Julius der an Augustens Arm in den Garten tratt. Erblassend floh Hermine durch den Laubengang; wo hätte sie den Muth hergenommen sich in dieser Gestalt vor ihm sehen zu lassen.

Ich komme weit her »sprach er zu Theresen« um Ihnen meine Frau vorzustellen, vergebens wies man uns an der Pforte des Paradieses ab. »Ich bin Gott Vater!« versicherte ich und glaub es nun selbst, denn Eva hat sich schnell versteckt. Wohl jeder die ihn nicht scheuen darf! Deren frommen Augen die wunderseltsame Kraft ward, den kecken Versucher in einen ehrbaren Vormund zu verwandeln.

Denken Sie mir nicht an jenen Tag »fiel die junge Wahl seufzend ein« wir leiden noch an seinen Folgen. Aber den Vormund heiß' ich willkommen und freue mich des Engels den er dem Glück und seinem guten Rechte dankt.

Komm an mein Herz, edles Mädchen! sprach Auguste, und umarmte Theresen. Sie sehn »versetzte Julius« daß wir alles erschöpfen die Pförtnerin dieses Klosters zu gewinnen und ihre Dankbarkeit wird dagegen nichts unversucht lassen, die falsche Schaam der mütterlichen Jungfrau zu beschwören, deren Zustand sie in meinen Augen um so reitzender macht.

Das dürfte ganz ohnmöglich seyn! entgegnete ihre Schwester, und ein Mann, dessen Zartgefühl mich ehedem selbst mit seinem unzarten Geschlechte versöhnte, wird eine so seltene Tugend der leidigen Neugierde nicht zum Opfer bringen wollen.

Sie bedürfen eines Mannes Rath! sprach er ernstwerdend.

Den liefert das Pfarrhaus.

Und bald auch -- den Herrn Pathen.

Erröthend kehrte sich Therese zur Baronin, die ihn mit einem Fächerschlag zur Ruhe wies. Wenn ich hier nützlich seyn könnte »sprach sie zu jener« so nehmen Sie mich auf, denn mein Mann hat eine Geschäfts-Reise vor und ich war so lange schon mit dem Fröhlichen froh, daß ich recht gern wieder ein Weilchen mit dem Weinenden weinen möchte. Dieser Wechsel hat sein Gutes und man bedarf ja vielleicht auch, früh oder spät, theilnehmender Seelen.

Sie sind ein Bothe von Gott gesandt! erwiederte Therese, und diese großmüthige Herabneigung wird ein verstörtes, in edle Schaam versunkenes Gemüth viel schneller als mein längst verbrauchter Trost erheben.

Mir ist »sprach Julius« bey allem dem ganz wunderbar ums Herz, und mein Innerstes mit dem tiefsten Groll gegen den Urheber dieser Pein erfüllt, der um jeden Preis alles gut machen soll!

Meines Mannes Reise »versicherte Auguste« hat diesen Zweck.

Therese weinte jetzt und sagte »Dieser Urheber bin ich!«

Oder der Himmel »entgegnete Julius« der Sie zum Ebenbild der Schwester schuf, oder die Hölle vielmehr die da ganz ohne Mühe eine Saat himmlischer Freuden mit Unkraut bedecken konnte. Aber, gute Wahl, mir ist leid für die Leidende. Sie fühlt zu tief um nicht auf Kosten ihres Lebens zu empfinden. Es wird in diesem Sturm versinken.

Das ist's was ich fürchte »klagte diese.«

Ich fürchte nichts! »sprach die Baronin« wir sind zum Schmerz berufen; verstören nur -- zerstören wird er nicht. Wir Unschuldige sind gemacht die Sünde dieser Welt, die Schuld der Schuldigen zu tragen.

Für die Wahrheit küß' ich Ihre Hand! »rief Therese.« Der liebende Gatte that ein Gleiches, sie schlang den Arm um beyder Nacken, die Wangen der Umfangenen berührten sich. Therese »flehte Julius« bey dem schönen Sinn dieser Gruppe beschwör ich Sie, mich Ihrer Schwester vorzustellen; mich wenigstens nur ihr liebes, leidendes Gesicht sehn zu lassen. Der Anblick soll mich stärken für meine Zwecke und der thätigste ihrer Freunde verdient ja doch, ich fühl' es lebhaft, diese Güte.

Da trat Hermine plötzlich, einem Geiste gleich, hinter der Hecke hervor und neigte sich laut weinend an seine Brust. Sie haben viel für mich gethan! »sprach sie mit gebrochner Stimme« mehr als ich je vergüten kann; doch diese holde Frau wird es vergüten. Ich stehe am Grabe, Julius; es ist mein letzter Dank! Und auch den letzten Segen leg ich in Ihrem Herzen nieder. Ich bin nicht mehr wenn Sie _Ihn_ wiedersehn.

Thränen füllten seine Augen. Hermine drückte des Freundes Hand, und einen Kuß auf seine Lippe. Theilt Euch in diesen! sprach sie mit dem Flötenton der innersten Wehmuth und sank erbleichend an Theresens Herz.

Leidende Heilige! »rief Julius erschüttert aus.« Der lichte Geist der Hoffnung umschwebe Sie! Wenn ich zurückkehre wird sich ein Blümchen an die Rose schmiegen, und der entzückte Gatte, wie Hüon vor Amanden stehn.

Ich werde vor Gott stehn »erwiederte sie« und Ihr gerührt an meinem Grabe. Julius verwies ihr die bangen Zweifel und machte sich reisefertig.

Lebe wohl! »sprach die tiefbewegte Auguste und floh an den Hals ihres scheidenden Gatten« Dem Herrn befehl ich Deine Wege! Umfangend hob er sie empor. Lebe wohl! »flisterte sie« mein Liebling, meines Lebens Licht! Meine Wonne!

Als Julius verschwunden war, faßte Woldemars Braut die Hände der neuen Freundin und der Schwester, drückte beyde an ihr Herz und sprach -- Wie sanft wird sich's in diesen Armen sterben!

Ein und zwanzigstes Kapitel.

Dem Briefe des Julius welchen der Aufwärter dem Hauptmann überbrachte war ein kleines, mit Bleystift geschriebenes Blättchen, von der Hand der Frau von Wessen beygefügt. Es beschied den Vertrauten mit dem Schlage der bezeichneten Abendstunde in den Gasthof wo sie abtrat, und mehr als eine Triebfeder drängte ihn, der Einladung zu folgen. Woldemar fand sie allein, schöner als je, in einem idealischen Nachtkleid und ward mit bräutlicher Traulichkeit von ihr umfangen.

Ihr Selbstgefühl »sprach sie, als er an ihrer Seite Platz genommen hatte« wird mir für die Großmuth Dank wissen mit der ich mein höchstes Gut, den Liebling meiner Seele, einer heiligen, gebietenden Rücksicht zum Opfer bringe. Lob sey dem leichten Sinne der mir dies Opfer möglich und den Verlust erträglich macht. Auch Sie »fuhr Julie, als sein stoischer Gleichmuth die Antwort verzögerte, mit süßem Lächeln fort« Auch Sie gewinnen offenbar, denn ein so fehlervolles Weib ist nur für kurze Flitterwochen gut und jungem Weine gleich, der schnell begeistert aber Kopfweh macht. Sie nicken? Das ist ehrlicher als galant, und auch ich will ehrlich seyn. Wie innig hing mein Herz an diesem Woldemar. Wie gern hätt' ich das Süßeste mit ihm getheilt, doch er verstand mich nicht, zagte nur wo er begehren sollte, und zittert vor dem schönsten Verhältniß. Mag eine Prüde sich mit kalter Tugend brüsten, ich schlage schaamroth an dies warme Herz. Ach, nur die Dankbarkeit gewann das Ihre, nur der redliche Wille ein geträumtes Gelübde zu erfüllen, nöthigte diesem Munde die längst bereuete Verheißung ab. Doch jenes hatte meine Leidenschaft erfunden und diese geb ich hier zu Gunsten einer weinenden Braut zurück. Um endlich die Erinnerung an mich nicht zu den schmerzlichsten Ihres Lebens geworfen zu sehen, wird sich mein künftiger Gemahl für Ihre Befreyung verwenden.

Das war ein Wohllaut! Woldemar lächelte wieder, dankte, lauschte, erfuhr mit Verwunderung wie eigentlich Augustens blaues Band in seine Nähe kam und sagte, mit dem Geist dieser Burg versöhnt »Ein Vertrauen ist des andern werth, und nicht bey mir darf die großmüthige Verwendung dieses sogenannten, künftigen Gemahls beginnen. Vor allem bieten Sie die Hand um den bisherigen zu retten. Noch lebt ihr Wessen, er ist hier. Seit wenig Tagen theil ich mein Stroh mit ihm, und auch sein Unglück.«

Julie sah ihn verblassend an, und eben führte Woldemar den Beweis als plötzlich Waffen auf dem Saale klangen und die kleine Tochter des Wirths ein leises _Sauvès Vous!_ in's Zimmer rief. Der Polizey-Beamte folgte der Warnerin auf dem Fuße nach und nahm die Frau von Wessen als Gefährtin des verdächtig gewordenen Obersten und nebenher auch den Gefangenen in Verhaft -- Verhaft und Guillotine aber waren, in jener Schreckens-Zeit fast immer Synonimen.

Zwey und zwanzigstes Kapitel.

Da siehst Du nun »sprach Therese, und hob die Wiege vor das Bett der tief bewegten Mutter hin« wie wenig Glauben auch die bängste Ahnung verdient. Wir zitterten, von Deinem Beyspiel angesteckt, vor der entscheidenden Stunde; aber sie nahm unsern Kummer mit, und gab uns diesen Liebes-Gott. O Hoffnung, o Geduld! Ihr seyd die Perlen unsers Kranzes.

Auguste weihte den Knaben mit stillen Segnungen, Therese ihn mit lauten Küssen, Hermine mit heiligen Thränen ihr Ebenbild.

Zwar »sprach Auguste« sind die Männer die begünstigten Schooßkinder des Himmels, aber wiegt wohl ihr höchster Genuß, ihr süßester Rausch, ihr schönster Gedanke das Entzücken einer Mutter auf?

Die Männer »fiel Therese ein« sind wilde Bäume, und höchstens nur zum Rauschen gut, bis sich die Dryas naht und sie begeistert.

Potz tausend! »rief Auguste« das ging hoch.

Aber vom Herzen! Ist auch das Bild gesucht so paßt es doch und der Himmel verzeihe jeder die ihnen zu viel thut. Ich glaube, das hält schwer. Die Undankbaren! Mit einem hoffärtigen »Ich danke dir Gott!« sehn sie auf unsere Kinderstuben nieder und in dem sanften, wachenden, erhaltenden Schutzengel des Hauses nur die gebrechliche Dienerin ihrer Begierde. Des Heldentods der schmerzenreichen Mütter wird kaum gedacht; weder der Ruhm noch ein Ehrensold vergilt unsere Entbehrungen und unsere Opfer -- Geräuschlos bringen wir die größten dar; ruhmredig prahlen _Sie_ mit den kleinsten. Fast immer folgt ihnen die Vergeltung auf dem Fuß, wir werden fort und fort an eine andere Welt verwiesen.

»Dein Eifer, Mädchen, hat das Kind erweckt« schalt Auguste und legt' es an der Mutter Brust. Hermine versank in dem Anschaun des Lieblichen und vergab sich jetzt die schwache Stunde. Wie hold du bist »sprach sie den Schmerz vergessend.« Wie diese Augen glänzen -- die Lippe lächelt schon! Als hätt' ihn mir die gute Fee gebracht.