Der Weihnacht-Abend

Part 3

Chapter 33,656 wordsPublic domain

Julius hatte nehmlich nach dem Empfange jener wenigen, nichts sagenden Zeilen welche Frau von Wessen damahls in Woldemars Nahmen schrieb, vergebens einer Antwort auf seine dringende, Herminens Ehre rettende Zuschrift entgegen gesehen; hatte endlich an den Adjutanten geschrieben, und von diesem einige Winke, Weisungen und Aufschlüsse empfangen die ihn zu der Reise nach dem fernen Schauplatz des Kriegs bestimmten. Von den Verhältnissen in denen sein getäuschter Freund hier stand wie von dem Charakter der handelnden Personen unterrichtet, hatte er im Posthause bereits seit Tagen den günstigen Augenblick erwartet, der ihm, Augusten ohne Zeugen zu sprechen, vergönnen würde. Er stellte sich ihr jetzt als Woldemars Vertrauten dar, den der Beruf, viel Unheil zu verhüten, vor ihre Augen geführt habe; bedauerte ihre Langmuth durch Weitläufigkeit erschöpfen zu müssen, unterhielt das Fräulein zuförderst mit Woldemars heimischen Verhältnissen, und von der seltsamen Katastrophe die ihn aus jenen weg, in den Krieg trieb.

Aber es fehlte viel daran daß seine Weitläuftigkeit das Fräulein ermüdet hätte: sie war ganz Ohr, und ihre Theilnahme machte sie von Minute zu Minute liebenswerther.

Herminens Vater »fuhr Julius fort« hatte als Handlungs-Diener das Glück, der Tochter seines reichen Herrn zu gefallen, und im Gefolge dieser Gunst das Unglück, sich zu einem Schritte zu vergessen, der Theresen das Leben gab. Des Vaters Blindheit und der Beystand der Mutter machten die Verheimlichung möglich, der junge Mann ward nach Holland, das Kind der Liebe in ein entferntes Waisenhaus versetzt und des Kindes Mutter mit größerm Glück als Recht die Gattin eines bedeutenden Wechslers. Er starb im ersten Ehejahr und setzte sie zur Erbin ein. Der frühere Vertraute kam zurück, machte die verjährten Rechte geltend, verloschene Gefühle in dem Herzen der Wittwe wieder rege, und ward ihr Gemahl. Sie gebar ihm Herminen und starb in dem Kindbett. Er folgte ihr nach wenig Monden, vom Schlage getroffen nach, und sein redlicher Bruder nahm den verwaisten Säugling auf.

Falsche Schaam, die Quelle so manches Unheils, hatte es der Verschiedenen ohnmöglich gemacht sich späterhin zu diesem Kinde zu bekennen, doch sorgten die Eltern aus der Ferne für sein Wohl. Des Vaters schneller Tod entriß Theresen die letzte Stütze, denn es fand sich weder ein Testament noch irgend etwas das ihr Daseyn bezeichnet hätte, vor. Die Vorsteher jenes Waisenhauses überließen die heran Wachsende einer Dame, der sie ihre Bildung dankt, als aber diese zufolge einiger verlohrnen Rechtsstreite verarmte, und sie jetzt in die fremde Welt hinaus treten mußte, machten Bildung und Anmuth ihre Lage nur um so kritischer.

Der Thee unterbrach jetzt den Erzähler. Auguste kredenzte ihn; Julius bemerkte mit Wohlgefallen ein Paar der zartesten Hände und die ganz eigene Annehmlichkeit, welche Augustens Gliederspiel über die kleinste ihrer Bewegungen verbreitete.

Hermine »fuhr er fort, und rückte ihr vertraulich näher« Hermine stört vor kurzem in der Schatulle ihrer Mutter, und trifft da, von dem guten Geist des Zufalls geleitet auf ein geheimes, mit Quittungen und Briefen angefülltes Fach, welches außer dem überraschenden Beweiser der mütterlichen Verirrung sichere Hülfsmittel enthält, die Spur der nie geahnten Schwester aufzufinden. Hermine sieht eine höhere Fügung in dem Ohngefähr, fühlt sich so geneigt als berufen die Verlassene mit ihrem Ueberfluße zu erfreuen, macht den Oheim zum Vertrauten und wird nicht müde ihn um Beystand und Vermittlung anzugehn. Der Onkel untersucht, überzeugt sich, empfiehlt ihr Verschwiegenheit; will erst das _Wie_ und _Wo_ erforschen, sich von dem Werth oder Unwerth der Person unterrichten, und der Wallung eines schönen Herzens durch weise Vorsicht Maß und Ziel setzen. Aber das übervolle hat sich bereits am Busen einer Freundin entladen und diese das Geheimniß unter dem Siegel der Verschwiegenheit ihrem Bruder, Herminens hoffnungslosesten Anbeter mitgetheilt. Armuth, Habsucht und der Groll verschmähter Liebe bestimmen ihn, die Entdeckung zu seinem Vortheil zu benutzen: er durchreist die bezeichnete Gegend und findet nach manchem Kreuzzug die Gesuchte zwischen Hunger und Kummer mitten inne.

Augustens Mädchen rief jetzt das Fräulein ab. Sie kehrte nach wenigen Minuten zurück, entschuldigte ihre Abwesenheit mit der angenehmen Sorge für sein Nachtlager und bat den Baron der ihr für diese Güte den feurigsten Dank sagte, um die Fortsetzung der Geschichte.

Goldne Berge »erzählte Julius« werden jetzt Theresen gegen eine billige Vergeltung zugesichert, der Beweis ihrer Abkunft so überzeugend geführt, der Umfang ihrer Ansprüche so klar in's Licht gestellt, daß sie nicht länger zögern mag, diese Kette schmerzlicher Entbehrungen mit dem verhießenen Ueberfluß zu vertauschen. Sie eilt, von den trefflichsten Zeugnissen ihres Wohlverhaltens unterstützt nach der Vaterstadt, erschreckt den Oheim durch die sprechende Aehnlichkeit mit Herminen, die von der plötzlichen Erscheinung überrascht, von diesen Zeugnissen gewonnen, von dem Anblick ihres Ebenbildes erschüttert an des Mädchens Hals fliegt, und die gefundene Schwester feurig willkommen heißt. Therese vernimmt mit Erstaunen, was bereits von hieraus für sie geschah, sieht sich statt der Verläugnung auf die sie gefaßt war, mit den zärtlichsten rein vom Herzen kommenden Liebkosungen überhäuft, und beschließt, in Schaam und Rührung aufgelöst, Gleiches mit Gleichem, die Großmuth durch Mäßigung zu vergelten. Ein seltsamer Wettstreit entspinnt sich nun. Hermine dringt auf eine Theilung der Erbschaft, Therese will sich dagegen nur vor dem Hunger geschützt, nur als eine Hülfsbedürftige geduldet sehen, am wenigsten im Kreise der Familie unter ihrer wahren Gestalt auftreten. Jene trägt ihre besten Kleider zur Auswahl für Theresen herbey, diese wählte sich einen häuslichen, schon getragenen Anzug. -- Und so blieb denn das Mädchen meine Haus-Genossin, so verkannte Woldemar, der in diesem Momente weder die unzartere Haut noch das dunklere Haar in Betracht zog, seine schuldlose Braut --

Die ihn »fiel Auguste ein« mit dem Daseyn einer solchen Schwester, schon um dieser gefährlichen Aehnlichkeit willen hätte bekannt machen sollen --

Ohnfehlbar »entgegnete Julius und das Fräulein erröthete« schloß ihr nur die zarte Verschämtheit, oder die Achtung für den Ruf und die Asche ihrer Mutter den Mund. Ich bin am Ziele »setzte er mit einer leichten Verbeugung hinzu« und Tag und Nacht gereist das unseligste aller Mißverständnisse auszugleichen, oder, wenn mir das nicht gelingen sollte, der Gekränkten eine Genugthuung zu verschaffen, die das Gesetz der Ehre vorschreibt.

Auguste seufzte tief und sprach »Am Ende war vielleicht die übereilte Entfernung Ihres Freundes eine unerkannte Wohlthat des Himmels der das edelste Mädchen auf diesem Wege von dem bestandlosen Manne befreyt hat.«

Meynen Sie? fragte er, und sah ihr tief in das blaue Augen-Paar.

Denn Ihrem Woldemar »fuhr sie fort« weint bereits eine neuere Braut nach.

Man sagte mir das: ich glaubte es nicht. Jetzt -- O jetzt muß ich's fürchten!

Sie sind sein Freund. An Ihnen ist es, ihm den vorgefaßten Argwohn zu benehmen, ihn an ein Herz, das er zerrieß zurück zu führen.

O, nun es so weit ist, sind wir geschieden -- der Rächer tritt nun an des Warners Platz.

Nein, edler Mann »sprach sie mit flehendem Silberton« der Warner muß zum Engel und nicht müde werden bis ihm die gute That gelingt.

Julius küßte von dem Zauber dieser Töne, und von dem Geiste dieses Raths ergriffen, Augustens Hand, als die zurück gekommene Julie hereinrauschte, betroffen stehen blieb und die Gruppe mit blitzenden Augen maß. Das Fräulein stellte ihr in dem Gaste Woldemars Freund vor. Sie erwiederte seinen Gruß mit dem anmuthigsten Lächeln, zitterte bereits im Herzen vor den Zwecken dieses augenscheinlichen Störenfrieds und griff zu den magischen Waffen ihres Zaubers. Aber Julius sah durch den täuschenden Schleyer der Grazie in ein harmvolles Herz, in diesen unstäten Blicken, in dieser leisen, jeden Scherz verkümmernden Angst den regen Argwohn ihrer Schuld -- und als er sie jetzt über dem Fräulein vergessen zu wollen schien, da ward die Charis plötzlich zur _Ate_, der Groll der Mißgunst trat auf ihre Stirn, Auguste aber zog sich mit sanften Erröthen hinter den Heiligen-Schein der Sittlichkeit zurück. Frau von Wessen faßte sich schnell; überschüttete die verstummte Schwätzerin mit Schmeicheleyen, lenkte nun, von dem Spiele seines Humors erheitert, das Gespräch auf den Hauptmann, dessen bis jetzt nur beyläufig gedacht worden war und erschöpfte sich in seinem Lobe. Julius begleitete es mit den Gebehrden des Beyfalls, erbat sich, als Auguste verschwunden war die Erlaubniß eine so theilnehmende Gönnerin seines Vertrauten von dem seltsamen Mißgeschick ihres gemeinsamen Freundes unterhalten zu dürfen und wiederhohlte Wort für Wort die Geschichte. Julie sah ihm erst in's Auge, dann zum Himmel, von diesem zu Boden. Sie spielte bald mit dem Ridikül, bald mit den Gliedern ihrer Kette, erröthete, verblaßte, und stand eben im Begriff den Erzähler für ihre Ansprüche zu gewinnen, als die Baronin mit einem Brief in's Zimmer trat. Sie übersah den Fremden in ihrer Bestürzung. Lies! »sprach sie kaum vernehmbar« die Armee ist geworfen -- der Feind im Anzug. Julie verschlang mit feurigen Augen den Inhalt der Nachricht. Er wird vermißt! »rief sie die Hände ringend« Woldemar ist gefangen oder gefallen!

Der Himmel selbst »erwiederte Julius« scheint dies Herz an die Entbehrung seines Lieblings gewöhnen zu wollen.

Sie wissen also »entgegnete Frau von Wessen« daß Woldemar der Meine ist? Aber wissen Sie wohl auch, daß weder ein Mährchen, noch sein Erfinder, weder die Schlauheit einer Neben-Buhlerin, noch die Beredtsamkeit ihres Wortführers, mir ihn entreißen wird?

Ich weiß nur »fiel er ein« daß der Feind gegen den er dies Schloß vertheidigte, bey weitem nicht sein schlimmster war und daß sein Weg zu Ihnen nur über mich geht. Aber wir streiten vielleicht über die Pflichten eines Todten, und thäten doch, falls diese Nachrichten gegründet sind viel besser, zu packen und zu fliehen.

Julie kehrte ihm tief empört den Rücken und folgte der Baronin, welche taub für den Wortwechsel mit dem Himmel verkehrt hatte.

Julius traf im Fortgehn auf das Fräulein. Werden wir uns widersehn? »sprach er« und wie, und wenn? Längstens dort! »entgegnete sie« und so Gott will, an einem schönern Tage.

Er drückte gerührt ihre Hand an die Lippen. Sie müssen fliehen »sprach er« wer begleitet, wer beschützt Sie denn?

Himmel und Erde »entgegnete sie« der Mutter Gebet und unser Jäger.

Die Baronin kam in diesem Augenblick herzu. Sie hatte von Julien vernommen wer er sey, sah in dem unerwarteten Gaste einen ihr in der Stunde der Noth gesandten, erbeteten Beystand und bot ihm nach den ersten Begrüssungen den Platz in ihrem Wagen an. Augustens Augen unterstützten mit sanften, beredtsamen Blicken das Erbieten, der Freyherr sagte zu.

Sechzehntes Kapitel.

Nur zu lange ließen wir indeß Herminen aus den Augen, deren Lage nach Woldemars übereilter Flucht unter die trostlosesten hinabfiel. Julius war nach jener Begebenheit, durch Theresens Vermittlung ihr bekannt, war ihr Freund, ihr Rathgeber geworden, und des Mädchens letzte Hoffnung beruhte auf dem Erfolge seiner Reise.

Muth- und ruheloser als je, lag sie eines Abends an dem Herzen ihrer heimlichen vertrauten Schwester, als diese tröstend zu ihr sprach -- Schon manche Braut, meine Geliebte, ward getäuscht, schon manches feste Band durch Zufälle, Mißverständnisse oder die Bestandlosigkeit der Männer zerrissen und nicht selten segneten späterhin die Getäuschten ihr Schicksal. Wüßtest Du doch was ich verschweigen sollte!

Hermine sah, den Trost verschmähend in ihren Busen nieder. Ach! Schwester »klagte sie« Du kennst den Umfang meines Unglücks nicht.

Gestehe nur »entgegnete Therese« daß Julius der liebenswürdigste aller Männer ist. Mir wenigstens sagt mein Gefühl daß ich an seiner Hand den lieblosen Hitzkopf bald vergessen, daß ich dem Himmel danken würde, der mich durch kurzen Schmerz zu einem solchen Ziele führt. Das ist Dein Fall. Es kostet meinem Herzen viel, gestand er mir am Abend vor seiner Abreise, den Günstling eines Mädchens zu versöhnen, das mich gefesselt und begeistert hat. Aber ich gelobe mir, die Pflicht der Ehre und der Freundschaft zu erschöpfen; und sollte es auch mein Leben gelten, ich erschöpfe sie! Ein reitzendes -- Du mußt alles wissen, Hermine -- Ein gefährliches, verbuhltes Weib sagte er, hat wie der Adjutant mir schreibt, den Thörichten umstrickt, und find' ich ihn verlohren, so tritt der Mittler kühn an seinen Platz, und Sie, Therese, ebenen mir den Weg. Ich versprach ihm das, Liebe!

Hermine weinte laut. Ihre Lippen zitterten, das übereilte Geständniß der Schwester hatte ihr Innerstes zerrissen. »Wehe mir!« rief sie, als der wilde Schmerz endlich Worte fand. »Wehe mir, denn unserer Mutter Schicksal ist das meine.« Therese sah verbleichend an ihr herab.

Rechte nicht mit der Unglücklichen »fuhr sie fort« welche Sterbliche wär' in jener Versuchung bestanden? Es gab eine Nacht, Therese, in der dies Herz von Sehnsucht aufgelöst, dem Liebling alle seine Blüthen zudachte -- in der ich die Arme verlangend nach dem Bräutigam ausstreckte, in der die schöne Feen-Welt der Wunder zurückkehrte. O, fühle, liebe, verlange wie ich, und tritt nun nach einem endlosen, verschmachteten Tage, in die einsame Kammer -- Deine Lippe lispelt seinen Nahmen, die warme Phantasie träumt ihn an's Ziel in Deinen Arm; da rauscht es hinter Dir, des Lieblings Geist erscheint, kommt näher zieht Dich an die Brust und wird -- und wird zu Deinem Manne!

Der Oheim unterbrach die Schwestern. Ein Geschäft führte ihn her, doch das Wort erstarb auf seiner Zunge, als er Herminen einer Sterbenden ähnlich, der Ohnmacht nahe fand. So sage doch endlich was Dein Herz bekümmert! »sprach der Erschrockene« Kann ich helfen?

Sie neigte sich schluchzend auf seine Hand.

Willst Du heyrathen? Ich sage _Ja_! Ledig bleiben? Desto besser! Ein ehrlicher Mann kann in Voraus alles gewähren, was ein braves Mädchen verlangen mag. Nach Pyrmont soll ich, will der Arzt. Willst Du das auch, so reisen wir zusammen.

Gern, gern! rief diese jetzt. Hinaus! Weit in die Ferne! vielleicht, daß dort ein Heilbad für mich quillt.

Der Diener welcher ihn eben abrief, brachte Herminen einen Brief. Er war von Julius. Zitternd erbrach sie ihn.

Siebzehntes Kapitel.

Noch verbarg die Frau von Wessen, von Aerger, Gramm und Angst bedrängt, ihre besten Geräthschaften, als ein Trupp feindlicher Husaren in den Hof sprengte, zum Willkommen mit Pistolen in die Fenster schoß und den angespannten Wagen umringte.

Die Baronin saß bereits, der Töchter gewärtig, in diesem, Julius stand mit ihrem Staub-Mantel in der Hand vor Augusten, eine Kugel schlug zwischen beyden hindurch. Schnell gefaßt warf er das leichte Mädchen auf den Arm und stürzte mit ihr durch die Gartenthür den Hügel hinab. Sie wieß zum nahen Walde, nach einem Fußpfad hin, der tief in den Forst zu der Wohnung eines Wildhüters führte. Bergab, bergauf schlang sich der unwegsame Pfad und bald verschwanden Kraft und Odem. Die schöne Bürde glitt am Fuß einer Eiche von seinem Arm, er sank erschöpft an ihre Seite. Das Bedenken, mit einem solchen Manne und von ihm verpflichtet in dieser Wildniß allein zu seyn, ging in dem Gram über das Schicksal der Mutter, über die höchst gewisse Plünderung des Schlosses, über das unselige Verhängniß ihrer Zukunft unter. Schrecklich brauste jetzt der Donner des Geschützes durch den Hayn. Auguste raffte sich verstummend auf und eilte fort. Er stürzte der Besinnungslosen nach und immer dunkler ward der Wald; die Sonne sank, man kam zur Wildhütte. Der alte Jäger erstaunte, die Tochter seiner Herrschaft hier zu sehen, erquickte die Hinsinkende mit Brot und Milch und versprach, bewegt von des Fräuleins befehlender Bitte und dem Golde das ihm Julius verhieß, sich nach dem Einbruche der Nacht auf die Wessenburg zu schleichen, und wo möglich die dort Verlassenen ihnen nachzuführen. Er füllte die Lampe mit Oehl, schloß die Thüre hinter den Einsamen zu und ging davon. Auguste sah umher, sah dem lauschenden Gefährten in's Auge, untersuchte das Thürschloß, schlich weinend auf und ab und warf sich jetzt auf ihre Kniee nieder. Sie sprach mit Gott. Laut betete das schmerzerfüllte Mädchen und unwillkührlich falteten sich die Hände des Hörers. Ihr Angesicht verklärte sich; ein leises Amen flog, wie Geister Säuseln, von den Lippen der Beterin.

Julius faßte, als sie sich jetzt mit freudigem Muth erhob, bis zu Thränen gerührt, ihre Hand.

Wie ist Ihnen denn? fragte sie, voll zärtlicher Theilnahme und trocknete die Perlen des heiligen Mitgefühls von seinen Wangen.

Wie dem Gerechten! entgegnete er. Ich glaubte den himmlischen Gespielen wieder zu sehn, der einst die seligen Träume des Knaben verschönte -- Den Engel der in des Kindes Glauben lebte, und mit des Jünglings Unschuld floh. Sie haben da eine Kirche vor mir aufgethan, in der ich, unrein wie der Zöllner stand.

Den fürcht' ich nicht! erwiederte Auguste und setzte sich vertrauend an seine Seite. Julius pries, um diesem Vertrauen zu entsprechen und ihre Besorgnisse durch ein ernstes Gespräch zu zerstreuen, den Heilquell des Glaubens. Er sprach von seinem wohlthuenden Einfluß auf die Bildung des Herzens; gedachte der väterlichen Lehren, des mütterlichen Vorbildes, der Fluth der Sinnlichkeit die seine Gelübde und die reiche Saat der elterlichen Mühe verschlang. Plötzlich »fuhr er fort, denn sie hörte ihm mit Andacht zu« faßte mich eine Hand. Es war die Hand des Todes-Engels, der mich am Sarge meines Vaters mahnte. Fremdlinge und Verwandte umgaben ihn; ihre Klagen, ihre Thränen, ihr Lob weihte seine Asche. Die Feinde selbst ehrten sein geheiligtes Andenken.

Und was würden sie denn am Sarkophag des Sohnes sagen? »fragt ich mich auf dem Wege zu der väterlichen Gruft!« Wo sind die Opfer die du dem Glauben an die ewige Wahrheit der Tugend gebracht hast? Die Saaten für jene Welt gesät? Die Siege über das thörichte Herz errungen? Jetzt zeige die Wunden auf, die du heiltest, die Keime der Fruchtbäume die du gepflanzt hast! Beschämt, vernichtet, stand ich vor dem innern Richter, wendete den Blick in mein Innerstes und verzweifelte für den Augenblick an der Rettung aus dem verzauberten Schloß, denn an jeden Finger hing sich eine Schooßsünde die mich nicht lassen wollte. Meine Arme lähmte die Unthätigkeit, eine schmeichelnde Vertraute meinen Willen; in jedem Winkel spottete ein Satyr den grämlichen Pedanten aus.

»Still« sprach das Fräulein zu dem Beichtsohn. Eben klopfte man an den Fensterladen. Auguste bebte, Julius zog die Pistolen hervor, und verbarg das Licht.

»Aufgemacht!« rief es. Zwar mischte sich ein bittender Ton in die Stimme, aber Satan bat ja schon öfters mit Engels-Zungen um Einlaß. »Ich bin es, guter Jakob!« versicherte Frau von Wessen.

Julius antwortete an des Wildhüters Statt. Aber die Thür war von innen nicht zu öffnen und der Alte hatte den Schlüssel mitgenommen.

Sie werden doch eine Hand für mich frey haben »entgegnete Julie« um mir durch den geöffneten Fensterladen herein zu helfen. Er folgte schnell dem Winke und zog die Füllreiche nicht ohne Anstrengung, nach manchem fehlgeschlagenen Versuch hindurch. Vergebens hatte Auguste während dem zu wiederhohlten Mahlen nach dem Schicksal der Mutter gefragt.

Das »sprach die Schwägerin, als sie jetzt wieder auf ihren Füßen stand« das kann kein Gegenstand für ein so pflichtvergessenes Mädchen seyn, das allen dem was ihr am theuersten seyn sollte, den Rücken kehrt, um mit ihrem Retter davon zu laufen. Verzeihen Sie mein Herr, wenn etwa die verwünschte Dritte den Erguß der feurigen Dankbarkeit unterbrach.

Ihre Verzeihung »fiel Julius ein« ist um so überflüßiger, da wir vor Gottes Augen wandelten.

Der Wittwe Hohngelächter empörte ihn. Vor Gottes Augen! »wiederhohlte er« wir dürfen keck die bösen Geister Lügen strafen.

Was kümmert's mich! »entgegnete sie« Laß uns Friede machen und Entschlüsse fassen, denn diese Nacht dauert nicht ewig und meine Kräfte sind erschöpft. Rund um erleuchten feindliche Wachtfeuer den Himmel, nur gegen Osten hin scheint mir der Weg noch frey zu seyn.

Auguste warf sich schluchzend an ihren Hals. Sage mir »flehte sie« wie und wo Du die Mutter verließest, denn eine furchtbare Ahnung bedrängt mein Herz.

Quälle mich nicht »entgegnete Julie« Und wenn Dich nun vorhin jemand beschworen hätte, ihm zu sagen wo die vermißte Schwägerin blieb, was hättest Du denn zu erwiedern vermocht?

Konnt' ich Dich aufsuchen? versetzte Auguste -- Dem nahen, sichern Tod entflohen wir und tief im Wald erst kam mir die Besinnung wieder.

Das ist auch _mein_ Fall. Mich aber nahm kein beschützender Mann an sein Herz. Mir selbst überlassen mußte ich Rettung suchen, und nur die Schrecken der Nacht, nur die grause Furcht vor Ungeheuern, nur der Gedanke an Woldemars Schicksal begleitete mich. Ueber mir rauschten die Wipfel wie der Fittich des Würgengels, aus jedem Dickicht sah bald ein weißer Geist, bald eine blutige Gestalt hervor und während dem Du hier in schöne Augen sahst, hat mir kein Stern geglänzt, sah ich nur Bilder des Entsetzens.

Auguste drückte die Hand der Schwägerin an ihre Lippen. Arme Schwester »sagte sie« Ich hab auch recht für Dich gezittert und gebetet.

Dann hat mir freylich nichts begegnen können »entgegnete diese und lächelte wegwerfend.«

Wie? »fragte Julius« Sie könnten die Vorsprache eines so himmlischen Gemüths verschmähen? Die geheime, durch tausend Erfahrungen bewährte Kraft eines feurigen Gebets bezweifeln? Ich für mein Theil muß zur Ehre des guten Geistes bekennen, daß ihn mein Herz in bangen, schrecklichen Stunden, in Lagen die ich für die äußersten, in Augenblicken die ich für meine letzten hielt, nie vergebens um Licht und Rettung anrief.

Ich für mein Theil »erwiederte Julie« gestehe dagegen, daß mir bis jetzt der gute Geist der Besonnenheit noch immer viel sicherer als ein feuriges Gebet aus der Noth half, aber selbst das eiserne Fatum hat seine Günstlinge und ich zählte Sie schon beym ersten Anblick unter diese. So macht mich denn zur Genossin des Lichts und des Raths den diese Bethstunde vom Himmel herablockte. Mir scheint es ganz ohne Zuthun einer Schicksals-Macht höchst gerathen noch vor Tages Anbruch der nächsten Station zuzueilen, und falls sich da um keinen Preis Pferde vorfänden, auf gutes Glück mit der geschlagenen Armee fortzuziehen. Hat ihre Niederlage sie nicht um allen Rittersinn gebracht so wird er sich gewiß zu Gunsten junger Damen äußern, die aus verweinten Augen sehen.

Julius und Auguste entgegneten einstimmig daß man für's erste die Rückkehr des alten Wildhüters abwarten müsse, dem es bey seiner Kenntniß aller Schliche gewiß gelingen werde, die Baronin aus dem Schloß und in ihre Arme zu führen. Deine Zweifel aber an der Thätigkeit einer höhern, leitenden und erhebenden Hand »setzte Auguste hinzu« sind bereits durch die Fassung mit der Du ganz wider Erwarten die Sage von Woldemars Unglück hinnahmst und durch das Wunder, welches Dich durch die Nacht und die Feinde und den unwegsamen Wald in unsere Mitte brachte, widerlegt.

Schnell erglühend sagte Julie »Ich fand noch eben Kraft genug in mir, den Triumph der schadenfrohen Mißgunst durch Gleichmuth und Entsagung zu verkümmern, und unter diesen Umständen in der Nachricht von des Hauptmanns Schicksals den besten Trost.«

Julius setzte sich bereits zurecht, der erklärten, unversöhnbaren Widersacherin die Spitze zu bieten, als der alte Jäger in das Stübchen trat und Augusten ein Billet von der Baronin überreichte.