Der Weihnacht-Abend

Part 2

Chapter 23,666 wordsPublic domain

Das Schloß war allerdings fest genug, es einige Stunden lang gegen ein fliegendes Corps zu vertheidigen und da es die Geld- und Feld-Geräths-Wagen des Regiments enthielt, ein Gegenstand von hoher Bedeutung. Der Gärtner der Baronin hatte bereits die Zugbrücke aufgezogen, der Verwalter die Thore zugeworfen, der Jäger jedem dienstbaren Geiste seiner Herrschaft ein Gewehr in die Hand gedrückt. Woldemar begriff die Möglichkeit einer solchen Erscheinung um so weniger, da er sich vier Meilen hinter der Armee, von Truppen umgeben, kurz in Abrahams Schooß wußte. Aber der kühne Partheygänger hatte sich denn doch, trotz dem Heere das auf seinen Lorbern ruhte, von dem Schnee-Gestöber begünstigt, durch das Gebürge geschlichen. Eben befand er sich mit Geißeln, Brandschatzungen, und einer erbeuteten Kriegs-Kasse beschwert auf dem Rückweg und würde die Wessenburg wohl ganz unangetastet gelassen haben, wenn nicht Woldemars Hauptmann den Vortrab des feindlichen Zugs, auf einen Dienstritt entdeckt, und sich ihm mit allem was sich aufraffen ließ, in den Weg geworfen hätte. Der Kühne fiel, und die Freyjäger flohen nun dem Schlosse zu, das der Führer des Vortrapps mit Ungestüm angriff. Woldemar fühlte lebhaft was er den Damen, dem Vaterland, der Ehre seines Degens schuldig sey und belebte durch wenig erhebende Worte den gesunkenen Muth seiner Brüder. Ihr Widerstand verwickelte den Feind der indeß von den herbey fliegenden Schaaren seiner Verfolger ereilt, umringt und zusamt der gemachten Beute gefangen ward.

Achtes Kapitel.

Als Woldemar am folgenden Morgen, von dem Schmerz einer empfangenen Kopfwunde geweckt, aus tiefer Betäubung erwachte, stand die Baronin zu des Bettes Häupten und Frau von Wessen neben ihr. Diese lächelte, jene weinte, der Wundarzt gab den besten Trost; bald darauf erschien auch der Adjutant; er warf ihm unter zweydeutigen Glückwünschen ein Hauptmanns-Patent auf die Decke. Da siehst Du »sprach er« wie blind das Glück, wie mächtig der Kriegs-Gott in den Schwachen ist. Dein zufälliger, folgenreicher Widerstand hat Dir plötzlich einen Nahmen gemacht und eine Stelle verschafft nach der ich seit zwanzig Dienst-Jahren vergebens strebte. Eben kam auch Auguste herbey, sprach von den Schrecken des Gefechts, von Woldemars Ritterdienst und seinem Heldenmuth. Mutter und Schwägerin stimmten ein und der Adjutant kehrte nach einem frostigen Lebewohl, mit verbittertem Gemüth auf seinen Posten zurück. Woldemar sah jetzt -- wie am Morgen der Weih-Nacht in der er die stille Myrte brach -- auch in dem schnell erworbenen Lorber nur ein Gaukel-Spiel der Phantasie, in dem Patent nur ein Papier das ihn an jenen Brief erinnerte, nach dem er jetzt, vom Fiebertraum erwacht, mit Sehnsucht fragte. Vergebens suchte die Baronin das Stübchen, der Bediente seine Taschen, der Wundarzt den Zwinger des Schlosses aus; weder der Brief, noch die bedeutende Beylage war zu finden und der herbey gerufene Jäger, welcher aus diesem Zimmer auf die Feinde schoß, gestand daß er allerdings einige hier gelegene Papiere unbesehen zu Pfropfen für sein Gewehr verbraucht habe.

Frau von Wessen bot sich dem Kranken zum Sekretär an, und er sagte ihr mitten im Schmerz einige Zeilen für den verdächtigen Freund in die Feder. Nur der Wohlstand konnte die holde Pflegerin für kurze Zeiträume vor seinem Bett entfernen und diese zarte, unerschöpfliche Sorgfalt gewann ihr schnell genug das erkenntlichste Herz. Julie errieth seine Wünsche, seine Winke, seine Verhältnisse; scheuchte mit lieblichen Liedern jede Grille, mit zarter Hand jede Winter-Fliege vom Bette des Kranken, bot ihm die hülfreiche bey jedem Verbande und führte ihn allgemach durch eine Reihe wohlthuender Situationen. Das Wundfieber nahm zusehends ab, schon vermocht er außerhalb des Bettes zu dauern und auch Auguste wagte sich nun wieder in des Freundes Nähe.

Sehen Sie »sprach Julie, als sie eines Abends an seiner Seite spann« ich bin die Parze die Ihr Leben spinnt. Ein langer Faden, rein und glänzend.

Hygea vielmehr! erwiederte er.

Hygea spann ja nicht! »sagte das abgehende Fräulein« nur Schlangen nährte die --

Heilbringende! rief ihr Woldemar nach.

»Galt das mir oder Ihnen?« lispelte Julie. Der Zorn röthete schnell ihre Wangen. Rasch ergriff er den Arm der Spinnerin. Meine Hygea! sprach der Dankbare, von süßen Regungen durchdrungen.

Die Schlange sticht! erwiederte Frau von Wessen und verletzte seine Hand mit der Spindel. Ein Tropfen Blut trat hervor. Sie küßt' ihn lachend weg, er zog sie an das Herz. Die dunkeln, verlangenden Augen glänzten hart vor den seinen, die lüsterne Lippe vermählte sich dem begehrenden Munde, Juliens Busen schlug voll glühender Sinnlichkeit an Woldemars Brust.

Neuntes Kapitel.

Frau Tochter »sprach die Baronin, als jene in das Familien-Zimmer hinab kam« vergebens hab ich bisher als Freundin Sie gewarnt, als Mutter Sie gebeten dieses thörichte Herz zu bewahren, und Ihrem Leichtsinn nicht die Ehre meines Nahmens preis zu geben -- Ihren Begierden vielmehr! Unwürdige! So ehrst Du das Gedächtniß Deines Gatten?

Julie stellte den Rocken bey Seite, setzte sich zum Nähtisch hin und wiederholte mit Gelassenheit --

Begierden? Unwürdige? Sie sind sehr aufgebracht, _ma mere_!

Der junge Mann hat Zartgefühl. Er muß die Zudringliche verachten.

Eine so gute Christin sollte gütiger seyn, gnädige Frau; gerechter wenigstens; denn selbst das höchste Gebot entschuldigt die Zudringlichkeit der Menschenliebe. Daß ich ihm wohl will, ist in der Regel. Sehr wohl, _ma mere_! Nie sah mein Auge in ein reineres, nie begegnete mein Herz einem wärmern. Darum empört mich ihre Härte nicht. Was gibt es süßeres als um den Mann zu leiden, den wir lieben?

Also ein Anschlag auf seine Hand?

Auf Anschläge verstehen sich in der Regel die Mütter nur. Ich folge kindlich dem Gefühle.

Nur leider nicht dem Zartgefühl. Ihr seliger Mann hat das erfahren.

Friede sey mit ihm. Er weiß nun, wer ihm wohl und wer mir übel wollte.

Ich wollte Dein Glück, Undankbare!

Glück macht die Liebe nur und nur _Sie_ hat er geliebt. Gefürchtet vielmehr. Mein Herz war lauter Flamme, das seine lauter Erz, und immer spröder ward es, bis der Tod es brach.

Du brachst es früher schon!

Julie warf einen glühenden Blick auf die Mutter, verbarg ihr empörtes Gefühl hinter einem unholden Lächeln und schwieg.

Sähe der Hauptmann dies Gesicht »fuhr jene fort« er würde noch entschiedener zurücktreten.

Er würde mich bedauern und erlösen.

Erlösen, sagst Du? Geh, ich verwerfe Dich!

Sie werfen mich in seinen Arm. Ich komm' aus diesem!

Die Baronin faltete seufzend die Hände und schlich abseits, dem Himmel ihre Noth zu klagen.

Zehntes Kapitel.

Hygea hatte den genesenden Jüngling in der feurigsten Wallung verlassen. Noch glühte jener Wonnekuß auf seinen Lippen, noch sah er diese flammenden Augen, die Fülle der schnell bewegten Brust. Sein ganzes Wesen war in Aufruhr und die seltsamste Erscheinung weckte ihn nach Mitternacht vom Schlummer auf. Der volle Mond beschien ein niedliches Gespenst das aus der Wand hervor zu schweben schien, nun seinem Bette näher tratt und zögernd an ihm lauschte. Woldemar bog sich mit klopfenden Herzen nach der Mauer zurück, wollte seinen Sinnen nicht trauen, wagt' es kaum einen Blick auf die Erscheinung zu werfen, und kämpfte noch unentschlossen mit sich selbst als der seltsame Zuspruch wieder aufbrach und mit der Leichtigkeit eines Schattens zurückkehrte. Schnell wuchs sein Muth, er schlich ihm durch die Oeffnung nach und stand jetzt vor dem Bett in dem die Frau von Wessen schlief. Betroffen weilte er an der fesselnden Stätte und traf, als ihn sein Genius fortzog, auf ein zweytes in dem Auguste, lächelnd wie die Unschuld ruhte.

Woldemar, der bis dahin die heimliche Tapeten-Thür übersehn und nie geahnt hatte, daß sein Stübchen an diese Schatzkammer grenze, machte sie bey der Rückkehr mit leiser Schonung zu und glaubte zuversichtlich durch die Nachwehen des Wundfiebers zum Geisterseher geworden zu seyn, denn hätte selbst -- der Fall war nicht denkbar -- sich eine dieser Schläferinnen zu einem solchen Schritt vergessen können, so würde er ja die Fliehende ereilt oder erkannt haben.

Das unerklärbare Räthsel beschäftigte ihn bis zum Morgen, jetzt aber wich der Glaube an das Spiel einer krankhaften Phantasie dem Erstaunen mit welchem er ein himmelblaues, vor seinem Bette liegendes Band erblickte, und dieses dem Schauer des Fiebers, das im Gefolge der erschütternden Zauberspiele dieser Stunden zurückkehrte.

Eilftes Kapitel.

Auch die Baronne war am Morgen erkrankt, hatte den Beystand der Schwiegertochter zurückgewiesen und Auguste, gewöhnt der Feindin wohlzuthun, für dies Mahl vergebens alles aufgebothen den Groll des tief empörten Mutterherzens zu beschwören.

Julie schlich sich, von der Mutter verschmäht, zu dem Freunde hinüber der bey ihrem Eintritt seinen Rückfall vergaß, und schüttete ihr Herz vor ihm aus. Der Kindheit Freuden hatte ihr, laut dieser Geständnisse, eine grausame Stiefmutter, die Blumen der Jugend ein liebloser Gatte und die herrschsüchtige Baronin geraubt. Diese verkenne, Auguste beneide sie, und beyde sähen in dem heiligen Mitgefühl, in dem reinen Feuer der Theilnahme das sie zur Pflegerin des edelsten Mannes gemacht habe, nur den schlau berechneten Plan einer Kokette. Helle Thränen begleiteten die rührende Elegie, sein fieberhaft reitzbares Herz sprach nur zu laut für die Weinende. Sie nannte ihn ihren einzigen Freund, er aber nannte sich ihren ewigen Schuldner und gedachte seufzend gewisser Fesseln, die seine feurige Vergeltungs-Lust für den Augenblick noch gefangen hielten.

Daß mein Gemüth »erwiederte Julie« die Heiligkeit dieser Pflichten kennt, daß es selbst die Ansprüche einer Unwürdigen zu ehren versteht, bezeugt die Fassung mit der es in jener Nacht das feurigste aller Gelübde zurückwies.

Welche Gelübde? »sprach er im Herzen zu sich selbst.« In welcher Nacht?

Oder hätte die Krankheit Sie in jener unvergeßlichen Stunde zum bewußtlosen Schwätzer gemacht? Wohl Ihnen dann! Dann wäre ja Hermine nur ein Traumbild, das mit der wiederkehrenden Besinnung in sein Nichts zerfloß und ihre Treulosigkeit ein Phantom das im Morgenrothe der Genesung unterging. Woldemar sah verstummt zu Boden. Und Wohl auch mir! »fuhr Frau von Wessen fort« der da ein Gott die Kraft verlieh, dem feurigsten aller Männer zu widerstehen, und die Erhörung zu verzögern.

Unseliges Verhängniß! »rief er und sprang auf« O, warum streifte mich der Fittich des Würgengels nur? Wie gern schlief ich in seinem Arme!

Oder am Herzen der Verlobten?

Ich bin sehr elend! Nimm mich an das Deine. An das hart verletzte, das ich heilen will und muß.

Nicht also, guter Woldemar, ein Engel wird diese Wunden verbinden, der Engel der Vergeltung der unsere Opfer zählt und unsere Thränen.

Ich will alles gut machen! »rief er, hingerissen von der Fluth seiner Gefühle, von einer unzeitigen Großmuth gemeistert« ja, ich gelob es! Nur das Mitleid sagst Du, die Theilnahme nur, nur die laue Hand der Freundschaft hätte Dich Wochenlang an meinem Bette festgehalten? Nur um ihretwillen hättest Du dem Grolle der Schwester, dem Zorne der Baronin, der Verläumdung bösartiger Thoren getrotzt? Nur aus Rücksicht auf die geflohene Treulose meiner Hand entsagt, die ich Dir -- zwar in des Fiebers Gluth -- doch wahrlich, inspirirt von meinem Engel both?

Still, Frevler -- Still! »rief Juliane jetzt.« Sie fühlen nicht wie tief mich diese Zweifel beugen; die Flamme nicht, die an unheilbare Wunden schlägt. O warum muß die böse Fee zwischen mich und den Abgott meines Lebens treten?

Lieblicher hatte nie eine Frage seinem Ohr geschmeichelt, schneller nie ein Zauber sein Herz umstrickt, kein sterblich Weib ihn je so magisch angezogen. Die Spiegel ihrer Seele flammten wie Sterne durch die Nacht des Grams, der Wehmuth Genius schien aus dem Rosenkelche dieser Lippen ihn um Erbarmen anzuflehen. Er faßte sie mit starkem Arm, er hob sie hoch, an's Herz empor und bedeckte die Schluchzende mit zahllosen Küssen. Ich bin der Deine! »rief er« wirst Du dies zweyte heißere Gelübde verschmähen?

Liebling -- Bräutigam! Himmlischer Geist! stammelte Julie und ließ die Lippen des Trunkenen schalten. Man klopfte, er vernahm es nicht. Auguste trat herein ihre Schwägerin abzurufen; sie wand sich sanft aus seinem Arm, sprach zu dem Fräulein, dessen Antlitz ein edles Schaamroth überflog. »Nimm hier kein Aergerniß, wir sind verlobt!« und hüpfte fort.

Auguste verbeugte sich gegen den Hauptmann, und wollte der Braut folgen, Woldemar aber faßte ihre Hand und bestätigte in gebrochenen Worten Juliens Versicherung. Ich kenne »erwiederte das Fräulein« die Gesinnungen meiner Mutter zu wenig und die Gefahren Ihres Standes zu genau um Beyden jetzt schon Glück zu wünschen. Er ließ beleidigt Augustens Hand fallen. Aber wie kömmt dieß Band in Ihr Zimmer? »fragte sie jetzt, und nahm es vom nahen Tische weg« vergebens hab ich es heut' am Morgen gesucht.

Ein Strumpfband vielleicht? Sie verstummte.

Oder etwa gar der Gürtel der Vesta? Auf jeden Fall sind Sie im Stande mir das Räthsel zu lösen. Vor meinem Bette fand ich es. Ihr Schutzgeist, Fräulein, trug diesen Talismann mitten in der Nacht in mein Zimmer.

Auguste wechselte die Farbe, der Hauptmann sah ihr starr in's Gesicht -- »Und die misterische Pforte hier -- unstreitig führt sie in das Geisterreich; aus ihr tratt der willkommene Gast hervor, durch sie kehrt' er zurück. So ist es -- auf mein Ehrenwort!«

Ihre Hände bebten, ihre Wangen verblichen, sie wankte sprachlos aus dem Zimmer.

Zwölftes Kapitel.

Woldemar sah ihr staunend nach. Sein Kopf brannte, sein Herz glühte, Feuer rann in seinen Adern, er eilte Luft zu schöpfen, in den Zwinger der das Schloß umgab. Die Erscheinungen dieser Zeit schwebten wie Geistertänze vor seiner Seele und der Schutt und die Blutspuren im Schnee weckten Erinnerungen an jenes ehrenvolle Gefecht in ihm auf. Er freute sich der gelungenen That, dachte des Getümmels das ihr voranging, des empfangenen Briefes den der Jäger der Baronin in seinem Diensteifer verbracht hatte und eilte zu sehen ob sich nicht Reste desselben auffinden ließen, unter sein Fenster hin. Lange störte er vergebens zwischen Eis und Schnee und dem Abbiß der Patronen, fand endlich ein bedeutend scheinendes, zerrissenes Blättchen und las --

»Die großmüthige Schwester -- das Häubchen von ihrem Kopfe -- zur Täuschung ähnlich --«

Eine kalte Hand griff ihm in's Herz. Er sann und sann und suchte jetzt angsthafter; ihn aber suchten die Bedienten, denn eine Ordonanz aus dem Hauptquartier war gekommen. Der Husar erbat sich einen Empfangschein und übergab die Depesche. Woldemar fertigte ihn ab, öffnete den Befehl, sah sich angewiesen mit der unterhabenden Mannschaft alsogleich aufzubrechen, des fördersamsten im Haupt-Quartier einzutreffen, oder falls sein Gesundheits-Zustand ihm dies für seine Person nicht gestatte, ohne Zögerung nach dem Lazareth abzugehn.

Schnell ward gepackt, gesattelt, und der General-Marsch geschlagen, denn kein Augenblick war zu verlieren wenn das entfernte Ziel, den Worten der Depesche gemäß, erreicht werden sollte.

Dreyzehntes Kapitel.

Julie hatte indeß, trotz dem bestimmten Verbote, die kranke Schwiegermutter heimgesucht, das gestrige unkindliche Benehmen mit der Heftigkeit ihres Charakters entschuldigt, ihre Hände mit Küssen bedeckt, heilige Sprüche und schöne Sentenzen zu Mittlern gemacht und so den Zorn der gutmüthigen Baronin in Wehmuth, den stillen Groll in herzliche Vergebung aufgelöst. Jetzt hielt Frau von Wessen ihrem Woldemar eine Schutzrede der die Mutter um so weniger zu widersprechen vermochte, da sie früher selbst seiner Bescheidenheit, seiner Sittlichkeit, und so mancher liebenswürdigen Eigenschaft die ihn auszeichnete, das gebührende Lob ertheilt hatte. Zu allen dem »fuhr jene fort« hat Ihnen Gott in dem edlen Mann einen Engel gesandt, denn wie wäre es uns ergangen, wenn er nicht Wunder that. Dieses Haus läg in der Asche, Sie vielleicht im Grabe, ich und Auguste ständen, des Aergsten gar nicht zu gedenken, geplündert und verlassen am Scheidewege. Was wir sind, was wir haben, erhielt uns seine Hand und die wollten Sie aus der Hand seiner Vergelterin reißen? Der Himmel selbst belohnte diese That und öffnete ihm eine glänzende Laufbahn.

Gewiß würde die Baronin in Hinsicht auf den Werth des Freyers, auf den Schutz, welchen sie ihm dankte, dieß Einverständniß wohl eher begünstigt als gescholten haben, wenn ihr das Glück der Tochter nicht näher als das der Verwandtin am Herzen gelegen hätte. Sie kannte nur zu gut den Quell des stillen Grams der aus Augustens verweinten Augen sprach und begriff nicht, wie ein so zartfühlender Mann, blind für den Zauber dieser Himmelsblume, nach der dornigten prahlenden Rose zu greifen vermochte. Da indeß die Ehen, ihrem Glauben zu Folge, des Himmels Sache waren und die Frau von Wessen bereits als verlobte Braut um ihren Segen bat, so vergab sie mit sanften Worten den übereilten Schritt, behielt sich das Weitere bis zu ihrer Genesung vor und drang darauf daß Woldemar zuförderst einem Stande, der Julien bereits zur Wittwe gemacht habe, entsagen solle. Frau von Wessen erklärte selbst diese Bedingung für zweckvoll und unerläßlich und sah jetzt, still entzückt, in der sinkenden Sonne den Herold des Braut-Abends. Da ward es plötzlich lebhaft auf dem Hofe, des Hauptmanns Leute liefen durch einander, der eine sattelte, der andere sprach von nahem Blutvergießen, der Ruf der Trommel scholl aus dem Dorf herauf.

Die Kniee wankten unter ihr, sie stürzte geisterbleich hinüber, in Woldemars Arm.

Was soll das? »fragte er mit verbissenem Schmerz« Warst Du nicht eines Soldaten Frau? Euch ziemt, wie uns, gefaßter Muth.

Doch zu schrecklich war der jähe Sturz vom Sonnenziele in die Nacht des Grams, zu tief der Fall für ein so zügelloses Herz das jedes Lächeln des Geschicks zum Himmel hob, jeder Umfall in die Höhle des Jammers hinabwarf. Wimmernd hing sie an Woldemars Halse, hielt ihn krampfhaft umfaßt und ihre Lippen zuckten gichterisch.

Bald sehen wir uns wieder! »tröstete er mit halber Stimme.« _Oft!_ sagt mein Herz -- nach wenig Tagen vielleicht, und am Ziele winkt ein Hafen in dem uns nichts mehr trennen soll. Aber die Jammernde verwarf jeden Trost. Nimm! »rief sie und schnitt mit schonungsloser Hast eine Flechte von dem glänzenden Haupthaar.« Nimm und gedenke mein! Und meiner nur! Gelobend bedeckte er ihren bebenden Mund mit heißen Küssen und bat sie dann, die kranke Mutter auf seinen Abschieds-Besuch vorzubereiten. Julie ging nach langen Bitten, doch wenige Schritte nur. Laut schreyend flog sie an seinen Hals zurück. Ihre zuckenden Augen brachen, entgürtelt flog der Busen, das lose Haar um ihre Scheitel. Sie lag noch bewußtlos im Arm ihrer Kammerfrau als Woldemar in der furchtbarsten Stimmung seines Lebens über die donnernde Zugbrücke sprengte. Schaudernd blickte er vom Thal aus nach dem Schlosse hinauf, dessen Fenster das Spätroth vergoldete, gab den räthselhaften Geistern dieser Burg gute Nacht, und saugte das Blut aus der Lippe die Julie im Wahnsinn ihres Schmerzes verletzt hatte.

Vierzehntes Kapitel.

Als man den Hauptmann nach jenem Gefechte verwundet und betäubt auf sein Zimmer zurücktrug, übernahm Frau von Wessen wie bekannt die Rolle der Wärterin und ließ deshalb um in seiner Nähe zu bleiben, ihr Bett ohne der Mutter Wissen, in jene leere, nachbarliche Kammer versetzen. Erst späterhin bemerkte die Baronin diesen ihr höchst mißfälligen Uebelstand, wieß Julien auf der Stelle einen Platz in ihrem eigenen Schlafzimmer an, gesellte ihr, als diese Weisung unbeachtet blieb, Augusten bey und verschloß die bewußte Tapeten-Thür. Frau von Wessen aber schloß sie, um sich einen weiten Umweg zu ersparen, am folgenden Morgen wieder auf und aus angebohrner Furcht vor Dieben und Kobolden, Nacht für Nacht die andere zu, welche über den unheimlichen Saal in die Zimmer der Baronin hinüber führte. Auguste hingegen der es nie beykam den lieben Gast auf einem Schleifwege heimsuchen zu wollen, glaubte die streitige, von der Mutter gesperrte Thüre noch immer fest verschlossen, und ahnte nicht daß ihr Verhängniß sie im tiefsten Nachtkleid und in der verdächtigsten Stunde hindurch, und an das Bett eines feurigen, hoffnungslos geliebten Mannes führen werde. Oft genug ward die vermißte Nachtwandlerin in frühern Zeiten bald von dem Simse des Fensters bald aus irgend einem entlegenen Verstecke zurückgehohlt. Das Übel nahm mit den Jahren ab und immer hatte man sie bey den seltenern Rückfällen von der verschlossen gefundenen Thüre ohne weiteres in ihr Bettchen zurückkehren sehn.

Welch Entsetzen mußte daher dieses reine, von dem erklärten Brautstand der Schwägerin so eben gebrochene Herz ergreifen, als Woldemars spöttisches Lächeln, als sein zum Pfand gesetztes Ehrenwort die leise Ahnung einer schrecklichen Möglichkeit zur Überzeugung erhob.

Die kranke Baronin lag indeß während des Aufbruchs der Besatzung, von allen den Ihrigen verlassen da. Sie hörte den Lärm, das Wirbeln der Trommeln, den Hufschlag der Rosse und schellte vergebens. Die Bedienten kannegießerten im Hofe mit den marschfertigen Jägern, die Jungfer lag, in Thränen aufgelöst, an des Feldscheers Brust, das Stuben-Mädchen wollte den Pfeifer nicht lassen, Juliens Kammerfrau saß erstarrt vor der verzweifelnden Braut, und Augustens alte Wärterin lief der schluchzenden Enkelin nach, die ihrem Trommelschläger den Wirbel verdarb.

Das Getöse nahm kein Ende, der zersprungene Klingeldrath lag am Boden, und die Baronin, welche jetzt nichts sicherer glaubte, als daß der Feind zu Folge eines zweyten gelungenern Überfalls das Schlimmste beginne, sprang, von der Angst geheilt, plötzlich auf, um ihre Küchlein mit Hand und Mund bis auf den letzten Odemzug zu vertheidigen. Aber noch stand im Vorsaal alles auf dem gewohnten Platz. Von Zimmer zu Zimmer eilte sie nach Juliens Schlafkammer, trat jetzt erblassend vor ein Schreckbild das unter wilden Krämpfen ächzte und nahm, nach Hülfe rufend, Augusten wahr, die einer Sterbenden gleich vor ihrem Bette kniete und taub für allen Jammer dieser Scene schien. Welch ein Abend! Welch eine Masse von Seufzern und von Thränen, von denen ach, so wenige ein Gegenstand für die wohlthuende, Schmerz und Thränen wiegende Vergelterin seyn konnten.

Zerstört im Innersten klagte Julie ihr Geschick an; in Thränen edler Schaam gebadet, verging die holde Nachtwandlerin; sprachlos stand die schluchzende Mutter zwischen der Gruppe und die betäubten Bräute des Frey-Corps sprangen mit verweinten Augen bunt durch einander ab und zu und hohlten in der Zerstreuung Öhl statt des Essigs, Tinte statt des Balsams und den Pastor statt des Baders herbey.

Fünfzehntes Kapitel.

Woldemar hatte indeß das Ziel seiner Bestimmung erreicht, sich gesund gemeldet und eine Masse lästiger Dienst-Geschäfte vorgefunden, die den Unkundigen bey dem Mangel an Rathgebern und Freunden, bey der feindseligen Stimmung die sein frühes Glück veranlaßte, schnell genug mit einem Stand entzweyten an dem ihn doch das eiserne Band der Pflicht und des Ehrgefühls festhielt.

Auf der Wessenburg herrschte jetzt nach langen Stürmen eine Windstille.

Juliens Arzt war der Leichtsinn, Augustens Trost das Bewußtseyn geworden und der himmlische Frühling goß das Füllhorn der Erneuung über sie aus. Eben war die Mutter mit Woldemars Braut auf ein nachbarliches Gut gefahren als sich ein fremder Baron bey dem Fräulein ansagen ließ. Viel lieber hätte die Einsame den unwillkommenen Gast abgewiesen aber es fehlt' ihr für den Augenblick an einer glaubwürdigen Entschuldigung und so ward er denn angenommen.

Ein junger, blendend schöner Mann trat in das Zimmer. Sein hoher Wuchs, sein Apollons-Kopf, die würdevolle Anmuth seines Benehmens, gewann in voraus ein Gemüth dem der zärteste Sinn für die Gabe der Grazien anhing und der Gegenstand welcher ihn zu Augusten führte, war bedeutend genug ihre Aufmerksamkeit zu fesseln.