Der Weihnacht-Abend

Part 1

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Der Weihnacht-Abend.

Von Gustav Schilling.

Wien, 1817. Bey Anton Pichler.

Der Weihnacht-Abend.

Erstes Kapitel.

Der Nordwind blies, der Schnee fiel in großen Flocken, die Regenschirme zärtlicher Eltern und Liebhaber bedeckten den Christmarkt. »Laßt mich ein Kind seyn!« sprach Woldemar und zog seinen Freund in das sehenswerthe Gedränge. Hier feilschten Mädchen eine Wiege, dort stand der grämliche Küster unter einer Glorie von Hannswürsten, der General vor dem Stalle zu Bethlehem, der Staats-Rath unter Steckenpferden. Eine Reihe neugebackener, reich versilberter Potentaten lockte die täuschbaren Kinder an.

»Hierher meine gnädigen Herrn!« rief des Hof-Conditors süße Rosine. »Sehen Sie nur die schöne Bescheerung. Rosseaus Grab, Harlekins Hochzeit, Mariä Verkündigung und diese niedliche Papagena.« Die Freunde traten näher, besahen das Grab, die Hochzeit, das Mädchen selbst. Lachend verglich sie Julius der Vogelfängerin, Woldemar aber erröthete, denn nur ein Säugling bedeckte Papagenas gesegnete Brust; die Verlegenheit macht' ihn zum Käufer und Rosine öffnete dankbar ihr Döschen, um ihn mit ächten Diabolini's zu bewirthen. Der Adjutant störte die Gäste. Wenn es Dir, »sprach er zu Woldemar« anders noch Ernst damit ist in das neue Frey-Corps zu treten so eile, Dich dem General vorzustellen. Er steht im Begriff zu der Armee abzugehn.

Wisse Freund, »erwiederte dieser« daß mein Schicksal in den Händen einer unschlüssigen Fee liegt, die mich bald anzieht, bald entfernt, mir heute räth in den Krieg zu ziehen, mich morgen dann nicht lassen will -- Doch soll es sich noch heut entscheiden. Damit steckt' er die wächserne Papagena ein und verschwand unter dem Haufen.

Zweytes Kapitel.

Herr Wahl, der Oheim, und Vormund dieser Schicksals-Göttin saß indeß daheim vor dem Hauptbuch, freute sich der eben gezogenen Bilanz, hieß den Seidenhändler Merker viel freundlicher als sonst willkommen und sprach sofort vom Curs, von Geschäften, vom plötzlichen Fall eines bedeutenden Hauses. Herr Merker schnippte den Staub von seinem Ermel, zog den Stockknopf vom Munde, räusperte sich und rief: »Was fällt das fällt! Wir, denk' ich, bleiben stehen.«

So Gott will! brummte der Alte und faltete in stiller Andacht seine Hände.

Ich stehe gut.

Ist mir bekannt.

Doch immer noch auf Freyers Füßen. Geduldig zwar, doch auch zuweilen mit Ungeduld. Wenn Ihre Jungfer Nichte sich endlich nun entschliessen wollte -- oder bereits entschlossen hätte -- Wie?

Dann »fiel der Oheim ein« wäre uns beyden geholfen, denn das Mädchen ist meine einzige Sorge. Ich sollte mich ärgern, aber das hilft nichts --

Ein Machtwort sprechen, Herr Kollege, ein Machtwort --

Da sey Gott für! Der gab ihr ja, wie uns, den freyen Willen.

So? -- Ja! und vier Liebhaber zu meiner Plage.

Bedeuten nichts! den einen haßt, den andern verachtet sie, der dritte ward ihr verdächtig, der vierte endlich ist ein armer Teufel. Ohne Mittel, ohne Tittel, ein Herr _von_ -- _von nichts_ sag' ich Ihnen.

Das sind die Schlimmsten --

Ein redliches Gemüth übrigens --

Heuchelschein! Dem sollten Sie das Haus verbiethen!

Ey bewahre! Herminchen sieht ihn nicht ungern, und wer ihr zusagt, den nehme sie. Die Bräute sind wie Lämmer zu betrachten, die zur Schlachtbank geführt werden; wie arme Sünderinnen denen denn, nach hergebrachter, christlicher Sitte, jedes billige Verlangen allerdings zu gewähren ist. Um ihrer selbst willen nimmt sie ja doch keiner. Den einen kirrt der Mutterwitz, den andern ein Grübchen, den dritten nichts besseres: Sie und Ihres Gleichen -- solide Leute mein' ich -- die Mitgift. Und was wird ihr denn für die und für jenes? Evens Erbtheil! die herbe Knechtschaft, Schmerz und Jammer. Wir gehen indeß ein bischen da- ein bischen dorthin und gehaben uns wohl.

Hermine hüpfte jetzt herein, an dem Freyer vorüber zum Onkel hin, welcher nach einem leisen, scherzhaften Wortwechsel das Zimmer verließ. Sie wollt' ihm folgen als Herr Merker unter steifen Verbeugungen ihren Arm ergriff und Anstalt zu einem Handkuß machte. Das Mädchen zog den Arm zurück, er folgte ihr mit gespitztem Munde, bald tief hinab, bald in die Höhe nach und immer lauter lachte sie, und immer schneller flog die Hand bald rechts, bald links um seinen Scheitel. Der Geneckte ließ jetzt ab; doch stampfte er ein wenig mit dem Fuße. Hermine zog einen niedlichen Pantalon aus dem Ridikül, bedeckte ihn mit Küssen, nannt ihn mit süßen Nahmen, ließ das Männchen aus ihrer Hand in die seine hüpfen und sprach »Den bescheerte mir der heilige Christ.«

Herr Merker sah in dem Sprunge des Püppchens ein Merkzeichen ihrer Gunst. »Da hab ich mich besser angegriffen!« rief er, an seine Tasche schlagend.

Wahrhaftig? O, ich glückliche. Und das konnten Sie über sich gewinnen?

Was seyn muß, muß seyn! sprach er mit Achselzucken.

Nun, so bescheeren Sie denn! Wir werden ja sehen. Die Gabe schildert den Geber, sie ist das Probemaß seines Geschmacks, und seiner Empfindungs-Weise.

Für's erste »hob er an« etwas Sammt zu einer Besetzung, und der ist _extra_, Theuerste! Dann diesen Ring; ein Erbstück von der seligen Großmutter. Solche Kleinodien machen sich rar. Endlich und zuletzt einen sogenannten Koselschen Gulden den ich in Ihrer Münz-Sammlung vermißte -- Wenig mit Liebe. Nehmen Sie! Ohne Widerrede!

Das Mädchen ließ den Sammt auf die Tafel, den Ring in seinen Hut, und das seltene Kabinets-Stück zu Boden fallen, drehte sich unter einem hellen Gelächter um ihre Achse und verschwand.

Herr Merker wußte nicht wie ihm geschah. Ein sauberes Lamm! »sprach er endlich« Ey wenn Du doch heute noch auf die Schlacht-Bank geführt würdest!

Drittes Kapitel.

Ein Anbether folgte heute den andern, doch Hermine ließ sich verläugnen, sandte ihre Kains Opfer zurück und sah vergebens bis zum Abend dem einzigen Willkommenen entgegen. Woldemar ließ sich nicht blicken. Sie zögerte mit dem Nacht-Essen, sie eilte von Minute zu Minute ans Fenster und als der Onkel endlich zu Bette ging, voll Mißmuth in ihr Schlafgemach. »Der Undankbare!« schalt das Mädchen und warf den Ueberrock ab. »Der Bestandlose!« fuhr sie fort, und löste mit Ungestüm die Schleifen. »Der Verblendete!« setzte sie seufzend hinzu und nahm jetzt befremdet eine wächserne Papagena wahr. Lächelnd saß das Püppchen unter dem Spiegel; es lag ein Notenblatt zu seinen Füßen. _Er ist Dir nah!_ sprach der Text --

Er ist Dir nah, er lauscht am Freuden-Quelle. Des Kühnen Muth, der Sehnsucht heiße Welle, Der Liebe Schmerz dräng ihn zur stillen Zelle In's Heiligthum der Zauberin.

Hermine ließ das wahrsagende Blatt fallen und warf bestürzt ihre leuchtenden Augen umher, da rauschte der Vorhang des Alkovens und Woldemar trat, einem Genius gleich, aus dem Dunkel. Sie wollt' ihrem Mädchen rufen, wollte zürnen, wollte fliehen und floh -- in seinen Arm. »Tollkühner!« stammelte sie unter den Küssen des Jünglings. Er zog die Liebliche an's Herz, ihre Thränen bedeckten ihn; sie verbarg das glühende Gesicht an seiner Brust. »Mein also?« rief er aus. »O himmlische Weih-Nacht!«

Viertes Kapitel.

Früher als zu fürchten stand, ging Merkers letzter Segen in Erfüllung. Woldemar kehrte spät genug von dem Freuden-Quelle zurück; seine Wangen brannten, seyn Herz bebte; er sah begeistert zu den verblichenen Sternen auf, im Morgenroth die Farbe der Braut, im Wolkenflug den Tanz der schönsten Horen: entzückende, bedeutungsvolle Träume reiheten sich an die selige Wirklichkeit und auch diese erschien ihm, als er am hohen Mittag erwachte, nur wie ein Trugbild des Phantasus, denn die feurige Welle deren das Notenblatt gedachte, trug ihn weit über die Grenze seines Willens und seiner Erwartung hinaus.

Gestern erst hatte der Verschlossene, von dem Adjutanten gedrängt, einige Worte über das Geheimniß seines Herzens verlohren. Jetzt war der Wurf gelungen, jetzt sollte Julius sich mit ihm freun, jetzt sollte der Wildfang in Herminens Nähe geführt, von ihrer Anmuth gewonnen, von ihrem Werth ergriffen, erleuchtet von dem Himmelsglanz dieser Seele, zu dem längst verscherzten Glauben an die sittliche Güte des bessern Geschlechtes zurückkehren. Lästige Besuche hielten ihn fest, es war schon Abend, als Woldemar in des Freundes Behausung kam. Zwar fand er sie verschlossen, aber er hatte Licht gesehn, schlich, vertraut mit den Zugängen durch eine Hinterthür und trat, überraschend genug, in's Kabinet. Julius sprang aus dem Arm eines Mädchens empor, das sich laut schreiend aufraffte und durch die offene Thür entfloh. Woldemar stürzte ihr nach. »Hermine!« rief er, aber sie war unter dem Schutze der Nacht verschwunden. Er stand erstarrt auf offener Straße. Daß sie es war, litt keinen Zweifel, der Irrthum lag ausser dem Gebiete der Möglichkeit. Er hatte ihr Gesicht gesehn, jeden Zug unterschieden. Das war ihr Hauskleid, das ihr Palatin und das sein Liebling unter ihrem Häubchen.

»Du Störenfried!« sprach Julius der ihm gefolgt war. Sage mir »fragte Woldemar« auf Deine Seele frag ich Dich, war das die Wahl?

Julius schwieg betroffen still. Sie war's! gestand er endlich. Sie war's? rief jener aus und schlich sich heim. Der Zustand seines Gemüths kann leichter empfunden als beschrieben werden. Unglücklicher »sprach sein Gewissen« wie mancher Pflicht hast Du entsagt, wie manches Glück verschmäht, wie manche Blume der Jugend hingeworfen, um der Eigensucht deines Götzen, den Launen einer Buhlerin zu fröhnen! Der Adjutant unterbrach dieses heilsame Selbst-Gespräch. Noch immer »sagte er« läuft Dir das Glück nach. Ich komme jetzt um anzufragen, ob Dich die räthselhafte Göttin deren Du gestern gedachtest auch heute noch am Ziegel hält? Woldemar wendete sich schaamroth ab. Jener drehte ihn schnell um seine Achse, sah ihm tief in die unstäten Augen und sprach »Täuscht mich nicht alles, so ward die Fee zur Furie, oder zur Hexe, oder zum unerbittlichen Schicksal. Hin ist hin! Ermanne Dich, tritt zu den Freykorps. Der Würgengel ist ein wohlthätiger Genius, der alle diese zwerghaften Quälgeister des Stilllebens austreibt und die entarteten, verzauberten Männer von dem Rocken ihrer Omphale losschließt; das Bett der Ehre ist reitzender als das der Schäferin, und der Riese der Gefahr minder furchtbar als eine schmollende Tyrannin mit dem feindseligen Gesindel ihrer Grillen.«

Führe mich zum General, »fiel Woldemar erheitert ein« ich bin der Deine. Mit Freuden weih ich mich von nun an dem Tode.

Schlag ein! »entgegnete der Adjutant, und drückte ihn an seine Brust.« Hand in Hand zum ernsten Waffentanze! Bestelle Dein Haus, wir gehn nach wenigen Stunden zur Armee ab.

Fünftes Kapitel.

Als Julius am Morgen der schlaflos hingebrachten Nacht zu dem Freund eilte, um sich von der eigentlichen Triebfeder seines gestrigen Ueberfalls und Benehmens zu unterrichten, klopft' er lange ungehört an alle Thüren. Endlich kam der Wirth herbey, beklagte den Verlust eines so lieben Hausgenossen, erzählte dem Baron, daß ihm Woldemar einige Koffer in Verwahrung gegeben und vor Tage noch mit Extrapost abgereist sey. Dieser bestand auf einem Briefe, welchen sein Freund nothwendig für ihn zurückgelassen haben müsse und vermochte den Wirth die Zimmer zu öffnen, doch fand sich nirgends ein solcher vor, wohl aber lag Herminens Schattenriß zerrissen am Boden. Julius begriff so wenig wie sich dieß Bild zu dem Geflohenen, als gestern Woldemar, wie das Original in die Arme des Barons sich habe verlieren können. Erblassend las er die Stücke auf und kehrte, jenem gleich, von Mißtrauen, Aerger und Argwohn gefoltert, zurück.

Woldemar zog indeß in Erinnerungen an den kurzen Göttertraum seines Lebens versunken, dem fernen Ziele der neuen Bestimmung entgegen und verwünschte diese bereits, als er sich, um ihm die nöthigen Vorkenntnisse zu verschaffen, im Rücken der Armee, bey dem Depot des Regiments angestellt sah. Die Edelfrau des Rittersitzes auf dem man ihm sein Quartier anwies, empfing den erstarrten, mit Eis und Schnee bedeckten Officier aufs wohlwollendste und führte ihn unter herzlichen Aeußerungen von Theilnahme in ein freundliches Stübchen, das mit allen, lang entbehrten Bequemlichkeiten versehen war. Ueberall sprachen ihn Bilder des Friedens, Symbole eines schön geordneten Lebens an; er sah in der gütigen Baronin seine selige Mutter, in dem holden, geschäftigen Fräulein den Schutzgeist des Hauses, in ihrer reitzenden, geistvollen Gesellschafterin den traulichen Genius der Freundschaft. Die Wolken des tiefen, lang genährten Unmuths brachen sich, ein heller Sonnenblick fiel in sein Herz.

Woldemar eilte, sich umzukleiden und wartete der Baronin auf. Sie nahm das Wort, unterhielt ihn von den unseligen Früchten des Kriegs, von den Schrecken die er verbreitete, von der Angst in die er sie schon oft versetzt, von dem hoffnungsvollen, einzigen Sohne, den ihr die erste Schlacht geraubt habe. Der Zuhörer hatte indeß bald zu dem Flügel auf dem Auguste nur einzelne, leise Töne anschlug, bald an den Nähtisch der Gesellschafterin hingesehen, hatte des Fräuleins blonde Locken mit Julianens schwarzen Flechten, ihr blaues, himmelreines Auge mit diesen dunkeln, misterischen, Augustens zarten, wie von Geisterhand gewebten Bau mit der üppigen Fülle der Frau von Wessen verglichen, die ihm jetzt als die Wittwe des Gefallenen vorgestellt ward. Auguste hörte kaum des verlohrnen Bruders gedenken, als ihre Hand unwillkührlich ein Adagio anschlug; schnell aber zog sie sich zurück, um den Perlen des schwesterlichen Thränen-Opfers zu begegnen: Frau von Wessen hingegen nähete gleichmüthig fort und sprach mit süßem Silberton »O, lassen wir ihn ruhn, _ma mere_! Welche Hölle wird das Leben, wenn uns der schwarze Geist der Vergangenheit die Genüsse der Gegenwart verkümmern darf. Ich für meinen Theil habe mich gewöhnt jeden Abend aus der Lethe zu trinken, um mit jedem Morgen zu einem neuen Leben aufzustehen.«

Auf diesem Wege »entgegnete Woldemar« wird uns der schwarze Geist allerdings immer gerüstet finden und keine lächelnde Hore ungenossen vorüber fliehen. Verständ' ichs nur mich an den heiligen Strom zu betten.

»Der Wille macht ihn dienstbar« entgegnete Julie.

»Der Leichtsinn vielmehr!« fiel die Baronin ein.

»Die göttliche Gabe!« erwiederte jene. Wir klagen fort und fort ein Schicksal an, daß nur den Feigen geißelt und verfolgt. Aber man ziehe doch -- es gilt den Versuch -- jede vorschnelle Sorge für die Zukunft, jede unnütze Nachwehe der Vergangenheit, jede Distel des ziellosen Stunden-Kummers aus dem Strauß eines Jahres, und ich bin gewiß daß uns der freundliche Rest mit den wenigen, unvertilgbaren Dornen versöhnen wird.

Die Baronin, welche nach Art allezeitfertiger Kreuzträgerinnen Geschmack am Leide, Zerstreuung in der Klage, Genuß im Kummer fand und wie jene der Hoffnung lebte, dort um so herrlicher zu prangen, je demüthiger und zerknirschter sie sich hier unter der Hand Gottes gekrümmt habe, bewies in einer ausführlichen Gegenrede die Unzureichbarkeit dieses Receptes. Auguste blätterte in ihren Noten, Woldemar aber warf bereits, dem Rathe gemäß, den verdächtigen Freund und die tugendlose Braut aus dem Kranz seines Lebens, um ihn durch jene glühende Rose und dies liebliche, mit dem Himmelsthau der Thränen bedeckte Veilchen zu ergänzen. Selbst seine Anstellung bey dem Depot, vorhin eine Quelle des Mißmuths, ward jetzt als eine göttliche Schickung ganz ohne Murren hingenommen und der liebenswerthe Gast kehrte erst spät am Abend, von dem Wohlwollen der Töchter und dem Zutrauen der Mutter begleitet, in das heimliche Stübchen zurück.

Sechstes Kapitel.

Schnell genug »schrieb ihm Julius bald darauf« hat sich das seltsame Räthsel, welches uns entzweyte und den friedlichen Schäfer zum Wehrwolf machte, gelöst. Der Freund eilt deshalb, den unschuldigsten aller jetzt lebenden Freybeuter mit Aufschlüssen zu versehen, die Dich ohnfehlbar aus dem eisernen Felde an das Herz einer viel süßern Beute zurückführen werden.

Ich kam, wie Du weißt, im November von Paris zurück, bezog mein gegenwärtiges Quartier, stellte mich aus angestammter Galanterie den sämmtlichen Hausgenossen vor und fand im Laufe dieser Arbeit einen Schatz der weder von Tanten noch Riesen, noch Drachen bewacht, des Schutzes dennoch mehr als einer bedürftig schien. Das einsame Mädchen ließ mich zu wiederholten Mahlen die Schelle ziehen. Sie sah, (ich merkte es deutlich) durch's Schlüßelloch, öffnete endlich, im Glauben an die Arglosigkeit, welche ich während dieser Besichtigung auf Stirn und Lippe treten ließ, das enge Dachstübchen, führte mich über eine Saat von Flohr-Schnitzeln zu dem einzigen Stuhle hin und nahm, dem Gaste gegenüber, auf ihrem Bettchen Platz. Ich verglich sie nach den ersten Begrüssungen der Perl, die des Zufalls Laune in eine unscheinbare Wohnung vergräbt, sie aber bestand darauf nur ein Blümchen zu seyn, das des Zufalls Spiel vor kurzem hergeweht habe. Ein Wort veranlaßte das andere, meine Theilnahme erweckte Vertrauen, die reiche Stickung meines Kleides Hoffnungen auf einen Engel vom Himmel, und so erfuhr ich denn, daß die bildschöne Putzmacherin ein Kind der Liebe, daß sie um gewisse Rechte geltend zu machen, hieher gekommen sey und sich bis zu Austrag dieser Angelegenheit von der Arbeit ihrer Hände nähre. Du glaubst nicht wie reitzend Therese durch dieß Geständniß in meinen Augen ward, mit welcher Schonung, welchem himmlischen Erröthen sie ihrer Mutter, in wenig leisen, kaum vernehmbaren Tönen jener Schwäche zieh, wie sichtlich es ihr weh that, vom jungfräulichen Zartgefühl gebunden, den Fehltritt, welcher der Erde eine Grazie gab, unentschuldigt lassen zu müssen. Ich that es jetzt an ihrer Statt, und gebehrdete mich so ehrbar und zierlich wie der Engel der Verkündigung in alten Comödien. Auch wollte Therese bereits von der Frau Wirthin eine Schilderung meiner mannigfaltigen Vorzüge vernommen haben, und es kostete mir nicht wenig, die Frau Hausbesitzerin der Partheylichkeit zu bezüchtigen. Jetzt gab es endlich eine Pause. Sie machte, des Lebewohls gewärtig, eine leise Bewegung, ich aber hielt noch unverrückt das Wasserglas und zwey Semmel-Schnitten, wahrscheinliche Reste ihres Mittags-Mahls im Auge und vermißte zu meinem Verdruß den kecken Muth mit dem ich oft so mancher ihrer Schwestern einen viel zweydeutigern Beystand geboten hatte. Es gibt »sprach ich endlich im Ton der Weihe« es gibt der Wölfe die im Schafskleid, der Satans Engel, die im Lichtgewand guter Genien einhertreten, so viele -- so viele -- daß -- »Ein Blick in ihre hellen, lauschenden Augen brachte mich so schnell um die Folgerung, daß ich in der Verlegenheit, mit der Hand einen Gedankenstrich durch die Luft beschrieb, und kleinlaut fortfuhr« Kurz und gut! Sie dürfen mich unbedenklich als einen Vormund ansehen, der Ihnen das väterliche Erbtheil schuldig blieb. Meine rechte Hand faßte während der großmüthigen Erklärung die ihre, die linke warf einige Dukaten in das halbvolle Wasserglas. Ich sah; ich setzte vielleicht sogar -- Du glaubst mir das aufs Wort -- schon manches Mädchen in Verlegenheit, doch sah ich keine je in einer reitzendern. Sollte sie um den Vorschuß zurückzugeben, den Gesetzen des Anstandes entgegen, vor meinen Augen Fischerey treiben? Die kleinen Finger reichten, es sprang ins Auge, nicht zu dem Gold hinab; dazu machte der reine Mangel an Gefäßen die Entfernung des überflüßigen Wassers ohnmöglich, und der gütige Geber war verschwunden als sie noch im Kampfe zwischen Schaam und Bedürfniß, wie Eva vor dem Gold-Fruchtbaum stand. Erbaut von dieser guten That, wie mein Herz sie zu nennen beliebte, gelob' ich mir noch auf der Treppe nie mehr als ihr Vormund werden zu wollen, und treffe im Vorsaal auf den Jäger des Vaters, der mich an sein Sterbebett bescheidet.

Ich eil' auf das Gut, find ihn im Sarge und im Gefolge seines Todes eine Masse von Geschäften, die mich dort bis Weihnacht festhält.

Vergessen ist Therese, der Gedank' an sie ging in den Wunden des Verwaisten, im Würbel ernster Zerstreuungen unter; eine süße Erinnerung spricht mich bey der Rückkehr in meine Wohnung an. Ich gedenke der gelobten Vormundschaft, widerrathe mir, den neulichen Besuch zu wiederholen und sinne eben auf Mittel sie durch die dritte Hand mit einem Weihnacht-Geschenk zu erfreuen, als man leis an meine Thüre klopft. Sie thut sich auf, ein Engels-Köpfchen sieht in's Zimmer. Sind Sie allein? fragt ihre Flöten-Stimme und Therese steht vor mir. Ich schiebe, des Bedienten wegen, ihr unbewußt den Riegel vor und führe, betroffener als sie selbst, die schüchterne, zitternde Taube zum Sopha.

Zu Ihnen »flisterte sie und drückte schneller als ich dem wehren konnte, meine Hand an den rosigen Mund« Zu Ihnen darf sich wohl ein Mädchen wagen?

Ich gestehe Dir, Woldemar, daß mein neuer Adam, eingedenk jenes Gelübdes, sich jetzt ein wenig überhob und schon im Geiste die süßen Zinsen abwies, die mir die gewissenhafte Schuldnerin ganz augenscheinlich entgegen trug; daß mich daher die Schaamröthe um so brennender überlief, als sie jene Goldstücke in die Hand des Lehners drückte, und mit sichtlicher Rührung sprach -- Der gute Geist der mir diesen Helfer erweckte, hat meine Sache geführt; hat mich in einer gefürchteten Feindin, eine großmüthige Wohlthäterin finden lassen --

»Wohl nur einen Wohlthäter?« unterbrach ich sie, von dem grämlichsten Unmuth übereilt, mit satirischem Lächeln. Therese sah mich schwer beleidigt an -- so ohngefähr wie ein Engel den verhärteten Sünder fixiren würde, und helle Wemuthsthränen fielen jetzt aus ihren Augen. Sie fielen in mein Herz, es bat um Verzeihung; einem Verzückten gleich, sprach ich von dem Sonnenglanz ihrer Unschuld, schlang den Arm um Theresens Nacken und plötzlich standst Du, einem Nachtgespenst gleich, vor der heiligen Gruppe. Das Mädchen entsetzt sich, springt nach der Thür, flieht auf ihr Zimmer. Ich stürze Dir nach, erstaunt über den lebhaften Antheil den Du an meinem Schützling nimmst. Ich sehe in diesem Ueberfalle das Treiben der Eifersucht, und überzeuge mich des Angstrufs eingedenk mit dem sie fortstürzt, um so schneller, daß diese Heilige nur eine Heuchlerin, und Du selbst die vorgebliche Wohlthäterin seyst. Sie zu entlarven eil ich nun nach ihrem Zimmer, es ist verschlossen; ich höre sie schluchzen: vergebens drängen sich meine Beschwörungen durch das ansehnliche Schlüsselloch. Ich sehe jetzt hindurch, sehe das Mädchen auf seine Knie hingeworfen, die Hände gefaltet zum Himmel erhoben, und in allen dem nur das Spiel einer Kokette die sich bemerkt weiß. Mein Argwohn wird, als ich am Morgen Theresens Schattenriß zerstückt in Deinem Zimmer finde, von neuem zur Gewißheit. Ich schreib' ihr, lege die Stücke des Bildes bey, nenne sie einen Satans-Engel; zerreiße den tobenden, halb fertigen Straf-Prediger, schreib' einen zweyten, verbrenne die Kriegs-Erklärung und zwinge mich endlich zu dem dritten, bescheidenern, auf welchen mir am folgenden Morgen die beyliegende, das Räthsel erfreuend auflösende Antwort zukam. Du kannst denken, guter Woldemar, wie feurig meine Reue, wie viel beschämender noch als die gestrige, meine heutige Abbitte war --

Siebentes Kapitel.

So weit hatte Woldemar gelesen und still ergrimmt der Fabel gelacht mit der man ihn jetzt, einem Kinde gleich, verblenden wollte, als plötzlich in der Nähe Schüsse fielen. Er sah die Besatzung des Dorfs in regellosen Haufen dem Schlosse zustürzen, warf den Brief samt der ansehnlichen, noch ungelesenen Beylage auf den Tisch, griff zu den Waffen und eilte in den Hof hinab.

Der Feind! rief ihm Frau von Wessen aus dem Keller-Halse nach; ohnmächtig lag Auguste vor der Treppe. Er trug sie in den Arm der Schwägerin. Der Feind! riefen die herbeyströmenden Rekruten und Woldemar rief nach dem Hauptmann. Den aber hatte bereits eine Kugel getödtet und alles floh nun dem Neuling zu.