Der Wehrwolf: Eine Bauernchronik
Chapter 9
Der Säugling, der gerade einen großen Krug Honigbier durch seinen langen Hals hatte rutschen lassen, lachte wie eine Kuckuckin: »Verdammig, das tu ich! Wozu sind denn die Menscher da? Und überhaupt und so, was ein forscher Kerl ist, der Kurasche hat, der wird nicht erst acht Tage herumpiepen wie ein Lüning. So 'n bißchen Zureden das hilft schon,« sagte er und klappte seine Hand auf und zu, wie ein Stoßhabicht die Krallen.
Unter der Tür stand Thedel und sah ihm in den Nacken. Dem Wulfsbauern lief es kalt über den Rücken, als er den Blick sah, den sein Knecht nach dem Halunken hinschmiß; ihm war, als prahlte da kein lebendiger Mann mehr, sondern ein toter Leichnam. Und nun fing der Kerl noch an zu singen, und er lachte dabei, als er quiekte: »O Galgen, du hohes Haus, du siehst so gräsig aus, so gräsig aus; ich seh dich gar nicht an, denn ich weiß, ich komme dran, ja, ich komme dran.«
Der Bauer ging in den Hof, denn Viekenludolf hatte mit der Zunge geklappt. »Bald ist der Haber reif zum Schneiden,« sagte der Rammlinger; »er läßt den Kopp schon hängen.« Er sah nach dem Himmel. »Es klärt sich auf; noch eine Lage Met und sie laufen hinter uns her wie die Hennen hinter dem Hahn.« Er klopfte seine Pfeife aus: »Morgen früh um sieben Uhr sind wir auf der Haide ober dem zweiten Dorfe.« Er stopfte die Pfeife und ließ sich von Harm ein Krümel Feuer geben. »Schweres Stück Arbeit, solche Sauflöcher um den Verstand zu bringen, kann ich dir sagen!«
Der Wulfsbauer machte seine Zeche glatt und ging gegenüber zum Juden, wo er so lange auf eine Brustnadel handelte, bis Flebbendiedrich und der Wennebosteler Wulf und Duwenhinrich fortritten, und dann ritten Viekenludolf und Aschenkurt fort und hatten die beiden Männer zwischen sich, die nicht merkten, daß hinter einem jeden von ihnen sein leibhaftiger Tod aufgesessen war, denn sie juchten und bölkten das Lied vom Butzemann, der im Deutschen Reiche umgeht.
Als sie schon um die Ecke waren, hörte der Peerhobstler sie noch kriejöhlen: »Der Kaiser schlägt die Trumm mit Händen und mit Füßen«, und daß die Kinder ihnen nachschrien: »Duhnedier, Duhnedier!«
Dann brach er den Handel ab, bezahlte, was der Jude angeschlagen hatte, wofür dieser ein Mal über das andere Mal den Rücken krumm machte, und da kam der Knecht auch schon mit dem Schecken aus der Einfahrt.
Der Bauer stieg steif in den Sattel und ritt, als wenn er zum ersten Male einen Pferderücken zwischen den Beinen hatte, aber so wie er das Torgeld los war, setzte er sich in Trab und war bald hinter den Reitern. Im Schillersläger Kruge verhielt er sich ganz ruhig, aber als er auf seiner Strohschütte lag, konnte er nicht viel schlafen, denn er hatte alle seine Gedanken da, wo seine Frau war.
So war er schon bei fünfe in den Stiefeln. Thedel saß vor der Türe des Stalles, in dem die beiden Halsabschneider schliefen. Er grieflachte: »Der eine ist schon eine Weile munter und vernüchtert hat er sich auch, und wenn er nicht einen alten Scheuerlappen im Maule hätte, würde er eine schöne Schande machen, dieweil ich ihm die Ärmel vor den Händen zugebunden habe, und vom Estrich kann er auch nicht, weil da ein Ring auf der Kellerklappe ist und da ist ein Strick an, und den hat er um das Leib.« Er spuckte seinen Priem aus: »Der andere hat gestern noch so viel Honigbier gesoffen, daß er überhaupt nichts von sich weiß, und ich glaube, vor heute abend ist er nicht so weit, daß wir uns mit ihm befassen können.«
Der Wulfsbauer ließ sich Suppe und Brot geben, rauchte zwei Pfeifen aus und schickte bei sechse Thedel voran. Um halbig sieben kamen etliche Bauern angeritten, klappten mit den Peitschen, bis der Wirt herauskam, taten so, als sähen sie den Peerhobstler nicht, tranken ihr Warmbier im Sattel und ritten weiter. Dann knarrte ein Wagen, der Knecht knallte dreimal schnell hintereinander und viermal in Abständen und pfiff: »Zieh Schimmel, zieh, im Dreck bis an die Knie.« Aus dem Hause rief Viekenludolf: »Jochen, kannst mich ein Ende mitnehmen; ich habe kleine Füße von eurem Bier gekriegt!« Da stand auch Harm auf: »Mir geht es nicht anders; nimm mich auch mit; auf eine Handvoll Tabak soll es mir nicht ankommen.« Er setzte sich auf das Schütt und sah vor sich in das Wagenstroh, das ab und zu hin und her flog, und aus dem mitunter ein Ton kam, als wenn ein Schwein darunter lag.
Noch saß der Nebel in der Haide. »Das wird ein schöner Tag,« sagte der Knecht; »die Wettmarer Musiker blasen,« denn man hörte die Kraniche vom Moore her lauthals prahlen. Eine Anbauerfrau sah den Wagen kommen, nickte und sagte: »Na, denn sieh man zu, Jochen, daß du deine Schweine gut los wirst!« Ein Rauk rief aus dem Nebel; das Wagenstroh ging hin und her. »Hast den schwarzen Bruder gehört?« fragte der Rammlinger den Knecht; »die Raben kriegen es heute gut!« Aus dem Stroh kam ein Grunzen. Ein Reiter trabte vorbei, noch einer und hinterher ein dritter. »Nach 'm Schweinemarkt?« riefen sie dem Knecht zu. Der nickte und griente.
Alle hundertundelf Wehrwölfe und meist ebenso viele Boten standen um den Haidberg. Als der Wagen angefahren kam, ging ein Gemurmel reihum. Der Nebel teilte sich und fing zu tanzen an, und da wurden zwei Fuhrenbäume sichtbar, denen die Kronen abgehauen waren und die oben ein Querholz hatten, das sie zusammenhielt; daran hing links ein toter Hund und rechts ein verrecktes Schwein, und dazwischen waren zwei Stricke, die bis auf den Erdboden reichten. Um beide Bäume war ein Kranz von Steinen gemacht, der vorne offen war, und in jedem Stamm war die Wolfsangel aufrecht eingehauen, so daß sie offenbar zu sehen war.
Der Knecht nickte den Männern zu, schrie »Prrr!« band die Zügel an, stieg ab, spuckte aus, ging langsam hinter den Wagen, zog das Schütt fort, winkte zwei Männern zu und dann zog er einen Sack unter dem Stroh weg, der sich bewegte, und die Männer halfen ihm, ihn auf den Boden zu legen, und bei dem anderen auch. Der Wulfsbauer und Viekenludolf waren abgestiegen und dahin gegangen, wo Meine Drewes stand; er hatte zwei abgeschälte Weidenstöcke in der Hand. Er winkte und es war so still, wie in einer leeren Kirche.
Alle die zweihundert Männer sahen dorthin, wo die Knechte die Säcke aufbanden, die beiden Männer herauszogen und ihnen die Fußkoppeln abbanden, sie auf die Beine stellten und bis vor den Oberobmann brachten, nachdem sie ihnen die Lappen aus dem Munde genommen hatten. Kein einer ließ einen Laut hören, sogar Niehusthedel nicht, der mit dem Wulfsbauern voran stand und ein Gesicht machte wie ein Untier. Vierhundert Augen sahen kalt auf die beiden Erzhalunken, die dastanden und vor Todesangst und Katzenjammer wie Espenlaub beberten, aber keinen Ton herausbrachten.
Der Oberobmann sah ihnen in die Gesichter und fing an: »Als Obmann der Wehrwölfe habe ich euch entboten zu einem offenen und gerechten Ding auf roher Haide und gemeinem Lande, weil wir das Recht sprechen wollen ober diese beiden Männer. Wer hat wider sie etwas vorzubringen?«
Der Wulfsbauer stellte sich vornehin: »Ich verklage sie auf den Feuertod meiner Ehefrau Rose gebürtigen Ul aus Ödringen und derer und meiner unmündigen Kinder Hermke und Maria Wulf, und wegen Brandstiftung, Raub und Diebstahl an totem und lebendigem Gut.«
Er ging zurück und Thedel stellte sich an seinen Platz und rief: »Ich verklage sie auf den Feuertod meiner Schwester Alheid Niehus aus Ödringen, eines Waisenkindes, noch nicht fünfzehn Maien alt!«
Er ging zurück und machte Viekenludolf Platz, und der schrie: »Ich verklage sie im Namen von ehrbaren Jungfrauen, Witfrauen, Schwangeren und Wöchnerinnen, unschuldigen Mädchen und unmündigen Kindern, Kranken und Schwachen, an denen sie sich vergriffen haben. Ich schreik Hallo über sie und abermals Hallo und zum dritten Male Hallo und Hallo und Hallo und Hallo, und will es mit sieben Eiden beschwören, daß sie siebenmal und siebzig den Tod verdient haben nach dem, was sie mir gestern mit ihren eigenen Mäulern im Kruge zu Burgdorf in ihrer dummen Besoffenheit verzählt haben.«
Der Obmann sah sich um: »Ist einer da, der noch etwas vorzubringen hat gegen diese Männer oder der für sie ein Wort einlegen will? Hier darf ein jeder frei reden, ohne daß es ihm nachgetragen wird.«
Es wurde ganz still in der Runde. Die Sonne kam heraus und beschien die zweihundert Gesichter der Männer; sie waren alle wie aus Stein. Eine Krähe flog vorbei und quarrte, und in den krausen Fuhren lockten lustig die Meisen.
Die dreimal elf Unterobmänner sonderten sich ab und murmelten durcheinander; dann ging einer von ihnen zu dem Oberobmann hin und sagte ihm etwas.
»Dennso haben wir befunden,« sprach der Richter, »daß sie beide um ihre Hälse eine Wiede haben sollen und aufgehängt werden sollen sieben Schuh höher, denn ein gemeiner Schandkerl, und zwischen den Äsern von einem verreckten Köter und einer gefallenen Sau bis sie tot sind, und es soll sich keiner getrauen und sie abnehmen und bestatten, wenn es ihn nicht gelüstet, an ihre Stelle zu kommen!«
Er brach den einen Stock und warf ihn hinter sich und den anderen und gab die Wieden hin, und da fiel der Säugling auf die Knie und schrie: »Erbarm',« denn weiter kam er nicht, weil er die Wiede schon über dem Adamsapfel hatte, und das Heilige Kreuz hatte knapp gewimmert: »Noch einen Augenblick, mir ist so schlecht!« da stand er schon mit der weidenen Krause um die Strosse zwischen den dreimal elf Männern unter der Feldglocke; ehe die Krähe dreimal geschrien hatte, schwenkte der Wind sie hin und her, und dazu das Brett, das ihnen zwischen die Hände gebunden war und auf dem zu lesen stand: »Wir Sind di Wölwe 1 Hundert und Elwe. Dis sind 2 Hunde und 2 Schweine. Sie Sind ganz obereine.«
Der Steinkreis wurde geschlossen. Die Männer gingen weg. Der Wulfsbauer hatte das Kinn auf der Brust. Thedel sah noch einmal zurück und Viekenludolf sagte, indem er nach dem Galgen hinwies: »Kiek, Thedel, deine Hochzeitsglocken läuten!« Aber Thedel antwortete nicht und ging hinter Wulf her.
Als sie beide durch die Fuhren ritten, sagte der Bauer: »So, und nun wollen wir da nicht mehr dran denken, Thedel! Wannehr willst du freien? Am liebsten wohl gleich heute? Na, von mir aus kann es losgehen; bringe man alles in die Reihe! Oder hast du das all?« Er sah sich um und lachte, denn der Knecht hatte die Sonne im Nacken und deswegen waren seine Ohren so rot anzusehen, wie an dem Morgen in der Jeverser Haide, als Grieptoo das Mädchen fand.
»Und jetzt, Galopp, Buntscheck!« rief Harm seinem Pferde zu, und sie flitzten dahin, daß die Plaggen nur so flogen und die Tüten hinter ihnen herschimpften. Der Bauer dachte an seine Johanna und der Knecht an seine Hille, und eine Stunde später standen die Pferde vor den Krippen.
Am anderen Tage hatte der Bauer blanke Augen und sein Knecht erst recht. Sie fuhren nach der Wüste, denn sie wollten da junge Obstbäume, und was da noch zu gebrauchen war für den Garten, ausgraben. Als Wulf sich über Mittag hinter einem Busche die Augen wärmte, stöberte Thedel in dem Schutt herum. Er fand allerlei Geschirr, das noch gut zu gebrauchen war, desgleichen Äxte und anderes Gerät, und als er die schwarzen Balken fortzog, auf denen schon allerlei Moos wuchs, schlug er mit der Hacke auf Eisen. Er hatte den Kesselhaken des Wulfshofes gefunden, ein Prachtstück, wie es weit und breit kein zweites gab, auf dem oben am Kopfe die Wolfsangel, die Hausmarke der Wulfsbauern, eingehauen war; darunter aber stand zu lesen: Ao 1111 Do.
»Das ist mehr wert, als wenn du hundert Taler in Gold gefunden hast, Thedel,« sagte der Bauer, »und dafür will ich dir ein Haus hinstellen mit allem, was dazu gehört. Denn ich will dir etwas sagen: Knecht bist du jetzt lange genug bei mir gewesen. Wenn du mir in der Folge in der hillen Zeit mit deiner Frau helfen willst gegen das übliche Lohn, so bin ich das sehr zufrieden. Ich habe mir das aber nämlich lange überdacht: geradeso, wie ich nicht der Lehnsmann des Edelherrn sein will, sollst du auch nicht mein Hausmann sein. Du bist mir mehr als ein getreuer Knecht gewesen diese schlimmen Jahre über, und es ist nicht mehr als recht, daß du jetzt dein eigener Herr wirst, vorausgesetzt, daß du vor deiner Hille die Hosen zu wahren weißt.«
Thedel brummte etwas vor sich hin, als wenn ihm der Bauer das Bett vor den Hof gestellt hätte, aber als er ausgespannt hatte, konnte er gar nicht schnell genug nach seinem Mädchen kommen, und als er zurückkam, da flötete er wie unklug. Dann setzte er sich hin und scheuerte mit Wasser und Asche den alten Kesselhaken ab und hatte nicht eher Ruhe, als bis er da hing, wo er hingehörte.
Dann aber griff er die Arbeit an, wie der Fuchs den Hasen, und obzwar der Bauer nicht wußte, wo der Knecht die Zeit zum Essen und Schlafen hernahm, so wurde Thedel mit jeder Woche runder im Gesichte und der Bart wuchs ihm zusehends. Seine Hille ging aber auch nicht schlecht auseinander, so daß der Bauer sagte: »Mädchen, wenn du so bei bleibst, dennso brauchst du das doppelte Zeug für den Rock und wirst deinem Thedel eine teuere Frau.« Hille aber lachte und grub darauf los, als wenn der Boden die reine Butter war.
Wie ihr und Thedel, so ging es aber meist allen Leuten auf dem Peerhobsberge. Sogar die Kinder halfen beim Roden und Umgraben, und was früher für eine Schandnot angesehen war, wenn nämlich ein Frauensmensch sich in den Pflug spannte, jetzt galt das als ein Vergnügen. Es gab keine Bauern und keine Knechte und keine Bäuerin und keine Mägde in Peerhobstel, es war eine Gemeinde fleißiger Leute, von denen jeder für sich und alle für das Gesamt schanzten, so daß es auf den Dörfern um das Bruch hieß: »Einig wie die Peerhobstler!« Ödland war genug da, Holz und Weide wuchs allen zu, und wem es an Saatkorn mangelt oder an Geräten, dem wurde ausgeholfen, ehe er darum gebeten hatte.
Der neue Boden trug nicht so schlecht, als man gedacht hatte, zumal der Sand, denn eine Mergelbank stand nicht allzu weit an, der Schmorboden in der Ellernriede war fett wie eine Hochzeitssuppe, und wo das Moor gebrannt und mit Sand gemengt wurde, lohnte es die Mühe schon. Wenn es auch an Unkraut nicht gebrach, es stand doch alles besser, als man gehofft hatte, und als die Hauptarbeit getan war, sagte der Wulfsbauer zu den Dreiunddreißig: »Und jetzt wollen wir unserem Bruder Thedel sein Unterkriech bauen! denn ich glaube, es wird Zeit.«
Dieweil viele Hände mithalfen, stand das Haus bald da, und Thedel wußte nicht, was er sagen sollte, als Bettzeug und Geschirr und was sonst dazu gehörte, wenn der Mensch zu selbstzweien hausen geht, ganz von selber ankam, denn die Hundertelfe machten sich ein Vergnügen daraus, ihm zu helfen, wo sie konnten, ohne daß sie hinterher ankamen und ihr Teil wieder abaßen.
Es war überhaupt kaum einer von den geschworenen Wehrwölfen bei der Hochzeit. Am Abend vorher war nämlich wieder einmal der bunte Stock von Dorf zu Dorf gegangen und zwar mit einem roten Bande darum, und so mußten sämtliche huntertelfe und alle Tag- und Nachtboten am Platze sein, weil zwei Haufen von Marodebrüdern bestätigt waren. Der eine davon verschwand im Meitzer Busche, und die Raben und Füchse wußten allein die Stelle anzugeben, wo das Gesindel unter den Tannen lag, der andere aber kam bei Thönse unter die Räder, und es blieb nichts davon übrig, als der Anführer, und der hing da, wo der Dietweg sich zwillte, so lange an einer Birke, bis es ihm da zu langweilig wurde.
Drei Tage darauf machte Viekenludolf einen Hauptstreich. Er gab mit zweien von den Dreiunddreißig einigen Pappenheimern, die auf den Dörfern Pferde zum Kriegspreise gekauft hatten, das Ehrengeleit. Im Burgwedeler Holze machten die Reiter Halt, tränkten die Pferde und dann sich selber, aber nicht mit Wasser, und so lange, bis sie die Haide für ein Federbett ansahen. Da schlich sich Viekenludolf hin, dümpte die Wache, bis sie an kein Luftholen mehr dachte, und schnitt schnell allen Pferden die Fußfesseln durch. Mittlerweile war Kunrad, sein Knecht, nach dem Dorfe geritten und hatte sich eine rossige Stute und ein Dutzend Leute geholt, die gerade weiter nichts zu tun hatten. Dann ritt Viekenludolf mit der Stute über dem Winde an dem Lagerplatze vorbei und zockelte die ganzen Pferde hinter sich her, und die jungen Leute aus Burgwedel sorgten dafür, daß die Reiter sich keine Blasen liefen. So behielt mancher Bauer sein Pferd im Stall und brauchte nicht mit der letzten Kuh zu pflügen.
Denn die Not war stellenweise schon groß. Dänen und Kaiserliche zogen durch die Haide, und wo sie gewesen waren, wurden die Suppen länger. Am besten hatten es noch die Leute auf dem Peerhobsberge, denn zu ihnen fand das Kriegsvolk nicht hin und das übrige Ungeziefer ließ sich im Bruche nicht blicken.
So konnten die Bruchbauern ihren Hafer in Ruhe bergen und brauchten sich nicht immer dabei umzusehen. Es fehlte die Erntekrone nicht und auch das Erntefeuer war da und es schlug hellwege auf, als nach altem Brauch die Opfergarbe hineingeworfen wurde. Dann zogen die Knechte und Mädchen ab; Mertenshinrich schwenkte eine lange Fuhrenstange, die ganz bunt abgeschält war, und daran war oben der Kopf von einem Hahn und daran die Ährenhalme aus der letzten Feldecke und bunte Bänder, die der Wind bewegte, und lustig war es anzuhören, als das junge Volk sang:
Wode, Wode, Wode, wi halt dinen Peere Fode; in düssem Jahr Dissel un Dorn, anner Jahr beeter Korn!
Die Kirchenleute
Besseres Korn gab es im nächsten Jahre wohl, aber auch reichlich Disteln und Dornen, denn der Krieg wollte und wollte nicht aufhören. Tilly und die Dänen zogen sich immer noch hin und her, und wo sie sich kabbelten, war alles zertreten.
Herzog Christian, der nicht wußte, auf welche Seite er sich schlagen sollte, mußte es mit ansehen, wie das Land verwüstet und die Leute ausgeraubt wurden, aber alle Einnahmen konnte er auch nicht schießen lassen, und so kam auf dem Landtage wieder eine dreifache Schatzung heraus.
Als der Peerhobstler Vorsteher davon Meldung bekam, sattelte er den Schecken und ritt mit Thedel nach Celle. Ihm wurde schlecht zumute auf dem Wege; man merkte es, daß überall der Hunger an dem Herdfeuer saß, und daß die Pest in die Fenster sah. Unter den Mauern von Celle waren erbärmliche Hütten und Schuppen aufgebaut; darin fristeten die Bauern aus den ausgeraubten Dörfern ihr Leben durch Betteln und Stehlen und auch durch Raub und Mord.
Als die beiden Peerhobstler, zu denen unterwegs noch sechs von den Dreiunddreißig gestoßen waren, damit der Unterobmann sicherer reisen konnte, vor dem Kruge einen Schnaps tranken, sahen sie eine Frau, die auf dem Anger ihr Kind begraben hatte und dabei ein ganz zufriedenes Gesicht machte. Als Wulf sich darüber verwunderte, meinte sie: »Ja, so wie es heutigen Tages zugeht, muß man weinen, wenn eins kommt, und Gott loben, wenn es wieder geht!«
Just kam ein Kerl aus dem Kruge, ging auf die Frau zu, faßte sie um, obzwar die Frau nicht danach aussah, als ob sie einem Manne gefallen konnte, denn sie hatte kaum ein Lot Fleisch im Gesichte. Sie wehrte sich, aber der Kerl lachte und wollte sie vor sich herstoßen. Da ritt der Wulfsbauer hin, langte den Mann am Hosenbund hoch und setzte ihn so unsacht in einem Schlehbusch, daß der Lümmel für das erste darin blieb.
»Das war mannhaft getan!« rief es hinter dem Bauern, und aus einem herrschaftlichen Wagen nickte ihm eine Edeldame zu, als er sich umdrehte. »Wie heißt er?« fragte sie, und als er seinen Namen offenbarte, sagte sie: »Wenn er einmal eine Hilfe nötig hat, die Gräfin Trutta von Merreshoffen kann ihm vielleicht die Tür aufmachen lassen.« Der Bauer zog den Hut: »Dann bin ich so frei, gnädigste Gräfin, auf dem Fleck darum zu bitten. Ich habe den großen Wunsch, unserem allergnädigsten Landesherrn eine Gemeindeangelegenheit vorzutragen, und ohne Fürsprache ist es wohl ein schweres Ding für einen einfachen Bauersmann, als wie ich bin, an ihn ranzukommen.« Die Gräfin lachte: »Melde er sich nur um elf Uhr; er kommt schon ran.« Sie nickte ihm zu, lachte noch einmal und fuhr weiter.
Schlag elfe war der Bauer im Schlosse. Ein Lakai fragte ihn: »Was will er?« Wulf sah den kleinen Mann von oben an: »Für ihn bin ich ein ihr und kein er,« gab er ihm auf den Kopf; »ich bin bei dem allergnädigsten Herrn Herzog angemeldet!« Der Mann machte ein dummes Gesicht, ging fort, und bald darauf kam ein anderer Diener, der den Peerhobstler in ein Zimmer führte, in dem ein Offizier Wache stand; einige andere herrschaftliche Personen lauerten da auch schon. Alle sahen den Bauern an, der zwischen ihnen aussah, wie ein Eichbaum über lauter Machangelbüschen. Erst wurde ein kleiner alter Herr abgerufen, der gleich wiederkam und einem anderen zuflüsterte: »Schön Wetter heute!« Dann winkte der Offizier dem Bauern.
Dem war anfangs erst etwas benaud zumute, aber als der Herzog ihm die Hand gab und ihn fragte: »Na, wo drücken ihn denn die Krähenaugen?« da erzählte er kurz, womit er hergekommen war. Der Herzog sah ihn ernst an: »Geht nicht, geht schlecht; könnten alle kommen. Schatzung muß bezahlt werden! Wovon Wege erhalten, für Ordnung sorgen?« Er kniff sich die Stirn: »Will ihm was sagen, aber behalte er es für sich: will in Anbetracht der besonderen Umstände Steuer aus meiner Tasche hinlegen auf fünf Jahre. Dann müßte ihr aber schatzen, wie die anderen alle. Übrigens aller Ehren wert, daß Kopf hochgehalten und Maul nicht hängen gelassen wie Leithund. Habe schon von ihm gehört, das und,« er sah ihn scharf, aber nicht ungut an, »auch noch etwas anderes. Immer vorsichtig sein, sich nicht auf mich berufen, wenn es sich nicht um augenscheinliche Räuber und Mörder handelt? Verstanden?« Der Bauer nickte.
Der Herzog besann sich einen Augenblick, fragte nach der Ernte und ob im Bruche die Pest auch schon Quartier genommen hatte, und dann schmiß er Wulf das Wort zwischen die Beine: »Wer sind die Wehrwölfe?« Der Peerhobstler hob die Hand: »Darüber steht mir keine Rede zu!« Der Herzog machte eine krause Stirn: »Auch gegen mir über nicht?« Und als er wieder keine andere Antwort bekam, fragte er: »Gehört wohl selber dazu?« Dann aber lachte er und sagte: »Na, vielleicht besser so! Darf nicht alles wissen; sonst am Ende aufkommen dafür. So schon Sorge genug! Schlimme Zeit, Gott sei's geklagt! Hoffen, bald anders wird! Halt er sich wacker!«
Als Wulf die Türe im Rücken hatte, sah er lauter runde Augen um sich, und auf der Treppe zeigte ihm der Diener, der ihn heraufgebracht hatte, einen Rücken, so krumm, als wie ein Rotbrüstchen ihn zu machen pflegt, und er wollte ihn ausfragen; der Bauer aber stellte sich dumm und machte, daß er nach der Goldenen Sonne kam, hielt sich aber auch da nicht lange auf, sondern aß nur einen Happen zu seinem Schoppen und ging wieder los.
Am Torkruge traf er die anderen Wehrwölfe, die zu zweien und zu dreien vor und in dem Kruge standen oder saßen und so taten, als ob der eine Teil den anderen nicht kannte. Es waren noch einige andere Männer da, auch der Kerl, der vorhin die Frau umgefaßt hatte, und jetzt kannte Wulf ihn, es war der Mensch, der sich damals in der Goldenen Sonne so verdächtig um sein Pferd angestellt hatte.