Der Wehrwolf: Eine Bauernchronik

Chapter 8

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Wodshorn hieß der Hof; der Bauer sprach kaum ein Wort und die Bäuerin auch nicht viel mehr. Sie ließen es aber an nichts fehlen. Um Uhre neune kam ein Bauernsohn an und teilte Wulf etwas unter vier Augen mit, und da sagte Harm zu Johanna: »Nun müssen wir doch bis morgen bleiben. Das beste ist, du legst dich wieder schlafen; ich will das auch tun. Wer schlau ist, der ißt und schläft heutzutage im voraus. Du kannst mit der Bäuerin ganz offen reden; sie weiß Bescheid. Sie hat ein Herz wie Gold, aber sie hat Schreckliches durchgemacht; deshalb spricht sie nicht und darum hat sie auch das Lachen verlernt.«

Es war bei zwölf Uhr, da wachte das Mädchen auf. Die Bäuerin stand vor ihr und sagte: »Wenn du lieber liegen bleiben willst, denn bringe ich dir das Essen in das Bett.« Johanna schüttelte den Kopf: »Nein, dann müßt' ich mich ja schämen; ich will aufstehen.« Die Frau lächelte: »Willst du auch lieber Mädchenzeug anziehen? Es ist was da, das dir passen wird; hier im Hause sind bloß lauter Leute, die nicht mehr reden, als sie sollen. Morgen kannst du wieder als Koppelknecht gehen.«

Sie legte ihr den roten Rock, das Leibchen, Strümpfe und Schuhe und alles, was dazu gehörte, hin, und als sie nach einer Weile wieder in die Dönze kam, und das Mädchen fix und fertig stehen sah, nickt sie ihr zu, aber mit eins nahm sie sie in den Arm, küßte sie und weinte an ihrem Halse. »Ich hatte zwei Töchter, gesunde, glatte Mädchen, Zwillinge. Alle beide haben wir vor einem Jahre tot im Busch gefunden. Wenn es dir in Peerhobstel nicht zusagt, komm hierher; du sollst wie eine Tochter gehalten werden.« Sie wischte sich die Augen. »Ja, was hilft das Weinen! Und es sind mehr da, denen es so gegangen ist, dem Wulfsbur nicht zum wenigsten. Ich will dir das verzählen, denn einmal mußt du es doch gewahr werden.«

Das Mädchen hörte zu und holte kaum Luft, solange die Frau sprach, aber die Tränen liefen ihr über die Backen. »Ja,« sagte der Bauer, der auch in die Dönze gekommen war, »den Wulfsbauern hättest du früher sehen sollen! Bei dem war jeden Tag Feiertag. Und jetzt, da ist er wie der Grauhund, der über die Haide läuft und erst zufrieden ist, wenn er Blut lecken kann.«

Nach dem Mittagbrot, bei dem kaum ein Wort geredet wurde, half Johanna der Bäuerin im Hause; dann setzten sich beide hinter das Haus auf die Bank und strickten. Die Sonne schien warm, im Rasen blühten die Osterblumen, die gelben Buttervögel flogen, die Elster suchte sich Reisig für ihr Nest, im Holze schlug die Zippe, und über der Wohld flogen zwei Addernadler und riefen laut.

Zwei Tage blieb der Wulfsbauer mit Thedel aus. Als er wiederkam, sah er müde aus, hatte dunkle Augen und enge Lippen. »Das Geschäft hat sich zerschlagen,« sagte er; »heute bin ich zu müde und will erst ausschlafen. Morgen früh wollen wir nach Peerhobstel.«

In der Nacht zog ein Gewitter vorüber. Johanna wachte davon auf und verjagte sich; aber als sie neben sich die Bäuerin, und vor der Butze Grieptoo fest und tief atmen hörte, schlief sie gleich wieder ein. Als sie am Morgen das Mannszeug anzog, packte die Frau die Mädchenkleider zusammen, machte ein Bündel daraus und sagte: »So, das soll deins sein, meine Tochter! Und das du es nicht vergessen tust: auf Wodshorn ist immer eine Butze und ein Platz am Tische für dich da.«

Es war ein schöner Morgen geworden; die Moorhühner waren überall zu gange, die Kraniche prahlten, die Kiebitze riefen und die Himmelsziegen meckerten. Überall in den Gründen war der Post ganz rot, und ab und zu stand ein Weidenbusch da, der wie eine helle Flamme aussah. Ein Rudel Hirsche zog über die Haide, blieb stehen, als es drei Reiter ansichtig wurde, und zog dann schneller dem Moore zu.

Als sie vor Fuhrberg über die hohe Haide ritten, heulte hinter ihnen der Wolf. Der Bauer drehte sich um und sagte: »Das sind unsere Leute!« und er gab den Wolfsruf zurück. Bald darauf kamen zwei Reiter aus dem Busche; es war Viekenludolf und Grönhagenkrischan. »Na, schon so früh auf, Ludolf?« begrüßte ihn Wulf; »bist wohl gar nicht im Bette gewesen?« Der Dollhund griente: »In meinem allerdings nicht. Schade, daß du gestern nicht dabei warst! Wir haben einen guten Zug gemacht. Na, wir kommen da ja vorbei; kannst es dir selber ansehen.« Er sah nach Johanna hin. »Ist ein Freund von mir, Hans geheißen,« sagte der Ödringer. »Hm,« brummte der Rammlinger und wollte grienen, verkniff es sich aber, denn der andere lud ihn dazu nicht ein.

Er ritt mit Wulf voran und flüsterte ihm etwas zu. Harm ließ ihn dann vorausreiten und fragte Johanna: »Hans, kannst du es mit ansehen, wenn ein Birkenbaum faule Äpfel trägt? Es sind ein paar Schandkerle weniger geworden auf der Welt. Ich muß dahin; wenn du willst, kannst du mit Thedel hier so lange warten.« Das Mädchen schüttelte den Kopf: »Ich wollte froh sein, wenn alle Birken so reich tragen wollten; dann hätten es alle Menschen, die frommen Herzens sind, besser!« Der Bauer nickte.

Da, wo der Dietweg die Heerstraße schnitt, standen etliche hohe Birken beieinander. Fünf Männer und zwei Frauen hingen daran. Über jedem war eine aufrechtstehende Wolfsangel in die Rinde gehauen, und der älteste Mann, ein Kerl mit einem schwarzen Bart, hatte ein Brett zwischen die Hände gebunden; mit Rötel waren darauf folgende Worte geschrieben:

Wir sind Unser 3 Mal Elve und nennen uns die Wölwe und geben auf jedweden Acht der Lange finger macht.

Die Schnitter

Wulf und seine Begleitung blieben bis zur Ulenflucht auf dem Viekenhofe in Fuhrberg und kamen erst im Dunkeln nach Peerhobstel. Alles machte lange Augen, als es hieß: der Wulfsbauer hat sich eine Magd mitgebracht. Aber weil sie sich nicht sehen ließ und alles, was eben helfen konnte, alle Hände voll zu tun hatte, so kümmerte sich keiner weiter um sie.

Mit der Zeit wurde Johanna mit den Frauensleuten bekannt. Erst mußten sie heimlich über sie lachen, weil sie das rote Haar hatte, hochdeutsch sprach und Hände wie eine Edelfrau hatte. Als aber Wittenmutter zu liegen kam und die Magd vom Wulfshofe ihr in ihrer schweren Stunde auf das beste beistand und auch hinterher jeden Tag dafür sorgte, daß die Zwillinge zu ihrem Rechte kamen, sah man, was man an ihr hatte, zumal sie sonst wie eine Magd arbeitete.

Die Kinder, die erst mit dem Finger im Munde dagestanden hatten, wenn sie ihnen mit der Hand über die Köpfe ging, gewöhnten sich bald an sie, und mit der Zeit hatte sie sie alle miteinander jeden Sonntagnachmittag um sich; dann erzählte sie ihnen allerhand Geschichten und brachte den Mädchen Stricken, Nähen und Stopfen bei.

»Das hat uns hier gefehlt, Harm,« sagte Ulenvater, der das Mädchen ganz an das Herz genommen hatte; »nun haben wir einen Schulmeister, wie es besser keinen gibt, wenn er auch lange Haare hat. Mit Geschichtenerzählen hat es angefangen und jetzt bringt sie ihnen auch das Lesen und Schreiben bei. Weißt du was? Krackenmutter ihr Mieken, das wäre eine Lüttjemagd für uns; denn hat die andere mehr Zeit für die Kinder und die Kranken, denn darauf versteht sie sich wie ein gelernter Doktor.«

Der Wulfsbauer war das sehr zufrieden. Als er ihr Grieptoo hielt, der sich einen Schlehdorn eingetreten hatte, woraus ein Geschwür geworden war, und sie es aufschnitt und dem Hunde die Pfote verbunden hatte, fragte er sie: »Sag' mal, was kannst du eigentlich nicht? Reiten kannst du, schießen kannst du, der Hausarbeit bist du gewachsen, auf das Vieh verstehst du dich auch, kannst mit kranken Leuten umgehen, bist dabei auch Schulmeister und Wehmutter und gärtnerst, daß es eine Freude ist; wo hast du das alles her, Mädchen?«

Sie steckte sich rot an und sagte: »Reiten mußte ich zu Hause lernen, weil ich Vater bei seinen Krankenbesuchen begleitete, und das Schießen hat mir der alte Amtmann, Gott hab ihn selig! beigebracht, denn der sagte: ein Frauenzimmer hat das noch nötiger als ein Mannsmensch, dieweil es mehr zu verlieren hat als bloß das nackigte Leben. Und das andere, das kommt wohl, weil Vater Doktor werden wollte, aber aus sich heraus später einen anderen Ruf bekam, und weil der Lehrer, den wir hatten, besser Hosen flicken konnte, als die Kinder lehren, und da nahm sich Vater ihrer an und ich mußte ihm dabei an die Hand gehen. Und von meiner Mutter habe ich dann das andere gelernt, besonders das Umgehen mit dem Vieh und mit den Blumen, denn darauf verstand sie sich vorzüglich.«

Das mußte wohl so gewesen sein, denn sonst hätte es um den neuen Hof nicht so glatt ausgesehen. Thedel hatte einen schönen Zaun um den Garten gemacht, und da es sich gerade so paßte, kam die Pforte zwischen zwei großmächtige Hülsenbüsche zu stehen, die von Johanna so zurechtgeschnitten wurden, daß sie ganz gleich aussahen, unten breit und oben spitz, und vor die kleine Tür setzte Thedel zwei spitze Machangeln. Von allen Blumen und Büschen, die in den wüsten Gärten von Ödringen wuchsen, schleppte der Knecht so viel heran als nötig war, und wenn er mit dem Bauern über Land mußte, sah er nach, wo schöne Blumen in den Gärten waren oder in Töpfen gezogen wurden, und davon ließ er sich Ableger geben, so daß er bald allgemein nicht mehr anders hieß als der Blumenthedel.

Es war aber auch eine Pracht, wie in dem Garten alles gedieh; zwar für die Schneeglöckchen, die Maiblumen und Osterblumen und die Kaiserkronen und Pfingstrosen und Tulpen war es in dem Jahre schon zu spät, aber die Schlüsselblumen hatten schön geblüht und im Juni hingen alle Zaunecken voll von wilden Rosen. Am ganzen Hause kletterten die Efeuranken hoch, der Hollerbusch beim Backhause war über und über weiß und die Goldlackbüsche waren in der Sonne anzusehen wie kupferne Kannen. Wenn dann Johanna an den Büschen sich mit dem Messer zu schaffen machte und die Sonne schien ihr auf das Haar und die bloßen Arme, von denen die weißen Ärmel weit zurückgingen, und der rote Rock wippte, wenn sie sich bückte, um ein Unkraut auszureißen, dann sagte der alte Ul: »Ein Staatsfrauensmensch ist es,« und stieß Harm in die Rippen und blinkte ihm zu: »wenn ich halb so alt wäre, dennso wüßte ich, was ich zu tun hätte. Oder soll sie dir ein anderer wegschnappen? Denn daß sie dir in die Augen sticht, das habe ich all lange spitz, und eine bessere Frau kriegst du so bald nicht wieder.«

Der Ansicht war der Bauer auch, und mehr als einmal hatte er sich einen Stoß gegeben, um dahin zu kommen, wohin er wollte; aber immer war es ihm, als wenn ein Graben zwischen ihnen war. Denn was war er? Nicht daß er sich minder vorkam, weil sie mehr gelernt hatte, aber er traute sich nicht an sie heran, und das um so weniger, je mehr er mit ihr zusammen war. Früher war er mit Leib und Seele dabei gewesen, wenn es galt, der Haide die Flöhe aus dem Pelze zu klopfen; wenn er jetzt aber im Moore lauerte oder im Busche lag, dachte er immer an ein Gesicht, um das das Haar so rot war wie die Abendsonne auf den Fuhrenstämmen, und an zwei runde Arme, die aus weißen Ärmeln herauskamen. Denn mit Freuden sah er, daß Johanna Fleisch und Farbe bekommen hatte; das Leibchen saß ihr prall und der rote Rock hing ihr nicht mehr so lose um die Lenden.

Am Johannistage war Ulenvater mit Thedel nach Obbershagen gefahren, wo sein Vetter einen Hof hatte. Harm und Johanna waren allein, denn Mieken war auf einige Tage zu Hause, weil Krackenmutter nicht ganz munter war. Es war den ganzen Tag glühheiß gewesen und gegen Abend kühlte es sich keineswegs ab, so daß der Bauer, der mit Johanna im Garten auf der Bank saß, meinte: »Wir werden wohl ein Wetter kriegen,« denn über dem Halloberge standen dicke Wettertürme. Es wetterleuchtete dann auch immer mehr, und Wulf sah, daß jedesmal, wenn die Wolke auseinanderriß, das Mädchen mit der Hand nach dem Mieder faßte.

»Hast du Bange?« fragte er. Sie schüttelte den Kopf: »Nein, es steckt mir bloß so in den Gliedern; ich bin ganz alle.« Sie sah auch blasser als sonst aus und hatte wieder einen Blick in den Augen wie damals, als Grieptoo sie aufgespürt hatte. Harm kam es in den Sinn, wie er sie damals im Arme gehalten und wie ein Kind gefüttert hatte, und wie nachher, als sie vor ihm auf dem Schecken saß, ihr Haar so gerochen hatte, daß ihm ganz sonderbar wurde. Er sah ihre Hände an, die auf ihrer Schürze lagen. Sie waren braun geworden und die Arme gleichfalls, aber fein und vornehm waren sie deshalb doch geblieben, obzwar sie vor keiner Arbeit zurückgingen. »Sie ist und bleibt ein feines Fräulein,« dachte er und seufzte so tief auf, daß sie ihn anlachte.

»Das hört sich ja ganz gefährlich an!« meinte sie; »hast du was auf dem Herzen, was dich drückt?« Wie sie ihn so lustig von der Seite ansah, da dachte er: »Jetzt oder nie!« Aber es blieb beim Denken, denn er wußte nicht: »Geht das wohl, daß du sie einfach um den Leib fassen tust, oder ist es wohlanständiger, daß du ihr sagst, wie dir zumute ist?«

Da kam ein Kind angelaufen, daß sich einen Splitter eingerissen hatte, und nun hatte er es wieder verpaßt. Er aß abends wenig, wußte meist nicht, wo er mit seinen Augen bleiben sollte, kam sich überhaupt ganz unglücklich in seiner Haut vor und war froh, als es Zeit zum Schlafen war, denn das Wetter war zurückgegangen.

Er konnte lange Zeit nicht einschlafen. Er ärgerte sich über sich selber, wußte aber keinen Weg, der ihn zum Busche herausbrachte. Zudem hatte er Angst, er könnte es mit dem Mädchen verderben, und so lief er mit seinen Gedanken immer in die Runde. Zuletzt mußte er doch wohl eingeschlafen sein, denn mit einem Male sah er einen blauen Schein und hörte einen harten Schlag; das Wetter war wieder zurückgekommen.

Die Pferde schlugen gegen die Wand, die Kühe rissen an den Ketten. Er stand auf, hing sich den Mantel um und ging auf die Deele. Da lief er Johanna in die Möte, die ebenfalls im Mantel aus ihrer Dönze kam. Der Blitz zeigte ihm, daß sie kreideweiß war. »Ist dir schlecht?« fragte er. Sie schüttelte den Kopf. »Es ist bloß das Wetter; im Bett war es mir zu stickig.« Aber als der nächste Blitz und hinterher ein gewaltiger Donnerschlag da war, schrie sie auf, faßte sich nach der Brust und fiel gegen die Wand. Er sprang schnell zu, faßte sie um und führte sie in die große Dönze, ließ sie sich auf die Ofenbank setzen und rückte an sie heran.

Blitz und Donner kamen auf einen Schlag. Das Mädchen wollte sich zusammennehmen, aber ihr Mund behielt den Schrei nicht, und da nahm er sie in die Arme, legte ihren Kopf an seine Brust und deckte ihr seinen Mantelkragen über das Gesicht; so hielt er sie, ihr ab und zu, wenn es wieder blitzte und krachte, die Schultern klopfend und ihr zuredend wie einem jungen Pferde, das vor einem Machangel scheuen will. Sie lag ganz still und zitterte keinmal mehr, und bloß, wenn das Wetter es gar zu gut meinte, fühlte er, daß ihre Hände flogen.

Nach einer kleinen halben Stunde hörte das Blitzen und Donnern auf. Es goß wie mit Mollen und es wurde kühl in der Dönze. Er nahm ihr den Mantel von dem Gesicht und da merkte er, wie sie ihn fest in den Arm nahm, und er fühlte, daß zwischen ihnen beiden kein Wall und kein Graben mehr war, daß sie zusammengehörten in Freud und Leid, und er nahm sich, was ihm zukam.

»Das war eine schlimme Nacht!« rief Ulenvater, als er am anderen Mittag in die große Dönze trat. Er war das letzte Ende zu Fuß gegangen, denn Thedel wollte noch etwas Tannhecke zum Streuen holen, und weil der Alte einen leisen Schritt hatte, so konnte Johanna nicht so schnell von Harms Schoß herunter, wie sie wohl wollte. So stand sie da, hatte die Augen auf dem Estrich und Backen wie Pfingstrosen so rot, strich an ihrer Schürze herum und platzte schließlich heraus: »Bloß anfangs«. Dann schlug sie aber die Hände vor das Gesicht und lachte und auch Harm lachte und Ul erst recht, denn er merkte bald, wo es eingeschlagen hatte.

Er sah von einem zum anderen und schließlich sagte er: »Na, dennso wünsche ich euch alles Gute, meine Kinder! denn das seid ihr mir beide geworden.« Aber dann schlug er auf den Tisch: »Das ist mir ja ein dröges Löft! Nicht einmal ein Glas Wein und ein Stück Kuchen kriegt man vorgesetzt? I, daß ist doch sonst keine Weise hierzulande!«

Die junge Frau lief, was sie konnte, und bald stand eine irdene Flasche mit Wein auf dem Tisch, über den sie ein reines Tuch gelegt hatte, und ein bunter Teller mit Kuchen und ein noch bunterer Krug mit einem noch viel bunteren Blumenstrauß, und drei hohe Gläser von der feinsten Art, aus denen die spanischen Offiziere von den Kaiserlichen eigentlich trinken wollten, kamen auf den Tisch, und der Wein, der auch für andere Leute bestimmt gewesen war, schmeckte denen, die ihn tranken, darum doch nicht schlechter, wenn auch Johanna bloß ein halbes Glas trank und dann schon sagte, daß die Dönze mit ihr in die Runde ginge.

»Harm,« sagte der Alte, als Johanna aufwusch, »eins will ich dir aber sagen: der erste Paster, den ich auftreibe, muß her und die Sache richtig machen. Es sind jetzt wilde Zeiten und der Teufel kann sein Spiel haben. Deine Frau steht ganz allein da; gibt es ein Unglück, dann kann sie am weißen Stocke über Land gehen, denn es wird manche da sein, die ihr den Platz hier nicht gönnt und ihr allerhand anhängen wird. Es sind jetzt die Zeiten nicht, daß wir eine regelrechte Hochzeit abhalten, denn der Himmel bezieht sich immer mehr. Der Tilly, der papistische Hund, jagt die Dänemärkschen hin und her, und die Pestilenz ist auch wieder da. Laßt euch einsegnen und damit holla! Die Hauptsache ist die, daß du dich des Nachts nun nicht mehr so zu graulen brauchst!«

So wurde es denn auch gemacht, und es war auch gut, daß der Bauer sich mit der Trauung beeilt hatte, denn so konnte er mit mehr Ruhe an Peerhobstel zurückdenken, wenn er wieder den Wolf auf der Haide spielen mußte.

Das war jetzt nicht ganz selten der Fall. Tilly und die Dänen zogen sich um die festen Plätze wie die Hunde um die Knochen, und wo man hinhörte, gab es Not und Tod und Menschenschinderei. Wo die Kriegsvölker geerntet hatten, da zogen die Marodebrüder mit der Hungerharke hinterher und man vernahm alle Tage gräßliche Geschichten von totgequälten und hingemetzelten Frauen, denn was den Unmenschen in die Hände fiel, ob ein siecher Greis oder ein Brustkind, es mußte des Todes sein.

Die Wehrwölfe hatten darum alle Hände voll zu tun. Es waren jetzt ihrer hundertelf Nachtboten geworden, wozu noch an die zweihundert Tagboten kamen. So ging die Arbeit flott vonstatten, und manche Bäume an den Straßen trugen Früchte, die selbst der happigste Junge liebendgern hängen ließ. Dabei sahen sich aber die Wehrwölfe ihre Leute genau an und behandelten jedermann, wie es seine Stellung mit sich brachte; was eine Feldbinde am Arm hatte, bekam die Kugel und kam unter die Erde, das andere Pack aber wurde mit der Wiede geehrt und die Krähen und Wölfe mußten das Weitere besorgen.

Es war ein grauer Märzentag, da hatte der Wulfsbauer auf dem Amte zu tun. Irgendeine Spürnase hatte es herausgebracht, daß die Ödringer jetzt Peerhobstler hießen und noch nicht so verhungert waren, als daß man ihnen nicht die Schatzung zumuten könnte. Das stand ihnen aber gar nicht an und Harm Wulf als Vorsteher wollte ihnen das vom Halse schaffen. Als er den Herren vom Amte sagte: »Solange ihr uns nicht schützt, wird von uns nicht geschatzt,« wurde er ein ausverschämter Kerl geheißen; aber er hielt die Nase hoch und sagte: »Ich will doch mal sehen, ob unser Herr Herzog Christian nicht eine andere Meinung von der Sache hat; ansonsten stecken wir lieber unsere Häuser an und leben vom Betteln und Stehlen, bis man uns ein Amt gibt, damit wir auch Leute schinden können, die sich in Bruch und Busch bergen müssen.«

Als er aus der Tür ging, stand Thedel da; er war ganz weiß um die Nase, hatte Augen wie ein Buschkater im Dunkeln und sagte: »Der Säugling und das Heilige Kreuz sitzen halb besoffen im Kruge und Viekenludolf macht sie noch besoffener.« Der Bauer riß die Augen auf: »Wahr und gewiß?« Der Knecht nickte: »Ich stand hinter dem rotbärtigen Hund und hatte schon die Hand am Metz; aber da dachte ich noch zum Glücke daran, daß das nicht in deinem Sinne ist. Heute kommen sie uns nicht mehr aus dem Sack, Bauer, wie seinerzeit in Ahlden. Ich bin schon in Heeßel gewesen und in Schillerslage, und von da ist an alle gerechten Leute Meldung gemacht; dennso sollen sie diesmal wohl daran glauben müssen!«

Indem Wulf mit Thedel nach dem Kruge ging, bedünkte es ihn, als wenn ihm gar nicht so froh zu Sinne war, wie es eigentlich sein mußte. Er dachte mehr an Peerhobstel und an seine Frau, als an die Galgenklöppel, aber darum ging er zuerst doch schnell, bis er sich selber »Prr!« zurief und so langweilig die Straße hinaufging, als hätte er so viel Zeit wie ein Knecht, der den Stall ausmisten soll. Er fragte auch noch die Krügerin, die vor der Türe stand, nach ihren Kindern, aber mit eins konnte er nicht mehr zuhören, denn er hatte eine Stimme gehört, eine Mannsstimme, aber so hell, als ob ein Hengstfohlen loslegt, eine Stimme, die er noch keinmal gehört hatte und die er doch kannte; denn wenn er allein im Busche lauerte oder über die Haide ritt, hatte er sie oft vernommen. Er dachte an den Nachmittag auf dem Hingstberge und daran, wie er mit Henneckenklaus durch das Torfmoor geritten war und Brandluft in die Nase bekommen hatte, und an all das andere. Seine Rose stand vor ihm, Hermke an der Schürze und auf dem Arme die kleine Maria, und er biß die Zähne aufeinander, daß es krachte, so daß die Krügerin sich ordentlich verjagte.

Aber dann ging er in die Bauernstube, ohne hinzusehen, wer dasaß, stellte sich an die Tonbank und ließ sich Bier einschenken, hörte, was der Krüger ihm vorschnackte, mit einem Ohre an, stellte dann seinen Krug auf den Tisch, der neben der Türe stand, holte sein Brot und seinen Speck aus der Tasche, zog sein Messer und aß so langsam und bedachtsam wie allezeit, bis Viekenludolf aufsah, seine rechte Hand auf den Tisch legte, erst den Daumen, dann den Zeigefinger und dann den Mittelfinger aus der Faust springen ließ, gleich als wollte er die Zeche nachrechnen, und dann das Heilige Kreuz anschrie: »Noch so ein Stück, du altes Saufloch! dann gebe ich noch einen aus; denn lachen tu ich vor mein Leben gern.«

Der Peerhobstler sah sich jetzt die Leute genauer an, und ihm war auf einen Augenblick, als wenn sie die Hälse schon lang und die Zunge vor dem Munde hatten; denn bei ihnen saß noch Wulf genannt Schütte aus Wennebostel, Harms Halbbruder, der da in einen Hof geheiratet hatte, Münstermanns Dettmer und Grönhagenkrischan; am Ofen stand Duwenhinrich und Flebbendiedrich, und Aschenkurt spielte mit der Katze, die unter der Bank saß und nach seinen Fingern hakte; und da saßen die beiden Unholde, hielten die Augen mit Mühe offen und freuten sich wie die Schneekönige, wenn ihre Zotenreden und Greuelsgeschichten die Männer zum Lachen brachten.

»Bist du all schon in Schillerslage gewesen, Säugling?« fragte Viekenludolf; »da ist eine lustige Wirtschaft. Der Wirt hat dir da ein Mädchen, da werden die alten Kerle noch nach verrückt, sage ich dir. Aber das Mädchen ist als wie eine Nessel. Ich möchte den sehen, der der den Kranz abnimmt. Unter uns ist keiner, der das kann.«

Harm lachte im Halse, denn erstens hatte der Wirt bloß eine alte Magd und das war ein liederliches Stück, und die sah noch dazu so aus als wie eine tote Katze, die acht Tage im Regen gelegen hat. Der Säugling aber schlug sich auf seine klapprige Brust: »Wenn einer, dann bin ich es, denn ich habe ein ausverschämtes Glück bei die Menscher!« Sein Lumpenbruder stimmte ihm bei: »Ja, das hat er; alles was recht ist, das ist ein Aast uff der Fiedel; das heißt,« fuhr er fort, und er sah dabei halb frech, halb bange aus, »wenn es nicht anders geht, dann macht er nicht viel Faxen und dreht ihnen den Schluck ab.«