Der Wehrwolf: Eine Bauernchronik

Chapter 7

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Es war einer von den Vorjahrstagen, an denen der Morgennebel sich, so lange er es eben kann, vor die Sonne stellt. So wurde es meist elfe, ehe die Sonne ihn unter die Füße bekam, aber dann wurde es um so schöner, so daß sogar Thedel, der sonst ganz und gar bei der Arbeit war, alles mit Augen sah, was auf dem Boden lebte und in den Lüften webte, und dem Bauern war nicht anders zumute. »Junge,« sagte er, »das ist ein Tag, bei dem hat sich unser Herrgott aber mächtig viel Mühe gegeben! Wenn es sich irgend machen läßt, dennso möchte ich heute den Finger nicht gern krumm machen, und ich glaube, du würdest auch lieber sehen, ob du Ehlers Hille nicht im Schummern irgendwo antreffen könntest, wo euch keiner in die Möte kommt.«

Thedel ritt vor ihm und hatte die Sonne im Gesichte, und seine Ohren sahen mit einem Male aus als wie zwei Klapprosen. Er sagte nichts, gab aber einen Seufzer von sich, der so lang und so dick wie ein Pferdeschwanz war, so daß Harm herzlich lachen mußte.

»Na,« sagte er, denn er sah, daß der Knecht ein Gesicht machte, wie der Zaunigel, wenn ihn der Hund anbellt, »was nicht ist, kann noch werden. Vorläufig haben wir ja noch andere Arbeit vor, und erst die Arbeit, dann das Vergnügen, sagt Viekenludolf, da schlug er Kassenkrischan drei Zähne in den Hals und ging mit seinem Danzeschatz in den Grasgarten. Aber wenn zwei gewisse Leute das Fliegen gelernt haben, ohne daß sie gerade heilige Engel geworden sind, dann, Niehusthedel, sollst du ein Haus zu eigen haben mit einem großmächtigen Bett und einer glatten Frau drin, wenn du willst, und es soll mich nicht wundern, wenn sie vorne Hille und hinten Ehlers heißt, Arme, wie ein paar Fuhrenbäume und Haare, wie das Gras da hat, wo die Sonne so aufliegt.«

Er hielt den Schecken an, der mit der Zeit vergessen hatte, daß er ein Rappe sein sollte: »Was hat denn der Hund da? Der steht ja, als wenn da ein Mensch ist, denn für umsonst hält er den Kopf nicht so dumm und stellt sich auf drei Beine! Wollen doch mal zusehen!« Er ritt langsam hin und sagte dann: »Stimmt! Ganz, wie ich es sagte: ein Mensch! Ein Frauenzimmer anscheinend, das barfuß geht, aber kein Taternweibsstück, denn die großen Zehen stehen einwärts. Aber jung ist sie und groß ist sie, und mager, und Angst hat sie gehabt. Sie kann dazu auch krank sein, denn sie hat von dem Birkenbaum bis hierher zweimal umgeknickt, und hier hat sie einmal niedergesessen. Wollen doch mal zusehen, wo sie ist. Weit kann sie nicht sein, denn die Spur steht nagelfrisch im Sande, und kein Tau ist auch nicht drin. Grieptoo, daher! So, Thedel, nimm du den Hund an und gib mir Wittkopp, aber halte die Hand am Hahn; der Deubel kann sein Spiel haben!«

Er nahm den Zügel des Blässen in die linke Hand und machte die Pistolen locker, und dieweil Thedel mit dem Hunde am Riemen die Spur hielt, folgte er ihm auf den Hacken nach, scharf Umschau haltend, ob nicht irgendwo ein Dorn im Grase war. Sie waren so bis vor ein altes Steingrab gekommen, das ganz von Machangeln und Hülsen bewachsen war, als der Hund stand. Thedel faßte ihn mit der linken Hand unter die Halsung, hielt in der rechten die Pistole und ging sachte Schritt um Schritt vor, und hinter ihm hielt der Wulfsbauer und hatte scharf gemacht.

»Ein Zaunigel oder ein Ilk oder eine Adder ist es nicht,« dachte der Bauer, denn Grieptoo wedelte. Aber dann fuhr er zurück, denn so wie Thedel die Büsche beiseite bog, schrie ein Frauenzimmer auf, und so schrecklich schrie sie, daß es Harm durch Mark und Knochen ging. Als er näher ritt, sah er halb unter den Steinen ein Mädchen auf den Knien liegen, das hatte die Hände unter dem Mund gefaltet, machte Augen, als wenn ihr ein Messer am Halse saß, zitterte am ganzen Leibe und schrie: »Ach Gott, ach Gott, ach Gott, tut mir doch nichts, tut mir doch nichts! Meinen lieben Vater haben sie totgemacht, meine gute Mutter haben sie umgebracht, um unseres heiligsten Herrn Jesu Leiden und Sterben willen, tut mir nichts und laßt mich hier sterben!«

Der Knecht riß den Hund zurück und machte ein ganz unglückliches Gesicht, und der Bauer sah hin und her, als ob es ihm selber an das Leben gehen sollte. Dann steckte er die Pistole fort, hob die Schwurhand in die Höhe und rief über den Hals des Schecken dem Mädchen zu: »Wir tun keinem was, so er nicht ein Erzhalunke ist. Wir sind ehrliche und rechtliche Bauern und haben selber genug ausgestanden. Habe man keine Bange!« Er zeigte auf den Hund. »Kiek, wie Grieptoo mit dem Steert wackelt! Bei wem er das tut, der braucht vor uns keine Angsten zu haben. Siehst du, Mädchen, der Hund will dich lecken. So recht, mein Hund, so brav, Grieptoo! Die arme Deern braucht nicht zu schreien. Thedel, laß ihn man los!«

Der Hund ging schweifwedelnd und mit kleinen Ohren auf das Mädchen zu, leckte ihm die Füße und dann das Gesicht und knurrte und fiepte, und mit einem Male nahm ihn das Mädchen in den Arm, drückte ihn an sich, küßte ihn, weinte erbärmlich los und rief, indem sie die beiden Männer ansah: »O Gott Lob und Dank! Ja, ich sehe es euch an den Augen an, ihr seid rechtliche Leute und werdet mir nichts tun.«

Dann fiel sie auf ihr Gesicht und blieb so liegen, und ihr Haar, das so rot war, wie ein trockener Machangelbusch in der Sonne, fiel lang vor sie hin.

Wulf stieg ab und gab Thedel die Pferde zu halten. Er nahm das Mädchen auf und brachte es dahin, wo die Sonne das Haidmoos abgetrocknet hatte, zog seine Jacke aus, drehte sie zusammen und legte sie ihr unter den Hals. Dann bog er einen breiten Machangelbusch nieder, schnitt ihn ab und steckte ihn so ein, daß er seinen Schatten auf das Gesicht der Jungfer warf. Einen Augenblick sah er sie genau an, indem er bei ihr kniete; sie hatte schwarze Höfe unter den Augen, ihre Backen waren eingefallen, am Halse sah man alle Sehnen und Adern, und ihre Lippen waren kreideweiß.

Er schüttelte den Kopf und stand auf. »Sie ist vor Hunger halb tot und halb vor Angst.« Er machte das Sattelholster auf, holte die Flasche heraus, goß etwas Wein in seine Hand, kniete nieder und, nachdem er dem Mädchen ein bißchen davon auf die Lippen hatte laufen lassen, rieb er ihr mit dem Rest die Nase und die Schläfen. Sie schlug die Augen auf, machte wieder das Gesicht, als wie da, wo sie die Männer zu allererst sah, versuchte dann sich aufzurichten, fiel aber wieder auf die Jacke zurück und sagte: »Mich hungert so; o, wie mich hungert!«

Harm hatte schon das Holster in der Hand. Er setzte sich neben sie, brach ein ganz kleines Stückchen Brot ab, denn er sah, wie ihr das Wasser aus dem Munde lief, als sie das Brot roch, gab es ihr und sagte: »Langsam! Je langsamer, daß du essen tust, desto mehr sollst du haben.« Aber sie konnte es nicht herunterkriegen, so viel sie auch schluckte und würgte, und da goß er aus der Flasche ein bißchen von dem spanischen Wein in seine Hand und gab ihr das ein, und als sie das herunter hatte, da seufzte sie tief auf, lächelte dumm und gibberte mit beiden Händen nach dem Brote hin.

Der Bauer nahm sie in den Arm, als wenn sie ein kleines Kind war, und hielt das Brot so, daß sie jedesmal nicht mehr als ein Stück, wie ein Fingernagel groß, abbeißen konnte, und dazwischen gab er ihr ebenso kleine Stücke Salzfleisch und ab und zu von dem Weine. Es wurde ihm ordentlich leicht um das Herz, als sie immer ruhiger aß und trank und nicht mehr so blau unter den Augen anzusehen war und die Hände stillhalten konnte. Dann legte er ihr auf den Holsterdeckel das Brot und das Fleisch hin, stellte die Flasche daneben und sagte: »So, nun bist du so weit, daß du allein fertig werden kannst und dich nicht krank essen tust,« und dabei nahm er seinen Arm von ihren Schultern weg.

Das Mädchen sah ihn so an, daß ihm die Binde um den Hals zu eng wurde und da merkte er, was für ein Bild von Mensch sie war trotz des ungemachten Haares, und obzwar sie im Gesicht schmutzig war und überall geschunden. Und dann merkte er auch, daß sie an sich heruntersah, und heimlich ihr Hemd unter dem Halse zumachen wollte, aber das war kurz und klein gerissen und das Leibchen hing so um sie herum, daß er die drei halb roten, halb schwarzen Schrammen gewahr wurde, die ihr kreuz und quer über die Brust gingen.

»Thedel,« rief er, »geh' mal nach dem Anberge, wir müssen aufpassen!« Der Knecht tat, wie ihm geheißen war. Wulf band sein Brusttuch ab, legte es dem Mädchen von hinten über die Schultern und zurück, so daß er es ihr im Kreuz zusammenbinden konnte. »Es ist doch noch immer frisch,« meinte er und nickte ihr zu; »du könntest dir was wegholen.« Indem zog er auch schon die Schuhe aus, band sich die Kniebänder los, zog die Strümpfe ab und gab sie ihr mit den Worten: »Reichlich weit sind sie ja wohl, aber wenn einer man 'ne Kuh hat, kann er keine Ziegenmilch verkaufen,« und dabei lachte er.

Aber er bekam einen Kopf, wie ein Legehuhn, und ihm wurde, als wenn er auf einen Ameisenhaufen zu sitzen gekommen war, als sie ihn groß ansah, die Hände faltete, die Augen überlaufen ließ und mit einem Male seine Hand zu fassen kriegte, sich bückte und ihm die Hand küßte, daß sie naß von ihren Tränen wurde. Fast grob stieß er sie zurück und fragte: »Bist du auch satt? Wir haben noch genug und die Katz soll uns den Magen schon nicht hinter die Stachelbeeren schleppen. Aber nun wollen wir zusehen, daß wir irgendwo Wasser zu finden kriegen, denn ein Spiegelglas pflege ich nicht bei mir zu haben, wogegen ich ein Stück Band habe, daß du dir das Haar ein bißchen machen kannst.« Er machte einen langen Hals. »Da unten sind Ellern, und wo die sind, ist eine Beeke, und wo eine Beeke ist, pflegt Wasser zu sein. Denn so wollen wir los!«

Er nahm sie auf den Arm und ging mit ihr nach dem Grund. »Wie leicht sie bloß ist!« dachte er und dann wurde ihm sonderbar zu Sinne, denn ihr Atem ging ihm über den Mund und ihr Haar roch, daß ihm die Brust eng wurde, und zudem fühlte er, wie ihr Herz schnell gegen das seine schlug, und das wurde davon angesteckt. So war er heilsfroh, als er sie bei der Beeke absetzen konnte, aber ehe er sie für sich ließ, brach er einen Ellernzweig ab, nahm ihr am Fuße Maß und sagte lachend: »Jetzo muß ich mich an das Schustern begeben! Und wenn du wieder in der Reihe bist, dennso kannst du dich ja melden.«

Thedel wußte nicht, was er sagen sollte, als der Bauer ihn anwies: »Zieh die Stiefel aus!« Aber er machte ganz krumme Augen, als Wulf das Messer nahm und die Krempen, Thedels größter Stolz, abschnitt, und erst, als er sie aufschnitt und Löcher hineinstach und eine Strippe durchzog, wußte er, was das zu bedeuten hatte, und da sagte er: »Erst wollte ich meist falsch werden, denn ich dachte, du wolltest mir einen Schabernack vor die Tür stellen.«

Das Mädchen hätte beinahe gelacht, als Wulf ihr die Strippenschuhe gab, aber sie nahm sie gern, denn sie ging in den Strümpfen auf der Haide, wie die Katze über die nasse Dele. »Alles in Ordnung?« fragte der Bauer sie, und als sie nickte, nahm er sie um, hob sie auf den Schecken und setzte sich hinter sie. »Thedel, reite vorweg,« rief er, »denn ich kann so meine Augen nicht recht brauchen!«

Der Himmel hatte sich noch mehr aufgehellt; die Dullerchen sangen aus ihm heraus, die Moormännchen stiegen auf, zwitscherten und ließen sich nieder, der Post war am Aufbrechen, und hier und da steckte sich ein Weidenbusch gelb an. Harm ließ den Schecken Schritt gehen. »Denn,« sagte er, »da wir doch einmal Aufenthalt gehabt haben, soll es uns auf die Zeit nun auch nicht mehr ankommen!«

Ihm war leicht um das Herz. Er dachte, es war, weil er ein armseliges Menschenkind geborgen hatte, aber wenn er ihr Haar roch und ihr Herz schlagen hörte und ihre Backe ansah, so mager, so blaß und doch so schön, und das kleine feine Ohr, das die roten Locken ab und zu freiließen, und den dünnen weißen Hals, der aus dem roten Tuche herauskam, und ihre Hand, die auf seinem Schenkel lag, und wenn er fühlte, wie ihr linker Arm um seinen Leib war, dann wußte er nicht: ist das nun schön oder ist das scheußlich? Aber im allgemeinen gefiel es ihm so, wie es war, doch ganz gut.

»Siehst du die beiden Hainottern?« fragte er sie und zeigte mit dem Kopfe an ihrem Gesichte vorbei dahin, wo zwei Waldstörche über einer Wohld in die Runde flogen, daß es nur so blitzte und blinkerte. Das Mädchen nickte. »Da wollen wir hin. Da sollst du dich erst einmal nach Lusten ausschlafen und hinterher wollen wir dafür sorgen, daß du sonst in die Reihe kommst. Und damit du es weißt: ich heiße Harm und war auf dem Wulfshofe zu Ödringen Bauer, bis eines Tages der Teufel seine Knechte auf uns losließ. Und nun leben wir denn jetzt, wie der Wolf auf der Haide und der Adler über dem Bruche, bloß daß wir keine Hasen fangen tun, denn so sind wir nicht, nämlich wir jagen man bloß auf Füchse und allerhand anderes Beisterzeug. Und das da ist Niehusthedel, dem geht es just so, man er hat mit der Zeit irgendwo sein Herz bei einem Mädchen in der Schürze vergessen, und so hat er es ganz gut, denn wer was will, der hat schon was.«

Er hörte auf, denn er wunderte sich, wie er dazu kam, diesem Mädchen, das er gar nicht kannte, und von dem er nicht wußte, woher sie war, und was mit ihr los war, seine halben Trümpfe zu weisen. Aber dann merkte er, daß seine Zunge von selber Galopp ritt. »Wie heißt du denn?« fragte er, und als sie sagte: »Johanna«, meinte er: »Und was willst du jetzt anfangen?« Sie drehte ihm das Gesicht zu und sah ihn an: »Behalte mich bei dir; ich kann allerlei und will gern alle Arbeit tun, die es gibt. Was soll ich bloß anfangen, wenn ich nicht bei dir bleiben darf? Bitte, bitte, behalte mich bei dir! Deine Frau braucht vielleicht eine Magd.«

»Hör' zu,« sagte er, und seine Stimme hörte sich mit einem Male an, als wenn Asche darauf war, »ich habe keine Frau. Ich bin ein Mann, der wie der Mausaar da in der Luft ist. Aber ich sehe es dir an, daß kein Falsch in dir ist, und wenn es dir bei uns gefallen tut, dennso sollst du gern bei uns bleiben. Also sorgen brauchst du dich nicht. Die nächste Zeit kommen wir freilich nicht nach Hause, weil ich ein Geschäft hier herum habe. Und das ist derart, daß es besser ist, du gehst vorläufig als Mannsbild durch. Auf einem Pferderücken kannst du dich halten, das sehe ich. Weiter brauchst du nichts.«

»Ich will alles tun, was du willst,« antwortete sie, und er mußte wegsehen, denn er hielt die Augen, die sie ihm machte, nicht aus. »Und nun, damit du es weißt, wer ich bin,« sagte sie, »mein Vater war Prediger im Bayrischen. Wir lebten in Frieden, bis der Krieg kam. Da ging das halbe Dorf in Flammen auf und die meisten Leute kamen um. Da suchte Vater sich eine andere Stelle, und so kamen wir bis in diese Gegend, wo die Leute sehr gut zu uns waren, besser, als anderswo. Vater wollte nach Hannover, denn er dachte, daß er vielleicht da wohl ein kleines Amt bekommen könnte, denn er hatte Briefe an Ratsherren und andere Herren von Ansehen mit. Da holten uns die Tillyschen ein, denn ein Taternmädchen, dem ich ein böses Geschwür aufgemacht hatte, sagte ihnen, welche Art Leute wir waren, und da waren sie wie die leibhaftigen Teufel. Ich will dir das ein anderes Mal erzählen; ich darf jetzt daran nicht denken. Ich habe zusehen müssen, wie sie meinen Vater so schlugen, daß ihm das Blut aus dem Munde kam, und als meine Mutter ihnen fluchte, haben sie sie vor meinen leiblichen Augen im Brunnentrog ersäuft. Ich weiß heute noch nicht, wie ich fortgekommen bin. Ich weiß nur, daß sie alle betrunken waren, und dann bin ich immerzu gelaufen und erst wieder zu mir gekommen, als ich im Busche hinfiel. Und dann bin ich wieder gelaufen, was ich konnte und bin wieder hingefallen und habe dagelegen, bis ich wieder bei mir war, und habe Gras gegessen und Wurzeln, und bin allem aus dem Wege gegangen, das Menschenangesicht hatte. Und dann hast du mich aufgefunden.«

Sie warf ihm den anderen Arm um den Hals und legte ihren Kopf an seine Brust: »Du willst mich behalten, sagst du? Du bist gut, du bist so gut!« Sie weinte, daß die Tränen ihm durch die Hose schlugen, und er ließ sie weinen, was sie wollte, denn er merkte, daß ihr das gut tat. Erst, als sie dicht vor Jeversen waren, sagte er: »So, jetzt müssen wir absteigen. Thedel, sieh zu, wie die Immen fliegen, und ob wir unter oder über dem Winde sind. Wir bleiben derweilen im Busche. Und sieh zu, daß du Mannszeug bekommst und alles, was dazu gehört, das der Jungfer paßt, aber rede nicht weiter darüber, was bloß die Haide wissen braucht.«

Er legte dem Mädchen seinen Mantel hin, drehte seine Jacke zusammen, machte ihr ein Kopfkissen daraus und sagte: »Leg' dich hin und schlaf! Ich will mich ein bißchen waschen. Grieptoo, dahin! Der Hund wird dafür sorgen, daß du geruhig schlafen kannst. Ich bleibe ganz in der Nähe.« Er wickelte sie in den Mantel und bettete sie zurecht. Sie lächelte ihm zu, wie ein kleines Kind, das zu Bett gebracht wird, seufzte auf und machte die Augen zu. Der Hund setzte sich neben sie, beroch sie, und dann legte er sich auch hin, behielt den Kopf aber hoch.

Harm hatte schon die zweite Pfeife aus, da kam Thedel erst zurück. Er brachte das Zeug mit, und was dazu gehörte, und flüsterte: »Der Wind küselt. Im Kruge sitzen vier Leute, die da nicht hingehören und haben das große Wort. Der Krüger hat ein Gesicht, wie eine Kattule, so haben sie ihn geschlagen, und nun sind sie besoffen und schinden die Frauensleute. Kein einer traut sich an sie ran, denn sie haben damit geprahlt, daß noch mehr von ihren Leuten nachkommen tun.«

Wulf klopfte seine Pfeife aus. »Hm,« meinte er, »hm, weiß Warnekenswibert schon Bescheid und Hilmersheine? Das ist gut; dennso wollen wir uns nicht länger aufhalten und mal sehen, was das für Gäste sind.« Er nahm das Zeug und ging nach dem Busche. Grieptoo wedelte ihn an, daß sein Schwanz laut auf die Erde schlug, und davon wachte das Mädchen auf. »Hier!« sagte der Wulfsbauer, »bis eben warst du eine Johanna, jetzt mußt du einen Hans aus dir machen. Ich gehe jetzt solange beizu, bis du dich umgezogen hast; ich und Thedel, wir haben im Dorfe zu tun. Willst du lieber mit dem Hunde bei den Pferden bleiben, oder willst du mit uns? Aber ich sage dir, es gibt tote Männer zu sehen! Also du willst mit? Schön! Ein Mann muß Wehr und Waffen haben, hier ist ein Messer und da nimm die Pistole! Sie ist fertig. Und nun komm! Grieptoo, daß du mir keinen an die Pferde läßt!«

Der Hund ließ die Ohren hängen und sah ihnen so lange nach, bis sie um die Ecke waren. »Also, hör zu, Hans!« sagte Harm; »es ist wieder Gesindel im Kruge, das die Leute schindet. Das können wir nicht leiden, und darum wollen wir mit dem groben Besen ausfegen. Du hältst dich immer hinter mir, verstehst du, und erst, wenn der Ast an zu knastern fängt, kannst du mir die Hand hinhalten.« Er sah nach dem Machangelhagen und winkte: »Na, wir haben euch wohl beim Vespern aufgestört?« meinte er zu den beiden jungen Leuten, die da standen und das Mädchen ansahen. »Das ist ein guter Freund. Und nun wollen wir los! Wer Raben fangen will, darf nicht warten, bis sie flügge sind.«

Sie gingen durch einen Eichbusch, stiegen über ein Stegel, gingen quer durch eine Deele, und dann sagte Wulf: »Ihr beide geht nun ein jeder für sich hin und seht zu, daß ihr bei der Halbetür bleiben könnt, und wenn einer aus der großen Türe Wasser gießt, so ist das das Zeichen, daß wir kommen sollen. Die Bleiknüppel habt ihr ja wohl? In einer ordentlichen Wirtschaft muß man saubere Arbeit machen!«

Die beiden Bauernsöhne lachten im Halse und gingen ab; Harm, Thedel und Johanna stiegen über einen Zaun, drückten sich unter den Fenstern des Kruges her, und dann sagte der Bauer: »So, Thedel, dennso mach dein dümmstes Gesicht!«

Hinter einem Stapel Brennholz blieb Wulf stehen, und das Mädchen stand hinter ihm; er fühlte ihren Atem über seiner Halsbinde. Aus dem Kruge kam ein rohes Lachen, dann quietschte ein Frauenzimmer. Harm fühlte, wie das Mädchen hinter ihm am ganzen Leibe flog. Er drehte den Kopf nach ihr. »Hast du Bange!« flüsterte er. »Bange nicht, aber was anderes!« sagte sie, und er nickte ihr zu.

In demselben Augenblicke goß die Wirtin einen Eimer Wasser aus der großen Türe. »Komm!« flüsterte Wulf, pfiff erst das Brummelbeerlied und ging dann laut lachend in das Haus, wo ein Kerl am Feuer saß und die jüngste Tochter, ein Kind von zwölf Jahren, in den Klauen hatte, indes ein anderer die Magd hin und her zog. Die beiden anderen, die schon gehörig einen sitzen hatten, standen da und tranken.

»Na, das geht hier ja mächtig lustig zu!« rief der Ödringer laut; »'n Abend zusammen!« Und indem schlug er den Kerl, der vor dem Feuer saß, mit dem kurzen Bleiknüppel, den er aus dem linken Ärmel holte, über den Kopf, daß der Mensch tot auf die Brandruten fiel, und kaum, daß er dalag, klappte der um, der die Magd im Arme hielt, denn Warnekenswibert hatte ihn gut bedient. Die beiden anderen Reiter machten dumme Gesichter; aber ehe sie recht begriffen hatten, was los war, lagen sie über kreuz da, denn Wulf hatte den einen besorgt und Hilmersheine den anderen.

»So, nun sind wir unter uns, jetzt gebe ich einen aus,« lachte der Wulfsbauer, als das Flett sauber war, und dann fragte er das Mädchen leise: »Du hast nun wohl Angst vor uns gekriegt?« Sie sah ihn mit blanken Augen an und schüttelte den Kopf. »Na, denn wollen wir vespern, und darauf werden wir das Schlafen nötig haben, vorzüglich du, wo du dazu in der letzten Zeit nicht gekommen bist. Hast auch Platz für uns drei, Kordeskord?« Der Wirt nickte. »Masse, daß heißt, Thedel kann bei unserm Knecht schlafen, und ihr beide nehmt die Gästebutze.«

Als Harm mit dem Mädchen allein war, sagte er: »So, nun leg dich man hin, Hans; ausziehen brauchst du dich nicht viel, denn wir müssen früh los. Du kannst ruhig schlafen, ein ganzes Dorf wacht über uns. Wer wir sind, wirst du ja nun gewahr geworden sein. An unseren Händen ist kein Blut, höchstens an unseren Bleistöcken, aber das ist auch nicht viel mehr wert. Einen Schelm muß man wie einen Schelm begrüßen, und die Wespen kriegt man am besten durch kochliches Wasser aus dem Grasgarten.«

Johanna hatte sich kaum lang gemacht, da schlief sie schon. Der Wulfsbauer konnte anfangs gar nicht schlafen, denn er mochte sich nicht rühren, um das Mädchen nicht aufzuwecken. Allerlei Gedanken gingen ihm durch den Kopf, aber zuletzt fielen ihm die Augen doch zu und er schlief, bis die Wirtin hereinkam und sagte: »Es ist bei fünfe und die Morgenzeit ist fertig.« Damit ging sie fort und ließ den Krüsel auf dem Schemel stehen.

Harm stand leise auf und leuchtete hinter der Hand in die Butze hinein: »Schade!« dachte er, »sie schläft just so schön!« Aber da seufzte das Mädchen tief auf, hob die Hände in die Höhe, machte die Augen auf, und als sie den Bauern vor sich sah, flüsterte sie: »Ach so, du bist es!« Und dabei lachte sie ihn an. »Ja, nun mußt du aufstehen,« sagte er. »Bleibe noch einen Augenblick liegen, ich hole dir erst eine Schüssel Suppe und Waschwasser, und unterdessen besorge ich dir ein Pferd, denn wir wollen flott reiten.«

Als es eben hellichter Tag war, waren sie bei einem einstelligen Hofe. »Hier bleiben wir bis Mittag,« sagte Harm. »Sag mal, Hausfreund, du reitest ja wie ein Koppelknecht.« Johanna lachte: »Pastorenkinder lernen alles, außer Frommsein,« sagte sie, »und schießen kann ich auch nicht schlecht. Aber ich verstehe mich auch auf das Kochen und Strümpfestricken.« Wulf lachte: »Das muß ich sagen, denn kannst du mehr, als wie ich,« und da lachte sie noch einmal, und er dachte bei sich: »Wenn sie noch öfter so lacht, denn wird die Geschichte sengerich für mich.«