Der Wehrwolf: Eine Bauernchronik
Chapter 6
Harm hatte sich auf einen Wurfboden gesetzt und rauchte vor sich hin. In den Fuhren piepten die kleinen Vögel, eine Eichkatze lief von Stamm zu Stamm und die Sonne machte das Brommelbeerkraut so grün, als wäre es Juni. Hennke saß auf einem alten Stucken; er sah aus, als ob er eingeschlafen war. Der Knecht stand bolzensteif vor einem Stamme, hatte die Büchse scharf gemacht und drehte langsam den Kopf hin und her, gleich als ob er sich auf Hirsche angestellt hatte.
Der Wulfsbauer machte sich gerade eine neue Pfeife zurecht, da prahlte halbrechts der Markwart. Thedel sah den Bauern einen Augenblick an, drehte aber gleich den Kopf wieder weg. Der Markwart schrie in einem fort, und dann meldete ein Specht, und zugleich eine Drossel. Der Knecht wippte leise mit dem rechten Fuße, Klaus machte die Augen ein bißchen mehr auf, Harm saß da und rauchte, bloß daß er den Kopf schiefer hielt. Ein Pferd wieherte, eine Peitsche klappte, ein Fluchwort kam hinterher. Dann polterten Räder.
Harm winkte den Knecht neben sich. »Halt das Horn bereit!« sagte er leise zu ihm. Thedel nahm das Horn zur Hand. »Nicht eher, als bis ich es sage!« flüsterte ihm der Bauer in das Ohr. Der Knecht nickte. »Hüh!« ging es vor ihnen und noch einmal »hüh!« Ein Pferd prustete, ein Mann schnäuzte sich. Jetzt kamen die ersten, sechs Mann zu Fuß, die Büchsen fertig zum Schuß, in einem fort die Köpfe von rechts nach links drehend. Ab und zu blieben sie stehen und redeten halblaut. Harm hörte, was der eine sagte: »Verdammigt noch mal, ist das hier ein Sauweg! Wenn wir hier man erst raus wären!« Der Bauer lachte hinter seinem Gesichte und dachte: »Ja, wenn!«
Drei Reiter kamen hinterher. »Schöne Pferde!« dachte Wulf. Der zweite Wagen kam, wieder ein paar Mann zu Fuß, dahinter ein Reiter, ein langer, dünner Kerl mit einem ganz kleinen Kopf. Der Bauer stand auf und zitterte am ganzen Leibe. Aber der Mann hatte eine tiefe Stimme; also war er es nicht. Noch ein Wagen kam an und noch einer und immer mehr, jetzt der letzte. Harm wollte schon dem Knecht zurufen, daß er blasen sollte, da hörte er noch einen Wagen poltern. Er machte sich fertig. Hinter dem Wagen ritt ein dicker Mann, der einen weißen Spitzenkragen umhatte, der ihm bis über die Schultern hing. Er hatte eine rote Nase und ein doppeltes Kinn und sah verdrießlich aus.
»Das dicke Ende kommt allemal hinterher,« dachte der Bauer und schoß. Der Rotschimmel machte einen Satz und warf den Mann ab. »Jetzt kannst du blasen, Thedel,« flüsterte Wulf, »aber Deckung nehmen!« Der Knecht stellte sich hinter den Wurfboden und legte los: »Tirrä tuut, tirrä tuut, tirrä tuut!« ging es. Dann aber nahm Thedel seine Büchse, lief schnell nach vorne, zielte lange und so wie er drückte, sah er zurück und lachte, lud aber gleich wieder.
»Tirrä tut!« kam es von unten her und überall knallte es. Ab und zu hörte man einen Fluch und einen Schrei, und dazwischen ein kurzes Lachen, und oben fiel ein Schuß und nun wieder unten einer. Dann kam ein Mann angeritten, kreideweiß im Gesicht; er blieb, sowie Thedel geschossen hatte, erst noch eine Weile sitzen, bis er zur Seite fiel, und das Pferd schleppte ihn durch den Dreck. Hinter ihm her kam ein anderer angehinkt und hielt sich den Kopf. Harm wartete, bis er auf drei Schritt heran war, hielt ihm die Pistole entgegen und schoß ihn nieder.
Die Schüsse fielen spärlicher, das Fluchen und Schreien hatte aufgehört. »Ich glaube, wir sind damit durch,« rief Wulf dem Jungen zu. Der nickte. »Wollen noch eine Weile warten!« meinte der Bauer. Thedel lud die Büchsen und die Pistolen, derweil der andere sich die Pfeife stopfte und anbrannte. »Nun kannst du loslegen,« rief er ihm zu. »All' uut, all' uut?« blies Thedel. Nach einer Weile kam von unten die Antwort: »Is all ut!«
Der Bauer nahm seine Büchse und ging auf den Knüppeldamm. Überall kamen Bauern aus den Fuhren. Alle nickten Harm zu: »Das ging, wie geschmiert!« Er nickte: »Fangt man erst die ledigen Pferde ein, das andere läuft uns nicht weg!« sagte er und alle lachten, aber sie machten lange Gesichter, als er befahl: »Und jetzt müssen wir sie erst beiroden und die Wagen in den Busch fahren. Das Bargeld und die Wertsachen geht an Drewes; der soll das Austeilen machen. Und wem ein Pferd genommen ist in dieser Zeit, der kommt an erster Stelle. Für mich laßt eine gute Büchse übrig, bar Geld will ich nicht haben.«
Er sah alle an, die da herumstanden: »Seid ihr auch alle heil geblieben?« Einer rief: »Ja, bloß Viekenludolf ist ein bißchen zur Ader gelassen. Na, der hat ja auch mehr Blut, wie er als Junggeselle brauchen kann!« Alle lachten lauthals los.
Sie hatten sechsundsechzig Pferde, einen Wagen voll Wurst und Schinken und elf Wagen mit Hafer, Mehl und Brot, ungerechnet das Bargeld, die Kleider und die Waffen, gefangen. Ein junger Kerl schrie los: »Kinder, wer gibt auf das Geschäft einen aus?« Alle lachten und Harm rief: »Drewes und ich, nicht wahr, Drewes?« Der tat so, als ob er lachen wollte. »Ist auch wahr,« rief der Wulfsbauer, »immer kann man nicht arbeiten. Heute Abend ist es zu spät und wir haben auch noch allerhand vor, und viele von uns haben einen weiten Weg, aber morgen sollen sich die Junggesellen, soweit sie abkommen können, im Engenser Kruge treffen und ihre Mädchen mitbringen, aber die Gewehre auch, und beim nächsten Male kommen die anderen dran, die morgen zu Hause bleiben müssen. Und nun hille!« trieb er; »man darf morgen hier nicht sehen, was sich begeben hat. Die Wagen müssen in den Busch, und was sonst daliegt, muß unter die Erde. Auf Schweineschlachten kommt Reinemachen!« Wieder lachte alles und ging fröhlich an das Werk. Eine Stunde später, als der Mond herauskam, sah der Knüppeldamm so blank aus, wie am Morgen.
Am anderen Nachmittage traf sich das junge Volk in Engensen im Kruge und tanzte, daß die Deele donnerte, aber der Wulfsbauer sorgte dafür, daß nicht zu viel getrunken wurde und daß rund um den Krug und nach allen Richtungen um das Dorf Wachtposten standen. Er selber stand an der großen Türe und sah zu, rauchte und trank ab und zu einen Schluck Bier aus dem Kruge, den er neben sich stehen hatte.
Ein Mädchen fiel ihm auf; sie mochte knapp achtzehn Jahre alt sein, hatte ein Gesicht wie Milch und Blut, Haare wie Haferstroh und war wie eine Tanne gewachsen. Sie tanzte mit einem langen, dünnen Bauernsohn, der ein Gesicht hatte wie ein Pott voll Mäuse. Ein jedesmal, wenn sie an Harm vorbeitanzte, sah sie ihn an, als wollte sie ihm ihr Herz vor die Füße legen. Es war Drewes zweite Tochter Wieschen, hörte er, von der man sagte, sie sei rein wie Nesselkraut, und mehr als einer von den Jungens im Dorfe hatte ein dickes Maul mitgenommen, wenn er einen Süßen von ihr haben wollte.
Als ein neuer Tanz gespielt wurde, tanzte sie bloß einmal rund und als sie bei dem Ödringer war, machte sie sich von ihrem Tänzer los und sagte: »Nu kann ich nicht mehr. Himmel, was hab' ich für'n Durst!« Harm hielt ihr den Krug hin. Sie wurde über und über rot, lachte ihn an und sagte: »Sollst auch bedankt sein!« Er sah an ihr herunter und zeigte mit dem Kopfe nach ihrem Tänzer: »Ist das dein Bräutigam?« Sie schüttelte den Kopf: »Nee, ich hab' noch keinen,« und dabei sah sie ihn wieder so an, wie vorher.
Aber da schrie der Wirt »Feierabend!« und mitten im Singen hörte das junge Volk auf. Wieschen gab Harm die Hand und sagte: »Sollst dich mal bei uns sehen lassen, Wulfsbur; seit Mutter tot ist, wird Vater so wunderlich. Und nun gute Nacht auch und gute Reise!«
Harm steckte noch das Bier im Geblüt, als er sich auf den Heuboden hinlegte, und als er beim Einschlafen war, ging ihm immer das Lied im Kopfe rund, das die jungen Leute zuletzt gesungen hatten:
Kumm üm de Middenacht, kumm um Klock een! Vadder slöpt, Mudder slöpt, ick slap alleen.
Die Wehrwölfe
Harm blieb für das erste im Bruche. Er hatte allen möglichen landfahrenden Leuten, soweit es nicht Raub- und Mordgesindel war, von der vielen Beute, die er gemacht hatte, manchen Taler zukommen lassen, damit sie bei Drewes in Engensen oder anderswo Nachricht hinterlassen sollten, wo er das Heilige Kreuz und den Säugling antreffen konnte, denn er hatte gesagt, er hätte ein Geschäft mit ihnen vor.
Er besprach sich nun mit Ulenvater über das Leben, das die Ödringer auf dem Peerhobsberge führten. »Das schlimmste ist,« sagte er, »sie lauern darauf, daß der Krieg aufhören soll und solange behelfen sie sich mit Hungern und Nichtstun. Das ist verkehrt! Wir müssen so tun, als ob wir ewig und drei Tage hier bleiben wollen. Mit Reden richtet man aber nichts aus, und deshalb wollen wir beide uns ein regelrechtes Haus bauen, und soweit es geht, auch Land unter den Pflug nehmen. Du sollst sehen, einer nach dem anderen tritt dann in unsere Stapfen.«
Der Alte nickte: »Da hast du völlig recht; das habe ich mir auch schon gesagt, denn wenn ich auch heute oder morgen sterben kann, sündhaft ist es darum doch, die Hände in den Schoß legen und unserem Herrgott den Tag abstehlen. Und diese Örtlichkeit ist gar nicht so uneben! Selbst in Regenjahren kommt das Wasser hier nicht her, und der Boden ist gut, und wenn später ein Durchstich nach der Wietze gemacht wird, und der Busch wegkommt, dann sollst du mal sehen, was hier nicht alles wächst!«
Es gab einen großen Aufstand auf dem Berge, als es hieß: »Der Wulfsbauer und Ulenvater bauen sich ein festes Haus!« Es waren aber kaum die Ständer eingesetzt, da fing schon ein anderer an, es ihnen nachzutun, und es war schön anzusehen, wie gerade mit einem Male wieder die Männer gingen, welche blanken Augen die Frauen bekamen und wie auch die Kinder sich herausmachten, denn nun hatten sie doch wieder an etwas anderes zu denken, als an ihr Unglück.
Der Wulfsbauer sparte nicht; er hatte Geld genug, und so holte er Zimmerleute und Tischler aus den Nachbardörfern heran, und als das Haus fertig war, und weder die Pferdeköpfe an den Windbrettern noch der Spruch über der großen Türe fehlte, da sagten alle: »Es ist wirklich ein schönes Haus, alles was recht ist, wenn es auch man halb so groß ist und nicht so bunt, wie das alte Haus.«
Der Spruch aber, den Harm Wulf in den Torbalken hatte einhauen lassen, hieß: »Helf dir selber, so helft dir unser Herre Gott.« Das gefiel manch einem erst nicht recht. Aber als dann der Wulfsbauer seine Hausrichte gab, wurden sie anderer Meinung. Alles war eingeladen, was im Bruche wohnte und noch allerlei Freundschaft aus der Haide. Wulf hatte reichlich für Essen und Trinken gesorgt und auch für Musik, aber er hatte auch sagen lassen, jedweder sollte sich so fein machen, wie sonst zum Burgdorfer Martinsmarkt. So sah es bunt und lustig vor dem Hause aus von roten Kleidern und weißen und blauen Röcken, und alle Gesichter waren voller Freude.
Es war einer von den Tagen, an dem Sonne und Regen hintereinander her sind, wo aber die Sonne die meisten Trümpfe vorweisen kann. Ein frischer Wind ging, daß das Laub in den jungen Eichen rauschte und die Fuhren und Tannen nur so brummten, und die Kränze aus Hülsen und die langen Ketten aus Tannhecke hin und her flogen; die weißen Bänder daran wehten und die bunten Eierschalen klingelten und klapperten, daß die Kinder vor Vergnügen nicht wußten, wo sie sich bergen sollten.
Als alle da waren, kam Ulenvater aus der großen Türe und hinter ihm der Bauer. Er hatte sich seinen Bart abgenommen und trug den blauen, rot ausgeschlagenen Rock mit den blanken Talerknöpfen. Die großen Kinder stellten sich zusammen, Fiedelfritze aus Mellendorf gab den Ton an und hell klang das Lied: »Großer Gott, dich loben wir.« Alle Männer nahmen die Hüte ab und sangen mit, und die Frauen auch, und da war nicht einer, dem das Wasser nicht in die Augen kam.
Dann stellte sich Ulenvater vorne hin und sprach: »Alle, die wir hier versammelt sind, Mannsleute und Frauen, Knecht, Magd und Kind, Boshaftigkeit und Niedertracht haben uns von Haus und Hof gebracht. Also schwer uns das Unglück schlug, daß wir allhier im wilden Bruch wie die Wölfe uns müssen verstecken, daß uns die Mordbrenner nicht entdecken. Anfangs haben wir meist verzagt, haben gegreinet und geklagt, dachten, ach wären wir besser tot, als so zu leben in Ängsten und Not. Haben uns aber noch besonnen und dies Haus zu bauen begonnen, haben es glücklich emporgebracht, weil uns schützte des Herren Macht.«
Alle, die da standen, sahen den alten Mann, dessen Augen so fröhlich und doch so absonderlich aussahen, groß an, und die Kinder standen mit offenen Mäulern da und wußten nicht, was sie zu Ulenvater sagen sollten. Das war ja gerade, als wie in der Kirche! Aber nun holte er tief Luft, machte ein anderes Gesicht und fuhr fort: »Und weil das Haus nun fertig steht, und nichts dran fehlt, so wie ihr seht, so wollen wir nach altem Brauch den Tag beschließen in Freuden auch, essen, was uns der Herr bescheert, und mit Verstand, wie es sich gehört, hinternach auch lustig sein bei einem Glas Bier oder Branntewein; und nun, liebe Freunde, tretet ein!«
War das ein Leben und ein Lachen! Die Altmutter Horstmann, die noch keiner wieder hatte lachen sehen, seitdem sie aus dem alten Dorfe hatte herausmüssen, gnickerte in einem fort vor sich hin und brummte: »Nee, dieser Ulenvater aber auch, was der für Kneepe im Koppe hat!« und Klaus Hennke, der größte Drögmichel von allen, lachte hellwege weg. Eine so lustige Hausrichte hatte es sogar oben im Dorfe noch nicht gegeben. Und wenn auch kein Tropfen Honigbier und kein Glas Wein auf dem Tische gewesen wäre, es wäre doch toll genug hergegangen. Schon beim Essen waren alle mächtig aufgekratzt, und als der Tanz losging, erst recht, und wilder und höher waren die roten Röcke noch keinmal geflogen und das, was darin war, als auf des Wulfsbauern Hausrichte.
Aber er hatte auch an alles gedacht. Dünnbier war da und Met, und zwei Fässer Mumm und ein Tabak, wie ihn noch keiner geraucht hatte, und das war auch kein Wunder, denn den hatten Drewes und seine Haidgänger vor einiger Zeit einer Kolonne abgenommen und zwölf Fässer spanischen Wein dazu, der so süß wie Honig war, und davon bekamen die ganzen alten Männer und Frauen jeder ein oder zwei Glas zur Herzstärkung. »Ich bin nun all im neunzigsten Jahre oder so herum,« sagte der Hausmann vom Bollenhofe, »aber so gut ist es mir noch keinen Tag in meinem Leben nicht gegangen,« und dabei nickte er ganz glücklich seinen Urenkeln zu, die alle Backen voll von dem süßen Rosinenbrote hatten, das für die liederlichen Weibsleute bestimmt war, die die Waldsteinschen Offiziere mit sich herumschleppten.
Sogar Drewes sah anders aus, als die Zeit vorher. Er stand zwischen seinen beiden Töchtern, dem großen breiten Lieschen, die mit ihrem Manne den Hof bewirtschaftete, und dem schlanken Wieschen, die kein Auge von dem Wulfsbauern ließ und nicht mittanzen wollte, weil sie, wie sie sagte, nicht gut zuwege war. Aber dabei sah sie aus wie eine Rose im Morgentau, und hatte Augen, so blau wie der liebe Himmel, und wenn sie lachte, so war das, als wenn die Märzendrossel an zu schlagen fangen will. »Nee, Wulfsbur,« sagte sie, als der sie fragte, warum sie nicht auch tanzte, »nee, danach ist mir heute nicht ums Herz. Ich kann mich gar nicht satt genug sehen, wie lustig die Ödringer sind nach alledem, was sie ausgestanden haben! Hör' bloß, was sie singen! Damit hast du dir einen Gotteslohn verdient.«
Bis zehn dauerte der Tanz, aber er hielt noch lange vor. Von da ab hörte man die Männer wieder flöten und die Mädchen sangen bei der Arbeit, und wenn es auch Arbeit für Mannsleute war, die sie tun mußten. Denn Wulf hatte es den Leuten klar gemacht, daß es nun erstens nötig wäre, die Burg zu befestigen, daß dreihundert Mann sie nicht erstürmen konnten, und daß das, was im Herbst vergessen war, jetzt gemacht werden mußte. So wurde der Burggraben tiefer und der Wall höher gemacht und sowohl die Grabensohle, wie die Wallwand wurde dicht an dicht so mit langen spitzen Pfählen besetzt, daß kaum eine Katze, geschweige denn ein Mensch durchkonnte. Zudem wurde rings um den Wall ein Verhau aus Dornbüschen gemacht, so hoch und so dicht, daß selbst der Teufel und seine Großmutter nicht darüberweg konnten. Rund um die Burg waren an allen Zuwegen Wolfsangeln in die Bäume geschnitten und das bedeutete: »Wahr' dich, denn vor dir ist ein Loch, und wenn du da hineinfällst, bist du des Todes!« Dazu kam noch, daß die beiden Fahrwege jeder viermal mit Schlagbäumen versperrt werden konnten.
Alles das hatte Wulf bei seinen Streiffahrten hier und da gesehen und sich eine Lehre daraus genommen, und zur größeren Sicherheit hatte er an vier Stellen auf dem Sandberge im Bruche Auskieke in den Kronen der Wahrbäume machen lassen, in denen den Tag über Jungens als Wachtposten saßen, die Hörner bei sich hatten und bliesen, wenn die Luft unrein wurde.
Es dauerte nicht lange, und alles, was kein reines Hemd anhatte, machte einen Bogen um das Bruch, denn es hatte sich herumgesprochen, daß es da nicht geheuer war. Ab und zu sah man Männer mit schwarzen Gesichtern in dem Busche, und an mehreren Stellen waren zwei Fuhrenbäume kahl gemacht und ein dritter darüber genagelt, und zu allermeist hing ein Mann mit seinem Halse daran, oder zwei oder drei und kein Mensch wußte, wer es war und wer sie gerichtet hatte, ausgenommen die Bauern in der Runde, und wenn der Wind die Galgenfrüchte hin und her wehte, lachten sie und sagten: »Die Bruchglocken läuten heute aber fein!«
Dieweil der Winter milde war, konnte allerlei Arbeit getan werden. Die Bauern rodeten den Busch auf dem Peerhobsberge, teilten das Land ein und verlosten es, zogen Gräben und Wälle um die Weidekoppeln, holten die großen Steine aus der Haide und brachen den Ort im Bruche, damit sie Grundmauern und feste Wände machen konnten.
Als der Hornung zu Ende war, sah es auf dem Peerhobsberge schon anders aus, als im Herbste, zumal es an Nahrung nicht gebrach. Denn Fleisch lieferte das Bruch genug; es war lebendig voll von Hirschen, Fische gab es in der Wietze in Hülle und Fülle, und für Brot sorgte der Wulfsbauer. Er hatte aus dreißig jungen Kerlen eine Schleichtruppe zusammengestellt und einen Kundschafterdienst in die Reihe gebracht. Wurde nun gemeldet: hier kommt ein Proviantzug oder da sind Marketender, so dauerte es nicht lange und es knallte, und dreißig Männer mit schwarzen Gesichtern lachten lauthals los und sagten: »Nun kann Mutter wieder Brot schneiden, ohne daß sie so niepe zusehen braucht.«
Viekenludolf aus Rammlingen, Windhund bei allem, was einen roten Rock anhatte, und der wildeste Tänzer beim Erntebier und wo sonst sich eine Fiedel hören ließ, und ein Kerl, der überall gern dabei war, wo man sich umsonst zur Ader lassen konnte, der hatte, als sie Ende März drei Marketenderwagen des kaiserlichen Heeres bei Seite gebracht hatten, im Kruge zu Obbershagen gesagt: »Wir haben nun ein so schönes Kind aus den Windeln heraus, aber einen Namen, den hat es noch nicht. Unser Hauptmann, der heißt Wulf, und ein richtiger Wolf ist es auch, denn wo er zubeißt, da gibt es dreiunddreißig Löcher. Dennso bin ich der Meinung, daß wir uns die Wehrwölfe nennen und zum Zeichen, wo wir der Niedertracht gewehrt haben, drei Beilhiebe hinterlassen, einen hin, einen her und den dritten in die Quer. Und davon soll keiner was wissen, als wir dreimal elfe, so sich nennen die Wölfe, und wer darüber das Maul aufmacht, der soll zwischen zwei räudigen Hunden mit der Wiede um den Hals so lange hängen, bis man nicht mehr wissen tut, wer am mehrsten stinkt.«
»Das ist ein Wort, das hat den Kopf vorne und den Steert achtern, wie es sich gehört,« sprach der Hauptmann, »und was unser Wolfsbruder da so hin gesagt hat, als wenn das bloß ein Spaß ist, als wie er einem beim Biere aus dem Maule rutscht, es ist Verstand darin und Einsicht. So, wie wir hier sind, dreimal elf Mann, kann uns der leibhaftige Gottseibeiuns selber nicht bange machen, und wenn er jetzt mitten unter uns zu stehen kommt. Denn was will er uns machen, uns ledigen Leuten, von denen keiner Kind und Kegel hat, Viekenludolf vielleicht ausgenommen, der ja Hahn bei allen Hühnern sein soll.«
Sie lachten alle, wie die Buchhölzer Hengste, bloß Viekenludolf nicht, denn der kratzte sich hinter den Ohren. Als es dann wieder still war, ging Wulf weiter: »So müssen wir uns für die Eheleute und die Witfrauen und die alten Leute und die Waisen aufnehmen. Aber dazu müssen wir unser mehr sein, müssen es auf hundert Mann und darüber bringen, alles Kerle, wie wir, die noch lachen können, wenn ihnen ein Stück Hackblei nicht aus dem Wege gehen will. So soll sich denn ein jeder einen bis zwei oder drei gute Freunde suchen, und die sollen mithelfen, wenn es not tut. Es sollen aber alles Junggesellen sein und kein einer, der einziger Sohn einer Witfrau ist, soll dabei sein, und wenn einer ein Mädchen mit einem Kinde sitzen hat, der soll sich zuvor bedenken, ehe er sich mit uns einläßt. Wenn so einer aber Unglück hat, so soll es unser erstes sein, daß das Frauenmensch und das Kind nicht Not und Mangel leiden. Und anjetzt wollen wir uns verbrüdern auf Not und Tod, Gut und Blut, daß alle für einen stehen, und einer für alle, aber wir alle für alles, was um und im Bruche leben tut und unserer Art ist.«
Der Wirtssohn, der einer von den dreimal elfen war, mußte das große Glas holen. Das Bier wurde beiseite geschoben und edler Wein, der auf der Landstraße zwischen Burgdorf und Celle für umsonst gewachsen war, kam auf den Tisch. Sie standen alle auf, hakten die Arme ineinander, daß es einen engen Kreis gab, und Harm nahm das Glas, trank, gab es Viekenludolf, und so ging es reihum, bis es leer war. Dann sang Grönhagekrischan aus Hambühren, der stillste von allen, aber ein Mann trotz seiner zwanzig Jahre, den Wehrwolfsvers vor, der ihm just beigefallen war, und der Hauptmann legte einen weißen Stock auf den Tisch, sein langes Messer und eine Wiede und sprach: »So der Stock bricht, so das Metz sticht, oder die Wiede wird zugericht'!«
Sie wählten darauf Viekenludolf als zweites Haupt, machten fest, wo und wann sie sich regelmäßig treffen wollten, und auf welche Weise der eine dem anderen Nachricht geben sollte, ohne daß dem Boten alles aufgedeckt zu werden brauchte, und dann gingen sie auseinander. Der Peerhobstler blieb noch eine Weile mit dem Wirtssohn sitzen, denn er hatte eine Botschaft aus Wietze bekommen, daß die Leute, die er suchte, sich in Ahlden hatten blicken lassen. Er hatte vor Arbeit und Geschäften manchen Tag nicht mehr an sie gedacht; jetzt aber standen sie ihm wieder alle Stunden vor den Augen, und er hatte sich vorgenommen, nicht eher locker zu lassen, bis er ihnen ihren verdienten Lohn bei Heller und Pfennig ausgezahlt hatte.
So ritt er denn, als am anderen Mittag Thedel mit Grieptoo ankam, los. Den Hund hatte er in der letzten Zeit meist immer bei sich, denn er hatte es herausgebracht, daß der eine Hauptnase hatte und zwischen hundert Mann den herausfand, auf dessen Fährte er ihn legte. Ohne Hund hätte er den Zigeuner, der mit sechs Stehldieben die Gegend unsicher machte, nicht in der Erdhöhle im Bissendorfer Holze aufgespürt und zur Warnung aller unehrlichen Leute samt seinen Spießgesellen vor dem Dorfe an die Birkenbäume hängen können, und ohne ihn wäre er einmal beinahe den Mannschaften des Tilly in die Finger gefallen, die hinter ihm her waren, als er ihnen wieder einmal den Brotkorb höher gehängt und den Bierkrug vor dem Maule aus der Hand geschlagen hatte.