Der Wehrwolf: Eine Bauernchronik
Chapter 5
»Welcher Mann?« fuhr ihm der Bauer dazwischen. Der Junge grieflachte abscheulich. »Der sich an deinem Honigbier so scheußlich besoffen hat, daß er nicht aus der Stelle konnte und in der Haide liegen blieb und schlief.«
»Na, und wo ist er jetzt?« fuhr es Wulf heraus. »Der mag da wohl noch liegen,« griente der Knecht. »Wieso noch liegen?« fragte der Bauer weiter. Der andere lachte über das ganze Gesicht: »Na, weil ich ihm, als er wie ein Faß dalag, die Hände und die Füße zusammengebunden habe und denn auch, weil er, als er sich vernüchtert hatte und ich aus ihm heraus hatte, was ich wissen wollte, wohl nicht viel Leben in sich behalten hat.«
Der Bauer lachte böse: »Was hast du mit ihm angefangen, Thedel?« Und sein Lachen wurde noch tückischer, als der Knecht ihm das Messer wies und ihm erzählte, was er mit dem Manne gemacht hatte. »Denn,« sagte er, »es war der Schlimmsten einer. Gerade der ist es gewesen, der meine Schwester umgebracht hat, er und das heilige Kreuz und der Säugling. Und die müssen auch noch daran, sage ich, oder ich will keinen seligen Tod haben!«
Der Bauer sah ihn dumm an: »Heiliges Kreuz? Säugling? Was heißt das?« Thedel erzählte: »Als meist alles vorbei war und die mehrsten besoffen waren wie die Schweine, bin ich auf allen vieren hinter dem Hagen hergekrochen und da sah ich einen Kerl, der war so lang, wie ich noch keinen Menschen gesehen habe, und der hatte einen ganz kleinen Kopf wie ein Kind und auch genau solche Stimme, wenn er das Maul auftat, und keinen Bart hatte er auch nicht, und zu dem sagten sie Säugling. Und der andere, der war so kurz und dick wie ein Krautfaß, und er hatte einen fuchsigen Knebelbart und zwei Narben im Gesicht, so dick wie ein Finger und so rot wie ein Hahnenkamm, die eine von der Stirn bis in das Maul und die andere von einem Ohr bis an das andere, just so, daß es wie ein Kreuz aussah, und deswegen schimpften sie ihn wohl auch Heiliges Kreuz.«
Er sah vor sich hin: »Die beiden haben meine Schwester hingemartert; ich habe es gehört, wie sie darüber ihre Witze machten, die beiden und der andere, der besoffen in der Haide liegen blieb. Na, dem habe ich es besorgt! Ich hatte ihm das Maul zugestoppt, denn ich dachte: wenn er an zu bölken fängt und die anderen hören es, dann läufst du am Ende dumm an. Die beiden anderen haben noch eine ganze Weile hinter ihm hergeflötjet, bis es ihnen zu langweilig geworden ist. Ich bin bloß neugierig, ob er morgen früh noch am Leben ist!«
Mitten im Reden schlief er ein. Der Bauer deckte ihm einen Mantel über und dabei sah er, daß der Knecht so ruhig schlief, wie immer. Er mußte noch oft hinsehen; wie ein Kind, das keiner Fliege wehtun konnte, sah er aus. Er war der einzige Mensch im ganzen Dorfe, der es nicht mit ansehen konnte, wenn ein Schwein geschlachtet wurde, und dabei hatte er den Mordbrenner geschunden, wie der Henkersknecht einen armen Sünder.
»Recht hat er getan!« dachte der Bauer; »Schimpf um Schimpf, Schlag um Schlag, Blut um Blut, sagt Drewes.« Er sah in das Feuer und sah darin einen langen Kerl mit einem kleinen Kopf und einer dünnen Stimme, und einen anderen, kurz und dick wie ein Faß und mit zwei Narben im Gesicht, die über Kreuz standen. Er sah sie vor sich liegen mit gebundenen Händen, alte Lappen in den Mäulern und Angstschweiß auf der Stirn, und er stand davor, trat sie mit Füßen und hielt ihnen sein Messer vor die Augen.
Lange saß er so da und dachte an weiter nichts. Aber mit einem Male wurden ihm die Augen naß. In einer von den Plaggenhütten weinte ein Kind und eine Frau sang:
Eia wiwi, keen slöppt denn nu bi mi? Wi willt dat nu ganz anners maaken, Heini schall in de Eia slaapen, eia wiwi.
Die Bruchbauern
Es war hellichter Tag, als Harm Wulf aufwachte. Er war im Sitzen eingeschlafen, und so fest hatte er geschlafen, daß er sich erst gar nicht vermuntern konnte und sich ganz wild umsah, weil er nicht wußte, wo er war.
Aber dann stand er auf, so schwer und so langsam, als wenn er nicht vierundzwanzig, sondern achtundvierzig Jahre hinter sich hatte. Hingstmann, der gerade vorbeikam, verjagte sich, als er ihn sah, denn der Wulfsbauer hatte ein ganz altes Gesicht und Augen, in denen kein Leben war, und an den Seiten war sein Haar grau geworden.
»Wenn er man bloß weinen könnte, Ulenvater!« sagte die Reinkenbäuerin; »das ist ja schrecklich, wie der Mann das in sich hineinfrißt!« Aber Harm weinte nicht. Er aß, wie immer, sprach aber nicht mehr, als Ja und Nein, half die Schanzen höher machen und Schuppen bauen und was sonst für Arbeit nötig war. Um Uhre zehne ging er mit Thedel fort und als sie wiederkamen, hatten beide ganz blanke Augen und der Junge griente in einem fort, so daß es scheußlich anzusehen war.
»Was willst du jetzt anfangen, Harm?« fragte ihn abends, als sie beim Feuer saßen, sein Schwiegervater; »willst du den Hof wieder aufbauen?« Sein Eidam schüttelte den Kopf. »Ich habe eine andere Arbeit vor. Es kann sein, daß ich lange fortbleibe, vielleicht bin ich aber auch bald wieder da. Damit du es weißt: das Geld haben die Raubvögel nicht gefunden. Ich würde es ihnen gern gegönnt haben, wenn sonst alles so geblieben wäre, wie es war. Solltest du also in Bedrängnis kommen, so weißt du es zu finden; so ganz wenig ist es nicht. Und an dem andern Platz, du weißt ja Bescheid, ist Saatkorn genug, und von Wurst und Schinken ist da auch eine ganze Masse, und von Käse und Honigbier auch. Und da liegen auch noch die Pistolen und das eine Gewehr. Hast du etwas Tabak über?«
Er stopfte sich die Pfeife, hielt einen Fuhrenzweig in das Feuer, bis er Flammen fing, und brannte damit seinen Tabak an. »Weißt du was?« fuhr er dann fort, »mit mir ist das so: große Lusten zum Leben habe ich nicht mehr. Laß mich ausreden! Vielleicht, daß ich sie wiederkriege, wenn ich mit den beiden Hauptmordbrennern abgerechnet habe. Denn das habe ich fest vor. Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll wieder vergossen werden! Thedel will auch mit; sie stehen bei ihm gleichfalls in der Kreide, Alheids halber. Grieptoo kann bei dir bleiben; der Hund könnte mir im Wege sein!«
Ein Haufen von Vögeln kam angeflogen, ließ sich in den hohen Tannen nieder und lärmte gewaltig. Harm sah in die Höhe: »Da ist ja das Unzeug wieder, von denen Hingstmanns Vater sagte, sie zeigen Krieg und Pestilenz an. Vielleicht hat er auch recht, denn meinen Tag habe ich solche Vögel noch nicht gesehen. Einen fand ich tot in der Haide liegen; er war rot wie Blut und sein Schnabel ging über Kreuz. Aber was wollt ihr nun anfangen? In Ödringen seid ihr keinen Tag eures Lebens sicher, denn was gestern war, kann morgen wieder sein. Ich glaube, das beste wird sein, ihr baut euch hier im Bruche auf dem Peerhopsberge an; da finden sie euch so leicht nicht und Frucht wächst da zur Not schon. Und die Burg hier, die müßt ihr noch fester machen; der Graben muß tiefer und jedesmal da, wo der Zugang einen Knick macht, da muß eine Wolfskuhle hin.«
Der alte Mann nickte. »Ja, wir haben gestern ganz dasselbe gesagt. Das Vieh haben wir ja noch, die Pferde auch, und das beste wird sein, solange als wie der Krieg dauert, wirtschaften wir in einen Pott, so sauer uns das auch ankommen wird. Aber du solltest doch lieber hier bleiben; was willst du in der weiten Welt? Sieh mal, Junge, das Unglück ist geschehen, und ich trage ebenso schwer daran wie du. Eine Frau kriegst du schließlich wieder, ich aber keine Tochter. Du hast noch ein ganzes Leben vor dir, mit mir ist das anders. Und doch bleibe ich hier, wo ich geboren bin.«
Der andere schüttelte den Kopf. »Wiederkommen tue ich, so wie ich es kann. Aber ich habe einen Eid vor mir selber geschworen und dabei muß ich bleiben. Und überdies, hier würde ich verrückt werden, wo ich bei jedem Schritt und Tritt daran denken muß, wie es früher war.« Er rief den Knecht heran: »Zeig mal dein Messer her!« Der Junge griente und zog es aus der Scheide. »So, ist gut; leg' dich man schlafen, morgen früh wollen wir los!«
Er sah Ul an. »Der Mann, der Alheid umgebracht hat, lebt nicht mehr; Thedel hat es ihm besorgt und die Wölfe. Heute morgen haben wir ihn beigerodet unter der breiten Fuhre hinter meinem Hof. Es liegen allerlei Steine auf der Stelle. Aber zwei von den Schandkerlen sind noch am Leben und sollten sie sich hierher verlaufen, ein ganz unmenschlich langer mit weißen Haaren, aber noch ein junger Kerl, und einen unklug kleinen Kopf hat er und eine Stimme, als wie ein Kind, und dann noch einer, so kurz und dick, als wie ein Faß mit einem fuchsigen Knebelbart und zwei Narben im Gesicht, so breit, wie ein Finger und ganz rot, die eine von der Stirn bis in das Maul und die andere von einem Ohr zum andern, daß es wie ein Kreuz aussieht und darum heißt der Kerl auch das heilige Kreuz und der andere der Säugling. Wenn die sich hier blicken lassen, die dürft ihr nicht totschlagen; lebendig will ich sie haben, hörst du. Denn von Zeit zu Zeit komme ich wieder.«
Es wurde aber völlig Herbst, ehe daß er wiederkam. Bolles Bernd, der an dem Tage die Wache auf dem Halloberge hatte, sagte gerade zu Mertens Gerd, der ihm Gesellschaft leistete: »Wie schön die Birkenbäume bloßig aussehen! als wie das reine Gold!« Dann machte er einen langen Hals, wie ein Birkhahn, stieß Gerd in die Rippen und sagte: »Was ist denn das da im Bullenbruche? Das ist ja gerade, als wenn das ein Reiter zu Pferde ist! Gewiß und wahrhaftig, es ist einer. Sogar zwei sind es!«
Er barg sich hinter den Büschen und winkte Gerd, und als sie bei den dicken Fuhren waren, nahm er das lange Horn vor den Mund und blies laut los, so daß ein Hase, der unter einem Haidbusche geschlafen hatte, wie albern herausschoß und den Pattweg entlang lief. Dreimal blies der Junge in das Horn, und jedesmal auf eine andere Art, und nach einer Weile zum vierten Male und so laut und lang, daß es auf eine halbe Meile in der Runde zu hören war.
»Aufpassen tun sie,« sagte Harm Wulf zu Thedel; »wir müssen uns zu erkennen geben, denn sonst könnten wir am Ende eine Handvoll Hackblei in die Rippen kriegen, ehe wir uns das vermuten. Zeig ihnen, daß du es auch noch kannst!« Der Knecht nahm das kleine Horn, das er am Sattel hängen hatte, wischte sich über den Mund, gremsterte und spuckte und dann blies er nach dem Halloberge hin. Von dem Berge kam eine kurze Antwort zurück, die Thedel ebenso zurückgab.
»Das hört sich just so an,« meinte Bernd, »als ob das Niehusthedel ist, der da bläst; aber was hat der für Zeug an? Der sieht ja leibhaftig aus wie ein Kriegsmann! Was hältst du davon?« Der andere legte die Hand vor die Augen, als er hinter dem Busche hersah: »Ja, er ist es, das ist sicher. Und der andere, das ist der Wulfsbur. Ich hätte ihn beinahe nicht gekannt, solchen Bart hat er sich wachsen lassen. Na, denn so muß ich wieder abblasen.«
Er nahm das Horn wieder hoch, aber der andere wehrte es ihm: »Wart' man erst!« Sie blieben in Deckung stehen, bis die Reiter ganz nahe heran waren. Erst dann trat er vor und rief: »Na, wieder zurück von der Reise, Harm? Und du auch, Thedel? Meist hätten wir euch nicht gekannt, so wie ihr ausseht. Aber jetzt blase ab, Gerd!« rief er dem Jungen zu, der etwas abseits stand und über das ganze Gesicht lachte, denn Thedel war sein guter Freund, und der Wulfsbauer hatte ihm einmal das Leben gerettet, als er auf dem Pumpe durch das Eis gebrochen war. Er setzte das Horn wieder an und blies dreimal auf eine andere Art.
»Dennso können wir ja frühstücken,« meinte der Wulfsbauer, als er aus dem Sattel war, zu Thedel; »mach die Pferde an und gib die Holster her! Ihr könnt mithalten; wir haben reichlich.« Er packte aus: da waren Würste und dicke Scheiben Schinken und Braten und eine halbe gebratene Gans, ein großes Stück Käse, zweierlei Brot und eine große Blechflasche. Die anderen machten lange Augen.
»Lebt ihr immer so?« Harm lachte: »Mehrstens! aber nehmt man dreiste an, es ist nicht geraubt und nicht gestohlen, das heißt, von uns nicht, denn die drei Marodebrüder, denen wir das gestern abnahmen, werden es wohl nicht mit barem Gelde bezahlt haben. Aber wie sieht es in Ödringen aus?«
Bolle hob die Faust, in der er das Messer hatte, auf und ließ sie auf den Boden fallen. »Ödringen?« er zuckte die Achseln, »Ödringen, das gibt es nicht mehr. Alles ein Schutt und ein Müll!« Als der Wulfsbauer und Thedel ihn ansahen, erzählte er: »Drei Wochen lang war alles ruhig, da zogen einige wieder hin, Hingstmanns und Eickhofs und Bostelmann und Bruns auch. Die andern rieten ihnen ab, aber sie wollten ja nicht hören. Und den einen Abend, wir waren gerade dabei, das letzte Grummet einzuholen, da sahen wir über dem Dorfe einen hellichten Schein und bald darauf kam Tidke, du weißt doch, der Hütejunge bei Hingstmanns, und der erzählte, daß zwei Taternweiber einer Bande von Mordbrennern den Weg gewiesen haben, und kein einer Mensch ist lebendig geblieben.«
Er machte einen bösen Mund, lachte dann und erzählte weiter: »Tidke hatte gewacht, weil das eine Fohlen krank war, und so konnte er sich bergen. Die anderen sind meist im Schlafe umgebracht. Alle Hunde lagen tot da; die Taternweiber werden ihnen Gift hingeworfen haben.« Er schnitt von dem Brot, das er in der Hand hatte, ein Stück ab, steckte es in den Mund, stippte ein Stück Braten in die Salzdose und steckte es auch in den Mund, und als er beides auf hatte, fuhr er fort:
»Wir sind in der Nacht gleich losgeritten und haben von überall Hilfe geholt; wir waren unser achtzig und nüchtern, und die Bluthunde knapp dreißig und besoffen. Es ist keiner von ihnen am Leben geblieben. So Stücker zwanzig schossen und schlugen wir gleich tot, als sie über die Magethaide kamen und in das Düsterbrok wollten, und die anderen, es waren zehn oder elf, die fingen wir lebendig und nahmen sie in das Bruch mit.«
Er sah erst Harm und dann Thedel an, nickte mit dem Kopfe und griente: »Und dann hielten wir Gericht über sie ab. Tidke mußte bei jedem angeben, was damit gemacht werden sollte, weil er doch gewissermaßen darüber zu sagen hatte, denn seiner Mutter, sie war schon über siebzig, hatten sie auch den Hals abgeschnitten. Alle haben sie geschrien wie die Wilden, und gebetet und gebettelt haben sie, als es ihnen an den Schluck ging, bis auf das eine Taternfrauenzimmer, die junge, die eigentlich ganz glatt aussah bis auf die gelbe Haut und das schwarze Haar, denn das war ein Beist und schimpfte bloß, als wir sie aufhingen, und biß um sich, wie ein Fuchs, der im Eisen sitzt. Aber geholfen hat ihr das nichts, denn Tidke sagte: Die hat Bruns lüttjen Jungen mit den Kopf gegen den Dössel geschlagen! Erst sollte sie bloß nackigt ausgezogen werden und durchgepeitscht, aber als wir das hörten, hingen wir sie zu alleroberst an die Eiche!«
Er lachte lustig: »Wie der olle Baum aussah, sage ich dir, als die elf Galgenvögel daranhingen! Ulenvater sagte: Das ist ja ordentlich, als wenn wir ein Mastjahr haben! Und gelohnt hat es sich auch; über zweihundert Dukaten hatten die Völker bei sich.«
Als sie mit dem Frühstücke fertig waren, brach Harm mit Thedel auf. Sie ritten erst nach Ödringen. Da stand kein Haus mehr; alle Höfe waren aufgebrannt. »Ich habe es ihnen ja vorausgesagt, daß es so kommen mußte,« sagte der Bauer; »aber schrecklich ist es doch; das schöne Dorf! Komm, ich kann das nicht mit ansehen. Und alle tot, alle! Hingstmanns und Bruns und Eickhoffs und Bostelmann und Klausmutter auch. Wie oft hat sie mir nicht einen Apfel mitgegeben für Hermken, denn sie hatte da einen Baum, so schöne Äpfel hatten wir alle nicht. Es ist zum Gotterbarmen!«
Als sie vor dem Bruche waren, hielten sie, und Thedel mußte blasen. Es dauerte wohl eine Viertelstunde, da kam Klaus Henneke mit einem Knecht hinter den Büschen hervor. Beide hatten scharf gemacht und hatten ein wahres Ungetüm von einem Hund bei sich. Harm rief sie mit Namen an, und da kamen sie näher, aber erst, als sie dicht bei ihnen waren, sicherten sie ihre Büchsen und riefen den Hund an.
Klaus freute sich aufrichtig, als er Harm sah. »Ich dachte all, du wärst nicht mehr am Leben! Ja, hier hat sich allerlei geändert. Unser Vater ist tot und unsere Mutter ist ihm bald nachgefolgt. Das ist kein Leben für solche alten Leute, wie wir es jetzt hier im Bruche haben; die Wölfe haben es besser. Ein paar von den Knechten sind schon ausgerückt und unter das Volk gegangen. Verdenken kann es ihnen auch keiner, denn wer will hier in Busch und Braken herumliegen und Rindenbrot und Wurzeln essen. An Fleisch mangelt es ja nicht, denn wir schießen und fangen so manchen Hirsch und manches wilde Schwein, aber ein Leben ist das nicht, so wie das jetzt ist. Man kommt auf ganz dummerhaftige Gedanken dabei. Mertensvater hat sich all' aufgehängt!«
Dem Wulfsbauer, dem das wilde Leben im Lande das Herz verhärtet hatte, zog sich dennoch die Brust zusammen, als er nach dem Peerhobsberge kam. »Du lieber Gott im Himmel, wie sehen die Leute aus!« dachte er; »und wohnen tun sie schlechter als das Vieh!« Aus Fuhren und Plaggen hatten sie sich notdürftig Hütten gebaut und sie mit Reet und Risch bedeckt; auf Haidstreu und Torfmoos schliefen sie und ihr Eßgeschirr war aus Ellernholz. Die Frauen waren alle blaß und elend, keins von den Kindern hatte rote Backen und dicke Beine, und die Männer hatten Augen, so falsch wie die Buschkater.
Aber sie freuten sich doch alle, als sie die beiden ankommen sahen, denn es war doch wieder einmal eine Abwechslung in dem elenden Leben. Die großen Bauern, die Thedel bislang bloß von der Seite angesehen hatten, konnten ihn nicht genug ausfragen. Doch der Knecht, der in seinem ledernen Wams und den hohen Krempstiefeln wie ein Kriegsmann aussah, gab nicht viel von sich. »Ja, was ist da viel zu erzählen? Wir haben so viel Elend gesehen, daß es nicht zu sagen ist. Stellenweise müssen sie Wachen vor die Kirchhöfe stellen, damit das verhungerte Volk nicht die Toten auffrißt. Vor Peine haben wir gesehen, wie ein Kerl gerädert wurde, der Kinder gestohlen hat, und die hat er dann geschlachtet und gebraten, und als wir durch Groß Goltern kamen, waren gerade die Ligisten durchgezogen, und die hatten das ganze Dorf angesteckt und Feuer an den Kirchturm gelegt, so daß dreiunddreißig Menschen, Groß und Klein, umgekommen sind. Meist schlugen wir uns auf eigene Kanne Bier durch; mitunter taten wir uns auch mit den redlichen Bauern, die in den Wäldern lagen, zusammen, und gingen gegen das Gesindel an. Im großen Freien haben wir in einer Stunde achtundvierzig Stück von der Welt gebracht. Aber der Hauptspaß war doch im Kalenbergischen; da waren wir unserer dreihundert und haben sie gehetzt, wie der Hund den Hasen. Das war ganz großartig, sag ich euch!«
Gerade wollte er weiter erzählen, da hörten sie es rufen: »Jeduch, jeduch, jeduch!« Die Bauern sprangen auf, ihre Augen wurden blank: »Paßt auf, heute gibt es bei uns Hasenjagd!« So war es auch. Drewes aus Engensen hatte ansagen lassen, daß ein Zug der Waldsteiner, vierzig Mann stark, unterwegs war; alle, die abkommen könnten, sollten sofort zum Hingstberge kommen. »Kommst du mit?« fragten die anderen Harm. »Na ob!« sagte der und lachte; »der Mensch will doch auch einmal ein Vergnügen haben. Und Thedel bleibt auch nicht hier, das könnt ihr glauben. Der Junge kann treffen, sage ich euch!«
Es waren über anderthalb Hundert Bauern und Knechte am Hingstberge zusammen, als der Wulfsbauer mit dem Knechte ankam. Sie standen aber nicht da und lachten und schwatzten, wie an jenem Tage, als die Marodebrüder über den Wulfshof kamen; sie sprachen leise miteinander und sahen mit schiefen Augen um sich. Sie waren auch nicht wie rechtliche Bauern anzusehen, sondern mehr wie Kriegsknechte und Wegelagerer. Alle hatten sie Büchsen in der Hand und Spieße über den Rücken, und zum wenigsten eine Pistole im Gürtel und einen Säbel oder einen langen Dolch. Die meisten trugen auch Bärte und sahen überhaupt wenig rechtschaffen aus, bis auf Drewes, der sich ganz trug wie vordem.
Der Ödringer erschrak ordentlich, als der Engenser sich umdrehte und er ihm ins Gesicht sehen konnte. Das war ja ein alter Mann geworden! Ganz gelb war er im Gesicht und hatte eine Falte bei der anderen. »Nee,« sagte ein Bauer aus Wettmar, als Wulf ihn fragte, ob Drewes krank gewesen war, »nee, krank war er nicht, aber er ist Witmann geworden. Du hast sie ja gekannt, seine Christel, sie und ihr Maulwerk! Na, das hat sie ja auch das Leben gekostet, denn als ihr ein paar dänische Soldaten die Würste und die Schinken vom Wiem holten, machte sie ihnen eine solche Schande, daß der eine sie mit dem Säbel über den Döz schlug und das konnte sie nun doch nicht vertragen. Wir dachten alle, Drewes wird heilsfroh sein, daß er sie los ist, und sich eine Junge und Hübsche suchen. Wie man sich aber irren kann: in drei Wochen ist der Mann um zwanzig Jahre älter geworden! Es ist ein Jammer, und wir merken es auch, denn so wie früher legt er sich nicht mehr für das allgemeine Wohl ins Zeug. Die beste Kraft ist aus ihm heraus; er ist wie verregnetes Heu geworden.«
Das merkte Wulf, als Drewes an zu reden fing. Schon wie er so dastand, auf den dicken Schlehbuschstock gestützt, sah man, daß er nicht mehr der Alte war; was er sprach, hatte Hand und Fuß wie vordem, aber es war doch nicht der alte Mut darin; dritter Schnitt war es, ohne Saft und Kraft.
»Liebe Freunde,« fing er an, »in dieser Zeit hat mancher von uns zum lieben Gott gebetet: unser täglich Brot gib uns heute! Der Herr hat unser Gebet erhört; er schickt uns Brot. Jeder tue das Seine, daß dieser Tag uns zum Gedeihen anschlage! Was im einzelnen zu machen ist, wird ein jeder von seinem Obmann gewahr werden. Eins noch will ich euch sagen: ich sehe unseren Freund aus Ödringen, den Wulfsbur, unter uns. Ich denke, ihr seid es alle zufrieden, daß er in dieser Sache das Leit in die Hand nimmt; er wird uns darin wohl gern zu willen sein.« Die Bauern nickten. »Eins noch,« so schloß der Engenser seine Rede, »gebe ich euch zu bedenken: haltet euch genau an die Befehle und seht euch vor, daß die Pferde gesund bleiben! Die meisten werden aus der Nachbarschaft sein. Und nun Gott befohlen!«
Die Obmänner und Drewes stellten sich um Wulf. »Meine Meinung ist die,« fing Jasper Winkelmann aus Fuhrberg an, »wir müssen sie zwischen uns kriegen, und das geht am besten in den hohen Fuhren vor dem Bruche. Also muß ein Teil abwarten, bis sie vorbei sind, und ein Teil vor ihnen sein, damit sie nicht wegkönnen, und die anderen müssen rechts und links vom Wege die Begleitmannschaft bilden, und das müssen alles junge Kerle sein, die leise treten und sich schnell hinter dem Gebüsche bergen können.« Er machte mit seinem Stocke Striche in den Sand: »Seht her, so meine ich das! Hier ist der Zug, das da sind unsere Leute, die hinter ihnen sind, und das da, die, die vor ihnen sind, und hier sind wir, die wir nebenher gehen. Sobald sie nun mitten in den hohen Fuhren sind, fangen wir an zu tuten und zu schießen, und ihr da kommt ihnen von oben und unten über den Hals. Natürlich muß bei jedem Haufen einer sein, der sich genau auf das Blasen versteht, damit wir nicht in den Bröddel kommen.«
Die allgemeine Meinung war, daß es so am besten war, und so teilten sich erst die älteren Leute in zwei Abteilungen und zogen ab, und dann die jüngeren. Der Wulfsbauer nahm die Seite nach dem Bruche zu, weil er da am besten Bescheid wußte. Erst gingen sie alle auf einen Haufen und redeten halblaut, dann ging einer hinter dem anderen und das Reden hörte auf.
Wulf ging voran, neben ihm schlich Thedel, hinter ihm kam Klaus Hennke. Das Wetter war günstig. Die Sonne hatte den Erdboden ausgetrocknet, aber doch nicht so, daß alle Braken unter den Füßen knackten. Der Wind hatte sich gelegt und die Luft war hellhörig. Wenn irgendwo ein Specht arbeitete oder ein Vogel in dem trockenen Laube krispelte, so konnte man das weithin hören.