Der Wehrwolf: Eine Bauernchronik

Chapter 16

Chapter 161,347 wordsPublic domain

Es war eine Leiche, wie man sie um das Bruch herum noch nicht belebt hatte. Alle Wehrwölfe gingen mit, die noch am Leben waren, und außerdem jeder, der eben Zeit hatte, so daß der Wulfshof schwarz von Menschen war. Es war ein dusterer Spätherbsttag, als Harm Wulf auf immer schlafen ging, und während der Leichenandacht auf der Deele nieselte es. Als aber der Prediger nach der Beerdigung von der Kanzel den Nachruf für den Toten hielt, worin er ihn mit Simson verglich und mit Judas, dem Makkabäer, die ihre Völker vor den Feinden bewahrten, rot bis an den Hals vor Blut gewesen waren und doch Gott wohlgefällig, da kam die Sonne durch und alle Gesichter sahen hell aus, und auch die Wehrwölfe bekamen blanke Augen und dachten an die schrecklichen und doch so schönen Tage, da sie einen Tag um den anderen den Bleiknüppel über der Hand hängen hatten.

In der besten Stube des Wulfshofes zu Ödringen hängt heute noch der Bleiknüppel an der Sofawand unter dem kleinen Bilde mit dem alten Goldrahmen. Ein Museum hat sich viel Mühe um den Knüppel gegeben, aber der Vorsteher und Landtagsabgeordnete Herman Wulff gab ihn nicht um Geld, noch um gute Worte her. »Wenn der nicht gewesen wäre, so wären wir auch nicht da,« sagte er. Wenn fremde Leute fragen, was das für ein Ding ist, dann zuckt er die Achseln und sagt: »Das ist noch von früher!« Seinen Söhnen aber hat er erzählt, was er und sie dem alten Knüppel mit der Lederschlinge zu verdanken haben, und warum auf dem ältesten Grabsteine der Wulffs nichts weiter zu sehen ist denn eine aufrechte Wolfsangel.

Ein jedesmal, wenn einer der Jungens zum ersten Male das Abendmahl nahm, ließ er ihn in dem alten Kirchenbuche das lesen, was der weiland Prediger Puttfarken über Harm Wulf geschrieben hatte, als er gestorben war; und so heißt die Stelle: »Ehr war ein Held vor seinem Volke und hat es getrevlich geschützet vor den Philistern und Amalekitern ober zwanzig Jahre, da der große Krieg geweßen ist. Ehr ruhe in dem Frieden GOTTES!«

Die hellen Augen haben sie wiederbekommen, die Wulfsbauern, die engen Lippen aber behielten sie als Erbe von Harm Wulf. So lustig, wie er als Jungkerl war, sind sie alle nicht, aber seinen eisernen Kopf hat er ihnen nachgelassen. Einer von ihnen wurde in den Freiheitskriegen ein hoher Offizier und sollte den Adel bekommen: »Mein Name ist mir so gerade gut,« sagte er.

Über der Missentür des Wulfshofes steht heute noch der Spruch im Balken: »Helf dir selber, so helfet dir unser Herre Gott!« Danach haben sich alle Wulfsbauern gerichtet.

Herman Wulff ist ein ernster Mann, der nicht oft lacht und kaum einmal flötet. Aber an dem Tage, als die Bruchbauern ihren Mann bei der Reichstagswahl durchbekamen, lachte Herman Wulff, und als er nach Hause ging, flötete er das Brummelbeerlied.

Worterklärung

Um eine völlige Einheitlichkeit zwischen dem Stoffe und der Form zu erzielen, ist in diesem Buche sowohl für den erzählenden Teil wie für die Gespräche die heutige Ausdrucksweise der Bauern der Lüneburger Haide gewählt, die sich in der Hauptsache mit der Redeweise des Landvolkes von ganz Nordwestdeutschland deckt. Ost- und süddeutschen Lesern sind vielleicht die folgenden Erklärungen einiger Ausdrücke angenehm.

1. Die Haidbauern S. 1

_Pump_, Teich, Tümpel. -- _Reet_, Rohr. -- _Plagge_, Haidscholle. -- _grall_, frisch, klar. -- _weifen_, schlagen. -- _Brägen_, Gehirn, auch Schädel. -- _Weking_, Wittekind. -- _rohes Mett_, gehacktes Fleisch. -- _Halsbeeke_, Halsbach. -- _Die große Fähre_, Verden an der Aller. -- _Haidjer_, Haidbauer. -- _koppheister_, kopfüber. -- _Sattelmeier_, Bauer, der in Kriegsfällen ein Pferd zu stellen hat. -- _anmeiern_, lehnspflichtig machen. -- _Kuhle_, Grube. -- _beiroden_, eingraben. -- _Koppelweg_, Feldweg. -- _Sternschnuppe_, gallertartige Massen, entweder Gallertflechten oder die Eileiter von Fröschen, die von Iltissen oder Reihern wieder ausgewürgt sind. -- _Schillebold_, Wasserjungfer. -- _Buttervogel_, Schmetterling. -- _Pest- und Sterbevögel_, unregelmäßig erscheinende nordische Vögel, wie Kreuzschnabel, Seidenschwanz, Nußhäher. -- _Brummelbeere_, Brombeere. -- _Brummelbeerlied_, ein bekanntes altes Lied, das folgendermaßen beginnt: Es wollt ein Mädchen früh aufstehn, wohl drei vier Stündelein vor Tag.

2. Die Mansfelder S. 8

_glatt_, hübsch. -- _Machangel_, Wachholder. -- _grienen_, grinsen. -- _Stegel_, Übertritt in der Umzäunung. -- _Dönze_, Stube. -- _Ule_, Eule. -- _wählig_, übermütig. -- _Dullerche_, Haidlerche. -- _Post_, ein Strauch, Porst oder Gagel, auch Gerbermyrte genannt, =Myrica gale L=. -- _mülmen_, stauben. -- _bölken_, brüllen. -- _kriejöhlen_, kreischen. -- _Döllmer_, Dummkopf. --_Lütjemagd_, Kleinmagd. -- _Tater_, Zigeuner. -- _Koppelknecht_, Pferdeknecht. -- _hille_, schnell. -- _quant_, derb. -- _verklaren_, erklären. -- _in die Möte kommen_, entgegenkommen. -- _Butze_, Alkoven.

3. Die Braunschweiger S. 20

_bören_, heben. -- _Kolüt_, der große Brachvogel. -- _Vagelbund_, Vagabund. --_Ludjen_, Ludwig. -- _Masch_, die Marsch bei Celle. -- _Hahnjökel_, Unfug. --_Dietweg_, Volksweg, unbefestigter Weg. -- _Holster_, Umhängetasche, Jagdtasche. -- _Krüppelfuhre_, verkrüppelte Kiefer. -- _prahlen_, überlaut reden. -- _vertoddert_, verwickelt. -- _Brägenschülpen_, Schädelbrummen. --_Beist_, Biest. -- _Mutter Griebsch_, scherzhaft für Hebamme. -- _Halbetüre_, Seitentüre, von Halbe-Seite. -- _dümpen_, dämpfen, würgen. -- _Grieptoo_, Greifzu, ein alter Hundename.

4. Die Weimaraner S. 36

_sich verjagen_, erschrecken. -- _Kaff_, Spreu. -- _Altvater_, Großvater. --_Leibzucht_, Altenteil. -- _schummern_, dämmern. -- _Holler_, Holunder. --_Eller_, Erle. -- _Abstich_, Torfgrube. -- _Flatt_, Sumpf. -- _Anberg_, Hügel. -- _Adder_, Kreuzotter. -- _Schnake_, Natter.

5. Die Marodebrüder S. 50

_schlumpen_, glücken. -- _Warnzinken_, Geheimzeichen. -- _Wahrbaum_, großer, weit sichtbarer Baum. -- _Wiede_, gedrehter Weidenzweig. -- _gnickern_, kichern. -- _klöhnen_, schwatzen. -- _Lork_, Kröte. -- _Kahkrähe_, Dohle. --_Sod_, Ziehbrunnen. -- _Wohld_, urwüchsiger Wald. -- _Teebe_, Hund. -- _Thedel_, Theodor.

6. Die Bruchbauern S. 68

_Pattweg_, Fußweg. -- _gremstern_, räuspern. -- _Dössel_, der Baum, an den die Hälften des Tores angeschlossen werden. -- _Braken_, trockne Zweige. --_Risch_, Riedgras. -- _Der große Freie_, ein Gau zwischen Hannover und Burgdorf. -- _Jedoch_, ein Weckruf. -- _Wiem_, Boden. -- _Bröddel_, Patsche. --Wurfboden, das Wurzelwerk eines vom Sturme geworfenen Baumes. --_Stuken_, Baumstumpf. -- _Markwart_, Eichelhäher. -- _Deele_, Diele, der Hauptraum im Hause.

7. Die Wehrwölfe S. 87

_Wietze_, ein Moorfluß. -- _Ständer_, Hauptbalken. -- _Hausrichte_, Richtefest. -- _Freundschaft_, Verwandtschaft. -- _Hülse_, Stechpalme. -- _Kneepe_, Witze. -- _Drögmichel_, Sauertopf. -- _Mumm_, schweres Bier. -- _Wolfsangel_, ein Zeichen, das viel als Hausmarke gebraucht wurde und das folgende Form hatte: ´----, oder ´--/--,. -- _Auskiek_, Luginsland. -- _Ort_ oder _Ortstein_, Raseneisenstein. -- _Hornung_, Februar. -- _Steert_, Schwanz. -- _achtern_, hinten. -- _Buchholzer Hengst_, Grünspecht. -- _Witfrau_, Witwe. -- _reihum_, der Reihe nach. -- _Krischan_, Christian. -- _Metz_, Messer. -- _Vorjahr_, Frühjahr. -- _Hille_, Mädchenname. -- _Klapprose_, Klatschrose, Feldmohn. -- _Danzeschatz_, Tänzerin. -- _Halsung_, Halsband. -- _Ilk_, Iltis. -- _fiepen_, piepen. -- _gibbern_, gieren. -- _Beeke_, Bach. -- _Moormännchen_, Baumpieper, ein Vogel. -- _Hainotter_, Storch. -- _Imme_, Biene. -- _Der Wind küselt_, er dreht sich, ist nicht beständig. -- _Brandrute_, die eisernen Stangen, auf denen die brennenden Baumstümpfe liegen. -- _Die Morgenzeit_, das Frühstück. -- _Krüsel_, Öllämpchen. -- _Grauhund_, Wolf. -- _Addernadler_, Schlangenadler. -- _Moorhuhn_, Birkhuhn. -- _Himmelsziege_, Heerschnepfe, Bekassine.

8. Die Schnitter S. 116

_Ulenflucht_, Dämmerung. -- _Osterblume_, Narzisse. -- _dröge_, trocken. --_Löft_, Verlobung. -- _Buschkater_, Wildkatze. -- _Tonbank_, Schanktisch. --_Schneekönig_, Zaunkönig. -- _Lüning_, Sperling. -- _Schütt_, Wagenbrett. --_Rauk_, Kolkrabe. -- _Hallo_, Racheruf. -- _Strosse_, Gurgel. -- _Tüte_, Goldregenpfeifer, ein Vogel. -- _sich zwillen_, sich gabeln.

9. Die Kirchenleute S. 140

_benaud_, beklommen. -- _Krähenaugen_, Hühneraugen. -- _Rotbrüstchen_, Rotkehlchen. -- _Kattule_, Waldkauz. -- _Moorochs_, Rohrdommel. -- _Der Fuchs braut_, d. h. der Nebel steigt. -- _Holwiß_, Haltfest, alter Hundename. --_befreiet_, verheiratet. -- _Schapp_, Schrank. -- _Duffsinn_, Unsinn. --_beschrieen_, verheiratet. -- _Ohrenstuhl_, Lehnstuhl mit Kopfstützen. --_Friggetag_, Tag der Frigga, Freitag. -- _Burvogt_, Gemeindevorsteher. --_Miste_, Düngerhaufen.

10. Die Hochzeiter S. 176

_Atze_, Adolf. -- _Der bunte Stock_, der Meldeknüppel, durch den die Bauern zur Versammlung, dem Bauernmale, gerufen wurden. -- _unbesonnen_, ohne sich zu besinnen. -- _backen_, kleben. -- _Betze_, Füchsin, auch wie Metze für liederliches Weib gebraucht. -- _bebern_, zittern. -- _wegbleiben_, ohnmächtig werden.-- _Gerd_, Gerhard. -- _olmig_, mulmig, wurmstichig. -- _aufhucken_, auf den Rücken nehmen. -- _Brutlacht_, Hochzeit. -- _Gnitte_, Gelse, winzige Mücke. -- _Bleibengel_, Bleiknüppel. -- _für einen Bauern kaufen_, zum Narren haben. -- _Dutten_, Knoten. -- _dötsch_, dumm. --_Flachtenwerk_, Flechtwerk. -- _Pottekel_, widerlicher Mensch. --_faulmäulsch_, maulfaul. -- _Tachs_, Dachs. -- _mit jemand Schindluder spielen_, ihn gemein behandeln. -- _schuddern_, schauern.

11. Die Kaiserlichen S. 201

_wegzocken_, fortlocken. -- _Stärke_, Färse, junge Kuh. -- _Barte_, Beil. --_blank_, schön, von Frauenzimmern gesagt. -- _Takelzeug_, verdächtige Menschen. -- _Hillebille_, ein an zwei Stricken aufgehängtes Brett, das mit zwei Hämmern geschlagen wird und einen weithin vernehmbaren Schall gibt. -- _knutschen_, zärtlich drücken. -- _Katteeker_, Eichkatze. -- _Sohl_, Wasserloch.

12. Die Schweden S. 217

_einem eine Schande machen_, einen ausschimpfen.-- _Piewitt_, Kiebitz. --_wricken_, zusammenflechten, ineinanderwirken. -- _Immenquaddeln_, Blasen von Bienenstichen. -- _fründjen gehen_, auf Liebschaft gehen. --_Immenangel_, Bienenstachel. -- _beleben_, erleben. -- _ungebörnt_, nüchtern.

13. Die Haidbauern S. 235

_Stiege_, Reihe. -- _Leiche_, Beerdigung. -- _nieseln_, dünn regnen. -- _Missentür_, Einfahrtstor.

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Druck von Hesse & Becker in Leipzig.

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Anmerkung zur Transkription: im Text korrigierte Fehler

Kerl entgegen, der eine rote Feder Im Original: entgegegen

und im Bruche flötete der Kolüt. Im Original: Kalüt

als sie der Frau warme Milch, Brot und getragene Kleider gab, Im Original: Kleider ab

Es war meist Mitternacht, da gab Wulf für einen Im Original: Miternacht

er hatte sich das Genick abgestürzt. Im Original: abgestürtzt

und daß es bei Kleinem Zeit für ihn würde, nach Hause zu reiten, Im Original: daß er

nur daß quer über der Deele der Hütejunge Im Original: Hüttejunge

Und der Junge von Hingstmanns und Tönnes Im Original: Hinstmanns

nicht gut zuwege war, aber dabei sah sie aus wie Im Original: Aber

zitterte am ganzen Leibe Im Original: ganze

Das mußte wohl so gewesen sein Im Original: Daß

so daß er bald allgemein nicht mehr Im Original: das

meiner Schwester Alheid Niehus Im Original: Niehues

wenn du auf den Hof kommen wirst, Burvogt

ich bin der Burvogt Harm Wulf aus Peerhobstel Im Original jeweils Burgvogt

So ablegen das Dorf auch war Im Original: daß

Am anderen Tage suchten Thedel, Renneckenklaus und Mertensgerd Im Original: Rennekenklaus

und Wildbret war es auch nicht Im Original: Wildpret

Dann fing Mieken an Im Original: Daun

Den ersten schoß der Rammlinger aus dem Sattel Im Original: aus den Sattel

solange in der Magethaide lagern mußten Im Original: in der Magerhaide

Worterklärungen: in 6. Die Bruchbauern: Stuken wird im Text »Stucken« geschrieben Jedoch wird im Text »Jeduch« geschrieben