Der Wehrwolf: Eine Bauernchronik
Chapter 15
Viekenludolf lief ein Schudder über, als er den Mann da so stehen sah, das Gewehr in der Faust, ganz gelb im Gesicht, blau unter den Augen, und mit einem Mund wie ein Strich. Aber dann wurde ihm besser, denn der Obmann befahl: »Sorge dafür, daß die Immen zur Stelle sind! Und die Frauensleute sollen Pech heiß machen und Wasser. Komm aber gleich wieder! Warte mal: auch die Jungens sollen jeder ein Schießgewehr haben; heute muß ein jeder helfen. Es geht um Kopf und Kragen und um noch mehr, denn kriegen sie uns, dennso lassen sie uns lange sterben!«
Die Dornen wurden durchsichtig; man sah die Gesichter der Soldaten und Viekenludolf wollte schießen. »Bist du verrückt?« schnauzte ihn Wulf leise an; »erst muß das Haupt fallen, dann kommt das andere ran!« Er sah durch das Schießloch, ging zurück, schob sein Gewehr durch, zielte lange und schoß. Ein Gebrüll kam von drüben: »Der läßt das Prahlen für eine Weile sein,« flüsterte er dem Rammlinger zu; »Blattschuß! Er war weg wie ein Wieselchen.« Er stieß einen Jungen an: »Sie sollen tuten und bimmeln, so toll sie können; wir müssen Hilfe haben, hörst du? Und wenn ihnen das Blut aus den Ohren spritzt, blasen sollen sie oder ich blase ihnen was!«
Die Schweden standen um ihren Hauptmann; der lag im Grase mit dem Rücken gegen eine Fuhre, und jedesmal, wenn er atmete, sprang ihm das helle Blut aus der Brust. Ein ganz junger Offizier, ein Junge meist noch, kniete bei ihm und wischte ihm den Todesschweiß von der Stirn. Der Sterbende bewegte die Lippen; der junge Mann bückte sich ganz tief, nickte und sprang auf: »Wir müssen unseren Herrn Hauptmann rächen. Freiwillige vor!« Bloß ein Dutzend meldete sich, voran der alte Wachtmeister. »Lumpenpack!« schrie der Offizier; »bei den Weibern, da seid ihr Helden, aber hier geht's euch in die Hosen.« Er zeigte auf einige Leute, die sich nach hinten drücken wollten. »Ihr da, voran, und wehe, wer einen Zoll zurückgeht!« Er hielt ihnen die Pistole vor die Augen.
Die Männer murrten; es waren alles Bluthunde schlimmster Art, aber diese unheimliche Burg mitten im nassen Busche, die Scharfschützen darin, das sonderbare Tuten und Bimmeln in der Runde, das klemmte ihnen die Hälse zusammen. Der Offizier rief zwanzig bei Namen: »Ich zähle eins, zwei, drei, und wer dann nicht im Graben ist, der schluckt sein eigen Blut. Denkt an Gustav Adolf, denkt an Breitenfelde, denkt daran, daß ihr Schweden seid und keine Krabatten! Also: jeder zwei Pistolen in den Brustlatz und das Finnmesser zwischen die Zähne! Und jetzt mit Gott für Schweden! Eins, zwei, drei!« Er faßte sich nach der Brust und stürzte in das Gras; der Wulfsbauer hatte ihn mitten durch das Herz geschossen.
Einen einzigen Blick schmiß der Wachtmeister nach ihm hin; dann schrie er: »Vorwärts marsch!« und sprang mit einem Satze in den Graben und mit einem Male war das Wasser voll von Schweden; aber es war, als wenn es kochend war, so schrien sie alle auf einmal auf, denn wie sie da waren, ein jeder von ihnen war in die spitzen Pfähle gesprungen.
»Schießt sie doch wenigstens tot, das ist ja schrecklich!« rief der Prediger, aber der Obmann schüttelte den Kopf: »Nein, euer Ehren, wir haben dazu keine Zeit, und je länger sie da quietschen, um so später trauen sich die anderen heran. Aber geht hin und sagt, daß überall gut aufgepaßt wird und daß geblasen und gebimmelt wird, und dann haltet euch zu den Frauen und den Kindern, da seid ihr nötiger!«
Es war auf einmal ganz still. Man hörte die Finken schlagen und die Meisen piepen und ab und zu brüllte eine Kuh in den Ställen. Es hörte sich bald an, als ob die Schweden abgezogen wären. Aber nach einer Weile hörte man Axtschläge. »Haltet die Immen zur Hand!« sagte der Obmann zu Kasper, »und das heiße Wasser und den Teer! Sie werden wohl eine Brücke machen wollen. Na, viel soll ihnen das auch nicht helfen, glaube ich.«
Er frühstückte, behielt aber die Augen am Kuckloch, und dann steckte er sich eine Pfeife an. Er hatte den Ärger über den Rammlinger hinter sich und außerdem hatten die Wachen gemeldet, daß von zwei Seiten Antwort gekommen war, und so dachte er: »Es wird schon gut gehen!«
Aber dann ärgerte er sich, daß er eine große Dummheit gemacht hatte. Einen kugelsicheren Kiekturm hätte er in der Burg aufschlagen lassen sollen, dann konnte er sehen, was drüben gemacht wurde. »Na, dümmer werde ich da auch nicht von,« dachte er.
Zwei Stunden hatte er so dagesessen, da ließ das Hacken drüben nach. Man hörte, wie die Leute schleppten und stöhnten. Der Wulfsbauer schickte den Jungen hin: »Sie sollen sich immenfest machen und die Körbe hierher bringen! Und dann alles an die Löcher, aber um den ganzen Wall, und hier,« er drehte sich nach Viekenludolf um, »die Scharfschützen her, aber erst geschossen, wenn ich sage, und auch dann noch nicht, wenn ich einmal schieße!«
Nach einer Weile standen zwanzig Popanze rechts und links bei ihm. Die Bauern hatten die Immenmasken aufgesetzt, sich Tücher um die Hälse gewickelt, dicke Röcke und drei Paar Hosen angezogen und diese unten zugebunden. Alle hatten dicke Handschuhe an und jeder sein Schießgewehr vor sich stehen. Hinter dem Vorsteher und Viekenludolf lagen die Immenkörbe; sie waren an lange Stangen gebunden und es brummte darin wie in einem Wasserkessel, denn die Ausflüge waren verrammelt.
Der Fuhrberger flüsterte: »Ich habe einen frei!« Der Obmann nickte: »Denn man zu!« Es knallte; ein Schrei kam von drüben, dann ein lautes Fluchen. Man hörte die Dornbüsche krachen. Eine Brücke aus Fuhrenstangen bohrte sich durch und kam erst langsam, dann schneller über das Wasser. Der Burvogt drehte die Büchse nach der Seite, zielte und schoß. Drüben wurde wieder geflucht. »Wer einen frei hat, soll ihn totschießen,« befahl er; »aber Vorsicht! wir haben keinen einen Mann über!« Es knallte fünfmal, die Brücke fiel in das Wasser, ging aber wieder in die Höhe und wies eine breite und hohe Schutzwand aus Tannhecke und Fuhrenzweigen auf.
»Wer will die Immen werfen?« fragte Wulf; »kein verheirateter Kerl darf es sein, du auch nicht, Ludolf. Aber Helmke, du!« Schierhorn kam und stellte sich neben den Oberobmann. »So,« befahl der, »jetzt, so wie ich rufe, ihr sechs da, so schnell wie es geht, die Körbe offen, Helmke die Stangen in die Hand gegeben, und ihr andern paßt auf und sorgt dafür, daß keiner ihm was tun kann. Und hat er Unglück, gehst du an seine Stelle, Hinrich, und dann du, Jochen. Und beileibe nicht die Immen in das Wasser schmeißen; alle mitten in die Dornen! Die Leute auf der Brücke kriegen wir so schon klein!«
In der Burg wieherte eine Stute; drüben antworteten die Hengste. Von der Haide her hörte man es tuten und dann bimmeln, aus der Burg wurde geantwortet. Der Kuckuck rief. Ein gelber Schmetterling flog über das Wasser, setzte sich auf den Kopf von einem der toten Männer in dem Graben und flog über die Dornbüsche. »Er will die anderen auch holen,« flüsterte der Rammlinger und griente.
Von drüben hörte man keinen Laut. Dann knasterten die Dornen und mit einem Male schoß die Brücke über das Wasser und stieß sich in dem Walle fest. »Aufpassen, ruhig schießen!« flüsterte der Obmann. Sechs Schweden liefen wie verrückt die Brücke entlang; es knallte ein paarmal und bloß einer kam oben an, ein junger Kerl mit Haaren, so hell wie bei einem Kinde. »Nicht schießen!« rief Wulf; »lebendig fangen!« So wie der junge Mann über das Schutzdach wollte, riß ihn Schierhorn herüber und warf ihn dem Viekenbauer zu. »Binden und hinlegen, aber nichts tun!« schrie der Obmann und schoß, und dann rief er: »Die Immen!«
Schierhorn, der mit der Maske und dem vielen Zeug wie der leibhaftige Satan aussah, stand gebückt hinter der Schutzwand, den Bleiknüppel am Handgelenk, und schielte über sich. Eine Hand packte in die Tannhecke. Der Bauer schlug mit dem Totschläger danach, ein Schrei kam, die Hand verschwand, das Wasser quatschte und dann schrie es lange. Ein Schuß fiel; wieder spritzte das Wasser auf. Ganz sachte, als machte er das alle Tage so, stellte sich Schewenkasper hinter den Ehlershäuser, ließ sich einen Immenkorb geben, riß den Boden ab, stellte die Stange hoch und gab sie Schierhorn in die Hände. Der nahm sie, wog sie, und dann schrie er: »Aufgepaßt, ihr da!« und kippte die Stange um und hinterher noch eine, und die dritte, die vierte, und die fünfte und die sechste.
Wieder liefen Schweden über die Brücke. Drei bekamen Kugeln, vier kletterten über das Schutzdach, aber Schierhorn und Kasper warfen sie in den Graben. Dann hörte man es drüben fluchen, darauf schreien, dann ging ein Summen und Brummen los. Das Fluchen und Schreien nahm kein Ende, es wurde immer schlimmer damit, man hörte, wie die Pferde um sich schlugen und sich losrissen, Hunde heulten auf, das Brummen wurde immer gefährlicher, die ganze Luft war voll von Immen und hinter dem Wall stand Viekenludolf, bog sich vor Lachen krumm, schlug sich auf den Schinken, daß es knallte, und rief: »Ich gehe dot, ich gehe dot!«
Der Wulfsbauer mußte auch lachen. Dann ging er hin, band dem Schweden die Hände los und sagte: »Steh' auf!« Der junge Mensch stand da, kreideweiß um die Nase. Der Bauer griff ihn an die Brust: »Kannst du deutsch?« Der Junge zitterte am ganzen Leibe: »Ja!« brachte er heraus. »Bist am Ende selber ein Deutscher?« Der Mensch nickte. »Woher?« Er würgte: »Aus Sachsen!« Der Bauer holte tief Luft: »Schweinehund! Eigentlich solltest du sterben. Aber lauf hin und sage ihnen, sie sollen machen, daß sie fortkommen. Wir haben noch genug Immen und unsere Freunde kommen all. Und wenn dich einer fragt, wo du warst, dann sag' ihnen: bei den Wehrwölfen! Du bist der erste, den wir lebendig fortlassen.« Der Soldat zitterte so, daß er kaum über die Brücke konnte, und als er am Ufer ankam, fiel er hin.
Der Wulfsbauer hielt die Hand hoch: »Pst! sie tuten sich wieder zusammen! Was ist denn das? Das sind ja unsere Leute! Hört ihr, ein Schuß! Junge, das ist gut, ich bin halb verdurstet!« Er trank den ganzen Krug Dünnbier aus, den der Junge ihm reichte und dann sagte er: »Nun müssen wir erst wieder zusehen, daß unsere Immen ihren Ärger vergessen. Die werden schön falsch sein! Na, Brägenschülpen werden sie aber auch wohl alle haben. Und jetzt lauft hin und sagt den Frauensleuten Bescheid, aber sie sollen nicht herauskommen, wenn sie ihre glatten Gesichter behalten wollen, denn sonst kriegen sie Mäuler wie die Baumaffen. So, und nun kann die Hälfte losgehen und sehen, was unsere Mutter ihm gekocht hat. Aber laßt mir was über!«
Er horchte nach der Wohld hin und nickte. Da fielen immer mehr Schüsse und das Tuten und Blasen hörte nicht auf. Der Bauer stand wie ein Baum da. Dann lachte er. »Hörst du sie, Ludolf?« Der nickte: »Ja, Unsere kühlen ihnen jetzt die Immenquaddeln,« sagte er; »mit 'm Bleiknüppel, das ist da gut für!« Der Wulfsbauer hob den Finger hoch: »Unsere haben sie zwischen sich. Stille! Hörst es? Junge, Junge, ein Schade, daß wir da nicht bei sind!« Er zitterte vor Aufregung: »Hör' bloßig, wie sie bölken: Schlah dooot!« Er hielt die Hände neben den Mund und brüllte über den Graben hin: »Slah doot, slah doot, all doot, all doot, all dooot!«
Und dann kam es aus den Blockhütten heraus wie Gesang; die beiden Bauern horchten; die Frauen und Kinder sangen: »Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen!«
Es dauerte nicht lange, da waren die Wehrwölfe da. Sie lachten und riefen über den Graben: »Na, die Hauptarbeit war ja schon gemacht; wir hätten ruhig zu Hause bleiben können! So, nun wollen wir erst dieses dummerhaftige Dings wegnehmen und zu Feuerholz machen!« Der Wulfsbauer schrie: »Nee, das können wir hier ganz gut brauchen, bringt es nach der Brücke! Aber erst kann einer von euch herkommen und uns verzählen, wie es geworden ist; denn daß wir höllschen neugierig sind, könnt ihr euch wohl denken!«
Jasper Winkelmann aus Fuhrberg und Ehlershinnerk aus Engensen kamen über die Brücke. »Junge,« sagte der Fuhrberger und schlug dem Rammlinger auf die Schulter, »hast dich aber fein gemacht! Willst wohl wieder fründjen gehn! Ein Schade, daß du nicht mit dabei warst! Wir konnten vor Lachen meist nicht schießen. Ich glaube, kein einer von ihnen ißt in seinem ganzen Leben ein Honigbrot wieder. Du hättest mal sehen sollen, wie die Pferde auskeilten, und die Kerls, Mensch, ich sage dir, zum Krempeln war es! Sie flöhten sich als wie die jungen Hunde, und ich glaube, hinter jedem Machangel in der Haide sitzt einer und pult sich die Immenangeln aus der Pelle. Was haben wir gelacht!«
Der Wulfsbauer nahm die Maske ab. »Sonst heißt es: erst die Arbeit, dann das Vergnügen,« sagte er, »aber bei uns ist das umgekehrt. Holt mal noch ein paar Mann ran und Nägel und Wieden und Barten; wir wollen hier schnell einen Turm machen, damit, wenn sie wiederkommen, wir sie von oben begrüßen können, denn das mit den Immen, das ist auf die Dauer denn doch zu teuer. Und was sollen die Kinder sagen, wenn wir so mit dem Honig aasen!«
Die Schweden kamen aber nicht wieder, weder diese noch andere. Was kein Mensch für möglich gehalten hatte, das schien wahr werden zu wollen. Es sprach sich bis in die Haide hinein, daß es nun bestimmt, aber auch ganz bestimmt Frieden werden sollte. Man merkte es an allerlei Vorzeichen: die Störche brüteten wieder auf den Dächern und nicht mehr in den Wäldern; die Winterkrähen gingen früher weg als vordem; der Mäusefraß hörte auf; man fand keine Sternschnuppen mehr; die feurigen Männer am Himmel kamen nicht wieder; die Pest- und Sterbevögel waren wie weggeblasen.
Die Marodebrüder und Parteigänger zogen immer noch im Lande um; aber ihre gute Zeit war vorbei. Wo sie sich blicken ließen, lief das Volk zusammen und schlug sie tot, und die Tatern und was sonst ohne Haus und Herd war, desgleichen. Die Bauern kamen langsam aus den Büschen herausgekrochen und hingen die Kesselhaken wieder über die Herde, wenn die Häuser noch da waren, oder bauten sich neue so gut es ging. Hier und da wurde auch wieder gepflügt und gesät, und die Toten kamen unter die Erde, wie es sich gehörte, und wurden nicht in einen alten Sack beigerodet.
Aber so ganz traute man dem Frieden doch nicht. Es war ja auch gar nicht zu denken. Frieden? Arbeiten und essen und schlafen ohne Angst und Bange? Keinen Feuerschein mehr am Himmel sehen? Kein Ach- und Wehgeschrei mehr hören? Wieder lachen und singen dürfen? Und spielen und tanzen? Und sich darüber freuen, wenn ein Kind geboren wird? Wer das glaubt, der ist unklug! Dem hat der Krieg den Verstand verrückt! Für den ist es Zeit, daß man für ihn aufpaßt! Denn es geht ja doch bald wieder los! Das kennt man ja! Nach dem Lübecker Frieden Anno 1629 wurde es bloß noch schlimmer! Und das waren nun schon sechzehn Jahre her, nein, siebzehn. Und vor vier Jahren, hatte der Herzog da nicht seinen Frieden mit dem Kaiser gemacht? Und was hat es geholfen? Gar nichts, es wurde bloß noch einmal so doll!
Aber zuletzt mußten sie es doch glauben. Es war wirklich anders geworden in der Welt. Not und Elend gab es ja noch überall genug, aber das Morden und Martern war doch nicht mehr so im Gange. Es blühten auch viel mehr Blumen, die Vögel sangen schöner denn je und die Luft war so ganz anders, gar nicht mehr so, als wenn es immer nach Rauch und Blut roch. Es mußte also doch wohl stimmen, was der Prediger in der Kapelle vortrug, daß es dem Kaiser und den Fürsten ernst damit war. Sonst würde der alte Drewes nicht mit einem Male wieder den Kopf so hoch halten. »Das will ich noch beleben, aber denn ist es Zeit für mich,« sagte er.
Er erlebte es noch. Es war Anfang November, da kam Viekenludolf angejagt, schrie wie ein Ungetüm, sprang vom Pferde wie ein Junge, drehte die Wulfsbäuerin herum, daß man ihre halben Beine sah, lachte wie unklug und rief: »Ihr glaubt wohl, ich bin besoffen? Keine Spur! Ich bin so nüchtern wie ein ungebörntes Kalb. Aber es ist Friede, Friede für immer, gewiß und wahrhaftig, und wenn ihr es mir nicht glauben wollt, hier lest, oder der Prediger soll es vorlesen! Das habe ich von einem Manne gekauft, der mehr solche Blätter aus Celle mitgebracht hat. Unserem Herzog sein Siegel ist darunter. Da, euer Ehren!« Er fiel auf die Bank und jappte und mit einem Male lief ihm das Wasser aus den Augen.
Er sprang aber gleich wieder auf, denn der Wulfsbauer kam angelaufen. Er war im Grasgarten gewesen und hatte das Schreien und Weinen und Lachen gehört. Und nun stand er da und beberte an allen Gliedern und sah wie eine frisch gekalkte Wand im Gesichte aus. »Wawawas ist llos?« stotterte er. Der Prediger hob die Hand. »Ich werde vorlesen.« Alle falteten die Hände, bloß der Burvogt nicht; der hatte keine Kraft dazu. Er stand an der Hauswand, sah ganz elend aus, hatte den Mund offen und ganz unglückliche Augen, und holte so tief Luft, als wenn er ersticken müßte.
Der Prediger hatte zu Ende gelesen. Alles lachte und weinte wie verrückt durcheinander. Mit einem Male drehten sich alle um. Was war denn das? Der Wulfsbauer hatte ganz schrecklich aufgeschrien, und jetzt stand er mit dem Kopfe gegen die große Tür, hatte die Hände vor dem Gesicht und weinte wie ein Kind. Dann drehte er sich um, ging wie ein todkranker Mann auf seine Frau los, nahm sie an den Arm und sagte: »Mutter, bring mich zu Bett; ich bin ja so müde!«
Die Frau faßte ihn unter den Arm, wischte ihm die Tränen ab und sagte: »Ja, ja, ich bringe dich zu Bett, mein Junge. Du sollst nun auch schön schlafen.« Da lachte keiner von den Leuten mehr; es wurde ganz still, nur daß auf der Wiese die Kinder das neue Lied sangen, das sie in der Schule gelernt hatten:
Herzlich tut mich erfreuen die fröhliche Sommerzeit, all mein Geblüt erneuen, die Mai in Wollust freit; die Lerch tut sich erschwingen mit ihrem hellen Schall, lieblich die Vögelein singen dazu die Nachtigall.
Die Haidbauern
Der Wulfsbauer schlief sich ordentlich aus; er schlief drei und eine halbe Woche lang, und er wäre wohl überhaupt nicht aufgewacht, wenn er nicht so eine Bärennatur gehabt hätte.
Denn er hatte das Nervenfieber bekommen. Es war zu viel für ihn gewesen. Auch hatte er zu tief durch Blut gehen müssen; erst bis an die Enkel, dann bis zu den Knien, bis er bis über die Lenden darin stand und es immer höher und höher stieg, so daß es ihn schließlich bis an den Mund kam. Viel hatte nicht mehr gefehlt, da lief es ihm da hinein und er mußte ersticken.
Schon längst hatte er es nicht mitansehen können, wenn ein Schwein geschlachtet wurde. Wurst, die aus Blut gemacht war, aß er seit Jahren nicht mehr, und ihm wurde schlecht, wenn sich eins von den Kindern in den Finger schnitt.
Aber er hatte das alles für sich selbst behalten; zu keinem Menschen hatte er darüber gesprochen, weder zu Drewes, noch zum Viekenbauer, noch zu dem Prediger, geschweige denn zu der Bäuerin. Er hatte all seinen Ekel jeden Tag in sich hineingefressen wie der Hund seinen Unrat, und hatte darüber harte Augen und einen engen Mund gekriegt und vor der Zeit ganz graue Haare.
Nun waren sie schneeweiß geworden, wo er knapp fünfzig Jahre alt war. Aber die fünfundzwanzig Kriegsjahre hatten doppeltes Gewicht; er kam sich vor, als wenn er schon achtzig auf dem Puckel hatte. Er wurde wieder ganz gesund, er ging dahin wie ein junger Mann, er konnte arbeiten wie ein Knecht von fünfundzwanzig, er hielt noch eine volle Sense mit einer Hand wagerecht, er hatte kein bißchen von seinem Gesicht und Gehör verloren, er konnte noch über das ganze Dorf schreien, er ritt wie ein Junge, er aß wie ein Drescher, aber alt war er darum doch.
Nicht, daß er in der Arbeit nachließ; das war eher umgekehrt. So wie er wieder auf den Beinen war, ließ er auf der Wüste Bauholz schneiden, denn den Wulfshof hatte er für seinen zweiten Sohn bestimmt. Er hatte den einen nicht lieber als den anderen, aber Johanna, und wenn sie ihm auch die liebste von seinen Frauen gewesen war, sie war immerhin aus der Fremde gewesen, und deshalb hatte er ihren Sohn auch auf den Namen Bartold taufen lassen, denn so hieß ihr Vater; den Jungen aber, den er von Wieschen als ersten bekommen, nannte er Harm, wie jeder älteste Wulf gerufen wurde. Der bekam also den alten Hof und den alten Kesselhaken, auf dem zu lesen stand: Ao 1111 Do. Bartold aber blieb auf dem neuen Hofe und hieß bald nicht mehr Wulf, sondern Niehoff, und als Hausmarke nahm er zwei Wolfsangeln, die über Kreuz standen.
Auch in den Gemeindeangelegenheiten ging der Burvogt scharf in das Geschirr. Sein erstes war, daß er für eine Kirche sorgte, denn eine eigene Kirche waren die Peerhobstler nun einmal gewöhnt. Das gab viel Lauferei und Schreiberei, aber Wulf setzte es zuletzt doch durch, und als der Prediger fragte: »Ja, aber das Geld?« da sagte der Bauer: »Ich gebe fünftausend Taler in Gold, denn ich will es los sein,« und da wußte Puttfarken, was das für Geld war. Außerdem war noch die Kette aus bunten Steinen und Perlen da, die Schewenkasper seinerzeit dem kaiserlichen Hauptmann aus dem Hosensack genommen hatte und die meist ebensoviel wert war, und die anderen Bauern gaben auch nicht wenig, denn die Beutegelder drückten ihnen allen auf der Brust. Zu allerletzt kam noch der Viekenbauer, zählte tausend blanke Taler vor den Prediger hin und sagte: »Das ist vor den Schreck, den ich euch allen durch meine Dummheit eingejagt habe, und Trina meint überhaupt: solch Geld, das bringt doch keinen Segen!« Und so bekam Ödringen die Kirche.
Auch als es für den Herzog hieß, Gelder für die Schweden zusammenzukratzen und die schweren Schatzungen kamen, mußte sich der Wulfsbauer gehörig rühren und mehrere Male ritt er nach Celle, bis er es fertigbrachte, daß die kleinen Leute nicht zu sehr mit Lasten bedrückt wurden. Die Gräfin Merreshoffen lebte noch, wenn sie auch schon ganz weiß und dünn war und ein Gesicht wie Wachs hatte.
Sie ließ sich viel von dem Peerhobstler erzählen, nickte und sagte: »Ja, es ging ein böser Wind damals. Hier sitzen wir, sind noch keine sechzig alt und sehen wie achtzig über den Ohren aus. Aber er hat wenigstens seine Gesundheit und Frau und Kinder, und ich habe nichts als das bißchen Geld und allerlei dummerhaftige Erinnerungen. Aber verlasse er sich darauf: die Sache kommt in Ordnung; darauf hat er meine Hand!« Als er ging, sagte sie zu ihrer Nichte: »Ich habe bloß zwei Männer in meinem Leben gekannt, Georg Eisenhand und den da, Brigitta!«
Mehr als einmal mußte Harm beweisen, daß er noch der alte war. Die kleine Arbeit hatte er dem Viekenbauer und Schierhornhelmke überlassen, und die seiften die Haide so gründlich ab, daß sich kein Ungeziefer mehr darin halten wollte. Er lebte noch eine ganze Stiege von Jahren und konnte viererlei Enkelkinder auf den Knien reiten lassen.
Aber als dann seine Frau starb, hatte er so recht keine Lust am Leben mehr. Er hatte sein Teil Arbeit im Leben getan und mehr als das; er war nicht mehr nötig auf der Welt. Seine Augen waren mittlerweile wieder etwas heller geworden, aber sein Mund sah aus, als wenn er Angst hatte, daß ihm Blut hineinlaufen konnte. Er starb jedoch ganz sanft und alle seine Kinder und Kindeskinder waren bei ihm, und der Viekenbauer, der noch immer hinter jedem glatten Mädchen hersehen mußte, wennschon das nicht viel Zweck mehr hatte, und Thedel und der Prediger, der wie ein ganz alter Mann aussah.