Der Wehrwolf: Eine Bauernchronik

Chapter 14

Chapter 143,982 wordsPublic domain

Das gab dann jedesmal genug zu erzählen im Dorfe, und so wurde es Frühling, ehe man wußte, wie es zugegangen war. Besser wurde es da auch noch nicht mit dem Kriege, aber die Feldarbeit fing an und die Leute wußten, wozu sie auf der Welt waren, wenn sie sich auch wie die Wölfe im Bruche bergen mußten, denn einmal zogen Tag für Tag die Kriegsvölker hin und her und zweitens ging der schwarze Tod wieder um. So hielten sich die Peerhobstler für sich, um die Pest nicht in das Bruch zu schleppen. Da sie gewohnt waren, sich und ihre Häuser rein zu halten, keinen Hunger litten und mäßig lebten, so schielte die Seuche wohl nach dem Dorfe, mußte es aber zufrieden lassen.

Durch die Arbeit kamen die Leute über ihre Ängste und Sorgen am besten weg. Darum, was draußen vorging, scherten sie sich wenig. »Sind wir nun schwedisch oder sind wir kaiserlich?« fragte der Burvogt den Prediger; »ich finde da nicht mehr durch. Viekenludolf sagt, der Regent weiß auch nicht, wie er daran ist, und darum hat er sich mit den Hessen zusammengetan und geht gegen alles an, was hier nicht hergehört, ganz so, wie wir, und das ist auch das einzig wahre!«

Er war mittlerweile meist ganz grau geworden; das Hin- und Herjagen in der Haide und alles das andere hatte ihm den Kopf abgebleicht, seine Stirne kraus und seinen Mund eng gemacht. Sonst war er aber noch ganz der alte, und zwölf Stunden im Sattel zu sein, das machte ihm nicht viel aus. Bei allen wichtigen Sachen war er nun wieder das Haupt, denn Viekenludolf war zu sehr Dollhund und konnte das Abwarten nicht vertragen. Wäre Wulf nicht gewesen, so hätte der Rammlinger all lange unter der Erde gelegen, denn als ihm einmal wieder die Hand vor der Zeit an zu jucken fing, kam er zwischen vier schwedische Reiter, und die deckten ihn so zu, daß es meist aus mit ihm war; aber da kam der Peerhobstler angedonnert und schlug den Mann, der Vieken aus dem Sattel stechen wollte, das Genick ab, und einem anderen schlug er den Arm ab, und der dritte bekam eins vor die Stirn; von dem vierten aber kriegte er den Säbel mitten durch das Gesicht, ehe er ihn in die Haide schmiß. »Das ist man bloß äußerlich, altes Mädchen,« sagte er und schlug seiner Frau auf die Lende; »bind' mir 'n Lappen um und gib mir 'n Honigbrot, denn wein' ich auch nicht mehr.«

Da lachte die Bäuerin. Sie war ziemlich auseinandergegangen, aber noch viel schöner als wie als Mädchen, die blankeste Frau war sie weit und breit und die lustigste auch, und das war für den Bauern die Hauptsache, denn der hatte oft seine dusteren Zeiten. Es ging ihm wie Drewes, der jetzt den Großvater spielte, denn seine Tochter hatte schon das vierte Kind. Wenn er sich mit den Kindern abgab, konnte er noch lachen, daß man alle seine Zähne sah, aber wenn sie schliefen, dann sah er oft die vielen weißen Gesichter mit den roten Löchern in der Stirn und Birkenbäume, vor denen tote Männer hin und her gingen wie der Pendel an der Kastenuhr. Dann ging er zum Prediger und ließ sich von dem die Gnitten vertreiben.

Mit solchen Gedanken hatte sich sein Eidam auch herumzuschlagen, aber am meisten Sorge machte ihm doch das, was vor ihm lag. Achtzehn Jahre lang hatte er nun den Wolf spielen müssen; er war noch tiefer durch Menschenblut gegangen als Drewes; aber wenn es ihm bis an den Hals gestanden hätte, er hätte sich nichts daraus gemacht, wenn es endlich ein Ende damit gehabt hätte. Aber die Haide wimmelte und krimmelte von Takelzeug; Schweden und Wälsche, Krabatten und Slowaken, das fraß, was der Bauer säte, und soff, was die Bäuerin melkte; das Rauben und Plündern, Sengen und Brennen, Schimpfen und Schänden, Morden und Martern, es war das Ende davon weg.

So manches Mal hatte der Bauer den Gedanken: »Hätten wir uns lieber nicht gewehrt, dann lägen wir all unter der Erde und brauchten uns nicht zu sorgen!« Sowie aber das Horn rief und die Hillebillen meldeten, daß fremde Hunde auf der Straße waren, langte er die Büchse hinter dem Schapp her, kriegte den Bleiknüppel von dem Hirschgeweih, schmiß die Beine über den Rappen, und wenn er dann wiederkam, oft erst nach Tagen, hungrig, müde, naß von Regen oder Schweiß, nach Kien, Post und Haide riechend wie ein Pferdehirt, dann sagte er doch, und er lachte ein bißchen dabei: »Für dieses Mal haben wir sie noch über den Berg gebracht!« Dann fiel er auf das Bett und schlief einen ganzen Tag wie ein Toter. Am anderen Tage aber wusch er sich von oben bis unten, zog frische Leibwäsche und anderes Zeug an, und dann erst spielte er mit den Kindern und nahm sein Wieschen in den Arm. Wer ihn dann zu sehen bekam, konnte es sich nicht denken, daß es derselbe Mann war, der vor zwei Tagen einem kaiserlichen Offizier, der um Gnade bat, zuschrie: »Jawoll, aber von dieser Art!« und damit schlug er ihn tot.

Was sollte er auch machen? Ob Schwede, ob Kaiserlicher, womit der eine gekocht war, damit war der andere gebrüht; hier wurden die Menschen im Namen der heiligen Maria totgequält und anderswo wurden sie der reinen Lehre wegen geschunden. Zu all dem Elend starb noch Georg Eisenhand, wie es hieß, an Gift, das er in Hildesheim bekommen haben sollte, als er mit dem schwedischen General unterhandelte, und nun war es, als ob das Land ganz in Blut ersaufen sollte. Die Bauern hielten die Schinderei schließlich nicht mehr aus; sie rotteten sich offen zusammen und halfen sich, so gut es gehen wollte, und ging es schief, dann war es auch nicht schlimm; wer tot war, dem konnte das Herz nicht mehr brechen über dem quälhaftigen Leben.

Viekenludolf hatte geheult wie ein übergefahrener Hund, als ihm gemeldet wurde, daß bei Dachtmissen zweihundert Bauern von den Kaiserlichen hingemordet waren, denn er hatte mehr als einen Freund dort gehabt und auch noch etwas anderes, woran ihm noch mehr lag. Er ritt mit seinen Leuten los, aber er kam zu spät, und bloß zwanzig Mann bekam er unter die Knie, und sechs davon lebendig und der eine war ein Offizier. Er ließ sie alle mitten im Busche aufhängen, als wenn es gemeines Raubgesindel war, und als der Hauptmann dagegen anwollte, schrie er: »Dann behandelt den Herrn wie einen Offizier und hängt ihn an seiner Säbelkoppel auf und nicht an einer Wiede!« Ja, man sagte, vorher hätte er ihm in das Gesicht gespuckt.

Das mußte wohl wahr sein, denn bald darauf traf ihn die Strafe; er mußte freien. Bisher hatte er immer Glück gehabt; aber wie es so kam, Gödeckengustels Schwester Trina, von der hätte er die Finger lassen sollen, denn in allem verstanden die Wölfe unter sich Spaß, bloß nicht in solchen Dingen. So ließ er denn das Maul hängen wie ein Rehbock, der eine Ricke suchen geht, als Gödecke ihm eines Abends sagte: »Unser Trina meint, daß es bald Zeit wäre, daß ihr beide freit.« Zwei Wochen später war die Hochzeit; es war eine lustige Hochzeit, bloß für den Bräutigam nicht, denn der sagte zu Grönhagenkrischan: »Ja, die Frauensleute, da muß 'n sich mit vorsehen; die nehmen gleich alles wortwörtlich!«

Er blieb auch hinterher zweiter Obmann, denn er war froh, wenn es draußen was zu tun gab. »Diese ewige Knutscherei!« stöhnte er; »lieber Himmel, klettern hat doch bloß so lange Sinn und Verstand, bis daß man den Appel vom Baume hat; nachher da ist es Hahnjökelei.« So war er und sein Brauner meist unterwegs, denn es regnete jeden Tag Ungeziefer, was da nur herunterwollte, auf das Land: heute Schweden, morgen Weimaraner, dann Hessen und dann fing es wieder von vorn damit an. Ihm aber machte solch ein Leben Spaß, und wenn er nach Hause kam, warf er eine Handvoll Taler mit ein paar Goldfüchsen dazwischen auf den Tisch und sagte: »Wenn es so beibleibt, Trina, dennso mußt du deine Sparstrümpfe so lang bis ans Leib stricken!« Aber als er einmal nach Hause kam und ihr ganz glücklich erzählte, daß nun jeder Mann zwei Frauen nehmen dürfe oder drei, denn der Krieg und die Pest hätten so viel Menschen geschluckt, daß es ohne das nicht mehr ginge, da machte Trina ein paar Augen wie die Katze im Herdloch, lohnte Weesemanns Lotte, ein ansehnliches Mädchen, auf dem Fleck ab und nahm eine Magd, die wie eine Wildscheuche anzusehen war. Er aber sagte zu Grönhagen: »Ein Stachelschwein ist wie eine Kinderhand gegen meine Trina. Ach ja, das oberste vom Bier schmeckt immer am mehrsten!«

Aber er kam nicht allzuviel dazu, sich zu bedauern. Heute kam der kaiserliche Oberst Heister dahergekrebst, morgen murkste der Torstenson mit seinen Schweden im Lande herum; rund um Celle lagen die Bauern mit Weib und Kind, hungerten und lauerten auf den Tod und stritten sich darum, was nun besser schmecken täte, ein schwedisches Rippenstück oder ein gut kaiserlicher Lendenbraten, denn so weit war es schon gekommen, daß man offenbar Menschenfleisch fraß und auf Verabredung auf Menschenjagd auszog. Die Peerhobstler aber hatten das nicht nötig; sie hatten noch allerlei Vieh und Wildbret gab es zur Genüge, aber Pferdefleisch aßen sie hier und da doch, wenn bei der Wehrarbeit in der Haide eine Kugel aus Versehen einmal ein Pferd statt des Reiters getroffen hatte, und dann sagten sie: »Stutenkälber schmecken auch.«

Sie saßen den einen Morgen im Mai alle drei auf der Bank im Garten vor dem neuen Hofe, die drei Obmänner, Drewes, Wulf und Vieken. Die Pfingstrosen waren am Aufblühen, die Schwalben flogen ab und zu, die Immen waren zugange und die Kinder sangen: »Maikäfer flieg, der Vater ist im Krieg, die Mutter ist in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt, Maikäfer flieg!« Sie sangen und juchten und kriejöhlten und sprangen hinter dem Käfer her, der durch die Sonne flog, daß seine Flügel wie Gold aussahen.

»Das ist ein neues Lied,« sagte der Engenser; »das haben wir als Kinder noch nicht gesungen. Ja, die Welt wird jeden Tag neu.« Der Peerhobstler nickte: »Aber nicht besser, Drewes; ich glaube nicht, daß ich es noch belebe, daß es Frieden gibt.« Der Rammlinger sagte: »Ich bin der gleichen Ansicht. Bislang fand ich das soweit ganz lustig, aber ich weiß nicht, liegt es daran, daß man älter wird, oder ist es, daß ich jetzt einen kleinen Jungen habe; so rechte Lusten habe ich auch nicht mehr an diesen Geschichten. Zuletzt wird es einem über, wenn man einen über den anderen Tag den Bleibengel vom Haken langen muß.«

In der Haide fing eine Wache an zu blasen und dann noch eine, und eine Hillebille war zu hören und noch eine. Harm und Ludolf standen auf: »Na, dann hilft das nichts; die Arbeit muß getan werden. Adjüs, Drewsbur; ich bin bloß neugierig, was jetzt wieder los ist! Und das dümmste ist: meine Trina, die glaubt ja nicht, wenn ich draußen liege, daß ich das bloß den Schweden und den anderen zu Gefallen tue; da heißt es immer und jeden Tag: na, der Schwede, der wird wohl einen roten Rock anhaben, und mich soll nicht wundern, wenn er Weesemannslotte heißt!« Er kratzte sich hinter den Ohren: »Ja, die Frauensleute! Soweit sind sie ja ganz niedlich; wenn sie man nicht so'n leeges Maul hätte!«

Er gab einen Seufzer von sich wie einen Arm lang. Drewes aber lachte: »Das schadt dir gar nichts, Viekenbur, das ist dir sogar recht, du Dollhund! Wenn du eine Frau hätt'st wie andere Leute, das arme Tier könnte einen dauern. Auf'n Steinpott hört ein ebensolchiger Deckel auf, das ist die natürliche Ordnung, und ein Katteeker und ein Lork, das gibt ein schlechtes Gespann. Aber nun seht man zu, daß wir kein Flohbeißen kriegen!«

Das taten sie denn auch. Die Wachen hatten gut aufgepaßt und die Hillebillen hatten einen langen Atem gehabt; die Kaiserlichen machten dumme Gesichter, als das Tuten und Blasen und Bimmeln rundherum losging, und erst recht, als es überall knallte und doch kein Mensch zu sehen war, denn die Wohld war dick und das Bruch naß. So waren sie heilsfroh, als sie erst wieder in der hellen Haide waren, und auch da hielten sie sich nicht lange auf, denn zwischen den krausen Fuhren und den Machangeln war bald hier ein Pferdekopf mit einem Gesicht darüber zu sehen, bald da einer und es wurden immer mehr, gerade wie vor einem Immenkorbe, wenn der Specht daran herumarbeitet.

»Das sind mehr als hundert Mann,« sagte der Offizier, der mit dem Ohr auf der Erde gehorcht hatte; »der Satan weiß, wo die Kerle herkommen. Vorwärts, marsch!« So zogen sie dahin, die Gesichter alle Augenblicke hinter sich, und hinter ihnen her ritten die Bauern, hier drei, dort zehn, da wieder ein paar und überall welche.

»Denen soll heute der Atem kurz werden und Pferdefleisch soll es sie auch kosten,« lachte Wulf; aber Viekenludolf ritt im Galopp voran, bis er auf hundert Schritte heran war, und dann stellte er sich in die Bügel, sah über den Machangelbusch weg, klappte mit der Peitsche und schrie: »Kiejuh, kiejuh! Schlah doot, schlah doot, all doot, all doot, all dooot!«

Da war es, als ob die Wespen zwischen die Leute da vorne gekommen waren. Der Offizier fluchte und schlug zwei Kerle mit dem Säbel über die Köpfe, daß sie zu Boden schossen, aber es war kein Halten mehr; von hinten und von vorne, und rechter Hand und zur Linken, überall »kiejuh!« und in einem Ende »kiejuh!« und dazwischen das Peitschenklappen und das scheußliche Schreien: »Schlah doot, schlah doot, all doot, all doot, all dooot!« Da schrie der Offizier, indem er beide Arme in die Höhe schmiß: »Heilige Maria!« und wollte hinterdrein, aber der Bleiknüppel des Oberobmanns traf ihn in das Genick; er fiel vornüber, und erst, als der Schimmel in einen Sohl stürzte, fiel auch der tote Mann herunter.

»Na, wie ist es gegangen?« fragte Drewes, als Wulf und Ludolf am Nachmittage zurückkamen, naß wie die Frösche und hungrig wie die Hütejungens. »Fein,« schrie der Rammlinger, »sie laufen noch und werden wohl morgen auch noch laufen. Wir haben ihnen was zum Laufen eingegeben, aber etwas, das gleich durchschlägt. Sobald werden sie wohl nicht wiederkommen, und Stücker zwanzig von ihnen höchstens um Mitternacht, um nachzusehen, wo sie nun eigentlich sind. Kinder, habe ich einen Hunger und einen Durst! Wulfsbäuerin, jede Arbeit ist ihres Lohnes wert und Dreschen macht einen langen Magen. Aber hinsehen darfst du heute nicht, wenn ich mich hinter den Schinken knie, Wieschen, ansonsten könntest du denken, bei meiner Trina kriege ich man halb satt.«

Vater Drewes lachte und dachte, wie oft auch er mit solch einem Schlachterhunger nach Hause gekommen war. »Junge,« sagte er und goß den Metkrug bis oben voll, »Junge, man lebt ordentlich wieder auf, wenn man dich so prahlen hört! Und wie das auch ist, Spaß macht es doch, und wenn einem hinterher auch einmal graulig zumute wird, wenn man in seinem Bette liegt; alles was recht ist: wir haben doch gezeigt, daß wir keine Bählämmer sind, und darauf wollen wir anstoßen: hoch jeder Mann, der sich nicht an den Balg kommen läßt!«

Er ließ den Krug, auf dem zu lesen stand: »Fifat, es läbe die Vreundschaft«, rundgehen, aber als er ihn seinem Eidam gab, mußte er den erst anstoßen, denn Harm horchte nach dem Grasgarten hin, wo die Kinder ein neues Spiel spielten, und dabei sangen sie:

Der Schwed is kommen, hat alles genommen; hat die Fenster zerschlagen, hat Blei rausgegraben, hat Kugeln von gegossen hat alles verschossen; alles verrischossen.

Die Schweden

Was die Kinder gesungen hatten, sollte bald wahr werden. Der Schwede kam; vor ihm ging die Angst her, hinter ihm die Not und neben ihm die Pest.

»Bet', Kinder, bet', morgen kommt der Schwed', morgen kommt der Ossenstern, der wird die Kinder beten lern'«, damit brachte man die Kleinen zu Bette; sie lernten es und sangen es auf dieselbe lustige Art, wie sie den Maikäfer und die Sonnenkälbchen das Fliegen lehrten, so daß es den großen Leuten kalt über den Puckel lief.

Überall wurde vom Frieden gesprochen, aber kein Mensch glaubte, daß es dazu kommen würde, noch nicht einmal, als Oxenstierna in Celle Aufenthalt nahm und von da nach Osnabrück reiste, wo die anderen waren, die das Fell des Reiches versoffen. Eher glaubte man an das Ende der Welt und überall liefen Leute herum und schrien: »Fürchtet Gott und gebet ihm die Ehre, denn die Zeit seines Gerichtes ist gekommen!«

Selbst der Prediger ließ mitunter den Kopf hängen und sagte zu seiner Frau: »Margarete, es ist schwer, nicht an Gott zu zweifeln, wenn man hören muß, wie es zugeht. Der Viekenbauer hat erzählt, daß die Schweden Kinder zum Spaß martern, und bei dem Troßzuge, den er zuletzt überfallen hat, waren acht junge Mädchen von Stande als Packträgerinnen und die Schweden schlugen mit den Peitschen auf sie ein wie auf das Vieh. Doch das ist das wenigste, was sie auszustehen hatten. Gott, mein Gott, warum lässest du ein solches geschehen!«

Er hatte es sehr schwer, denn die Bauern murrten wider den Herrn. »Was hilft uns das ganze Gutsein,« hatte Schewenkasper gesagt, »wenn man davon nichts hat als Angsten und Sorgen!« Aber er hatte doch geschwiegen, als der Prediger ihm sagte: »Schäme dich, Kasper! Hast gesunde Kinder und eine blanke Frau und jeden Tag genug zu essen!«

Dem geistlichen Herrn ging es aber oft nicht anders als dem Hausmann und dem Wulfsbauern und allen übrigen ebenso, sogar dem Rammlinger, denn er war eines Tages angekommen und hatte gesagt: »Ich habe es dicke! Ich will hinter dem Pfluge hergehen und abends mit den Lütjen spielen, aber nicht alle paar Tage lebendige Menschen umbringen!«

Er hatte sich bei kleinem an seine Trina gewöhnt, besonders, als hinter dem Jungen ein Mädchen ankam, denn ein Schürzennarr, wie er einmal war, hatte er sich darüber ganz verdreht vor Freude angestellt, und wenn er eben Zeit hatte, schleppte er sich mit dem Kinde ab. Auf seine Trina ließ er nichts mehr kommen. Sie hatte ihn einmal dabei betroffen, wie er die Lütjemagd im Arme hatte, ihm eine gräßliche Schande gemacht und geschrien: »Noch ein einziges Mal und ich gehe mit den Lütjen ins Wasser!« Da hatte er es mit der heiligen Angst gekriegt und ihr hoch und teuer gelobt, daß er die Jungensschuhe ausziehen und sich wie ein Kerl aufführen wollte. Was seinen Hof und das Dorf anbetraf, so hielt er auch Wort, aber er war viel unterwegs, und da es in den Dörfern an Männern mangelte, so wurde es ihm sauer, sein Versprechen einzuhalten.

An einem schönen Maimorgen ritt er mit einem der wildesten der jüngeren Wehrwölfe, Schierhorns Helmke, durch das Bullenbruch. Er hatte eine Laune wie ein Schneekönig, denn er hatte es bei Weesemanns Lotte gut getroffen. »Schöne Luft von Tage, Helmke,« sagte er und schlug sich seine Pfeife an. Als sie brannte, sah er über die Haide. »Helmke, kiek, zwei fremde Reiter, Schweden oder so etwas! Wollen doch einmal ein bißchen hin und ihnen die Tageszeit bieten! Was meinst du? Immer höflich, sagte die Krähe und machte jedesmal einen Diener, wenn sie dem Piewitt ein Ei aussoff.«

Schierhorn war gleich mit dabei. Sie hingen die Bleiknüppel über die Handgelenke, zogen die Pistolen und ritten in guter Deckung den Reitern entgegen. Den ersten schoß der Rammlinger aus dem Sattel, aber da sah er auch, daß er nicht zwei, sondern ein ganzes Dutzend Schweden vor sich hatte, und jetzt hieß es den Hasen machen und aus den Gäulen herausholen, was darin war. Es knallte zwar ein paarmal hinter ihnen her, aber außer Helmkes Grauschimmel, der den halben Steert missen mußte, blieben sie heil. Als sie aber meist an der Wohld waren, kamen ihnen zehn andere Schweden in die Möte, und da konnten sie nicht anders, als daß sie sich im Busche bargen.

Die Schweden suchten noch eine Weile herum, zogen dann aber ab. Unterwegs trafen sie zwei Taternweiber an und bekamen aus denen heraus, daß in der Wohld ein Dorf lag. »Beeses Leit sich da wohnen, Herr hiebsches,« sagte die Alte, und die Junge schmiß dazwischen: »Machen alles tott, was gutes Leit ist, Suldatten un Zigeiner!« Der Wachtmeister sagte: »O ha! also da stecken die Brüder! Na, die wollen wir aber ausschwefeln!« Er nahm die Weiber mit und ritt spornstreichs nach Fuhrberg, wo Graf Königsmark mit viel Volk lag, und machte Meldung. Mitten in der Nacht wurden hundertundfünfzig Mann losgeschickt, die solange in der Magethaide lagern mußten, bis es schummerte.

Es war noch ganz grau, da hörte Gird, der mit Bolles Atze die Wache vor dem Bullenbruche hatte, sie herankommen; er blies, aber da hörte er es auch schon am Kohlenberge tuten, und bei der Dornkuhle ging es auch los; die Schweden waren von drei Seiten zugleich gekommen. Mit knapper Not konnten die Peerhobstler sich und ihr Vieh in dem Walle bergen; der letzte war der Wulfsbauer und hinterher kam Schewenkasper gewankt; er hatte noch schnell das Bild des Herzogs aus der Dönze mitgenommen und die gelbbunte Katze. »Damit die Kinder doch was zu spielen haben währenddem,« sagte er.

Die Schweden pürschten sich vorsichtig an das Dorf heran. Alles war still, bloß daß die Hühner gackerten und die Schwalben zwitscherten. Die Gewehre in der Hand machten die Soldaten sich an die Häuser heran; kein Mensch war zu finden. Sie suchten Schuppen und Keller nach; alles war leer. Es wurde ihnen unheimlich zumute. Aber da kam ein Reiter mit einem schwedischen Mantel angelaufen, den er auf Horstmanns Hofe gefunden hatte, und nun wurde gründlich nachgesucht und eine ganze Menge Waffen und Kleider wurden gefunden, die augenscheinlich totgeschossenen Schweden gehört hatten. »Und wenn ich ewig und drei Tage suchen soll,« fluchte der Hauptmann, »finden will ich sie, und dann könnt ihr euch mit ihnen einen kleinen Scherz machen, Leute!« Die Soldaten lachten, aber nicht so ganz von Herzen.

An die drei Stunden dauerte es, bis sie den Ringwall fanden, und elf Mann stürzten sich dabei in den Wolfskuhlen zu Tode. Die anderen kamen heil hin, konnten aber nichts sehen, denn die Dornen lagen haushoch und waren fest ineinandergewrickt. »Paar Mann auf die Bäume; zusehen, was das nun ist!« befahl der Anführer. Zwei Leute kletterten in die Tannen. Kaum waren sie so hoch, daß sie den Mund aufmachen wollten, da knallte es zweimal und beide fielen wie die Säcke herunter.

»Schweinebande!« schimpfte der Hauptmann; »fort mit dem Kram da!« Die Soldaten zogen die Dornen weg, mußten aber Stück um Stück losbrechen, so fest saßen sie ineinander. Aber dann horchten sie auf; im Walle wurde geblasen. Unheimlich hörte sich das an, als wenn die Katzen quarrten und die Wölfe hinterher heulten, und dann fing es an zu bimmeln, erst langsam und dann immer schneller, und hinter dem Walde fing das Tuten und das Bimmeln an drei Stellen zugleich an. Die Soldaten sahen sich um; die Sache gefiel ihnen nicht so ganz besonders.

»Na, wird's bald!« schrie der Offizier und schlug die Leute, die bei dem Dornverhau waren, mit der Peitsche über die Rücken, daß es klappte. »Dreißig Mann hierher, aber 'n bißchen fix.« Die Soldaten arbeiteten, daß es krachte. Ein Rabe flog über den Wall hin, rief laut und machte einen Bogen, der Schwarzspecht lachte und die Markwarte schimpften über den Lärm. »Feste, feste!« schrie der Hauptmann; »in einer Stunde müssen wir sie haben! Wollen den Buschkleppern mal zeigen, was es heißt, fromme schwedische Kriegsleute abzuschießen wie Rehböcke. Immer lustig weiter! Je früher wir hier fertig sind, um so eher kommt ihr zu euren Mädchen!«

Viekenludolf lachte: »Oder auch nicht!« sagte er und sah den Wulfsbauern von der Seite an. Mit dem war den Tag schlecht Kirschen essen: »Du treibst dich bei den Weibsleuten rum,« sagte er, »und wir können dafür den Puckel hinhalten. Eine Schande wert ist es! Ich habe es mir aber immer gedacht, daß du uns noch einmal eine schöne Suppe anrühren wirst. Aber was hilft das alles? Jetzt heißt es: keine Kugel unnütz, keinen Zoll Fell gezeigt, und alles getan, was ich sage. Und wer sich danach nicht richten tut, der soll es so haben, wie er es verdient!«