Der Wehrwolf: Eine Bauernchronik

Chapter 13

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Es war gut gewesen, daß es auf der Hochzeit des Wulfsbauern bloß einen Tischtrunk gegeben hatte, denn am anderen Morgen wurde die halbe Jungmannschaft vom Peerhobstberge abgerufen; lose Haufen von Schweden ließen sich in der Umgegend blicken und hausten schlimmer als das Vieh. Seitdem ihr König gefallen war, kannten sie keine Zucht mehr, und Frauenschänden und Kinderschinden, das war ihnen weiter nichts als ein kleiner Spaß. Aber der eine Haufen, der durch das Bruch ziehen wollte, lernte bald, daß es da auch wintertags Gnitten gab. Als sie mit ihren Gäulen mühselig durch Schnee und Morast zogen, fingen die bleiernen Gnitten an zu beißen, daß das Blut danach kam. »Tja,« sagte Viekenludolf; »wer nicht weiß, was Landesbrauch ist, der läuft oft dumm an.«

Am Sonntag Dreikönige hatten die Peerhobstler wieder gesungen: »Und wenn die Welt voll Teufel wär!« Es war an dem: was sie zu Ohren bekamen, war Mord und Brand. Wenn einmal eine Woche kein roter Schein am Himmel stand, nachdem die Sonne untergegangen war, dann vermißten die Leute beinahe etwas, und nach einer Leiche am Straßenbord wurde nicht mehr hingesehen, als vordem nach einer verreckten Katze. Der Prediger hatte einen schweren Stand, daß er seine Gemeinde bei Christi Wort und Lehre hielt, denn wie an der Pest die Leiber, so siechten an der greulichen Zeit die Seelen hin.

Das Herz wollte ihm im Leibe stehen bleiben, wenn er erzählen hörte, in welcher Weise die Bauern an ihren Peinigern Rache nahmen, und er verjagte sich, als Schewenkasper ihm in aller Seelenruhe erzählte: »In Brelingen hat ein einstelliger Bauer, der im Busche wohnt, seit einem halben Jahre einen von den Pappenheimern an der Kette im Stalle liegen, so daß er aus dem Troge fressen muß. Der Mann hat ganz recht; die Hunde haben ihm seine Frau zuschanden gemacht, und wer sich als Hund ausgibt, muß es wie ein Hund haben.«

Heute die Kaiserlichen, morgen die Schweden; das ging immer umschichtig. Den einen Tag hieß es: »Wienhausen ist ausgeraubt,« und hinterher: »In Altencelle ist der Pastor zu Tode geschlagen worden.« Je länger es dauerte, um so schlimmer wurde es. Das platte Land wimmelte von Freibeutern und Bärenhäutern. »Wenn es so beibleibt,« knurrte Schütte, »dann werden uns die Wieden knapp und wir müssen nachpflanzen,« und Viekenludolf lachte: »Soviel Mühe machen wir uns schon lange nicht mehr, denn sonst hängen am Ende schon alle Birken voll und auf die Dauer ist das wirklich kein schöner Anblick. Mit dem Bleibengel geht es sowieso schneller.«

Ganz schlimm wurde es aber erst, als Herzog Georg, der Bruder des Landesherrn, wieder zu dem Kaiser überging, weil die Schweden ihn für einen Bauern kaufen wollten. Es war, als wenn die Hölle alle ihre Teufel auf einmal von sich gegeben hätte, und der Prediger sagte nichts mehr, wenn er hörte, wie die Bauern Gleiches mit Gleichem vergalten. Die Feldbestellung hatte meist ganz aufgehört; die Ställe standen leer; die Menschen gruben nach wilden Wurzeln und fraßen Mäuse und Ratten, Schnecken und Frösche, Hunde und Katzen, und manches Stück Fleisch, das in den Topf oder auf den Rost kam, war nicht von einem Stück Vieh, und Wildbret war es auch nicht. Mancher, der bloß hundert Schritte von seinem Dorfe wegging, kam wohl wieder zurück, aber in Stücken, die unter dem Mantel getragen wurden, und die Eltern mußten aufpassen, wenn sie ihre Kinder behalten wollten.

Der Prediger war noch keine dreißig Jahre alt, da hatte er schon graue Haare über den Ohren, und die Falten, die er um den Mund hatte, waren so tief wie bei einem alten Manne. Dabei war es auf dem Peerhobsberge noch auszuhalten. War auch die Ernte schlecht gewesen, mußte auch in jedem Hause Baumrinde in das Brot gebacken werden oder Eichelschrot, satt wurden sie doch immer, denn es wuchs allerlei in der Wohld, das sich essen ließ, und an Wildbret und Fischen mangelte es niemals. Aber das schlimmste für die Leute war, daß sie ewig Angst haben mußten, daß eines Tages ein so starker Haufen Kriegsvolk nach dem Dorfe hinfinden könne, daß sie sich seiner nicht erwehren konnten.

Auch dem Prediger wurde es oft schlecht unter dem Brusttuche. Um sich selber bangte er sich nicht. Doch seitdem in Engensen Kroaten ziemlich schlimm gehaust hatten, aber schleunigst abziehen mußten, weil die Wehrwölfe dreimal so stark waren als sie, so daß keiner von dem Takelvolk mehr den Weg zurückfand, konnte er keine Nacht mehr ruhig schlafen, denn er mußte immer und immer daran denken, wie es Thormanns Grete, die als Magd auf dem Dreweshofe diente, bei einer solchen Gelegenheit gehen konnte.

Er hatte es dem Mädchen gleich angesehen, daß sie etwas Schweres hinter sich hatte, und er hatte es von dem alten Drewes herausgefragt, was das war. Sie war die jüngste Tochter vom Tornhofe, aus dem ihre Eltern wegliefen, als ein Trupp Raubgesindel darauf loszog und wobei Steers Wieschen, Schewenkaspers Schatz, elendiglich zu Tode kam. Der Hof ging in Flammen auf, und da zogen Thormanns auf einen anderen Hof vor Wettmar, der ihnen auch gehörte und den sie verpachtet hatten; jedoch acht Wochen darauf lebte keiner von der ganzen Familie mehr außer Grete, und die bloß deshalb, weil sie sich bei den jungen Drewes verdingt hatte, wo sie wie eine Tochter gehalten wurde, denn Witte, der Drewesbur, war Vetter zu ihr.

»Ich möchte bloß wissen, was unser Prediger immer und immer in Engensen zu tun hat,« sagte Thedel zu seiner Hille, die mittlerweile schon das vierte Kind an der Brust hatte, aber dabei immer völliger wurde; »es geht kaum eine Woche hin, daß er da nicht hinreitet.« Seine Frau lachte: »Er wird da wohl ein Geschäft mit jemand haben, der einen roten Rock anhat und das Haar in einem Dutten trägt,« meinte sie. »Der? der denkt an alles andere als an die Weibsleute,« sagte Thedel; »nee, Mädchen; dieses Mal bist du vom Wege abgekommen.«

Es war aber doch so; ehe ein Monat hin war, zog Grete Thormann mit allem, was sie hatte, und das war nicht viel, auf den neuen Hof, und von da ab war der Prediger mehr da als in seinem eigenen Hause, und am nächsten Sonntag schmiß er sich und Grete von der Kanzel, und zwei Wochen später traute sie der Pastor in Wettmar in aller Stille. Seit der Zeit sah der Prediger nicht mehr so düster vor sich hin, und seine Frau bekam auch ein anderes Gesicht, besonders zehn Monate später, als sie noch etwas anderes zu tun bekam, als Brot zu backen und die Kuh zu melken; nach zwei Monaten stand ihr der rote Rock hinten ein ganzes Ende von den Hacken ab, so rund war sie geworden, und auch der Prediger setzte an wie eine Gans, die von der Stoppel in den Stall kommt.

Am besten aber bekam das Freien Schewenkasper. Die ganze Zeit hatte er sich mit Mieken herumgekabbelt. Der eine stand dem anderen im Wege. Alle Augenblicke hörte man Miekens Stimme: »Oller Stoffel! dötscher Hammel!« oder so etwas Ähnliches, und hinter ihr her brummte es dann: »Dumme Trine! olle Gaffelzange!« Schließlich wurde es der Bäuerin zu dumm damit, und als sich die beiden im Stall mal wieder anbellten, schlug sie die Türe zu, hakte das Holzschloß ein und rief: »So, nun kommt ihr erst wieder heraus, wenn ihr gut Freund geworden seid!«

Nun war die Rückwand des Stalles aber aus Flachtenwerk, und da schlich sich die Bäuerin hin und horchte. »Harm,« sagte sie abends und lachte, daß das Bett knackte, »ein Schade, daß du das nicht auch gehört hast! Erst war alles still. Dann fing Mieken an: »Vertragen? mit so 'm ollen Pottekel? Denke nicht dran! So 'n faulmäulscher Hund! Was ich da wohl nach frage, wie der sich zu mir stellen tut! Nicht so viel, wie der Hahn auf 'm Schwanz tragen kann! Lieber such' 'ch mir 'n anderen Dienst! Das fehlte noch grade! Wer war denn eher da? Soll hingehen, wo er hergekommen ist.« Und dann auf einmal: »Davor hab 'ch 'm immer die Fußlappen genäht und Strümpfe hab 'ch 'm auch gestrickt und die Büchsen geflickt und das ist der Dank!« Und dann heulte sie lauthals los. Na und denn hörte ich Kasper brummen als so 'n Tachs, und denn war alles stille. Na, als ich sie denn rausließ, da hatte Mieken die Augen unter sich und Kasper griente als wie ein Honigkuchenpferd und sagt: »Du sollst auch vielmal bedankt sein, Bäuerin, und in vier Wochen, da wollen wir freien.«

Das taten sie denn auch und über acht Monate war ein kleiner Kasper und ein lütjes Mieken da, und Schewenkasper konnte auf einmal das Maul aufmachen und das Lachen lernte er auch noch. »Ich weiß gar nicht, euer Ehren, was das jetzt ist,« sagte der Wulfsbauer; »es ist ja wie die reine Verabredung: wohin man hört, überall regnet es Zwillinge, wenn es nicht gar Drillinge sind. Wenn das so beibleibt, dennso können sich unsere Kinder eine Kirche bauen, die fünfmal so groß ist, und mehr Land müssen sie auch unter den Pflug nehmen als wie heute. Mein Wieschen bringt mir zu dem einen Paar noch eins, eure liebe Frau will darin auch nicht zurückstehen, bei Bolles sind in zwei Jahren vier Kinder angekommen, Schewenkasper läßt sich auch nicht lumpen; das war doch früher nicht so! Na, wenn ich mal den bunten Stock und das große Horn abgebe, dann kriegt der, der nach mir kommt, die doppelte Arbeit.«

So war es aber nicht nur auf dem Peerhobsberge; es war, als wenn das Volk durch doppelte und dreifache Geburten die Löcher wieder anfüllen wollte, die Krieg, Pest und Hunger gerissen hatten und immer mehr rissen. Ganze Dörfer waren wüst, andere hatten kaum noch ein Viertel der Einwohner; was nicht tot war, trieb sich im Lande herum oder lag halb verhungert unter den Mauern von Celle, wo die Kanonen wenigstens etwas Schutz vor den Mordbanden boten, die heute der Kaiser, morgen der Schwede auf das Land hetzte, und mit denen es gar kein Ende nehmen wollte. Zehn Jahre und mehr spielten sie schon Schindluder damit, und wenn die Kinder, die in dieser Zeit aufgewachsen waren, zu hören bekamen, daß es einmal eine Zeit gab, in der man sich jeden Tag sattessen konnte, dann lachten sie und sagten: »Kann der aber lügen!« So schrecklich wurde es, daß man Pestleichen fraß und daß Eltern ihre Kinder tot machten, weil sie ihnen keinen Bissen Brot mehr geben konnten.

Der Wulfsbauer erzählte dem Prediger gräsige Sachen von dem, was er unterwegs belebt hatte, als er in Celle zu tun gehabt hatte. Die Ständeversammlung hatte dem Herzog August die Mittel bewilligt, daß sein Bruder Georg Eisenhand Krieg gegen alles führen sollte, was dem Lande das Blut absaugte. Schatzung auf Schatzung wurde ausgeschrieben und Knecht und Magd mußten ihren letzten Groschen hergeben. Da war der Wulfsbauer nach der Hauptstadt geritten. Die Gräfin Merreshoffen, die schon graue Haare bekommen hatte, denn ihre drei Brüder hatte der Krieg gefressen und ihre Schwester war unter den Toren von Lüneburg mit ihrer Dienerschaft auf gräßliche Weise umgebracht, gab ihm einen Brief, und so wurde er bei dem Minister vorgelassen.

Der behielt den Bauern eine Stunde bei sich und fuhr mit ihm nachher zum Herzog, und da erzählte Wulf, wie er und die anderen sich geholfen hatten, denn der Minister wußte die Hälfte doch schon. Der Herzog, der etwas ängstlicher Art war, wurde ganz weiß im Gesicht, als der Bauer sagte: »Allergnädigster Herr, gezählt haben wir sie nicht, aber es kann wohl bis auf einige Tausend hinlangen, denen wir das Genick länger gemacht haben.« Der Minister aber sagte: »Wenn sie alle so wären, wenn sie alle so wären! Dann stände es besser um unser armes Land.« Er sprach eine Weile vertraulich mit dem Herzog und dann sagte er zu Wulf: »Der allergnädigste Herr erläßt Peerhobstel jede Schatzung, solange der Krieg anhält, dafür, daß ihr euch als wackere Männer und treue Untertanen bewiesen habt.«

Zwei Tage später war der Bauer mit zwölf von den dreiunddreißig Unterobmännern wieder in Celle und legte dem Minister einen Beutel mit tausend Talern in Gold als freiwilliges Geschenk auf den Tisch. »Das ist mir beim Wehren so in den Fingern hängen geblieben,« sagte er, »und ich denke, unser Herr Herzog hat wohl Verwendung dafür.« Der Minister schlug ihm auf die Schulter und schüttelte ihm die Hand. »Er ist ein ganzer Kerl, Burvogt, wollte Gott, daß wir mehr von seiner Art hätten! Wie lange bleibt er noch in Celle und wo ist er eingekehrt?« Als der Bauer ihm das gesagt hatte, sagte er: »In zwei Stunden schicke ich ihm etwas.«

Es war noch nicht anderthalb Stunden hin, da fuhr ein herzoglicher Wagen vor der goldenen Sonne vor und ein Kammerherr mit einem Diener stieg aus. Sie gingen in das herrschaftliche Zimmer und gleich darauf kam der Wirt und winkte dem Bauern: »Du sollst mal rüberkommen!«

Der Kammerherr rollte ein Papier auf und las vor, was darin stand, und dem Bauern wurde es dunkel vor den Augen, denn das war mehr, als er erwartet hatte: Schatzfreiheit für Peerhobstel so lange der Krieg anhielt, amtliche Anerkennung der Kirchengemeinde Peerhobstel unter Belassung des Pfarrers Puttfarken, Befreiung des neuen Hofes von allen Lasten für ewige Zeiten mit Ausnahme der Stellung eines Reiters zu Pferde für jeden Kriegsfall.

»Das ist zuviel, Euer Gnaden,« sagte der Bauer, »das ist zuviel.« Der Kammerherr aber lächelte und nahm dem Diener den Kasten ab, den der in der Hand trug, machte ihn auf und sagte, indem er auf ein kleines Bild im goldenen Rahmen wies, auf dem der Herzog war, wie er leibte und lebte: »Das schickt ihm unser allergnädigster Herr und einen schönen Dank dazu und er läßt sagen: wenn er wieder einmal eine Bitte hat, soll er man dreiste kommen.«

Am meisten freute sich der Prediger, als der Burvogt noch an demselben Abend den bunten Stock rundgehen ließ und Bauernmal ansagte; er konnte nicht anders, er mußte erst nach Hause laufen und seiner Frau zurufen: »Der Herzog hat die Gemeinde anerkannt, Margarete! Und mich auch! Und so bleiben wir hier, bis der Herr uns zu sich ruft!« Dabei liefen ihm die Tränen über das Gesicht und er mußte sich hinsetzen, so schwach wurde es ihm in den Beinen.

Er hatte aber die Freude auch bitter nötig, denn immer mehr drückte es ihn, wie der Krieg auch über Peerhobstel seine Schatten schmiß und die Leute hart und kalt machte. Nun aber hatte er einen Text für den nächsten Sonntag. Er machte der Gemeinde offenbar, wie gut sie es hätte gegen das, was andere Leute auszustehen hätten, und also sollten sie nicht klagen und verzagen, sondern in der Furcht des Herrn leben und die Köpfe hochhalten.

Die Leute schudderten zusammen, als sie vernahmen, wie es anderswo zuging, und dankten Gott, daß es bei ihnen nicht so war, wie in der Gegend, von der das fliegende Blatt meldete, das der Burvogt aus Celle mitgebracht hatte und das der Prediger ihnen vorlas, denn am Schlusse hieß es darin:

Aus Hunger nach dem Brot in Wäldern viel erfroren, von Haus und Hof verjagt: zwei Kinder man fund mit Schmerzen, die von ihrer Mutter Herzen aus Hungersnot genagt.

Die Kaiserlichen

Es wurde ein harter Winter und der Schnee blieb liegen. Die Peerhobstler hatten Angst, daß ihre Fußspuren Feinde in das Dorf ziehen würden, und so mußten sie sich nach jedem Neuschnee daran geben und an dem Dorfe vorbei falsche Fährten durch die Haide machen.

So hatten sie wenigstens etwas zu tun und verfielen nicht vor Langerweile in Trübsinn. Damit die Arbeit nicht abriß, so ging der Wulfsbauer dabei, wenn die Kälte einmal nachließ und der Boden weich wurde, ein festes Blockhaus in der Wallburg zu bauen, denn er sagte sich, daß doch noch einmal ein Haufen Mordgesindel nach dem Peerhobsberge hinfinden könnte, und dann war es schlimm.

Thedel machte ihm das sofort nach, und dann Bolle und Henke und Duwe und Rennecke, und schließlich wollte jeder in der Burg ein Haus mit Stall haben. Sie bauten die Häuser dicht an den Wall heran und deckten sie mit Plaggen, damit sie nicht so leicht Feuer fangen konnten. Damit die Burg noch sicherer war, leiteten sie eine Quelle in den Burggraben, nachdem sie ihn vorher noch tiefer und steiler gemacht hatten.

Zuletzt wurde der Zuweg abgegraben und eine Fallbrücke kam statt seiner dahin. Auch ein Brunnen wurde gegraben, und schließlich wurde alles Pulver und Blei, das zu entbehren war, in die Blockhütten geschafft und alle überflüssigen Schießgewehre und sonstigen Waffen, auch Pfannen und Töpfe dort untergebracht, Brennholz, Kleidungsstücke und Mundvorrat aller Art und Viehfutter, sowie alle Immenkörbe aus dem Dorfe. Als alles fertig war, hielt der Burvogt auf dem Bauernmale eine Rede und sagte: »Jetzt können sie kommen, wenn sie lustig sind; wir wollen sie schon gut bedienen!«

Da hielten die Bauern die Köpfe wieder höher. Was konnte ihnen auch viel geschehen? Setzte ihnen der Feind den roten Hahn auf das Dach, laß fahren dahin! Holz wuchs genug in der Wohld, alle Wertsachen und das Bargeld lagen im Wall, und ehe der Feind beim Dorfe war, hatten die Wachen ihn schon spitz und meldeten ihn an. Denn nach der Ernte war der Wachdienst noch besser eingerichtet, als während des Sommers. Die Auskieke in den Wahrbäumen waren so fest und dicht gemacht, daß es für die Wachen darin wohl auszuhalten war, zumal es an warmen Kleidern und Pelzen nicht mangelte, hatten die Wehrwölfe doch genug davon erbeutet. Zudem streiften den ganzen Tag über berittene Wachen durch die Haide.

Damit den Leuten die Abende nicht zu lang wurden, sorgte der Prediger für allerhand Zeitvertreib. Im Pfarrhause veranstaltete er Zusammenkünfte, bei denen die heilige Schrift ausgelegt wurde, und an etlichen Tagen las er aus anderen Büchern vor, damit die Leute einmal wieder von Herzen lachen konnten. Er erzählte ihnen, wie es in der Marsch an der Unterweser aussah, wo er zu Hause war, und was er auf der hohen Schule belebt hatte, und da taute einem nach dem anderen die Zunge im Munde los und jeder erzählte irgend etwas. Sogar Schewenkasper tat das und er war sehr stolz, daß alle so mächtig lachten; sie taten das aber, weil kein Mensch an dem, was er sagte, herausfinden konnte: was ist nun Kopf und was Steert?

Alle zwei Wochen gab es auf dem neuen Hofe Tanz für das junge Volk, denn Wittenfritze spielte die Fiedel und Duwenhinrich verstand sich großartig auf die Pickelflöte. Es ging lustig auf diesen Tanzabenden zu, lustig, aber doch sinnig, denn außer einem Trunk Bier gab es nichts weiter, und wenn auch nicht so viel gejucht wurde und die roten Röcke auch nicht ganz so hoch flogen als sonst, dafür gab es auch keinen Zank und Streit und am anderen Tage keine dicken Köpfe. Es tanzten aber auch die befreiten Leute mit. Ein großes Hallo gab es, als sogar der Prediger zeigte, daß er und seine Frau so gut tanzen konnten wie einer, und als die Mädchen freie Hand hatten, wollte eine jede mit ihm tanzen. »Ja, unser Prediger, das ist einer!« sagte Thedel, als er mit seiner Hille nach Hause schob.

So ging der Winter schneller hin, als man dachte, und besondere Ungelegenheiten brachte er auch nicht. Einmal war allerdings eine große Bande von Schweden dem Dorfe ziemlich nahe gekommen, als der Wulfsbauer und seine beiden Knechte, die auf Streifwache geritten waren, sie spitz kriegten. Da zeigte Schewenkasper, daß er doch nicht so dumm war, wie er sich anstellte, und lieferte ein Stück, daß er auf einmal ein berühmter Mann wurde, sogar bei seiner Frau, die ihn jeden Tag mit seiner Maulfaulheit und Drögigkeit aufzog. Als er acht Tage später im Kruge zu Engensen saß, war er sehr stolz, als Viekenludolf ihm sagte: »Wenn du nicht ein verheirateter Mann wärest, müßtest du eigentlich Oberobmann werden. Aber nun verzähl uns das mal, wie es war!«

»Tja,« sagte Schewenkasper, »tja, das war an dem Morgen nach der Nacht, tja, an demselbigten Morgen, als Duwes Wittkopp das Kalb mit den zwei Köppen kriegte. Tja, da dachte ich gleich: wenn das man nichts zu bedeuten hat, dachte ich. Tja, so war es denn auch. So bei Uhre achte, es kann aber auch schon neune gewesen sein, sagte der Bauer zu mir und Gird: wollen 'n büschen in die Haide, v'lleicht, daß wir was Neues gewahr werden. Na, wir also los! Tja, und als wir meist am Bullenbruch sind, das heißt, wir waren noch auf dem Höltkebrunnen, was meint ihr wohl, kommen da Reiter an und gleich an die vierzig Stück. Gird, sagte der Bauer da, mach, daß du nach dem Peerhobsberge kommst und laß tuten und blasen! Wir wollen sehen, daß wir Hilfe kriegen. Tja, und da kam mir ein Gedanke, wahrhaftig, und ich sagte: Wulfsbur, sagte ich, wenn wir nun in den Busch reiten, wo wir ober dem Wind sind, und ich mache wie eine Kuh oder zwei oder drei und wie ein Kalb und das Schweinegeschrei habe ich auch los, tja, das habe ich, vielleicht, daß wir sie damit vom Wege wegzocken. Und der Bauer war das zufrieden. Kasper, sagte er, das ist ein Gedanke! Na, wir also in den Busch, bis wir ober dem Wind sind, und da ich losgelegt. Erst so ganz sachteken: miuh, miuh, wie so 'ne Stärke. Und hinterher: muuh, und immer gefährlicher gebölkt, und dazwischen nöff, nöff, nöff und wit, wit, wit, als wie ein Schwein, und ab und zu ließ ich eine Stute loslegen oder ein Füllen, tja, und was meint ihr, richtig fallen sie darauf rein, die Döllmer, und wir zocken sie aus dem Bullenbruche nach dem Osterhohl und von da nach der Nienwohle, und von da nach dem Düsterbrook, und von da nach dem Neegenbarkenbusch, und dann hast 'e nicht gesehen, klabuster, klabuster nach Rammlingen geritten und Hilfe geholt, tja. Na, und das andere, das wißt ihr ja besser als wie ich.«

Das war nämlich auch ganz lustig. In Rammlingen waren gerade an die achtzig von den Dreihundertdreiunddreißig zusammen, und als die beiden Peerhobstler angeritten kamen und Meldung machten, schrie Schütte: »Das kommt uns gut zu passe! Und nun will ich euch was sagen: wir wollen das einmal anders machen als bislang. Das alte Ablauern hinter den Büschen ist auf die Dauer langweilig, meine ich. Wir holen uns noch Stücker zwanzig Mann und mehr dazu und dann reiten wir sie glatt über. Es muß doch mit dem Deubel zugehen, wenn wir sie nicht unter die Füße kriegen!«

Der Oberobmann hatte eine andere Meinung, aber die übrigen waren alle dafür und so ging es denn los. Sie kriegten noch unterwegs an die dreißig von ihren Leuten zusammen, so daß sie ihrer hundertundzehne waren, machten sich alle die Gesichter schwarz und ritten los. Gödeckengustel und zwei andere ritten voran. Die Schweden zogen durch das Jammertal, wo nichts war als Sand und krause Fuhren. Als sie mitten in den Haidbergen waren, fielen die Bauern von zwei Seiten über sie her. Die Jungens bliesen auf den Hörnern und klappten mit den langen Peitschen. Die Schweden hatten lauter zusammengestohlene Pferde, und die wurden verrückt, als sie das Anjuchen und das Klappen hörten, liefen einander über den Haufen und brachen nach allen Ecken aus. Und da taten die Pistolen, die Bleiknüppel und die Barten ihre Schuldigkeit, bis der letzte Reiter aus dem Sattel war. Aber von den Wehrwölfen hatten sieben Mann auch tüchtig etwas abgekriegt und am meisten Schütte; er hatte einen Schuß mitten durch die Brust und starb nach einer Viertelstunde. Sein letztes Wort aber war: »Kinder, war das ein Spaß!«

Mitten im Jammertale lag eine Kuhle, da kamen die Schweden alle hinein, und seitdem hieß die Stelle das Schwedenloch. Nicht weit davon lag ein Flatt, das nannten sie das große Hundebeißen. Im Hornung hatte da nämlich wieder ein Trupp Schweden gelegen, fünfzehn Köpfe stark, und die Bauern wollten gerade hin und sie aus dem Wege besorgen, da kamen Thedel und Gird angeritten und meldeten, daß von der anderen Seite ein Dutzend Kaiserliche ankamen. Da sagte der Oberobmann: »So, da soll ein Hund den anderen beißen!« Er ritt nach der Burg, zog sich wie ein Kaiserlicher an, und dann ritt er so dicht an den Schweden vorbei, daß die seine Farben erkennen konnten. Sofort waren sie hinter ihm her, aber sie verstanden sich auf das Reiten in der hohen Haide schlecht, und so zockte sie der Wulfsbauer den Kaiserlichen in den Hals und machte sich dann dünne. Die Bauern warteten, bis alles koppsüber, koppsunter ging, und dann fegten sie das Kaff von der Deele.