Der Wehrwolf: Eine Bauernchronik

Chapter 12

Chapter 124,109 wordsPublic domain

Das Wort sie sollen lassen stahn und kein Dank dazu haben; er ist bei uns wohl auf dem Plan mit seinem Geist und Gaben; nehmen sie uns den Leib, Ehre, Kind und Weib, laß fahren dahin, sie habens 's kein Gewinn: das Reich muß uns doch bleiben!

Die Hochzeiter

Der Prediger sollte recht behalten. Anderthalb Jahre später, zu der Zeit, als in Peerhobstel der Hafer geschnitten wurde, kam das Tillysche Heer unter die Sense des Schwedenkönigs.

Es dauerte nicht lange und die Botschaft davon kam bis in das Bruch. Der Wulfsbauer hatte sie in Burgdorf vernommen, wo er zu tun hatte. »Junge,« sagte Thedel zu Bollenatze, »heute sind wir aber geritten, als ob der böse Feind hinter uns war, so ging das!«

Drei Tage darauf war Erntedankfest auf dem neuen Hofe. Noch keinmal war die Kanzel so schön mit Haidkränzen und Blumen ausgeschmückt gewesen, und noch niemals hatten die Leute so helle Augen gehabt, seitdem sie im Bruche leben mußten, und es war ihnen, als ob der Himmel noch nicht einmal so blank gewesen war.

Aber eine solche Predigt, wie sie an dem Tage zu hören bekamen, hatten sie noch nie belebt. Die Bauern rissen die Augen auf: das war doch etwas anderes, als ihnen der alte Pastor in Wettmar bieten konnte, das war wie die Posaune des Jüngsten Gerichtes, und dann auch wieder, als wenn ein Engel Gottes zu ihnen redete, und wenn ihnen eins an der Predigt nicht gefiel, so war es, daß sie sie unter freiem Himmel anhören mußten.

»Tja,« sagte der alte Horstmann, »eine Kirche, die müssen wir haben, das steht bei mir fest. Und wenn auch kein Turm daran ist, und sie auch man aus Balken und Ortstein ist, es ist doch etwas anderes, als wenn die Hähne mitsingen und die Hunde mitten in die Predigt blaffen. Das ist meine Meinung und dabei bleibe ich!«

Die anderen dachten nicht anders, und so trugen sie dem Prediger das vor. »Meine lieben Kinder,« sagte er, und kein einer griente, als der junge Mann so zu ihnen sprach, »das war schon immer mein herzlichster Wunsch, doch wollte ich euch die Last nicht zumuten. Aber da ihr selber damit ankommt, so sage ich nur: Der Herr lohne euch und euren Kindern und Kindeskindern die Freude, die ihr mir damit gemacht habt!«

Es ging nicht so ganz schnell mit dem Bau, denn die Feldarbeit durfte darüber nicht liegen bleiben, und zudem mußten die jungen Leute mehr als einmal aufsitzen und über die Haide reiten, wenn das Horn rief oder der bunte Stock umging. Es wurde auch keine stolze Kirche, sondern mehr eine Kapelle, aber fest genug waren die Ortsteinwände und dicht genug das Dach aus Eichenbalken, und in dem hölzernen Glockenturm, der dabeistand, hing zwar bloß eine ganz kleine Glocke; denn viel weiter, als daß man sie auf jedem Hofe hören konnte, sollte sie nicht zu vernehmen sein.

Denn es wurde schlimmer und schlimmer von Tag zu Tag. Seitdem der Herzog schwedisch geworden war, schickte der Kaiser ihm einen Bullenbeißer nach dem anderen in das Land, und es war kein Ende der Not. Bislang waren die schwersten Wetter immer an dem Dorfe vorbeigezogen, aber bald schlug es dicht dabei ein: die Pappenheimer stürmten Burgdorf; ein halbes Tausend Bürger kam dabei um, und die anderen waren zu Bettlern geworden, denn was nicht geraubt wurde an Geld und Gut, das fraß das Feuer. Kaum war das vorüber, so kamen die Waldsteinschen Bluthunde, und die Burgdorfer mußten Haus und Hof im Stiche lassen und zusehen, wie sie in dem wilden Walde ihr Leben fristeten.

Greulich ging es jetzt im Lande her, so schlimm, daß die Leute am Leben verzagten und alle Zucht und Sitte aufhörte. Die Wehrwölfe bedachten sich nicht mehr lange, wenn ganze Haufen von fremden, halbverhungerten Bauern angezogen kamen, sondern machten schnell die Finger krumm. Dreißig Marodebrüder fingen sie auf der Magethaide auf einmal und hingen sie an einem einzigen Galgen quer über den Dietweg, und der Anführer bekam ein Brett vor den Leib, und darauf stand geschrieben: »Wir sind die Wölve drei mal einhundert und Elwe, wahret Euch, wir bellen nicht, sondern beißen sogleich.« Davor verjagte sich eine Bande von hundert Mann, die unter dem grünen Johann des Weges kam, so sehr, daß sie unbesonnen umdrehte.

Ihr Anführer wurde so geschimpft, weil er vom Kopf bis zu den Füßen grün gekleidet war. An seinen Händen backte mehr Blut, als an denen aller Männer, die hinter ihm herzogen, und von denen ein jeder es doch reichlich wert war, von unten herauf lebendig gerädert zu werden.

Er pflegte zu fluchen: »So wahr mir der Teufel, mein lieber Freund, helfe!« Das tat er auch, als er mit seiner Bande an dem Tage vor einem Tannenbusche lag und eine gräßliche Schande machte: »Schöne Lumpenkerle seid ihr mir!« schimpfte er; »vor Männern wegzulaufen, die an ihren Hälsen hängen! Der Teufel, mein guter Freund, soll euch lotweise holen!«

Die Pfeife fiel ihm aus der Hand, denn eine Stimme, von der keiner wußte, ist sie hier oder ist sie da, war zu hören: »Er steht hinter dir und holt dich, ehe daß die Sonne untergeht!« rief sie und dann kam ein Lachen hinterher, daß die Weibsleute schrien, wie die Schweine, und Hals über Kopf sprangen die Männer auf und wankten durch die Haide.

Der Wulfsbauer und Thedel mußten sich das Lachen verbeißen. Das waren nun an die sechzig Kerle und an die vierzig Weiber, und ein einziger alter Mann jug sie hin, wo er sie hinhaben wollte. »Ja, ich kann es noch zur Genüge,« sagte Ulenvater, »und ich bin heilsfroh, daß ich die Kunst diesem verrückten Thesel von Rabitze seinerzeit abgelernt habe, womit er in Helmstedt in der Schenke den Leuten die Haare in die Höhe stellte.« Er hob den Finger hoch: »Sie blasen all! Na, denn bis nachher! Ich alter Kröppel kann euch dabei doch nicht weiter helfen.«

Der Oberobmann und Thedel drückten sich vorne in den Busch. An vier, fünf Stellen wurde geblasen, dann fiel ein Schuß. Die Weibsbilder schrien, und dann knallte es überall und Wulf und Thedel sprangen von einem Machangel zum anderen, schossen, luden wieder, sprangen weiter und warteten, bis einer von der Bande herankam, zielten dann lange, und wenn es knallte, schlug er ein Rad. Wie die Hasen im Kessel wurden sie zusammengeschossen, ganz gleich, ob sie Hosen oder Röcke anhatten.

»Damit sie nicht hecken, die Betzen,« sagte Grönhagen, als er eine große Frau mit schwarzen Haaren, die sich hinter dem grünen Johann bergen wollte, durch den Kopf schoß. Dann sprang er von hinten zu und riß den Mann an seinem Barte zu Boden, drehte ihm die Arme auf den Rücken, und Gödeckengustel band ihm die Daumen übereinander. Dann stellten sie ihn an eine Fuhre und er mußte zusehen, wie seine Mordgesellen unter die Erde kamen, und als das vorbei war, wurde er aufgehängt, ehe daß die Sonne unterging.

Wenn nun auch derartige Begebenheiten mehr als nötig dazwischen kamen, die Kapelle wurde fertig bis auf den Schlußstein über der großen Türe, und darin war ein Kreuz eingehauen, das aus zwei übereinanderliegenden Wolfsangeln gebildet war. Auch die Kirchhofsmauer wurde fertig; hoch und fest war sie, denn es lagen genug große Steine in der Haide herum, und hinter die Mauer wurde ein Zaun aus spitzen Pfählen gemacht und Weißdornbüsche dazwischen gepflanzt, und um die Mauer ein Graben gezogen, so tief, bis daß das Grundwasser herauskam, damit in der höchsten Not die Kapelle den Bauern als letzte Rettung dienen konnte.

Am achtzehnten Nebelung des Jahres 1632 wurde das erste Grab auf dem Kirchhofe gemacht, und als der Prediger die Leichenrede hielt, waren alle Augen naß, auch die der Männer, denn die Wulfsbäuerin war es, die sie begruben. Sie hatte wohl ab und zu einen ihrer Anfälle gehabt, sah aber immer so frisch und rot aus, als fehlte ihr nichts, und bloß der Prediger wußte, wie es um sie stand, denn dem hatte sie sich anvertraut.

Er sah blaß und elend aus, als er am Abend in seiner Dönze bei der kleinen eisernen Öllampe saß, denn sein Herz, das sich bis dahin noch keinem Weibe zugewandt hatte, hatte immer schnell geschlagen, wenn er die Frau nur von weitem sah. Aber mit keinem Blicke, geschweige denn mit einem Worte, hatte er sie merken lassen, wie es um ihn stand. Als Mieken kam und sagte: »Die Frau ist uns eben weggeblieben,« da war er wohl so weiß, wie eine Wand, als er in die Dönze kam, und seine Hände beberten, als er ihr die Augen zudrückte, aber keiner sah es ihm an, wie ihm zumute war.

Als er aber am Abend nach der Beerdigung das Kirchenbuch auf den Tisch legte und die Gänsefeder in das schwere silberne Tintenfaß steckte, das einer von der Bande des grünen Johann im Zwerchsack gehabt hatte, da fielen zwei Tränen auf das grobe Papier, auf das er mit seiner schönen großen Schrift die Worte hinsetzte: »Ao. Dnj 1632 den 18. Novembris wurde die Wulfsbäuerin und Ehefrau des Burvogtes Harm Wulf Johanna Maria Elissabeth bürtigke Neugebauerin/des ausgetriebenen bayerischen Praedicatoris Bartoldi Neugebaueri/Ehren/eheliche Tochter/allhier bestattet. Selbige war eine Leuchte voor allen Weibern. HERR! gieb ihr die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihr!« Als er einen Monat später darunter schrieb: »Sie starb desselbigen Tages, da der Schwedische König Gustavus Adolfus / GOTT habe ihn selig! / bei der Statt Lüttzen zu Tote gekommen ist,« da fielen noch einmal zwei Tränen auf das Blatt.

Über diesem Buche saß der Prediger manchen lieben Abend, denn er hatte aus den Bauern alles herausgefragt, was sich in Ödringen und hinterher in Peerhobstel an wichtigen Dingen begeben hatte, und das hatte er sich auf allerlei Zettel geschrieben. Von einem Wehrzuge hatte dann Renneckenklaus außer einem silbernen Kreuze und einem goldenen Altarkelche das Buch mitgebracht, das die Marodebrüder mit sich geschleppt hatten, weil es in teueres Leder gebunden war und drei silbervergoldete Schlösser hatte, und nun saß der Prediger, so oft er Zeit hatte, darüber und schrieb alles das hinein, was er erfahren hatte.

Auf der ersten Seite war ein schwarzes Kreuz gemalt, das aus einem roten Herzen kam; darunter war zu lesen: »Vnser Anfang Vnd Vnser Ende steht im Namen des HERRN, der Himmel Vnd Erde gemachet hat.« Auf der zweiten Seite aber stand: »=HISTORIA PEERHOBSTELIANA OEDRINGENSIS que= / das ist: Gründlicher Wahrhaftiger Vnd Bestendiger bericht Von dem anjetzt wüsten Dorfe Oedringen vnd der Nohtkirche vnd Gemeinde Peerhobstel/sowohl, was sich unter seinen Zeiten begeben als waß ehr Veber di früheren heraußbekomen/der posteritet Vnd nachkommen zu gut Vnd besten/durch J. J. Josefum Puttfarkenium, Praedicatorem Ao. Dnj 1632.«

Schon im nächsten Monat mußte der Prediger wieder einen Todesfall eintragen, und wenn ihm dabei auch keine Tränen aus den Augen liefen, so ruhig, wie sonst, schrieb er doch nicht, denn wieder war ihm jemand genommen, dem er mehr zugetan war, als irgendeinem anderen aus der Gemeinde. Der alte Ul war es; schon längere Zeit hatte er es auf der Brust gehabt, und als die Wulfsbäuerin ihm unter den Händen wegblieb und nicht wieder zu sich kam, da wurde er wie ein Schatten an der Wand, denn wer es nicht wußte, wie es war, der hätte die beiden für Vater und Tochter gehalten, wenn er sie zusammen sah. Bevor er ganz von sich kam, hatte er noch gesagt: »Ich komme zu meinen Töchtern Rose und Johanna.«

Ein Vierteljahr darauf, als die erste Dullerche über der Haide sang und die Räuke über der Wohld riefen, ritt der Prediger mit Schewenkasper, der ihm neben der Arbeit auf dem neuen Hofe um den Gotteslohn als Küster diente, und mit Mertensgerd, der auch einer von den Stillen um ihn war, die keine starken Getränke und kein unchristliches Wort in den Mund nahmen, nach Engensen. Die Wulfsbäuerin hatte ihm alles anvertraut, was zwischen ihr, Wieschen und Drewesvater abgemacht war, denn ihrem Mann wollte sie keine Unruhe machen. Der Prediger hatte ihr in die Hand versprechen müssen, daß er dafür sorgen wolle, daß das Mädchen als Bäuerin auf den neuen Hof käme.

»So also sieht der berühmte Oberobmann Meine Drewes aus!« dachte der Prediger, als er dem Burvogte die Hand gab. So alt und mit so weißen Haaren und so vielen Falten um den Mund und bei den Augen hatte er ihn sich nicht vorgestellt. Wenn der Mann auch noch wie eine Eiche dastand, der Wurm saß in ihm und unter der Borke war er morsch und olmig.

Er wußte wohl, was den Mann drückte, der eines Tages gesagt hatte: »Ehe daß ich mir und meinen Leuten auch nur einen Finger ritzen lasse, will ich lieber bis über die Enkel im Blute gehen.« Aber wem ging es nicht so von den Männern, die sich auf ihren Höfen gehalten hatten?

Als er dann mit dem Bauern über Wieschen und den Wulfsbauern gesprochen hatte und mit ihm allein war, denn das Mädchen war mit der Magd melken gegangen, und der alte Mann ihm offenbarte, was er auf dem Herzen hatte, tröstete er ihn, so gut er konnte. »Wer sich und die Seinen gegen Schandtat und Greuel wehrt und Witfrauen und Waisen beschützt, Drewsbur,« sagte er, »den wird unser Herrgott willkommen heißen, und wenn seine Hände auch über und über rot sind.« Da hatte der alte Mann tief aufgeseufzt und gesagt: »Dennso will ich mir darüber keine Gedanken mehr machen, euer Ehren.«

Hinterher sprach der Prediger dann mit Wieschen. Das Mädchen wurde immer stiller, je mehr er sprach, und schließlich sagte sie: »Ich habe gedacht, daß ich darüber weg bin, aber dem ist nicht so. Mein Wort halte ich, und ich würde es halten, wenn ich auch in der Zeit gelernt hätte, einen anderen gern zu haben. Das ist nun nicht so, jedennoch: der Wulfsbauer denkt in keiner Weise an mich, und es wäre mir schrecklich, zu denken, wenn er glaubte, ich hätte auf den Tod seiner Frau gelauert. Ich bin kein eines Mal in der Kirche gewesen, ohne Gott zu bitten, daß er ihr ein langes Leben geben soll, denn seit dem Tage, daß sie sich mit mir ausgesprochen hat, ist sie mir so lieb gewesen, als wie eine Schwester. Und wenn er eine andere findet, die ihm lieber ist, und die ist gut zu den Kindern, keine sollte das mehr freuen, als mich, denn um alles in der Welt möchte ich nicht, daß er denkt, ich wollte ihn zwingen, weil seine selige Frau einmal diesen Wunsch hatte.«

Der Prediger gab ihr die Hand: »Eine solche Antwort, die paßt sich für eine christliche Jungfrau. Verlasse sie sich ganz auf mich! Mein lieber Freund soll nichts von ihr denken, was ihr nicht angenehm ist. Und nun will ich gern, wie es ihr Vater wünscht, eine kurze Abendandacht halten, denn bei kleinem wird es Zeit, daß wir uns zum Aufbruch rüsten.«

Während der Andacht sah er neben der Haustochter ein Mädchen knieen, die ein Gesicht hatte, das ihn an seine selige Mutter erinnerte. Sie sah aus, als hätte sie viel Böses ausgestanden; aber als sie einmal nach ihm hinsah, merkte er, daß ihr Herz rein und gut geblieben war. Er sah hinterher, daß es die Magd war; er wußte nicht, warum er nach ihr hinsehen mußte, als sie die Stühle beiseite stellte, und er hätte gern gewußt, was es mit ihr für ein Bewenden habe, aber er fragte darum doch nicht danach.

Es schummerte schon, als er mit den anderen durch die Haide ritt. In den Gründen stieg der Nebel auf, die Frösche knurrten in den Pümpen, von der Wohld heulten die Wölfe den Mond an und im Moore waren die Kraniche am Prahlen. In der Richtung nach Mellendorf zu war der Himmel rot; da brannte ein Hof oder ein Dorf. »Errette sie, Herr,« betete der Prediger in sich hinein, »vor den bösen Menschen; behüte sie vor den frevelhaften Leuten!«

Sie waren meist am Brehloh, da polterten lauthals schreiend ein paar Krähen aus den Tannen. »Prrr!« rief Mertensgerd und riß sein Pferd zurück, und die anderen taten das auch und nahmen die Pistolen zur Hand. In demselben Augenblicke kam ein roter Schein aus dem Busche und eine Kugel flog über den Prediger hin, aber sogleich schoß der auch und hörte einen Mann aufschreien, und da sah er, daß ein anderer auf den Küster anlegte; er ritt ihn über den Haufen, und als er kehrt machte, hörte er einen Schuß und der Kerl, der sich gerade wieder aufrappeln wollte, fiel um; Mertensgerd hatte ihn geschossen.

Als sie in der blanken Haide waren, hielt der Prediger an: »Lasset uns dem Herrn danken für seine Güte,« sagte er, indem er die Kappe abnahm; »lasset uns beten: Herr, Herr, meine starke Hilfe, du beschirmst mein Haupt zur Zeit des Streites.« Als er sich wieder bedeckt hatte, sagte er: »Es steht geschrieben: Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll wieder vergossen werden. Auf uns trifft das nicht zu; wer seinem Bruder aus dem Hinterhalte nach dem Leben trachtet der ist, wie der Wolf; sein Blut beflecket den nicht der ihn erschlägt. Unsere Hände sind rein vor dem Herrn.«

Am anderen Tage suchten Thedel, Renneckenklaus und Mertensgerd das Brehloh ab. Die Wölfe hatten saubere Arbeit gemacht; eine Handvoll Taler hatten sie aber liegen lassen, und ein paar gute Pistolen. »Das muß ich sagen,« meinte Thedel zu dem Wulfsbauern, »das ist ein Prediger, wie er zu uns paßt. Ich dachte: der kann bloß mit der Schrift schießen; aber was denkt man nicht alles von einem Menschen, ehe man nicht drei Scheffel Salz mit ihm gegessen hat. Ich sage man bloß: unser Prediger! So einen soll man erst wieder suchen. Wer hätte das gedacht, als er den Tag hinter dem Machangelbusch saß und lauthals singen tat!«

Seit diesem Tage stand Puttfarken noch anders da als zuvor, und als er sich von selber anbot, auf Wache zu ziehen, und das so oft tat, wie die Reihe an ihm war, da brauchte er nicht erst darum zu bitten, und es wurde ihm der Kapelle gegenüber ein Haus gebaut, wie es sich schickte und was darein gehörte, kam alles von selber an. »Nun fehlt euch bloß noch eine glatte Frau,« meinte der Burvogt; »dann habt ihr alles in der Reihe.« Aber Puttfarken schlug die Augen unter sich und sagte: »Damit hat es noch Zeit, Wulfsbur.« Als er aber abends über seinem Buche saß, mußte er an die Magd vom Dreweshofe denken.

Am anderen Tage, als er den Bauern beim Grabenmachen antraf und mit ihm vesperte, fing er an: »Burvogt, gestern hat er mir gesagt, daß in meinem Hause eine Frau fehlt, und ich sagte, daß es damit noch Zeit habe. Aber jetzt will ich ihm etwas sagen: in seinem Hause, da fehlt eine Frau. Laß er mich erst zu Ende reden! Das sage ich nicht, weil ich denke, er kann jetzt schon seine selige Frau vergessen haben und seine Augen auf eine andere schmeißen, dazu kenne ich ihn viel zu gut; aber es ist einmal der Kinder wegen und dann auch, weil, was er nicht weiß, ein Mädchen da ist, das ihn vom ersten Tage gern hat, an dem es ihn gesehen hat, und das seinen Kindern die beste Zweitmutter sein wird, die man sich denken kann.«

Der Bauer schüttelte erst den Kopf, als der Prediger so sprach, aber als der ihm verklarte, daß die Bäuerin ihm aufgetragen hatte, dafür zu sorgen, daß Wieschen ihr Versprechen hielt, da meinte er bloß noch: »Die junge glatte Deern ist viel zu schade für mich. Seht her!« und dabei nahm er den Hut ab; »halbig grau bin ich schon, denn ich habe doch allerlei aufhucken müssen in diesen Jahren, und das beste, was ich zu bieten hatte, zur Hälfte liegt es in Ödringen unter der Asche und zur Hälfte bei der Kirche unter dem Rasen. Das Mädchen verdient einen Mann, der ihr mehr zu bieten hat, als wie ich.«

Für den Tag schwieg der Prediger von der Sache; aber nachdem er einmal wieder in Engensen gewesen war, kam er ab und zu darauf zurück und ließ nicht eher nach, als bis der Bauer sagte: »Wenn das Jahr sich gewendet hat, seitdem meine Johanna fort mußte, und Wieschen noch ebenso denkt, als wie sie zu euch gesagt hat, dennso soll es so werden, wie sie es mit meiner seligen Frau abgemacht hat. Der Kinder wegen wäre es mir schon am liebsten, sie kommt schon morgen, aber das wäre einmal gegen jede Art und außerdem: ehe das Jahr nicht hinter mir ist, fasse ich keine Frau an. Daß ich das beim ersten Male getan habe, hat mich oft genug gedauert, wenn es auch nicht anders ging.«

Eine Woche später war Wieschen da. Sie kam aber nicht allein, denn ihr Vater war bei ihr. Der Prediger hatte ihnen klar gemacht, daß die beiden Kinder je eher, je besser unter die Hand kämen, die sie fernerhin hüten sollte, und da hatte der alte Mann gesagt: »Und ich? an mich denkt wohl kein Mensch! Was bin ich denn, wenn Wieschen weg ist? Lieschen, die hat ihren Mann und ihre Kinder, die hat keine Zeit für mich. Wenn ihr mich mit in den Kauf nehmt, schlage ich ein; sonst kann aus dem Handel nichts werden.«

Er hatte aber seine Hintergedanken, als er das sagte; denn wenn er auch seine Tochter nicht missen mochte, in der Hauptsache war es, daß er bei dem Prediger sein wollte; denn wenn er dem in die Augen sah, dann vergaß er die dummen Gedanken, die er jetzt so oft hatte, und sah nicht die vielen weißen Gesichter mit den roten Löchern in der Stirn, bangte sich nicht vor den Männern, die mit einer Wiede um den Hals vor einer Birke hin und her gingen und an die er jedesmal denken mußte, wenn er einen Birkenbaum sah oder den Pendel in der Kastenuhr.

»Das ist mir gerade recht,« sagte der Prediger, der es wohl merkte, wo hinaus der alte Mann wollte; »und paßt es sich für ihn auf dem neuen Hofe nicht, so ist er mir herzlich willkommen, denn in meinem Hause bin ich doch so allein, wie der Dachs in seinem Loche, und jedweden geschlagenen Abend kann ich unmöglich bei dem Wulfsbauern sitzen!«

Aber damit war dieser nun nicht zufrieden; er räumte Drewes und Wieschen die große Schlafdönze ein. Sie lebten nun so hin wie Bruder und Schwester, der Bauer und das Mädchen, und erst im Julmond kam es in Engensen zur Löft und Ehestiftung; aber obzwar sie damit schon vor der ganzen Freundschaft nach dem alten Brauche als Eheleute galten, die Ehedönze beschritten sie erst, als der Prediger sie zusammengegeben hatte, denn das hatte er sich als Kuppelpelz ausbedungen.

»Wisse,« sagte er zu dem Bauern, »ich bin selber Bauernsohn und weiß wohl, daß die Löft als volle Ehe galt, ehe daß die kirchliche Trauung aufkam. Da wir diese aber nun einmal haben, so soll es so sein, daß erst mit ihr eine christliche Ehe beginnt, vorzüglich in seinem Falle, wo er schon einen Hoferben hat, und dann auch, weil der Burvogt auch in diesen Dingen dem Dorfe ein Beispiel sein soll, und schließlich, weil er kein Junggeselle ist, der die Zeit nicht abwarten kann.« Er war sehr zufrieden gewesen, als der Bauer sofort einschlug und sagte: »Das ist ganz meine Meinung.«

Es war bloß eine stille Hochzeit, denn dem Bräutigam war nicht nach Tanzen und Trinken zumute und der Braut erst recht nicht, und zudem war Landestrauer, da kurz zuvor Herzog Christian mit Tode abgegangen war, und am letzten Ende waren die Zeiten nicht danach. Aber es war eine schöne Traurede, die der Prediger hielt, und es war manch einer im Dorfe, der da sagte: »In einer Weise ist eine Brutlacht wie diese doch anständiger, als wenn in einem Ende hin gesoffen und gefressen wird.«

Die Braut war sehr still gewesen die ganzen Tage vorher, und unter der Trauung sah sie aus wie der Kalk an der Kirchenwand, denn sie hatte zuviel Bange, daß der Bauer sie bloß gezwungen nahm. Am anderen Tage aber sah sie schon wieder aus wie immer, denn als sie mit ihrem Manne allein war, hatte er sie an der Hand genommen und ihr gesagt: »Ich habe in der Zeit, die du hier warst, doch herausgefunden, daß ich innerlich noch nicht alt und kalt bin, und daß ich es dir nicht gezeigt habe, wie gern ich dich habe, das tat ich, weil ich bis auf den heutigen Tag gelobt habe, dich nicht anzufassen. Aber jetzt, Wieschen,« und dabei faßte er sie um und gab ihr einen Kuß, »bist du meine Frau, und so weit es an mir liegt, soll es dich nicht gereuen, daß du es geworden bist.« Da hatte die junge Frau erst so geweint, daß ihm ganz ängstlich zumute wurde; aber als er ihr die Hände vom Gesicht machte, sah er, daß das Sonnenregen war, und seine Frau lachte und warf ihm die Arme um den Hals.