Der Wehrwolf: Eine Bauernchronik
Chapter 11
Drewes war das zufrieden, vorausgesetzt, daß anderen Tags sein Wieschen kam, denn die könne er um sich nicht missen, sagte er. Sie kam auch. Der Wulfsbauer machte große Augen, als er sie sah, denn er hatte sie lange nicht gesehen, wenn er auch oft genug auf dem Dreweshofe gewesen war. »Ein Bild von einem Mädchen ist das ja geworden!« dachte er, als sie vor ihm stand und ein um das andere Mal weiß und rot aussehend wurde. »Was hat sie bloß?« dachte er, als er das sah, aber dann kümmerte er sich weiter nicht um sie.
Mit ihrem Vater stand es besser, als es zuerst aussah. Die Wulfsbäuerin hatte die Kugel gleich gefunden und herausgenommen, aber dem Engenser gesagt, unter zwei Wochen dürfte er nicht aus dem Bette. »Na, Langeweile sollst du nicht haben,« meinte sie, »erstens hast du ja Wieschen, und wenn ich Zeit habe, will ich dir immer etwas vorlesen.«
Das war Drewes sehr zufrieden, denn in der letzten Zeit war er immer frömmer geworden. »Wieschen, kannst da auch sitzen gehen!« rief er, wenn die Bäuerin mit der Bibel kam; »das tut dir auch keinen Schaden, wenn du zuhörst.« Aber meistens hatte Wieschen dies oder das zu tun, und wenn sie endlich kam, dann wurde sie umschichtig weiß und rot, wenn die Frau sie ansah, so daß die aus ihr nicht klug werden konnte, zumal das Mädchen beim Essen kein eines Mal aufsehen mochte und an jedem Bissen herumwürgte.
Den einen Vormittag stand die Bäuerin in der Dönze und sah Wieschen zu, die im Garten mit den Kindern spielte, denn das tat sie, sobald es eben anging. Da kam der Bauer und nickte dem Mädchen freundlich zu, und die Frau sah, daß ihr die Brust auf und ab ging und daß sie erst ganz weiß im Gesichte wurde und sich dann rot ansteckte. Der Bauer lachte, als er sie so dasitzen sah: »Mußt sehen, daß du auch bald zu welchen kommst,« rief er lustig; »mich wundert überhaupt, daß du noch immer unbeschrien bist. Die Engenser Jungens müssen wohl alle keine Augen haben!« Damit ging er um die Hausecke.
Da ging der Bäuerin mit einem Male ein Licht auf, denn das Mädchen sah hinter dem Bauern her, gleich als hätte er ihr ein großes Unrecht angetan, küßte den Jungen, den sie auf dem Schoße hatte und der seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war, wie unklug, und dann hielt sie die Hand vor die Augen und weinte, daß es sie schüttelte.
Die Frau faßte mit der Hand nach ihrem Mieder, trat vom Fenster zurück und setzte sich in den Ohrenstuhl; sie holte tief Luft und griff sich ein über das andere Mal nach der Brust. Aber dann stand sie auf, ging in den Garten, nahm dem Mädchen die Hand von den Augen weg und sagte: »Du bangst dich wohl nach eurem Hofe? In drei, vier Tagen, denke ich, kann dein Vater wieder hin.« Und dabei strich sie ihr über die Backe.
Nach dem Mittag war sie mit ihr allein im Hause, Drewes schlief, der Bauer war mit Ul und dem Knecht nach den Koppeln gegangen und Mieken war in den Busch nach Feuerholz geschickt.
»So,« sagte die Frau und zog das Mädchen neben sich auf die Bank, »nun wollen wir beiden großen Frauensleute es uns aber einmal gemütlich machen. Die Kinder schlafen wie die Ilke.«
Das Mädchen wurde weiß und rot und konnte der Frau nicht in die Augen sehen. Die nahm sie bei der Hand: »Das ist mir doch verwunderlich, daß ein Mädchen als wie du noch keinen an der Hand hat. Machst du dir aus den Mannsleuten nichts? Denn daß sie sich aus dir nichts machen sollten, das redet mir doch keiner ein!«
Dem Mädchen ging die Brust auf und ab; sie wußte nicht, wo sie mit den Augen bleiben sollte und würgte als ob ihr etwas im Halse steckte. »Wieschen,« sagte die Frau und legte ihr den Arm um die Schulter, »ich weiß mehr als du dir denkst. Bleib ruhig sitzen, wir müssen einmal ganz offen reden.«
Sie nahm die Hand des Mädchens und legte sie an ihr Mieder: »Fühlst du, wie mein Herz arbeitet?« Sie zog den Kopf des Mädchens an ihre Brust: »Jetzt kannst du es ganz genau hören.« Wieschen fuhr in die Höhe und sah die Frau ganz erschrocken an.
»Ja, Mädchen,« sagte sie dann, »jetzt arbeitet es wie wild, und zuzeiten ist es, als ob ich überhaupt keins habe. Bei meinem Zwillingsbruder war es just so; mitten im hellen Lachen fiel er um und blieb uns weg. Und so wird es mit mir auch gehen. Seitdem ich so Schreckliches mit ansehen mußte, ist es ganz schlimm damit geworden. Wenn ich mich bloß ein ganz bißchen verjage, oder wenn ich mich sehr freuen muß, dann bleibt mir das Herz stehen und hinterher ist es, als wenn es mir aus dem Halse heraus will.«
Sie seufzte tief auf: »So, jetzt ist es wieder besser damit. Aber das kann heute sein oder morgen, denn lange dauert es nicht mehr, und ich schlage um und dann,« sie nahm das Mädchen fest in den Arm, »dann haben meine Kinder keine Mutter, die für sie sorgt. Und nun,« sagte sie und trocknete sich die Augen aus, »weiß ich ein Mädchen, ein treues und gutes Mädchen, das meine Kinder von Herzen gern hat, und ihren Vater auch, und deswegen ist sie bis heute noch ledig geblieben, obzwar sie rundherum die schönste von allen ist.«
Wieschen schnappte erst nach Luft, und mit einem Male fiel sie der Bäuerin um den Hals und weinte. »Ja, aber dafür kann ich doch nichts, und es ist schlecht von mir, daß ich ihn dir nicht gegönnt habe, wo du doch dreimal besser für ihn bist, als wie ich!« Sie versuchte zu lächeln: »Aber so schlimm wird es doch mit dir nicht sein. Ich will meine Gedanken zu Bette bringen, denn, denn,« sie barg ihren Kopf von neuem an der Brust der Frau, »du bist so gut und aus mir macht er sich doch kein bißchen!«
Die Bäuerin lächelte: »Wieschen, glaubst du, eine Frau als wie ich, die so viel durchgemacht hat, macht in solchen Dingen Spaß? Ich habe mein Teil gehabt, Elend und Not genug und hinterher mehr Glück und Segen, als eine Frau in diesen Zeiten verlangen kann, und wenn ich weiß, daß du einmal für die Kinder sorgen wirst, dann wird mir meine letzte Stunde nicht so sauer werden. Versprichst du mir das?« Das Mädchen nickte, ohne ein Wort zu sagen, und die Tränen liefen ihr über die Backen.
Als der Bauer zurückkam, sah er seine Frau und dann das Mädchen an und sagte: »Ihr seht ja beide aus, als wenn ihr das Abendmahl genommen habt!« Die Bäuerin lächelte ihm zu, aber Wieschen ging schnell in das Flett.
Am Morgen des Tages, an dem Drewes wieder nach Engensen fahren sollte, setzte sich die Bäuerin zu ihm. »Drewes,« sagte sie und nahm ihn bei der Hand, und seine Augen, die lange nicht mehr so waren wie ehedem, bekamen ordentlich Feuer, als sie ihn ansah: »Drewes, jetzt will ich dir einmal etwas sagen, aber du darfst mir da nicht zwischenreden. Also höre zu! Du hast mir selber gesagt, du wirst aus Wieschen nicht klug, weil sie sich um die Mannsleute nicht kümmert. Seit letzten Friggetag weiß ich, warum das so ist; sie hat all lange einen, aber einen, der Frau und Kinder hat und der an ihr vorbeisieht.«
Sie drohte dem Bauer mit dem Finger, denn der machte seine bösesten Augen: »Erst abwarten und dann krumme Augen machen! Die Frau, von der ich rede, weiß das und sie ist von Herzen froh darüber, denn sie ist sich bewußt, daß sie heute oder morgen sterben kann, weil sie ein schwaches Herz hat; und nun kann sie sich für ihre Kinder keine bessere Zweitmutter wünschen und für ihren Mann,« hier liefen ihr die Augen an, »keine bessere Frau als dein Wieschen, denn die Frau, das bin ich, Drewsbur!«
Sie faßte sich nach der Brust, holte tief auf und sah ihn freundlich an: »So, nun weißt du es, und ich denke, der Wulfsbur wird dir als Eidam wohl paßlich sein. Und mit Wieschen habe ich auch schon geredet. Natürlich kommt sie sich nun etwas dumm vor, aber sie kann mir jetzt mitten in die Augen sehen, denn sie weiß, wie ich ihr zugetan bin.«
Drewes schüttelte den Kopf; er wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Dann nickte er: »Darin kannst du recht haben, Wulfsbäuerin, darin hast du sicher recht, daß das Mädchen ihre Gedanken da hat, wo du meinst; nun wird mir allerlei klar, wo mir bis zur Stunde Busch und Kraut vor war. Aber das andere, das schlage dir man aus dem Kopf! Du siehst aus als wie das ewige Leben, und wenn ich dreißig Jahre jünger wäre und du ein lediges Mädchen, dennso solltest du mal sehen, wer sich am meisten um dich kümmern täte!«
Er lachte lustig, wenigstens tat er so, aber sogleich schrie er: »Wieschen, Wieschen, Mieken Mieken!« denn die Bäuerin war vorn übergeschlagen und lag mit dem Gesichte auf seinem Schoße, und als Wieschen hereinkam, sah sie zum ersten Male in ihrem Leben, daß ihr Vater auch Angst haben konnte, richtige, wirkliche Angst, denn er hatte ein paar ganz unglückliche Augen im Kopfe.
Die Bäuerin kam bei kleinem wieder zu sich und sah beim Essen so frisch und gesund aus wie immer, aber bevor Drewes in den Wagen stieg, nahm er sie bei der Hand und sagte: »Ich komme bald wieder, halte dich gesund!« und dann drehte er sich um, denn daß ihm die Augen naß wurden, das brauchte kein einer zu sehen. Wieschen aber nahm die Bäuerin um den Hals und weinte hellwege loß, so daß Harm hinterher den Kopf schüttelte und sagte: »Ein putzwunderliches Mädchen, diese Wieschen; erst dachte ich, sie kann dich vor den Tod nicht ausstehen, und jetzt hat sie sich, als wenn sie dich vor Gernhaben auffressen will!« Dann stieg er auf den Rappen und ritt mit Thedel hinter dem Wagen her. Von Wieschen bekam er aber kein vernünftiges Wort heraus, und er wußte nicht, was er von ihr halten sollte.
Es war überhaupt ein putzwunderlicher Tag; denn als Wulf gegen Abend mit Thedel zurückritt, hörten sie etwas singen, und als sie sich in die Bügel stellten, sahen sie einen Mann hinter einem Machangel sitzen, der ein Knie zwischen den Händen hielt und lauthals sang: »Umgürte die, o Gott, mit Kräften in ihrem Amt, Beruf und Stand, die zu des Predigtamts Geschäften dein gnadenvoller Ruf gesandt.«
Die beiden Bauern sahen sich an und schüttelten die Köpfe; aber als der Vers zu Ende war, ritten sie dicht heran, denn daß sie diesem Manne gegenüber nicht scharf zu machen brauchten, das war so klar wie eine Brandhaide. »Guten Abend,« rief der Bauer; »na, was machst du denn hier?«
Der junge Mensch nickte, stand dann langsam auf und sagte: »Ich wünsche ihm dasselbe, und was ich hier mache? Ich warte, was der Herr mir schickt. Doch gestatte er mir: da ich ein Prediger bin, wenn auch ohne Amtes seit einiger Zeit, dürfte mir wohl die Anrede Ihr und Herr zukommen.«
Niehus griente und der Bauer lachte: »Nichts für ungut, Euer Ehren, aber daß ihr ein geistlicher Herr seid, konnte ich euch von der Nase nicht ablesen. Aber wo kommt ihr her und wohin des Weges? Nehmt meine Neubegier nicht krumm, doch es geht jetzt nicht gerade sauber auf der Welt her, und wer sich bei uns blicken läßt, der muß uns schon Rede und Antwort stehen.«
Der Fremde sah ihn mit klaren Augen an: »So wisse er denn, ich bin der Kaplan Jakobus Jeremias Josephus Puttfarkenius. Seitdem der Herr den Jebusitern Macht über die Gerechten gegeben hat und als Strafe für unsere Sünden ihnen die Zuchtruten des Restitutionsediktes verlieh, ward ich meiner Kapellanstelle ledig und bin wie ein Blatt, das der Wind vor sich herweht.«
Der Bauer lachte: »Viel anders seht ihr auch nicht aus. Aber da wir doch gerade vespern wollen, und mehr bei uns haben, als wir brauchen, und ihr nicht so aussehet, als hättet ihr heute schon satt gekriegt, so könnt ihr mittun, wenn ihr dazu Lusten habt.«
Der junge Geistliche sah gegen den Himmel: »Herr,« rief er, »deine Güte währet ewiglich!« Er gab dem Bauern die Hand. »Es war gestern morgen in dem Dorfe Fuhrbergen, als ich das letzte Stück Brotes aß. Seitdem ist die Rinde der Birkenbäume meine Nahrung gewesen, doch bin ich dieser Speise nicht gewöhnt und wollte fast verzagen, wenn ich mich nicht mit dem Spruche getröstet hätte: der, der die jungen Raben speist, wird auch meiner nicht vergessen.«
Er aß wie ein Drescher und hinterher sah er gleich ganz anders aus, und die Hose hing ihm nicht mehr so bummelig vor dem Leibe. Dankbar sah er den Bauern an und fragte dann: »In Fuhrberg habe ich die Bekanntschaft eines Bauern gemacht, der Ludolf Vieken heißt und zu Rammlingen gebürtig ist. Zu diesem Manne faßte ich ein Zutrauen, obzwar er mir nicht auf dem Wege des Herrn zu wandeln schien, dieweil er Flüche und unnütze Schwüre aus seinem Munde herausgehen ließ. Aber der Herr wird ihn schon erleuchten, denn er hat mich aus den Händen der Heiden errettet, so man Tatern nennt, und unaufgefordert sein Brot mit mir geteilt, und sein Bier, als er hörte, daß ich nüchtern war wie ein Kindlein, das zum ersten Male die Wand beschreit.«
Er sah den Bauern mit seinen großen hellen Augen an: »Kennt er hier in der Gegend einen Mann namens Harm Wulf? An den hat mich der Rammlinger gewiesen, denn er sagte mir, derselbe könnte in seinem Dorf, dessen Name mir entfiel, vielleicht einen Prediger gebrauchen. Und die Ehefrau dieses Mannes soll, wie mir gesagt wurde, eines ausgetriebenen Predigers Tochter sein?«
Der Bauer lächelte: »Hat Viekenludolf euch kein Zeichen mitgegeben?« Der andere nickte: »Das wohl, doch scheint es mir dürftig zu sein und fast hätte ich es von mir getan. Seht her!« Er zog einen Lappen aus der Tasche und wickelte eine Rabenfeder aus, die zweimal geknickt und deren Enden auf geheime Art ineinandergedreht waren.
»Dennso ist das recht,« sagte der Bauer; »ich bin der Burvogt Harm Wulf aus Peerhobstel, und es kann sein, daß ihr bei uns eine Stätte finden könnt, denn wir Männer können uns in diesen Zeiten kaum noch nach der Kirche trauen und die Frauensleute schon gar nicht. Ich sehe es euch an, daß ihr ein rechtlicher Mann seid. Es ist eine böse Zeit; landfremden Leuten trauen wir gemeiniglich nicht über den Weg, und deshalb müßt ihr mir in die Hand versprechen an Eides Statt: nichts zu verraten, was ihr hört und seht, ob ihr nun bei uns bleibet oder nicht.«
Puttfarken sah ihn ernst an: »Ich habe eine Probe davon belebt, welcher Art er zu sein scheint; die drei Tatern, die mich auf der Straße hinwarfen, um mich auszurauben, hängen an drei Birkenbäumen. Hätten die Toren gewußt, daß ich nur das mein eigen nenne, was ich auf dem Leibe trage, und das wohl kaum ein Jude anders als geschenkt nimmt, sie lebten vielleicht noch. Ich habe viel Greuel gesehen auf meinen Wegen, und ich glaube, wer dem Übel wehrt, der handelt nicht wider des Herrn Gebot. Und so will ich denn geloben, was er von mir fordert.«
Der Bauer wartete, bis es schummerte, und derweilen fragte er aus dem Prediger heraus, was er heraushaben wollte. Der Mann gefiel ihm und Thedel auch, und Grieptoo nicht minder, und somit durfte er vor Niehus aufsitzen und bis vor die Wohld reiten.
»Mädchen,« sagte Thedel nachher zu seiner Hille, die schon wieder so aussah, als ob es bald noch einen kleinen Niehus geben sollte, »da haben wir dir einen Kerl auf der Haide aufgegabelt, eine ganz putzige Kruke! Sitzt da im Sand und singt nach der Schwierigkeit ein geistliches Lied, hat nicht Messer noch Schießgewehr bei sich und macht ein Gesicht, als wenn es lauter Engel auf der Welt gibt, und dabei haben ihn gestern erst die Tatern unter sich gehabt. Es ist meist so, als ob er zu dumm ist, als daß er Bange hat; nicht einmal hat er sich verjagt, als wir von den Wachen angerufen wurden.«
Thedel hatte recht; Furcht hatte Ehren Puttfarken nicht, zum mindesten keine Menschenfurcht. Das mußte Viekenludolf spüren, als er nach vier Wochen auf den neuen Hof geritten kam und auf der Deele Mieken zu fassen kriegte: »Deubel auch, Deern!« rief er und drückte sie, daß ihr die Rippen knasterten; »du machst dich ja mächtig heraus.«
Aber was machte er für runde Augen, als der Prediger aus der Dönze trat und ihm sagte: »Der Herr segne seinen Eingang, Viekenbur! Aber sage er mal: ist es notwendig, den Teufel zum Zeugen anzurufen, weil Gott diese Jungfrau blühen und gedeihen läßt? Und schickt es sich in einem ehrbaren Bauernhause, und paßt es sich für einen rechtlichen Bauern, einer ordentlichen Witfrau Tochter zu behandeln wie ein liederliches Weibsstück?«
Viekenludolf machte so verbiesterte Augen wie ein Hund, den eine Adder anprustet; aber dann lachte er: »Ist das der Dank, daß ich euch vor den Tatern bewahrt habe?«
Der Prediger nickte: »Jawohl, das ist der Dank. Er hat mich vor Tatern und Heiden bewahrt und ich will seine Seele vor dem Höllenfeuer bewahren. Und nun trete er ein und nehme Platz, bis die Bäuerin kommt; die Magd soll sie rufen.«
Von dem Tage an hatte er zwei dicke Freunde; der eine war Schewenkasper, denn der sagte nachher zu Thedel: »Er hat es dem Viekenbur aber gehörig gegeben, sage ich dir. Ist das aber auch eine Art, sich aufzuführen, wie der es tut? Kein eines Mädchen kann sich ja vor ihm bergen!« Der andere aber war Viekenludolf selber, denn als er nachher wieder ein Donnerwetter aus dem Munde ließ, wusch ihm der Prediger den Kopf noch einmal, und das gefiel dem Dausenddeubel, denn es war ihm etwas Neues. »Du,« sagte er zu dem Wulfsbauern, »den behaltet man; der ist gut!«
So dachten die Peerhobstler auch, denn nachdem Puttfarken von der Bäuerin ordentlich herausgefüttert war, sah er wie ein rechtschaffener Prediger aus, und obzwar er noch reichlich jung war, so war er doch ein guter Prediger und trotz seiner Redensarten ein Mann, der in die Welt paßte.
Er scheute sich vor keiner Arbeit, soweit sie sich für ihn schickte, und mehr als einmal sagte der Wulfsbauer zu ihm: »Wie ein Knecht braucht ihr nun gerade nicht zu arbeiten.« Aber dann bekam er jedesmal zu hören: »Glaubt er, Wulfsbauer, daß mir das bei den Leuten nicht nützt, wenn ich grabe und rode wie sie selber? Und außerdem; es macht mir Freude; bin ich doch auch eines Bauern Sohn.«
Er saß so gut zu Pferde wie die Peerhobstler selber, und mit der Zeit lernte er auch mit dem Schießgewehr umzugehen wie ein gelernter Jäger, und manchen Braten brachte er aus dem Busche mit. Auch Aalkörbe konnte er machen, Netze stricken und Setzangeln stellen, denn sein väterlicher Hof, den die Mansfelder samt allem, was darauf war, niedergebrannt hatten, hatte da unten an der Weser gelegen.
Der Wulfsbauer fand, das er kein schlechtes Geschäft gemacht hatte, als er diesen Mann auf der Haide aufsammelte, allein schon, weil die Bäuerin immer einen von ihrer Art bei der Hand hatte, wenn Wulf über Land mußte, was immer öfter der Fall war; denn das mit dem Frieden, das war wie der Rauhfrost auf der Haide gewesen und lange vergessen, und es wurde schlimmer denn je. Die Schweden waren gekommen, und der Herzog, dem es längst nicht mehr gepaßt hatte, die Geschäfte der Papisten zu besorgen, war zu ihnen übergegangen, und nun sengten und brannten die Pappenheimer in seinem Lande.
Öfter als sonst kam der Bauer mit krauser Stirn nach Hause, und dann war es ihm ein Trost, wenn der Prediger ihm mit mutigen Worten und einem geistlichen Liede über die Sorgen weghalf, denn Puttfarken hatte Abendandachten auf dem Hofe zugange gebracht, zu denen ein jeder kommen durfte, der dazu Lusten hatte. Besonders den alten Leuten, die seit Jahren keine Kirche mehr gesehen hatten, war es ein großer Trost, konnten sie einmal wieder gemeinsam Gott mit Gebet und Gesang ehren.
Es war von jeher ordentlich und sinnig auf dem neuen Hofe zugegangen, aber seitdem der Prediger da war, waren die Abende noch gemütlicher als sonst, denn der junge Mann hatte allerlei Kenntnisse und konnte erzählen wie ein Buch von dem, wie es in der Welt zugegangen war von Adam an bis auf die letzten Zeiten; da nun der Bauer in den ganzen Jahren jedes Buch, das ihm bei den Wehrfahrten in die Hände gefallen war, mitgebracht hatte, weil er wußte, daß seine Frau daran ihre Freude hatte, so las der Prediger ihnen an den langen Winterabenden daraus das beste vor und wußte alles so zu erklären, daß selbst Schewenkasper in dem einen Winter mehr lernte, als in seinem ganzen Leben.
Seitdem die Bäuerin eigene Kinder hatte, konnte sie sich der anderen nicht mehr so viel annehmen wie anfangs, und so machte es sich ganz von selber, daß der Prediger Schule abhielt, zuerst für die Kinder und dann auch für die Knechte und Mägde, und dazu kamen auch die Bauern gern, denn alles, was ihre Gedanken von der schlimmen Zeit abhielt, wurde ihnen zum Trost und zur Erquickung.
Ging es doch immer schrecklicher in der Welt her. So ablegen das Dorf auch war, es sprach sich genug bis zu ihm hin und die Bauern bekamen es mit der kalten Angst, als Grönhagenkrischan ein fliegendes Blatt mitbrachte, auf dem gedruckt stand, was der Tilly und der Pappenheimer mit Magdeburg angestellt hatten.
Am nächsten Sonntage war Predigt auf dem neuen Hofe. Schewenkasper und Thedel hatten aus Klötzen und Stangen Sitzreihen vor dem Hause aufgeschlagen und vor der großen Tür eine Art Kanzel gebaut, die von der Bäuerin und Mieken mit Tannhecke und Maien zurechtgemacht war, und ein weißes Tuch mit einem roten Kreuze war darüber gesteckt.
Bei halbig zehne waren die Peerhobstler auf dem Hofe; alle waren da außer den Brustkindern und den Wachen. Es war ein Morgen, wie er nicht schöner sein konnte; die Sonne stand hell am Himmel, die Buchfinken schlugen, die Schwalben spielten in der Luft und auf allen Misten waren die Hähne am Krähen.
Alle waren sie in ihrem besten Zeuge da, die Männer und die Frauen, und alle hatten ihre Kinder herausgeputzt, so gut es ging. Sie stießen sich an und zeigten auf die Kanzel und flüsterten leise miteinander, und die Altmutter Horstmann bekam nasse Augen, als sie das rote Kreuz auf dem weißen Laken sah.
Der Wulfsbauer stimmte das Lied an: »Allein Gott in der Höh' sei Ehr' und Dank für seine Gnade,« und alle fielen mit ein. Währenddem stieg der Prediger auf die Kanzel und betete vor sich hin. Er hatte einen schwarzen Gehrock an, den die Bäuerin gemacht hatte, und er kam den Bauern anders vor als bislang, wo er in Blaulinnen und Beiderwand gegangen war.
Es war kirchenstill auf dem Hofe, als der Vers zu Ende gesungen war und die Leute aufgestanden waren, nur daß man die jungen Schwalben piepen hörte. »Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen,« begann der Prediger und fuhr fort: »Vernehmet in Andacht das Wort der Heiligen Schrift, das geschrieben steht Psalm einhundertsiebenunddreißig: An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten.« Er schlug sein Buch zu und fing an zu sprechen.
Die Leute horchten auf, denn eine solche Predigt hatten sie noch keinmal vernommen. Das war, als wenn sie selber zueinander redeten, so klar und doch so ganz anders. Er sprach, wie es vordem war um das Bruch, und wie es nun aussah. Er ließ Ödringen wieder aufleben und ließ es in Rauch und Asche aufgehen, erinnerte an Tod und Not und an alles andere, was die Jahre gebracht hatten an Leid und Elend. Alle Frauen weinten in ihren Schürzen und die Männer sahen vor sich hin.
Ruhig und eben hatte der Prediger gesprochen, aber dann ließ er Blitz und Donner aus seinem Munde kommen. Mit einer Stimme, die sich wie ein Ungewitter anhörte, las er das fliegende Blatt vor und hing Worte daran, die herunterkamen wie die Axt auf den Baum. »Des Herrn Hand wird sie treffen, die Bluthunde, die der Kindlein in der Wiege nicht schonten und kein Erbarmen hatten mit unschuldigem Blute,« rief er; »zermalmen wird er sie in seinem Grimme und hinstreuen, daß ihre Feinde sie mit Füßen treten, und wenn sie dann rufen: 'Herr, o Herr, ach, ach!' so wird er seine Ohren verschließen, denn nicht zu tilgen ist ihre Schandtat, und ihre Greuel bleiben ewiglich bestehen.«
Da hörten die Frauen zu weinen auf und die Männer sahen ihn mit blanken Augen an; alle Gesichter wurden klar, als er tröstliche Worte und Sprüche fand, die Herzen zu erquicken und die Seelen zu laben mit Hoffnung auf bessere Zeiten und Zuversicht auf die Güte des barmherzigen Gottes, und es war keiner da, der sich nicht gelobte, treu auszuharren in der Furcht des Herrn, möge kommen, was da wolle.
Wie ein Wetterrollen hörte es sich an, als die Gemeinde ihrem Prediger das Glaubensbekenntnis nachsprach, und bis zum Himmel schallte es, als sie sang: