Der Wehrwolf: Eine Bauernchronik
Chapter 10
Er hatte gehörig einen sitzen und prahlte wie ein Markwart und, als der Bauer an den Tresen ging, schrie er: »Kannst du nicht die Tageszeit bieten, wenn du hereinkommen tust, wie sich das gehören tut, du Flegel?« Der Bauer ging auf ihn zu: »Ich will dich beflegeln,« sagte er, und damit schlug er ihm mit dem Handrücken gegen das Gesicht, daß der Kerl mit einem Male die Stiefel da hatte, wo eben der Hut gewesen war. Sofort sprang er wieder auf: »Hund,« brüllte er, »Hund von einem Dreckbauern, du mußt sterben!« Er zog das Messer heraus, aber da warf ihm Gödeckengustel einen Stuhl gegen die Schienbeine, daß der Kerl den Estrich unter sich verlor, und Scheelenludchen und Meineckenfritze langten ihn sich, nahmen ihm die Pistolen ab, walkten ihn, bis er so weich wie Quark war, und schmissen ihn vor die Türe, daß es man so mülmte. Er hinkte nach dem Stalle und holte sein Pferd. Als er aufsteigen wollte, legte ihm Wulf die Hand auf den Arm: »Wahre dich, Stehldieb, wahre dich! Es wachsen Birkenbäume und Wieden die Masse in der Haide. Du bist mir das zweitemal in die Möte gekommen. Beim dritten Male ist Schluß und du kommst unter die Wolfsangel zu hängen.« Er hatte es ganz leise gesagt, aber Jasper Hahnebut verlor alle Farbe und zitterte so, daß er kaum auf das Pferd kommen konnte.
Scheele lachte: »Hätten ihm lieber gleich heute das Fliegen umsonst beibringen sollen!« Der Obmann schüttelte den Kopf: »Unter dem Stadtbann? das wollen wir lieber bleiben lassen!« Und als Menneke meinte: »Na, wenigstens war es ein kleiner Spaß!« da machte der Wulfsbauer eine krause Stirn und sagte: »Ich habe diese Späße dicke; es vergeht ja meist kein Tag, daß man seine Faust, oder was man gerade drin hat, nicht gebrauchen muß. Und gerade heute wäre ich meinen Weg liebendgern in Frieden gegangen.«
Es sollte aber noch besser kommen; als die Bauern eine Stunde geritten waren und an einem Fuhrenbusche vorbeikamen, knallte es; Gödeckes Rappe stieg in die Höhe und stürzte zusammen. »Deckung nehmen!« schrie der Wulfsbauer und hob Gödecke, der heil geblieben war, hinter sich; es knallte noch dreimal, aber die Kugeln fanden nicht zu den Reitern hin. »Umsonst nehmen wir nichts!« sagte Wulf; »reitet sofort los und holt soviel Leute, wie ihr kriegen könnt, und dann wollen wir die Füchse ausräuchern, die hinterhältschen Hunde, denn dies geht mir doch über den Spaß. Ich passe derweilen auf, wo sie bleiben.«
Er band sein Pferd an einer Fuhre an und schlich sich mit Gödecke von der Rückseite so nah an den Busch, als es eben ging. Beide standen bis an die Lenden in einem alten Torfstiche und sahen hinter den Birkenbüschen dahin, wo die Wegelagerer saßen. Es war ein Dutzend Tillyscher Soldaten, die sich unter dem Winde ein Feuer gemacht hatten, über dem sie einen Bratspieß hin und her drehten. Ab und zu stand einer auf, holte trockenes Holz und warf es in das Feuer.
Es mochte eine Stunde vergangen sein, da flüsterte der Wulfsbauer: »Paß auf, Gustel, gleich geht es los!« Damit hing er sich den Bleiknüppel über das Handgelenk und spannte die Pistolen. Gödecke nickte und machte gleichfalls scharf, denn mit eins sprangen die Soldaten auf, sahen sich wild um, und man konnte ordentlich sehen, daß ihnen nicht sauber zumute war, denn sie liefen hin und her, bückten sich und sahen sich um wie Schafe im neuen Stall. Da hörte Harm Wulf hinter sich ein Rotkehlchen ticken, und als sich umsah, stand Thedel da, griente über das ganze Gesicht und flüsterte: »Wir haben sie im Kessel, alle miteinander!« Dann drückte er sich linkerhand in einen Busch.
Kaum war er fort, da hörte man ein Schreien: »Heiliges Marrija!« und hinterher kam es: »Hundsblutt verdammtiges, nidderträchtiges!« Der Wulfsbauer lachte im Halse: »Ja, ja, Blut um Blut,« flüsterte er und sah mit blanken Augen dahin, wo die Soldaten hin und her liefen. Dann knallte es jenseits des Busches, und dann noch einmal und es roch nach Rauch, und dann wurde es heiß und mit einem Male brannte der Busch von unten bis oben und der Rauch schlug hin und her und da schrie es.
»Hörst du, wie sie piepen, Gustel?« flüsterte Wulf mit blänkrigen Augen. Dann nahm er die Pistole hoch, strich an dem Baume an und schoß; sowie der Schuß fiel, hörte Gustel einen Schrei und sah einen Mann, der lichterloh brennend aus dem Busche kam, in den Abstich fallen, daß es quatschte.
In demselben Augenblicke fiel hinter dem Busche wieder ein Schuß und gleich darauf noch einer, und dann rechts einer und links einer, und dann hörte man einen Schrei: »Erbarmung!« schrie es, aber bloß einmal. Vor Gödecke kroch etwas Brennendes aus dem Busch heraus, schleppte sich bis an den Graben und sprang hinein, blieb einen Augenblick in dem nassen Moose liegen, drehte sich dort wimmernd hin und her und versuchte dann herauszuklettern, aber der Bauer ließ es dazu nicht kommen; er schlug mit dem Bleistock danach hin und es wurde still vor ihm.
»Ich glaube, das war der letzte,« meinte Wulf und Gödecke nickte. Da rief es auch schon hinter ihnen. Hermenharm, Ottenchristoph und Plessenotte kamen von der einen Seite an und von der anderen Hohlstönnes, Hassenphilipp und Hornbostelwillem. Die sieben Fuhrberger Bauernsöhne waren naß wie die Katzen und hatten Gesichter und Hände wie die Kohlenbrenner, aber sie lachten unbändig.
»Die schießen nicht wieder auf ehrliche Leute,« sagte Gödeckengustel. Hermenharm schüttelte den Kopf: »Sicher nicht, und alte Weiber schlagen sie auch nicht mehr bis auf den Tod. Lüdeckenmutter haben sie ein Schaf weggenommen und sie geschlagen, als sie kein Geld hatte, daß sie nun daliegt und Blut spuckt. Lumpenzeug! Aber nun braucht der Wolf und der Fuchs kein Messer; sie werden alle so schon mürbe genug sein! Alle haben sie daran glauben müssen, alle mitsamt. Schade, daß es nicht mehr waren. Und nun wollen wir löschen!«
Die Arbeit war bald getan, denn über den Moorgraben konnte das Feuer nicht, rechts lag ein Sandfeld und links war eine Torfkuhle neben der anderen, und hinter dem Busche ein nasses Flatt. »Hätten sie sich vorher gut umgesehen,« meinte Ottenchristoph, »dennso wäre manch einer von ihnen uns wohl noch fortgekommen. Aber sie waren ja so unklug wie die Schafe, wenn es brennt, und wo der eine hinlief, mußte der andere auch hin.«
Sie lachten alle, nur der Ödringer Burvogt machte ein böses Gesicht. »Wenn es so beibleibt, kommen wir heute nicht mehr nach Hause, Thedel,« brummte er. »Daß man noch nicht einmal in Moor und Bruch seines Lebens sicher ist! Überall treibt sich das Beistervolk jetzt rum, wo man es nicht vermutet. Beim besten Willen kann man jetzt nicht über Land reiten, ohne sich die Hände rot zu machen.«
So war es in der Tat. Als sie das Feuer gedümpt hatten und die Fuhrberger nach Hause geritten waren und Wulf und Thedel, und die drei anderen auf der Höhe von Ödringen waren, heulte hinter ihnen der Wolf; Thedel gab Antwort, und da kamen zwei Bauern angeritten, daß das Feuer aus dem Kies schlug. Viekenludolf und Schütte waren es.
»Auf Tornhop war Danzefest,« schrie der Rammlinger, »und Schlachtefest dabei! Na, es ist noch halbwege gut gegangen; wir kriegten früh genug Wind in die Nase und haben den Leuten gezeigt, was Landesbrauch in der Haide ist.« Mit einem Male machte er ein anderes Gesicht: »Den schönen Hof hat das Gesindel natürlich angesteckt, und Steers Wieschen, die da als Magd diente, mußte ihnen gerade in die Möte gelaufen sein, denn die fanden wir tot im Busche liegen; die anderen haben sich aber alle bergen können!«
Harms Halbbruder knurrte durch die Zähne und wurde rot und blau unter den Augen. »Es wird wohl nicht anders kommen, als daß wir alle unsere Dörfer anstecken und uns im Bruche bergen müssen. Ich bin gestern zwei Pferde und das ganze Federvieh losgeworden. Was soll man machen, wenn dreißig, vierzig solche Kerle auf einmal ankommen? Vor dem, was einzeln in der Haide herumläuft, braucht man ja keine Bange zu haben. Drei von dem Ungeziefer haben wir vorgestern im Mastbruche angetroffen. Nun bitte ich einen Menschen, was tun die da mitten in der Wildnis?« Er lachte. »Na, wenn es euch hier so gut gefällt, sollt ihr da auch bleiben,« sagte unser Krischan und machte den Finger krumm, »und ich auch.«
Der Wulfsbauer hatte seine gute Laune schon lange verloren und machte ein Gesicht wie eine Kattule, und Thedel sah aus wie ein Zaunigel. »Immer und immer kommt einem was dazwischen,« spuckte er, und Harm wußte wohl, was er meinte, denn Thedel hatte noch Gras schneiden wollen, wenn er früh genug nach Hause kam, und jetzt war es meist Abend.
In der Schweineriede brüllte ein Moorochs, die Enten flogen um und von der Wohld hörte man den Uhu rufen. Der Fuchs braute in den Gründen und über dem Halloberge war der Himmel so rot wie ein Mädchenrock.
Sie ritten langsam, und als sie vor dem Auskiek waren, machte Thedel den Wolf. »Kannst man stille sein, Thedel,« rief es vor ihnen, und Bollenkrischan kam hinter einem Machangel vor. »Na, du wirst dich wundern, wenn du auf den Hof kommen wirst, Burvogt,« lachte er dann; »es ist Besuch bei dir angekommen.«
Der Bauer riß die Augen auf: »Besuch?« Der andere nickte: »Jawoll, Mensch, feiner Besuch, Besuch aus dem Seebenspring!«
»Krischan!« schrie der Bauer und bückte sich ganz tief, »Krischan, ist das wahr? Und was denn, ein Junge oder eine Deern?«
Bolle zog seinen Mund ganz breit: »Ein Junge und eine Deern, Wulfsbauer! Um Uhre viere der Junge und eine Stunde hinterher das Mädchen. Und was die Bäuerin ist, der geht es soweit gut, und den beiden Lütjen auch.«
Wulf machte ein Gesicht wie ein Pfingstmorgen. »Thedel,« rief er, »hast du gehört, Thedel? Zwei auf einmal! Junge, nun bin ich dir aber doch über! Fixer warst du ja; na, dafür hast du ja auch 'ne Frau, die Hille heißt.«
»Du bist ja auch ein großer Bauer,« sagte Thedel und lachte, »und ich habe man eine kleine Stelle und muß es auch darin langsam angehen lassen.«
Wenn Harm hätte sagen sollen, wie er auf den Hof gekommen war, er hätte das nicht gekonnt. »Deubel, Mädchen,« sagte Thedel, als er bei seiner Frau saß und zusah, wie die ihren Jungen stillte, »Deubel, ist der Bauer geritten! Ich mußte man in einem fort rufen: wahr dich! denn es war mir meist so, als kümmerte er sich den Kuckuck um die Wolfskuhlen.«
Als er das erzählte, saß der Bauer vor der Butze, hatte seinen einen Arm unter dem Nacken seiner Frau und ihre Hände in seiner linken Hand. »Meine Johanna!« sagte er, »meine gute Frau! Ist das ein Glück und ein Segen!« Er sah dahin, wo zwei, drei, vier Kinderhände auf der Bettdecke zugange waren, schüttelte den Kopf, lachte und gab seiner Frau einen Kuß auf den Mund, aber bloß so sachte hin, denn er sah, daß ihr die Augen wieder zufallen wollten, und als Duwenmutter ihm zuwinkte, ging er aus der Dönze und stellte sich vor die große Türe.
Ihm war ganz dumm im Kopf. Nun hatte er wieder zwei Kinder! Und eine Frau, so schön und so klug und so gut! Er sah über das Bruch nach den Haidbergen, über denen der Himmel immer noch hell war. In den Ellern schlug eine Nachtigall, die Frösche waren am Prahlen, der Ziegenmelker pfiff und klappte mit den Flügeln und die Luft brachte den Geruch von allerlei Blumen her.
Er ging in das Haus zurück und aß, aber hinterher ging er noch einmal um den Hof, denn er hatte Grieptoo und Holwiß knurren hören, aber das taten sie wohl bloß, weil hinten in der Haide ein Wolf heulte. Dem Bauern war sonderbar zumute geworden; als er sich umdrehte, sah er, daß der Himmel über dem Halloberge immer heller wurde, aber nicht so, als ob da ein Feuer war, sondern mehr, als wenn die Sonne schon wieder in die Höhe kommen wollte. Ganz rot wurde es da, und immer heller, und lange blaue Striche waren darin zu sehen.
Er schüttelte den Kopf. »Was das nun wieder für ein Unsinn ist?« dachte er; »ist das jetzt ein gutes Wahrzeichen oder ein schlimmer Vorspuk?« Dann war es ihm, als ob in dem roten Schein, und gewiß und wahrhaftig, er konnte es ganz deutlich sehen, daß eine große, schwarze Wolfsangel sich am Himmel bildete, die dort lange stehen blieb, bis sie auseinanderging, und der rote Schein allein noch über dem Berge war, schön anzusehen.
Er nahm das für kein schlechtes Zeichen. Eine Weile noch würde die Wolfsangel in Kraft bleiben müssen und die Wehrwölfe hatten das Bruch zu hüten, aber dann würde es sich aufklären, Friede würde es sein auf Erden und statt Heulens und Zähneklapperns würde Jubel und Frohlocken auf den Gefilden sein. So dachte er, als er im Einschlafen war.
Vorläufig aber wurde es damit noch nichts. Oft genug noch heulte der Wolf in der Haide, mehr als einmal jagten die Tagboten hin und her und die Dreiunddreißig hatten mehr Arbeit, als ihnen recht war, und die Hundertelfe kamen nicht viel zur Ruhe. Sie waren es alle reichlich leid, das Landhüten und das Schandwehren; manch einer von ihnen kam nicht mehr recht zum Lachen, außer Viekenludolf, aber bei dem kam es auch nicht so recht aus dem Herzen, denn den einen Abend hatte er noch ein hübsches Mädchen im Arm gehabt und am anderen mußte er dabeistehen und zusehen, wie sie begraben wurde, und es war ihm man ein schlechter Trost, daß anderthalb Dutzend Dänen, die den Hof überfallen hatten, steif und kalt unter der Erde lagen.
Es wurde schlimmer als je vordem. Als es sich herumsprach, daß der Tilly den Dänenkönig bei Lutter geschlagen hatte und hinter ihm her war, war die Angst vor ihm groß im Lande, aber die Dänen trieben es eher ärger als die Kaiserlichen; wo sie hinliefen, hinterließen sie Asche, Schutt und Not, und waren sie vorbei, dann kamen die Waldsteinschen und wüteten wie die Besessenen. Zwar hieß es mit einem Male, daß es Frieden geben sollte, denn Tilly war in Celle und verhandelte mit dem Herzoge, aber es kam nur noch schlimmer; so schlimm wurde es, daß Viekenludolf ein ganz anderes Lachen bekam.
»Drewes,« sagte er und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß der Hund an zu bellen fing; »bislang war das ja mehr ein Spaß, wenn es auch manch einem nicht so vorkam, dem wir das Luftholen abgewöhnten; jetzt aber hört sich die Gemütlichkeit auf! Wehrwölfe waren wir; jetzt müssen wir Beißwölfe werden. Der Wulfsbauer denkt genau so, Drewes! Wer heute nicht zubeißt, der wird gebissen. Man kommt ja nicht mehr zu seiner Ruhe, und es ist wahrhaftig bald eine Woche her, daß ich in einem ordentlichen Bette war. Und wie sieht es im Lande aus! Hunger und Pest und Pest und Hunger, wohin man sehen tut. Wer nicht umgebracht wird, der hängt sich auf oder springt in das Wasser. Ein Donnerwetter soll da reinschlagen!«
Er sorgte dafür, daß es oft genug einschlug, denn seitdem der Wulfsbauer befreit war, hatte er das Leit in die Hand nehmen müssen, und das hatte er gern getan, denn das Ackern hatte doch keinen Zweck mehr. Kaum war der Hafer unter Dach und Fach, so fraßen ihn fremde Pferde, und wer Brot backte, der tat es für andere Leute. So lag denn Viekenludolf mit seinen Leuten meist in Busch und Haide herum und die anderen Obmänner auch, und wenn sie zusammenkamen, dann hieß es: »Na, wer hat nun die meisten Läuse geknickt?« Und der bester Mann war, der mußte einen ausgeben.
Wie die Wölfe, so wurden sie alle miteinander, die Männer. Wehe dem, den sie fingen. Hatten sie Zeit genug, dann war ihnen das Blei zu schade und die Wiede zu milde, und gräßliche Dinge trugen sich in Wohld und Haide zu. Als Wulf an einem mächtig kalten Wintertage mit Schewenkasper, seinem neuen Knechte, durch die Haide ritt, sahen sie über einem Fuhrenhorst etliche Raben umschichtig auf und nieder gehen, und als sie hinkamen, fanden sie vier splitterfasernackte Männer, die zwischen die Bäume gebunden waren. Drei davon waren schon totgefroren, der eine jappte noch.
Schewenkasper war Knecht auf dem Tornhope gewesen, der von den dänischen Mordhunden niedergebrannt war, und Steers Wieschen, die da als Magd gedient hatte und ihr Leben lassen mußte, weil sie dem Schandvolke gerade in den Weg gelaufen war, das war sein Schatz gewesen. Kasper hatte früher schon nicht viel gesagt und bloß gelacht, wenn es gar nicht anders gehen wollte, aber jetzt sprach er kaum mehr und das Lachen hatte er ganz verlernt, außer wenn er den Hoferben oder das kleine Mädchen wartete, das Rose hieß.
»Du hättest man auch gleich ein Frauensmensch werden sollen,« pflegte Mieken zu sagen, wenn er sich mit den Kindern abgab; »was ist das für ein Werk? Schleppst dich da in einem fort mit den Kröten ab und andere Leute hüten das Land!« Kasper aber sagte nichts und ließ vor Bartolds und Roses Nasen einen Hampelmann tanzen, daß es klingelte und klapperte, denn er hatte ihn von oben bis unten mit Perlen und bunten Steinen behängt, die er bei einem Waldsteiner Hauptmann im Hosensack gefunden hatte.
»Dumme Trine!« dachte er, als er Miekens roten Rock nicht mehr sah, »dumme Trine!« Und während er den Hampelmann tanzen ließ, dachte er an den Abend, als er mit Gödeckengustel und Scheelenludjen und Bollesbernd an der Heerstraße auf Anstand gewesen war. »Alle Tage ist Jagdtag, aber nicht alle Tage ist Fangtag,« hatte Ludjen gesagt, als es schon an zu schummern fing. Aber dann hatte er das Ohr auf die Erde gelegt. »Die Hirsche ziehen!« flüsterte er und machte sich fertig. Vier Reiter kamen in hellem Galopp an.
Da riß Bernd an einer Schnur, die auf der Straße lag, ein weißer Lappen flog vor den Pferden auf, daß sie scheuten, und dann knallte es dreimal und dann noch einmal, und Kasper machte ein ganz dummes Gesicht, als auf sein Teil fünf blanke Dukaten, ein Paar neue Stiefel und noch allerlei Kram kam, so die bunte Kette, die der Hauptmann in der Tasche hatte.
»Ja, jetzt, wo es zu spät ist, Wieschen,« dachte er, »da haben wir das Geld! Was soll ich jetzt mit dem Schiet?« Er gab es dem Bauern zum Aufheben, denn er brauchte nichts als Essen und Kleider, und die waren billig, denn es wuchs davon genug in der Haide, wenn man sich darauf verstand. Und Schewenkasper verstand sich darauf. Es war ihm wahrhaftig nicht um die Beute zu tun, aber wenn er mit den anderen mal wieder ein paar Dänen oder Kaiserliche, oder was es sonst war, beiseite gebracht hatte, dann dachte er: »So, ihr bringt anderer Leute Mädchen nicht mehr um!« Wenn er dann mit den Kindern Huckepack und Hopphoppreiter spielte, dann sah er aus, als hätte er nie einen Finger krumm gemacht.
Viel machte er sich auch nicht daraus, »aber Arbeit ist Arbeit,« dachte er, wenn er wieder einmal heranmußte. Viel lieber war es ihm schon, wenn er rechtschaffen arbeiten konnte oder Wolfsfallen bauen mußte, denn die Wölfe nahmen ganz gefährlich zu und auch die Luchse spürten sich wieder mehr, weil keiner ihnen wehrte, da schlimmere Biester, die wie Menschen aussahen, aber die reinen Teufel waren, sich mehr als nötig blicken ließen. Schneller als sonst bekamen die Bauern Falten um den Mund, und mancher Sohn war schon mit vierzig Jahren so grau, wie sein Vater es kaum mit sechzig war.
Harm Wulf war noch immer ein junger Kerl, aber als sein Hof abgebrannt war, war ihm Asche auf den Kopf geflogen und Ruß in die Augen gekommen und Rauch in den Mund. Wenn er seine schöne Frau und seinen beiden gesunden Kinder ansah, wurden seine Augen wieder hell und seine Lippen gingen auseinander; sein Haar aber war und blieb an den Seiten grau, und nicht oft mehr flötete er das Brummelbeerlied.
An einem Juliabend aber hörte die Bäuerin, wie er flötete, als er dem Knechte den Fuchs gab. Er ging auf sie zu, faßte sie um und sagte: »Freue dich, Johanna, es wird Frieden! die Dänen ziehen ab. Ich habe es in Burgdorf als fest und sicher vernommen.« Die Frau machte ihr glücklichstes Gesicht, aber dann faßte sie sich mit der Hand nach der Brust und verlor alles Blut aus den Backen; gleich darauf aber lachte sie wieder und sagte: »Es war die große Freude, Harm. Frieden! Ja, den wünscht sich wohl ein jeder. Gott sei Lob und Dank!«
Es war ein schöner Abend. Der Himmel über dem Haidberge war rot, die Rosen rochen stark und in dem Risch an der Beeke sang ein Vogel ganz wunderschön. Der Bauer und die Bäuerin saßen auf der Gartenbank und sahen in den Abend. Ab und zu rief eine Eule in der Wohld, oder eine Ente schnatterte an der Beeke und unter dem Dache piepten die jungen Schwalben. Die Bäuerin hatte ihren Kopf an die Schulter ihres Mannes gelegt und hatte ein Gesicht wie ein Kirchenengel. »Frieden, Frieden!« flüsterte sie und bekam nasse Augen.
Aber so schnell vertrugen sich die hohen Herren nicht. Zwar die Dänen zogen ab, aber die anderen blieben, und noch manches Mal war der Himmel rot von etwas anderem als von der Abendsonne, und die Wehrwölfe mußten mitten in der Ernte die Sensen liegen lassen und die Kugelbüchsen hinter dem Schapp herkriegen, denn allzusehr drückten die Kaiserlichen das Land, obzwar der Herzog treu zu dem Kaiser stand, soviel ihm das auch verdacht wurde. Der Hunger und die Not wurden so groß im Lande, daß die rechtlichsten Bauern nicht mehr anders leben konnten, als wenn sie auf Mord und Raub ausgingen. Das war dann das Allerschlimmste, wenn die Wehrgenossenschaft Hand an Leute legen mußte, die vordem kein anderes Blut vergossen hatten als das von Vieh und Geflügel.
Es war an einem Aprilabend, als der Wulfsbauer abgerufen wurde. Von Mellendorf her war eine Bande von Räubern gemeldet, die den Weg auf das Bruch zu nehmen sollte. Bauern aus dem Kalenbergischen, der Neustädter Gegend und aus dem Stifte Hildesheim waren es, die längst kein Dach mehr hatten, unter dem sie schlafen konnten. »Dieses Stück will mir nicht gefallen,« sagte Drewes zu Wulf; »fremde Völker, wenn es die noch wären, da kommt es auf ein paar mehr oder weniger nicht an! Aber diese Leute da, die bloß der Hunger soweit gebracht hat, das ist, als wenn man seinen besten Hund an den Kopp schießen muß, wenn er die Dollwut hat. Es sind doch Menschen wie unsereins!«
Der Peerhobstler nickte. »Weißt du,« sagte er, »das beste ist, wir geben ihnen auf, daß sie einen anderen Weg nehmen; vielleicht, daß sie Verstand annehmen. Ich will ihnen das sagen. Ich glaube kaum, daß einer von ihnen ein Schießgewehr hat, und wenn schon, so fällt er um, wenn er Dampf macht. Da ist keiner bei, der noch ein Kalb festhalten kann, wenn es weg will. Am Dietberge habe ich sie dicht an mir vorbeiziehen sehen; ordentlich elend ist mir dabei geworden!«
Der Engenser schüttelte den Kopf: »Es ist besser, ich mache das. Stößt mir etwas zu, dann ist das weiter nicht schlimm; meine Kinder sind groß genug, um sich selber zu helfen; deine aber nicht. Zudem kommt mir das als Oberobmann auch mehr zu.«
Der Junge, den er bei sich hatte, kroch hinter den krausen Fuhren her und sagte den Wölfen Bescheid. »Der reinste Duffsinn ist das nun wieder,« knurrte Viekenludolf; »Drewes wird alt und bei kleinem taugt er nicht mehr zum Obmann. Mich soll bloß wundern, was dabei herauskommt; was Gutes bestimmt nicht!«
Er sollte recht behalten. Kaum war Drewes hinter dem Busche heraus und hatte eben gerufen: »Leute, ich rate euch zum Guten; bleibt hier weg, die Welt ist groß genug!« da zog ein langer Kerl, der einen roten Frauenrock als Mantel umgehängt hatte, eine Pistole heraus, schrie: »Dennso mach uns Platz!« und schoß den Engenser über den Haufen.
Er und sechs andere lagen beinahe in demselben Augenblicke da und färbten den Sand rot, und eine Viertelstunde später liefen zwei Drittel der Bande den Weg zurück, den sie gekommen waren, ohne sich nach denen umzusehen, die in der Haide liegenblieben; aber davon wurde Drewes nicht besser; er lag mit dem Rücken gegen einen Machangelbusch, stöhnte und hielt sich den Unterleib, denn da hatte er den Schuß hinbekommen.
Der Wulfsbauer untersuchte den Einschuß. »Weißt du was, Drewes,« meinte er, »was das beste ist? Wir tragen dich zu mir. Einmal ist es bis dahin der ebenste Weg und dann liegst du da am ruhigsten, und hast außerdem die beste Pflege, denn was meine Frau ist, die versteht sich auf sowas vorzüglich.«