Der Weg zur Zeichenkunst Ein Büchlein für theoretische und praktische Selbstbildung

Part 6

Chapter 63,172 wordsPublic domain

Es ist an und für sich gleichgültig, ob man die perspektivische Wiedergabe körperhafter Dinge mit runden oder mit eckigen Formen beginnt. Am leichtesten lassen sich Rundformen an das bisher erworbene Können anschließen. Irgendein zylindrischer oder ein kegelförmiger Körper lassen sich ohne weiteres aus der bereits geläufigen flächenhaften Darstellung gewinnen (Abb. 46).

An Modellen für einfache linienperspektivische Darstellung ist jedes Wohn- und Studierzimmer reich. Man lege ein Buch vor sich hin auf den Tisch oder man schichte einen Stoß Bücher übereinander und versuche die perspektivische Wiedergabe (Abb. 47). Man stelle kleine Gruppen zusammen: Zigarrenkiste, Zündholzschachtel, Aschenbecher; Tisch, Stuhl, Krug; Marktkorb, Flasche; Reisekorb, Hutschachtel u. a., Schränke, Truhen, Öfen usw., Zimmerecken u. a. geben Gelegenheit in Hülle und Fülle, das Erkannte an wirklichen Gegenständen neu zu entdecken und wiederzugeben. Oder man werfe einen Blick durchs Fenster -- der Rahmen des Fensters ist ein treffliches Mittel zur Erkenntnis der Neigungswinkel -- und man wird eine Menge neuer geeigneter Modelle vorfinden: den Giebel oder die gestaffelte Feuermauer vom Nachbarhaus (Abb. 49), Erkertürmchen, Dachfenster, Kamin, Telegraphenstangen und -drähte (Abb. 48) und was dergleichen Objekte sonst noch sein mögen.

Das Zeichnen nach der Vorstellung endet nicht mit jenen Übungen, wie sie die Vorstufe verlangte, sondern findet seine Fortsetzung auf allen Stufen der zeichnerischen Entwicklung. Nur wird aus jenen schematischen Darstellungen nach und nach ein anschauungsgemäßeres Zeichnen werden, je nach dem erreichten Grade von Verständnis und Können. Besonders geeignet, Sicherheit in der Auffassung und Darstellung zu erzielen, sind frei aus der Vorstellung heraus gefertigte perspektivische Aufgaben.

Man stelle sich z. B. das Problem, eine eckige oder eine runde Säule, eine Pyramide oder einen Kegel, zusammengesetzte geometrische Körper in verschiedener Stellung über und unter Augenhöhe, stehend und liegend, von vorn und von der Seite, von oben und unten betrachtet, mit wenig Strichen perspektivisch wiederzugeben (Abb. 50).

Oder man versuche eine Anwendung der perspektivischen Erkenntnisse und Fertigkeiten in der Darstellung wirklicher Objekte. Der perspektivischen Wiedergabe des Zylinders z. B. in der Plakatsäule, im Blumenkübel, im Maßkrug, in den Lampions, gleichzeitig im Zylinderhut, im Stehkragen, in den Rockärmeln, im Hosen- und im Mantelsaume -- Abb. 51 -- Aufgaben, gewissermaßen analog denen der Vorstufe -- Abb. 17, 18 -- jedoch mit Verwendung des mittlerweile erlernten Wissens und Könnens. Durch derartige +freihändige Konstruktionen+ wird das Erlernte immer mehr verfügbar und die Sicherheit der Wirklichkeit gegenüber erfährt eine Steigerung, wie sie das Darstellen nach der Wirklichkeit allein nie verleihen kann.

Durch ein derartiges Zurückgreifen auf die Tätigkeiten der Vorstufe oder durch ein beständiges Einbeziehen des Gedächtniszeichnens in die höheren Stufen der zeichnerischen Ausbildung gewinnt das Ganze einen +inneren Zusammenhang+, wie er bei unseren Zeichenlehrplänen in der Regel leider nicht zu finden ist. Nur auf diese Art aber ist eine gewisse Stetigkeit in den Entwicklungsgang zu bringen; denn das bereits Gewonnene erfährt durch die immer wiederkehrende Übung eine Festigkeit, die zur sichersten Gewähr für einen lückenlosen Fortschritt wird.

+Es wäre grundfalsch zu glauben, das Zeichnen nach der Vorstellung könne auf der Vorstufe erledigt werden.+ Das Gedächtniszeichnen sollte vielmehr durch das Zeichnen nach der Wirklichkeit seine Vervollkommnung erfahren. Es darf nichts auf der Stufe des Schemas stehen bleiben, sondern muß die Entwicklung, die das anschauungsgemäße Zeichnen nach dem Gegenstande durchläuft, gewissermaßen parallel mit durchlaufen. Es ist eine vorzügliche Übung, wenn man, nachdem man versucht hat, ein Objekt nach der Natur darzustellen, daran geht, das gleiche Objekt nach der Vorstellung oder aus dem Gedächtnis zu zeichnen. Nur so werden die Gesetze der Darstellung nicht nur bewußt, sondern auch geläufig.

Durch dieses Aufsuchen der körperhaften Elementarform -- des Würfels, der Kugel, des Zylinders, der Pyramide und des Kegels -- in der Naturform finden jene Übungen der vorausgehenden Stufe, die auf ähnliche Weise die flächenhaften Elementarformen -- Quadrat, Rechteck, Dreieck, Raute, Ovale, Kreis -- in den Wirklichkeitsformen aufsuchten und darstellten (Abb. 19, 20, 21, 22, 23 u. 24), gewissermaßen ein Analogon. Dadurch wird ein Mechanismus verhütet, der den Zeichenunterricht jahrzehntelang zur langweiligen Plage machte. Wie der Indianer an seiner Fischzeichnung Freude empfindet, so wird auch hier die zeichnerische Tätigkeit ein Quell der Darstellungslust; denn es sind nicht abstrakte geometrische Körperformen, die es nachzubilden gilt; es sind Wirklichkeitsausschnitte: der Würfel wird zum Haus, das dreikantige Prisma zum Dach, die Säule zum Turm, Kegel oder Pyramide zu seiner Spitze. Die wirkliche Erscheinungswelt erfährt auf diese Art eine Behandlung, wie es Pestalozzi mit seinem ABC der Anschauung erstrebte, aber doch nicht zu erreichen vermochte, da ihm selbst an technischem Können fehlte, was er seinen Zöglingen gern vermittelt hätte.

Die wissenschaftliche Darstellung.

Hier wäre auch die Stelle, wo +das wissenschaftliche Zeichnen+ einsetzen könnte. Ein Zweifaches könnte unterschieden werden: das +freie+ Zeichnen und das +gebundene+ Zeichnen mit Lineal, Winkel und Zirkel (Abb. 2, 3, 4 u. 5).

Das +Linearzeichnen+ hat im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte eine gründliche methodische Durcharbeitung erfahren. Schon Dürer widmete seiner Methode ausführliche »Unterweisung«. Diese Gattung der zeichnerischen Darstellung konnte durch die Reform keine nennenswerte Förderung erfahren. Eher könnte man von einem Zurückdrängen und teilweisen Verkennen sprechen. Was die neue Schule auf dem Gebiete des wissenschaftlichen Zeichnens an Vorwärtsdrängendem brachte, das war eine stärkere Betonung der +wissenschaftlichen Freihandskizze+.

Es wurde bereits darauf hingewiesen, welcher Art diese wissenschaftliche Zeichnung sein kann: daß sie sich auf die Darstellung des Grundrisses, des Aufrisses und der Seitenansicht sowie auf die Wiedergabe charakteristischer Körperschnitte zu beschränken pflegt. Jeder gebildete Mensch sollte derartige Darstellungen zu +lesen+ vermögen. Karten als Grundrisse, Profile als Aufrisse treten ja schon jedem Volksschüler der Mittelklasse im heimatkundlichen Unterricht entgegen. Aber auch im täglichen Leben, beim Bau eines Hauses, beim Einrichten einer Wohnung, beim Herstellen eines Möbels und in hundert ähnlichen Fällen kann sich die Notwendigkeit ergeben, wissenschaftliche Zeichnungen verstehen und unter Umständen entwerfen zu müssen.

Der einfachste Weg zum Erlernen dieser Darstellungsweise wird sich -- wie beim anschauungsgemäßen Wiedergeben eines Objekts -- an der Hand der Wirklichkeit finden lassen: Man beginne, wie beim Freihandzeichnen auch, mit der Darstellung +flacher+ Objekte. Fenster, Türen, Bilderrahmen, Wände eignen sich als Aufrisse. Haus- und Gartenanlagen, Stadtbezirke u. ä. als Grundrisse. Bei der Wiedergabe +körperhafter+ Objekte wähle man vorerst solche, die von geometrischen Grundformen -- Prismen, Walzen, Pyramiden, Kegeln, Kugeln, Halbkugeln -- wenig abweichen: Stühle, Schemel, Tische, Kästen usw. Eine besonders reizvolle Aufgabe ist die freie Konstruktion der eignen Zimmereinrichtung und ihre zeichnerische Darstellung für den Schreiner. Man mache den Versuch, einen Küchenschrank z. B. mit genauer Angabe der Maße im Grund- und Aufriß, sowie in der Seitenansicht darzustellen, und man wird finden, welch reiches Maß von Überlegung ein derartiges Möbelstück verlangt. Doch lohnt sich die Mühe reichlich durch den persönlichen Stil, den auf diese Weise die Einrichtung des eigenen Heimes gewinnt (Abb. 52 u. 53). Oder man versuche, die eigene Wohnung auszumessen und im Grundriß darzustellen. Praktischen Wert kann diese Übung bei einem Umzug gewinnen. Man weiß dann sofort, ob der zur Verfügung stehende Platz ausreicht, in welcher Hinsicht sich Ergänzungen notwendig erweisen und erspart von vornherein das mißliche Verrücken der Möbel in der neuen Wohnung (Abb. 54).

Für wissenschaftliche Freihandskizzen sowie für die ersten Übungen im Maßstabzeichnen eignet sich besonders gut quadriertes Papier.

Da es heutzutage an Beispielsammlungen für wissenschaftliches Zeichnen -- besonders für Linear- und Maßstabzeichnen -- nicht mangelt, so glaube ich von einer größeren Zahl von Darstellungen absehen zu können.

Nur auf ein Gebiet möchte ich an dieser Stelle noch verweisen, da es zu einem unerschöpflichen Born künstlerischen Genusses werden kann und dem künstlerischen, besonders dem zeichnerischen Verständnis in der eben angedeuteten Art immer neue Aufschlüsse zu geben vermag. Ich meine das Studium der +Baustile+. Es ist keineswegs nötig, dickleibige, wissenschaftlich gehaltene Bände durchzustudieren. Wir besitzen heutzutage eine Anzahl kurzgefaßter handlicher Ausgaben über das Wesentliche vergangener und gegenwärtiger Richtungen. Was Ägypter, Griechen und Römer, was die altchristliche, romanische und gotische Kunst, was Renaissance, Barock und Rokoko, was der Neuklassizismus und die Moderne an eigenartigen Schöpfungen hervorbrachten, das findet hier an der Hand zahlreicher Illustrationen eine Erläuterung, die auch dem Laien verständlich ist. Und was ich für besonders wertvoll erachte: fast jede deutsche Stadt bietet eine Fülle von architektonisch Wertvollem. Man sollte kaum glauben, wieviele Menschen -- auch unter den sogenannten Gebildeten -- heute noch blind und verständnislos an den köstlichsten Schätzen ihrer täglichen Umgebung vorübergehen. Hätten sie eine Ahnung davon, wieviel an Glück sie deshalb entbehren müssen, sie würden nicht eher ruhen und rasten, bis ihnen die Sinne für diese eigenartige Welt steinerner Schönheit erschlossen wären.

2. Licht und Schatten.

Die zeichnerische Darstellungsmöglichkeit des Körperhaften ist mit der genauen Wiedergabe der Umgrenzungs- und Überschneidungslinien nicht erschöpft. Der Wirklichkeitscharakter der Zeichnung wird gewaltig gesteigert, sobald +Licht und Schatten+ mit zur Darstellung gelangen. Selbst da, wo die Linienperspektive noch gar nicht in Frage kommt -- bei der flächenhaften Darstellung körperhafter Gegenstände -- kann durch Unterscheidung von hellen und dunklen Stellen der Eindruck des Körperhaften hervorgerufen werden.

Darum dürfte es sich vielleicht empfehlen mit dieser elementaren Art von +Lichtstudien+ die Beleuchtungsdarstellungen zu beginnen (Abb. 55). Für die ersten +Schattenstudien+ eignen sich am besten helle eckige Körper, deren Kanten eine scharfe Grenze zwischen Licht und Schatten bilden (Abb. 56).

Schwieriger gestaltet sich die Schattengebung bei runden Körpern, da hier ein allmählicher Übergang zwischen den lichten und dunklen Stellen zu finden ist. Für den Anfänger empfiehlt es sich, diese feinen Unterschiede +zunächst+ unberücksichtigt zu lassen und Licht und Schatten vorerst als geschlossene Flächen wiederzugeben. Dabei fällt allerdings den meisten schwer, die Grenze zwischen Licht und Schatten zu finden. Ein gutes Hilfsmittel ist, die Augenlider so weit zu schließen, bis Licht und Schatten an dem betrachteten Objekt wirklich als stark beleuchtete und stark verdunkelte Massen auseinanderfallen (Abb. 57 ~a~ u. ~b~).

Außer dem Schatten, den der Körper selbst zeigt, ist auch jener Schatten zu beachten, den der Körper auf seine Standfläche oder auf eine in der Nähe befindliche Wand wirft. Dieser sogenannte +Schlagschatten+ ist u. a. abhängig von der Helligkeit der Beleuchtung, von dem Winkel der einfallenden Lichtstrahlen, von der Gestalt des Objekts, kann also ganz verschiedene Helligkeitsstufen und Formen erhalten und darf darum nicht nach irgendeinem Schema beigefügt werden, sondern erfordert genaues Studium der Wirklichkeit (Abb. 58 u. 59). Ist man endlich so weit, daß man die einfachen Gegenstände hinsichtlich ihrer Linienperspektive und hinsichtlich ihrer Belichtung und Farbe zeichnerisch wiederzugeben vermag, so wird man, bevor man zum Studium der lebenden Natur und zu Freilichtstudien übergeht, sich an sogenannten +Stilleben+ versuchen. Man wird Gegenstände, +die in Wirklichkeit ebenfalls beisammen zu stehen pflegen+ -- Zigarren- und Zündholzschachteln, Zigaretten und Aschenschale, Töpfe und Teller, Hobel und Hammer, Krüge, Flaschen und Gläser usw. -- +nach zeichnerischen Gesichtspunkten gruppieren+ und darzustellen versuchen.

Auch beim Zeichnen sogenannter Stilleben wird es sich empfehlen, den Blick vorerst für das Ganze zu schulen, für den Gesamteindruck, der Gruppe, ehe man an die Ausarbeitung der Details denkt; denn wo die +Raumverteilung+ als mißglückt bezeichnet werden muß, da kann auch die sorgsamste Wiedergabe der Einzelheiten das Bild nicht mehr zu einem gelungenen werden lassen.

Hat man sich an einfachen und zusammengesetzten Gebrauchsgegenständen des Hauses hinreichend geübt, dann ist es an der Zeit, das erworbene Wissen und Können an Objekten der lebenden Natur zu versuchen.

Zunächst an +Pflanzen+: Man gehe hinaus vor die Stadt und pflücke sich vom Wegrain ein paar Ähren oder einige Blüten, die nicht so schnell verwelken, sondern mehrere Stunden hindurch ihre Gestalt behalten, und versuche ihre Wiedergabe (Abb. 60).

Man wird dabei finden, wie ungleich reicher und detaillierter diese naturgewachsene Wirklichkeit ist als die von Menschenhand hergestellten Erzeugnisse. Auch hier beim Skizzieren einer Pflanze wird es sich in erster Linie darum handeln, die +Gesamterscheinung+ zu charakterisieren: ihre Höhe und Breite anzugeben, die Hauptlinien -- bei einem Blatte die Mittelrippen, bei einer Blüte die Grundform, bei einem Baume die stärksten Äste und den Umriß des gesamten Laubwerks -- zu charakterisieren und erst später Einzelheiten zu berücksichtigen (Abb. 61). Denn +alles künstlerische Sehen ist ein vereinfachtes Sehen+. Empfehlen wird sich, nicht nur die einzelnen Teile der Pflanze, sondern auch die +Zwischenräume+ mit in Vergleich zu ziehen. Für den Anfänger ist es ratsam, fleißig mit dem Stifte zu visieren, zu untersuchen, welche Punkte senkrecht übereinander, welche in gleicher Höhe liegen usw.

Noch schwieriger gestaltet sich die Aufgabe, ein lebendes +Tier+ zeichnerisch wiederzugeben; denn in jedem Augenblick ändert es seine Stellung. Die natürlichsten Vorstufen wären darum die Tierdarstellungen nach kunstgewerblich erzeugten Tierformen -- Kinderspielzeug, Porzellanfiguren u. a. -- und nach ausgestopften Tieren (Abb. 62 ~a~ u. ~b~ u. Abb. 63). Erst wenn man durch hinreichende Übung an diesen stillen, tadellos modellstehenden »Lebewesen« sich eine gewisse Treffsicherheit erworben hat, mag man sich an der zappeligen Wirklichkeit versuchen. Empfehlenswert ist bei Anlage derartiger Zeichnungen das +Blockieren+ der Gesamtfigur; denn erst soll das Ganze der Erscheinung aufgefaßt werden, ehe man an die Darstellung aller Einzelheiten herantritt.

Beim +Zeichnen des lebenden Tieres+ ist die Mannigfaltigkeit noch ungleich reicher, das Charakteristische ausgeprägter. Für die Zeichner, welche dies Büchlein im Auge hat, wird es nicht darauf ankommen, in der Tierdarstellung irgendeinem Spezialistentum zu huldigen. Darum werden sich ins Detail gehende anatomische Studien der Muskelpartien u. a. nicht nötig erweisen. Bei Vögeln sind Haut und Muskeln mit Federn bedeckt, bei den Säugetieren mit Haaren. Eine gewisse Kenntnis des Knochengerüstes wird genügen, das Wesentliche der Gesamterscheinung einigermaßen treffsicher wiederzugeben.

Man wird beim Skizzieren lebender Tiere übrigens gut daran tun, im Anfang solche Modelle zu wählen, die still sitzen oder sich nur langsam bewegen (Abb. 64). Leichter fallen dem Anfänger Vögel als vierfüßige Tiere. Darum beginne man mit der Skizzierung von Hühnern, Gänsen, Enten, bevor man sich an Pferde, Hunde, Katzen, Rehe u. a. Säugetiere wagt (Abb. 65, 66 und 67). Dabei wird es darauf ankommen, dem Tiere zuerst eine günstige Stellung -- Seitenansicht (man vgl. Hahn und Henne auf Abb. 65 und Tauben und Gans auf Abb. 67) oder Vorderansicht (man vgl. Abb. 65 links) -- abzugewinnen, bevor man versucht auch schwierigere Haltungen (man vgl. die Gänse vor der Futterschüssel in Abb. 67, sowie den Papagei und die Enten) wiederzugeben.

+Die menschliche Figur+ ist bekanntlich das erste Modell, das sich das kleine Kind beim Beginn seiner zeichnerischen Laufbahn erwählt. Das gleiche tun der Naturmensch und der Künstler, der das Höchste und Letzte erstrebt. Die menschliche Figur steht am Anfang und am Ende der künstlerischen Darstellung. Sie ist also das Leichteste und das Schwerste zugleich. Das Leichteste, insofern es sich um die schematische, das Schwerste, sobald es sich um die anschauungsgemäße Wiedergabe der menschlichen Figur handelt. Man hat darum die menschliche Figur als Ganzes zuweilen ganz aus dem Schulzeichnen verbannt und sich mit der Darstellung einzelner Glieder -- der Hände, der Füße, der Ohren usw. -- begnügt. Ich halte diesen Weg für falsch. Wer die menschliche Figur zeichnerisch einigermaßen beherrschen will, der muß sie als +Ganzes+ auffassen und wiedergeben. Freilich kann es sich nur um Skizzen handeln. Bei diesen Skizzen aber sollte die Darstellung von Einzelheiten, von Details zunächst gar keine Rolle spielen. Als geeignete Modelle empfehlen sich für den Anfang wieder Kunstprodukte -- die drolligen Steiffpuppen z. B. (Abb. 68) -- bevor man einen lebenden Menschen in ruhiger Haltung -- am besten zunächst von vorn (Abb. 69) oder in Seitenansicht (Abb. 70 ~a~) wiedergibt. Man kann sich dabei eines Proportionsschemas bedienen, wie es bereits Leonardo da Vinci und Albrecht Dürer konstruierten. Für gewöhnlich aber genügt die Skizzierung einiger Richtungslinien und einfache Blockierung (Abb. 70 ~c~). Für bestimmte Teile -- z. B. für den Kopf -- kann die Kopie einer Photographie (Abb. 71) oder das Arbeiten nach einem Gipsabguß (Abb. 72) dem Anfänger recht wohl zustatten kommen. Ich möchte darum derartige Modelle nicht grundsätzlich ausgeschaltet wissen. Sie stellen gewissermaßen +Zwischenstationen+ auf dem Wege nach der zeichnerischen Wiedergabe lebendiger Natur dar.

Das +Landschaftzeichnen+ wäre die natürliche Fortsetzung jener Übungen, die zur Erlernung der Linienperspektive, sowie beim Studium der Beleuchtungserscheinungen dienten. Vom einzelnen perspektivisch gesehenen und dargestellten Körper zur Wiedergabe einfacher Stilleben, von der Darstellung von Innenräumen -- Zimmerecken, Gängen -- bis zur +Wiedergabe landschaftlicher Ausschnitte+ -- nur um solche, nicht um Landschafts+bilder+, kann es sich auf der Stufe, die hier in Frage steht, handeln -- läßt sich unschwer ein Gang vom Einfachen zum Zusammengesetzten, vom Leichten zum Schwereren nach schon gekennzeichneten Grundsätzen einhalten.

Beim Darstellen der Landschaft wähle man im Anfang ferne Objekte, bei denen die Details verschwinden. Günstiger als der Mittag sind Morgen und Abend, besonders wenn die Sonne hinter den zu zeichnenden Gegenständen steht, so daß sich diese silhouettenhaft vom lichten Himmel abheben (Abb. 73 u. 74). Auch hier ist der Beginn mit flächenhafter Darstellung der natürliche Ausgangspunkt. Bei körperhafter Darstellung aber wähle man zunächst möglichst einfache Objekte (Abb. 75), bei denen die Perspektive noch keine besonderen Anforderungen stellt (Abb. 76). Zu empfehlen ist dabei das Zusammenfassen der Details im Baumschlag z. B. zu einheitlichen Massen, sowie das Herausgreifen geschlossener Gruppen -- Bäume oder Häuser (Abb. 77 u. 78). Erst wenn man an derartigen Ausschnitten den Blick für das landschaftlich Malerische geübt und eine gewisse Technik entwickelt hat, gehe man an die Wiedergabe reicherer Motive. Daß dabei das Studium guter Landschaftsgemälde, sowie das Kopieren von Meisterskizzen von Wert sein kann, soll im Schlußabschnitt noch näher ausgeführt werden.

~C.~ Farbige Darstellung.

Die neue Richtung betont mit besonderem Nachdruck die Verwendung der +Farbe+ in der zeichnerischen Darstellung. Dadurch erhält der moderne Zeichenbetrieb größere Wärme; denn wo die Farbe fehlt, da wirkt alles kälter, freudenärmer. Man wird darum auf dieses Darstellungsmittel, das die Darstellungslust in besonderem Maße zu fördern vermag, nicht verzichten. Schon bei den Übungen der Vorstufe wird man farbig gestalten. Statt des schwarzen Graphitstiftes wird man mit Farbstiften, mit Kohle und farbigen Kreiden arbeiten.

Noch stärkere Geltung gewinnt die Farbe bei der flächenhaften Darstellung, insbesondere beim schmückenden Zeichnen. Das Ornament z. B. gewinnt erst durch die Farbe Leben und Kraft. Hier wird es sich jedoch in der Hauptsache um flüssige Farben handeln, die mit dem Pinsel aufzutragen sind. Bevor man jedoch daran geht, mit Farbe und Pinsel zu arbeiten, wird es sich nötig erweisen, einige Übungen im +Farbmischen+ und im +Farbtreffen+ zu veranstalten.

Zu dem Zwecke drückt man aus den Tuben zunächst die drei +Grundfarben+ oder primären Farben blau -- rot -- gelb auf die Palette und versucht nun durch Mischung die sogenannten +Zwischenfarben+ oder sekundären Farben zu erhalten. Dabei wird sich etwa folgende Skala ergeben:

blau | } violett rot | } orange gelb | } grün blau

Mischt man blau, rot und gelb, so erhält man grau oder braun (vgl. Farbtafel!). Dasselbe ist der Fall bei einer Mischung von violett und gelb, von orange und blau, von grün und rot; denn jede dieser Mischungen enthält die drei Grundfarben. Man nennt jene Farbe, die einem bestimmten Farbton noch fehlt, um alle Grundfarben zu enthalten, die +Komplementär+- oder Ergänzungsfarbe des betreffenden Farbtones. Die Komplementärfarbe zu grün wäre also rot, zu orange blau usw. Bei dekorativen Farbübungen oder bei Verwendung von farbigem Papier kann das Wissen um diese Komplementärfarben gute Dienste leisten und vor häßlichen und unmöglichen Farbzusammenstellungen bewahren. Auf grünem Tonpapier wirkt z. B. rot -- die Komplementärfarbe -- gut, während gelb und blau einen schlechten Zusammenklang mit grün ergeben. Setzt man die Grundfarben in ihrer Reinheit unvermittelt nebeneinander, so wirkt die Zusammenstellung oft hart und unschön oder schreiend und dissonierend (vgl. Farbtafel!). Um dies zu vermeiden und um einen gewissen Zusammenklang, eine »+Harmonie+« der Farben zu erzielen, sucht man die Farben +zusammenzustimmen+. Man gibt ihnen einen einheitlichen Gesamt- oder Grundton. Oder man »+bricht+« die Farben, indem man sie entsprechend mischt. Man arbeitet dann mit sogenannten +Halbtönen+ (vgl. Farbtafel!), wie ja die Natur dem menschlichen Auge in der Regel gebrochene Farbtöne zeigt und nur im hellen Sonnenlicht unter ganz bestimmten Umständen den vollen Glanz einer ungebrochenen Farbe schauen läßt.