Der Weg zur Zeichenkunst Ein Büchlein für theoretische und praktische Selbstbildung

Part 5

Chapter 53,267 wordsPublic domain

Soll jedoch mit der zeichnerischen Wiedergabe derartiger Modelle wirklich etwas erzielt werden, was über jene Vorstufe hinausweist und +zeichnerisch+ fördert, so muß die Darstellung nach neuen Gesichtspunkten erfolgen: Das +inhaltliche+ Interesse, das jene Gedächtniszeichnungen der Vorstufe so stark beeinflußte, muß mehr und mehr abgelöst werden durch ein +formales+ Interesse, das die Wahl der Modelle und die Art ihrer Darstellung im wesentlichen bestimmt. Mit andern Worten: die Auswahl der zu zeichnenden Gegenstände wird von +zeichnerischen+ Gesichtspunkten aus erfolgen müssen.

Es wird sich darum handeln, solche Modelle zu wählen, deren Darstellung nur dann in korrekter Weise gelingt, wenn eine dabei Anwendung findende +Elementarform+ zeichnerisch beherrscht wird: wenn Ellipse, Eiform, Kreis, Viereck, Dreieck, Raute, Trapez, Vielecke und ihre mannigfachen Kompositionen zeichnerisch richtig zur Darstellung gelangen. Ein paar Beispiele mögen illustrieren, wie ich mir die Sache denke:

Abb. 19 zeigt z. B. eine Reihe von Zeichnungen, die fast alle aus der Oval- oder aus der Eiform entstanden sind. Nur erfährt diese Elementarform +je nach der Eigenart des betreffenden Gegenstandes+ eine gewisse Umwandlung.

Das veranschaulicht z. B. auch Abb. 20: Rechteck, Dreieck, Spitzbogen usw. finden in derartigen Darstellungen eine technisch korrektere Übung und Anwendung, als es bei den Darstellungen auf der Vorstufe möglich und beabsichtigt war. Hier würde sich ein Mißlingen in formaler Hinsicht ohne Zweifel empfindlicher bemerkbar machen als auf jener Vorstufe, die ihr Hauptaugenmerk noch der inhaltlichen Seite zuwenden durfte. Würde z. B. der dreieckige Papierhelm in Abb. 20 statt des rechten Winkels einen spitzen oder einen stumpfen Winkel erhalten, so wäre die Zeichnung nicht nur vom geometrischen, sondern auch vom +technisch-konstruktiven+ Gesichtspunkt aus falsch; denn beim Falten des Papierhelms in der angegebenen Weise muß der betreffende Winkel naturnotwendig seine 90 Grad erhalten, wenn die Sache handwerkstechnisch klappen soll. Ähnlich verhält es sich bei den Fensterläden in Abb. 21. Würden die Läden zu schmal gezeichnet, so könnten sie beim Schließen die Fensterscheiben nicht vollständig decken. Würden sie jedoch zu breit dargestellt, so könnten sie überhaupt nicht recht geschlossen werden.

Empfehlen wird es sich, derartige Darstellungen in größerem Format mit ausgiebigem Material -- mit Kohle oder mit Farbstift -- auszuführen, um nach und nach einen gewissen Schwung der Linienführung zu erreichen, wie er eben nur durch fortgesetzte Übung an großformatigen Zeichnungen erworben werden kann.

Als +2. Stufe+ könnte man +die flächenhafte Wiedergabe körperhafter Dinge+ gelten lassen.

Auf der Suche nach geeignetem Material, nach zusammengesetzten flächenhaften Modellen, wird man bald auf Gegenstände stoßen, die gemischten Charakter tragen. Ein Hoftor z. B. zeigt in seinen hölzernen Bestandteilen flächenhaften, in seinen steinernen körperhaften Charakter. Die perspektivische Wiedergabe ist auf dieser Stufe noch nicht möglich. Man gebe darum das Ganze flächenhaft (Abb. 22). Man wähle auch auf dieser Stufe zunächst wieder Gegenstände, die Formen zeigen, durch deren Wiedergabe jene Elementarformen neuerdings geübt werden (Abb. 23). Solche Modelle finden sich unter den Kulturerzeugnissen, auch unter den modernsten (Abb. 24) häufiger als unter den naturgewachsenen; denn die Natur kümmert sich nicht um geometrische Gesetze. Das Zeichnen nach der Wirklichkeit aber wird die lebendige Natur nicht ausschalten können, sondern wird sie zeichnerisch zu bewältigen suchen. Schon auf der 1. Stufe werden flache Naturformen: Blätter, Schmetterlinge, Käfer, Fische, d. s. Lebewesen, die sich überdies durch eine gewisse Symmetrie auszeichnen, dargestellt werden. Aber auch hier werden -- wenigstens bei Anlage der Zeichnung -- jene Elementarformen eine Rolle spielen, indem sie die Gesamterscheinung charakterisieren und den Blick von verwirrenden Details ab- und dem Wesentlichen zuwenden. Ein Efeublatt würde nicht in naturalistischer Form (Abb. 25), sondern in einer gewissen Stilisierung wiedergegeben werden, die ihr eigenartiges Gepräge jenem Streben nach Regelmäßigkeit, Gefälligkeit und Linienschwung verdankt (Abb. 26).

In ähnlicher Weise könnte jedes Naturblatt zum zeichnerischen Problem werden, ein gewaltiger Vorzug dieser modernen Modelle vor jenen früheren Vorlageblättern, die fertige Problemlösungen brachten und dem Zeichner die eigentlich künstlerische Leistung vorwegnahmen.

Dasselbe gilt von der Wiedergabe jener Tierformen, die in ihrer symmetrischen Form Ähnlichkeit mit Blattdarstellungen haben (Abb. 27 und 28). Höheren Reiz gewinnen derartige Formen, sofern man versucht, auch ihre +farbige+ Erscheinung mit zur Darstellung zu bringen.

Eine Art Übergang zur räumlichen Darstellung könnte in der +3. Stufe+ erblickt werden: in der +Beachtung der Überschneidungslinien+. Gleichzeitig müßte die Darstellung auf dieser Stufe sich mehr und mehr einer naturalistischeren Wiedergabe befleißigen und dadurch den Zeichner zwingen, das Zeichnen nach der Vorstellung, das auf der ersten und zweiten Stufe noch stark vorherrschte, in ein Zeichnen nach der Wirklichkeit überzuführen. Starke Verkürzungen werden jedoch weniger Berücksichtigung finden können. Statt der symmetrisch gestalteten Modelle der ersten und zweiten Stufe würden Naturobjekte unsymmetrischer Art -- Zweige, Bäume, Tiere und Menschen in Seitstellung -- in Betracht kommen. Die Darstellung selbst dürfte in der Hauptsache Silhouettencharakter tragen.

Man stelle bei derartigen Übungen das Modell so auf oder man suche sich bei nicht verrückbaren Modellen einen derartigen Standpunkt, daß ein +Hintergrund+ vorhanden ist, der für +scharfe Abgrenzung+ sorgt. Man beobachte den Baumzweig, der aus dem Gewirr der Äste und Zweige hinausstrebt in den lichtblauen Himmel, so daß Blätter und Früchte auch wirklich in ihrem Silhouettencharakter in Erscheinung treten (Abb. 29). Man wage sich im Anfang nicht an große Baumgruppen oder gar an einen ganzen Wald. Man wähle vielmehr den einzelnen Baum, am besten einen freistehenden (Abb. 30), der noch ziemlich jung ist und kein reiches Astgewirr aufweist. Das Laubwerk gebe man zusammenfassend, ohne jedes Detail, jedes einzelne Blättchen, zu beachten (vgl. Abb. 30 links und rechts). Auch hier handelt es sich um +das Ganze+, um den Gesamteindruck, nicht um unwesentliche Einzelheiten. Bei größeren Bäumen greife man nur einen Teil heraus (vgl. Abb. 30 Mitte), wenn die Darstellung des ganzen Objektes zu schwer erscheinen sollte. Aber auch beim Skizzieren solcher Teile, muß der Ausschnitt als zeichnerische Einheit erfaßt und dargestellt werden mit entsprechender Verteilung auf der zur Verfügung stehenden Fläche.

Schwieriger gestaltet sich die flächenhafte Wiedergabe der bewegten Erscheinung. Man beobachte, den Stift in der Hand, eine Rabenschar, wie sie sich z. B. im Frühjahr oder im Herbst zwischen den Furchen der Sturzäcker breit macht. Der fliegende Vogel ändert sein Erscheinungsbild mit jedem Augenblick. Wer es festhalten will, muß sich an blitzschnelles Beobachten gewöhnen. Mit wenigen Strichen wäre dann der in der Vorstellung haftende Eindruck im Umriß wiederzugeben. Das Eindecken der dunklen Fläche kann man zu Hause mit dem Pinsel vornehmen (Abb. 31). Die Darstellung wird in solchen Fällen einem Gemisch von Zeichnen nach der Natur und Zeichnen nach der Vorstellung entspringen.

Bei der Wiedergabe vierfüßiger Tiere wird man gut daran tun, schwierige Verkürzungen anfangs zu vermeiden. Die charakteristische Wiedergabe gewinnt man am leichtesten aus der Seitenansicht (Abb. 32). Ein treffliches Hilfsmittel bietet auf dieser Stufe das Studium guter Silhouetten.

Auch das +Ausschneiden aus Papier mit der Schere+ ist wie kaum eine zweite Tätigkeit geeignet, das Erfassen +ganzer+ Figuren und das Gedächtnis für charakteristische Formen zu fördern. +Das Zeichnen und Gestalten nach der Vorstellung+ dürfte eben auch auf dieser Stufe nicht versäumt werden. Nur sollte man stets darnach streben, alles mittlerweile durch Beobachten der Natur und durch Darstellen der Wirklichkeit Gewonnene und Erlernte mit einzubeziehen und mit zu verwerten (vgl. Abb. 33), so daß nach und nach auch das sogen. Gedächtniszeichnen sich vom bloßen Schema zu lösen und mehr und mehr den Eindruck des Erscheinungsgetreuen zu erwecken vermag.

Schmückendes Zeichnen.

Ist der Zeichner so weit gekommen, daß er einige Treffsicherheit in der flächenhaften Wiedergabe flächenhafter und körperhafter Gegenstände erzielt hat, dann wäre es an der Zeit, das erlangte Können in den Dienst +dekorativer+ Aufgaben zu stellen. Über Art und Wesen des zeichnerischen Schmuckes habe ich an anderer Stelle[8] bereits ausführlich geschrieben, so daß ich mich hier kurz fassen kann. Ich vertrete die Anschauung, daß Schmuck kein Sonderdasein führen kann, sondern eines zu schmückenden Gegenstandes bedarf. Oder noch richtiger ausgedrückt: daß der Gegenstand nach dem Schmuck rufen muß, nicht umgekehrt, und daß darum die Art des Schmuckes durch die Art des Gegenstandes bedingt wird.

Diese Grundbedingung zugegeben, wird man doch als Vorstufe Übungen dekorativer Art anstellen können, die mit gewonnenen Formen und mit zu füllenden Flächen rechnen, ohne zunächst ein bestimmtes Objekt, das geschmückt werden soll, ins Auge zu fassen. Denn zeichnerischer Schmuck ist immer Flächenfüllung und trägt, da es sich um Flächen handelt, am besten flächenhaften Charakter. Wo das zeichnerische Ornament Tiefe vortäuscht, da gewinnt es Bildcharakter und zerreißt den Eindruck der Ebene, des Flächenhaften. Zum dekorativen Füllen einer Fläche eignen sich darum in erster Linie wieder Flächen. Um flächenfüllend zu wirken, müssen die Figuren, sofern sie der lebenden Natur entnommen sind, eine gewisse Stilisierung erfahren, da sonst das Ornament nicht den Eindruck der Geschlossenheit hervorruft. Diese Stilisierung, diese Anbequemung der Füllung an die Form der zu füllenden Fläche ist ein Problem, das ohne Zweifel starken Bildungswert besitzt, für Kinder jedoch in der Regel zu schwer ist.

Zur Füllung der Fläche können eigentlich alle bisher behandelten Formen Verwendung finden, von der geometrischen Elementarform bis herauf zur Tier- und Menschenfigur. Die einfachste Art der Dekoration wird durch Wiederholung, durch Neben- oder Übereinanderreihung (Abb. 34), durch symmetrische Ordnung von einem bestimmten Mittelpunkt aus erzielt werden. Erst auf höherer Stufe wird man eine freiere und mannigfaltigere Art des Schmuckes wählen.

Bei jeder praktischen Verwendung der Schmuckform aber wird die Natur des Objekts, das geschmückt werden soll, Form und u. a. auch Inhalt des Ornaments bestimmen müssen. Es hat darum einen weitaus höheren Bildungswert, sich die Aufgabe zu stellen, ein bestimmtes Objekt -- einen Abreißkalender, eine Einladungskarte, ein Türschild, einen Gratulationsbrief, irgendeinen Gebrauchsgegenstand -- nach eigenen Ideen zu schmücken, als ein vom geschmückten Gegenstand gelöstes historisches Ornament zu kopieren, wie es die alte Schule tat.

Wenn Walter Crane die +Farbe+ als »das vollendetste und schönste Ausdrucksmittel in Kunst« erklärt, so gilt diese Anschauung ganz besonders auch vom dekorativen Zeichnen. Nichts wirkt dekorativer als die Farbe. Da der farbigen Darstellung jedoch ein eigener Abschnitt gewidmet werden soll, so möchte ich hier nicht näher auf die Probleme der farbigen Darstellung eingehen, sondern vorerst einige Vorfragen, nämlich die der +Raumverteilung+ und der +Raumfüllung+ kurz erörtern. Soll eine Fläche mit zeichnerischem Schmuck versehen werden, so wird man sich zunächst fragen müssen, was für ein Schmuck gerade auf +diese+ Fläche paßt. Eine Zimmerwand wird man mit anderen Zeichnungen schmücken als ein Vorsatzpapier und dieses anders als eine Gratulationskarte. Doch abgesehen von derartigen Erwägungen, die wahrscheinlich den +Inhalt+ des zeichnerischen Schmuckes bestimmen, wird die Fläche +ihrer individuellen Form+ und +Stellung wegen+ ganz bestimmte Forderungen an ihren Schmuck stellen. Es wird darauf ankommen, ob die Fläche eben oder gewölbt ist, ob sie senkrecht zu stehen oder wagrecht zu liegen kommt, ob sie quadratisch oder bandförmig, kreisrund oder oval ist. Denn der Schmuck wird sich der Bewegung, die der Mensch naturnotwendig in jede Fläche hineinsieht, anbequemen müssen. Eine rechteckige Fläche z. B., die höher ist als breit, ein sogenanntes »stehendes Rechteck«, macht auf den Beschauer den Eindruck des Aufwärtsstrebenden, des Emporwachsens; eine rechteckige Fläche hingegen, die breiter als hoch ist, ein sogenanntes »liegendes Rechteck«, erweckt das Gefühl des Ruhenden, des Behäbigen, und gewinnt erst wieder Bewegungscharakter, sobald sie sich zum Band, zur wagrecht »laufenden« Bordüre verlängert.

Der zeichnerische Schmuck wird dieser jeder charakteristischen Fläche gewissermaßen von Natur aus innewohnenden Bewegung gerecht werden müssen. Quadrat- und Kreisfüllungen werden sich am besten um einen Mittelpunkt gruppieren (Abb. 35 links und rechts). Senkrecht steigende Bordüren werden auch in ihrem Schmuck den Eindruck des Steigenden, des Emporstrebenden erwecken müssen. Wagrecht laufende Bordüren dagegen werden den Charakter des Seitwärtslaufenden oder des Ruhenden (Abb. 36) oder des Hängenden (Abb. 35) zu erwecken haben, wenn der Schmuck der geschmückten Fläche entsprechen soll. Unter Umständen können auch mehrere Gesichtspunkte zugleich nach Geltung streben. Bei einer Tapete z. B. wird die obere Kante die Wandfläche abschließen und gleichzeitig den Blick ringsum zu lenken haben, während die Fläche selbst, je weiter sie abwärts führt, nach Ruhe zu streben hat, damit die Silhouetten der im Zimmer stehenden Möbel und der darin wohnenden Menschen sich wohltuend von der ruhig gehaltenen Fläche abheben können.

Der Anfänger tut, sobald er über den Bewegungscharakter der Fläche Klarheit gewonnen hat, gut daran, die zu schmückende Fläche zu zerteilen (Abb. 37). Entweder durch senkrechte (Abb. 37 ~a~) oder durch wagrechte (Abb. 37 ~b~) Striche, durch Schräg- (Abb. 37 ~d~, ~e~) oder durch Bogenlinien (Abb. 37 ~f~, ~g~), durch Kombination der Elemente (Abb. 37 ~c~, ~e~, ~f~), durch strahlenförmige Gliederung der Fläche (Abb. 37 ~h~) usw. Auf diese Weise erhält man eine reiche Zahl von Elementarfiguren, von Quadraten (Abb. 37 ~c~, ~d~), Rauten, Dreiecken (Abb. 37 ~e~) u. a. Gebilden. Diese geometrischen Einzelfiguren gilt es nun zu »füllen«. Entweder alle gleichmäßig oder im rhythmischen Wechsel (Abb. 37 ~f~). Die Füllung selbst kann ebenfalls geometrischen Charakter erhalten; sie kann jedoch auch Formen verwenden, die sie dem Pflanzen- (Abb. 34, 35 und Farbtafel), dem Tier- (Abb. 36) oder dem Menschenreich entnimmt. In diesem Falle wird der Zeichner vor die Aufgabe gestellt, die Naturform in jene geometrische Teilfigur, in ein Quadrat, in ein Rechteck, in eine Raute usw. einzufügen. Das verlangt in der Regel eine Wandlung, eine Stilisierung der nach der Natur entworfenen Zeichnung.

Die Naturform wird bei dieser Eingliederung in das entworfene Liniennetz selbst etwas vom geometrischen Charakter annehmen, indem sie ihre Begrenzungslinien den geometrischen +parallel+ laufen läßt (Abb. 38 links) oder indem sie eine diagonale Anordnung versucht (Abb. 38 Mitte). In beiden Fällen können die Objekte, die zur Füllung verwandt werden, verdoppelt (Abb. 38 rechts), verdrei- und vervierfacht werden; nur wird es sich nötig erweisen, in solchen Fällen nach einem gewissen +Gegengewicht+ zu streben, damit nicht innerhalb des zu füllenden Raumes eine unangenehme Leere sich bemerkbar macht.

Ist auf diese Weise durch das Netz der Hilfslinien eine Sicherheit gewonnen, die sich gern an schwierigeren Aufgaben versuchen möchte, dann kann man daran denken, die Fläche freier, d. h. +ohne geometrische Zerteilung+, zu füllen (Abb. 39).

Handelt es sich endlich um eine praktische Verwendung der skizzierten Ornamente, so wird es nötig werden, auch das +Material+ zu erwägen, woraus der Schmuck hergestellt werden soll, desgleichen das +Werkzeug+ in Betracht zu ziehen, das bei der Materialverarbeitung verwendet wird. Soll die Leistung +material-+ und +werkgerecht+ ausfallen, so kommt zu all den bereits genannten Überlegungen noch ein sogenanntes »+Denken im Material+«, eine geistige Tätigkeit, die sich erst nach vielfacher Übung mit dem betreffenden Werkzeug und an dem in Frage stehenden Material erwerben läßt. Hier wäre die Stelle, wo zeichnerisches Darstellen und plastisches Gestalten eine durch die Natur der Sache geforderte Verbindung gewinnen könnten.

Zum schmückenden Zeichnen können auch jene Übungen gezählt werden, die ihre Aufgabe darin erblicken, die Schriftformen des großen und kleinen Alphabets in künstlerischer Art wiederzugeben. Die Schriftformen sind dem Erwachsenen in der Regel geläufig. Auch die schwierigeren Formen der geschriebenen Buchstaben und Ziffern. Darum kann die Fertigkeit im Schreiben die Erwerbung zeichnerischer Geschicklichkeit fördern helfen. Abb. 12 z. B. zeigt einige Buchstaben und Ziffern, die bei Erlernung der Spiralen und Schneckenlinien mit Verwendung finden können. Noch geeigneter jedoch für dekorative Zwecke sind die Formen der Antiqua. Sie lassen sich ohne besonderen Zwang aus einer Reihe von geometrischen Elementarformen entwickeln (Abb. 40), und indem man sich an ihrer Konstruktion versucht, stellt man gleichzeitig Quadrate, Rechtecke, Dreiecke, Kreise, Ovale, Halbkreise, Spiralen usw. dar (Abb. 40 oben). Eine Aneinanderreihung gewisser Buchstabenformen des großen lateinischen S z. B. (Abb. 40 unten) ergibt bei geringförmiger Abänderung direkt ornamentale Formgebilde, ein Beweis für den dekorativen Charakter dieser Schriftform. Mit vollem Recht wenden darum die Methodiker der Gegenwart ihr Augenmerk einer Reorganisation der Beschriftung von künstlerischen Gesichtspunkten aus zu.

~B.~ Körperhafte Darstellung.

1. Linienperspektive.

Wenn man bedenkt, wie wenig Grundgesetze bei Beherrschung einer elementaren perspektivischen Darstellung gekannt und angewendet werden müssen, und weiterhin, daß jeder Mensch mit gesunden Sinnen die perspektivischen Erscheinungen in jedem Augenblick seines wachen Daseins fortwährend zu sehen bekommt, so muß man sich eigentlich wundern, daß die Menschheit erst eine Entwicklung von Jahrtausenden brauchte, um diese Gesetze zu entdecken und sie bewußt zu verwenden, ja, daß die Naturvölker der Gegenwart und die meisten Erwachsenen bis zur Stunde nicht imstande sind, irgend etwas aus der Fülle ihre täglichen Erscheinungen perspektivisch richtig darzustellen.

Wer klar werden will über jene Grundgesetze, der tut am besten daran, gleich vor die +Wirklichkeit+ zu treten. Doch kommt viel darauf an, +die rechten Objekte+ zu wählen. An kleinen Gegenständen, an Zündholzschachteln, an Zigarrenkästen, an Bällen und Kugeln, wie sie gewöhnlich für den ersten Unterricht im perspektivischen Zeichnen benützt werden, sieht man die perspektivischen Eigenheiten erst dann, wenn das Auge bereits gelernt hat, +bewußt perspektivisch aufzufassen+. +Erst müssen die perspektivischen Gesetze einmal an wirklichen Erscheinungen gesehen worden sein, ehe man sie darstellen läßt.+ Dazu aber eignen sich am besten Gegenstände größeren Formats: Bäume, Häuser, besonders aber Baumreihen, Häuserreihen -- Alleen, Straßenzüge.

Man gehe zunächst einmal hinaus vor die Stadt auf ein Stück Land, das einen weiten Ausblick gestattet. Am besten wird sich eine freie Ebene dazu eignen. In der Ferne scheinen sich Himmel und Erde zu berühren. Es ist der +Horizont+. Man halte den Arm in Augenhöhe wagrecht vor sich hin, und man wird finden, daß der Horizont +eine wagrechte Linie in Augenhöhe+ bildet. Vergleicht man die auf der Ebene stehenden Bäume, Häuser und Menschen miteinander, so wird man ohne weiteres entdecken, daß der Gegenstand +um so undeutlicher und umso kleiner erscheint, je weiter er sich von uns entfernt, umso deutlicher und größer aber, je näher er unserm Auge rückt+.

Schreitet man einer fernen Baumreihe zu, die unsern Weg im rechten Winkel schneidet, so erscheinen die Bäume -- falls sie es in Wirklichkeit sind -- aus der Ferne alle gleich groß zu sein. Trifft unser Blick die Baumreihe jedoch im spitzen Winkel, so tritt das bereits gefundene Gesetz in Kraft: die entfernten Bäume erscheinen kleiner. Wollte man diese Erscheinung darstellen, so würde sich ergeben, daß +alle wagrechten Linien über der Augenhöhe abwärts, alle wagrechten Linien unter der Augenhöhe aufwärts zu laufen+ und sich in einem Punkt zu vereinigen scheinen, der in Augenhöhe liegt. Dieser Punkt ist der +Fluchtpunkt+. +Senkrechte Linien+ dagegen -- die Stämme der Bäume z. B. -- erscheinen wohl verkürzt, je weiter sich der Gegenstand entfernt, +bleiben jedoch immer senkrecht+ (Abb. 41 u. 42).

Mit diesen wenigen Gesetzen wäre eigentlich die elementare Perspektive, soweit sie für die freihändige Wiedergabe der Wirklichkeit in Frage käme, erschöpft. Schwierigkeiten ergeben sich für den Anfänger eigentlich nur noch dann, wenn ein Gegenstand »über Eck« steht, d. i. wenn er dem Anschauer eine Kante und infolgedessen +zwei Seitenflächen+ zuwendet. Dann wird man finden, daß auch +zwei Fluchtpunkte+ anzunehmen sind und daß +der Fluchtpunkt+ jener Vorderkante +um so näher liegt, je verkürzter, umso ferner aber, je breiter die Seitenfläche dem Blick erscheint+ (Abb. 43). Erst wenn es gelungen ist, diese Gesetzmäßigkeit der Wirklichkeitserscheinungen zu +sehen+ und zu +verstehen+, wird man daran gehen, sie zeichnerisch darzustellen.

Als +1. Stufe+ wird +die perspektivische Darstellung flächenhafter Dinge+ zu nennen sein: Geöffnete Fensterflügel, Türen, Briefumschläge, Hefte, Schachbrett, Bilderrahmen, Reißschiene, Winkel, Münzen, Schützenscheiben (Abb. 44). Gute Dienste vermögen bei derartigen Anfangsübungen das genaue +Visieren+ und +Messen+ zu leisten. Das natürlichste Hilfsmittel hierzu ist der gewöhnliche Bleistift. Manche Methodiker befürworten eigene Visierrähmchen und Maßstäbchen. Andere verwerfen jedes Hilfsmittel. Ich bin der Anschauung, daß man im Anfang sich recht wohl solcher Stützen bedienen kann, daß man jedoch darnach streben soll, sich möglichst bald von ihnen frei zu machen. Besondere Schwierigkeiten bereitet dem Anfänger das richtige Halten des Stiftes oder des Stäbchens. Es soll immer so gehalten werden, daß es -- von oben gesehen -- parallel zu der Linie steht, die man sich durch beide Augen gezogen denkt (Abb. 45).

Auf der +2. Stufe+ wird man dann daran denken können, +körperhafte Dinge perspektivisch darzustellen+. Ist die Übung auf der ersten Stufe ausgiebig erfolgt, so wird die zweite Stufe keine besonderen Schwierigkeiten mehr bereiten; denn bei näherem Zuschauen stellt sich dann die perspektivische Darstellung körperhafter Dinge nur als eine Zusammenstellung mehrerer perspektivisch dargestellter Flächen dar. Eine Zigarrenkiste -- über Eck gestellt -- würde für die perspektivische Wiedergabe die Lösung der Aufgabe verlangen: drei viereckige Flächen -- zwei senkrecht und eine wagrecht stehende -- in ihrem gegenseitigen Zusammenhang wiederzugeben (Abb. 6).