Der Weg zur Zeichenkunst Ein Büchlein für theoretische und praktische Selbstbildung
Part 1
Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder unterstrichener Text ist +so ausgezeichnet+. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so gekennzeichnet=.
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Die Sammlung
»Aus Natur und Geisteswelt«
nunmehr schon über 600 Bändchen umfassend, sucht seit ihrem Entstehen dem Gedanken zu dienen, der heute in das Wort: »+Freie Bahn dem Tüchtigen!+« geprägt ist. Sie will die Errungenschaften von Wissenschaft, Kunst und Technik einem jeden zugänglich machen, ihn dabei zugleich unmittelbar im +Beruf fördern, den Gesichtskreis erweiternd, die Einsicht+ in die Bedingungen der Berufsarbeit +vertiefend+.
Sie bietet wirkliche »+Einführungen+« in die Hauptwissensgebiete für den Unterricht oder Selbstunterricht, wie sie den heutigen methodischen Anforderungen entsprechen. So erfüllt sie ein Bedürfnis, dem Skizzen, die den Charakter von »Auszügen« aus großen Lehrbüchern tragen, nie entsprechen können; denn sie setzen vielmehr eine Vertrautheit mit dem Stoffe schon voraus.
Sie bietet aber auch dem +Fachmann+ eine +rasche zuverlässige Übersicht+ über die sich heute von Tag zu Tag weitenden Gebiete des geistigen Lebens in weitestem Umfang und vermag so vor allem auch dem immer stärker werdenden Bedürfnis des +Forschers+ zu dienen, sich +auf den Nachbargebieten+ auf dem laufenden zu erhalten.
In den Dienst dieser Aufgabe haben sich darum auch in dankenswerter Weise von Anfang an die besten Namen gestellt, gern die Gelegenheit benutzend, sich an weiteste Kreise zu wenden, der Gefahr der »Spezialisierung« unserer Kultur entgegenzuarbeiten an ihrem Teil bestrebt.
Damit sie stets auf die Höhe der Forschung gebracht werden können, sind die Bändchen nicht, wie die anderer Sammlungen, stereotypiert, sondern werden -- was freilich die Aufwendungen sehr wesentlich erhöht -- bei jeder Auflage durchaus neu bearbeitet und völlig neu gesetzt. So konnte der Sammlung auch der Erfolg nicht fehlen. Mehr als die Hälfte der Bändchen liegen bereits in 2. bis 6. Auflage vor, insgesamt hat sie bis jetzt eine Verbreitung von weit über 3 Millionen Exemplaren gefunden.
Alles in allem sind die schmucken, gehaltvollen Bände, denen Professor +Tiemann+ ein neues künstlerisches Gewand gegeben, durchaus geeignet, die Freude am Buche zu wecken und daran zu gewöhnen, einen kleinen Betrag, den man für Erfüllung körperlicher Bedürfnisse nicht anzusehen pflegt, auch für die Befriedigung geistiger anzuwenden. Durch den billigen Preis ermöglichen sie es tatsächlich jedem, auch dem wenig Begüterten, sich eine Bibliothek zu schaffen, die das für ihn Wertvollste »Aus Natur und Geisteswelt« vereinigt.
+Jedes der meist reich illustrierten Bändchen ist in sich abgeschlossen und einzeln käuflich+
+Jedes Bändchen geheftet M. 1.20, gebunden M. 1.50 Werke, die mehrere Bändchen umfassen, auch in +einem+ Band gebunden+
Leipzig, im Januar 1917 B. G. Teubner
Jedes Bändchen geheftet M. 1.20, gebunden M. 1.50
Zum Staat und Recht
sind bisher erschienen:
[Zur Bürgerkunde]
=*Der deutsche Staat.= Von Geh. Justizrat Prof. ~Dr.~ Fr. +v. Liszt+. (Bd. 600.)
=Grundzüge der Verfassung des Deutschen Reiches.= Von Geheimrat Professor ~Dr.~ +E. Loening+. 4. Auflage. (Bd. 34.)
=Deutsches Verfassungsrecht in geschichtlicher Entwicklung.= Von Professor ~Dr.~ Ed. Hubrich. 2. Auflage. (Bd. 80.)
=Das Wahlrecht.= Von Reg.-Rat ~Dr.~ +O. Poensgen+. (Bd. 249.)
=Verfassung und Verwaltung der deutschen Städte.= Von ~Dr.~ M. +Schmid+. (Bd. 466.)
[Politik und ihre Hauptprobleme]
=*Politik.= Von ~Dr.~ +A. Grabowsky+. (Bd. 537.)
=Umrisse der Weltpolitik.= Von Prof. ~Dr.~ J. +Hashagen+. 3 Bde. I. 1871 bis 1907. II. 1908 bis 1914. *III. Die politischen Ereignisse während des Krieges. (Bde. 553/55.)
=Politische Hauptströmungen in Europa im 19. Jahrh.= Von weil. Prof. ~Dr.~ K. Th. +v. Heigel+. 3. Aufl. (Bd. 129.)
=Staat und Kirche= in ihrem gegenseitigen Verhältnis seit der Reformation. Von Pfarrer ~Dr. phil.~ +A. Pfannkuche+ (Bd. 485.)
=Innere Kolonisation.= Von +A. Brenning+ (Bd. 261.)
=Die Ostmark.= Eine Einführung in die Probleme ihrer Wirtschaftsgeschichte. Von Professor ~Dr.~ +W. Mitscherlich+. (Bd. 351.)
=Das Deutschtum im Ausland.= Von Professor ~Dr.~ +R. Hoeniger+. (Bd. 402.)
[Heer und Marine]
=Vom Kriegswesen im 19. Jahrhundert.= Von Major +O. v. Sothen+. Mit 9 Übersichtskarten. (Bd. 59.)
=Der Krieg im Zeitalter des Verkehrs und der Technik.= Von Major +A. Meyer+. Mit 3 Abbildungen. (Bd. 271.)
=Der Seekrieg.= Seine geschichtliche Entwickelung vom Zeitalter der Entdeckungen bis zur Gegenwart. Von K. Freiherrn +v. Maltzahn+, Vize-Admiral a. D. (Bd. 99.)
[Soziale Theorien und Sozialpolitik]
=Soziale Bewegungen= und Theorien bis zur modernen Arbeiterbewegung. Von +G. Maier+. 4. Auflage. (Bd. 2.)
=Geschichte der sozialistischen Ideen= im 19. Jahrhundert. Von Privatdozent ~Dr.~ +Fr. Muckle+. 2 Bände. 2. Aufl. (Bd. 269, 270.)
Band I: Der rationale Sozialismus.
Band II: Proudhon und der entwicklungsgeschichtliche Sozialismus.
=*Marx.= Von Prof. ~Dr.~ +R. Wilbrandt+ (Bd. 572.)
=*Gesundheitspolitik und Gesundheitsgesetzgebung.= Von Obermedizinalrat Prof. ~Dr.~ +M. v. Gruber+. (Bd. 534.)
=*Kriegsbeschädigtenfürsorge.= Von Medizinalrat ~Dr.~ +Rebentisch+, Direktor des Städt. Arbeitsamts ~Dr.~ +Schlotter+, Gewerbeschuldirektor +Back+ und Prof. ~Dr.~ +S. Kraus+. (Bd. 523.)
[Soziale Theorien und Sozialpolitik]
=Arbeiterschutz und Arbeiterversicherung.= Von Professor +O. v. Zwiedineck-Südenhorst+. 2. Auflage. (Bd. 78.)
=Die Reichsversicherung.= Die Kranken-, Invaliden-, Hinterbliebenen-, Unfall- und Angestelltenversicherung nach der Reichsversicherungsordnung und dem Versicherungsgesetz für Angestellte. Von Landesversicherungsassessor +H. Seelmann+. (Bd. 380.)
=Grundzüge des Versicherungswesens.= Von Professor ~Dr.~ +A. Manes+. 2. Auflage. (Bd. 105.)
=Die moderne Mittelstandsbewegung.= Von ~Dr.~ +L. Müffelmann+. (Bd. 417.)
=Die wirtschaftlichen Organisationen.= Von Privatdozent ~Dr.~ +E. Lederer+. (Bd. 428.)
=Die Konsumgenossenschaft.= Von Professor ~Dr.~ +F. Staudinger+. (Bd. 222.)
[Frauenfrage]
=Die moderne Frauenbewegung.= Ein geschichtlicher Überblick. Von ~Dr.~ +K. Schirmacher+. 2. Auflage. (Bd. 67.)
=Die Frauenarbeit.= Ein Problem des Kapitalismus. Von Professor +R. Wilbrandt+ (Bd. 106.)
[Einführung in die Rechtskunde]
=Moderne Rechtsprobleme.= Von Geh. Justizrat Professor ~Dr.~ +J. Kohler+. 3. Auflage. (Bd. 128.)
=Die Jurisprudenz im häuslichen Leben.= Für Familie und Haushalt dargestellt. Von Rechtsanwalt +P. Bienengräber+. (Bd. 219, 220.)
[Strafrecht]
=Strafe und Verbrechen.= Geschichte u. Organisation des Gefängniswesens. Von Kgl. Strafanstaltsdirektor ~Dr. med.~ +P. Pollitz+. (Bd. 323.)
=Die Psychologie des Verbrechers= (Kriminalpsychologie). Von Kgl. Strafanstaltsdirektor ~Dr. med.~ +P. Pollitz+. 2. Aufl. Mit 5 Diagrammen. (Bd. 248.)
=Verbrechen und Aberglaube.= Skizzen aus der volkskundlichen Kriminalistik. Von Amtsrichter ~Dr.~ +A. Hellwig+. (Bd. 212.)
=Moderne Kriminalistik.= V. Amtsr. ~Dr.~ +A. Hellwig+. (Bd. 476.)
[Bürgerliches Recht]
=Das deutsche Zivilprozeßrecht.= Von Justizrat ~Dr.~ +M. Strauß+. (Bd. 315.)
=Testamentserrichtung und Erbrecht.= Von Professor ~Dr.~ +F. Leonhard+. (Bd. 429.)
=Der gewerbliche Rechtsschutz in Deutschland.= Von Patentanwalt +B. Tolksdorf+. (Bd. 138.)
=Das Recht an Schrift- und Kunstwerken.= Von Rechtsanwalt ~Dr.~ +R. Mothes+. (Bd. 435.)
=Das Recht des Kaufmanns.= Von Justizrat ~Dr.~ +M. Strauß+. (Bd. 409.)
=Das Recht der kaufmännischen Angestellten.= Von Justizrat ~Dr.~ +M. Strauß+. (Bd. 361.)
=Die Miete nach dem BGB.= Ein Handbüchlein für Juristen, Mieter und Vermieter. Von Justizrat ~Dr.~ +M. Strauß+. (Bd. 194.)
+Die mit * bezeichneten und weitere Bände befinden sich in Vorbereitung bezw. unter der Presse.+
Aus Natur und Geisteswelt
Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen
430. Bändchen
Der Weg zur Zeichenkunst
Ein Büchlein für theoretische und praktische Selbstbildung
von
~Dr.~ Ernst Weber
München
Mit 82 Abbildungen und einer Farbtafel
Druck und Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin 1913
~Copyright 1913 by B. G. Teubner in Leipzig~
Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechts, vorbehalten
Vorwort.
Dies Büchlein ist kein Methodenwerk, das dem Zeichenunterricht in irgendeiner Schule Richtlinien und Beispiele geben möchte. Es ist für den +Selbstunterricht des einzelnen gedacht+. Gerade hierfür besteht nach meiner Erfahrung ein Bedürfnis. Schon öfters bin ich darum ersucht worden, einmal zu sagen und zu zeigen, wie ich mir die Fertigkeit erworben habe, mit wenig Strichen zeichnerisch auszudrücken, was sich mündlich und schriftlich gar nicht in solcher Kürze und Eigenart zum Ausdruck bringen läßt. Diesem Wunsche suche ich in diesem Büchlein zu entsprechen. »+Weg zur Zeichenkunst+« nennt es sich, weil es in einem schrittweisen Nach-und-nach jenem Zeichnenkönnen -- in diesem schlichten Sinne bitte ich das Wort »Zeichenkunst« zu verstehen -- zuführt. Und »+der+ Weg zur Zeichenkunst« soll es heißen dürfen, weil nicht nur mein Pfad bezeichnet wird, sondern weil auf Grund psychologischer und geschichtlicher Erwägungen die heute geltenden Grundsätze des Zeichnenlernens überhaupt mit dargestellt wurden.
Das Büchlein ist in erster Linie für jene Lehrer gedacht, die während ihrer Bildungszeit und später in Amt und Würden keine Gelegenheit fanden, sich zeichnerisch zu schulen, und die doch den neuzeitlichen Anforderungen gern entsprechen möchten. Dann aber auch für alle jene -- wes Standes und Alters sie auch sein mögen --, die keine andere Hilfe erreichen können, sich künstlerisch zu vervollkommnen, als einen literarischen Wegweiser. Ihnen möchte mein Büchlein mit Rat und Tat zur Seite stehen.
München, im August +1913+.
=Ernst Weber.=
Inhaltsverzeichnis.
I. Theorie. Seite
1. Abschnitt: +Der Bildungswert des Zeichnens+ 1
2. Abschnitt: +Der Zeichenunterricht einst und jetzt+ 6
~A.~ Der alte Kurs 6
~B.~ Der neue Kurs 12
3. Abschnitt: +Die zeichnerischen Darstellungsweisen+ 15
4. Abschnitt: +Der rechte Weg+ 21
5. Abschnitt: +Der rechte Stoff+ 27
II. Praxis.
6. Abschnitt: +Die Vorstufe+ 29
7. Abschnitt: +Die anschauungsgemäße Darstellung+ 36
~A.~ Flächenhafte Darstellung 36
Schmückendes Zeichnen 43
~B.~ Körperhafte Darstellung 48
1. Linienperspektive 48
Die wissenschaftliche Darstellung 54
2. Licht und Schatten 57
~C.~ Farbige Darstellung 66
8. Abschnitt: +Das künstlerische Vorbild+ 74
Bücherschau 79
I. Theorie.
Erster Abschnitt.
Der Bildungswert des Zeichnens.
Wer heutzutage den Blick auf die Fülle von zeichenmethodischer Literatur richtet, die alljährlich auf den Markt geworfen wird, der fragt sich unwillkürlich, ob es denn überhaupt der Mühe wert ist, sich so ausgiebig mit einem Fache zu befassen, das jahrhundertelang gar nicht zu den regulären Unterrichtsfächern zählte. Ob zeichnerische Betätigung wirklich den Nutzen bringen kann, den man sich davon erwartet? Ob es nicht Zeit- und Kraftverschwendung ist, eine Tätigkeit, ohne die man früher recht wohl auskommen konnte, so stark zu betonen und zu kultivieren? Und unwillkürlich fragt man nach den eigentlichen Gründen, die unsere Zeit zu ihrer Stellungnahme geführt haben.
Es war zunächst ein mehr außerhalb der eigentlichen Bildungsziele gelegener Zweck: Der heimischen Industrie, dem Kunstgewerbe, sollte aufgeholfen werden. Deutschland wollte im Wettbewerb mit den übrigen Nationen erfolgreich bestehen können. Indem man jedoch daran ging, gleich den Engländern und Amerikanern, den Zeichenunterricht in den Dienst des wirtschaftlichen und nationalen Zwecks zu stellen, mußte man einsehen, daß ein rechter Erfolg nur dann erzielt werden konnte, wenn die Reform von Grund aus vorgenommen wurde. Wenn nicht nur gewerbliche, nicht nur wirtschaftliche Ziele und Zwecke angestrebt, sondern wenn die eigentlichen künstlerischen und pädagogischen Aufgaben in den Vordergrund gerückt würden. Von jeher hatte sich auf dem Gebiete der Erziehung und des Unterrichts der Grundsatz bewährt: +Außerpädagogische Nebenziele finden ihre Verwirklichung da am besten, wo die Hauptkraft den innerpädagogischen, den Bildungs- und Erziehungsfragen zugewandt wird+. Das gilt auch vom Zeichenunterricht. Verfolgt man mit ihm in erster Linie gewerblich-technische Ziele, so gerät das Fach in Gefahr isoliert zu werden und zu veröden.
Wer unterrichtlich etwas leisten möchte, muß vor allem zweierlei beachten: die +Natur des Menschen+, der gebildet und erzogen werden soll, und die +Natur des Unterrichtsfaches+, in dessen Sphäre er sich Wissen und Können aneignen möchte.
Fragen wir in unserem Falle zunächst, was die Natur des Menschen fordert, so werden wir finden, daß zwar nicht jeder, der zeichnen lernt, ein Kunstschreiner, ein Dekorationsmaler oder ein Gewerbler im allgemeinen Sinn werden möchte, wohl aber ein ganzer, voller Mensch. Körper und Geist sollen gebildet werden, und es fragt sich zunächst, ob der Zeichenunterricht diese Aufgabe zu leisten vermag.
Kann der Zeichenunterricht +körperlich+ bilden? Zeichnerische Tätigkeit setzt ohne Zweifel eine Menge von Muskeln in Bewegung, wenn auch nicht in dem Maße wie Turnen, wie Klavier- oder Violinspiel, wie Schreinern und Schlossern, Rudern und Schlittschuhlaufen. Zeichnen ist in besonderem Maße +Hand- und Fingergymnastik+. Höher jedoch ist sein Wert für die körperliche Erziehung als +Bildungsmittel der Sinne+ einzuschätzen. Zeichnen ist eines der vornehmsten Mittel zur +Bildung des Gesichtssinnes+. Auge und Hand, beide erfahren durch zeichnerische Tätigkeit eine eigenartige Schulung.
Und zwar käme wieder ein Doppeltes in Frage: Die Welt des Sichtbaren als +Ein-+ und als +Ausdruck+. Dem künstlerisch geschulten Auge schenkt die Welt eine Menge von Erlebnissen, die dem ungeschulten Blick unerlebbar bleiben. Linien und Farben, das Reich des Lichtes und der Schatten, die eigenartigen malerischen Schönheiten einer Landschaft, einer Straße: auch dem Laien fallen die Bilder auf die Netzhaut seines Auges; aber was ihm ein Neben- und Durcheinander von Farben bleibt, die weder Gedanken noch Gefühle künstlerischer Art auszulösen vermögen, das wird für den Betrachter mit geschulten Augen ein Quell fortwährender Freuden und Entdeckungen. Wer mit Künstleraugen in die Welt schaut, dem offenbart sie sich in einem neuen, eigenartigen Lichte. Das naive Sehen wird ein Sehen mit Bewußtsein, ein künstlerisches Fühlen und Schauen. Die Phantasie entfaltet ihre Schwingen, und die Seele fühlt sich erfrischt und gestärkt wie in einem Jungbrunn neuen Lebens. Künstlerische Schulung bedeutet Daseinsbereicherung, Lebensergänzung.
Darin aber liegt der eigentliche Bildungswert, den ein rechter Zeichenunterricht vermittelt: in der +geistigen+ Wirkung, in der +seelischen+ Förderung, die nirgends ausbleiben kann, wo jenes sensualistische Unterziel, die Schulung von Auge und Hand, in rechter Weise angestrebt wird. Der innere Mensch, das Ich, die Persönlichkeit erfährt eine Steigerung, eine eigentümliche Lebenserhöhung. Der Verstand wird geschärft; denn es gehört eine nicht geringe Menge intellektueller Schulung dazu, die einzelnen Gesetze richtig zu erfassen. Der Geschmack erfährt seine Bildung und Verfeinerung. Die Freude am Wahren und Echten, der Haß gegen alles Falsche und Gekünstelte werden rege. Und mit ihnen das rechte Wollen und Streben. Es ist eine Willensleistung ersten Ranges gewesen, als ein Meister wie Dürer, dem die Seele voll war von gewaltigen Ideen, bei Herstellung seiner Kupferstiche Tausende von Strichen und Strichlein, Punkten und Pünktchen mühsam einritzte und eingrub, und es wirkt läuternd und aneifernd, diese Arbeit im kleinen zu beobachten, wie es erhebend und läuternd wirken kann, den Gedanken- und Gefühlsreichtum unserer großen Kunst in sich aufzunehmen.
Ist das +Auge+ vornehmlich Werkzeug für den sichtbaren +Eindruck+, so spielt hinwiederum die +Hand+ als Organ des sichtbaren +Ausdrucks+ in der Bildungsarbeit eine hervorragende Rolle. Es ist heute, nachdem die Arbeitsschulbewegung sich dieser Aufgabe in einer Weise angenommen hat, die zuweilen übers Ziel hinausschoß, nicht mehr in dem Maße wie früher nötig, auf den Wert manueller Bildung hinzuweisen. Es war ein Unrecht, jahrzehntelang einem einseitigen Intellektualismus, einem ausgesprochenen Gedächtnisdrill zu huldigen und die Arbeit am Konkreten, vor allem die zeichnerische und plastische Darstellungs- und Gestaltungslust des Kindes zu vergessen. Die Gegenwart denkt anders darüber. Sie würdigt auch hier die starke +geistige+ Förderung, die manuelle, besonders zeichnerische Ausdruckstätigkeit zu bieten vermag. Sie weiß, es ist nicht bloß Fingerübung oder Handgeschicklichkeit, wenn ein einfaches Baumblatt charakteristisch gezeichnet werden soll. Sie weiß, es gehört auch +denkende+ Überlegung zur ersten Anlage, es gehört ein Sinn für die Schönheit der Form, es gehört künstlerisches Empfinden für die Akkuratesse der Berippung, es gehört ein starkes Maß von Energie für Bewältigung der ganzen Aufgabe. Verstand, Gefühl und Wille -- auch im zeichnerischen +Ausdruck+ finden sie ihre Schulung. Die gewissenhafte Durchführung der zeichnerischen Darstellung verspricht einen fleißigen Arbeiter. Wie im Stil des Aufsatzes, so offenbart sich auch im Stil der Zeichnung der Entschlossene und der Verzagte, der Ordentliche und der Schlumper, der peinlich Saubere und der Schmierer.
Beides -- Kultur des Auges und der Hand, zeichnerischer Eindruck und zeichnerischer Ausdruck -- dienen jedoch nicht nur dem eigenen Ich; sie werden gleichzeitig Mittel zur Eroberung der +Umwelt+: der +Natur+ wie der +Kultur+.
Der Natur im weitesten Sinn: Wer ein künstlerisch geschultes Auge, eine zeichnerisch geschickte Hand sein eigen nennt, der wird die Außenwelt nicht nur mit anderen Augen betrachten als der künstlerisch ungeschulte Laie, er wird sie auch +genauer+ beobachten. Er wird Dinge sehen, die dem andern einfach unsichtbar bleiben. Er wird sich einen Schatz von Form- und Farbenvorstellungen im Gedächtnis aufspeichern, von denen der Laie nichts weiß. Diese genaue Beobachtung wird ihn nicht nur zeichnerisch, nicht nur künstlerisch fördern, sondern auch +wissenschaftlich+. Es ist eine lebendigere Art von +Naturkunde+, als sie die Wissenschaft durch systematische Übersichten, durch Begriffe und Zahlen allein vermitteln könnte. Diese Art der Naturbeobachtung ist in der Regel stark gefühlsbetont. Sie ist das rechte Mittel, +Liebe zur Natur+ in dem Beobachter zu wecken. Der Künstler malt -- wie Schwind es einmal ausdrückt -- all seine Liebe mit in das Bäumchen hinein, das er im Bilde darstellt. Die ganze Umwelt gewinnt für die künstlerische Betrachtung einen eigenen Schimmer, eine Art poetischer Verklärung. Dadurch weckt sie das Interesse für die Erscheinung in einem weit stärkeren Grade, als es die abstrakt wissenschaftliche Betrachtungsweise ohne bildhafte Anschaulichkeit zu leisten vermöchte.
Aber auch in +kultureller+, in wirtschaftlich-sozialer Hinsicht hat in einer Zeit der Technik, wie es die unsere ist, zeichnerische Schulung von Auge und Hand hervorragende Bedeutung. Es sei nur darauf verwiesen, daß ein rechter Zeichenunterricht manches künstlerische Talent, das ohne Anleitung leicht verkümmern würde, erst entdecken hilft. Die Schule hat freilich nicht die Aufgabe, künftige Künstler zu erziehen. Wichtig aber erscheint die Tatsache, daß mancher Schüler, der in wissenschaftlicher Hinsicht nichts Nennenswertes zu leisten vermag, zuweilen als Zeichner hervorragendes Talent verrät und durch diese Erkenntnis vor verfehlter Berufswahl bewahrt bleibt.
Die Künstler selbst aber dürfen sich von einem künstlerisch gerichteten Zeichenunterricht ein urteilsfähigeres Publikum erwarten. Ein geschultes Auge begnügt sich nicht mit schlechter Fabrikware. Es hat nur Freude am Gediegenen, Ursprünglichen. Der künstlerisch Gebildete wird bei seinen Möbeln die Schönheit nicht in verlogenem Prunk, sondern in ihrer Zweckmäßigkeit und Brauchbarkeit suchen. Die Nachfrage nach dem Guten wird sich mehren; die Kauflust der Masse wird wachsen. Bei Bildern wird man nach wirklichen Meistern greifen; den Wert der Originale wird man würdigen lernen. Der Kunstmarkt, der mit dieser Nachfrage, mit dieser Kauflust rechnen muß, wird seinen Einfluß auch auf das künstlerische Schaffen selbst ausüben. Echte, bodenständige Kunst wird häufiger zu finden sein. Das gleiche gilt für Industrie und Gewerbe.
Die künftige Generation soll jedoch nicht nur in ihrer Eigenschaft als Reproduzentin von einer künstlerischen Bildung Förderung erhoffen dürfen; auch die Schaffenden und Arbeitenden, die Handwerker und die Gewerbetreibenden, die Beamten und die Studenten -- kurzum, alle Berufe, deren Angehörige eine Schulung des Auges und der Hand nötig haben, werden durch einen richtigen Zeichenunterricht neue Möglichkeiten gewinnen, ihre Berufsarbeit wirksam zu unterstützen, und neue Ideen für Ausgestaltung dieser und jener Leistung gewinnen. Es gibt kaum einen Beruf, der nicht einmal in die Lage käme, mit zeichnerischen Darstellungsmitteln ausdrücken zu müssen, was sich mit Worten eben nicht ganz verdeutlichen läßt. Ganz abgesehen vom Handwerker, vom Schneider z. B., der zur Kreide greift, bevor er den Anzug zuschneidet; vom Zimmermann und Maurer, die des gezeichneten Planes bedürfen -- auch der einfache Bauer, der an seinem Wagen oder an seinem Schweinestall etwas ändern lassen will oder der seinem Knechte verdeutlichen möchte, wo im Walde er die Klafter Holz zu suchen hat, tut sich leichter, wenn er mit ein paar Strichen das Nötige erklären kann. Es ist in der Tat viel Wahrheit in der Äußerung, die der blinde Maler Gérard de Lairesse gegen Ende des 17. Jahrhunderts seinen Schülern in die Feder diktierte: »Es ist das Zeichnen zu allen Professionen, die durch das Urtheil oder Vernunfft und mit dem Gesichte verrichtet werden, dienlich: ja, ich dürfte fast sagen, daß keine Kunst und Wissenschaft in der Welt seye, oder die Zeichnung sei ihr so nötig, als die Hand zum essen.« Das kommt besonders in der Großstadt dem Lehrer einer Abschlußklasse zum Bewußtsein, sobald es sich darum handelt, für die austretenden Schüler die rechten Lehrstellen ausfindig zu machen. Neben guter Schulung im Lesen, Schreiben und Rechnen ist es in erster Linie zeichnerische Fähigkeit und Fertigkeit, was viele Handwerksmeister von ihren künftigen Lehrlingen verlangen.