Der Weg ohne Heimkehr: Ein Martyrium in Briefen
Part 7
Gestern nachmittag, wir fuhren, Wagen und Karawane, in enggeschlossenem Zug, uns vor Überfällen der Beduinen zu schützen (am Vorabend waren deutsche Schahturs überfallen worden, und es gab acht tote Araber), ein wenig schweigsam, denn es war spät geworden, stand plötzlich in der Abenddämmerung ein seltsames Zeichen am Himmel. Ein langer, geschwänzter Strich wie die helle Schnur einer Peitsche. War es der rauchende Schweif einer Sternschnuppe oder spiegelte sich der leuchtende Lauf des Euphrat in den Wolken wider? Alle Blicke waren auf den blassen Himmel gerichtet, wo es unverändert fast zehn Minuten verweilte. »Das ist ein Zeichen des Friedens,« sagte eine Stimme. Mir aber schien es eine feurige Geißel, die über der Erde stand. Unwillkürlich neigte ich den Kopf, als müßte ihr sausender Schlag auch über mich und unsere kleine Karawane herabfallen, die mühsam und gedrückt über den steinigen Grund dahinzog.
Abu Kemal. Dreizehnter Tag. Abends 5 Uhr.
Heute nur acht Kilometer zurückgelegt. Kahle, steinige Uferhöhen, die wir nur langsam hinaufklimmen, verwahrloste Wege. Weite violettschimmernde Hochebene, durch die der Fluß stahlgrau dahinzieht. Überall liegen lose Brocken zerstreut, als wäre ein ungeheurer Steinregen herabgefallen. Gegen Mittag raste Hassan, der Führer der Kutscher, mit seinem Wagen in das ausgetrocknete Bett eines Flusses. Alle Pferde bluteten. Zwei Räder waren völlig zerbrochen, und der Wagen schleppte sich, auf den Speichen rumpelnd, mühsam bis in den Chan. Gestern ging ein Maultier mit allem Gepäck in den Fluß, konnte aber gerettet werden. Ein Pferd, das beim Tränken über die Uferböschung stürzte, wurde abgetrieben. So gibt es täglich Verzögerungen. Wir werden zwei Tage hierbleiben.
El Gahsim, den 6. Oktober.
Bei Sonnenuntergang unter dem Dach einer weidengeflochtenen Hütte. Neben mir vor einem Feuer von Eselsmist hockt ein blinder Araber. Über mir an den Zweigen hängt in einem leinenen Beutel der Koran. Ein ungeheurer Staubsturm hat die Ebene mit einem schwarzen Mantel bedeckt. Wir hatten eben abgekocht, als die Wolke plötzlich über den Horizont sprang, Blitze wie feurige Flammen. Von den hohen Wellen des Euphrat wurde der Schaum so weit durch die Luft gewirbelt, daß wir glaubten, es begänne zu regnen. Zu meinen Füßen liegt alles durcheinander, das noch fettige Geschirr, die Beutel mit Reis und getrockneten Aprikosen, das rote Fleisch der angeschnittenen Melone, alles mit einer Schicht von grauem Staub bedeckt. Ich fühle ihn zwischen Lippen und Zähnen. Heute wurde unser Lämmchen geschlachtet. Ich hatte es Mona Lisa getauft, und es sprang und meckerte lustig auf unsern Halteplätzen umher. In meinen Mantel gehüllt, versuche ich auf einer Reihe von Kisten zu schlafen. Als ich wieder aufwache, ist klare Nacht. Der blinde Araber steht draußen im Mondschein auf seiner Matte und betet. Die toten Augen sind in das geisterhafte Licht gerichtet, unbeweglich, als schaute er in eine wunderbare Landschaft. Nun sehe ich es auch. Da beugt er den Kopf und fällt in die Kniee.
Salichie, den 7. Oktober. Nachts 12 Uhr.
Einsame Herberge in der Wüste. Ich lehne, die Wache haltend, am Tor der verlassenen Karawanserei. Draußen dämmert die endlose Ebene. Der volle Mond steht am Himmel. Es ist so hell, daß ich ohne Mühe schreiben kann. Vom Hof tönt das Husten der brustkranken Pferde, nur unterbrochen von dem Heulen Hassans. Sie haben ihm den Rücken und die Sohlen blutig geschlagen, weil er im Basar von Ana die eisernen Ersatzteile der Wagen verkauft hat, die die türkische Kommandantur für uns requiriert hatte. Von Fußtritten verfolgt, schleppt er sich von einem Winkel in den andern.
Ich trete in einen fensterlosen Raum der Karawanserei. Als ich Licht mache, leuchten mir von der berußten Gipswand in großen deutschen Buchstaben die Worte entgegen: »Wo waren wir gestern?« Betroffen bleibe ich stehen, leuchte mit dem Streichholz die Wand ab. Ich zähle acht verschiedene Sprachen. Hier ist eine Trommel mit gekreuzten Schlägern an die Mauer gezeichnet. Deutsche Namen darunter und das Datum: den 28. August 1914. Daneben: Ankunft dritter Zug von Ekbatana, den 2. Januar 1915. Reise von Teheran nach Bagdad und Stambul, Baruch Josephsberg, 77. Reg. Lemberg. Marga Imre, _5 Magyarka, honvéd 13. IV. 16_. Marie Stirting, Erna Erickson de Bender Abas _le 23. Julliet 15 en route pour Beirut_. Dann die Inschrift eines englischen Gefangenen: _Happy he, who return. London, Holting-street._ Die Unterschrift ist nicht zu entziffern. Namen, Namen. Deutsche, englische, französische, ungarische, türkische, arabische, hebräische, schwedische Inschriften. Es nimmt kein Ende. Wie seltsam berührt es mich, viele Tagereisen weit in der Wüste all jene mit zahlreichen Zungen zu mir reden zu hören, die gleich mir diese tote Stille durchwandert haben, die vom Golf oder aus russischer Gefangenschaft die endlose Reise über die persischen Berge und durch die Wüste machten, von Hitze und Kälte gepeinigt, eine Nacht in diesem fensterlosen Raume zu schlafen. Wo sind sie, die mit verrostetem Nagel dieses in den Mörtel der Wand gruben? Hier hat einer sein Vaterhaus, von Bäumen beschattet, an die Wand gezeichnet. Neben manchem Namen ist ein kleines Kreuz gemalt, heimkehrende Kameraden haben es hinzugesetzt, dreimal sind sie den Weg durch die Wüste gezogen. An der gegenüberliegenden Wand steht eine arabische Inschrift: »O Ali, Sohn des Hassan, ich habe Wasserrinnen nach dir vollgeweint.« Darunter auf Türkisch: »In Bagdad und Umgegend habe ich drei Monate im Elend gelebt. O Allah, gib uns Barmherzigkeit und Frieden. Osman Hakki Tefik, Hauptmann im Generalstab. Salichie, den 4. Tamus 1333[3].«
Als ich wieder hinaustrete, schlägt mir die Nacht kalt entgegen. Ich gehe vorsichtig zwischen den schlafenden Menschen und Tieren hindurch, die zusammengekauert am Boden liegen. Ermüdet setze ich mich auf den Leib des toten Esels, der am Nachmittag gestorben ist. Bis hierher schleppte er die blutgeschwollenen Glieder, aber als die Maultiere, von ihrer Traglast befreit, den wunden Rücken im Staube wälzten, erhob er sich nicht wieder. Und ich denke an den Weg zurück, den wir alle gewandert sind, denke an meine Toten und wie sie mich ständig begleiten. Wenn ich am Tage in der hellen Sonne hinter der Karawane herschreite, winkt mir ihr Gepäck vom Rücken der Maultiere herab. Dunkel leuchtet ihr Name auf den hellen Kisten, dem traurigen Rest ihrer Habe, den ich mit mir zurück in die Heimat trage, als ginge ich wie der Gläubige hinter dem Leichnam her, den er in heiliger Erde bestatten will, ihren geliebten Schatten in Deutschland zu begraben. Des Abends am Feuerloch ist mir, als müßte ich wie in früheren Tagen mit ihnen die Mahlzeit teilen. Ich blicke in ihr Gesicht: »Bist du es, alter Freund und Wüstengefährte? Willst du Brot? Magst du Tee?« ... Ich fühle ihre Nähe, die mich umgibt, die stille Gemeinschaft derer, denen wir nicht mehr weh tun können. Ich schlafe in ihrem Schatten.
[Fußnote 3: der Hedschra.]
Fröstelnd lehne ich mich über den aufgetriebenen Leib des toten Tieres, mit der Hand seinen Hals liebkosend, der noch eine leichte Wärme trägt. Wieder steigt jener freundliche Gedanke des Friedens vor mir herauf, und während ich einsam in der unergründlichen Weite sitze, ist mir, als könnte ich deutlich auf das künftige Europa hinabsehen, wie auf ein heiteres Gebäude, das sich mit freundlichen Zimmern und Gärten vor mir ausbreitet. --
Zwei Uhr nachts. Es ist Zeit zum Wecken. Ich reiße den Kutschern die Mäntel fort, die sich zitternd zwischen ihren Futtersäcken erheben. Nun habe ich noch eine Stunde Ruhe, aber die Fledermäuse, die im Gebälk flattern, lassen mich nicht einschlafen. Bald gehe ich hinter der Karawane her. Vor mir raucht die unabsehbare Ebene. Und wieder denke ich: o sie liebten dich nicht, du grauer einsamer Boden, alle, die ihren flüchtigen Namen an die zerbröckelnde Wand dieser Herberge schrieben. Sie dachten: Deutschland, oder England, oder Schweden ... irgendwo dort hinten an eine geliebte und menschenbelebte Scholle, zogen vorüber und fluchten dir. Ich aber fühle deine grenzenlose Weite in meinem Herzen. Fühle in mir deine Sonne, deinen Wind, deine Sterne. Fühle, wie mit jedem Schritt meine Seele lebendiger und froher wird, als wanderte ich vom Tode zurück in das Leben.
Abu Herera, den 11. Oktober.
Der letzte Leichnam? Als wir in die verlassene Karawanserei treten, die von Unrat und üblen Gerüchen erfüllt ist, liegt er in der offenen Tür. Die ausgehungerte Gestalt eines zwölfjährigen armenischen Knaben. Mit strohblondem Haar, den Leib bis auf die Knochen abgemagert, Hände und Füße wie Keulen. Nur der linke Arm steckt noch in Lumpen. Als ich an den Fluß trete, finde ich viele Gräber, zahllose alte Feuerstellen. Ist dieses das Ende einer furchtbaren und grausamen Jagd?
Wieder tritt jener Auszug eines vertriebenen Volkes vor meine Augen, durch dessen schmerzliche Lager ich im vergangenen Jahr mit erschrockener Seele geirrt bin. Bald begegnen wir den ersten Flüchtlingen. Die Ränder aller Wege sind mit ihren Knochen besät, die grell in der Sonne bleichen. In Maden treffen wir das erste Lager. Kinder und Frauen umdrängen unsern Wagen, schlagen sich wund um ein Stück Brot oder eine leere Melonenschale. In Tibini haben sie einen kleinen Basar errichtet. Bäcker, Fleischer und Schuster sitzen in der grellen Sonne unter den ausgespannten Lumpen eines zerrissenen Tuches auf dem nackten Steinboden und bieten ihre Ware aus. Einen türkischen Offizier sah ich beim Garkoch ein gebratenes Stück Fleisch kaufen, und nicht ohne Bewunderung dachte ich: sie haben dich in den Tod getrieben, du aber bietest deinem Mörder für einen Metalik noch in der Wüste ein Stück Fleisch an!
Bei Rakka, in einem völlig verwahrlosten schmutzigen Lager, traf ich einen dreizehnjährigen Knaben. Er hatte seine Mutter und seinen Bruder verloren, nur sein Vater lebte. Er hieß Manuel. Einen weißen Lappen gegen die Sonne um den Kopf gebunden, lief er, auf auf einem Kuhhorn blasend, lachend zwischen den Haufen der Hungernden, Kranken und Sterbenden umher, die reglos dalagen oder, dem Wahnsinn nahe, ihren Kot als Speise verzehrten. Seine wohlgebaute, noch kräftige Gestalt, sein offenes Gesicht gefielen mir. Ich wollte ihn in unsern Wagen nehmen, um ihn mit nach Deutschland zu bringen. Seine geraden Augen leuchteten dunkel zu mir auf. (Meine Mutter, dachte ich einen Augenblick, ich will dir einen neuen Sohn schenken!) Ich ließ mich zu seinem Vater führen, einem Händler aus Alexandrette, den sie zum Wächter des Lagers gemacht hatten, weil er lesen und schreiben konnte. Aber obwohl sein Gesicht sich vor Freude verklärte, war er so müde und abgestumpft, und seine Angst vor den Gendarmen, die Furcht um das eigene Leben waren so groß, daß er keinen Ausweg finden konnte.
Da ging ich selbst zu dem arabischen Aufseher. Ich saß zwei Stunden auf seiner Matte und bot ihm den Rest meiner Barschaft an. Aber sie wollten ihn nicht freigeben. Ich versprach, in Aleppo bei Hakki Bey, dem Leiter der Ansiedlungen, für ihn zu bitten. Wieder und wieder drückte ich ihre Hände, ich sagte: ich werde in Deutschland an Euch denken. Manuel begleitete mich bis an den Ausgang des Lagers. Er wollte versuchen, in der kommenden Nacht unserer Karawane nachzulaufen. Aber ich glaube nicht, daß es ihm gelingen wird, unter den Flintenschüssen der Gendarmen zu entfliehen.
Mes kene, den 15. Oktober.
Als es Abend wird, sitze ich mit dem Priester Père Arslan Dadschad in der offenen Tür seines Zeltes, und sie erzählen mir von ihren Leiden. Von den 800 Familien der Stadt, mit denen sie auszogen, von den vielen Tausenden, die er in der Wüste begraben hat, darunter dreiundzwanzig Priester und einen Bischof. Ihre Blicke schreien mich an. »Du bist doch ein Deutscher«, sagen sie, »und mit den Türken verbündet ... so ist es also wahr, daß ihr selbst es gewollt habt!« Ich schlage die Augen herab. Was kann ich ihnen erwidern, um sie Lügen zu strafen? Aus einer Tasche seines Gewandes, in einen zerlumpten Fetzen gehüllt, holt der Priester sein Christuskreuz, und als er es andächtig mit Küssen bedeckt, kann ich, von Rührung ergriffen, mich nicht enthalten, es gleichfalls an die Lippen zu führen, dieses Kreuz, das der Zeuge so vielen menschlichen Kummers und Leidens gewesen ist.
Ich sehe nach den abendlich rauchenden Zelten und dem hellen Mond, der über der dämmerigen Ebene aufsteigt. Das alles ist so anheimelnd, daß ich mir einen Augenblick ein friedliches Bild vortäuschen könnte. Frauen in geschürzten Unterröcken und offenen Blusen machen einen kleinen Abendspaziergang. Das Geschrei spielender Kinder tönt herüber. Da höre ich wieder ihre ängstlich forschende Stimme: ob ich Armenier in den Städten am Euphrat getroffen habe? »... Wir werden sterben, wir wissen es.« Er deutet auf sein zerlumptes Gewand: »_Une fois j'étais un prètre, maintenant je suis un mouton, qui va à mourir._«
Ich gehe im Dunkel an den Fluß hinunter. In einer Schlucht finde ich einen Haufen übereinandergetürmter Menschengerippe. Weiße Schädel, die noch mit Haaren bedeckt sind, ein Becken, die Brustrippe eines Kindes, zierlich gebogen wie eine Spange. Einen Augenblick überkommt mich eine dumpfe Verzweiflung, die mir die Tränen in die Augen treibt, als müßte ich alle Hoffnungen, alle Keime der Liebe vernichten, die mich je an das Lebendige banden. Unendlich märchenhaft aber fließt der Fluß in die weite Einsamkeit hinaus, in den unterspülte Erdschollen zuweilen donnernd hinabfallen, und an dessen Ufern ich verlassen dahinschreite, als wäre ich der letzte Mensch.
Der Hafir, den 16. Oktober.
Eine grüne Oase, Weide mit Lämmerherden. Ich liege, o Wunder, unter einem Baum und sehe das Licht durch die schmalen Blätter scheinen. Heute ist mein dreißigster Geburtstag. Zum dritten Male, seit ich von Hause fortzog, sehe ich diesen Tag sich wenden. Seit dem frühen Morgen wandere ich in der hellen Sonne dahin, den Blick nach dem hohen Himmel gerichtet, dort hinten, wo die Stadt aufsteigen soll, nach der wir so lange Wochen gewandert sind, der Liebe voll und der starken Hoffnung des kommenden Lebens. Mit welcher Freude verzeichnet das Auge das Auftauchen jedes neuen Gegenstandes. Ein plätscherndes Wasser, eine Blume, einen Regentropfen. Schwarzblaue Wolken beschatten den Himmel, und wieder bricht die Sonne hindurch. Altweibersommer fliegt uns durch die Steppe entgegen -- die weißen Haare Europas, das in Gram und Elend früh gealtert ist.
Aleppo, den 19. Oktober. Bei den deutschen Schwestern.
Als das schwarze Haupt der Zitadelle sich hinter den sanften Erdwellen aufreckt, geraten die Pferde in schnellere Bewegung. Lächelnd neigen die Kranken sich aus den Wagen, deren hölzerne Kästen mit zerrissenen Planen klappernd in die steinernen Straßen rollen, windbrüchige Schiffe, die den letzten Sturm überstanden. Wir haben die Bahnlinie erreicht, die uns wieder mit Stambul verbindet.
Mein erster Gang führt mich zu den Schwestern. Sie haben für die armenischen Flüchtlinge zwei Häuser eingerichtet, die mit Waisenkindern überfüllt sind, die an der Straße liegen blieben. Die meisten kommen aus Van oder Erzerum und waren länger als sechs Monate unterwegs. In den ersten Wochen war der Hof so dicht von dem nackten Gestrüpp ihrer Scharen überwuchert, daß sie sich gegenseitig zu ersticken drohten. Als man das Haus reinigte, fand man im Brunnenschacht die Leiche eines Kleinen, der zwischen der Wildnis der Menschen dort schweigend verschwunden war. Auch Frauen und Männer halten sich unter ihnen versteckt. Ich habe angefangen, ihre Schicksale aufzuzeichnen, wobei Schwester Beatrix mir als Dolmetscher dient. Nur mühsam beginnen sie aus Schwäche und Angst vor neuen Leiden zu reden, bis die Fülle ihres Elends sie fortreißt und sie in Tränen ausbrechen.
In den letzten Tagen habe ich zahlreiche fotografische Aufnahmen gemacht. Man erzählt mir, daß Dschemal Pascha, der Henker von Syrien, bei Todesstrafe verboten hat, in den Flüchtlingslagern zu fotografieren. Zusammengerollt trage ich diese Bilder des Entsetzens und der Anklage unter meiner Bauchbinde versteckt. In den Lagern von Meskene und Aleppo sammelte ich viele Bittbriefe, die ich in meinem Tornister verborgen habe, um sie an die amerikanische Botschaft in Konstantinopel zu bringen, da die Post sie nicht befördern würde. Ich zweifle keinen Augenblick, damit eine hochverräterische Handlung zu begehen, und doch erfüllt mich das Bewußtsein, diesen Ärmsten wenigstens in einer schwachen Hinsicht geholfen zu haben, mit dem Gefühl größeren Glückes als jede andere Tat es vermöchte.
Konia, den 28. Oktober. Im Bade.
Heute ist der neununddreißigste Tag, seit wir Bagdad verließen. Da der Zug über Mittag liegen bleibt, gehe ich ein paar Schritte in die herbstliche Stadt. Müde setze ich mich in die verlassene Moschee, hocke mich in einer Nische auf den Boden, lege den Daumen hinter die Ohrläppchen und fange zu grübeln an. Bald kommen die Leute und Soldaten von der Straße herein. Ein paar Vögel zwitschern in der Kuppel, die Stimme des Vorbeters klingt, von tiefem Schweigen unterbrochen, durch den Raum. Einen Augenblick denke ich, von einem Schwindel der Gefühle erfaßt: Gott, wo bist du? So schlafe ich ein und erwache erst, als das Bethaus leer ist, und wie zur Antwort singt eine grenzenlose Öde durch den Raum.
In weiße Tücher gehüllt, liege ich auf der Ruhebank des Bades. Nur gedämpft klingt der Lärm der Stadt herüber, ein blaues Licht fällt durch die Decke herab. Noch brennt mir die Haut von dem heißen Seifenwasser, und verwundert schaue ich mein sonnenverbranntes Gesicht im Spiegel, den langen Bart, der mir in der Wüste gewachsen ist. Zuweilen aber sinke ich in Träume, dann steigt gewaltsam und furchtbar ein Werk vor mir auf, von dem ich glaube, daß es zu dem Grausamsten gehören muß, was je über menschliches Elend geschrieben wurde.
Ehe ich Aleppo verließ, ging ich in das Polizeigebäude, um bei dem Leiter der Ansiedlungen für Manuel zu bitten. Aber obgleich er drüben in seinem Amtszimmer saß und ich seinen Kopf durch die Scheiben erblickte, ließ er mir durch den Diener sagen, er wäre verreist. In allen Gesichtern, die aus den Türen sahen, wohnte ein feiges Gewissen. Ich ließ mich bei seinem Vertreter melden. Alle waren sehr höflich, und wie immer bot man mir eine Schale Kaffee an. Doch während ihm Angst und Lüge deutlich in die Augenwinkel geschrieben stand, wagte er doch zu behaupten, mit der Frage der Ansiedlungen hätten sie nichts zu schaffen. So trat ich, ohne ein Wort meiner Bitte vorgetragen zu haben, wieder hinaus, die Treppe hinunter, an den Polizisten vorbei, die mit falschen Gesichtern in den Winkeln standen.
Von Neuem breitet der Badewärter ein frisches Laken über mich. Ein wohliges Gefühl entfesselt alle Glieder. Aber schon im Halbschlaf sehe ich noch einmal die bloßen braungebrannten Füße des armenischen Knaben vor mir, die schon so viele Meilen in die Ferne gewandert sind. Seine dunklen Augen blicken fragend zu mir auf ... Manuel wird in der Wüste sterben. Ich habe ihn nicht wiedergesehen.
An die Großmutter
Kospoli, den 12. November 1916. An Bord des Corcovado, Goldenes Horn.
Nur diesen Gruß, mein greises geliebtes Haupt, nur dieses Wort, daß ich da bin, tausend Stunden näher an Deinem Herzen! Nichts mehr von Undank und Bitterkeit! Nichts von Vergangenheit, nichts von Zukunft! In dieser Stunde nur Freude! Daß ich zurückgekehrt bin mit unerhörten Reichtümern des Geistes und Herzens, mit unersetzbaren, märchenhaften Schätzen des Leides. Nun da ich hier bin, gerettet, um das Martyrium dieses Weges, für mich und alle Opfer, die er gekostet hat, immer von neuem zu durchleben, fühle ich, wie hinter mir die Wüste zu wachsen beginnt, Meilen und Meilen wandernd in das Ewig-Ungewisse hinein. Nun erst erkenne ich, wie fern, wie fremd ich Euch war. Aber ich fühle auch, wie in mir das Wiedergeborene sich aufhebt, wie tausend Stricke mich rufen: Spanne dich ein, den Schatz zur Höhe zu winden, den zu entdecken du in so weite Tiefen hinab mußtest!
Sollte es mich dem gegenüber bedrücken, daß dieser Krieg noch immer nicht in sich selber zusammenbrach? Daß ich, zwischen unüberbrückbare Widersprüche und Welten gesetzt, mich zweifelnd umschaue, wohin ich die Schritte bewegen soll, vor mir die Hölle der Somme, in meinem Rücken die Wüste? In dem Rumpf eines alten Schiffes wohnend, in dessen Kajüten man die deutschen Soldaten einquartiert hat und das rostig, von Seemuscheln bedeckt, im Goldenen Horn vor Anker liegt, trete ich zuweilen an die Reeling. Und zwischen abgetakelten Seegelbooten, zwischen schwarzbauchigen Dampfern, deren eingeschlafene Schrauben von Seetang bedeckt sind, zwischen Schornsteinen, Brückenpfeilern und Speichern sehe ich die grauen Leiber der Schlachtschiffe schimmern. Ja, vielleicht werde ich morgen, von denen fortgeschickt, denen ich so lange gedient habe, dort über das Fallreep treten, die Hände an der Naht und die Füße zusammengeschlagen, mit der Bitte, mich anzumustern, wieder wie in Knabentagen eine Matrosenbluse und einen Schifferknoten zu tragen, von Seewind umjubelt. Aber dahinter steht ein anderes Bild, und die Hand auf das Geschütz oder die Fahne gelegt, inmitten des grauen Kasernenhofes einer herbstlichen Stadt, höre ich mich mit anderen die Worte sprechen: »Ich, Armin Wegner, schwöre zu Gott dem Allmächtigen und Allwissenden einen leiblichen Eid, daß ich seiner Majestät dem Könige von Preußen zu Lande und zu Wasser ...« hier aber wird es plötzlich still um mich, und umgeben von einem kalten Schweigen höre ich einsam, als wären sie etwas Fremdes, Losgelöstes, von meiner Lippe die Worte fallen: »Daß ich niemals einen Menschen töten werde, an welchen Orten der Erde es immer sei! Niemals das Geschütz oder Gewehr gegen meine fremden Brüder zu richten. So wahr mir Gott helfe!«
Da streift helle Sonne mein Gesicht. Ich sehe, wie die dunkle Welle, in die mein Blick noch eben träumend versenkt war, blauleuchtend zu blitzen und zu schäumen anhebt. Und ich begreife aus den Erfahrungen einer langen Jugend heraus, daß ich nicht mehr traurig sein darf, daß nie wieder etwas aufstehen kann, mich zu beugen oder zu brechen, so fratzenhaft Rätsel auch immer vor mich hintreten mögen, die zu lösen fast übermenschlich scheint und deren Ungelöstheit doch den Tod bedeutet. Sind wir nicht immer auf einer Reise begriffen? Ist die Küste nicht stets von Nebel verhüllt? Wenn ich des Nachts in meiner engen Schiffskabine liege, und mein Blick trifft aufwachend auf die Matratze des darüberliegenden Kameraden und die engen hölzernen Wände dieses vermodernden Kastens, in dem es nach Schwefel und Wanzen riecht, dann ist mir, als wäre ich, wie in vergangenen Jahren, auf irgendeiner abenteuerlichen Fahrt begriffen, als müßte ich beim ersten Schlagen der Glocke auf Deck und an die Brüstung eilen, eine fremde, märchenhafte Küste zu schauen oder ein grünes Ufer der Heimat, an dem auch Dein weißes Haar wehte wie eine seidene Fahne des Friedens.
Wird es morgen sein? Wieviel Jahre werden vergehen? O, ich begreife, daß ich ein Recht habe, glücklich zu werden ... Freude! In dieser Stunde nur Freude! Nichts von Vergangenheit, nichts von Zukunft! War nicht jede See, die wir durchschwammen, nur der Vorbote eines größeren Meeres, in das wir uns stürzten, des geretteten Lebens froh und der neugewonnenen stärkeren Kräfte? O schöpferische Tat des Geistes, Kraft der Seele, die aus gemartertem Dasein geläutert emporsteigt, und du, gewaltigste Pflicht, die ich mich freudig bereite zu erfüllen, beglänzt von der Sonne des dreißigsten Jahres, zu schaffen, zu leben für Dich, mich, uns alle!
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