Der Weg ohne Heimkehr: Ein Martyrium in Briefen

Part 6

Chapter 63,777 wordsPublic domain

Arabische Knaben erhoben die helle Stimme zum Gesang. Die Seele, des schwebenden Schrittes entwöhnt, stürzte in sich zusammen. Neben mir knieten zwei gefangene Engländer in ihrem lehmfarbenen, sauber gebürsteten Waffenrock; ich blickte auf die Leidenslinie ihrer jungen Gesichter, und wie ich sie so an meiner Seite sah, die Kette des Skapuliers über die Schultern gehängt, die sie beschützt hatte vor Krankheit und Tod, vor den Gefahren der Schlacht, in dunkler Gefangenschaft, wie sie fern von der Heimat, die liebliche Heiterkeit englischer Dörfer vor Augen, die Gesichter betend hinter der mageren Hand verbargen, wurde die Stimme des Brudertums so laut in mir, daß es mir Mühe machte, die Tränen zurückzuhalten.

_Laudemus omnes in Domino diem festum celebrantes sub honore beatae Mariae Virginis._

Als ich wieder aufsah zu dem palmengeschmückten Bilde, fand ich ihr Gesicht zum zweitenmale verändert, als blickten alle, die in dieser Kirche versammelt waren, arabische, armenische und chaldäische Christen, griechische Kaufleute, deutsche Offiziere, verwundete, kranke und gefangene Soldaten, Frauen, Kinder und Greise mit mir empor zu der Mutter des Menschengeschlechts, die die gesegnete Frucht ihres Leibes umklammert hielt, sie liebevoll hinter dem schützenden Mantel zu bergen. Und ich sah Leid, Kummer, Zorn und Verzweiflung in den Lichtern ihrer Augen stehen, zwei spitze, schwertheiße Flammen. Da erkannte ich die Menschheit, die von Schmerzen zerrissen und fluchbeladen mit mir in diesem Raume kniete, eine stumme, untröstliche Gemeinde, die gekommen war, an ihrem Bilde um Vergebung zu bitten.

_Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!_

Dumpf tönte das Aufschlagen der Hände gegen die Brust.

Da aber klang in unendlicher Versöhnung ihre erlösende Stimme aus der Höhe herab: »Ich habe Frucht getragen wie ein Weinstock, ich gab von mir süßen Geruch. Ich bin die Mutter der schönen Liebe, der Furcht, der Erkenntnis und heiliger Hoffnung. In mir ist Gnade jeglichen Weges, jeglicher Wahrheit. Kommt zu mir alle, die ihr mein begehrt, an meinen Brüsten werdet ihr gesättigt werden. Mein Geist ist süßer denn Honig, meine Erbschaft köstlicher denn Honig und Honigseim. Mein Andenken bleibt in ewige Geschlechter. Die mich essen, werden noch hungern, und die mich trinken, werden nach mir durstig sein.«

_Alleluia, alleluia. Per te, Dei Genetrix, nobis est vita perdita data: quae de coelo suscepisti prolem et mundo genuisti Salvatorem. Alleluia._

Die silbernen Schellen erklangen, der Priester küßte das goldgeschmückte Buch, Weihrauchwolken erhoben sich zum Gewölbe der Kirche. Eine süße Wehmut stieg auf in meiner Brust, und aus ewigen Gründen hörte ich eine Stimme sagen: »Lege von Dir den Rock, der mit Schmutz und Eiter bedeckt ist. Laß liegen den Kranken auf seinem Bett, auf seiner Bahre den Verwundeten, den Sterbenden in seinem Blut. Auch Du bist berufen, ein Jünger zu sein, auf Erden das Reich Deiner Mutter aufzurichten, ein Baumeister der Liebe unter den Völkern und eine leise Stimme der Zukunft. Hatte ich nicht in Dein Herz die Gabe der Liebe gelegt, die Gewalt der Rede, die ich Dir geschenkt hatte? Hättest Du nicht aufstehen sollen, Deine Hände gegen den Mund zu legen, sei es auch gegen eine Welt kalter Gerechtigkeit, um zu sterben unter dem Hasse der Menge, ein Narr des Edelmutes, eine Heldenstimme der Unvernunft? Du aber gingst hin, verschlossest den lebendigen Strom des Gewissens, weigertest Speise und Trank Deinen Worten, die hinter dem Gehege Deiner Zähne dahinstarben wie gefangene Tiere. Du Knecht der Stummheit! Du Verbrecher des Schweigens! Du Dieb der Wahrhaftigkeit!«

_Regina mundi dignissima et mater perpetua intercede pro nostra pace et salute._

Aber zum dritten Male aufschauend erblickte ich hinter dem palmengeschmückten Bilde den Leib des Gekreuzigten, mit Blut bedeckt, die Hände von Nägeln zerschlagen, und erkannte in ihm das Bild dieser Erde, die, in Kriegen verstümmelt und von grenzenlosem Elend verzerrt, sich einen Leichnam zum Sinnbild ihrer höchsten Verehrung gemacht hat. Sie drängten hinzu mit gierig geöffneten Lippen, ich sah, daß ihre Seele ein reißendes Tier war, die verschlang das Kind Deiner Liebe, das Du geboren hast, die trank von dem heiligen Blute des Bruders und wurde trunken davon. Ihre Nahrung war der Leib eines Toten.

_Accipite et manducate, hoc est enim corpus meum, quod pro vobis tradetur._

Und von grenzenlosem Schmerze erfaßt, drängte ich hinaus, ein Betäubter, den ein Stein vor den Kopf getroffen. Noch auf der Straße, inmitten der Menge, die um die Tische der Bazare war, unter Handwerkern, Kaufleuten, unter Juden und Mohammedanern, Christen, Bettlern und Soldaten, während durch die offene Tür die Orgel in den Lärm des Marktes klang, schrie es auf in mir: »O Du erhabene Mutter des Menschengeschlechts -- sie beten Dich an, aber sie durchbohren Dir das Herz! Wer soll uns erlösen, wenn Du es nicht bist, Mutter? Aus Deinem Schoße wachsen die Kinder der Welt. Stehe auf aus den tausend Müttern der Erde, erhebe Dich aus den Millionen Herzen, die gelitten haben! Verschließe den Schoß, der so viele Leben geboren hat, laß versiegen den Quell Deiner Brüste! Stehe auf aus den volkreichen Städten Deutschlands; aus den Kathedralen von Frankreich, aus der Finsternis englischer Fabriken erhebe Deine Stimme! Aus den Wäldern Indiens, aus den Zelten arabischer Wüsten, den verschneiten Hütten russischer Dörfer beginne den Klagegesang. Aus der toten Verlassenheit anatolischer Felsenhöhlen, aus dem traurigen Wohnzimmer der Witwe, die in ihrem hölzernen Käfig dahinsiecht, aus der steinernen Klippe am Hang sizilianischer Felsen, wo die Stimme des Meeres in das Singen der Wiege klingt, laß Deinen Ruf laut werden, halte nicht länger zurück das Gewitter Deines Zorns und der Verzweiflung! Hebe Dich auf aus den Tiefen der Trauer und Einsamkeit, lege Deine Hände vor das Antlitz des Todes, und laß den Lärm der Schlachten verstummen, daß die Welt rein werde von den Greueln des Blutes. Denn Deine Kinder sind schwach und untreu ihres Gelübdes. Sie lernten es wohl, das eiserne Rohr zu führen, aus dem die teuflische Kugel fliegt, aber untüchtig sind sie und feige für die Arbeit des Brudertums. Sie achteten Deiner nicht, gingen hin und verrieten das Wort Deiner Liebe. O gib Brot und Speise denen, die hungern, gib einen Vater den Kindern wieder, nicht länger laß einsam sein den Schlaf des Weibes. Aus ihren weißen Betten steigen die Gebete der Kinder zu Dir auf, und aus den Gräbern noch blühen die Hände der Toten. Denn Dir gehört alle Herrlichkeit der Erde, Mutter, alle Kraft der Liebe, alle Barmherzigkeit!

_Qui audit te non confitetur et qui operantur in te non peccabunt. Qui elucidant te, vitam aeternam habebunt. Ave Maria!_«

An Carl Hauptmann

Kriegslazarett Kasim Pascha, den 3. September 1916.

Welchen Balsam haben Ihre Worte in meine Wunden getan! Wohl weiß ich, daß jeder Brief ein Pfeil ist, der in das Ungewisse fliegt, von dem wir nicht ahnen, in welchem Lande, zu welcher Stunde er niederfällt; der Ihre aber traf mich mitten im Herzen. Mir ist, als erwachte ich für Augenblicke aus tiefem Schlaf. Daß es noch eine lichtere Landschaft gibt, als die flache Ebene dieses Daches, wo ich meinen Tisch zwischen die Betten gestellt habe, und die flackernde Kerze, die von dem Atem der Kranken bewegt scheint, um Ihnen zu schreiben; wo ich im Schlafkleid unter dem hellen Mond seltsame Wache vor dem Tode halte, der unsichtbar in den Adern der Menschen umhergeht, der jeden Tag mit weißem Gesicht glühend am Himmel heraufsteigt und seine seltsamen Inseln, Kamel-, Pferde- und Stierleichen, die aufgelösten Leiber toter Soldaten mitten durch den Strom der Stadt treibt, daß wir nie vergessen, daß wir auch hier in den Laufgräben des Krieges schlafen.

Wenn ich zurückdenke an das Leben, das ich einstmals geführt habe, an die stille Tafelrunde der Geister, die diese Zeit so lange hungernd von ihrer Mahlzeit scheuchte, so befällt mich oft eine stille Angst, daß dies alles nur ein merkwürdiger Traum war, der niemals Wahrheit besessen. Daß ich nie ein anderes Zimmer bewohnte als diesen einäugigen Raum, dessen Scheiben mit Papier verklebt sind, in dessen Winkel an einer aufgespannten Schnur meine Wäsche und meine Kleider hängen, in der die Koffer geschlossen und die Teppiche in Ballen gepackt liegen, als gelte es, jede Stunde des Aufbruchs gewärtig zu sein. Hat es auch für mich Wandernden einmal Heimat gegeben? Wann geschah es, daß ich auf etwas anderes blickte als gleißende Backsteinbauten oder in das sandige Auge der Wüste? Der stille Gleichmut des Landes hat seine tröstende Hand auch auf mich gelegt. Die Flamme des Zornes ist herabgebrannt, ich habe lächeln gelernt, was mich noch gestern in Empörung versetzte, begreife ich mit ergebener Anmut. Wie oft muß ich an meinen arabischen Diener denken, der jede Frage mit einem »Warum« beantwortet. »Ist das Essen fertig?« -- »Warum soll es nicht fertig sein?« -- »Hast du meine Stiefel geputzt? Ist Reis, sind Tomaten da?« -- »Warum nicht, Sahib?« Und wenn ich ihn darnach fragte, würde er nicht antworten: »Warum sollst du in Deutschland sein? Kannst du mir sagen, weshalb diese Erde besser sein sollte, als sie es ist? ...« Aluan wird 17 Jahre alt, ist zum zweiten Male verheiratet und hat zwei Kinder auf dem Friedhof liegen. Seit ich in den Tagen meiner Krankheit an seinem feindlichen Unbegreifen so oft in hilflose Verzweiflung geriet, hatte ich nie geglaubt, daß wir einander menschlich so nahe kämen. Wir beide haben manches von einander gelernt.

Einmal besuchte ich ihn im Hause seines Schwiegervaters in Kazimen, lag die heißen Stunden des Mittags in seiner ländlichen Hütte auf der besten buntgedruckten Matratze, die er auf dem Erdboden ausgebreitet hatte, und deren Muster ich noch immer auf der Rückseite meines Hemdes trage. An der Wand hingen die kostbaren Frauenkleider aus grüner und roter Seide, und während ich schlief, kamen Kälber und Eselinnen, mit kauenden Mäulern, und berochen mit großen Augen den Gast. Bei dieser Gelegenheit sah ich auch Aluans starke und wohlgebaute Frau, zu der er jede Nacht eine Stunde weit von Bagdad nach Kazimen läuft, um erst im Morgengrauen wiederzukehren.

Zuweilen fahre ich mit ihm nach der Insel hinaus, um zu baden. Hinter der Stadt bildet der Strom eine breite Sandbank, auf der Fellachen ihr Gemüse bauen. In meinem zeltüberdachten Boote versteckt, die persische Mütze auf dem Kopf, gleite ich heimlich aus der Stadt, denn ich bin ein scheuer Fremdling unter den Leuten des eigenen Volkes geworden. Dann breite ich meinen Teppich auf den Sand der Insel, ziehe mein baumwollenes arabisches Überkleid an, lese im Homer, im Herodot, im Goethe oder der Bibel, die meine nie versagenden Tröster sind; denn ich bin nun ganz zurückgekehrt zu den ewigen Menschheitswerken, die jenseits alles Ruhmes und Streites dieser Zeit liegen. Neben mir, auf den Fersen sitzend, hockt Aluan, und nachdem er lange geschwiegen hat, lächelt er nachdenklich. »Ja, siehst du, Sahib,« sagt er zu mir, »das ist der Unterschied. Ich habe eine Frau und kein Essen. Du hast Essen und keine Frau.« Auch hier spricht die Stimme des Menschlichen zu mir, und mit leiser Rührung betrachte ich die sanfte Neigung seines Kopfes, wenn er mir zuhört, oder die zärtliche Geste, mit der er nach einem Zipfel meines Kleides hascht, seine Lippen darauf zu drücken und mir für eine Kupfermünze zu danken.

Aber ich habe noch andere Brüder, die heimkehrend in den Stunden des Abends auf mich warten. Hinter der Brücke am Wasser liegt die kleine Moschee. In den Nächten des Ramadan bin ich der Gast der alten Mollahs. Hier ist Munir, der Erleuchtete, ich sitze zu seinen Füßen und lausche auf seine Stimme. Einmal fragen sie mich nach meinem Namen. Ich sage ihnen, wie ich heiße; seitdem rufen sie mich »Tarik«. Wir lesen einander Gedichte in arabischer und deutscher Sprache vor, und obwohl keiner des anderen Worte versteht, hören wir doch einander zu und sind voll Andacht.

Mein arabischer Diener, die alten Gelehrten im Schatten der Moschee und Pater Joseph, mit dem ich das Dach meines Hauses teile, sind nun meine einzigen Freunde geblieben, vielleicht noch ein sterbender Hund, den ich am Wasser, krank und mit Wunden bedeckt, zwischen dem Lärm der Bootsführer und Wasserträger ganz in sich versunken, die geheimnisvolle Arbeit des Todes verrichten sehe. Aber die Stunden sind selten, da ich in ihrer Mitte bin. Ich habe aufgehört, mir selbst zu gehören, in eine Reihe inhaltsloser Tage gedrängt, ein bodenloses Gefäß, das leer wurde, noch ehe wir es zu füllen begannen. Nicht immer ohne Bitterkeit trage ich diese Stunden und die Demütigungen, die mit meiner Arbeit verbunden sind; denn auch hier gilt nur, wer zu töten berufen ist, und ein liebender Menschenpfleger ist im Grunde eine verächtliche Gestalt. Möchte mir nur die Liebe derer bewahrt bleiben, denen ich, meiner selbst kaum mächtig, die letzte Kraft meiner Hände reiche.

Während ich diese Zeilen schreibe, blicke ich vom Dach in den Hof auf die lange Reihe ihrer Betten hinab, wo sie, ihrer Decken entblößt, nebeneinander liegen, das eine Knie in die Höhe gezogen, als stiegen sie noch im Schlaf eine unendlich mühsame Treppe hinauf. Und ich höre wieder die Stimmen der deutschen Soldaten, die, heimgekehrt aus der Wüste, mir von den bitteren Mühen ihres Lebens erzählen, wie sie hier, am »Hintern der Erde«, von Hunger, Krankheit und Heimweh zernagt, der letzten Hilfe, des Beistandes ihrer Offiziere beraubt, die sie ohne Grund in der Glut der Mittagsstunden in der sommerlichen Wüste Schanzen werfen ließen, in einer »türkischen Fremdenlegion« dienten. Noch gestern saß ich an dem Bett eines sterbenden Offiziers, in dessen letzten Träumen das bittere Gefühl versagter Freundschaft umging, die Scham und der Vorwurf gegen die Kameraden, die, Verbrecher aus Ehrgeiz und Niedertracht, ihren Untergebenen die Liebe verweigerten, die sie ihnen schuldig waren. Nun tönt aus dem Schatten der Mauer die Stimme eines jungen Soldaten, der seinen türkischen Wärter ruft: »Mustapha, Musta -- pha!« leise und kläglich, als riefe er seine Mutter. Ich blicke auf und schaue den schwarzen Strom hinunter, in dem die letzten Lichter der Stadt sich spiegeln, blicke in das Wunder der fallenden Sterne, die wie glühende Geißeln über den nächtlichen Himmel peitschen, die herabsickern, langsam fallende Schneeflocken, silberne Tränen. Jetzt blitzen sie auf, gewaltige lichthelle Kugeln, die eine unsichtbare Hand über die Erde hinabwirft, zu schauen, ob der Krieg noch immer nicht das verwüstete Lager entweihter Unschuld verließ. Sie verlöschen, und wieder wird Nacht. Aus dem Dunkel des Flusses aber tönt die leise Stimme eines arabischen Fischers, der in seinem Boote schlafend den Strom hinabtreibt:

Die große Palme und der kleine Schößling sind dahingegangen, Ich blieb allein zurück.

Mitten in all das kommt Ihr Brief, und ich fahre empor wie ein Schlafwandelnder. Freude! Freude! Aber auch Kummer erfaßt mich. Ich sehe die frischgelöschte Tinte Ihres Namens darunter, als wäre ich eben in der Winterstille durch den Schnee der Berge herabgekommen, trete in das abendliche Zimmer und sehe, wie Sie vom Tische aufstehen und aufhören zu schreiben. Wie ich zu lesen anfange, erkenne ich verwundert, daß ich selber es bin, an den diese Worte gerichtet wurden. Werde ich wirklich noch einmal diese Stube schauen? Wann wird der Tag kommen, da mir und Euch allen die Worte geschenkt sind: »Hier gebe ich Dir Armin Wegner zurück.« Wie anders wird die Gestalt sein und die Seele, die wieder unter die Augen der Freunde tritt. Ihr werdet die ersten weißen Haare auf dem Haupte der Jugend schauen. Denn es ist ein Weg ohne Heimkehr, den wir beschreiten, an dem wir wohnen wie die abgeschiedenen Seelen der Babylonier, deren Nahrung der Staub ist, und die von ihm zurückkehren, tun es nicht ungestraft. Andere Augen sind es, mit denen sie schauen; sie bleiben gezeichnet für den kommenden Tag.

Dennoch glühen unter der Asche dieser Tage purpurne Flammen, die zuweilen urplötzlich hervorbrechen, vor deren geheimer Gewalt ich erschrecke, als wenn sie mich selber vernichten müßten! Ein unbändiges Verlangen ergreift mich, die Schritte hinaus zu setzen, in welche Höhen und Abgründe sie auch führen mögen, fort! fort! verkleidet in das Gewand eines Beduinen, bettelnd, mit Aussatz bedeckt, und sei es auch, um in der Wüste zu sterben. Aber schon höre ich die Schritte der Häscher im Hof, die mir das Blut in den Adern erkalten lassen. Wohin? Wohin? ... Einst sagte mir ein arabischer Wahrsager, den ich im Staub der Straße um meine Zukunft befragte, indem er die Würfel auf eine messingne Schale legte, in die das Zeichen des Widders und des Steinbocks gegraben war: »Was du im Herzen trägst, wird in Erfüllung gehen.« Aber was ist es, das ich im Herzen trage: Tod, Leben, Ruhm oder Untergang, Glück oder Verbrechen? Auch der Gram ist nur eine Stufe der Lust; hinter den härtesten Leiden noch gilt es zu jubilieren wie eine Lerche. Nur eines weiß ich, daß mit mir die Liebe ist, daß sie mich weiter begleiten wird, und sei es auch zu den Abenteuern und Ländern, die jenseits dieses Lebens liegen. »Friede sei mit Dir!« rufen mir die Araber zu, denen ich des Nachts in den dunklen Gassen begegne; mit mir aber geht der Unfriede, mit meinem friedlichen Herzen die Unrast, die mich durch alle Schmerzen der Erde von der Hölle bis zu den Sternen treibt, immer duldend und immer voll Neugier.

Ihr Armin, genannt Tarik, das ist »der des Weges Schreitende«.

Die vierzig Tage und Nächte der Heimkehr

An Pater Joseph

Hadit, den 30. September. Früh ½7, im Schatten eines alten Wasserrades.

Bester Pater! Ihnen den ersten Gruß. Daß es weiter geht. Daß die Erde sich wieder rundet. Als Sie mich bei meiner Abreise baten, Ihnen zu schreiben, schien mir dies freilich ein Wunsch, dessen Erfüllung fern in einer heimatlichen Schreibstube lag. Aber nun ich die ersten Tage durch die Wüste gereist bin, sehe ich, wie sehr meine Gefühle bei Ihnen blieben, wie fremd mir die Heimat noch ist. Dabei denke ich nicht ohne Genugtuung daran, daß ich dieser letzten kurzen Erkrankung, die mich nach den Anstrengungen der vergangenen Wochen zum drittenmal auf das Lager warf, den Aufbruch zur Heimkehr verdanke, die fast noch in der Stunde des Abschieds an dem Mangel an Wagen gescheitert wäre. Dieser Heimkehr, die keine Heimkehr ist; denn auch meine verblutete Seele liegt bei den Toten in der Steppe begraben und wird nie wieder in das Land zurückkehren, das ich vor kaum zwei Jahren verließ. Wie oft muß ich mich unserer erregten Gespräche in den verdeckten Kellern von Mesnil Schah Bender erinnern und jener tröstlichen Worte, die ich Ihnen zurückließ: »Meine Irrtümer sind mir lieber als Ihre Wahrheiten.« Aber ich fühle auch, daß hinter allen Widersprüchen etwas Menschliches lag, das wieder zu zittern anhebt. Ja, jetzt erkenne ich, wie schwer mir der Abschied wurde, seit das letzte Wahrzeichen der Stadt verschwand, jene einsame Grabpyramide, die halb zerfallen hinter Kazimen in der Wüste steht. Zwei Tage sahen wir sie in der Sonne leuchten, dann löste sie sich in Rauch auf.

Heute werden wir zum erstenmal einen Tag rasten. Die Kutscher haben die Splinte aus den Wagen gezogen und sind in das Dorf gegangen; so habe ich Zeit, in Geduld zu warten. Ja, das Menschliche. Wie es mich auch hier auf allen Dörfern und Wegen der Wüste begleitet! Jener oft wiederholte Gruß der Fellachen, jenes »Bruder, Bruder«, mit dem uns die Beduinen die Früchte ihrer Felder reichen, der Bettler die Hand nach uns ausstreckt, scheint mir ein tägliches Gleichnis meiner Gedanken. Oft, wenn ich in die Gasse ihrer lehmgehärteten Hütten trete, gesellt sich ein arabischer Junge zu mir. »Eier! Eier!« ertönt unsere Stimme vor den Türen, dann kommen die Mädchen und Frauen aus den Höfen heraus. Ich bleibe bei den Männern an ihren Webstühlen stehen, mit ihnen zu plaudern (sie hocken in einem Loch in der Erde). Zutraulich legen sie mir die Hand auf die Schulter. Ich sitze bei den Frauen auf ihren Matten, und sie verschleiern sich nicht.

Während aus den tönernen Schaufeln des Wasserrades ein feiner Sprühregen über mich herabfällt, blicke ich nach der schmalen Insel des Euphrat hinüber, auf der zwischen Palmen die Hütten aneinandergedrängt stehen, eine graue Feste. Bronzene Gestalten treten zögernd in das Wasser, das Bündel ihrer Kleider wie einen wunderlichen Turban um den Kopf geschlungen. Und wie ich dem Spiel ihrer Leiber zuschaue, die sich schwer gegen die Strömung beugen, wie sie, ihre Kinder auf dem Rücken tragend, das Ufer hinaufklettern, über das die warme Morgensonne streicht, fühle ich wieder, wie ich trotz Tod und Tränen in dieses Land verliebt gewesen bin.

Täglich streifen wir viele Stunden weit durch seine hungrige Weite. Schon vor Sonnenaufgang, wenn die Pferde noch ungeschirrt an den Wagen stehen, wandere ich zu Fuß hinter der Karawane her. Blaß hebt sich die Staubwolke unter den Tritten der keuchenden Tiere, bis der Tag kommt, und der Schatten ihrer spitzen Ohren deutet auf unseren Weg. Dabei bin ich von einer so überquellenden Heiterkeit und Fülle der Gesichte bewegt, daß es mir kaum gelingt, im Weiterschreiten auf ein zerflattertes Papier ein paar kurze Aufzeichnungen zu machen. Welche Veränderung ist mit mir vorgegangen! Selbst meine Uhr, die seit Monaten still stand, begann drei Tagereisen hinter Bagdad wieder zu gehen. Oder ich lehne in den heißen Mittagstunden im Winkel unseres schaukelnden Pilgerwagens und träume zwischen Wachen und Dämmern von einem großen Manifest des Friedens. Ist es Europa, dem ich mich nähere, das mich so froh macht? Ich glaube, wenn es nach Indien oder Ägypten ginge, ich könnte nicht glücklicher sein.

Gestern, schon in der Dunkelheit, wir waren den ganzen Tag durch löchrigen Boden gefahren, blieb unser Wagen allein in der Steppe zurück. Ich war auf den Bock gestiegen und hatte selbst die Zügel unserer vier Pferde in die Hand genommen, aber die hartgewordene Krume einer ausgetrockneten Wassermulde zersplitterte unter unseren Rädern wie Glas. Die Pferde zogen an, zerrissen die Stränge, zitterten und blieben stehen. Und während der Kutscher mit tränenverzerrtem Gesicht und einem »Hilf Allah« immer wieder vergeblich auf die Pferde einschlug, ging ich im offenen Hemd und meinen weichen Schlafschuhen allein eine Stunde weit unter dem sternenbeglänzten Himmel, das nächste Dorf zu suchen. Wie nahe wart Ihr mir alle, während ich still vor mich hinschritt, einsame Worte mit Euch tauschend. Ich hätte nur die Hand auszustrecken brauchen, um das Schlagen Eurer Herzen zu fühlen. O beglückende Müdigkeit, als endlich auch unser Wagen in den finsteren Hof der Karawanserei rollte, spät unter dem offenen Wind zu schlafen, unter den Kaugeräuschen der Tiere, die zwischen unsern Lagern umhergehen. Dann tönt das Donnern der Wasserräder lauter vom Fluß, und die Glocke des Leithengstes klingt noch lange in unsern Traum ...

Grüßen Sie Aluan, Dschafar und Achmed und die andern kleinen Bootsjungen, mit denen wir hinab nach der Insel fuhren. Gedenken Sie der Lebendigen und der Toten. Und wenn Sie durch jene trümmerbesäte Straße gehen, durch die wir oft im Dunkeln stolperten, so vergessen Sie nicht, daß ich auch diesen Staub unter Ihren Füßen noch liebte.

Die vierzig Tage und Nächte der Heimkehr

Aus dem Tagebuche

Rahije, den 2. Oktober, abends ½6.

Eben im Euphrat gebadet, Grund sehr steinig. Die ersten stärkeren Wolkenzüge treten auf und beschatten die Sonne. Die letzten Palmen sind verschwunden. Vor Ana habe ich mir für zehn Piaster ein schwarzes Lämmchen gekauft. Schon drei Tage schleppe ich es mit mir und habe die größte Freude, es während der Fahrt auf dem Schoß zu halten und zu streicheln.