Der Weg ohne Heimkehr: Ein Martyrium in Briefen
Part 5
Vor zwei Tagen ging ich auf das Armee-Oberkommando, um einen Urlaub nach Babylon zu erbitten. Jemand gab mir einen versiegelten Brief in die Hand, ich lief die Treppe zum Fluß hinunter, um das Boot zu besteigen, und im Hinabschreiten öffnete ich den Umschlag. Als ich den schwarzen Rand erblickte, dachte ich gleich: es ist der Vater. Dann las ich von dem Tode unseres armen Ikarus, der so früh seine Flügel gebrochen hat. Eine Weile später stand ich in dem Hof des deutschen Etappenoffiziers und hörte, wie eine Stimme zu mir sagte: »Was machen Sie für ein Gesicht? ...« Da fühlte ich, von Krankheit und Hitze geschwächt, wie mir die Tränen aufstiegen, und konnte nicht sprechen.
Ich fuhr den Fluß zurück über das opalfarbene Wasser, badende Knaben scherzten am Ufer, der volle Mond erblühte am Himmel. In dieser Nacht schlief ich wenig. Immer sah ich die Gestalt meiner Mutter vor mir, sah eine unendlich zarte, pergamentene Hand, unter der sich die blauen Adern abzeichnen, wie sie inmitten fremder Menschen und der kalten Geschäftigkeit eines ungerührten Soldatenlebens an dem Sarge ihres Kindes stand, mit einer schüchternen Bewegung ihrer weißen Finger über seine blonde Stirne streichend, als wollte sie noch einmal sagen: mein Junge. Und ich sehe uns ältere Brüder mit einem bunten schottischen Kleidchen zwischen uns durch den Garten unseres Hauses rennen, daß uns die kleinen Beine kaum folgen können, blonde Härchen, über denen eine weiße Pudelmütze hing mit einem Ponpon daran. Und ich sehe unsern Bruder nach Hause kommen mit seinem zerbrochenen Ärmchen, dem der Knochen aus dem Gelenk gerissen war, weil er schon so früh seine Seiltänzer- und Fliegerkünste auf den regenglatten Barrieren des Viehmarktes übte, und ich denke, daß er eigentlich immer unglücklich in seinen Unternehmungen gewesen ist. Armer Ikarus! Vielleicht findet meine Mutter heimkehrend zwei braungewichste Schuhe in einem Winkel des Zimmers, blank wie eine Kastanie, einen seidenen Schlips, auf den er stolz war, und ich bin nicht bei ihr, ihr die Tränen von den Wangen zu küssen.
Im Dunkel gehe ich noch einmal an den Fluß hinab. Unter den Palmen haben türkische Soldaten ihre Zelte aufgeschlagen. Sie liegen, ihrer Uniform ledig, in ihren zerrissenen Hemden auf der bloßen, noch warmen Erde, ihre Lämmer, die sie morgen schlachten werden, in ihrem weißen, wolligen Fell am Boden ruhend, zwischen sich; und ich denke, daß auch sie alle nur geopferte Menschen sind. Aber da sehe ich die Gestalt meiner Mutter von neuem zwischen den Zelten auftauchen, blaß vom Mondlicht beleuchtet, und wieder sehe ich diese schmale, blaugeäderte Hand vor mir, die zärtlich nach der Stirne ihres Kindes greift. Ich steige auf das Dach unseres Hauses und werfe mich auf die Decken. Aber ich kann nicht schlafen. Ruhelos liege ich, bis der Mond untergeht.
Gestern bin ich nach Babylon gefahren. Wir reisten die Nacht durch. Ich saß mit Arabern in einem ungefederten Pilgerwagen, der von vier Maultieren gezogen wurde. So rasten wir, von Gendarmen begleitet, durch die Wüste. Einmal an einer Wasserstelle traten einige hinaus, breiteten ihren Teppich auf den Boden und standen zwischen Sonne und Mond über dem ungeheuren Zifferblatt dieser Ebene, das Gesicht gegen den Himmel gerichtet. Wie nahe empfand ich sie mir in dieser Stunde, als sie niederknieten, voll Anbetung diese ewige Erde mit der Stirn zu berühren, und als ich den Wagen bestieg, stolperte ich absichtlich, mit der Hand in den Staub greifend, erschüttert von der Erhabenheit dieser Natur. Um Mitternacht hielten wir an einer Karawanserei. Ich ließ mein Bett auf dem Dache des Hauses ausbreiten, aß etwas Brot und Käse und öffnete meine Kleider dem Nachtwind. Unten bewegten sich Araber phantastisch im Mondlicht, ein kleiner Junge verkaufte Buttermilch aus einem Ziegenschlauch. »Libben, Libben,« sagte seine schläfrige Stimme.
Um zwei Uhr weckte mich mein Diener. Wieder rasten wir im Galopp durch die Wüste, und wie glücklich war ich, die Erde von neuem unter mir gleiten zu fühlen. Kamel- und Ziegenkarawanen schwammen im Zwielicht mit wunderlichen Köpfen an uns vorbei. In der hellen Sonne hob sich die Staubkrone von Babylon aus der Ebene. Wieder dringt eine neue Welt auf mich ein, und zwischen Palmenhainen, Dorfhütten und Ziegelruinen versunkener Riesenpaläste fühle ich zwischen den vielen Unbegreiflichkeiten, die mich unter einem heißen Himmel in ausgebrannter Seele bewegen, auch diese, daß mein Bruder gestorben ist. Vielleicht empfinde ich weniger als ihr den Schmerz dieser Stunde, von den Gesichtern fremder Menschen und Landschaften umstellt, den Schmerz, der vielfach gestaltet in den Straßen der Heimat auf mich wartet, um in der Stunde der Heimkehr über mich herzufallen. Vielleicht hat eigenes Leiden mich müde gemacht, in jenen Stunden, da auch ich abgeschlossen hatte mit meinem Leben, dessen Tagebuchblätter mit vielfachen Zungen zu mir reden, auf deren leergebliebenen Seiten jener Zeit ich nichts geschrieben finde als die Worte: »Meine arme Mutter.« Wann werden meine Augen, die so viel Blut getrunken haben, noch einmal die Tage der Schönheit und des Friedens schauen? Wann werde ich wieder den Duft blühender Veilchen riechen? Fortzugehen aus dieser Welt des Jammers und der Verbrechen, nichts zu sein als ein Baum, ein Stein am Wege, eine Blume im Wind ... o meine Mutter, wer das könnte! Aber glaube mir, daß auch auf Deine Lippen noch einmal ein Lächeln treten wird, wenn aus den Händen Deiner Söhne die starken Früchte erwachsen, die Du ersehntest. Sieh, noch aus den tiefsten Abgründen der Erde wollen wir das Glück der Kommenden in die Höhe bauen, daß Sonne auch um Deine alternde Schläfe spielt, die ich mich zärtlich neige zu küssen. Ach, möchtest Du im Elend so glücklich sein, wie Dein trotz aller Leiden des Körpers und der Seele von tausend starken, unerschöpflichen Gedanken verfolgter Sohn, dessen Liebe bei Dir sein wird immer, immer.
An einen Freund
Hans Feige, gestorben den 2. Februar 1917 zu Sipote in rumänischer Gefangenschaft.
Babel, den 24. Juni 16.
Mein lieber Hans, es scheint, als wenn eine unsagbare Macht mich abhält, meinen Freunden zu schreiben, die im Felde stehen. So erging es mir mit Fritz v. Z., bis er gefallen war, da bereute ich mein langes Schweigen zu spät. Was ist es, das mir die Brücken zerbricht, die zu jenen hinüberführen? Ist es die Unmöglichkeit der Vorstellung, daß Menschen, die das Leben meiner Gemeinschaft führten, in das Rad einer Maschine gespannt sind, die Betätigung eines Handwerks verrichten, das meinem innersten Gefühl so sehr widerspricht? Ist es die Erkenntnis, trotz aller Jahre der Freundschaft, aus Knabentagen heraufgewachsen, trotz aller Gleichartigkeit der Gesinnung irdische und seelische Weiten zwischen sich zu fühlen, die zur Stunde noch unüberbrückbar sind? Ich habe mit stiller Genugtuung Deine Briefe gelesen. Nein, Du bist Dir treu geblieben. Noch zwischen Bajonetten und dem kalten Regen der Schüsse sehe ich Deine Seele tanzen. Noch in Laufgräben und Unterständen sind süße Frauen an Deine Seite gebettet.
Vielleicht schmerzt es mich, daß Du meine letzten Worte so wenig verstanden hast, daß Du Gefühle an Dich gerichtet empfinden konntest, die so sehr anderen Menschen galten. Aber ich will jenes Briefes, auf Krankenbetten, in Bitternissen geschrieben, nicht wieder gedenken. Hier liegen Monate, die der gefolterten Seele Jahrtausende sind. Nur zu lieben, zu schaffen ist meine Seele bereit, zwei Berufe, für die diese Zeit sie schwach und untüchtig gemacht hat. Was soll ich Dir sagen? Wenn ich ein Land wüßte, dem Krieg zu entfliehen, eine Scholle oder die Schroffe eines Berges, noch seinem leisesten Echo fern zu sein oder dem unüberwindlichen Geruch des Blutes, den der Wind über die Erde hinträgt, würde ich, ein Soldat, mit den heiligsten Eiden berufen, Wunden zu heilen und Trost zu sprechen, nicht diese Stätten des Unheils und der vermodernden Schädel verlassen, wortbrüchig, aber treu der heiligsten Pflicht der Seele? Würde ich nicht schwach genug sein, dem Drange nicht länger zu widerstehen in der Unerreichbarkeit der Fremde, sollte ich auch Mutter, Freunde und Geliebte für immer verlassen, für mich, ein Einzelner, das Gebäude des Friedens und der Arbeit neu zu errichten? Und wenn es dennoch einen Ort gab, an dem ich Ruhe fand, eine Stätte, an der ich glücklich wurde, so war es unter dem Dache dieses Hauses, das aus den Trümmern Jahrtausende alter Ziegel erbaut ist, bei dem melancholischen Gesang der Wasserheber, im Schatten uralter Palmen und Maulbeerbäume, den vergessenen Resten des Paradieses, in der Gemeinschaft einfacher und sinnhafter Menschen, Tagediebe und räuberischer Seelen (ja, auch diese noch wage ich zu lieben).
Freilich erschien mir auch hier das Rätsel das gleiche, von dem wir umlauert sind, und nie empfand ich die dunkle Antwort der Erde auf die Nichtigkeit alles menschlichen Tuns so stark, wie auf den zerbrochenen Mauern dieser aus ewigem Schlafe erstandenen Stadt, wenn ich im Abendschatten auf der Höhe dunkelgebreiteter Schutthügel wie auf den Spitzen verlassener Berge zu stehen glaubte und aus den Spalten der silberne Ton einer Blaurake sich hob. Denn auch wir waren bestrebt, höher zu bauen als unsere Väter. Auch wir bauten an einem Turme zu Babel. Auch wir Völker dieser noch atmenden Erde redeten in vielerlei Zungen, waren in Wirrnis geworfen und verstanden uns nicht. Und auch unsere Kinder werden einst einen hohlen Abgrund finden, einen See voll Wasser, über den der klagende Ton einsamer Vögel hinstreicht, wo wir einst gewaltige Mauern errichteten, ragende Türme und unendliche Treppen, in den Himmel zu steigen. Ach, daß wir nicht reif wurden, einen andern Stern zu betreten, da die Erde nicht Raum hat, uns Erlösung zu bringen.
Wo bist Du? In welchem Winkel der Schlachten soll ich Dich suchen, geliebter Gefährte so vieler unwiederbringlicher Jahre? Soll ich auch Dich unter den Toten wiederfinden? Ich fühle, wie es einsam um mich wird. Einsam, da ich noch immer von jugendlichem Stürmen erfüllt bin, da ich erst angefangen habe, zu leben, da ich endlich die Straße fand, nach der ich so lange suchte. Möchte mir die schmerzliche Stunde erspart bleiben, als letzter der Freunde zu sterben.
Vor meinem Fenster, im Uferrasen des Euphrat, gehen junge Araberfrauen, Schößlinge von Palmen im Arm, und wie sie im Schatten der Dorfmauer hinschreiten, gleichen sie sanftfüßigen Boten des Friedens. Möchten die zartfingrigen Zweige ihrer Triebe, ehe sie Wurzel schlagen, seine ersten Tage beschatten. Doch nun sehe ich Dich im Staube der Landstraße dahinziehen, von Sonne und der fröhlichen Schar der Kameraden umgeben, das furchtbare Mordgewehr auf dem Rücken, ein Lied singend. »Der Sohn des Leichtsinns ist immer glücklich!« -- rief mir gestern ein arabischer Eseltreiber zu, der sich lachend auf das mit blutigen Striemen bedeckte Tier schwang, und wenn Kummer und Not und die pedantische Hand des Todes um Dein Haupt sein sollten: bleib mir erhalten, alter Junge!
Brief an die Eltern
Im Palmengarten der Karmelitermönche. Bagdad, den 21. August 1916.
Welches gerechte Erstaunen, welcher Schmerz, Ihr einsamen Seelen, wird Euch erfaßt haben, als Ihr saht, daß ich fast zwei Monate geschwiegen habe. Daß ich von Zwiespältigkeiten, Demütigungen und einer Menge nur halb gelebter Stunden umhergeworfen, mich fast selber vergaß, seit ich Bagdad, dieses verlogene Gebäude von Schmutz, Staub, glühenden Backsteinen, schlechtem Essen und knechtischem Soldatenton von neuem betrat. Denn wir waren kaum aus der »Pfanne von Babel« heraus, als uns schon auf der Straße nach Mauhanil das Unheil mit verbogenen Federn in den Staub warf. Als unser Wagen plötzlich zusammenknickte wie ein Kamel, das sich in die Knie wirft, während die zerlumpten Kutscher unter den Kolbenstößen der Gendarmen mit einem arabischen »das tut nichts« die verbogenen Federn mit Bindfaden wieder aneinanderflickten. Ja, ich glaube, ich verdanke es nur der Güte des Bruders Ägidius, wenn ich im Schatten seiner Feigenbäume noch einmal dazu kam, mich auf mich selbst zu besinnen, wenn ich für Augenblicke zurückschauen kann auf Leiden, Hindernisse und Fallstricke, die ich, ein gehetztes Wild, überspringen mußte, um endlich zur Ruhe zu kommen. Zur Ruhe zu kommen? ... ach, um aufgescheucht, atemlos von neuem durch Gestrüpp und über Abgründe zu stürzen. Denn während ich halb krank durch die Straßen von Bagdad irrte, wie ein persischer Bettelmönch in einem hauslosen Stande lebend, während ich jeden Morgen meine Wohnung wechselte, mit der Last meiner Teppiche und dem zu einem Hausrat angewachsenen Gepäck, während ich in halbzerfallenen Häusern nächtigte, jeden Tag der Stunde der Heimkehr gedenkend, erreichte mich eines Abends der Tagesbefehl vom 26. Juli 1916: »Der Sanitätssoldat Wegner wird in die Cholerabaracken kommandiert.«
Da stand ich im Schein meiner Handlaterne in der Finsternis unseres kleinen Hofes, faltete das Papier zusammen, und mir war, als hielte ich mein Todesurteil in der Hand. Von Fieber und innerem Leiden geschwächt, soeben von den Ärzten eines dreimonatlichen Urlaubs versichert, dennoch von täglichen Verlockungen bewegt und noch gestern bereit, nach Persien oder Ägypten zu wandern, erkannte ich an der Unterschrift dieses Befehls, daß alle Pläne, die ich in den letzten Tagen erwog, mir für immer zerbrochen waren. Niedertracht und Verleumdung, die mit gespreizten Beinen auf den Dächern der Stadt reiten, hatten sich an die Spuren meines Weges geheftet. Der böse Wille eines preußischen Offiziers, der es nicht duldete, daß meine geringe Verachtung vor seiner nur mit einer Schlafhose bekleideten Körperlichkeit sich zu verneigen wagte, statt stramm zu stehen. Denn nach meiner Rückkehr aus Babylon hatte man mich für kurze Zeit in ein fremdes Haus einquartiert, dessen Räume ich kaum betreten hatte, als ein mir unbekannter Deutscher im Türrahmen des Zimmers erschien. An einen vertrauten Umgang gewöhnt, machte ich eine leichte Verbeugung, da er auf seinen nackten, von Schweiß geröteten Schulterblättern die Abzeichen seines Hauptmannsranges in der Tat nicht eintätowiert trug. »Wer sind Sie?« Ich nannte meinen Namen. Er fragte nach meinem militärischen Rang. Ich würde mich schämen, Euch die Worte zu wiederholen, die darauf folgten. Am Abend fand ich das Feldbett, das mein Diener auf dem obersten Dach aufgeschlagen hatte, eine Stufe tiefer aus dem Wind gestellt. Wenige Tage darauf wollte es das Unglück, daß ich, noch immer auf die Ausfertigung meines Urlaubsscheines wartend, mit einer schönen Frau durch den öffentlichen Palmengarten von Bagdad ging, während der deutsche Etappenmajor vor der Kapelle seinen Kaffee einnahm. Schon am nächsten Abend hielt ich diesen Befehl in Händen, der geeignet schien, die Hoffnung auf Heimkehr für immer in mir zu töten.
Mit wie bitteren Gefühlen, wie schmerzlicher Sehnsucht ging ich in dieser Nacht auf der Terrasse unseres Daches umher, wo Pater Joseph, mit dem ich das einsame Haus teilte, sich neben mir auf das von Palmenzweigen geflochtene Bett warf. »Schlafen Sie ruhig,« sprach seine Stimme durch das Dunkel, »ich habe es immer gefühlt, daß über Ihnen eine schützende Hand schwebt.« Ich aber blickte in den nächtlichen Himmel, an dem violett schimmernde Sterne ihr ewiges Spiel begannen. Ich konnte mich nicht losreißen davon, daß dies nicht der Wille der Notwendigkeit war, der mich von neuem auf die Straße des Verderbens stürzte und meinen kaum wiederhergestellten Körper, den ich nicht ohne Mühe auf den Beinen hielt, bald wieder auf das Lager werfen mußte. Mein immer bereiter Wunsch, den Leidenden zu helfen, sah sich gegen eine Mauer haßerfüllter Blicke gestellt, die gerüstet schienen, mich zu vernichten. Aus den weißen Laken der Betten sah ich von neuem die Gebärde der Hilflosigkeit gegen mich Hilflosen gerichtet, die Gesichter des Entsetzens vor mich hingestellt, vielfach und schmerzlich aneinandergereiht, wie ich sie so oft in diesen Jahren gesehen.
Da gedachte ich Eurer und Eurer Liebe, die bei mir war, Ihr einsamen Seelen. Zum ersten Male in meinem Leben, seit vielen Jahren, sah ich Euch beide vereint wie in den Tagen der Kindheit. Eure Augen trugen den alten Glanz, aber Kummer und Sorgen hatten Eure Gesichter gezeichnet. Und von Sehnsucht überwältigt, griff ich zum zehnten Male nach Euren Briefen, aber es waren die alten, tränenbeladenen Seiten, die von dem Tode unseres Bruders kündeten. Wieder sah ich Euch abschiednehmend vor mir stehen, wie Ihr die väterliche und mütterliche Rechte zum letztenmal dem Sohn auf das tote Herz legtet, wie Ihr beide, ein alterndes Zwiegespann, müde an dem verwaisten Herde zurückbliebt.
Mit einer bitteren Verzweiflung ging ich in diesen Tagen von neuem an die Arbeit, bereit, das Letzte zu geben, das in mir war, bemüht um die Schmerzen neuer Menschen, als hätte es irgendwo dort hinten nie ein anderes Dasein gegeben als dieses, das mit bolus alber und trockenem Brot zwischen den Betten umherlief, die mit dem Schmutz der Kranken bedeckt waren. Eines Morgens fand ich in der Schreibstube zwischen den Papieren einen geheimen Befehl an den leitenden Arzt des Lazarettes, der den Vermerk trug: »W. ist so zu beschäftigen, daß ihm jede Lust, in Bagdad spazieren zu gehen, vergeht.« Man stellte mir also nach dem Leben, beraubte mich des höheren Ranges, den mir der Feldmarschall verliehen hatte, zwang mich zu einer Tätigkeit, der ich bei meinem Zustand nicht mehr gewachsen war, und übertrug mir in schändlicher Absicht bei täglich zwölfstündigem Dienst noch drei Nachtwachen in einer Woche. Nur einem Wunder verdanke ich es, daß die Cholera in diesen Tagen nachließ. Ein an Leiden Erblindeter, irrte ich in den gedeckten Kellern dahin, lief mit arabischen Handwerkern durch die heiße Sonne, einen Leichnam in seinen Sarg zu löten, oder stahl mich im Dunkel zwischen den Palmen hinaus, einem Toten drei Handvoll Erde in die Grube zu werfen, mit dem ich noch gestern bei Tische saß. In diesen Tagen lernte ich den Schlaf über alles lieben. Wenn es zuweilen geschah, daß ich des Nachts emporfuhr, schloß ich erschreckt von neuem die Augen: nicht einen Gedanken länger in einer Welt leben zu müssen, die schamlos die Wurzeln aller Taten entblößte, eine Welt zu schauen, die so sehr das Abbild der Selbstsucht und der Zwistigkeit war, von harten Herzen gesteinigt, unter dem niederen Himmel böse blickender Augen, die nicht gewillt schienen, mich mit Liebe zu lohnen. Voll Wehmut gedachte ich der Tage, da ich mit dem Feldmarschall, mit Sven Hedin und dem erfahrenen Herzoge von Mecklenburg zu Tische gesessen, da ich ihnen im abendlichen Lichte des Tigris vorgelesen, gedachte der achtungsvollen Worte ihrer Freundschaft, der liebenden Geste, mit der sie mir die Hand reichten. Es war weder Ehrgeiz noch Beschämung, die mich erfaßten, daß ich mich plötzlich so herabgesetzt sah und in den Kreis der Enttäuschung geführt (bin ich nicht immer der Gast der Armut gewesen?), aber es schmerzte mich, Verleumdung und niedriger Vergeltung zu begegnen, wo ich zu halbem Erstaunen oft Liebe und herzliche Erkenntnis fand. Der Strom der Bosheit hatte auch mich ergriffen. Ich sah, wie er immer weitere Kreise zog, mich immer weiter hinwegführte von meinen Freunden.
Ach, ich wußte es wohl, die mich liebten, lagen unter den Toten draußen oder kehrten enttäuscht und ungläubig in die Heimat zurück. Und eines Mittags, nachdem ich die Nacht Wache gehalten, lief ich in die Wüste hinaus, das Grab meines Stabsarztes zu suchen. Aber ich irrte vergeblich in glühenden Winden zwischen Aas und zerfallenen Hügeln umher, bis ich im Staube kauernd den blinden Wärter des Friedhofes fand, der, mit greisen Händen über den Buckel der Gräber tastend, lange zwischen den zerfallenen Steinen umherlief, mich endlich vor eine kahle Stelle zu führen. Enttäuscht blickte ich auf die entblößte Stätte dessen, den ich geliebt hatte, die so Unvergeßliches für mich barg, von denen betrogen, die mir während meiner langen Krankheit oft ihr Wort gegeben, dafür Sorge zu tragen. Nicht ein Zeichen der Erinnerung war mir geblieben, als der traurige Schatz meines Herzens, mit dem ich Trostloser zurücklief in die Stadt.
Und ich ging durch den schlafenden Bazar, dessen hundert Augen geschlossen lagen, denn es war Feiertag, und dessen schmale Gänge sich in finsterer Einsamkeit dehnten, bis der Zufall mich in eine verlassene Karawanserei führte, wo alte Teppiche, Möbel und Waffen vergangener Jahrhunderte aufgespeichert lagen. Und wie ich mich so einsam und bekümmert zwischen ihnen stehen sah, von Krankheit und Heimweh geschwächt, in meinem abgerissenen Waffenrock und meinen staubigen Soldatenstiefeln, da fühlte ich, daß auch ich nichts anderes war, als ein wertloser Gegenstand, noch eben gut, um als Hemmschuh für das gleitende Rad des Todes zu dienen, alt, abgebraucht und um sechzig Piaster verhandelt.
Euer Sohn, der Freund der Toten.
Der Triumph der Mutter
Bagdad, Mesnil Schah Bender, den 30. August 1916.
Am vergangenen Sonntag ging ich in die lateinische Kirche. Sie feierten das Fest der heiligen Jungfrau Maria. Chaldäische Christinnen in ihren weiten seidenen Gewändern füllten das Schiff, arabische Kaufleute, über denen der Priester, schwarzbärtig, die weihrauchgefüllte Kugel schwang. Ich setzte mich unter sie, ich blickte auf das mit Palmenzweigen geschmückte Bild der Gottesmutter, die auf ihren Armen den Sohn trug, und mir war, als schaute ich in Deine Züge, Mutter, die in unendlicher Liebe auf mich herabsahen. Waren nicht auch mir die Worte gesprochen worden: »_Beatus venter, qui te portavit, et ubera quae suxisti?_« Ging nicht von diesem Lächeln aller Friede der Erde aus, stand es nicht wie die aufgehende Sonne über den Tagen der Kindheit, an deren Ende jene Wildnis der Seele beginnt, in die wir alle hinausgetrieben werden, verirrte Tiere? War nicht auch Dein Leid ein Meer? Hattest Du nicht die sieben Schmerzen Marias getragen, den Sohn in Kummer geboren, mit ihm die Kämpfe und Enttäuschungen einer langen Jugend erlitten, ihn dargebracht auf dem Opfersteine der Menschheit, daß verblute, was mit soviel Mühen Deinem Leibe, Deinem Herzen entwachsen war? Als Du ihn wiederfandest in seinem zerrissenen Fliegerrock, von dem Schmutz dieser Erde bespritzt, gekreuzigt an die zerbrochenen Flügel seiner Maschine, waren da nicht auch Dir aus den unbarmherzigen Tiefen der Finsternis die Worte gesprochen worden: »Siehe da, Deinen Sohn!« Glitt nicht in jener Stunde vervielfacht und geläutert die namenlose Liebe auf uns Brüder herab, die von unendlicher Trauer verklärt vor uns die Flamme Deines Hauptes emporhob?
_Inventa es Mater Salvatoris Virgo Dei Genetrix, quem totus non capit orbis in tua se clausit viscera, factus homo._
Ich neigte den Kopf, alle Bekenntnisse der Trennung und dieser schmerzlichen Zeit im aufgewühlten Herzen bewegend, und dachte: »Ich kann Dein Gesicht nicht zu mir hertragen, Mutter, so viele Jahre liegen zwischen gestern und heute; aber aus jeder Landschaft noch, die ich beschreite, blickt Deine Güte, aus jedem Sturme spricht Deine Stimme zu mir. Mein Geist ist dem Deinen nahe. Meine Seele bettet sich in das Tal Deiner Wangen, sie wandert in den Falten Deines Gesichtes einher wie der Wanderer, der in den Schluchten der Berge verirrt ist, und findet nie ein Ende. Ich bin ertrunken in Deinen Augen. Wie die Welle über den Schlummernden am Grunde der Wasser, so gleitet über mich Deiner Liebe Lächeln.«